Achtsam

Das aufdingliche Schar-ubb-Schar-ubb-Geräusch unter meinem Bürofenster gestern Nachmittag hatte ganz offensichtlich etwas damit zu tun, dass in den Pflastersteinzwischenräumen selbst mit einem guten Vergrößerungsglas kein Kieselschen, kein Stäubchen und ganz bestimmt kein Gräschen mehr zu sehen ist. Außerdem schien mein an der Schar-ubb-Schar-ubb-Gasse geparkter Corola abends von der linksseitigen Weißfleckenpest befallen zu sein. Eine Nebenwirkung? Ich hab zwar kein Problem mit verdreckten Autos, zöge es aber doch vor, wenn es mein Dreck wäre und nicht der anderer Leute.

Das habe ich dem Herrn Schar-ubb-Schar-ubber heute früh auch gesagt. “Mein armes Auto”, hab ich gesagt. Und dass so wohl ein Kollateralschaden aussieht. Hat sich der Mann angehört, verständnisvoll genickt und Mitleidsgeräusche von sich gegeben. Ah. Oh. Je. Und dann hab ich gedacht, dass es das wohl war (um den US-Präsidenten zu zitieren “it is what it is”, wobei der 1000 Corona-Tote am Tag meint und ich weiße Flecken auf Lack).

Weit gefehlt: wie ich grad vorhin heimfahren will, erkenne ich den Corola fast nicht wieder. In der Sonne blitzt und funkelt fleckenfreier Lack. Das Auto sieht auf einen Schlag mindestens fünf Jahre jünger aus sowie wesentlich zerkratzter und verbeulter, jetzt, wo die Schutzschicht fehlt.

So ein netter Herr.

Ist jetzt eigentlich die Moral von der Geschichte, dass laut genug Jammern hilft?

Wat nu?

Unsere Putzfirma hat mir ihren neuen Superdupervirushygieneprospekt geschickt. Nun bin ich verwirrt.

Einer jener Tage (Erinnerung an die Sommerferien 2020)

Django von Nebenan ist seit vier Uhr früh auf den Beinen, um die Sonne aufzuwecken. Man sollte meinen, dass so ein Hahn damit sein Tagwerk erledigt hätte, aber weit gefehlt. Django hat nicht nur den eigenen Hühnerharem, sondern auch noch den von Nebenan zu begatten, damit sich sein stolzer Vaterblick an vielen vielen weiteren gelben Flauschbieberln weiden kann. Ganz ehrlich? Vaterschaftsklagen und Junggeflügel sind mit um die Zeit noch mehr totwurscht als sonst. Andererseits, wo ich schon wach bin, kann ich auch aufstehen. Schlaf aus den Augen gewaschen, Haare gekämmt, Zähne geputzt, vielleicht schaffen die Hausherrin und ich noch einen Frühschwimm im See um die Ecke, bevor der Tag ernstlich anfängt.

Nix da! Aus dem Frühstücksfernsehen gröhlt mich ein für die Tageszeit viel zu fröhlicher Bayer mit rollendem “R” an. Jungbrunnen Joghurt schreit er, und dass jetzt lifestyle-bewußte Chinesen dem armen Bulgarien auf der Suche nach der ewigen Jugend auf den Leib rücken. Entweder liegt es an der Tageszeit oder an meinen ungewaschenen Ohren oder an diesem Berufsbayern, aber der rollt doch das “R” sogar bei “Ewige Jugend”, herrjemineh.

Es kann ja nur noch seltsamer werden. Wird es. Ein kalifornischer Freund schreibt, sie seien nun dazu übergegangen, ihren zukünftigen Ex-Präsidenten nur noch Herr Gropinfuhrer zu nennen. Ob ich wohl die Rechtschreibung prüfen könne. Muss ich nicht. Ist super so. Noch keine neun Uhr und alle wahnsinnig.

Wie werde ich…

…eine erfolgreiche SciFi-Autorin? Es reicht offensichtlich, alliterative Namen erfinden sowie Sixpacks googeln zu können. Fertig ist die reißerische Serie Alien Abduction.

Schade, dass ich das nicht früher gewußt habe. Die Titel fließen einem geradezu aus der Feder… Ida und der Incubus. Jorinde und der Jägersmann. Karla und der Kaminfeger.

