“Mann, ey, du bekommst ja ne Glatze.”
“Nix da. Kein Wort wahr. Ich bin allerhöchstens follicularly challenged.”
“Mann, ey, du bekommst ja ne Glatze.”
“Nix da. Kein Wort wahr. Ich bin allerhöchstens follicularly challenged.”
Wie das halt so ist, in urbanen Wohnanlagen: sie sind so anonym, dass manche Menschen erst recht stinken müssen, um tot in ihrer Wohnung aufgefunden zu werden. Andererseits so öffentlich, dass man nicht umhin kann, gewisse Rituale seiner Nachbarn kennenzulernen, vor allem, wenn diese in dem seltsam halbprivat-doch ausgestellten Ambiente eines der aufgeklebten Balkons zelebriert werden.
Das Paar direkt unter mir beispielsweise hat an jedem Sonntag, den der Kalender werden läßt, den erwachsenen Sohn zum Mittagessen zu Gast (der arme Bua). Im Sommer ißt man draußen und schon allein das Tischdecken wird von Rufen begleitet, die darauf schließen lassen, dass bis heute nicht geklärt ist, wer den Salat rausbringt, wer fürs Besteck (“die Löfferl für den Nachtisch san auf der Anrichte”) und wer für sonstige Hilfsdienste (“brauch ma an Butter?”) zuständig ist. Dann sitzt man endlich, Geschirr und Besteck klappern, ein Tischgespräch findet statt. Da soll der maulfaule Bub immer erzählen, was er die Woche über so gemacht hat und weiß nie was rechtes. Außer heute. Heute sollte der arme, offensichtlich IT-affine junge (?) Mann seinen Altvorderen erklären, wie das war, als die KI ausbrach.
Hut ab!
Sohnemann erklärt den Digital Naives in verständlicher einfacher Sprache, ruhig und gelassen, was los war und ordnet es ein. Sehr gut. Dankeschön. Haben wir alle was gelernt, seine Eltern und die Dame eins drüber auch. Man ist so zufrieden, dass ihm das Tisch abräumen erlassen wird. Ich lese dann mal weiter.
Weil Mick Herron wahrscheinlich noch am nächsten Band seiner “Slow Horses” schreibt und mir nach Spionage/Polit-Triller (ich finde das Genre ohne “h” viel lustiger) war, und weil ich die von John le Carré alle schon kenne, habe ich mich auf Oldie but Goodie besonnen und mal wieder Ross Thomas gelesen.
Hierzulande nie so ganz bekannt und leider fast vergessen, was den unterirdisch schlechten und oft gekürzten Übersetzungen der Zeit und den lumpigen Verlagen (Heyne, Rowohlt, Goldmann) zuzuschreiben sein dürfte, gibt es doch Hoffnung: der Alexander-Verlag hat eine 25-bändige Werkausgabe in neuen Übersetzungen wirklich guter Übersetzer herausgebracht, womit sich die Ausrede erledigt hat, dass einem die Lektüre im Original zu mühselig sei.
Als Einstieg empfehle ich “Die im Dunkeln” in der Übersetzung von Gisbert Haefs, dann die vierbändige Reihe um “Mac McCorkle und Michael „Mike“ Padillo”, deren letzten Band ich eben mit großem Genuß ausgelesen habe. Und dann gibt es immer noch weitere 20 Bände und es möge sich eine und ein jeder die Reihenfolge selbst aussuchen…
Jetzt los: lesen!
Anläßlich der aktuell veröffentlichten fünften und letzten Staffel der Serie hat die ARD für Nachzügler dankenswerterweise auch die ersten vier Staffeln in der Mediathek bereitgestellt. Das ist gut so, denn ich hatte damals den Hype verpaßt? Verweigert? Was weiß ich? Auf jeden Fall nichts gesehen vom Welterfolg “Babylon Berlin”. Die ersten paar der als Vorlage dienenden Bücher von Volker Kutscher hatte ich selbstverständlich gelesen, aber irgendwann die Freude daran verloren, warum weiß ich eigentlich gar nicht mehr. Ist auch nicht so wichtig.
Weil ich eine Neigung zur Vollständigkeit habe, fange ich am Anfang an, 1. Staffel, 1. Folge und bin jetzt mit den ersten beiden Staffeln durch. Ja. Hmmm. Also. Ich bin sicher, dass es den Machern gelungen ist, das Lebensgefühl der Zeit ziemlich authentisch einzufangen (die Serie beginnt mit der Versetzung des Kommissars Gereon Rath im Frühjahr 1929 von Köln nach Berlin, nach Babylon Berlin), Quellenmaterial gibt es schließlich mehr als genug (und ich keine einiges davon).
Es ist ein ganz großer Kessel ganz Buntes geworden. Vor meinem geistigen Auge habe ich immer wieder die Whiteboards gesehen, an denen mit allem was der Moderationskoffer hergibt, mit vielen bunten Klebezetteln in allen Farben und Formen und bunten Stiften und Pfeil- und sonstigen Symbolen die Ergebnisse des Brainstormings “Was fällt dir zum Berlin der frühen Dreißiger ein, es gibt keine falschen und dummen Antworten” festgehalten wurden. Und dann eins zu eins abgefilmt.
Was will ich eigentlich? Internationaler Riesenerfolg, mutiges neues deutsches Fernsehen, mit Preisen überhäuft… Was paßt denn nun schon wieder nicht?
Nichts. Es passt alles. Die ersten beiden Staffeln waren ganz genauso wie erwartet.
Die komplette Serie, alle fünf Staffeln, ist noch bis September 2027 in der Mediathek verfügbar. Das ist gut. Ich brauche jetzt nämlich eine Pause von Verruchtheit in Tateinheit mit Elend, Politik und schönen Hüten. Vielleicht kann ich mir nach der nächsten Etappe eine Meinung bilden, ob mir die Serie nun gefällt oder nicht. Vielleicht muss ich das aber auch gar nicht.
