Offene Rechnung

Meine Freundin Frau L. hat sich vor langer Zeit meiner angenommen, als ich noch ein Küken in der Welt des Großkonzerns war und unterweist mich nun schon seit Jahren im Umgang mit der Rentnerei. Seit ich selbst in diesem Zustand der Gnade angekommen bin, unternehmen wir vieles gemeinsam und so stand vor ein paar Wochen der Besuch der Jahrgangsinszenierung der Otto Falckenberg Schule “Anna, Mascha und Julia – (K)ein Stück von Tschechow” an.

Wir wären auch zu allem bereit gewesen, allein, an diesem Tag wurden die Öffentlichen Verkehrsmittel bestreikt. Die Kammerspiele waren nett genug, unsere Karten auf den Termin der nächsten Vorstellung, am Donnerstag dieser Woche zu übertragen. Nun ist es aber so, dass es irgendwie mit dem Teufel zugeht, denn Übermorgen ist wieder Streiktag. Also habe ich gestern nach zwölf Anläufen endlich die Kasse der Kammerspiele erreicht und die Karten noch einmal übertragen lassen, dieses Mal auf die Derniere, Anfang Mai. Ich hoffe, dass sich Gewerkschaft und kommunale Arbeitgeber bis dahin geeinigt haben werden.

Offen bleibt nur die Frage: Was hat Verdi gegen Tschechow?

Gestern auf der Theresienwiese: Cirque du Soleil – “Alegría”

Ich bin ja nicht so wirklich bewandert, wenn es um Zelte auf der Festwiese geht, und darum laufe ich einfach der Gruppe Damen in festlichen Paillettenröcken, Glitzerhaarschmuck und Gewandungen in Animalprint (vorherrschend Zebra) nach, und wupps, stehe ich schon in der Schlange vor dem Eingang. Viel Betrieb hier, aber auch professionelles Crowd-Management, und schon bin ich im Merch-Bereich angekommen. Dort soll sich aufgehalten werden, wie die Schlangen vor Fotowänden mit Zirkuswerbung für Self- und Groupies (hihi), sowie Merch und Merch und Merch deutlichst belegen. Außerdem stinkt es. Nach Popcorn, das in Größen von Kosmetikmülleimerchen bis Putzkübel (mit Zirkuswerbung) feilgeboten wird, nach Nachos und Schlimmkäse, nach verschütteten Getränken auf Moderboden und nach viel zu vielen Menschen. Booaahhh, das ist nix mehr für mich!

Aber es dauert nicht mehr lange bis zum Einlaß und das riesige Zelt füllt sich schnell bis zum letzten Platz und los gehts: https://www.cirquedusoleil.com/de/alegria. Die Inszenierung hat eine Botschaft, falls das aus dem Video nicht erkennbar sein sollte: Lassen Sie sich von einer akrobatischen Ode an die unbezwingbare Kraft der Hoffnung mitreißen. Im Herzen eines einst glorreichen Königreichs, das seinen König verloren hat, wird Alegría Zeugin des Machtkampfes zwischen der alten Ordnung und der Jugend, die nach Hoffnung und Erneuerung strebt. Während der Hofnarr unbeholfen versucht, den Thron zu besteigen, erwacht auf der Straße ein wachsender Wunsch nach Veränderung, um dem Status quo zu trotzen und der Welt Freude zu bringen.

Es geht uns ein bißchen wie beim letzten Mal vor, oh je, oh je, 15 Jahren: https://flockblog.de/?p=8250. Die Akrobaten sind großartig, die ganze Schau bunt, die Live-Musik viel zu laut, die Kostüme eine abenteuerliche Mixtur aus Commedia dell’arte, Steampunkinas in Krinolinen, Sans-culottes, “Hell is empty and all the devils are here”-Kraft-Calibans in Netzhemderln, unglaublich biegsamen Geschöpfen in knalligen Ganzkörperhautenggymnastikzweithäuten, Aushilfsgladiatoren sowie blondperückten gold-weißen pseudogriechischen maximal Halbgöttern (Trapez) und man muß die Rahmenhandlung zwischen den Akrobatikaufführungen mit den beiden Clowns eigentlich nicht haben. Es geht, als ich sie in Gedanken Vladimir und Estragon taufe und mir tapfer meinen Beckett denke, aber s’wär ned nödig gwä.

