Ich bin ja in einem Gärtnerhaushalt aufgewachsen und deswegen sehr genügsam, was die Menge an Grünpflanzen bei mir daheim betrifft. Beläuft sich ziemlich genau auf Null.
Mir reicht meine Minisolarwackelpflanze auf der Fensterbank. Sobald sie nämlich auch nur von einem leichten Sonnenstrahl getroffen wird, wackelt das Dingele frenetisch mit seinen Blüten und macht dabei ein leicht scheuerndes, aber sehr dezentens Geräuschle. Und das sagt mir, die ich morgens ohne Brille noch tastend zurück ins Menschsein finde, dass heute die Sonne scheint und alles ist gut.
In diesem Sinne: einen schönen Dienstag allerseits.
Viel besser gehts nicht! “Cabaret” ist zu meiner Überraschung schon gut über fuffzich und noch so jung und morgenfrisch wie ehedem. Alle verfügbaren Hüte ab! Echt jetzt!
Liza Minnellis Sally Bowles ist ein kleines akrobatisches Persönchen mit einer riesengroßen Stimme und als Figur extrem versatil, alles, vom großäugigen kleinen Mädchen mit einem großen Traum bis zur zynischen Großstadtpflanze, die halt tut, was sie tun muss, um zu überleben – und alles dazwischen. Besser hätte man diese Rolle nicht besetzen können.
Überhaupt, dieses Jahr soll er ja endlich kommen, der Oscar fürs Casting – dabei wäre er schon damals mehr als verdient gewesen. Ich hätte ja beinahe vergessen, dass Fritz Wepper mal was anderes getan hat, als den Wagen zu holen (fragt Oma) oder wie unwahrscheinlich schön der junge Helmut Griem war und wie schnuckelig der sehr junge Michael York. Ganz und gar außergewöhnlich ist Joel Grey, der stark geschminkte Zeremonienmeister, an den sich wahrscheinlich alle von seinem Eröffnungsauftritt im KitKat-Club mit “Willkommen-Bienvenue-Welcome” erinnern. Ich habe jetzt erst verstanden, wie diabolisch-mephistophelisch die Rolle angelegt ist.
Der Film basiert auf einem Broadway-Musical, das auf den autobiographischen Geschichten von Christopher Isherwood basiert und hat von all dem das beste mitgenommen. Worum es geht? Zusammengefaßt um die Schicksale aller Sorten Menschen aus Sub- und Hochkultur in ein paar Monaten im Jahr 1931 in Babylon Berlin, während die Nationalsozialisten aufsteigen. Zunehmend lauter. Er hat insgesamt acht Oscars bekommen, nur nicht den für den besten Film. (Ist aber auch kein Wunder, wenn man gegen “The Godfather” antreten muss.)
Unbedingt einmal wieder anschauen, anschauen, anschauen und sich überraschen lassen. Unbedingt!
In “The Producers” sind noch älter, aber wirklich gut gehalten und immer noch sehr lustig. Der Produzent Max Bialystock (Zero Mostel) und sein zurückhaltender Buchhalter (Gene Wilder) wollen den ganz großen Coup landen. Viel Geld einsammeln und eine sehr sehr schreckliche billige Broadway-Show produzieren, die ganz sicher durchfällt, maximal eine Vorstellung, und dann mit dem restlichen Geld durchbrennen. “Springtime for Hitler” also.
Ist auch schrecklicher, als es gerade noch möglich scheint. Man möchte eigentlich alle paar Sekunden anhalten, um nichts von dem zu verpassen, was sich Mel Brooks ausgedacht hat. Vom Bierschaum-Mieder bis zum Eisernes-Kreuz-Nippel-Schutz… wer nicht so genau hinguckt, wähnt sich in einem Bayern auf Speed. Wer genau hinguckt, auch. Leider geht sein Plan nicht auf. Weil sein Publikum gar so gebildet ist, halten sie die Show für Satire und sie wird ein Erfolg – und nun hat der arme Bialystock erst recht ein Problem…
Auch unbedingt noch einmal anschauen, anschauen, anschauen!
