Gelesen: Kathrin Wolf (Autorin) und Isabel Kreitz (Zeichnungen) – “In einem alten Haus in Berlin, ein Streifzug durch 150 Jahre deutsche Geschichte”

Dieses ausgesprochen schön besorgte großformatige Bilderbuch ist mit Unterstützung der Stiftung Stadtmuseen Berlin und in Zusammenarbeit mit den sechs Häusern entstanden. Ich kann leider überhaupt nicht einschätzen, wie alt ein Kind sein müßte, um dafür Interesse und daran Freude zu haben, könnte mir aber vorstellen, dass die an Wimmelbilder erinnernden Zeichnungen schon sehr junge Leserinnen und Leser zumindest unterhalten können.

Die Gestalterinnen lassen uns mit der Familie Schwartz am 1. April 1871 in die “Beletage” ihres neugebauten Wohn- und Geschäftshauses einziehen und gleich das zweite über eine Doppelseite gehende Bild ist eine Draufsicht auf diese schöne neue Wohnung mit allerlei Details von den Kaiserbildern aus dem “Dreikaiserjahr” über die neuen Rollschuhe bis zum hochmodernen Wasser-Closet. In kindgerechter, aber nicht dummer Sprache wird der Krieg von 70/71 und dann der erste Weltkrieg, mit aller Euphorie der Anfangstage, den Toten, den furchtbar versehrten Opfern bis hin zum Kohlrübenkochbuch angerissen. Republikgründung, Wirtschaftskrise, Weimarer Jahre… das kommt mir ein bißchen zu kurz – es mag aber auch daran liegen, dass mir diese Zeit so am Herzen liegt und mir noch so viel mehr zu erzählen eingefallen wäre. Besonders gut geraten ist die Doppelseite “1933 Gleichschaltung”, die gerade einem jungen Menschen gut vermittelt, dass auf einmal alles, die HJ-Puppe, das Gesellschaftsspiel, der Sportverein… nationalsozialistisch geprägt war.

Warum der 2. Mai 1945 vor den Kriegsjahren 1939 bis 1945 und Weihnachten 1948 vor der Nachkriegszeit und deutschen Teilung 1945 bis 1948 kommt verstehe ich nicht, muss aber vielleicht auch nicht sein. In den folgenden Seiten wird die Entwicklung zum Wirtschaftswunder vor allem durch die Interieurs der Wohnungen gezeigt, sehr toll. Außerdem macht es großen Spaß, weil ich mit dem Geschirr und den Vorhängen und Möbeln aus den mittleren Sechzigern aufgewachsen bin – ich kenne die unsäglichen Tapetenmuster und Papierlampen aus eigener Anschauung. Die Autorinnen erzählen immer aus der Perspektive der Bewohner des Hauses vom Mauerbau (auf einmal ist die beste Freundin weg), dem Mord an Ohnesorge und dem Anschlag auf Dutschke (der langhaarige Kerl, der dir Flausen in den Kopf setzt), besetzten Häusern (inklusive Bild vom Bastelbogen “Wie man ein Haus besetzt”), dem Fall eben dieser Mauer und der DDR und enden im Jahre 2021, als das erste Aufatmen nach Covid einsetzt.

Falls jemand in seinem Umfeld ein Kind hat, das dieses Buch zu schätzen weiß, dann ist es bestimmt ein gutes Geschenk. Ich habe viel gelernt und hatte insbesondere Spaß an den vielen Alltagsgegenständen, die Einzug in das bunte Gewimmel gefunden haben. Prilblumen, zum Beispiel (fragt Oma).

Lesen! Lesen! Lesen!

Dumm wie Bohnenstroh

… wobei: möglicherweise ist in Bohnenstroh doch ein Funken Intelligenz meßbar. Dann nehme ich den Vergleich selbstverständlich zurück.

