An der Bar, an der Bar…*

Nach Ausstellung und koreanischem Dinner ist uns nach einem Absacker. Gleich ums Eck ist eine nette Bar, die kenne ich noch von früher. Früher ist lang her, das Etablissement hat inzwischen einige Besitzer- und Namenswechsel durchlaufen und zum neuen Unterhaltungsprogramm gehört ein Open Mike-Abend, immer montags. Offensichtlich ist das Zielpublikum die reichlich vertretene indische Community in München, die über nichts herzlicher lachen kann als rassistische Witze über Deutsche. Der aktuell Vortragende hat “Omar” ins Visier genommen, Omar, der sich (und andere) strikt an die Hausordnung hält, eine ganz schlimme Allergie gegen Ruhestörung und eine weitere gegen Radfahren auf dem Gehsteig hat. Es dauert eine Zeit, bis ich mitbekomme, dass die sich alle nicht über Omar bekringeln, sondern über “Oma”. Jetzadle. Jetzt macht die Heiterkeit da vorne auch Sinn. Hahaha! Die deutsche Großmutter, das gemeinsame Feindbild von Publikum und Open-Mike-Inder.

Dann ist der lustige Teil des Abends ausgestanden, Publikum und Witzemacher gehen heim und die verbliebenen Restgäste können ihre ausgezeichneten Cocktails in Ruhe austrinken. Geht doch.

* Fragt Oma, die kennt das komplette Zitat.

Gestern im Kunstfoyer der Versicherungskammer: “Ragnar Axelsson – Greenland”

Axelsson fotografiert schon seit 40 Jahren die Arktis und dokumentiert das Schmelzen dieses einzigarten Teils der Welt. Jedes seiner Fotos vermittelt die spiritulle Bindung, die er zu den Menschen und dieser Landschaft mit ihrem nicht mehr so ewigen Eis aufgenommen hat. Sehr großartig, sehr beeindruckend, sehr berührend.

Die Ausstellung dauert noch bis zum 1. November, ist täglich von 10 – 18 Uhr geöffnet und der Eintritt ist frei. Wer Zeit hat, sehe sie sich an!

Gelesen: Luigi Guicciardi – “Ein heißer Sommer für Commissario Cataldo”

Ich wüßte gerne, woran es liegt: schreibt der Autor so sperrig oder ist es die Übersetzung von Katharina Schmidt, die in einer Zeit, in der die Menschen schon Mobiltelefone verwenden, eine sehr eigenartige obsolete Sprache verwendet? Ein betrogener Ehemann ist ein “Hahnrei”, der fette Mann im Hotel ein “Dickwanst”, ein Student hat seine Unterlagen in einem “segeltuchumwickelten Heft” und der Herr, der mit rauher Stimme spricht, wird mit einem “Rachenkartarrh” diagnostiziert.

Überhaupt, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt hätte bestimmt seine Freude an den Protagonisten: alle paar Seiten wird sich geräuspert. Möglicherweise könnte auch eine andere medizinische Disziplin ein Forschungsfeld finden, denn immer, wenn Menschen lügen oder auf andere Weise etwas verbergen, werden sie rot im Gesicht oder es zeigen sich mindestens wandernde rote Flecken, vom Hals zu den Ohren oder auf den Wangen oder so. Bei Frauen hat dieses Phänomen den Nebeneffekt, dass sie, egal welche von ihnen, auf einmal ganz häßlich aussehen, quasi, wer innen schlecht ist, ist es auch außen.

Guiccicardi dürfte sich mit Simenon messen haben wollen und wirft dazu einen philosphischen Sinnspruch am nächsten in die Runde, entweder ein literarisches Zitat (was aber nicht prüfbar ist) oder gerade in der Minute vom Ermittler selbst ausgedacht. Das führt zu solchen Perlen: “Er dachte, dass es schön wäre, das Ganze aus dem Blickwinkel einer Fliege oder mit dem Auge Gottes sehen zu können.” Oder, angesichts einer Leiche mit einer Schußwunde in der Schläfe und einer Beretta in der Hand: “Der Tod ist die extremste Erfahrung unserer Einsamkeit. Denn man stirbt immer allein. Doch niemand kann wissen, was im letzten Augenblick des Lebens geschieht. Deswegen sollte man niemanden verurteilen, sondern sich Gedanken machen. Darüber nachdenken, dass das Herz Gottes größer ist als das der Menschen.”, wobei man wissen sollte, dass der sizilianische Commissario, dem ständig Gedanken an Gott in Kopf gelegt werden, bekennender Atheist ist. Aber aufpassen: “Sofort bemerkte er die leise Unzufriedenheit, die das Wachwerden zurückläßt.”

