Corona-Schnipsel

# Im Moment trendet unter amerikanischen Frauen der Slogan “Grey Hair, Don’t Care”. Der Ansatz hat eine andere Farbe als der Rest des Haupthaares und frau gibt sogar damit an. Auf Instagram präsentiert irgendeine D-Promi wöchentliche Updates unter “root-watch”. Was nicht alles geht, wenn ein tödliches Virus umgeht… (Der übliche Turnus meiner Palo Altaner Referenzbekannten war mindestens alle zwei Wochen ein Besuch im Beauty Salon. Mit alles. Frisur, Brauen, “Facial”, Mani/Pedi – ich hoffe, ich habe jetzt nicht vor lauter Unkenntnis was vergessen.)

# Bonpflicht. Genau. Da war was.

# In der österreichischen Presse liest man derzeit immer häufiger das Wort “Vernadern”. Immer in einem negativen Kontext, genau so häßlich, wie der Begriff schon klingt. Er bedeutet “denunzieren”, “verraten”, “hinhängen” und das scheint gerade in der Alpenrepublik zum Volkssport geworden zu sein.

# Nicht vergessen: 13. März 2020. In den USA sind kaum Tests verfügbar, aber der Präsident hatte bereits großkotzig versprochen, dass jeder, der das wünsche, getestet werden könne. Und nu? “I don’t take responsibility at all.”

# Bisher sah es so aus, als hätte das Jahr 2020 irgendwas gegen die Menschheit. Bin nicht mehr so ganz davon überzeugt. Immerhin könnte es das Jahr sein, in dem das Oktoberfest abgesagt wurde.

# Die Bento-“Irgendwasmitmedien”-Klientel scheint ihre drei großen Pandemie-P gefunden zu haben: Puzzeln, Pimpern, Pizza. Mehr war von denen auch nicht zu erwarten.

Aus dem Vokabelheft

Seit Mittwoch ist im Hunsrück immer nachmittags um 14:00 Uhr Kaffeeklatsch. Will heißen, wer Lust hat, klickt den Teams-Link an und schwätzt ein Weilchen mit den Kolleg*innen. Ist nett. Gleich beim ersten Mal war ich die einzige Frau unter lauter Vätern, die die Vor- und Nachteile einer ambulaten im Vergleich zu einer stationären Geburt durchaus kontrovers diskutieren. Heute ließ eine eine Kollegin in einem seltenen Fall von Offenheit wissen, sie sei „gelollen“. Von den Kindern (zu laut und lebhaft), vom Homeoffice-Gatten (zu da), vom Wetter (zu schön), zusammengenommen von der Gesamtsituation (zu Corona).

War jetzt nicht so schwer, oder? „Gelollen“ steht für “genervt” und wird im allgemeinen mit “schwer” verstärkt.

Corona-Schnipsel

# God Bless Florida. Es wäre kein anderer Bundesstaat denkbar, der Pro Wrestling als “essential business” definiert und die “Kämpfe” selbst während einer Pandemie, wenn auch vor leeren Rängen, stattfinden läßt.

# Das Gegenteil von Homeoffice ist… hmmm… Awayoffice? Falls es wem wirklich sehr arg fehlt: https://imisstheoffice.eu/.

# Was nie vergessen werden soll: “Easter is a very special day for me. So I think Easter Sunday and you’ll have packed churches all over our country—I think it will be a beautiful time. And it’s just about the timeline that I think is right.” (45 am 24, März 2020)

# Lieblingshashtag des Tages auf Twitter: #MamaNeedsACocktail#ButAXanaxWillDo

# Auch schön: wie gerade Binsenweisheiten (schreib dir einen Einkaufszettel, renn nicht kreuz und quer durch den Laden, mach dir einfach verdammt vorher Gedanken, was du brauchst) zu “Einkaufstips” für das “gezielte Einkaufen von Vorräten” hochgejazzt werden. “Hamstern”, das sind die Anderen.

# Bei mir unten in der Fußgängerzone ist ein Wettbewerb der guten Taten im Gange. Junge Menschen bieten Alten an, für sie einzukaufen. Auffällig ist, dass die Klientel recht wählerisch zu sein scheint. Bei den Pfadfindern St. Canisius sind schon alle Zettel mit den Telefonnummern abgerissen, bei Ali+++ erst einer.

Corona-Bilder-Schnipsel

Die TAZ gibts grad für umme.
Rio de Janeiro, Doc Jesus

Eine Meldung hier ist nicht Corona-related. Wer sie findet, darf sie seinem Fisch füttern.

Corona-Schnipsel

# Viele Frauen wähnen sich seit der Beschränkung aufs häusliche Umfeld auf einer Turbozeitreise zurück in die Fünfziger. Quasi: Kinder, Küche, Corona. Häufig kommt erschwerend noch Homeoffice hinzu.

# Auf Twitter trenden die seltsamsten Hashtags. #QuarantineBeard verstehe ich noch (Mann + Auszeit = Bartwuchs), aber dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nun die Bürger*innen dieser Republik samt und sonders zu #Krisenhelden verklärt, ist doch ein bißchen zu viel.

# Der Preis für den schönsten Virushelm 2020 in Tateinheit mit der schönsten Disziplinarmaßnahme geht an die indische Polizei:

# Winston says: “If you’re going through hell, keep going.”

Wiedergelesen: Ursula K. Le Guin – “The Left Hand Of Darkness”

“Die linke Hand der Dunkelheit” wurde mir vor Jahr und Tag von einem guten Freund empfohlen und die Lektüre war ein Erweckungserlebnis. Bis dahin hatte ich Science Fiction als Hefterl-Genre abgetan, um bei diesem Werk festzustellen, dass ich falscher nicht hätte liegen können.

Le Guin läßt ihren männlichen Helden als diplomatischen Emissär auf einen Planeten reisen, bei dem das Klima der Polarregionen der Erde als milder Frühlingstag gilt. Die Bewohner sind androgyn, bis auf eine kurze Phase in jedem Monat, der “Kemmer”, in der sie sexuell aktiv und je nach Gegenüber und Bedarf, zu Mann oder Frau werden. Die “Dauerkemmer”, in der der Gesandte sich befindet, wird von ihnen als “Perversion” wahrgenommen.

Von dieser Prämisse ausgehend, behandelt Le Guin Themen wie Macht und Unterdrückung, Patriotismus, Beziehungsdynamik, Verbrechen (in einer Gesellschaft, in der jede/r jedes Geschlecht haben kann, ist Vergewaltigung undenkbar), Freundschaft, Nationalismus… und nichts hat in dieser Ausgabe zum 50. (!) Jahrestag des Erscheinungsdatums (1969) an Aktualität und Brisanz verloren.

Lesen! Lesen! Lesen!