Erkanina (das, junge Menschen, ist eine Anspielung auf “Erkan und Stefan” und wenn ihr die nicht kennt, fragt Oma), Erkanina also, mit dem dicken Make-up, den extensionverstärkten Wallehaaren, den Klauennägeln, der grellen Stimme und dem Maschinengewehrsprechtempo, sitzt im Kreise ihrer Bewunderer-Stefanies im U-Bahn-Vierer neben mir und rechnet ab. Mit der Welt an sich, im besonderen aber mit ihrer Schule und all dem Unrecht, das ihr dort täglich widerfährt. Man müsse sich das nur einmal vorstellen, wozu die Stefanies nicken und / oder zustimmende Geräusche ausstoßen, vorstellen müsse man sich das nur: Sie habe am Montag den Mathetest nicht “mitgemacht” und heute erfahre sie, dass die Bewertung dafür null Punkte sei. Heute. Heute sage man ihr das. Und dass sie, wenn sie, wie sie dann vorgibt, krank war (“war nicht wahr, aber das geht die blöde Alte nix an”), eben ein Attest beibringen müsse. Vom Arzt, gleich gar. “Vom Arzt”, entrüstet sie sich noch einmal. Die Stefanies nicken und machen bedauernde Geräusche. Und dann die größte Frechheit, man müsse sich das nur mal vorstellen, obwohl das doch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sei, mit Ausstellungsdatum am Tag der Krankheit. Das könne doch kein Mensch, a) nachvollziehen und b) am Freitag noch für den Montag davor schaffen. “Das macht dir doch kein Doktor!” Und dann sagt die blöde Alte auch noch, dass das die Regeln seien, schon immer, und sie sich halt für den Rest des Schuljahres mehr anstrengen müsse. Von wegen Regeln. Ihr, Erkanina, habe das noch nie wer gesagt. NOCH NIE! hallen die Großbuchstaben und das mindestens eine Ausrufezeichen durch den Waggon. Und anstrengen. Pah. In Mathe. Sonst noch was? Und was der “Crap” überhaupt mit ihrem Leben später zu tun habe. Den Stefanies ist vor lauter Nicken schon ein bißchen schwindelich, aber sie lassen nicht nach, ihre Anführerin zu bestärken. Mathe ist Scheiße.

Nächstes Thema, wieder schreiende Ungerechtigkeit. In der anderen Schule gehen alle für ihr Praktikum nach Italien und Sevilla. Nein, ich mache darüber jetzt keine Witze, das kann auch dem besten Fußballer durcheinandergeraten (fragt Oma). Und sie hat jetzt beef mit der Lehrerin, weil sie als einzige noch keine Praktikumsstelle hat, obwohl die Frist im Januar abgelaufen war. Dabei, sagt Erkanina, rufen die Firmen die Schule an und betteln um Praktikanten. Denen hätte man doch einfach nur ihre Telefonnummer geben können. “Aber dazu sind die sich zu gut.” Nicken, Geräusche. Die armen Stefanies. Aber sie halten sich wacker.

Wenn sie, Erkanina, was zu sagen hätte, könnte man einige Fächer streichen. EINIGE! Geschichte zum Beispiel. All das alte Zeug. Ist doch eh vorbei. Braucht keiner. Da macht sie sowieso nie mit, nicht im Unterricht, nicht bei Tests. Mit vor Stolz und Eigenlob bebender Stimme bescheinigt sie sich als Erfolg, seit zwei Jahren durchgehend null Punkte erreicht zu haben.

Ich habe mein Buch inzwischen weggepackt, weil ich mich bei dieser Suada ü-ber-haupt nicht mehr konzentrieren kann und denke mir mit zugehaltenen Ohren und großem Grauen: sowas darf wählen und hoffe gleichzeitig, dass sie den Aufwand mit dem altmodischen Papierkram scheut. Puaaahhh, und jetzt darf ich endlich aussteigen. Wie ruhig so ein U-Bahnhof ist.

Und nun im nächsten blogpost zu dem Buch, das ich heute Nachmittag mit großem Vergnügen gelesen habe.

It’s the End of the World as we know it

Die Abkürzung DEI steht für “Diversity, Equity, and Inclusion”, also Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion und das ganze Thema ist ein ganz ganz großer Aufreger für die aktuelle amerikanische Regierung – wo kämen sie denn da auch hin, Mann?

