Vorhin, beim Optiker

Mutter und ca. zehnjähriger Sohn suchen eine neue Brille für den Knaben aus. Der scheint, wenn auch unbewußt, eine Neigung zu großen Namen zu haben, die Auswahl wird aber von der Frau Mama abschlägig beschieden: “Nein, eine Brille von dem Hugo nehmen wir nicht.” Warum? “Die zerkratzen viel zu leicht.” Ich kann ein halblautes Kichern nicht unterdrücken, und weil Muttern gar so intensiv zu mir herguckt, stimme ich zu, dass ich das auch gehört hätte und die gerade beim Sport leicht kaputtgehen (der Bub trägt ein Messi-Trikot).

Weil’s eh schon wurscht ist, und der Ladenschwengel mit meiner neuen Lesebrille immer noch nicht aufgetaucht ist, deute ich dann noch auf den Ständer mit den kostenlosen Fassungen, wo ich meine neue auch gefunden habe und fasele was von deren Stabilität. Das bringt mir bei Mutti Brownie-Points (fragt Oma aus Amerika) und dürfte der Haushaltkasse ein allzugroßes Loch ersparen (die Gläser kosten ja trotzdem).

Ich finde, das reicht als gutes Werk für heute und gehe, wie einst Palmström, glückverklärt nach Hause. Mit meiner neuen Lesebrille, an der wieder drei Optiker unglücklich wurden (“Nein, nein, die Fassung für umme reicht völlig und die billigsten Gläser auch. Hauptsache, richtig gemessen und korrekt geschliffen.”). Hmmm. Beeinträchtigen drei traurige Verkaufspersonen möglicherweise den Effekt der guten Tat?

Nö.

Ante portas

Nur noch ein paar Tage und die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz sind nicht mehr einsturzgefährdet. Juchhe!

Prompt wird der Schienenersatzverkehr aufgehoben werden und Menschen aus aller Welt in Festverkleidung (wobei ich bei der Dame rechts unten vermute, dass sie Antje heißt und in der Milchwirtschaft tätig ist – fragt Oma) wie im Rausch durch den Münchner Untergrund brausen. Oans. Zwoa…

Vorhin, im Schienenersatzverkehr

Für die Ansagen in diesem Bus ist offensichtlich eine dänischsprachige KI (kurz: DKI) zuständig und verbreitet einen gewissen Hamlet-Vibe. Statt wie sonst immer langweilig von der Impler- zur Poccistraße über den Goetheplatz zum Sendlinger Tor spediert zu werden, geht es heute zur Potseestraße via Godeplatz nach Sellingor.

Ich habe das gerne, wenn die so kreativ sind (s. https://flockblog.de/?p=54031). Es macht diese eigentlich unerträgliche Herumkutschiererei irgendwie aushaltbarer.

Man muss auch gönnen können

…ist aber nicht leicht, wenn die eine Freundin vormittags anruft, um von ihrem entzückenden französischen Feriendorf zu berichten, wo man ihr frische Austern und Crevetten geradezu nachwirft und die größte Herausforderung darin besteht, bei wohltemperierter Luft und freundlich herbstwarmem Meer herauszufinden, wo es wohl die besten Croissants im Ort gibt. Die andere wartet dann bis zum Abend, bis sie in ihrer Mail “aus dem wunderschönen, warmen, sonnigen Griechenland” von ihrem ausgesprochen herrlich faulen Tagesablauf berichtet und das ganze mit viel zu schönem Bildmaterial belegt. Grummel.

Erschwert wird mir das Gönnen eigentlich nur dadurch, dass ich mir für nach meinem heißen Bad zum ersten Mal seit weiß ich nicht mehr ein langärmliges Nachthemd sowie eine Strickjacke rausgelegt habe, damit ich beim Genuß der nebenher aufgewärmten Kartoffel-Lauch-Suppe von gestern nicht frieren muss. Und eine Extra-Wolldecke fürs Bett. Ich armes, armes, armes Ding.

Ein anderer häufig zitierter Sinnspruch meiner weisen Großmutter (ich komme nach ihr) lautet: “Der Gerechte muß viel leiden”. (In ihrer rheinischen Diktion: “Der Jerechte”.)

Janz jenau.

Überm Gartenzaun, bzw. das wohnanstaltliche Äquivalent

Wie das halt so ist, in urbanen Wohnanlagen: sie sind so anonym, dass manche Menschen erst recht stinken müssen, um tot in ihrer Wohnung aufgefunden zu werden. Andererseits so öffentlich, dass man nicht umhin kann, gewisse Rituale seiner Nachbarn kennenzulernen, vor allem, wenn diese in dem seltsam halbprivat-doch ausgestellten Ambiente eines der aufgeklebten Balkons zelebriert werden.

Das Paar direkt unter mir beispielsweise hat an jedem Sonntag, den der Kalender werden läßt, den erwachsenen Sohn zum Mittagessen zu Gast (der arme Bua). Im Sommer ißt man draußen und schon allein das Tischdecken wird von Rufen begleitet, die darauf schließen lassen, dass bis heute nicht geklärt ist, wer den Salat rausbringt, wer fürs Besteck (“die Löfferl für den Nachtisch san auf der Anrichte”) und wer für sonstige Hilfsdienste (“brauch ma an Butter?”) zuständig ist. Dann sitzt man endlich, Geschirr und Besteck klappern, ein Tischgespräch findet statt. Da soll der maulfaule Bub immer erzählen, was er die Woche über so gemacht hat und weiß nie was rechtes. Außer heute. Heute sollte der arme, offensichtlich IT-affine junge (?) Mann seinen Altvorderen erklären, wie das war, als die KI ausbrach.

