Der Sommer ist vorbeiheihei…

Kaum ist der Schlüssel umgedreht, rödelt die Klimaanlage los und das Gebläse tobt mir auf mindestens Vierwettertaftstärke (fragt Oma) ins Gesicht. Außerdem steht die Innentemperaturanzeige auf 18°. Mir will scheinen, dass sich das Auto schon eine ganze Weile nicht mehr außerhalb der Garage aufgehalten hat. Flugs die Einstellungen auf “Brrrrhhhh-es-ist-Herbst” geändert und los, die eine oder andere Besorgung mit Autobedarf erledigen.

Als Zuckerl zum Schluß habe ich mir den feuerroten Bücherschrank vor der Feuerwehr aufgehoben und das Schicksal scheint mir wohlgesonnen: nur freie Parkplätze. Allein, wo ist mein Schrank hin? Da, das graue zugestaubte lieblos in die Ecke geschobene Ding mit den zugeklebten Türen… das kann, das darf doch nicht mein geliebter Bücherschrank sein?

Doch. Isser. Ein grau verstaubter Zettel versichert, dass der Schrank wieder befüllt werde, wenn die Bauarbeiten vorbei und er seinen endgültigen Standplatz gefunden haben werde. Aber. Aber. Aber hier baut doch gar keiner. Aber das dürfen die doch nicht. Befüllen. Das wollte ich doch machen. Heute. Ich hab doch gestern nicht ohne Grund zwei schwere Beutel voller Weggebbücher in die Garage geschleppt und in den Kofferraum zu ihrem dort schon befindlichen Bruder geladen. Manno.

Gemein ist das. Hundsgemein.

Andrerseits hätte ich ohne den fehlenden Schrank niemals die sehr lustigen Verhörte-Intelligenz-Untertitel gefunden. Viel Spaß!

Neu zum Strömen: “Star Trek: Strange New Worlds” – Staffel 4

In den ersten beiden Staffeln folgten die Macher im großen Ganzen den Pfaden Gene Roddenberrys mit abgeschlossenen Folgen und einer ordnungsmäßen Science Fiction Handlung, einem guten Captain und seiner loyalen Crew, boldly going where no man has gone before – mit einem “Gimmick”-Ausreißer in der ersten Staffel, einer wilden und extrem kostüm- und ausstattungsfreudigen Rollenspielparodie. In der zweiten Staffel waren es schon drei Gimmick-Folgen, eine High School Comedy mit Spock als menschlichem Teenager, einer Animations-Crossover-Geschichte mit der “Lower Decks”-Zeichentrickserie (s. https://flockblog.de/?p=44366) und einem veritablen Musical mit viel Gesang.

Die dritte Staffel, ja, die verflixte dritte Staffel erwies sich als Kessel Buntes: RomCom, Retro-Sci-Fi in einem Holodeck-Meta-Setting, Horror, Mockumentary, Körpertausch (sind wir nicht alle ein bißchen Vulkanier?) und wieder was mit Singen. Auf Reddit wurden Vermutungen laut, dass die Serie sich ihrem Ende zuneige und den Schauspielerinnen und Schauspielern die Chance gegeben werden sollte, ihre Talente auch in anderen Genres zu zeigen. Hmmm.

Die frisch gebingte vierte Staffel ist nicht viel anders als die dritte, allein, von den zehn Folgen sind mehr als die Hälfte gimmicky. Jurassic Park mit einem Zeitreisentwist (Saurier und Menschen gemeinsam auf dem Planeten Erde – nicht wo, sondern wann sind wir, jaha), eine Parodie auf Hangover und alle die anderen furchtbaren Party-“Komödien”, ein Film Noir (jawoll, mutig in Schwarz/Weiß) mit einem arg verunglückten Zitat der Marseillaise-Szene aus Casablanca, eine Muppet-Folge (alle sind Henderson-Puppen, außer Spock), eine Seifenoper und ein Hyper-Disney-Märchen. Gesungen wird nicht, man muss da auch mal für kleine Gnaden dankbar sein. Das kann man alles machen und es ist auch perfekt umgesetzt, aber doch insgesamt Overkill. Weniger wäre mehr gewesen.