Ich rate davon ab, diesen Krimi zu lesen, ich habs ja nun schon getan und es muss keiner mehr Lebenszeit darauf vergeuden. Möchte meine Leserschaft aber nicht ohne diese letzte Weisheit aus dem Buch entlassen: “Man kann dem Leben keinen Sinn geben, als es zu leben.”

Genau. Und eben keine schlechten Bücher zu lesen.

Gelesen: David Foster Wallace – “Der große rote Sohn”

Vorausgeschickt: Ich nähere mich gerade David Foster Wallace an, einem der ganz großen amerikanischen Autoren der letzten Jahrzehnte, der seinem Leben 2008 ein Ende gesetzt hat. Ich kenne noch nicht viel von seinem Werk, habe aber vor Jahr und Tag schon mit großer Freude seinen Bericht über eine Kreuzfahrt “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” gelesen und mir immer vorgenommen, dass ich, wenn ich einmal viel Zeit habe, mich seinem Opus Magnum “Infinite Jest”, dessen Wikipedia-Eintrag schon allein fast 8.000 Worte umfaßt, stellen will. Habe ich, werde ich, und bin in der Entscheidung bestärkt worden, weil ich jetzt das eher kurze Bändchen “Der große rote Sohn” in Ulrich Blumenbachs kongenialer Übersetzung gelesen habe. Blumenbach hat nämlich in fast sechsjähriger Arbeit “Infinite Jest” in “Unendlicher Spaß” übersetzt, das werde ich dann wohl schaffen.

“Der große rote Sohn” nun erzählt vom Besuch des Autoren bei der Verleihung der Adult Video News Awards in Las Vegas. Es handelt sich hierbei quasi um die “Oscars” der Porno-Industrie und wenn man sehr viel über diese Welt lernen will, ist man hier genau richtig. Ob man, was man dann weiß, jemals auch wissen wollte, ist eher zweifelhaft.

Wer mag, kann meins haben, sonst gehts in den Bücherschrank.

Sounds of ?

