Gelesen: Michael Köhlmeier – “Das Philosophenschiff”

Ein guter Mensch hatte mir jüngst meinen ersten Köhlmeier empfohlen (s. https://flockblog.de/?p=54077) und wie das so ist, wollte ich nach dieser außergewöhnlichen Leseerfahrung wissen, ob das mit dem Herrn K. und mir auch das nächste Mal wieder funktioniert.

Ja. Tut es.

Im Philosophenschiff erfindet der österreichische Autor Michael Köhlmeier den österreichischen Autor Michael, der von einer hundertjährigen Dame eingeladen wird, sie zu ihrer reichen Lebensgeschichte zu befragen und zwar aus folgendem Grund:

“Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen. Ich weiß, dass Sie Dinge erfinden und dann behaupten, sie seien wahr. Jeder wisse das, hat man mir gesagt, aber immer wieder gelinge es Ihnen, Ihre Leser und Zuhörer hinters Licht zu führen. Deshalb glaube man Ihnen oftmals nicht, wenn Sie die Wahrheit schreiben, und glaube Ihnen, wenn Sie schummeln. … Sie sollen nicht meine Biographie schreiben, die ist bereits geschrieben worden. Zwei sogar. Eine auf Deutsch und eine auf Russisch. Beide nicht besonders. … Was niemand weiß, das sollen Sie schreiben. Ein Schriftsteller, dem man nicht glaubt, was er schreibt. Gesagt werden soll es. Und wenn es keiner glaubt, umso besser. Aber erzählt werden soll es.”

Genau so. Ein wunderbar phantasiereiches Buch, gewoben aus Historie und Möglichkeiten. Köhlmeier ist ein geborener Erzähler, nein, ein Raconteur alter Schule.

Ich habe die Geschichte der Architektin Anouk Perleman-Jacob während einer langen Bahnfahrt genossen, während draußen die herbstliche Landschaft in schrägstehendem Sonnenlicht vorbeiglitt. Sehr perfektes Ambiente.
Mein Exemplar kann entliehen werden.

Lesen! Lesen! Lesen!

Gastfundstück

Frau S. aus D. hat im Gemeindebladl geblättert, dabei diese entzückende Anzeige gefunden

und sie wie folgt kommentiert: “….vermutlich war da früher mal ein fesches Madel auf dem Bild. Weil des heutzutage ja nimmer geht, hat er seinen Kopf drauf gesetzt….:-)))”

Ich habs dann nur noch in den flockblog überführt und danke recht herzlich.

Es ist vollbracht!

Ich weiß schon, die Wiesn dauert noch bis einschließlich Sonntag, aber ich bin schon soweit, eine positive Gesamtbilanz zu ziehen, weil a) mir gestern Nacht, trotz erschwerter Bedingungen, nämlich Fußballspiel in Fröttmanning und deswegen um Mitternacht noch mit Fans sowie Oktoberfestbesuchern auf der Suche nach coolen Afterpartys massiv überfüllter U-Bahn niemand auf die Schuhe gekotzt hat (war aber knapp) sowie b) ich bis einschließlich Sonntag nicht mehr plane, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Also (für mich) alles vorbei und heil überstanden.

Inklusive des einzig guten Nebeneffekts. Weil die derzeit unter Renovierung stehenden U-Bahnstation während des Bierfestes nicht mehr einsturzgefährdet waren, war der Schienenersatzverkehr aufgehoben und die Fahrt von und nach Schwabing dauerte, wie sich das gehört, jeweils a bissele über 20 Minuten. Die Fahrtzeit ist jetzt wieder eine knappe Stunde, weil die U-Bahnhöfe pünktlich zwischen Sonntagnacht und Montagmorgen wieder anfangen zu bröckeln.

Hrrrgnnn!

Gestern Abend im Lustspielhaus: BlöZinger mit “Schloß mit lustig”

Immer, wenn ich versuche, jemandem zu erklären, was BlöZinger (Robert Blöchl und Roland Penzinger) eigentlich so genau machen, dann verwende ich ziemlich rasch den Begriff “Anarchie”, also genauer: “Anarchokabarett”. Was man sich darunter vorzustellen hat? Groben und feinen Fug und Unfug. BlöZinger eben.

In “Schloß mit lustig” schicken sie ein ungleiches Autorenpaar in Erwartung eines Literaturpreises nach Transylvanien, in Draculas (und Igors) Schloß. Dort müssen die Preisträger in spe aber entdecken, dass sie auf inzwischen stark geschrumpfte Heldinnen und Helden der Weltliteratur treffen, die, weil sie keiner mehr liest, der finalen Kleinstwerdung entgegen sehen und nun von den beiden Literaten neue zeitgemäße Geschichten und damit Wiederauferstehung erwarten. Gerne ganz was neues, wie, nur mal so als Beispiel “Fifty Shades of Mary Poppins”. (“Ich erfülle Wünsche”, sardonisches Grinsen).

Nein, ich führe das nicht aus. Wer zu den BlöZingers geht, muss ein gerüttelt Maß an Phantasie und eine Neigung zum gehobenen Schwach- sowie Tiefsinn mitbringen. Oder wars doch mehr gehobener Tief- sowie Schwachsinn? Hauptsache: Neigung.