Die fünfte und letzte Staffel, verkürzt auf sechs Folgen, ist wohl schon abgedreht und soll im Sommer 2027 ausgestrahlt werden. Dieses Mal wieder als Science Fiction-Serie. Dann schau ma moi.

Gelesen: Christine Wunnicke – “Die Dame mit der bemalten Hand”

Was für ein wunderliches außergewöhnliches Buch! Wunnicke schreibt wie aus einer anderen Zeit.

Das Personal, das in ihrer Geschichte aufeinandertrifft, sind der zum Zwecke der Forschung in die weite Welt geworfene Mathematikus Carsten Niebuhr aus dem Bremischen (schon damals der Prototyp des Nerds) und Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, Astronom und Astrolabienbauer (von irgendwas muss man ja leben) und dessen Dienerbub Malik. Die Herren treten einander, von den Kapitänen der jeweiligen Transportschiffe schmählich sitzen gelassen, auf dem öden struppigen Eiland Gharapuri vor Bombay “auf den Lebensweg”, wo sie sich die Wartezeit auf die erhoffte Rettung mit Gesprächen und Geschichten sowie Fieber und Heilung vertreiben.

Der eigentliche Geniestreich der Autorin ist nun, dass sie, in diesem in deutscher Sprache geschriebenen Buch, etabliert, dass Meister Musa neben diversen indischen Straßendialekten natürlich fließend Sanskrit spricht, sie daraus wörtlich die herrlichsten Phrasen “übersetzt” und die lingua franca zwischen den beiden Gestrandeten Arabisch ist, was Musa recht, und der Deutsche mehr schlecht als recht beherrscht. Das führt dann zu so wundersamen Wendungen wie “Greisenblödsinn” statt eines harrschen Wortes wie Demenz oder, meinem ganz großen Liebling, einer Formulierung wie “Affen des Mundes zu Markte tragen”* – und viele mehr, die zu entdecken ich den nächsten Leserinnen und Lesern selbst überlasse.

Eins noch, weil wichtig: Die Männer kommen zu der Erkenntnis, dass sie zwar in denselben Himmel und dieselben Sterne sehen, aber die Konstellation, die dem einen eine Dame mit bemalter Hand, dem anderen die Kassiopeia ist. Man könnte streiten. Sie nicht. So einfach ist Frieden zwischen den Kulturen.

Es ist schwer, das schmale Büchlein vorbehaltlos zu empfehlen. Es ist schon sehr eigen. Aber wer willens ist, sich einzulassen, wird eine besondere Erfahrung erleben. Versprochen.

* Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt übererkläre, wenn ja, einfach ignorieren.
Der – inzwischen obsolete – Ausdruck “Maulaffen feilhalten” und für gaffen, mit offenem Mund einfältig und untätig herumstehen und großäugig schauen steht, geht auf Kienspanhalter mit weit aufgerissenem Maul zurück, in das man den brennenden Holzspan hineinsteckte, um dunkle Räume zu erhellen. (14. Jahhundert ff)

Großes Lob!

Die Vorstellung werde ich, wie viele andere im Gärtnerplatztheater, wahrscheinlich nicht besuchen, beschwöre aber den Erfinder dieses und anderer herrlicher Plakate:

Weiter so! Was hab ich an denen Spaß!

Selbst ein so grauslig-grauer U-Bahnhof wie der Harras wird damit erträglicher.

Nostalgie-Kino: “The Great Dictator” (1940)

Eine der ergreifendsten Szenen in Michael Köhlmeiers “Zwei Herren am Strand” (s. https://flockblog.de/?p=54077) ist der Moment, in denen Charles Chaplin in der Nacht vor der Premiere völlig verzweifelt inmitten eines Haufens aus kleinsten Filmstreifen dieses seines ersten Tonfilms kauert und den Glauben an ihn verloren hat. Sehr schön grausig.

