Gelesen: Anna Gmeyner – “Manja. Ein Roman um fünf Kinder”

Wem der Name Anna Gmeyner nichts sagt, dem geht es wie mir. Es ist wieder einmal ein Beleg, wie grausig erfolgreich die Kulturvernichtung und Bücherverbrennung der Nationalsozialisten war.

Gmeyner war in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine bekannte Theater- und Drehbuchautorin, unter anderem für G. W. Pabst, dem Daniel Kehl vor zwei Jahren mit “Lichtspiel” (s. https://flockblog.de/?p=48978) ein Denkmal gesetzt hatte, arbeitete als Dramaturgin unter anderem für Erwin Piscator und ihre Lieder und Balladen wurden von Größen wie Ernst Busch vertont. Sie war zum Glück im Frühjahr 1933 mit Pabst in Paris und kehrte nicht mehr zurück. In den nächsten Jahren wurde sie zu einer der bekanntesten Autorinnen der deutschsprachigen Exilliteratur: Ihr Theaterstück “Automatenbüffet” (das aktuell im Marstall in München läuft und dem ich die Bekanntschaft mit ihr verdanke) wurde interessanterweise noch 1933 am Schauspielhaus Zürich mit Therese Giehse uraufgeführt.

“Manja. Ein Roman um fünf Kinder” erschien 1938 bei Querido in Amsterdam, in dem viele der “verbrannten Dichter” eine neue Heimat gefunden hatten. (Links ist ein Auszug aus dem Verlagsprogramm mit den Neuerscheinungen aus dem Herbst 1933, das sich wie ein Who’s who liest.)

Mit dem Einmarsch der Nazi-Armee im Mai 1940 wurde der Verlag geschlossen und geplündert. Querido und seine Frau wurden im KZ Sobibor ermordet, sein Partner, der Verleger Landshoff entkam dem sicheren Tod, weil er sich zufällig im Ausland aufhielt und führte die deutsche Abteilung des Verlags nach 1948 fort.

Nun zum Buch. Gmeyner beschreibt in einer sehr bildhaften, stark am Film orientierten Sprache die Entwicklung des Weimar-Deutschlands der Zwanziger Jahre, am modellhaften Beispiel fünfer Kinder. Sie werden alle in derselben Nacht von Eltern gezeugt, deren Beziehungen zueinander nicht unterschiedlicher sein könnten, ein jedes in ein anderes Milieu, gesellschaftlich, politisch, weltanschaulich.

Dennoch finden sie, es sind Kinder, über Klassen- und andere Unterschiede hinweg zu einer Freundschaft zusammen, Manja, das einzige Mädchen und die vier Knaben. Gmeyner läßt sie sehr lange sehr unschuldig sein, eine fast verklärte Sicht auf das, was Kindheit ausmacht, bis das Leben (sie werden älter) und die äußeren Umstände in ihr Paradies einbrechen. Der linke Vater in ein Lager verschleppt, der rechte steigt feist in der braunen Partei auf, der emporgekommene Kriegsschiebervater mißhandelt Frau und Sohn, bis dieser zerbricht, der Humanistenvater verzweifelt an den Zeiten. Es gibt eine Stelle, die mich bis ins Mark getroffen hat, in der er, längst mit Berufverbot belegt, versucht, einen früheren Freund und Kollegen dazu zu bringen, ein Unrecht, das Manja widerfährt, zur Anzeige zu bringen:

Laufen gegen diese Watte, den ganzen Tag. Kein Widerstand! Watte! Es hält nicht stand, es wehrt sich nicht, man schlägt allein. Alle verständigen sich, allen ist alles klar. Ich kenne die Geheimsprache nicht. Ich bin nicht dabei. … Ich verstehe das schon. Bei dir, bei uns. Ich verstehe, dass Geschehenlassen auch Handeln ist, genauso absolut und verantwortlich. Dass die Sache für dich eine Kleinigkeit ist und dass ich kein Recht habe, von dir ein Opfer zu verlangen, und dass du mich für einen Narren hältst und dass primitive Sprichwortsätze wie: Gleiches Recht für alle, das Minimum der Gesittung, nicht mehr gültig und erreichbar sind und dass kein Halt mehr ist, überhaupt kein Halt, wenn man diesen archimedischen Stützpunkt der einfachsten Moral aufgibt. Entschuldige, dass ich dich belästigt habe.” …
[Der so angesprochene antwortet:] “Du hast dich nicht verändert. Du nimmst dir alles noch so zu Herzen. … Die Welt draußen war immer niederträchtig. Ein bisschen mehr oder weniger spielt doch keine so große Rolle.”

Manjas Herkunft ist gleichermaßen ihr Urteil. Aus Polen. Und Jüdin.

Gmeyner kennt die Milieus, über die sie schreibt und trifft sie genau. Interessant ist, dass ihre Perspektive sich meist aus dem “male gaze” nährt. Ich vermute, ohne es belegen zu können, dass sie sich als Frau ihrer Zeit nur so gegen Vorwürfe wie “Rührseligkeit” absichern konnte. Und so bleibt sie in ihrer Allegorie gnadenlos und läßt den Nachgeborenen keinen Raum, die Söhne folgen dem Pfad der Väter, selbst, wenn es sie zerreißt.

