Ich war gestern um Viertel nach Fünf am Rosenheimer Platz verabredet.
Normalerweise dauert es von hier nach dort mit der Bahn/den Bahnen nicht mal eine halbe Stunde, aber zur Zeit ist es, noch dazu am Wochenende, reines Glücksspiel. Also breche ich um 16:00 Uhr auf und habe ein angebissenes Buch dabei.
Schon beim Einsteigen ist die U-Bahn zum SEV-Bus rappelvoll mit Sailor Moons und Anime-Geschöpfen mit Spitzenmiedern, Wipperöckchen, Spitzenstrümpfen, abstehenden Zöpfchenen und jeder Menge Gebimsel und Gebamsel und Schleifchen hier und Spitzchen dort – und eine jede kunstvoller geschminkt als die andere und Glitzer auf allem, wo Glitzer irgendwie haften kann. Mit jeder Station werden es mehr, der Geräuschpegel dürfte ungefähr bei Gänsefarm kurz vor Weihnachten liegen… irgendwas muss ich verpasst haben. Hab ich, aber nachdem sich mehr und mehr Frauen aller Altersgruppen mit BTS-Tour-T-Shirts noch dazuquetschen wird mit klar: die Jungs haben ihren Wehrdienst absolviert und sind wieder auf Sing- und Hüpftour.
Und: diese Wesen, mit ihren Feenflügelchen und durchsichtigen Alles-Mögliche-Beuteln wollen als nächstes in meinen SEV-Bus. Alle. So unauffällig wie es nur geht dränge ich mich an der Behelfsbushaltestelle ganz nach vorne und habe nach einer Viertelstunde Wartezeit einen Saudusel: eine Zusteigetür hält genau vor mir. Hätt’ ich selbst nicht gedacht, wie schnell und wendig ich mich in den Fenstersitz schrauben kann. Ab da ist mir alles wurscht, selbst Sauerstoffmangel und Lärmpegel, ich sitze gut und will ja mal nicht so sein.
Der Bus schaukelt durch die Baustellen und Staus in Schlachthofviertel und Lindwurmstraße, umfallen kann keine, so dicht gesteckt wie die sind, zusteigen eigentlich auch nicht, trotzdem drängen immer noch ein paar dazu, uff! Aber sie sind alle lieb und nett und achtsam miteinander und so verläuft auch das Aussteigen am Sendlinger Tor ohne Zwischenfälle. Beim Versuch, zur U-Bahn abzusteigen, gibt es einen leichten Rückstau, denn der Bahnsteig unten ist schwarz vor Fan-Girls, aber auch der löst ich irgendwie auf und in der dritten U-Bahn, die hier voll beladen abfährt, finde ich für die eine Station, die ich bis zum Umsteigen in die S-Bahn am Marienplatz fahren muss, einen Stehplatz.
Nach eineinviertel Stunden treffe ich, ganz genau pünktlich, zu meiner Verabredung ein und die Mädels sind unterwegs zum Konzert. Alle glücklich.
Auf dem Heimweg treffe ich sie alle alle wieder. Verschwitzt, mit teilweise aufgelöstem Make-up oder Frisur, Laufmaschen und Trägern auf Halbmast sowie angeknitterten Flügelchen oder Matrosenkäppis. Aber glücklich. Und noch lauter als auf dem Hinweg, weil sie jetzt ständig Best-of-Medleys anstimmen und dann alle alle alles mitsingen. Tanzen geht in der Enge nicht, aber es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätten.
Glückwunsch, koreanische Unterhaltungsindustrie. Erfolgreicher geht nicht. Die Literatur leidet allerdings: ich habe mein Buch nicht einmal aufgeschlagen.