Ferienleseliste

Meine Ferien habe ich natürlich nicht nur genutzt, um zu schwimmen, zu bräunen und gut zu essen und zu trinken, nein, nicht doch. Das gute Gastgeberkind hatte mir auch einen Stapel Bücher zum Weglesen hinterlassen, was ich weisungsgemäß getan habe. Nachfolgend und absteigend in der Lesefreude, die ich durch sie erfahren habe.

  1. Nicky Singer (Autor), Frauke Schneider (Illustrator), Birgit Salzmann (Übersetzer) – “Davor und Danach: Überleben ist nicht genug“
    Großartige Klima-Katastrophen-Dystopie mit einer gerade mal vierzehnjährigen wohl selbstreflektierten Heldin. Mein unbedingter Favorit.

Wenn da nicht am letzten Tag noch was dazwischen gekommen wäre, nämlich:

  1. Mariana Leky – “Was man von hier aus sehen kann“
    Ich weiß gar nicht, wie ich dieses Buch beschreiben soll. Es ist ein Heimatroman. Und eine Art Märchen. Sehr lebensweise. Sehr unaufgeregt und doch weltengroß. Schrullig, eigenartig, herzerwärmend. Es passiert nichts. Und davon jede Menge.
    Vollkommen anders als vieles, was ich bisher gelesen habe. Man muss sich auch erst einlassen auf die wunderliche Sprache, die vielen Wiederholungen, die vermeintliche Enge des Westerwalddörfchens, um wie die Erzählerin Luise weit darüber hinaus zu wachsen.
    Deswegen, Damunherrnliebezuschauerinnenunzuscherliebekinder (Trommelwirbel) gibt es auf Sabines Sommerferienleseliste zwei erste Plätze. Beide Werke seien unbedingt zur Lektüre empfohlen!
  2. Davide Morosinotto (Autor), Dr. Cornelia Panzacchi (Übersetzer)
    a) “Die Mississippi Bande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden“
    Eine sehr liebenswerte Fabuliergeschichte in der Tradition Mark Twains über eine Gruppe Kinder, die nichts zu verlieren, aber sehr viel zu gewinnen haben. Und es sehr beherzt tun.
    b) “Verloren in Eis und Schnee: Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow“
    Das dreizehnjährige Zwillingspaar Nadja und Viktor wird 1941 aus Leningrad evakuiert und fast sofort auseinandergerissen. Dem Autor gelingt es, Krieg, Kälte und Grausamkeit des großen vaterländischen Krieges altersgerecht und nichtsdestoweniger authentisch zu beschreiben. Ein wirklich sehr gelungener historischer Roman für Jugendliche.
    Die im Thienemann-Verlag erschienen Bücher sind ausnahmslos liebevoll und sehr hochwertig besorgt, hätten sie noch Lesebändchen, könnte man sie sich nicht schöner wünschen.
  3. Celeste Ng (sprich “Ing”, Autor) und Brigitte Jakobeit (Übersetzer) – “Was ich euch nicht erzählte“
    Ein an sich packender sehr atmosphärisch dichter Familien-/Gesellschaftsroman über die drei Kinder eines chinesisch stämmigen Vaters und einer born-and-bread-amerikanischen Mutter in den Siebziger Jahren, deren eine Tochter im “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” letztlich an den durch Rassismus geprägten Biographien ihrer Eltern zerbricht. Das Lesen hätte sicher im Original mehr Freude bereitet als in der grottenschlechten Übersetzung.
    Beispiel? Beispiel: Der Mutter wird der voraussichtliche Geburtstermin ihres Kindes mitgeteilt. Im Original heißt das sowas wie “You are due in January”. In der Übersetzung wird daraus: “Sie sind im Januar fällig.” Ohne solche Grauseligkeiten wäre das Buch wesentlich weiter oben auf der Liste gelandet.
  4. Lutz Hübner – “Das Herz eines Boxers“
    Dieses Stück ist zwar schon aus dem Jahre 1996 und schon nach eineinhalb Seiten erkennbar als klassischer GRIPS-Theater-Uraufführungsstoff. In Kürze: Generationskonflikt und dessen Überwindung. Ich hoffe, es bleibt dem Kinde erspart, es in der Klasse in verteilten Rollen kaputtlesen zu müssen. (Schullektüre für das kommende Schuljahr.)
  5. Sarah Crossan (Autor), Cordula Setsman (Übersetzer) – “Eins“
    Ganz üble Zeilenschinderei über ein Paar siamesischer Zwillinge. Muß man nicht lesen.