Gelesen: Florian Illies – “Generation Golf”

Vorrede: ich hatte das Buch bisher nicht gelesen. Nicht, als es brandneu und in aller Munde war und nicht, seit Illies sich zum Gottvater der literarischen Erinnerungskultur aufgeschwungen hatte. Erst jetzt. Und das ist gut so. Ich hätte mit diesem 28-jährigen Popper-Stiesel (allein das Autorenfoto der dem roten Bücherschrank entnommenen Ausgabe aus dem Jahr 2000…, meine Herren!) nie, nie und nie mehr wieder zu tun haben wollen. Das hätte auch der fast schon selbstironische letzte Satz seines Werks – Wir [die Generation Golf] haben, obwohl kaum erwachsen, schon jetzt einen merkwürdigen Hang zur Retrospektive, und manche von uns schreiben schon mit 28 Jahren ein Buch über ihre eigene Kindheit, im eitlen Glauben, daran lasse sich die Geschichte einer ganzen Generation erzählen. – nicht mehr geändert.

Es ist ja so, und das sage ich nicht neidlos, dass schon der Twenty-Something Illies einen sehr guten, flüssigen, angenehm lesbaren Schreibstil hat und seine “Inspektion” einer, nun ja, “Generation” in Kapitel mit Überschriften aus der Werbekampagne für den Golf IV zu überschreiben nicht ohne Witz ist und die Mühelosigkeit, mit der er im Text Werbeslogans und Zeitgeschichtliches einflicht, ist, ich sagte es ja schon, beneidenswert.

Es ist auch so, dass ich mich an dieselben Dinge erinnere wie Illies, zehn Jahre Altersunterschied machen da keinen großen Unterschied. Nur: die Moden, die Kosmetika, die Musik, die ihn prägten, das waren für mich die der “Anderen”, die der Popper und der abzulehnenden “Angepaßten”. Wir waren links (sehr unbestimmt) und dagegen (noch unbestimmter), trugen Jute statt Plastik und verstrickten grobe Naturwolle direkt von strohdurchsetzten muffelnden Strängen zu groben Westen mit Anden-Lamas. Wir waren die Guten, ach was, die Besseren, die zu Atomkraft, immerhin höflich, Nein Danke sagten und nie im Leben Golf gefahren wären, sondern Enten (Däschwo) und R4 oder R5, Hauptsache klapprig. Kurz, wir hätten diesen Bubi seinerzeit nicht leiden können.

Was der junge Illies seinerzeit im übrigen gar nicht bedacht hat, war, dass gesellschaftliche Grenzen innerhalb einer Generation immer auch Klassengrenzen sind. Allein der wöchentliche Speiseplan im Hause Illies mit einem, maximal zwei fleischlosen Gerichten hebt sich doch deutlich von den Haushalten ab, die ich als junger Mensch kennengelernt habe. Auch der textile Aufstieg von “Fruit of the Loom” to “United Colours of Benetton” ist vollkommen an mir vorbeigegangen (wobei nicht auszuschließen ist, dass dafür möglicherweise auch das pietistisch-schwäbische Umfeld verantwortlich ist). Man hätte sich diese Klamotten, wäre es einem damals wichtig gewesen, aber auch erst mal leisten können müssen.

Mit einer Erkenntnis hat er allerdings, fürchte ich, nicht unrecht: “Das Gros der Generation Golf jedoch kümmert sich allein um die Zukunft der eigenen Arbeitsstelle und die eigene Familienplanung. Wir glauben, daß Gesellschaft funktioniert, ohne daß man etwas dafür tun muß, so als hätte man einen ewigen Dauerauftrag aufgegeben.”

Yup. Das beißt uns jetzt.

Ich gebe das Buch wieder in den roten Bücherschrank zurück. Als zeitgeschichtliches Dokument nicht uninteressant, aber ich hätte auch gut alt werden können, ohne es zu kennen.

Petri Heil

Der Mensch, der für das Befüllen der Tiefkühltruhen im Supermarkt zuständig ist, ist entweder der ultimative Fitneßfanatiker oder er leidet unter ganz entsetzlichen Verlustängsten oder er haßt seine Kunden, und zwar ganz spezifisch mich. Warum sollte er sonst den gefrorenen Fisch, den ich immer kaufe, soweit hinten in diesen riesigen Eissärgen plazieren, dass ich, obwohl durchschnittlich lang, auf gar keinen Fall an die Packungen ganz hinten reichen kann.

Jedes Mal, jedes, jedes, jedes Mal, wenn ich Fisch kaufen will, muss ich, nach meinem initialen Reck-und-Streck-Workout, nach jemanden suchen, der größer ist als ich und an ihn (es ist meistens ein Mann) und seinen inneren Ahab appellieren, mir ein Päckchen oder zwei zu fischen. Und jedes Mal, jedes, jedes, jedes Mal, muß ich mir dann irgendeinen dummen Heldenspruch anhören, wie, dass ich vielleicht eher der Fischstäbchentyp (liegen ganz vorne) sei oder wie toll es (er) ist, dass er mich vor dem Hineinfallen bewahrt hat oder…

Werter Supermarkttiefkühltruheneinräumer, wir haben jetzt zwei Optionen: entweder, Sie legen meinen Fisch ab sofort weiter vorne hin, oder ich rüste für zukünftige Einkäufe mit einem Kescher auf. Können Sie sich aussuchen.

Aus voller Brust!

