Ich bin ja nicht so wirklich bewandert, wenn es um Zelte auf der Festwiese geht, und darum laufe ich einfach der Gruppe Damen in festlichen Paillettenröcken, Glitzerhaarschmuck und Gewandungen in Animalprint (vorherrschend Zebra) nach, und wupps, stehe ich schon in der Schlange vor dem Eingang. Viel Betrieb hier, aber auch professionelles Crowd-Management, und schon bin ich im Merch-Bereich angekommen. Dort soll sich aufgehalten werden, wie die Schlangen vor Fotowänden mit Zirkuswerbung für Self- und Groupies (hihi), sowie Merch und Merch und Merch deutlichst belegen. Außerdem stinkt es. Nach Popcorn, das in Größen von Kosmetikmülleimerchen bis Putzkübel (mit Zirkuswerbung) feilgeboten wird, nach Nachos und Schlimmkäse, nach verschütteten Getränken auf Moderboden und nach viel zu vielen Menschen. Booaahhh, das ist nix mehr für mich!
Aber es dauert nicht mehr lange bis zum Einlaß und das riesige Zelt füllt sich schnell bis zum letzten Platz und los gehts: https://www.cirquedusoleil.com/de/alegria. Die Inszenierung hat eine Botschaft, falls das aus dem Video nicht erkennbar sein sollte: Lassen Sie sich von einer akrobatischen Ode an die unbezwingbare Kraft der Hoffnung mitreißen. Im Herzen eines einst glorreichen Königreichs, das seinen König verloren hat, wird Alegría Zeugin des Machtkampfes zwischen der alten Ordnung und der Jugend, die nach Hoffnung und Erneuerung strebt. Während der Hofnarr unbeholfen versucht, den Thron zu besteigen, erwacht auf der Straße ein wachsender Wunsch nach Veränderung, um dem Status quo zu trotzen und der Welt Freude zu bringen.
Es geht uns ein bißchen wie beim letzten Mal vor, oh je, oh je, 15 Jahren: https://flockblog.de/?p=8250. Die Akrobaten sind großartig, die ganze Schau bunt, die Live-Musik viel zu laut, die Kostüme eine abenteuerliche Mixtur aus Commedia dell’arte, Steampunkinas in Krinolinen, Sans-culottes, “Hell is empty and all the devils are here”-Kraft-Calibans in Netzhemderln, unglaublich biegsamen Geschöpfen in knalligen Ganzkörperhautenggymnastikzweithäuten, Aushilfsgladiatoren sowie blondperückten gold-weißen pseudogriechischen maximal Halbgöttern (Trapez) und man muß die Rahmenhandlung zwischen den Akrobatikaufführungen mit den beiden Clowns eigentlich nicht haben. Es geht, als ich sie in Gedanken Vladimir und Estragon taufe und mir tapfer meinen Beckett denke, aber s’wär ned nödig gwä.
Kurz vor der Pause fällt Schnee (weiße Papiervierecke), was bei der Begleiterin starkes Mißfallen an ihrer dekolletierten Kleiderwahl auslöst und in der Reihe vor uns den schönen Satz mithören läßt: “Schatz, du hast Schnitzel im Haar.” Der zweite Teil wird mit einem lustigen Laubbläserballett eröffnet und die so beblasenen Reihen werden kurz mit Tüchern abgedeckt, was im Publikum, das ohnehin sehr wohlwollend und begeisterungsfähig ist, Freudengejohle auslöst, dann turnen die Akrobaten wieder Weltklasseleistung vor und die Clowns dehnen die Vorstellungsdauer und dann ist es aus.
Ich fürchte, ich war schon damals im Cow Palace nicht die ganz richtige Zielgruppe für dieses Theater-der-Phantasie-Gedöns und das ist in den letzten 15 Jahren offensichtlich nicht besser geworden. Habe den Sonnenzirkus jetzt nochmal gesehen und nun ist gut. Will auch kein “Tout est possible”-T-Shirt. Ich bin die Art Mensch, die diese Botschaft eher erschreckend als erfreulich findet.
Nachtrag: Sorry, Frau W. aus S., ich habe den Palliativclown einfach nicht unterbringen können, bin aber sicher, dass er irgendwann durch meine Träume spuken wird.