Kurz vor der Pause fällt Schnee (weiße Papiervierecke), was bei der Begleiterin starkes Mißfallen an ihrer dekolletierten Kleiderwahl auslöst und in der Reihe vor uns den schönen Satz mithören läßt: “Schatz, du hast Schnitzel im Haar.” Der zweite Teil wird mit einem lustigen Laubbläserballett eröffnet und die so beblasenen Reihen werden kurz mit Tüchern abgedeckt, was im Publikum, das ohnehin sehr wohlwollend und begeisterungsfähig ist, Freudengejohle auslöst, dann turnen die Akrobaten wieder Weltklasseleistung vor und die Clowns dehnen die Vorstellungsdauer und dann ist es aus.

Ich fürchte, ich war schon damals im Cow Palace nicht die ganz richtige Zielgruppe für dieses Theater-der-Phantasie-Gedöns und das ist in den letzten 15 Jahren offensichtlich nicht besser geworden. Habe den Sonnenzirkus jetzt nochmal gesehen und nun ist gut. Will auch kein “Tout est possible”-T-Shirt. Ich bin die Art Mensch, die diese Botschaft eher erschreckend als erfreulich findet.

Nachtrag: Sorry, Frau W. aus S., ich habe den Palliativclown einfach nicht unterbringen können, bin aber sicher, dass er irgendwann durch meine Träume spuken wird.

Gelesen: Fiona Sironic – “Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft”

Das ist mal ein ganz außergewöhnliches Buch.

Ein Dystopie, ja. Sie behandelt die zunehmende Zerstörung und Überhitzung unseres Lebensraums, ja. Aber nicht nur das. Lange nicht nur das.

Sie behandelt auch die Vernichtung der Privatsphäre. Die, wohlgemerkt, freiwillige Vernichtung dieser Privatsphäre durch die dauernde Zurschaustellung in den sogenannten Sozialen Medien. Wiewohl: Wie freiwillig ist es, wenn man, wie die Bezugsperson der Heldin, als Tochter zweier Momfluencerinnen, als Projekt / Objekt / Subjekt von deren für die Welt inszenierte Truman-Show aufwächst?

Die Ich-Erzählerin ist sechzehn. Social Media ca. fünfundzwanzig Jahre alt. Ihre Geschichtsschreibung geht so: “Mama erzählt dann von früher, als sie ein Kind war, da hat sie einmal vergessen was sie beichten wollte, aber das war nicht in der Therapie, sondern in einem richtigen Beichtstuhl. In Mamas Kindheit war das noch normal, Kinder in Beichtstühle zu schicken, und in den Pfannkuchen war noch Bananen.”

Die Frauen in dieser Geschichte bewegen sich in einer eigenartig männerlosen Welt. Die älteren kämpfen um ihre (und ihrer Töchter) Existenz in einer zunehmend lebensfeindlichen Umgebung*. Die jungen Frauen und Mädchen suchen nach Ursachen. Wer ist der Feind? Was ist zu tun? Bumm?

Die Lösung ist schlußendlich radikal. Ein (vermeintlicher) Befreiungsschlag? Richtig? Falsch? So einfach macht es die Autorin ihren Lesern nicht. Selber denken.

Man muss sich erst einmal einlassen wollen. Aber dann entwickelt das Buch einen Sog. Lesen! Lesen! Lesen!

* Vergleichbar mit der Unerträglichkeit von Feuer, Hitze, Qualm, Rauch in Franziska Gänslers „Ewig Sommer“, s. https://flockblog.de/?p=47663.

Nachtrag: Die Natur hat es so eingerichtet, dass Frau R. aus M. immer ein paar Wochen vor mir Geburtstag hat und damit immer etwas früher fertig mit der Lektüre ihre Geburtstagsgeschenkbücher. Dann leiht sie mir die besten. Dankeschön.

Wieder in der Mediathek: München Mord – “Die ganze Stadt ein Depp” (1. Staffel, 7. Folge)

Was habe ich gelacht! Die Drehbuchautoren Kiefersauer und Liegl machen sich in dieser Folge ihren ganz persönlichen Schtonk!-Jux und lassen das schräge Ermittlertrio in gleich zwei Mordfällen vor dem Hintergrund eines Münchens im alljährlichen Oktoberfest-Ausnahmezustand ermitteln. Ist das schön! Ich möchte bitte auch ein Lebkuchenherz mit der Zuckergußaufschrift “Die ganze Stadt ein Depp” haben und gelobe, es ganzjährig prominent bei mir daheim aufzuhängen.