Von einem der Schleusen-auf-Schauer gestern bis auf die Knochen naß, die Sicht durch die verregnete Brille sehr begrenzt, fordert mich eine Dame (sag ich jetzt so, weil ich die noch nicht besser kenne) auf, mich hier in diesem Kabäuschen “obenrum frei” zu machen, die Schuhe könne ich anbehalten. Anschließend hat diese Person (jetzt kommen wir der Sache schon näher) nichts besseres zu tun, als mit Gummihandschuhen auf der klammen Haut meine Brüste (aaauuuaaah!) herumzuzerren und zu ziehen, zu drücken, zu zwicken und zu pressen (“Schieben Sie die Warze weg da!”) bis erst die rechte, dann die linke der Form einer Maschine anpasst ist und Bilder gemacht werden können.

Ja, ich war ein-, nein, dem Ton des Schreibens nach eher vorgeladen zum “Mammographie-Screening Bayern”, ein Programm zur Früherkennung von Brustkrebs für Frauen zwischen 50 und 75 Jahren. Das ist an sich eine gute Sache. Die Untersuchung ist jedoch sehr grob und erstaunlich schmerzhaft. Nein, das sage nicht nur ich. Alle Frauen im Wartebereich sind sich sicher und bestätigen einander das auch gut vernehmbar, dass, handelte es sich um ein an Männern vorgenommenes Prozedere, längst, lähängst eine weniger schmerzvolle und entwürdigende Version erfunden worden wäre.

Die gibt es jetzt schon, wie mir eine steckt: die Untersuchung könnte von erfahrenen Diagnostikern auch per Ultraschall durchgeführt werden. Tut kein bißchen weh, ist aber dafür eine nicht von der Krankenkasse übernommene “Individuelle Gesundheitsleistungen” (IGeL).

Hrrgggn.

Gelesen: Jan Weiler – “Antonio im Wunderland”

Weiler schreibt das literarische Äquivalent zum Sorbet. Irgendwie nett, lecker, luftig und, wenn gut gemacht, mit einer erkennbaren Substanz, aber irgendwie auch verzichtbar. Dies gesagt habend, will ich eins klarstellen: ich meine das nicht böse. Es ist nur die typisch deutsche Trennung zwischen E und U.

Schon sein Erstling “Maria, ihm schmeckts nicht”, der von den Akklimatisierungsversuchen eines deutschen Schwiegersohns bei der italienischen Großfamilie seiner Frau erzählt, ist so. Heiter und vergnüglich – und dabei scharf beobachtet. So ist auch diese inzwischen 20 Jahre alte quasi Fortsetzung, die von Weilers Reise mit Schwiegervater Antonio nach New York erzählt. Kann man lesen, muss aber nicht sein.

Wer noch was für einen faulen Nachmittag am Meer sucht, ist damit glänzend bedient.

Vorhin, beim Optiker

Mutter und ca. zehnjähriger Sohn suchen eine neue Brille für den Knaben aus. Der scheint, wenn auch unbewußt, eine Neigung zu großen Namen zu haben, die Auswahl wird aber von der Frau Mama abschlägig beschieden: “Nein, eine Brille von dem Hugo nehmen wir nicht.” Warum? “Die zerkratzen viel zu leicht.” Ich kann ein halblautes Kichern nicht unterdrücken, und weil Muttern gar so intensiv zu mir herguckt, stimme ich zu, dass ich das auch gehört hätte und die gerade beim Sport leicht kaputtgehen (der Bub trägt ein Messi-Trikot).

Weil’s eh schon wurscht ist, und der Ladenschwengel mit meiner neuen Lesebrille immer noch nicht aufgetaucht ist, deute ich dann noch auf den Ständer mit den kostenlosen Fassungen, wo ich meine neue auch gefunden habe und fasele was von deren Stabilität. Das bringt mir bei Mutti Brownie-Points (fragt Oma aus Amerika) und dürfte der Haushaltkasse ein allzugroßes Loch ersparen (die Gläser kosten ja trotzdem).

Ich finde, das reicht als gutes Werk für heute und gehe, wie einst Palmström, glückverklärt nach Hause. Mit meiner neuen Lesebrille, an der wieder drei Optiker unglücklich wurden (“Nein, nein, die Fassung für umme reicht völlig und die billigsten Gläser auch. Hauptsache, richtig gemessen und korrekt geschliffen.”). Hmmm. Beeinträchtigen drei traurige Verkaufspersonen möglicherweise den Effekt der guten Tat?

Nö.

Ante portas

Nur noch ein paar Tage und die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz sind nicht mehr einsturzgefährdet. Juchhe!

Prompt wird der Schienenersatzverkehr aufgehoben werden und Menschen aus aller Welt in Festverkleidung (wobei ich bei der Dame rechts unten vermute, dass sie Antje heißt und in der Milchwirtschaft tätig ist – fragt Oma) wie im Rausch durch den Münchner Untergrund brausen. Oans. Zwoa…

Vorhin, im Schienenersatzverkehr

Für die Ansagen in diesem Bus ist offensichtlich eine dänischsprachige KI (kurz: DKI) zuständig und verbreitet einen gewissen Hamlet-Vibe. Statt wie sonst immer langweilig von der Impler- zur Poccistraße über den Goetheplatz zum Sendlinger Tor spediert zu werden, geht es heute zur Potseestraße via Godeplatz nach Sellingor.

Ich habe das gerne, wenn die so kreativ sind (s. https://flockblog.de/?p=54031). Es macht diese eigentlich unerträgliche Herumkutschiererei irgendwie aushaltbarer.