Als hätte er mit seinem neuen Krieg im Iran nicht genug zu tun, macht sich aktuell der “Kriegsminister” Hegseth dafür stark, dass die Pfandfinder (Boy Scouts) das für dergleichen Verdienste vergebene Abzeichen (Badge) eliminieren, was deren Dachorganisation in vorauseilendem Gehorsam auch sogleich getan hat. Darüber berichtet Michael Kosta in der Today Show.

Die untertitelnde KI geht noch einen Schritt weiter und will gleich alle töten – hier nachfolgend der Screenshot. Armes Amerika.

Literati

Ich bin immer wieder verblüfft, dass es Menschen gibt, die den Konsum von Büchern wie einen Wettbewerb, neudeutsch: “Challenge” angehen. Mit einer Mindestmenge, die pro Zeitraum X “zu schaffen” sein soll. Als ob man sich zum Lesen zwingen müsse.

Aber, wie meine weise Oma zu sagen pflegte, jeder Jeck is anders jeck und wenn es dazu führt, dass wieder mehr gelesen wird, dann sollen sie ruhig Bücher produzieren, mit farbigem Buchschnitt und der dann noch verziert mit Tupfen, die an im Regen aufgelöste Konfetti gemahnen und Buchumschlägen mit Spotlack und Glitzer.

In diesem Kontext kann ich so dermaßen tolerant sein. Da lasse ich sogar den Trend „Performative Reading“ (“Schaut hin: ich lese. Ein Buch, gar.”) gelten. Die machen das nämlich schweigend und telefonieren mir nicht in der U-Bahn die Ohren weg. (Toleranz schon wieder vorbei.)

Gelesen: Emily Tesh – “Some Desperate Glory”

Das ist mal richtig gute Science Fiction! Holla, the Forest Fairy! Military SF und Weltenbauen und ein sinniger Umgang mit Paralleluniversen. Doch, ich habe Teshs Erstling, der auch gleich den Hugo Award bekommen hat, sehr gerne gelesen.

Sehr schön das von ihr ausgedachte Zuchtprogramm, wonach nur die bestaussehendsten jungen Frauen mit dem vermeintlich wertvollsten Erbgut der “Nursery” zugewiesen um dort, natürlich nur von den höheren Dienstgraden, zur Repopulation benutzt zu werden. Sowie zur Brutpflege, bis die Kinder im Alter von sieben Jahren ihre militärische Ausbildung beginnen. Als in der Heldin, einer strenggläubigen vom und im System erzogenen Siebzehnjährigen die Erkenntnis dessen wächst, was eigentlich geschieht, kann sie das nur so ausdrücken, dass der Kommandeur ihrer Schwester “wehgetan” habe (“he hurt her”). Bis sie das Wort Vergewaltigung (“rape”) laut ausspricht, dauert es einige Paralleluniversen und Erkenntnisschritte, unter anderem der, dass sie als nächste dran sein soll.

Einschränkungen? Ja. Dass Zwillingsheldin und -held unbedingt lesbisch respektive schwul sein müssen? Nun ja. Ich schreibs der Jugend der Autorin (30 beim Schreiben) zu. Wie auch die langanhaltende Diskussion über das “richtige” Pronomen (they/them) für die Zuordnung des Alien. Da hätte das Lektorat ein bißchen mehr eingreifen dürfen. Weil’s aber insgesamt ein guter Wurf ist, empfehle ich, darüber den Mantel des Schweigens zu legen und zu lesen! Lesen! Lesen!

Vorhin, in der U-Bahn

Ein paar präpotente Jungmänner unterhalten sich über ihre Erfahrungen beim Bewerben. Der eine, mit hörbarer Verachtung in der Stimme: “… und dann merkst du gleich: das hat nicht ChatGPT geschrieben. Das ist so… [sucht nach einem passenden Wort], so… echt. Also von einem Menschen.” [Der korrekte Kasus ist von mir. Er sagt natürlich: “Von ein Mensch”. Natürlich.]

Das Häuflein ist sich einig: “Mensch geht gar nicht.”

Am 8. März ist Stadtratswahl

Der Wahlkampf kommt offensichtlich in seine ganz heiße Phase, ich habe jeden Tag Post im Briefkasten, vor allem von der CSU (dazu möglicherweise, also wenn ich noch mal Lust habe, in einem anderen blogpost mehr). Ich hätte das Söderisst-Kochbuch damals vielleicht doch nicht bestellen sollen…, seitdem hat der CSU-Fanshop meine Adresse und das hab ich nun davon. Anyway. Ich wollte auch eigentlich was ganz anderes erzählen.