Wer’s anschauen mag, sei gewarnt, ich erzähle im folgenden meine appsoluten Lieblings-Lieblingsszenen. Ich glaube nicht, dass es die Freude am Anschauen schmälert, wenn man schon weiß, dass die kommen werden, aber das soll jeder für sich entscheiden. Oiso: Nicht, dass es nicht schon erwartbar wäre, wie die Geschichte mit dem Alliterationspfeifer Fridolin Fähr, Flötist aus Freudenstadt weitergehen wird. Aber jetzt samma mit gutem Grund in der Musikschule, dem ehemaligen “Führerbau”, wo dann ausgerechnet der Hausmeister (wir, die wir im Gegensatz zu Fräulein Flierl ganz gut im 3. Reich waren, denken da natürlich sofort an die Weiße Rose) einen schwunghaften Handel mit schwachsinnigen Nazi-Devotionalien betreibt. Natürlich brauchts dafür den windigen Striezi-Zwischenhändler, gleichermaßen Plastikdirndlverkäufer und NS-Memorabilia-mit-selbst-kopierten-Echtheitszertifikaten-Schieber. Ganz herrliche Figuren, allesamt. Und selber schuld, wer Bunkertüren öffnet und von einem Mann mit Zahnbürstenbärtchen zurechtgewiesen wird, dass nämlich gar niemanden etwas angehe, was er hier mit Frrrräulein Brrrrraun treibe. Hach! Vielfach-Hach! Noch-vielmehrfach-Hach!

Unbedingt anschauen! Anschauen! Anschauen!

Liebe Frau R. aus M., darf ich Sie für diese Empfehlung auf einen Kaffee im Disput hinterm Königsplatz einladen?

Gelesen: Heike Geißler – “Arbeiten”

Heike Geißler macht sich Gedanken. Gedanken zum Thema “Arbeit”. Was ist Arbeit eigentlich. Woraus leitet sie ihre Existenzberechtigung ab? Was macht sie mit dem Einzelnen, was mit einer Gesellschaft? Was ist der Wert der Arbeit? Ist sie ein Wert an sich? Warum ist nicht arbeiten eher mit negativer Konnotation verknüpft (“blaumachen”)?

Ich ertappe mich ständig dabei, wie ich das Buch sinken lasse, um erst einmal über Geißlers Denkanstöße nachzudenken. Dann gibt Momente, da kann ich ihre Gedanken nicht mitgehen, sie schweifen mir allzusehr ins Esoterische ab, in eine Utopie, in der jedes Individuum ganz und gar selbst bestimmt und dennoch als Teil einer Gesellschaft lebt. Und frage mich: wie bin ich sozialisiert, dass ich in einer solchen Aussage nur eine Utopie erkenne?

Angesichts einer Pfandflaschensammlerin unter ihrem Fenster:

Ich träume von einem Tag, an dem ihr die Wege mit Leergut gesäumt sind, und erinnere mich an diesen Morgen nach einem Parkfest, als ich zum Fluß joggte und dort die mannshohen Berge von Pfandflaschen sah, die die Stadtreinigung von den Uferwiesen zusammengetragen hatte.
Aber ich sollte mich für meine Träume schämen.
Ich muss mich entschuldigen.
Ich wünsche der humpelnden, rastlosen, verrenteten Arbeiterin nicht Pfandflaschen an den Wegesrand, sondern einen Zauberer des Wohlstands. Nein, ich korrigiere erneut: Ich wünsche ihr das Leben in einem zuverlässigen Staat, der aus Anstand, Verpflichtungsgefühl und Gesetzestreue zum Wohle aller agiert, erst recht zum Wohle jener, die einer staatlich abgesicherten Rente bedürfen.

Wer den Essay lesen will, sollte Zeit mitbringen. Ich traue mich nach dieser Lektüre nicht mehr zu sagen, dass es sich lohnt. Denn: Muss es das denn?

Sag mir, wo?