Hut ab!

Sohnemann erklärt den Digital Naives in verständlicher einfacher Sprache, ruhig und gelassen, was los war und ordnet es ein. Sehr gut. Dankeschön. Haben wir alle was gelernt, seine Eltern und die Dame eins drüber auch. Man ist so zufrieden, dass ihm das Tisch abräumen erlassen wird. Ich lese dann mal weiter.

Gelesen: Ross Thomas – “Twilight at Mac’s Place”

Weil Mick Herron wahrscheinlich noch am nächsten Band seiner “Slow Horses” schreibt und mir nach Spionage/Polit-Triller (ich finde das Genre ohne “h” viel lustiger) war, und weil ich die von John le Carré alle schon kenne, habe ich mich auf Oldie but Goodie besonnen und mal wieder Ross Thomas gelesen.

Hierzulande nie so ganz bekannt und leider fast vergessen, was den unterirdisch schlechten und oft gekürzten Übersetzungen der Zeit und den lumpigen Verlagen (Heyne, Rowohlt, Goldmann) zuzuschreiben sein dürfte, gibt es doch Hoffnung: der Alexander-Verlag hat eine 25-bändige Werkausgabe in neuen Übersetzungen wirklich guter Übersetzer herausgebracht, womit sich die Ausrede erledigt hat, dass einem die Lektüre im Original zu mühselig sei.

Als Einstieg empfehle ich “Die im Dunkeln” in der Übersetzung von Gisbert Haefs, dann die vierbändige Reihe um “Mac McCorkle und Michael „Mike“ Padillo”, deren letzten Band ich eben mit großem Genuß ausgelesen habe. Und dann gibt es immer noch weitere 20 Bände und es möge sich eine und ein jeder die Reihenfolge selbst aussuchen…

Jetzt los: lesen!

In der Mediathek: “Babylon Berlin”

Anläßlich der aktuell veröffentlichten fünften und letzten Staffel der Serie hat die ARD für Nachzügler dankenswerterweise auch die ersten vier Staffeln in der Mediathek bereitgestellt. Das ist gut so, denn ich hatte damals den Hype verpaßt? Verweigert? Was weiß ich? Auf jeden Fall nichts gesehen vom Welterfolg “Babylon Berlin”. Die ersten paar der als Vorlage dienenden Bücher von Volker Kutscher hatte ich selbstverständlich gelesen, aber irgendwann die Freude daran verloren, warum weiß ich eigentlich gar nicht mehr. Ist auch nicht so wichtig.

Weil ich eine Neigung zur Vollständigkeit habe, fange ich am Anfang an, 1. Staffel, 1. Folge und bin jetzt mit den ersten beiden Staffeln durch. Ja. Hmmm. Also. Ich bin sicher, dass es den Machern gelungen ist, das Lebensgefühl der Zeit ziemlich authentisch einzufangen (die Serie beginnt mit der Versetzung des Kommissars Gereon Rath im Frühjahr 1929 von Köln nach Berlin, nach Babylon Berlin), Quellenmaterial gibt es schließlich mehr als genug (und ich keine einiges davon).

Es ist ein ganz großer Kessel ganz Buntes geworden. Vor meinem geistigen Auge habe ich immer wieder die Whiteboards gesehen, an denen mit allem was der Moderationskoffer hergibt, mit vielen bunten Klebezetteln in allen Farben und Formen und bunten Stiften und Pfeil- und sonstigen Symbolen die Ergebnisse des Brainstormings “Was fällt dir zum Berlin der frühen Dreißiger ein, es gibt keine falschen und dummen Antworten” festgehalten wurden. Und dann eins zu eins abgefilmt.

Was will ich eigentlich? Internationaler Riesenerfolg, mutiges neues deutsches Fernsehen, mit Preisen überhäuft… Was paßt denn nun schon wieder nicht?

Nichts. Es passt alles. Die ersten beiden Staffeln waren ganz genauso wie erwartet.

Die komplette Serie, alle fünf Staffeln, ist noch bis September 2027 in der Mediathek verfügbar. Das ist gut. Ich brauche jetzt nämlich eine Pause von Verruchtheit in Tateinheit mit Elend, Politik und schönen Hüten. Vielleicht kann ich mir nach der nächsten Etappe eine Meinung bilden, ob mir die Serie nun gefällt oder nicht. Vielleicht muss ich das aber auch gar nicht.

Gestern, im Schienenersatzverkehr

Die Schulferien und Urlaube zu Ende, alle Sommerradler aus Zucker und wieder im Bus – an den Haltestellen ballen sich Menschenmengen und es ist (um einen irgendwann mitgehörten Teenie zu zitieren) voll voll. Da kommt ein Bus dahergefahren, und wo sonst vorne in Leuchtschrift die Destination und seine Nummer zu lesen sind, steht heute: “Kevin allein im Bus”.

Das beantwortet das Rudel kollektiv mit “Nimmer lang, Kevin” und stürmt die Türen. Und alle, die am Fahrer vorbeikommen, grüßen mit einem Grinsen im Gesicht und überaus freundlich: “Hallo Kevin”.

Ich hoffe, er macht das trotzdem auch das nächste Mal wieder.