Vorhin, wie ich gerade daheim aus der U-Bahn hochkomme, spricht mich ein junges Mädchen an. “Wollen Sie wählen?” Die ist so jung und süß und schüchtern, dass ich mich zusammenreiße und ihr nicht sage, dass alle ihre Bemühungen umsonst sind, weil ich das schon längst per Brief getan habe. Stattdessen frage ich zurück, was sie denn wohl für mich habe und sie drückt mir einen Din-A-5-großen laminierten Zettel in die Hand, von dem mich eine blonde Frau böse anschaut. Es handelt sich um Claudia Mühlhölzl, gemäß Selbstbeschreibung “Ehrenamt, Geschäftsführerin, Schauspielerin, parteilos, Absolvent der harten Lebensschule” und sie will für “‘Best Ager’ aktiv in den Münchner Stadtrat”.

Auf der Rückseite fasst sie ihr Programm zusammen, einige sehr vernünftige Sachen darunter (wobei Kinder gar nicht vorkommen, aber das ist wohl der “Best-Ager”-Zielgruppe geschuldet), bei nicht einem Punkt aber auch nur der Ansatz, wie’s gemacht oder finanziert werden soll. Aber hey, wen kümmern die Details, das wird sich dann schon fügen, wenn Claudi im Stadtrat sitzt. Denn dann werden endlich die ganz dringenden Themen angegangen (ich zitiere wörtlich und so, wie’s nacheinander im Programm steht):

  • Böllerverbot für reine Knallkörper in ganz München
  • Wertschätzung der Senioren, Rentner, Arbeitnehmer, Arbeiter
  • Unterstützung alter Leute / Senioren
  • Verbot der ausländischen Bettelmafia in ganz München
  • abgestellte E-Roller auf Gehwegen verbieten
  • bezahlbare Energieversorgung
  • Abschaffung der Taubenplage

  • [Ich nehme an, bei diesem letzten Punkt hat jeder Wähler einen Wunsch frei.]

Es sieht aus, als wäre Frau Mühlhölzl einmal hier unten durch die Passage gegangen, und wupps, fertig war das “Wahlprogramm”. Wie dermaßen armselig. (Außer bei “Abschaffung der Taubenplage”. Da stehe ich zu 100% hinter ihr.)

Der Wisch scheint halt- und wiederverwendbar. Ich schau mal, ob die Kleine morgen wieder da ist, dann gebe ich ihn zurück.

Frühlings Erwachen

Es frühlingt heute so sehr, dass sogar Jehova seine beiden Zeuginnen erst mal noch gemütlich auf einem Bankerl ihr Eis schlecken läßt, bis sie wieder mit ihrem Wachturmblättchen im zugigen Eingang der U-Bahn-Station um Neuschäflein werben müssen.

Nicht nur sauber, sondern rein*

Der gute Herr G. aus M. hatte mir zum Geburtstag einen Besuch im Hamam Anatolia (https://www.hamamanatolia.de/) geschenkt, er käme auch mit, sagte er. Völlig uneigennützig. Und so fanden wir uns an dem trüben Tag gestern um kurz vor zwei hinter dem Sechziger Stadion in Giesing ein, vor einem Beton-Gebäudezug, der an Häßlichkeit lange nach seinesgleichen suchen muss. Sehr lange. Vorne feiert der McDonald’s sein 55-jähriges Bestehen, dahinter liegt das Hamam und führt den Beweis, dass eben nicht Äußerlichkeiten, sondern innere Werte zählen. Wir werden freundlich begrüßt, in den Keller geleitet, kurz unterwiesen, hier Peshtemal (traditionelles Badewickeltuch aus Baumwolle, für die Herren blaukariert, für die Damen rosa), da Umkleidekabinen, ausziehen, einwickeln und auf dem großen beheizten Stein weichkochen lassen, man werde uns holen. Vorher noch einen Tee. Alles ist in Halbdunkel getaucht, die Luft warm und feucht, die Steinplatte schön heiß. Oh, tut das gut!