  • Seit das Kind nebenan laufen gelernt hat, stampft es eiligen Schrittes durch die Welt, ich vermute, um aufzuholen, was im ersten Lebensjahr verpaßt hat. Es stampft auf dem Parkettboden der elterlichen Wohnung, es stampft im Gang vor der meinen, es stampft im Lift und der Stahlbeton, den die Erbauer der Wohnanstalt in den Siebzigern verwendet haben, läßt mich jeden einzelnen Stampf live miterleben. Zudem: Gefühle. Das Kind ist jetzt in dem Alter, in dem es zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt changiert und seinen Stimmungen (sehr) lauthals Ausdruck verleiht. Das ist sowohl stimmbildend wie bedürfnisbezogene Erziehung. Daran habe ich bis in die Plomben immer teil, wenn wir zeitgleich zu Hause sind. Also oft. Das Kind wird in ein paar Wochen ein Geschwisterchen bekommen. Der Grad der Vorfreude ist bei den Eltern und mir recht unterschiedlich.
  • Der kleine Hund in der Wohnung direkt unter mir darf wegen Frischluftzufuhr häufig auf den Balkon. Das ist sehr aufregend, denn von seinem Platz aus sieht er alles, was auf der Welt passiert. Eichhörnchen, Passanten, Vögel, Blätter, die im Wind treiben, andere Hunde, alles. Der kleine Hund teilt seine Begeisterung gerne laut kläffend mit. Nur nachts, da schläft er, außer, wenn er tagsüber zu viel getrunken hat. Dann kläfft er, weil er Wasser abschlagen muss und zu diesem Behufe nach draußen begleitet werden will. Den Weg nach draußen legen Frauchen und er im Lift zurück.
  • Dieser Lift ist jetzt nach monatelangen sehr lauten Umbauarbeiten ein moderner Lift und teilt sich mit. Auf welchem Stockwerk er sich befindet, wohin es geht und ob die Türen auf- oder zugehen. Soll inklusiv sein und ist gut hörbar, auch in der Etage drüber oder drunter noch.
  • Dann hätten wir da noch den Nachbarn mit den Niesanfällen. Laut, hallend (Stahlbeton) und lang. Andere schauen im Allergiekalender, ob jetzt gerade die Haselpollen fliegen. Wir in der Anstalt nicht. Wir hören dafür den Mann sich die Nase wegniesen, jedes Mal von einem dröhnenden Schneuzen beschlossen.
  • Die Kirchengemeinde direkt gegenüber verliert zwar ständig Gläubige, das hält sie aber nicht davon ab, auch die Ungläubigen von acht morgens bis acht abends viertelstündlich heftig zu beläuten. An Sams- und Sonntagen erst recht und mehr.
  • Die Schule ein paar Hausnummern die Straße runter würde man in Berlin eine Brennpunktschule nennen. In Bayern gibts so was nicht. Die Schule ist also wie alle anderen, klingelt zu den Pausen, hält ab und zu mit gellender Sirene Feueralarmübungen ab und mindestens einmal die Woche kommen Polizei und/oder Notarzt, meist mit mehreren Fahrzeugen und viel Tatütata vorgefahren.
  • Je nach Windlage läßt sich am auf- und abschwellenden Motorenlärm die Verkehrslage auf den umliegenden Stadt- oder sonstigen Autobahnen ableiten.
  • Außerdem Fauna. Keckernde Eichhörnchen, Krähen, die ihr Revier lauthals verteidigen, Tauben, die nichts zu tun können, nicht kacken, nicht füttern, nicht fressen, nicht vögeln ohne dabei zu guruh-guruhen, Gassigehhunde, die einander sowie alles, was sich sonst bewegt, verbellen, Vieruhrmorgensrollkofferroller und der eine Herr, der vermutlich in einer Marschkapelle tätig ist und am liebsten im Gehen im Innenhof Trompeteblasen übt.
  • Was fehlt noch? Ah, ja, die Engelbert-Strauß-Brigade. Was immer sie an Geräten betreibt, Laubbläser, Rasenmäher, Schneefräse, Häcksler, Säge, Sonstiges, dröhnt, und die Herren arbeiten ungern allein und immer im Team, so dass sich eine Symphonie aus röhrenden Motoren ergibt.
  • Nein, den Spielplatz direkt unter meinem Balkon im Innenhof führe ich nicht gesondert auf. Also nicht die dort spielenden Kinder mit Bewegungsdrang. Höchstens die Halbstarken, die auf dem Weg von und zur Schule einen Zwischenhalt einlegen, haben eine Erwähnung verdient, denn in dem Alter scheint man nur schreiend kommunizieren zu können, Digga.

Mehr fällt mir gerade nicht ein und von dem vielen ungefragten Licht, das die Nächte zu hell macht, will ich gar nicht anfangen.

Es ist ja schon auch so, dass selbst bei den Freunden, die auf dem Land leben, die Zivilisation lärmt. Darum verstehe man mich nicht miß, ich lebe sehr gerne in der Stadt und brauche und genieße ihr vielfältiges Angebot. Aber. Aber als es mir neulich mal einfach zu viel Stampfkind, Gebell und Sägengekreisch war, habe ich mir überlegt, wie weit man von jeglicher Zivilisation entfernt sein müßte, um ohne ihren Krach zu sein. Und ob das dann Luxus ist oder Dasein in einem Bunker (wo einen wahrscheinlich das Gebläse der Frischluftaufbereitungsanlage nervt).

Das dürfen jetzt alle für sich selbst entscheiden, während ich mir zum Staubsaugen Sid Vicious auflege.