So wie das Publikum gestern. Mann, war das eine Stimmung! Toll! Fast zehnminütiger lauter Schlußapplaus. Holla!

Sie treten am 14.10.26 mit ihrem sehr schönen KopfKinoKabarett “Erich” im Schlachthof auf. Ich gehe (mal wieder) hin. Wer mitkommen mag, gebe Bescheid.

Bahnhofsimpressionen

Gibt ja dieses Mal keinen Grund für Bahnbashing, aber doch ein paar kleine Beobachtungen am Rande:

  • Eiserne Regel, wie überall, wo Menschen von A nach B befördert werden: die, die die größten Rucksäcke (Modell Quasimodo XXL) tragen, neigen am ehesten dazu, anderen spontan den Weg zu verstellen und sich häufig unvermittelt umzuorientieren. Hauptsache, die Rückenlast streift dabei Unbeteiligte.
  • Denselben Effekt wie der Schussel im Ballett haben Engländer, gerne im Pulk, die sich auch als Fußgänger streng an die Linksverkehrsregeln halten.
  • In das Abteil steigen zwei noch sehr junge Frauen ein, die ganz offensichtlich die Nacht durchgemacht hatten. Die Restmake-up-Bestände großflächig übers ganze Gesicht verteilt, die Haare wild. Sie verschwinden mit ihren Beuteln in den Waschräumen und als sie wieder kommen, ist das Antlitz reingewaschen, die Haare in Zöpfe gebannt und Schnürmiederchen und Wipperöckchen gegen mollige Turnhosen und Hoodies getauscht. Nun noch in den Sitzen einrollen, Schlafbrillen und Micky-Maus-Kopfhörer aufsetzen und dann bis Amsterdam durchschlafen.

Ja, mach nur einen Plan.

  • Hinzus hat dieser Zug dann knapp 10 Minuten Verspätung. Die Durchsage teilt mit: “Der Grund dafür waren Fahrgäste”. Nicht erwähnt wird, dass es irgendwem in der Leitstelle eingefallen ist, nur noch den vorderen Teil des Zuges nach Amsterdam fahren zu lassen und alle holländischen Fahrgäste, die sich im hinteren Teil auf ihren reservierten Plätzen für die lange Strecke eingerichtet hatten, auf einmal wie ein Mann mit Sack und Pack in Frankfurt über den Bahnsteig hetzen müssen.
  • Auf der Rückfahrt hatte ich die weise Entscheidung getroffen, über Würzburg zu fahren, weil der Zug erst in Düsseldorf startet und gar nicht viel Gelegenheit hat, Verspätung anzusammeln. Der aus Amsterdam war da schon fast eine Stunde hinter dem Fahrplan. Die Bahn ließ es sich nicht nehmen, deutlich (und mehrfach) zu betonen, dass es sich um “Verspätung im Ausland” handele. Quasi: “Dieses Mal sind wir nicht schuld. Dieses Mal nicht. Wir nicht.”

Bahn (DB) gefahren

Über vier Stunden hin, über vier Stunden wieder zurück. Und was gibt es zu erzählen? Nix. Gar nix. Keine spielenden Kinder auf den Gleisen, keine Probleme in einem Stellwerk, nirgends, noch nicht einmal vorhergehende Züge verspätet. Nix. Gar nix.

Ist sehr nett.

Neu zum Strömen: “The Split Up”

Zur Telenovela fehlt bloß noch der lang verschollene Zwilling, von dem außer der treuen Haushälterin niemand gewußt hat, aber sonst: alles da. Untreue Männer, eine am Altar zweifelnde Braut, uneheliches Kind, Witwer mit dunkler Vergangenheit (der hochverehrte Sanjeev Bhaskar), Monsoon Wedding, schmutzige Immobiliendeals, unterschiedlich gut geratene Kinder, Bigamie, ein Schwiegermonster (die herrliche Sindhu Vee), ein schwuler Sohn, und wenn noch wer fehlt, dann liegt es an mir und nicht an der auf der Serie “The Split” aus dem Jahr 2018ff basierdenden Neuverfilmung, damals mit der unübertroffenen Nicola Walker in der Hauptrolle (wird jetzt gegeben von Ritu Arya).

Dieses Mal ist das Drama um die reiche Familienrechtsanwaltsfamilie in Manchester angesiedelt und die Hauptfiguren kommen aus der britisch-indischen Oberschicht (man denke Rishi Sunak, dann hat man den richtigen Eindruck). Das erlaubt im Drehbuch ein paar Extravolten wie den Konflikt zwischen den religiösen Ritualen aus der “alten Heimat” und dem Wunsch, in der modernen britischen Gesellschaft angekommen zu sein. Außerdem trotz aller Aufklärung patriarchale Strukturen und – natürlich – alltäglicher Rassismus in den unterschiedlichsten Ausprägungen, aber sonst hält sich die Story streng an den Vorgänger.

Warum sollte man sich auch mehr Arbeit machen? Wer “The Split” kennt, weiß, was er mit “The Split Up” kriegt, plus Mango Lassi.

Guckt sich leicht weg und will auch nicht mehr.