Herr G. wird von einem Herrn abgeholt, ich von Edina, wir werden auf Liegen gebettet, aus den Tüchern gepellt (werden anschließend zu Hütchen gerollt und als Abdeckung für den Schambereich verwendet) und dann beginnt Edina zu schrubben. Mit einem Sisalhandschuh und reichlich Druck, von Stirn zu Zehen, erst Vorder-, dann Rückseite und immer mit reichlich schön heißem reinem Wasser nachgespült. Heuerho, die erste Hautschicht ist schon weg, die zweite denkbar porös. Das ist aber nur die Ouvertüre. Nun nämlich schlägt Edina mit einem Handtuch einen dicken Seifenschaumball auf und jetzt werde ich gewaschen. Und dabei massiert. So, wie es sich anfühlt, ist jetzt selbst jede meiner Faszien sauber wie nie und ich komme zu der Erkenntnis: Edina war Jahrgangsbeste. In der Abschlussklasse von Maria Poppinitschewa, der führenden Koriphäe unter den Gouvernanten, deren Lebensaufgabe es ist, keinen Zögling in die Welt zu entlassen, der nicht porentief rein ist. Edina schäumt und knetet, ich bin nur noch ein willenloses Stück Teig, dann werde ich aufgesetzt, bekomme die Haare gewaschen, werde anschließend in trockene Handtücher gewickelt und nach draußen geleitet. Man serviert Ayran, das kann ich jetzt gut gebrauchen. Ich nicke in meinem Liegestuhl beinahe weg, aber Herr G. hat aufgepaßt: wir haben jetzt ca. eine halbe Stunde Pause, dann werden wir wieder geholt: zur Aromaölmassage.

Eineinhalb Ayran später ist Edina auch schon wieder da, legt mich auf einem luxuriös dick mit Handtüchen ausgekleideten Bett ab, begießt mich mit heißem Öl, dekoriert mich mit Rosmarinzweigen und läßt mich auf kleiner Flamme… Quatsch. Kein Rosmarin. Nur heißes Öl und eine weitere Massage und da drücken und hier ziehen – ich bin vollkommen willenlos und Wachs in ihren Händen. Irgendwann, ob nach Stunden oder Tagen weiß ich nicht, sagt sie, dass sie jetzt geht und ich sage brav “Spasiba” und dann sagt Herr G., dass wir jetzt aufstehen sollten, der Ruheraum wäre gleich gegenüber. Hmmm. Wie geht das gleich nochmal? Gliedmaßen sortieren? Aufrechter Gang? Aber ich krieg’s hin, bis zur nächste Faulrumliegliege. Tiefenentspannt. Guter Zustand. Macht bloß wahnsinnig hungrig.

Aber Herr G. wäre nicht Herr G., wenn er nicht wüßte, dass uns die Trambahn vor der Tür hier in wenigen Stops zu unserem türkischen Lieblingsrestaurant (https://diyar.de/) bringen würde und wir beschließen den Tag mit Beyti Kebap und Tavuk Dolma sowie Künefe (geteilt) und bedauern beide kurz, dass wir nicht dazu neigen, unsere Mahlzeiten zu fotografieren, denn die wären es wert gewesen, gut aussehend und wohlschmeckend, wie sie waren.

Triple Hach (mindestens)! Und, Herr G., nochmal ganz ganz herzlichen Dank für die uneigennützige Begleitung. Wäre sonst nur halb so schön gewesen.

* Fragt Klementine. Wer die nicht kennt, muss sich halt doch an Oma wenden.

