Angekommen

“Wirst du bloggen, wenn du weg bist?” Tssss, was für eine Frage. Als ob ich’s lassen könnte…

Und nun sitze ich hier auf meiner Terrasse im Reverse-Udo-Jürgens-Modus (die Älteren werdens verstehen: der war immer verschwitzt, wenn er in den weißen Bademantel schlüpfte, ich hingegen bin frisch geduscht und rieche nach Oliven) und habe schon fast vergessen, dass ich, der dringenden Empfehlung des Veranstalters folgend, so extra früh am Flughafen war, dass weder die Mache-es-gefälligst-selber-Gepäckabgabe, noch die Durchleucht-Security schon offen hatten. Zum Glück habe ich genug zum Lesen eingepackt, Manno.

Sonst keine besonderen Vorkommnisse.

Gemeinsam mit den anderen beiden Dicken aus dem Flieger bin ich hier vor dem netten harmlosen Hotel ausgestiegen, das Fitneßgschwerl mit dem bulky luggage ist noch ein Haus weitergebracht worden und lärmt nun dort rum. Und nicht hier!

Vorerst kann ich von Djerba nur berichten, dass es in der letzten Zeit ungewöhnlich starke Regenfälle gab, deren Nachwehen deutlich sichtbar sind. Die Straßen stellenweise böse ausgewaschen, die Wüste grün und die Palmen sehen allesamt 20 Jahre jünger aus.

Ich muss heute nix mehr. Nur noch abendessen und mich entscheiden, ob ich mich zum Shishatabak- oder zum Olivenöltasting anmelden soll. Is schwer, beides ist “mit Gaumenkitzel und Zunge”.

Vielleicht sollte ich die Hotelkatze aussuchen lassen. Die hat mich schon adoptiert.

PS: Tauben haben sie hier auch. Die kacken auf den Pool und guruguruhen sich vor Begeisterung fast zu Tode, wenn sie einen Schwimmer treffen. Hier wie dort: Mistviecher!

Trenne nie…

Ich spiele nicht mal Schach, aber selbst ich weiß, dass es in dieser Disziplin keine Eröffnung gibt, die man so trennt. Noch nicht mal nach den allerneusten Rechtschreibregeln.

Dass sowas ausgerechnet der ZEIT passiert, ist schon ein Armutszeugnis…

Bags packed, ready to go

  • Zehennägel in Hitchilirot angemalt (danach im Regen und bei kalt in offenen Schläppchen nach Hause, nur durch Vorfreude auf Sonnenschein aufrecht gehalten)
  • Koffer sehr leicht mit Leichtem gepackt, ohne Schwierigkeiten zugekriegt und auch vorgefreut, dass die Hälfte des Inhalts ein letztes Mal gerne in Tunesien getragen werden wird und dann für den Rest seiner Tage dort Urlaub machen darf (Motto: so geht Kleiderspende)
  • Den netten Menschen vor Ort mit Vorfreude gedankt, dass sie heute mit dem Regen aufhören und ab morgen die Sonne anmachen
  • Nochmal der netten Dame im Reisebüro gedacht, die mir ihren Mitarbeiterrabattcode geschenkt hat und vorgefreut, dass sie mir damit das Taxi zum Flughafen für morgen früh um 02:30 Uhr (ja, ich tu mir auch leid) spendiert
  • Das Schwerste sind wie immer die Bücher, aber die Vorfreude aufs Lesen macht alles wett
  • Vorfreude!

Nachtrag: Früher umfaßte die Reiseapotheke (wenn überhaupt): Aspirin, Kohletabletten, Pflaster. Heute ist das irgendwie anders.

Vorhin beim Einkaufen

Selten ein cooleres Kind gesehen als den kleinen ca. drei- bis vierjährigen Buben, der selbständig in seinen Buggy klettert, sich anschnallt, gemütlich zurücklehnt, die Beine übereinanderschlägt und mit einem kurzen Seitwärtsblick über die Schulter die Frau Mama anweist: “Wir können los.”

Gelesen: Bedřich Fritta – “Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt”

Hmmm. Wie soll ich dieses Buch beschreiben?

Ein Bilderbuch. Von Vater Bedřich für seinen kleinen Sohn, als Geschenk zu dessen drittem Geburtstag am 22. Januar 1944 in Theresienstadt, wo die Familie inhaftiert ist. Bedřich Fritta porträtiert seinen kleinen Buben in Alltagssituationen, dem Alter entsprechend auch mit den spannenden Themen Pipi und Kacka und malt ihm Gabentische und Pakete voller feinster Leckereien, Phantasien von Reisen in weit weit weit entfernte schöne Orte und zeigt dem Kleinen, was er später einmal alles werden kann: Ingenieur, Boxer, Detektiv, Maler – nur nicht Geschäftsmann oder gar General.

Wenn es denn ein “Später” geben sollte.

Als Theresienstadt befreit wird, ist der Vater bereits in Auschwitz ermordet, die Mutter in Theresienstadt verreckt und der kleine, so sehr geliebte Tommy ein Waisenkind.