Dieser Tage stand in der Süddeutschen ein Artikel von Philipp Bovermann* mit der Überschrift: “Filme und Serien werden immer dümmer”, der kurz zusammengefaßt beschreibt, dass es beim Schreiben nicht mehr um Überraschungen geht, dramaturgischen Aufbau und Spannungsbögen, sondern darum, dass der nebenher auf dem Handy daddelnde Konsument “dranbleibt”. Alles, was geschieht, wird von den handelnden Protagonisten deswegen noch einmal verbal erklärt. “Die Tendenz geht eindeutig zum Hörspiel.” Der Algorithmus gibt vor, was “die Leute” sehen wollen, basierend auf Meßergebnissen. Aber “Algorithmen – künstliche Intelligenz – sind nicht kreativ. Sie bilden kleinste gemeinsame Nenner. Sie sind Normalisierungsmaschinen.” Statt Experimenten, die auch einmal schiefgehen können, werde nur mehr massenkompatibler Brei produziert. Netflix nennt dergleichen “‘Gourmet-Cheeseburger’ – etwas, das allen schmeckt, bisschen ungesund vielleicht, aber geil.”
Und nun zur 4. Staffel des Lincoln Lawyer, einer Serie, die ich bis dato wirklich gerne gesehen habe (und die besser ist, als der Film mit Matthew McConaughey aus dem Jahr 2011 – und das sage ich nicht leichtfertig). Bisher war die Serie so angelegt, dass es einen über die gesamte Staffel andauernden Erzählstrang und pro Folge mindestens einen großen glänzenden Auftritt im Gerichtssaal gab, in dem Manuel Garcia-Rulfo als Underdog in allerletzter Sekunde gegen das System siegte, meist repräsentiert durch Vertreter und Innen der Anklage, die mit Schurken aus Verbrechen, Politik oder Big Money gemeinsame Sache machten. Aber nicht mit Mickey! Hah!
Die 3. Staffel hatte mit einem Cliffhanger geendet. Während einer Routineverkehrskontrolle wurde im Kofferraum von Mickey Hollers blauem 1963er Lincoln Continental Convertible ein Toter gefunden und zu Beginn der 4. Staffel finden wir ihn, den Staranwalt, unter Mordverdacht im Knast. Hah! Von wegen Routine! Das hätte man sehr schön in zwei bis drei spannenden Folgen auflösen können. Stattdessen geschieht, was in dem SZ-Artikel beschrieben wird: jede Figur und ihren Beziehungen untereinander wird doppelt und dreifach erklärt und wenn die Figur mal eine Folge lang nicht oder wenig sichtbar war, wieder neu. Alles, was diese Leute tun, wird nicht gespielt, sondern erläutert, von ihnen selbst, von anderen, in hanebüchenen Dialogen. Gedehnt, gestreckt, breitgetreten. Ein Hefeteig wäre längst übergangen. Diese Serie dauuuert, es ist schlichtweg schmerzhaft. Man wird geradezu gezwungen, sich mit irgendwas nebenher zu beschäftigen, weil einem fad ist. Denn es braucht ganze zehn Folgen, bis der arme Kerl von allen Vorwürfen entlastet und der wahre Schurke (das System) gefunden ist.
What an utter shyte! Nicht anschauen! Lieber gleich der Nebenbeschäftigung nachgehen.
Während man nicht jünger wird, wird die Erinnerung an die Zeit, in der man mal jünger war, wieder klarer.
So, nach dieser Binsenweisheit zum eigentlichen Thema, dem Häher.
Häh? Man lasse mich ausholen: Es begab sich zu einer Zeit, als die Hausaufgabe über die Weihnachtsferien darin bestand, einen bebilderten Aufsatz (fragt Oma) zum Thema “Wer kommt zum Vogelhäuschen?” zu erstellen. Damals, in den dunklen smartphonelosen Tagen (fragt Oma), bedeutete “Bebilderung” das Anfertigen eigener Zeichnungen per Hand (fragt Oma) mit Farbstiften (fragt Oma). Hinzukamen kurze Berichte über jeden Vogel mit Füller in Schreibschrift (fragt Oma) auf vorher mit Bleistift und Lineal (fragt Oma) sorgfältig gezogenen Linien, die, wenn die Tinte trocken war (fragt Oma) wieder ausradiert (fragt Oma) wurden. Die einzelnen Blätter wurden gelocht (fragt Oma) und in einen Schnellhefter geheftet (fragt Oma) und mit nicht geringem Stolz bei Fräulein (fragt Oma) Gebhardt mit dem schwarzen Dutt abgegeben.