Gelesen: Sandra Newman – “Julia”; Wiedergelesen: George Orwell “1984”

Zunächst einige Vorreden:

  1. George Orwells Roman “1984” ist bis heute eine Blaupause für dystopische Literatur und wird als Prophezeihung oder Warnung oder Eine-letzte-Mahnung-vom-Totenbett interpretiert. Sicher ist, dass jeder, der für staatllichen Überwachungsterror den Begriff “Big Brother” verwendet, wissentlich oder nicht, Orwells Vokabular in der Alltagssprache nutzt.
  2. Sandra Newman, die Autorin der von mir hochgelobten Dystopie “The Country of Ice Cream Star” (s. https://flockblog.de/?p=42392) schrieb im Auftrag des Orwell Estate ihre Dystopie “Julia”, die – je nach Quelle – eine Neuerzählung von “1984” sein sollte oder die Betrachtung des Originals aus weiblicher Sicht oder, wofern der weibliche Blick das quasi automatisch nachzieht, aus feministischer Sicht.
  3. Nein. Wer “Julia” auf Fanfiction reduziert, macht es sich zu einfach.
  4. Buch zieht Buch nach. Ich hatte mit “Julia” angefangen, aber dann die dringende Notwendigkeit erkannt, auch “1984” noch einmal lesen zu müssen. Wer sich also auf die Newman-Lektüre einläßt, sei gewarnt.
    Beide Bücher können bei mir entliehen werden.
  5. Meine “1984”-Ausgabe ist ein wunderbares Exemplar. Das Vorwort von Thomas Pynchon, das Nachwort von Erich Fromm. Kluge Männer, die über ein kluges Buch reflektieren. Ein großer Gewinn.
  6. Beide Bücher sind gleich aufgebaut: Drei Teile, der Erzählstil auktorial. Die Dialoge des Paares sind häufig wortgleich, das heißt Newman zitiert Orwell. Das Ergebnis dieser Gespräche ist jedoch meist anders. Ein sehr geschickter Ansatz.

So. Nachdem wir das nun geklärt hätten, betreten wir die von Orwell geschaffene Welt. Orwells Protagonist Winston Smith ist schon mittleren Alters und Mitarbeiter des “Records Department” im “Ministry of Truth”, wo seine Aufgabe darin besteht, Dokumente wie zum Beispiel Zeitungsartikel so umzuschreiben, dass sie die gerade geltende Parteidoktrin und -wahrheit wiedergeben, egal, ob es sich um Produktionszahlen von Schnürsenkeln, den aktuellen Kriegsgegner (Eurasia oder Eastasia) oder “vaporisierte”, also nicht mehr vorhandene Personen handelt. Denn die Partei hat, hatte und wird immer immer recht haben; höre hierzu: https://www.youtube.com/watch?v=iWJb_Y35O5A.

Er kann sich noch gut an die Zeit vorher erinnern und das Heute, der ewige Mangel, das schlechte Essen, die grauen bröckeligen Gebäude und Straßen, quasi eine ewige Nachkriegszeit und dazu die Dauerüberwachung durch Telescreens, die grausame “Newspeak”, eine Sprache, deren Kuratoren stolz darauf sind, dass sie jedes Jahr immer noch mehr Wörter eliminieren, machen ihm sehr zu schaffen. Er rebelliert, im Kleinen. Kauft irgendwo unter der Hand eine Kladde, führt Tagebuch. Und er trifft Julia, “ein Mädchen”, das ihn zunächst vor allem irritiert – ist sie vielleicht eine Agentin der “Gedankenpolizie”? Sie initiiert eine von Staats wegen unmögliche Beziehung, denn Sex außerhalb einer Ehe und ohne Reproduktionsabsicht ist verboten.

In Newmans Neuinterpretation lernen wir Julia (die bei ihr auch einen Nachnamen bekommt) besser kennen. Sie ist eine junge Frau, knapp unter Mitte 20, arbeitet als Mechanikerin (ein Umstand, der Orwell 80 Jahre vorher noch ziemlich umhaut) im selben Bürogebäude wie Winston, lebt in einem Frauenwohnheim, schläft im Stockbett im Schlafsaal und ist ein System-Native. Das heißt, sie kennt und nutzt jedes Schlupfloch, das sich bietet, holt sich ganz pragmatisch, auch sexuell, was sie haben will. (Newmans Sprache ist dann sehr vulgär, ob’s das braucht?) Nicht, dass das Leben einer Frau in diesem System ein Spaziergang wäre. Newman erzählt sehr (fast schon zu) ausführlich, wie eine Herrschaft weniger alter Männer den Mißbrauch an Kindern und viel zu jungen Frauen begünstigt.

