Petri Heil

Der Mensch, der für das Befüllen der Tiefkühltruhen im Supermarkt zuständig ist, leidet entweder unter ganz entsetzlichen Verlustängsten oder er haßt seine Kunden, und zwar ganz spezifisch mich. Warum sollte er sonst den gefrorenen Fisch, den ich immer kaufe, soweit hinten in diesen riesigen Eissärgen plazieren, dass ich, obwohl durchschnittlich lang, auf gar keinen Fall an die Packungen ganz hinten reichen kann.

Jedes Mal, jedes, jedes, jedes Mal, wenn ich Fisch kaufen will, muss ich mir jemanden suchen, der größer ist als ich und an ihn (es ist meistens ein Mann) und seinen inneren Ahab appellieren, mir ein Päckchen oder zwei zu fischen. Und jedes Mal, jedes, jedes, jedes Mal, muß ich mir dann irgendeinen dummen Heldenspruch anhören, wie, dass ich vielleicht eher der Fischstäbchentyp (liegen ganz vorne) sei oder wie toll es (er) ist, dass er mich vor dem Hineinfallen bewahrt hat oder…

Werter Supermarkttiefkühltruheneinräumer, wir haben jetzt zwei Optionen: entweder, Sie legen meinen Fisch ab sofort weiter vorne hin, oder ich rüste für zukünftige Einkäufe mit einem Kescher auf. Können Sie sich aussuchen.

Aus voller Brust!

Von einem der Schleusen-auf-Schauer gestern bis auf die Knochen naß, die Sicht durch die verregnete Brille sehr begrenzt, fordert mich eine Dame (sag ich jetzt so, weil ich die noch nicht besser kenne) auf, mich hier in diesem Kabäuschen “obenrum frei” zu machen, die Schuhe könne ich anbehalten. Anschließend hat diese Person (jetzt kommen wir der Sache schon näher) nichts besseres zu tun, als mit Gummihandschuhen auf der klammen Haut meine Brüste (aaauuuaaah!) herumzuzerren und zu ziehen, zu drücken, zu zwicken und zu pressen (“Schieben Sie die Warze weg da!”) bis erst die rechte, dann die linke der Form einer Maschine anpasst ist und Bilder gemacht werden können.

Ja, ich war ein-, nein, dem Ton des Schreibens nach eher vorgeladen zum “Mammographie-Screening Bayern”, ein Programm zur Früherkennung von Brustkrebs für Frauen zwischen 50 und 75 Jahren. Das ist an sich eine gute Sache. Die Untersuchung ist jedoch sehr grob und erstaunlich schmerzhaft. Nein, das sage nicht nur ich. Alle Frauen im Wartebereich sind sich sicher und bestätigen einander das auch gut vernehmbar, dass, handelte es sich um ein an Männern vorgenommenes Prozedere, längst, lähängst eine weniger schmerzvolle und entwürdigende Version erfunden worden wäre.

Die gibt es jetzt schon, wie mir eine steckt: die Untersuchung könnte von erfahrenen Diagnostikern auch per Ultraschall durchgeführt werden. Tut kein bißchen weh, ist aber dafür eine nicht von der Krankenkasse übernommene “Individuelle Gesundheitsleistungen” (IGeL).

Hrrgggn.

Gelesen: Jan Weiler – “Antonio im Wunderland”

Weiler schreibt das literarische Äquivalent zum Sorbet. Irgendwie nett, lecker, luftig und, wenn gut gemacht, mit einer erkennbaren Substanz, aber irgendwie auch verzichtbar. Dies gesagt habend, will ich eins klarstellen: ich meine das nicht böse. Es ist nur die typisch deutsche Trennung zwischen E und U.

Schon sein Erstling “Maria, ihm schmeckts nicht”, der von den Akklimatisierungsversuchen eines deutschen Schwiegersohns bei der italienischen Großfamilie seiner Frau erzählt, ist so. Heiter und vergnüglich – und dabei scharf beobachtet. So ist auch diese inzwischen 20 Jahre alte quasi Fortsetzung, die von Weilers Reise mit Schwiegervater Antonio nach New York erzählt. Kann man lesen, muss aber nicht sein.

Wer noch was für einen faulen Nachmittag am Meer sucht, ist damit glänzend bedient.

