Gelesen: Antonia Baum – “Achte Woche”


Eine junge Frau – eine Abtreibung, ein Kind, kein Partner – ist schwanger. Sie schreibt an ihrer Dissertation, jobbt in einer gynäkologischen Praxis. Tag für Tag versorgt sie dort schwangere Frauen, sieht ihre Freude, ihre Unsicherheit, ihre Wege zur Gewissheit. Für manche ist es das größte Glück, für andere eine Katastrophe. Sie bekommen ein Kind oder brechen ihre Schwangerschaft ab, und Laura weiß nicht, was sie selbst tun soll. Eigentlich ist es ganz klar, denkt sie. Und zugleich: wie soll man eine solche Entscheidung überhaupt treffen?

Statt selbst eine Zusammenfassung zu schreiben, zitiere ich vorgehend den konzisen Klappentext.

Das schmale Büchlein hat mich sehr beeindruckt. Als Leserin nimmt man Anteil an einem ununterbrochenen inneren Monolog, an den Gedanken, den Optionen, den Freuden, den Schrecken, die permanent durch den Kopf der Protagonistin kreisen – und kommt wie sie nicht aus. So, wie man unvermittelt in den Gedankenfluss gerät, taucht man auch wieder auf, ohne zu wissen, wie er endet.

Keine leichte Kost. Aber mit großem Gewinn zu lesen!

Neu zum Strömen: “Scarpetta”

Das Drehbuch zur Serie basiert auf der schon seit immer oder mindestens den späten Achtzigern erscheinenden Krimiserie von Patricia Cornwell, deren Hauptfigur die gutaussehende perfektionistische Workaholikerin, Blondine und Pathologin Kay Scarpetta ist. In der Serie ist sie besetzt mit Nicole Kidman und Jamie Lee Curtis spielt ihre schrille Schwester. Könnte also gut werden.

Nein.

Ms. Scarpetta wird von einem Fall aus der Vergangenheit eingeholt, ein sadistischer Frauenmörder. Das nimmt diese Produktion zum Anlaß, nackte Frauen in eigenartigen Fesselungen ausführlich, gut ausgeleuchtet und von allen Seiten aus- und bloßzustellen und dann, wenn sie endlich im gleißenden Licht des Obduktionssaals ausgestreckt auf Metalltischen liegen, in langen Kamerafahrten vom Scheitel bis zur Sohle über jedem Würgemal, jeder erigierten Brustwarze und jedem Schamhaar zu verweilen und mit großer Freude am Detail blutige Armstümpfe zu zeigen, von denen die Hände abgehackt wurden. Für mich grenzt das an, hmmm, wie nennt man das? Nekroporn? Weiß ich nicht, will ich nicht wissen. Ist widerlich.

Ich möchte betonen, dass ich nach eineinhalb Folgen resigniert aufgegeben habe. Was neben den Lustmorden und ihrer Darstellung auch sehr daran liegt, dass Jamie Lee Curtis nicht zu ertragen ist. Ihre Figur ist laut, immer viel zu laut, geschmacklos bis zur Obszönität, permanent verkehrt. Es mag Spaß machen, so jemanden zu spielen, es gibt aber keinen guten Grund dafür.

Es gibt sehr viele schöne Dinge im Leben. “Scarpetta” anzusehen gehört nicht dazu.

In der Mediathek: “Plan A – Was würdest du tun?”

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. In den wirren Zeiten nach dem Ende des 2. Weltkriegs finden sich in Deutschland Juden, teils Überlebende der Konzentrationslager oder anderer Grauen, teils Abgesandte aus Palästina, um als “Nakam” (hebräisch für Rache) Rache am Mördervolk zu nehmen. “Sechs Millionen für sechs Millionen”. Sie treffen auf die jüdische Brigade der britischen Armee, die verborgen vor den Vorgesetzten in Einzelaktionen Schuldige hinrichtet, wenn deren Schuld aus zwei unabhängigen Quellen bestätigt ist. Deren Anführer und spätere Haganah-Offizier Mikhail (Michael Aloni) will den Massenmord (Plan A: Gift in den Wasserwerken der großen Städte Hamburg, Frankfurt am Main, München, Nürnberg und Berlin) verhindern, weil er davon ausgeht, dass danach für die Anerkennung des Staates Israel durch die Vereinten Nationen keine Unterstützung mehr zu bekommen sein wird.

Zwischen diesen beiden Fronten steht Max (großartig: August Diehl), dessen Frau und Kind bei einer der frühen Massenerschießungen der Wehrmacht ermordet worden waren und der selbst in Auschwitz lächelnd an der Rampe dafür zu sorgen hatte, dass die Ankömmlinge aus den Viehwaggons geordnet und ruhig in den Tod gingen. Er tendiert mal zu einen, mal zur anderen Lösung und ist in seiner Zerrissenheit die glaubhafteste Figur in diesem Film. Es tut einem fast leid, dass er eine Art “Happy End” spielen muss.

Ich bin aus der Generation, die quasi in jedem Schuljahr Faschismus und vor allem Nie wieder! auf dem Lehrplan hatte. Trotzdem wußte ich nichts über diesen jüdischen Widerstand in Deutschland. Es ist also gut und richtig, dass diese Geschichte endlich erzählt wird. Leider taugt der Film nicht viel. Er wurde auf englisch gedreht und dann mangelhaft nachsynchronisiert. Ich bin sicher, dass man das Drehbuch wörtlich übersetzt hat, aber der Imperfekt wird in der gesprochenen Sprache halt mal so gut wie nicht verwendet und so bleiben die Dialoge immer immer künstlich, wie abgelesen. Schon das nichts rechtes, aber dass dann auch die Figuren ohne jede Entwicklung bloß so in die grau-staubigen Nachkriegstrümmerlandschaften gedemmelt werden, die einen dauerfanatisch, die anderen dauerabwägend, und die Deutschen allesamt Antisemiten, noch oder schon wieder, aaahhhh!