In Orwells Original wird die restriktive Sexualpolitik der Partei durch Keuschheitsgelübde umgesetzt, die die jungen Frauen (wer sonst?) durch rote Schärpen der “Junior Anti-Sex League” zum Ausdruck bringen. Das ist bei Newman nicht anders, außer, dass diese Schärpen ihren Stoff nicht wert sind. Ein weiteres “So-tun-als-ob”. Newman denkt den Sex ohne Verhütung auch weiter (tut Orwell nicht) und erfindet eine Behörde namens “ArtSem” (in der deutschen Übersetzung “Kunstfrucht” – ich weiß nicht, ob die Idee vom Lebensborn der Nationalsozialisten inspiriert ist, es klingt aber sehr danach). Dort können junge Frauen sich künstlich befruchten lassen und Kinder für die Partei austragen, die dann in entsprechenden Institutionen erzogen werden. Es stellt aber auch niemand je Fragen, wenn eine Frau schon sehr sichtbar schwanger dem Programm beitritt.

Orwells Winston Smith ist ein misogyner Typ. Hegt Gewaltphantasien gegen Frauen (von hinten anschleichen und mit einem Stein den Kopf einschlagen und so). An Julia schätzt und genießt er ihren jungen frischen Körper, hält sie aber für ihm intellektuell nicht gewachsen, ein Dummerle. Die Literaturwissenschaft streitet noch, ob Orwell selbst durch diesen Winston spricht, oder ob nur die Figur so angelegt ist. Ist mir egal, spielt auch jetzt keine Rolle mehr.

Ich bin nicht sicher, ob ein Verlag in der heutigen Zeit Orwell noch in dieser Ausführlichkeit die Analyse des Big-Brother-Systems durch einen Dissidenten und / oder das “Newspeak”-Wörterbuch hätte veröffentlichen lassen. Sie sind es beide wert zu lesen, denn Orwell war ein sehr kluger Mann. Diesen sehr theoretischen Teil läßt Newman weg. Bei ihr wird die talentierte Julia hingegen schnell zur Kollaborateurin des Systems. Nicht freiwillig, natürlich nicht, und ihren ehemals so unbeschwerten Umgang mit Sex pervertiert die Partei, in dem sie sie als Zwangsprostituierte benutzt, die den Zielobjekten im Bett systemfeindliche Äußerungen entlocken soll. Einer davon ist Winston.

Beide Autoren behandeln die Festnahme und die Haftzeit ihrer jeweiligen Protagonisten sehr ausführlich. Beide konfrontieren sie mit ihren “Opfern”, also den Menschen, die sie an das System verraten haben. Beide schildern die grausamen Foltern in extenso. Orwell läßt seinen Winston daran zerbrechen und Julia verraten (“nehmt sie, tut ihr das an, nicht mir”), Newmans Julia ergibt sich trotz allem (Psycho-)Terror nicht, wiewohl ihr genau die für Winston gedachte Mißhandlung angetan wird. Sowohl bei Orwell wie bei Newman treffen Winston und Julia nach der Entlassung aus dem Kerker noch einmal aufeinander. Bei Newman wissen wir, was Julia geschehen ist und wieso sie eine Narbe im Gesicht hat, bei Orwell wissen wir es nicht. Das Treffen endet bei beiden gleich: die Machthaber haben die Gefühle zwischen ihnen und füreinander annihiliert, es bleibt nicht einmal Gleichgültigkeit. “1984” endet damit. “Julia” hingegen ist noch nicht fertig mit der Welt. Newman gelingt mit ihrem Schluß eine mutige Volte, allein dafür lohnt es sich, ihre Version zu lesen.

Man kann “Julia” als eigenständiges Werk verstehen. Gut genug dafür ist es. Wenn man aber die dystopische Welt von “1984” wirklich verstehen will und die Doppelmoral des Systems ausleuchten, dann sollte man ein Projekt aus der Lektüre machen und beide Bücher studieren. Wenn man sich nebenher noch weiter mit den aktuellen Nachrichten beschäftigt, mit alternativen Fakten und pfeilgraden Lügen, dann sollte man eine einigermaßen sonnige Disposition haben, um nicht an seiner Zeit zu verzweifeln.

Schokolade hilft.