Vorhin, beim Optiker

Mutter und ca. zehnjähriger Sohn suchen eine neue Brille für den Knaben aus. Der scheint, wenn auch unbewußt, eine Neigung zu großen Namen zu haben, die Auswahl wird aber von der Frau Mama abschlägig beschieden: “Nein, eine Brille von dem Hugo nehmen wir nicht.” Warum? “Die zerkratzen viel zu leicht.” Ich kann ein halblautes Kichern nicht unterdrücken, und weil Muttern gar so intensiv zu mir herguckt, stimme ich zu, dass ich das auch gehört hätte und die gerade beim Sport leicht kaputtgehen (der Bub trägt ein Messi-Trikot).

Weil’s eh schon wurscht ist, und der Ladenschwengel mit meiner neuen Lesebrille immer noch nicht aufgetaucht ist, deute ich dann noch auf den Ständer mit den kostenlosen Fassungen, wo ich meine neue auch gefunden habe und fasele was von deren Stabilität. Das bringt mir bei Mutti Brownie-Points (fragt Oma aus Amerika) und dürfte der Haushaltkasse ein allzugroßes Loch ersparen (die Gläser kosten ja trotzdem).

Ich finde, das reicht als gutes Werk für heute und gehe, wie einst Palmström, glückverklärt nach Hause. Mit meiner neuen Lesebrille, an der wieder drei Optiker unglücklich wurden (“Nein, nein, die Fassung für umme reicht völlig und die billigsten Gläser auch. Hauptsache, richtig gemessen und korrekt geschliffen.”). Hmmm. Beeinträchtigen drei traurige Verkaufspersonen möglicherweise den Effekt der guten Tat?

Nö.

Ante portas

Nur noch ein paar Tage und die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz sind nicht mehr einsturzgefährdet. Juchhe!

Prompt wird der Schienenersatzverkehr aufgehoben werden und Menschen aus aller Welt in Festverkleidung (wobei ich bei der Dame rechts unten vermute, dass sie Antje heißt und in der Milchwirtschaft tätig ist – fragt Oma) wie im Rausch durch den Münchner Untergrund brausen. Oans. Zwoa…

Vorhin, im Schienenersatzverkehr

Für die Ansagen in diesem Bus ist offensichtlich eine dänischsprachige KI (kurz: DKI) zuständig und verbreitet einen gewissen Hamlet-Vibe. Statt wie sonst immer langweilig von der Impler- zur Poccistraße über den Goetheplatz zum Sendlinger Tor spediert zu werden, geht es heute zur Potseestraße via Godeplatz nach Sellingor.

Ich habe das gerne, wenn die so kreativ sind (s. https://flockblog.de/?p=54031). Es macht diese eigentlich unerträgliche Herumkutschiererei irgendwie aushaltbarer.

Man muss auch gönnen können

…ist aber nicht leicht, wenn die eine Freundin vormittags anruft, um von ihrem entzückenden französischen Feriendorf zu berichten, wo man ihr frische Austern und Crevetten geradezu nachwirft und die größte Herausforderung darin besteht, bei wohltemperierter Luft und freundlich herbstwarmem Meer herauszufinden, wo es wohl die besten Croissants im Ort gibt. Die andere wartet dann bis zum Abend, bis sie in ihrer Mail “aus dem wunderschönen, warmen, sonnigen Griechenland” von ihrem ausgesprochen herrlich faulen Tagesablauf berichtet und das ganze mit viel zu schönem Bildmaterial belegt. Grummel.

Erschwert wird mir das Gönnen eigentlich nur dadurch, dass ich mir für nach meinem heißen Bad zum ersten Mal seit weiß ich nicht mehr ein langärmliges Nachthemd sowie eine Strickjacke rausgelegt habe, damit ich beim Genuß der nebenher aufgewärmten Kartoffel-Lauch-Suppe von gestern nicht frieren muss. Und eine Extra-Wolldecke fürs Bett. Ich armes, armes, armes Ding.

Ein anderer häufig zitierter Sinnspruch meiner weisen Großmutter (ich komme nach ihr) lautet: “Der Gerechte muß viel leiden”. (In ihrer rheinischen Diktion: “Der Jerechte”.)

Janz jenau.