Man sollte dieses Buch lesen! Mein ausgesprochen gut besorgtes Exemplar aus dem Aufbau-Verlag kann entliehen werden.

Abwehrstrategien

Wenn es wieder viel zu früh guruht, empfehlen wir dem und der Schlafwilligen folgendes Vorgehen:

  1. Einnehmen der Seitenlage
  2. Das auf dem Kopfpolster befindliche Ohr tief und mit Druck in dasselbe pressen
  3. Den in Kopfnähe befindlichen Zipfel der dicken Winterdecke dreilagig falten und diese mit einer geschickten Handbewegung (erfordert etwas Übung) und fest gegen das andere Ohr drücken
  4. Augen schließen
  5. Weiterschlafen, bis die Liftbauer bohren

Diese sogenannte “Schalldämpfer-Schlafposition” garantiert Ihnen bis zu zwei Stunden mehr Schlaf, an Sonntagen (der Tag, an dem selbst Aufzugbauer ruhen) ggfs. sogar mehr.

Gute Nacht!

Mei Ruah wui i ham!

Dem Morgen graut noch nicht recht, mir aber schon. Es ist noch keine fünf Uhr früh und mir träumt von Guruh-Guruh. Echt jetzt? Flattern die mir schon in meine Nächte? Ma-hann! Je mehr ich mich aus Morpheus Armen winde, desto mehr ist der Traum keine Traum mehr: die Paloma-Frühschicht hockt da draußen und lärmt. Also raus aus dem Bett, Scheuchhandtuch gepackt und wedeln, was der schlaftrunkene Arm hergibt. Sie flattern in Schwärmen auf. Ungelogen. Also mindestens ein (1) Schwarm. Was soll das?

In den nächsten Stunden wiederholen wir die Übung. Mehrfach. Ich neige nicht zu Wutanfällen, aber als ich am Spiegel vorbeikomme, sehe ich kleine Dampfwölkchen aus meinen Ohren quellen. Inzwischen sind auch die Bohrhandwerker, die hier den neuen Aufzug einbauen, vollzählig zum Lärmen angetreten. Ihre Gerätschaften zerfetzen Stahlbeton, meine Plomben beben. Hrrrrggggnnnn!

Laßt mich doch alle zufrieden. Mensch!

Als wären sie nie weggewesen

Mein Balkon ist per Definition der Ort, wo ich mit der Freundin kaffeeklatsche, mal schnell die nassen Sachen raushänge oder (und ganz besonders) der Platz, an dem ich mich in einem angemessenen Verhältnis von Licht und Schatten meiner Lektüre hingeben kann. Mein Balkon ist kein Taubenklo!

Fast zehn (10) Tage lang war mein Balkon mein Balkon. Wundervolle Zeiten.

Heute morgen hat mich das erste Guruh gegen sieben (7) – was für eine Unverschämtheit – geweckt und seitdem bin ich unzählige Male zum Wedeln draußen gewesen. Sie kommen im Rudel angeflattert, landen auf Geländer, Tisch und Stühle, kacken kurz und schauen dann blöd zum Fenster herein, während ich wutentbrannt zum nächsten Wedeln ansetze. Zu dritt, zu viert, zu fünft, tiefenentspannt. Auffliegen tun sie nur, wenn ich sie mit dem Handtuch treffe, der Nebentaub bleibt sitzen und wartet, ob ich nicht vielleicht doch aufgeben will. (Nein, will ich nicht.)

Ich habe den Eindruck, die waren in Urlaub. Und sind jetzt gut erholt und vollgefressen. Hrrrrggggnnn. Was mach ich bloß?

Vielleicht könnte ich auch vergiftete Zettel aushängen?

Gelesen: Antonia Baum – “Achte Woche”


Eine junge Frau – eine Abtreibung, ein Kind, kein Partner – ist schwanger. Sie schreibt an ihrer Dissertation, jobbt in einer gynäkologischen Praxis. Tag für Tag versorgt sie dort schwangere Frauen, sieht ihre Freude, ihre Unsicherheit, ihre Wege zur Gewissheit. Für manche ist es das größte Glück, für andere eine Katastrophe. Sie bekommen ein Kind oder brechen ihre Schwangerschaft ab, und Laura weiß nicht, was sie selbst tun soll. Eigentlich ist es ganz klar, denkt sie. Und zugleich: wie soll man eine solche Entscheidung überhaupt treffen?

Statt selbst eine Zusammenfassung zu schreiben, zitiere ich vorgehend den konzisen Klappentext.

Das schmale Büchlein hat mich sehr beeindruckt. Als Leserin nimmt man Anteil an einem ununterbrochenen inneren Monolog, an den Gedanken, den Optionen, den Freuden, den Schrecken, die permanent durch den Kopf der Protagonistin kreisen – und kommt wie sie nicht aus. So, wie man unvermittelt in den Gedankenfluss gerät, taucht man auch wieder auf, ohne zu wissen, wie er endet.

Keine leichte Kost. Aber mit großem Gewinn zu lesen!