In der Stunde, in der die benoteten (fragt Oma) Arbeiten zurückgegeben wurden, schleppte Fräulein Gebhardt ein schweres Tonbandgerät (fragt Oma) in den Raum. Die Schülerinnen und Schüler, die in ihren Augen das beste Bild des entsprechenden Vogels gemalt hatten, durften nach vorne kommen und es der ganzen Klasse zeigen und Fräulein Gebhardt spielte dazu eine Aufnahme des dazugehörigen Vogelgesangs.
Deswegen weiß ich, dass der Brüllvogel, der mich heute aus dem Schlaf gelärmt hat, ein Häher war. Ich kann nur hoffen, dass er sich, gerne mit Familie, hier im Innenhof ansiedelt. Wenn schon sonst nichts hilft: ein ordentlicher Raubvogel dürfte den Paloma-Kack-Geschwadern Einhalt gebieten.
Sir Stephen versteht sich darauf, eine uralte Geschichte so neu und frisch und mit einem (vielen) sehr liebenswerten Augenzwinkern zu erzählen – ein Hochgenuß!
Es ist egal, wie man sich der Geschichte nähert, selbst lesen oder vorlesen oder, noch besser, vorlesen zu lassen. Vorzugsweise vom Meister selbst – merk ich mir für den nächsten Winter. Bis dahin kann, wer mag, mein Exemplar entleihen und ebensoviel Freude haben wie ich.
Zwischen Mit-vollen-Wäschekörben-in-den-Keller-laufen und Warten-bis-es-Zeit-ist-die-nächste-Maschine-zu-befüllen hatte ich mir die Eröffnungsmonologe der wichtigsten US-Late-Night-Shows in jeweils neue Tabs geladen. Das sieht dann so aus und ist in sich schon deprimierend.
Noch schlimmer ist aber, das ich die nämliche Ansicht schon vor viel zu wenigen Tagen schon einmal hatte, und die Idee für einen blogpost keimte, aber dann war das Internet schon wieder weiter und die Ansicht perdu. Ich hab mich einen Moment lang geärgert, dann aber mit dem Gedanken trösten können, dass es nicht lang dauern kann, bis es wieder soweit ist. (Man denke: das gildet heutzutage als Trost, aarrrgghhh!)
Sie werde, sagt die aus Kroatien stammende Freundin, demnächst umziehen. In eine “Blindstrasse”. “Wohin?”, frage ich und bekomme erklärt, dass die Straße an einem Park endet.
Und dann freuen wir uns beide, dass unsere Sprachen so kreativ sind und inhaltlich ja kein großer Unterschied zwischen “Sack” und “blind” ist. Nämlich.
Wahrscheinlich ist die eigentliche Zielgruppe für diesen dreibändigen Comic ein halbes Jahrhundert jünger als ich. (Boaah, wenn ich das so ausgeschrieben sehe, läuft es mir sehr eiskalt den Rücken herunter…) Aber das macht nichts. Denn die Ausgangsidee, was wäre wenn es auf einmal keine Schwerkraft mehr gäbe, kein automatisches “Was-oben-ist-fällt-nach-unten” ist ein ganz großartiges Gedankenexperiment, das Henderson und Garbett sprachlich wie graphisch ausgesprochen gelungen umsetzen.
Wer junge Menschen um sich hat, gebe ihnen die Bücher zu lesen und schaue auch selbst hinein. Ich verspreche: es wird euer Schaden nicht sein.
Drunten in der Passage werben zur Zeit Täuberiche, während sie mit breit aufgefächertem Schwanzgefieder aufgeregt herumhüpfen, in den höchsten Tönen gurrend um die Gunst von Taubendamen. Soweit ich sehen kann, versuchen die so Bebalzten, diesen testosterongeladenen Monstern zu entkommen, wobei ich nicht sicher bin, wie ernst sie es meinen, denn sie unternehmen diese Fluchtversuche zu Fuß.
Mann, Mädels, ihr habt Flügel! Wenn ihr wirklich wolltet, genügte einmal auffliegen – und fort. Jetzt mal im Ernst: Wollt ihr euch das wirklich antun? Nest bauen, Eier legen, Eier ausbrüten, Brutfutter besorgen und so weiter? Nicht zu sprechen von den Menschen, insbesondere mir, die euch inzwischen aus voller Seele hassen und alles tun werden, euch von ihrer Wohnstatt (vulgo: mein Balkon) fernzuhalten.
In diesem Sinne: Bleib stark, Paloma! Such dir ein Hobby.