Die Schulferien und Urlaube zu Ende, alle Sommerradler aus Zucker und wieder im Bus – an den Haltestellen ballen sich Menschenmengen und es ist (um einen irgendwann mitgehörten Teenie zu zitieren) voll voll. Da kommt ein Bus dahergefahren, und wo sonst vorne in Leuchtschrift die Destination und seine Nummer zu lesen sind, steht heute: “Kevin allein im Bus”.
Das beantwortet das Rudel kollektiv mit “Nimmer lang, Kevin” und stürmt die Türen. Und alle, die am Fahrer vorbeikommen, grüßen mit einem Grinsen im Gesicht und überaus freundlich: “Hallo Kevin”.
Ich hoffe, er macht das trotzdem auch das nächste Mal wieder.
Diese Rentnerei ist ein Zustand der Gnade. Sage ich immer, weiß ich, kann ich aber auch empirisch belegen. Nämlich.
Gestern, der erste kühle regnerische Tag nach einem großen Sommer, halb vier nachmittags, City-Kino auf der Sonnenstraße, Saal 2, ca. 160 Plätze, so gut wie ausverkauft. Meine Anwesenheit senkt das Durchschnittsalter beträchtlich. Ein paar wenige versprengte Quotenmänner, sonst nur praktisch (vor allem das Schuhwerk), aber ausgehtauglich gekleidete Frauen mit weißen und grauen Haaren.
Pawel Pawlikowskis Schwarzweiß-Film spielt im Jahr 1949. Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt erstmals seit seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1933 nach Deutschland zurück. Von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) wird er in einem schwarzen glänzenden Buick durch ein in Trümmern liegendes Land vom amerikanisch besetzten Frankfurt in die sowjetische Zone nach Weimar chauffiert, denn in beiden Städten wird ihm anlässlich Goethes 200. Geburtstag der Goethepreis verliehen. Dass er der jeweils anderen Seite diese Ehre gibt, ist zu Beginn des Kalten Krieges schon sehr umstritten und nicht unproblematisch.
Es ist offensichtlich, dass viele der Anwesenden die Nachkriegszeit, möglicherweise auch die Kriegszeit selbst schon bewußt erlebt haben. Und dass sie die Namen zuordnen können. Klaus (August Diehl), den Sohn und Bruder. Johannes (Devid Striesow), den Dichter und Funktionär Johannes R. Becher und auch, ein herrlicher Auftritt in einer Frankfurter Hotelbar, Gustaf (Joachim Meyerhoff), Gustaf Gründgens, Erikas Ex-Gatte und Gegenstand des Buchs “Mephisto” ihres Bruder Klaus. Oder die Gebrüder Wagner, ganz wunderbar Enno und Theo Trebs als Grüne-Hügel-Wiedereröffnungswerber Wieland und Wolfgang. Wer nicht aus dem Stand Bescheid weiß, hat so gut wie immer eine hilfreiche Freundin neben sich, die erklärt – meist ein bißchen zu laut, die Ohren sind nimmer ganz so gut wie einst…
Alle, alle, alle haben sie eine Meinung zu Thomas. Nein, viele Meinungen. Zum Nobelpreisträger (ob’s jetzt wirklich die Buddenbrooks hätten sein müssen und ob er nicht später noch besseres geschrieben habe), zum Autor, zum Vater (ganz, ganz schlecht, ohne Katia wäre ja keins von denen geraten), zur politischen Persönlichkeit (zu spät gegen die Nazis, aber dann doch, die Radioansprachen, aber trotzdem – er ist halt ein Bourgois), zu Zischler (sehr nah am Original), zum Verhältnis zu Erika (hätte er die mal ihr Ding machen lassen, so als Assistentin bei der Reise, da ist die doch unterfordert) und in jeder (vermeintlichen) Schlüsselszene gehen wieder getuschelte Diskussionen los. Neben dem Film, der mich ganz und gar in seinen Bann gezogen hat, sind diese halblauten Gespräche, also dass sich Menschen heute noch so erregen und engagieren wollen in Diskussionen über die Verantwortugn eines seit 70 Jahre toten Künstlers die bereicherndste Erfahrung dieses Kinobesuchs.
Ja, wollt ich nur noch gesagt haben.
Das ist der mit großem Abstand beste Film, den ich in diesem Jahr gesehen habe! Atmosphäre, Musikauswahl, Bildsprache, Regie und jeder Schauspieler und jede Schauspielerin Meister ihres Fachs. Zum Niederknien! Multiple Hachs!
Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen!
Ich komme zufällig zur gleichen Zeit heim wie gestern und das Thermometer an der Apotheke zeigt 16° an, genau halb so viel wie gestern Abend.
Das kann man, o für Außentemperatur zuständiger Gott, machen. Muß man aber nicht.
Ich hätte dann wieder genug von der Kälte, Unterhemden und geschlossenen Schuhen. Capisce?
Eine Freundin von mir hat eine Patentochter, die inzwischen alt genug ist, um ohne elterliche Begleitung etwas mit ihr zu unternehmen. Und so waren die beiden an einem schönen Sommertag unter dem schönen weißblauen oberbayerischen Sommerhimmel an einem schönen blauen See auf einem schönen oberbayerischen Seefest mit angeschlossenem Marktplatz. An einem der Verkaufsstände entdeckt das Kind (aktuell bis auf Wiederruf in seiner rosa Periode) rosa Haarspangerl und besteht darauf, dass die Tante zwei ganz genau gleiche mit rosa Glitzer und Strass kauft.
Warum?
“Damit wir im Patenlook gehen können.”