Ich erinnerte mich aus dem Film an das, was man so kennt. Die Tanzeinlage des Noch-nicht-ganz-großen-Diktators Anton Hynkel mit dem Globus-Ballon, die so wunderbare So-klingt-Deutsch-für-andere-Ohren-Schtonk-Rede, Paulette Goddards dramatische Augenaufschläge. Weil das aber nicht ausreichend schien, wollte ich meine Erinnerung auffrischen. Bin ich aber doch sehr erschrocken, während ich ihn dieser Tage noch einmal gesehen habe. Der Anfang (das Ende des ersten Weltkriegs) ist reiner Slapstick. Lustig. Dann die oben erwähnten bekannten Szenen, das Aussetzen der Judenverfolgung im Ghetto, weil das Regime zur Finanzierung seines Krieges einen Kredit vom jüdischen Bankier Epstein braucht (richtig, der Weltgeist ist ein Komiker). Schließlich der Einmarsch ins Nachbarland Osterlich. Zur Feier der Annexion propagiert der Propagandaminister Dr. Garbitsch die neuen “Werte”:
Osterlich ist gefallen! Heute ist die Demokratie ein Schimpfwort, Freiheit ist ein Hohn, und die Rede- und Meinungsfreiheit ist das Todesurteil für jeden Staat! Von heute an gibt es keine Gleichheit mehr! Nur noch Befehl und Gehorsam! Vorwärts zu einer neuen Welt – einer Welt der Herrscher und der Beherrschten!
(Zitat nach der deutschen Synchronfassung.)

Kommen einem da nicht sofort die neuen Tech Bros und ihre geistigen Väter von Peter Thiel bis Russell Vought, Architekt des “Project 2025”, in den Sinn? Haben wir denn gar nichts gelernt? Es ist auch von fast tragischer Komik, wie besessen Chaplins Diktator von Bauwerken ist, die das Gedenken an ihn in einer (mindestens tausendjährigen) Ewigkeit zementieren sollen. Inklusive Ballsaal.

Ja, die Schlußrede des jüdischen Friseurs ist an Pathos kaum zu überbieten. Macht sie aber nicht falsch. https://www.youtube.com/watch?v=J7GY1Xg6X20

Anschauen!

Gelesen: Florian Illies – “Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary”

Huiuiui!

Offensichtlich ist für mich gerade kein Entkommen vor Thomas Mann. Der “Mephisto” in den Kammerspielen, Yelins Giehse Biographie (s. https://flockblog.de/?p=52365), erst neulich “Vaterland” (s. https://flockblog.de/?p=54125) und nun der Weg des Nobelpreisträgers nebst angeschlossener Familie in die erste Station des mühseligen Exils, eine, wie Illies das klug benennt, “Vertreibung ins Paradies”.

Wie es wirklich war, damals im französischen Sommer in Sanary, bei Thomas und seinen Mannen (hihi, Wortspiel), der Gattin Katia, den sechs Kindern sowie Bruder Heinrich und seiner Nelly, und ihren Nachbarn, den Schickeles, den Feuchtwangers, den Zweigs, Marcuse, Brecht und anderen Großen, wird man wohl nie ganz genau wissen können.

Aber Illies, der schon in seinen früheren Büchern in die Herzen und Köpfe von Geistesgrößen eingetaucht ist, ist tief in Archive abgestiegen, hat Tagebücher und andere Zeitzeugnisse durchaus studiert und gibt uns immerhin eine Ahnung – es hätte so sein können. Dafür danke.

Außerdem habe ich noch nie eine schönere Beschreibung des Thomas Mann’schen Schreibstils gelesen, man weide seine Augen daran.