Doch Einwanderungsland

Gestern Abend gings rund am Haderner Stern. Die rührige Bäckerin, die sich ihren Laden mit dem griechischen Gemüsehändler teilt und im Nebenberuf einen Gebrannte-Mandeln-Stand betreibt, hatte zur “After Wiesn” geladen. Mit allem, wofür das Oktoberfest steht, sagt sie, “Bierausschank”, “Germknödl”, “Crepes”, “Wiesnsüßigkeiten” sowie “Husseins Hendlwagen”.

Besagter Hussein dürfte knapp Mitte zwanzig sein und er und seine Vorväter sind das beste Beispiel dafür, was Max Frischs berühmter Satz aus den Sechzigern: “Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen” in seiner Essenz aussagt.

Der – inzwischen etwas hutzelige, aber immer noch sehr schnauzbärtige – Patriarch in seiner abgetragenen Knorr-Bremse-Warnweste regelt alles, was ihm unorganisiert und regelbedürftig scheint, von den Nachschubbringern für den Wagen bis zur schlampigen Schlange der um Hendl anstehenden Kunden. Sein Sohn, Hussein der Mittlere, ist vor allem stolz auf seinen Sohn, der es zu einem eigenen Geschäft gebracht hat und zeigt das, in dem er ihn recht herumhunzt, damit er dem stolzen Vater und seinen Freuden aufwarte. Alle anderen müssen sich ihre Hendl selbst holen, aber nicht der Baba. Der nicht. Hussein der Jüngere wirbelt, bestreicht die sich drehenden Hendl mit feiner Würzsoße, teilt sie in Hälften oder Viertel, verkauft, berät (“ob du lieber Semmel oder Pommes magst, mußt du selber wissen – ich verkaufe dir beides”) und behält seine zwei Helfer im Auge, die Kartoffel- und Krautsalat in Schälchen schaufeln, Müll wegräumen, Servietten nachfüllen und weiteren untergeordneten Tätigkeiten nachgehen.

Dass die Intergration vollständig und erfolgreich vollzogen ist, erweist sich mit seiner Frage im Prozess der Übergabe von Geld gegen Hendl: “An Zwiggl host ned zufällig, oder?”*

* Für Menschen, die des O-Ton Süd (fragt Oma) nicht mächtig sind: Hussein der Jüngere fragt nach, ob die Kundin vielleicht mit einem Zwei-Euro-Stück aushelfen könne.

In der Mediathek (zum Glück): “Anatomie eines Falls”

Als “Anatomie eines Falls” in die Kinos kam, hatte ich kurz zuvor Sandra Hüllers brillante Verkörperung der “Königin von Auschwitz” Hedwig Höss in “The Zone of Interest” (s. https://flockblog.de/?p=49136) gesehen und wollte mit ihrem nächsten Film noch ein bißchen warten. Hat sich doch ein wenig gezogen, aber jüngst in “Vaterland” (s. https://flockblog.de/?p=54125), den man auch gar nicht hoch genug loben kann, fiel mir wieder ein, dass er noch fehlt. Dank an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dergleichen dann in seiner Mediathek vorhält.

Huiuiui!

Die Geschichte ist denkbar einfach: ein Paar lebt mit seinem erblindenden elfjährigen Sohn in einem Chalet, hoch oben in den Bergen, in einem extrem schneereichen Winter. Der Junge ist mit dem Hund draußen, und als er zurückkommt, findet er den Vater sterbend in einer Blutlache auf der vereisten Fläche vor dem Haus. Ist er aus dem Fenster im dritten Stockwerk gefallen? Gesprungen? Gestoßen worden?

Gleich der große Spoiler: es geht nicht um die Aufklärung des Falles (nebenbei: wie herrlich, dass das Wort “Fall” im Deutschen diese Ambiguität hat), sondern um die Maschinerie, die in Gang gesetzt wird und in einer sehr langen Gerichtsverhandlung mündet.

Es gibt überhaupt niemanden in dieser Produktion, den man nicht in höchsten Tönen loben muss. Buch, Regie, Schauspielerinnen und Schauspieler (und das schließt ganz ausdrücklich auch Kind (Milo Machado-Graner) und Hund (Messi, Rollenname “Snoop”) ein), Kamera, Ton, Location Scouts, Kostüm, Setgestalter und und und…). Hiermit getan.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!