Wieviele Flaggenquizausdenker scheitern am Genitiv?
Doch Einwanderungsland
Gestern Abend gings rund am Haderner Stern. Die rührige Bäckerin, die sich ihren Laden mit dem griechischen Gemüsehändler teilt und im Nebenberuf einen Gebrannte-Mandeln-Stand betreibt, hatte zur “After Wiesn” geladen. Mit allem, wofür das Oktoberfest steht, sagt sie, “Bierausschank”, “Germknödl”, “Crepes”, “Wiesnsüßigkeiten” sowie “Husseins Hendlwagen”.
Besagter Hussein dürfte knapp Mitte zwanzig sein und er und seine Vorväter sind das beste Beispiel dafür, was Max Frischs berühmter Satz aus den Sechzigern: “Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen” in seiner Essenz aussagt.
Der – inzwischen etwas hutzelige, aber immer noch sehr schnauzbärtige – Patriarch in seiner abgetragenen Knorr-Bremse-Warnweste regelt alles, was ihm unorganisiert und regelbedürftig scheint, von den Nachschubbringern für den Wagen bis zur schlampigen Schlange der um Hendl anstehenden Kunden. Sein Sohn, Hussein der Mittlere, ist vor allem stolz auf seinen Sohn, der es zu einem eigenen Geschäft gebracht hat und zeigt das, in dem er ihn recht herumhunzt, damit er dem stolzen Vater und seinen Freuden aufwarte. Alle anderen müssen sich ihre Hendl selbst holen, aber nicht der Baba. Der nicht. Hussein der Jüngere wirbelt, bestreicht die sich drehenden Hendl mit feiner Würzsoße, teilt sie in Hälften oder Viertel, verkauft, berät (“ob du lieber Semmel oder Pommes magst, mußt du selber wissen – ich verkaufe dir beides”) und behält seine zwei Helfer im Auge, die Kartoffel- und Krautsalat in Schälchen schaufeln, Müll wegräumen, Servietten nachfüllen und weiteren untergeordneten Tätigkeiten nachgehen.
Dass die Intergration vollständig und erfolgreich vollzogen ist, erweist sich mit seiner Frage im Prozess der Übergabe von Geld gegen Hendl: “An Zwiggl host ned zufällig, oder?”*
* Für Menschen, die des O-Ton Süd (fragt Oma) nicht mächtig sind: Hussein der Jüngere fragt nach, ob die Kundin vielleicht mit einem Zwei-Euro-Stück aushelfen könne.
In der Mediathek (zum Glück): “Anatomie eines Falls”
Als “Anatomie eines Falls” in die Kinos kam, hatte ich kurz zuvor Sandra Hüllers brillante Verkörperung der “Königin von Auschwitz” Hedwig Höss in “The Zone of Interest” (s. https://flockblog.de/?p=49136) gesehen und wollte mit ihrem nächsten Film noch ein bißchen warten. Hat sich doch ein wenig gezogen, aber jüngst in “Vaterland” (s. https://flockblog.de/?p=54125), den man auch gar nicht hoch genug loben kann, fiel mir wieder ein, dass er noch fehlt. Dank an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dergleichen dann in seiner Mediathek vorhält.
Huiuiui!
Die Geschichte ist denkbar einfach: ein Paar lebt mit seinem erblindenden elfjährigen Sohn in einem Chalet, hoch oben in den Bergen, in einem extrem schneereichen Winter. Der Junge ist mit dem Hund draußen, und als er zurückkommt, findet er den Vater sterbend in einer Blutlache auf der vereisten Fläche vor dem Haus. Ist er aus dem Fenster im dritten Stockwerk gefallen? Gesprungen? Gestoßen worden?
Gleich der große Spoiler: es geht nicht um die Aufklärung des Falles (nebenbei: wie herrlich, dass das Wort “Fall” im Deutschen diese Ambiguität hat), sondern um die Maschinerie, die in Gang gesetzt wird und in einer sehr langen Gerichtsverhandlung mündet.
Es gibt überhaupt niemanden in dieser Produktion, den man nicht in höchsten Tönen loben muss. Buch, Regie, Schauspielerinnen und Schauspieler (und das schließt ganz ausdrücklich auch Kind (Milo Machado-Graner) und Hund (Messi, Rollenname “Snoop”) ein), Kamera, Ton, Location Scouts, Kostüm, Setgestalter und und und…). Hiermit getan.
Anschauen! Anschauen! Anschauen!
Wie schön!
Die sehr zartgeschöpfige Physiotherapeutin begleitet den älteren, deutlich gehbehinderten Herrn zur Tür und hält ihm das schwere Ding weit auf. Im Rahmen hält er inne, wendet sich zu ihr und spricht: “Was Gott vergessen hat, mir Gutes zu tun, das tun Sie für mich. Danke!” Dann küßt er ihr die Hand und hinkt und humpelt zum Lift.
Und sie steht da. Verdutzt. Und schaut ihm mit Tränen in den Augen nach.
Sehr rührend.
Der Winter ist da
Habe heute in den Öffentlichen Verkehrsmitteln schon drei verwitwete Handschuhe gefunden.
Verhörte Intelligenz
Ein Video auf YouTube. Es geht um Bücher. Um Bücher für junge Menschen. Einer in der Runde erwähnt “Hunger Games”. Die VI ist je eher so keine Leserin und untertitelt: “A hundred eggs”.
Ist das schön oder ist das schön?
Der Sommer ist vorbeiheihei…
Kaum ist der Schlüssel umgedreht, rödelt die Klimaanlage los und das Gebläse tobt mir auf mindestens Vierwettertaftstärke (fragt Oma) ins Gesicht. Außerdem steht die Innentemperaturanzeige auf 18°. Mir will scheinen, dass sich das Auto schon eine ganze Weile nicht mehr außerhalb der Garage aufgehalten hat. Flugs die Einstellungen auf “Brrrrhhhh-es-ist-Herbst” geändert und los, die eine oder andere Besorgung mit Autobedarf erledigen.
Als Zuckerl zum Schluß habe ich mir den feuerroten Bücherschrank vor der Feuerwehr aufgehoben und das Schicksal scheint mir wohlgesonnen: nur freie Parkplätze. Allein, wo ist mein Schrank hin? Da, das graue zugestaubte lieblos in die Ecke geschobene Ding mit den zugeklebten Türen… das kann, das darf doch nicht mein geliebter Bücherschrank sein?
Doch. Isser. Ein grau verstaubter Zettel versichert, dass der Schrank wieder befüllt werde, wenn die Bauarbeiten vorbei und er seinen endgültigen Standplatz gefunden haben werde. Aber. Aber. Aber hier baut doch gar keiner. Aber das dürfen die doch nicht. Befüllen. Das wollte ich doch machen. Heute. Ich hab doch gestern nicht ohne Grund zwei schwere Beutel voller Weggebbücher in die Garage geschleppt und in den Kofferraum zu ihrem dort schon befindlichen Bruder geladen. Manno.
Gemein ist das. Hundsgemein.
Andrerseits hätte ich ohne den fehlenden Schrank niemals die sehr lustigen Verhörte-Intelligenz-Untertitel gefunden. Viel Spaß!