Ungefähr seit zwei Wochen, seit draußen alle Vöglein da sind und den Frühling in allen Ton- und Stimmlagen herbeizwitschern, sind sie weg, von meinem Balkon und ihrem Klo verschwunden. Quasi spurlos – und das will was heißen! Kein Guruh-guruh mehr, das mich morgens aus dem Bett holt oder irgendwann im Laufe des Tages zum Auf-den-Balkon-hinaus-rennen-und-hysterisch-mit-dem-Handtuch-scheuchen zwingt. Und das nicht nur bei mir, sondern auch bei den befallenen Nachbarn, wie wir uns gegenseitig erzählen, noch fast nicht bereit, es wirklich glauben zu können. Nicht, nachdem jeder und jede von uns alle möglichen Abwehrmaßnahmen durchexerziert hat. Ohne Erfolg, übrigens. Und nun wären die Kackbratzen auf einmal wirklich weg? Ehrlich wahr?

Gestern, an einem fast schon sommerlich trägen ruhigen Nachmittag höre ich es doch wieder in die Stille hinein grölen: Guruh-guruh. Ich springe mit einsatzbereitem Handtuch auf und da! Vom öberen (ich weiß, das Wort gibt es in der Hochsprache nicht, es passt aber) Dachfirst beäugt mich eine Einzeltaube und verlagert ihr Gewicht unruhig von einer Kralle auf die andere. Nix da! Hier ist besetzt.

Flieg doch rüber! Dahin, wo alle deine Kumpels jetzt ihre Bedürfnisse erledigen. Und bleibt gefälligst dort! Hah!

Nimmer ganz neu zum Strömen: “Black Doves”

Keira Knightley, immer noch so klapperdünn, dass man mit Michi Mittermaier versucht ist, ihr ein Wurschtbrot zu machen, aber, und das macht sie zu einem ausgesprochen angenehmen Anblick: sie hat eine Stirn, die sie in Falten legen kann (macht (wenige) Momente des Nachdenkens glaubhaft). Und Sarah Lancashire, immer noch großartig in sparsamer ausdrucksstarker Mimik und den kleinsten Gesten und so wunderbar böse und lakonisch, wie man sie schon in “Happy Valley” kennen- und lieben gelernt hat. Außerdem London; Weihnachten; MI5, MI6, CIA, namenloser chinesischer Geheimdienst; London; Weihnachten; Attentäter aus der Assassinenschule (weil sie alle noch so jung sind) und ihre Aushilfsrefendare (weil sie auch alle noch so jung sind); Mob-Familien, in denen die Chefs immer böse alte Weiber sind, immer; Downing Street N°10; auch Weihnachten; große Lieben; eiskalte Killer; ganz böse Verschwörungen (keiner ist, was er zu sein scheint, whoo-hoo!); schurkische Schurk-Schurken; Weihnachten mit Neuschnee zu Heilig Abend. Alles da, um eine wenn schon nicht großartige, aber doch ordentliche Mini-Serie draus zu machen.

Und dann verfilmen die ein Drehbuch, das mehr Löcher hat als ein durchschnittliches Schleppnetz, nichts, aber auch gar nichts ist glaubhaft, falls die Schauspieler und Innen je gefragt haben sollten, was ihre Figuren motiviert, haben sie keine Antwort bekommen und auf gut Glück irgendwas gewurstelt und wenn die Handlungsfäden gerade mal wieder rettungslos verknotet sind, hilft man sich mit Pyrotechnik (Explosionen und Massenschießereien) aus der Patsche, Keira schaut dramatisch und runzelt die Stirn und dann gehts weiter. Bis fünf Folgen abgedreht sind. Nein, stimmt nicht. Für die letzten 20 Minuten der letzten Folge ist keinem mehr was eingefallen, es schneit und sie walzen Weihnachten mit der Familie platt. Aaarrghhhh!

What an utter shyte. Nicht anschauen!

Aus dem Vokabelheft

Es gibt auf YouTube Tutorials für alles, warum also nicht nachschauen, ob es einen Trick gibt, mein gerissenes und neu aufgefädeltes Armband sicherer zu verknoten als beim ersten Mal? Angesichts der schieren Menge an Lehrvideos bin ich nicht sicher, ob meine verbleibende Lebenszeit reichen würde, die alle anzusehen, also entscheide ich mich für das erste beste.