Der Zauberer ist ein sehr guter Vorleser – und er liebt es, auf diese Weise seine eigenen Sätze noch einmal abzuschmecken und zu schauen, wo es zu zuckrig klingt und wo noch ein bißchen Salz oder gar Chili fehlt. Er liest mal mit leiser und mal mit energischer Stimme, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn eine seiner berühmten Satzkaskaden am Ende doch noch von einem Verb beschlossen wird, auf das sein Publikum bereits zu warten aufgehört hat. Und nicht nur das: Er zaubert immer wieder ein Verb aus dem Ärmel, das niemand erwartet hat, weil es aus einer ganz anderen Sprachsphäre zu kommen scheint, er es aber so lange abgestaubt hat, bis es nun in einem seiner endlosen Sätze die letzte Stelle vor dem Punkt mit einer Selbstverständlichkeit markiert, als hätte es sein Leben lang darauf gewartet.

Wer sich für Literatur- und Zeitgeschichte interessiert, wird Freude an der Lektüre haben. Der inzwischen reifere Illies hält, was der junge schon an literarischer Qualität verheißen hatte.

Aus dem Vokabelheft

Seit langem mal wieder in einem Wäschefachgeschäft gewesen. Dabei gelernt, dass Unterhosen schon lange nicht mehr nur Unterhosen heißen sondern in umpfzich Kategorien unterteilt sind. Besonders hübsch gefunden, dass die Modelle, in denen füllige Damen sowohl Hintern wie Bauch unterbringen und die dennoch bequem hoch über den Nabel gezogen werden können, inzwischen “Hipster” heißen.

Da trägt frau ihren Plus-Size-Body gleich viel stolzer und in nicht zwickender Unterwäsche. Wo’s doch jetzt hip ist.

Es lebe der Sport

Das Oktoberfest scheint neben vielem anderem auch der Geburtsort neuer Trendsportarten zu sein. Ganz besonders aufgefallen sind:

  • Synchrontrachteln auf Tretrollern
  • Catch-a-Charivari (Mit der verstärkten Schwierigkeitsstufe, dass die Dame ihre Umhängetasche wie einen Messengerbag mit gekreuztem Riemen trägt und ihn – sicher ist sicher – bei Widerstand heftig straffer zieht. Was den Herrn mit dem Charivari, seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, doch a wengele schmerzt.)

Für die, die in der bayerischen Trachtenkultur nicht ganz sattelfest sind: Ein Charivari (gesprochen „Schariwari“) ist eine silberne Schmuckkette, an der Münzen, Edelsteine, Jagdzähne, Tierpfoten und dergleichen bamseln. Sie wird direkt am Hosenlatz der Lederhose getragen

Nicht weiterfragen: ist Tradition. Reicht.

Gelesen: John Scalzi – “The Shattering Peace”

Mit diesen ersten einleitenden Sätzen: “I did two things on my seventy-fifth birthday. I visited my wife’s grave. Then I joined the army.” schreibt sich Scalzi 2005 in die erste Liga der modernen Science Fiction Autoren, denn so beginnt der erste Band seiner Old Man’s War Military Science Fiction Saga.

Inzwischen sind die Pausen zwischen den einzelnen Bänden länger geworden, das heißt aber nix. Der siebte und bisher letzte “The Shattering Peace” ist vor einem Jahr erschienen, spielt aber wieder in dem von ihm schon im ersten Teil etablierten Universum mit Referenzen zu Personen aus den anderen Bänden, birst aber vor neuen Ideen und macht, auch wenn man die vorhergehenden nicht kennen sollte, ungeheuren Spaß zu lesen.

Weil Scalzi es einfach kann. Wer je damit beauftragt wird, die Serie zu verfilmen, findet bereits ganze Sets fertiger Dialoge vor und wer genau hinschaut, weiß auch, wen er für welche Rolle am besten castet. Wenn nicht, frage man mich.

Das ist beste Unterhaltungsliteratur und möge gelesen werden!