Die Einordnung für die heutigen Leser übernimmt Professor Dr. Walter Koschmal im sehr lesenswerten ausführlichen Nachwort.

Ich halte es für immens wichtig, dass es solche Bücher gibt. Wer meines ausleihen möchte, kann das gerne tun.

Noch in der Mediathek: “Grönemeyer – Alles bleibt anders”

Eigentlich war ich nie ein ausgesprochener Grönemeyer-Fan, aber nachdem zwei Menschen meines Vertrauens mir unabhängig voneinander diese ARD-Doku zu seinem 70. Geburtstag empfohlen hatten, wollte ich doch einmal sehen, warum.

Erste Beobachtung: er scheint bei mir doch mehr Eindruck hinterlassen zu haben, als mir bewußt war – ich hätte so ziemlich jedes Lied aus den Achtzigern und Neunzigern textsicher mitsingen können. Zum zweiten: es ist ein sehr liebe- und respektvoll gedrehtes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man trotz des Riesenerfolgs die Bodenständigkeit und Authenzität gerne glauben möchte, wozu auch die Gespräche mit Zeitzeugen und Wegbegleiterinnen sehr beitragen (mehr Frauen als Männer und man nimmt allen ab, dass Grönemeyer der Typ ist, der mit vielen Frauen gut befreundet ist).

Ich bin ziemlich sicher, dass Menschen meiner Generation die Doku auch mit – mindestens – Sympathie sehen. Weil es “unsere Zeit” zeigt. Es würde mich interessieren, ob es später Geborenen genau so geht?

Grad vorhin in der Unterfahrt: Carola Ortiz & Àlex Guitart

Vielleicht hat es mit dem Vornamen zu tun… Während die Füssener Carola alles dekoriert, was nicht bei eins aus dem Weg gesprungen ist, scheint die iberische Carola beim Verteilen von Energie und Elan vielfach “¡Aquí!” gerufen und frech die Lieferung für die Großfamilie in der Nachbarschaft auch für sich behalten zu haben. Ich habe noch nicht oft (oder überhaupt je) einen Menschen gesehen, der so präsent ist. Im selben Atemzug ein Lied zu Ende singt und noch die ersten paar Takte auf der Klarinette bläst. Sie hüpft und klatscht, schlägt das Tambourin, klackt (?) Kastagnetten, erzählt von ihrem Projekt, die Wurzeln der iberisch/maurischen (also nord-afrikanischen) Musik auszugraben und daraus etwas neues und anderes zu machen, lernt von einer alten Meisterin, wie man eine Vierkanttrommel aus Ziegenhaut baut, baut eine und trommelt uns auf diesem klassischen Fraueninstrument was vor, redet die ganze Zeit und erzählt von den Liedern, die sie vorträgt und den schönen Gegenden, wo sie herkommen und wie das alles historisch, soziologisch und emanzipationsgeschichtlich zu interpretieren und einzuordnen sei, dann tanzt sie, flirtet mit dem spanischsprachigen Publikum und holt sich eine sehr Freiwillige aus diesem Kreis, auf dass sie zum selbstkomponierten Pasodoble eine sehr flotte Sohle auf den Einsteinhallenboden legen, zieht sämtliche Drama- und Melodramaregister, große, sehr große Gesten, große, sehr große Mimik, dass sie toll Klarinette bläst, hatte ich schon erwähnt?

Ich muss jetzt erst mal Luft holen. (Sie müßte an dieser Stelle (noch) nicht.)

Diese ganze Show ginge nicht ohne ihre kongenialen Begleiter und ruhenden Pol, den faszinierenden Multiinstrumentalisten Àlex Guitart (Saz, türkische Laute, Cajón, Tombak).

Die Unterfahrt hat eine neues Programm aufgelegt und stellt zukünftig in unregelmäßigen Abständen Weltmusik vor (“Einstein’s World”). Das war das erste Konzert. Mir ganz wurscht, wer und was im nächsten kommt, da will ich wieder hin. Erweitert den Horizont ungemein.

Falls es wen interessiert: ich habe auf YouTube eine Aufzeichung des Konzerts gefunden:

Etikettenschwindel

Ausweislich seiner feinen Kleidung und dem Programmheft, das aus der Tasche seines kamelfarbenen Dreiviertelmantels lugt, war der Herr neben mir im U-Bahn-Dreier gerade in der Oper. Kombiniere: ein kulturell interessierter Mensch.

Lesen tut er aber auf seinem Mobiltelefon die BILD-Zeitung. Die Sportseiten. Hmmm. Kombiniere: Man sollte nicht vorschnell kombinieren.

Noch in der Mediathek: Tatort Köln – “Showtime”

Wenn ich es recht verstanden habe, war die Botschaft dieser Tatortfolge: “Fernsehstudios sind groß, und selbst erfahrene Ermittler verirren sich dort leicht”. Wenn das nicht gemeint war, dann sollte das Publikum vielleicht mitnehmen, dass manche Menschen gar nicht so nett sind, wie sie tun. Aber ich glaube, das wußten die meisten schon.

Den Mega-Hype drumrum nicht wert. Aber ganz nett.