Gute Entscheidung. Nicht nur habe ich jetzt das Gummiband sicher verknotet, nein, ich hab auch noch einen blogpost aus dem Umstand destillieren können, wie in Österreich die Enden von Gummibändern heißen…

Don’t know much about MINT-Fächer

In der Süddeutschen Zeitung steht heute, dass es sich bei den immer weniger Stimmen für die SPD um das folgende Phänomen handle: “Es ist ein Kreislauf nach unten.”

Ich war nicht besonders gut in Naturwissenschaften und bitte daher um Erläuterung: trifft es zu, dass auch Kreisläufe von der Schwerkraft betroffen sind? Weiß die Medizin davon?

Ach, und: Herzlicha Glüggwunsch, Cem!

Gelesen: Kathrin Wolf (Autorin) und Isabel Kreitz (Zeichnungen) – “In einem alten Haus in Berlin, ein Streifzug durch 150 Jahre deutsche Geschichte”

Dieses ausgesprochen schön besorgte großformatige Bilderbuch ist mit Unterstützung der Stiftung Stadtmuseen Berlin und in Zusammenarbeit mit den sechs Häusern entstanden. Ich kann leider überhaupt nicht einschätzen, wie alt ein Kind sein müßte, um dafür Interesse und daran Freude zu haben, könnte mir aber vorstellen, dass die an Wimmelbilder erinnernden Zeichnungen schon sehr junge Leserinnen und Leser zumindest unterhalten können.

Die Gestalterinnen lassen uns mit der Familie Schwartz am 1. April 1871 in die “Beletage” ihres neugebauten Wohn- und Geschäftshauses einziehen und gleich das zweite über eine Doppelseite gehende Bild ist eine Draufsicht auf diese schöne neue Wohnung mit allerlei Details von den Kaiserbildern aus dem “Dreikaiserjahr” über die neuen Rollschuhe bis zum hochmodernen Wasser-Closet. In kindgerechter, aber nicht dummer Sprache wird der Krieg von 70/71 und dann der erste Weltkrieg, mit aller Euphorie der Anfangstage, den Toten, den furchtbar versehrten Opfern bis hin zum Kohlrübenkochbuch angerissen. Republikgründung, Wirtschaftskrise, Weimarer Jahre… das kommt mir ein bißchen zu kurz – es mag aber auch daran liegen, dass mir diese Zeit so am Herzen liegt und mir noch so viel mehr zu erzählen eingefallen wäre. Besonders gut geraten ist die Doppelseite “1933 Gleichschaltung”, die gerade einem jungen Menschen gut vermittelt, dass auf einmal alles, die HJ-Puppe, das Gesellschaftsspiel, der Sportverein… nationalsozialistisch geprägt war.

Warum der 2. Mai 1945 vor den Kriegsjahren 1939 bis 1945 und Weihnachten 1948 vor der Nachkriegszeit und deutschen Teilung 1945 bis 1948 kommt verstehe ich nicht, muss aber vielleicht auch nicht sein. In den folgenden Seiten wird die Entwicklung zum Wirtschaftswunder vor allem durch die Interieurs der Wohnungen gezeigt, sehr toll. Außerdem macht es großen Spaß, weil ich mit dem Geschirr und den Vorhängen und Möbeln aus den mittleren Sechzigern aufgewachsen bin – ich kenne die unsäglichen Tapetenmuster und Papierlampen aus eigener Anschauung. Die Autorinnen erzählen immer aus der Perspektive der Bewohner des Hauses vom Mauerbau (auf einmal ist die beste Freundin weg), dem Mord an Ohnesorge und dem Anschlag auf Dutschke (der langhaarige Kerl, der dir Flausen in den Kopf setzt), besetzten Häusern (inklusive Bild vom Bastelbogen “Wie man ein Haus besetzt”), dem Fall eben dieser Mauer und der DDR und enden im Jahre 2021, als das erste Aufatmen nach Covid einsetzt.

Falls jemand in seinem Umfeld ein Kind hat, das dieses Buch zu schätzen weiß, dann ist es bestimmt ein gutes Geschenk. Ich habe viel gelernt und hatte insbesondere Spaß an den vielen Alltagsgegenständen, die Einzug in das bunte Gewimmel gefunden haben. Prilblumen, zum Beispiel (fragt Oma).

Lesen! Lesen! Lesen!