Ganz arg gut gemeint, ganz bestimmt, aber gar nicht gut gemacht. Dann vielleicht doch lieber eine anständige Dokumentation, statt eines schlechten Spielfilms?

Das Wochenende naht…

… und das heißt für die Handwerker hier im Haus, um sieben noch einmal zu bohren, dass es sich durch Beton, Stahlträger, Insassenhirne und -plomben kreischt und dann gegen halb acht die Werkzeuge laut scheppernd in großen Boxen zu verstauen und sich aus dem Staub (wörtlich) zu machen.

Zum Glück habe ich nix vor und kann heute Mittag ein Schläfchen einlegen.

Wiedergelesen: Harry Bingham – “The Dead House” und “The Deepest Grave”

Leider hat Harry Bingham nach einem halben Dutzend Bänden die Geschichte der eigenartigen (das englische “weird” trifft es besser) Fiona Griffiths nicht weitergeschrieben – da bleibt einem nix, als sich auf sein schlechtes Gedächtnis zu verlassen und sie nach einer angemessenen Zeit (bei mir sind das mehr als fünf Jahre) wiederzulesen.

War nett. Wer Fiona noch nicht kennt, sollte ihre Bekanntschaft suchen. Es wird sein Schaden nicht sein.

Gelesen: Donny Cates (Autor), Daniel Warren Jones & Lauren Affe (Artists) – “Ghost Fleet: The Whole Goddamned Thing”

Irgendwer muss sie ja transportieren, die Fracht. Die Art Fracht, die für die üblichen Speditionen zu gefährlich, zu verboten, zu riskant, zu wertvoll, zu zu… ist. Wen ruft man dann? Richtig: The Ghost Fleet. Deren Fahrer knallharte Kerle sind, hochspezialisierte Könner, für die Black Ops Alltag sind und der Rest Sonderaufgaben.

Hätte man das in den Achtzigern verfimt, wäre die Heldenrolle mit Burt Reynolds besetzt worden oder – eher noch – Charles Bronson und der hätte sich durch die ausgesprochen schräge Geschichte geflucht, geschwitzt und geblutet, hätte unter all der Lederhaut noch einen weichen Kern gezeigt und wäre einem klaren moralischen Kompaß gefolgt. So, das ist schon die Story – für den Rest zitiere ich den Klappentext: “They trucked with the wrong guy!”

Gute Graphic Novel. Lesen! Lesen! Lesen!

Wollt ihr fleißige Handwerker seh’n?

Hier in der Wohnanstalt werden seit ca. einem Jahr längst überfällige Reparaturen und Wartungen vorgenommen (Schließanlage, Wasserleitungen, Aufzüge usw. usf.). Die meisten davon sind mit Geräusch verbunden, fast alle auch mit ordentlich Staub und Dreck und müssen anscheinend, um gut zu gelingen, ganz früh morgens begonnen werden.

Das ist gar nicht gut. Weil, ich habe doch, auch so vor ca. einem Jahr, meine Rentnerei angetreten. Entgegen manch irriger Annahmen ist dieser Umstand nicht automatisch mit seniler Bettflucht gekoppelt. Vielmehr im Gegenteil. Es gilt die Devise “Ausschlafen”. So lang, bis ich dem neuen Tag gerne entgegen sehe. Und genau jetzt dröhnt euer Unsere-Anstalt-muss-schöner-werden-Trupp mich alle Nase lang am hellerlichten Morgen aus dem Schlaf. Am liebsten mit Schlagbohrhämmern, die in diesem Betonbau hier genau auf mein Kissen geschallt werden. Und meine Zahnbürste. Selbst meine Morgenkaffeetasse.

Werte Hausverwaltung, verstehen Sie mich nicht miß: was immer Sie da tun, ist löblich. Fehlende Bewegungsmelder hatte ich beispielsweise schon im Monat meines Einzugs angemerkt (s. https://flockblog.de/?p=29399) und jetzt, da sie endlich da sind, machen sie das Leben sehr viel komfortabler. Aber doch ned so früh, ey!

Ich darf hierzu noch einmal aus Kurt Tucholskys Aufsatz “Der Mensch” zitieren: “Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.”

Und Misanthropie ist ein Menschenrecht!

Ich hätte da mal eine Frage

Ist, wer in einer Stichwahl abstimmt, ein “Stichwähler”? Lautet das diese Tätigkeit beschreibende Verb “stichwählen”?

Wie ich lese, hat sich der Amtsinhaber des Oberbürgermeisterpostens in München, Herr Reiter, diese Woche freigenommen, um Rosen zu verteilen und sich immer noch nicht oder allenfalls sehr sparsam zu seinem bezahlten Engagement beim FC Bayern zu äußern, was die CSU nicht davon abhält, sich für seine Wiederwahl auszusprechen.

Vertreten tut den OB in dieser Woche sein Vize, Herr Krause. Also, wenn der den Posten ab sofort ganz übernehmen will: meinen Segen hat er. Ich habe diesbezüglich bereits stichgewählt.