Gelesen: Ryan Gattis – “Safe”

Das ist wahres Rentnerglück: ein Buch anzufangen und dann bis in den nächsten Morgen um kurz nach fünf weiterzulesen, weil ich an dem Tag nämlich nix muß und ausschlafen kann, wenn das Buch zu Ende ist. Hach!

Gattis und ich haben bisher nur eine kurze Geschichte. Ich war hin und weg von “All involved”, seiner Einlassung zu den “Riots” in Los Angeles, in der er in einer Sprache, die ich noch nie zuvor gelesen hatte, diese Ereignisse aus den Perspektiven unterschiedlichster Beteiligter beleuchtet und ihre Wege sich kreuzen läßt.

In “Safe” nun gibt es nur zwei Akteure. Der eine, Ricky Mendoza, Junior, a.k.a “Ghost”, Ghettokind einer drogensüchtigen und bald toten Mutter, Vater, welcher Vater?, selbst eine kriminelle Drogenkarriere hinter sich und dann Glück gehabt, von einem Schlosser in die Lehre genommen worden und jetzt gut ausgebildeter und nachgefragter Panzerknacker (also legales Öffnen illegaler Safes). Der andere, Rudolfo “Rudy” Reyes, a.k.a. “Glasses”, ähnliche Kindheitsgeschichte, aber früh im Gangstersystem aufgestiegen und jetzt zweiter Mann eines Bosses, nebenher aber auch verheiratet und Vater eines heißgeliebten kleinen Sohnes sowie Informant der Drogenfahndungsbehörde DEA.

Der eine raubt einen Safe der Organisation aus, der andere muss ihn jagen und fangen. Die ganze rasante Story spielt sich in nicht einmal ganz drei Tagen in dem Los Angeles ab, das weiter entfernt von Beverly Hills und Hollywood liegt als der Mond. Ich konnte das Buch nur schwer aus der Hand legen, weil ich, obwohl der Ausgang schon in den ersten Zeilen offensichtlich war, wieder mit aller Macht in diese sehr fremde Welt gezogen worden war. Zudem versteckt Gattis für die Leserschaft von “All involved” wieder Eastereggs und läßt beiläufig fallen, wie es Protagonisten aus diesem ersten Buch später ergangen ist. Ich habe mich ein bißchen am Pathos der letzten paar Seiten gestört, aber das ist Geschmackssache und mindert die Spannung kein bißchen.

Wer es sich zutraut, möge Gattis auf Englisch lesen. Ich habe es einmal mit einer Übersetzung probiert (s. https://flockblog.de/?p=53412), aber nicht ertragen. So schlecht scho!

Zum Glück liegt “The System” schon auf dem Nachttisch. Bis dahin: “Safe” lesen! Lesen! Lesen!

St. Florian gewidmet

Nach zwei Überfahrten über den Atlantik und fast einem halben Jahrhundert ständigen Gebrauchs, zeigen die buntgestreiften Handtücher, die mir meine Mutter selig als Sonderangebotsdreierpack und mit den Worten “die passen zu allem und man sieht nicht jeden Dreck” als Aussteuer beim Auszug mitgegeben hat, langsam ein paar Anzeichen von Verschleiß. Pastellblaß die Streifen und der ehemalige Frotteeflausch hat mehr so Brettcharme angenommen.

Also gut, kauf ich halt neue.

Ich dachte immer, das Handtuch an sich sei selbsterklärend: Mensch naß, rubbelt mit Handtuch Wasser vom Körper. Anschließende Handtuch naß, Mensch trocken. Es mag sein, dass neuzeitliche Frotteeware immer noch zu diesem Zweck eingesetzt werden darf. Davor haben die Regulatoren jedoch Warnhinweise gesetzt, die darin gipfeln, dass es sich bei dem hier gekauften Gegenstand um einen feuergefährlichen Stoff handle und der Etikettendrucker stark davon abrate, es in Brand zu setzen. In (gezählt) 16 Sprachen. Auf 8 Etiketten, weil beidseitig bedruckt.

Haben die eigentlich einen Hau?

Erkenntnis

In den letzten Wochen bin ich von meiner Gewohnheit, angelsächsiche TV-Serien im Original anzusehen, abgewichen und habe auch mal deutsche geguckt.

Im Dialekt (vulgo “Regionalkrimi”), sofern die Schauspieler ihn beherrschen und die Drehbücher was taugen, recht nett. Nichts aber unerträglicher, als wenn diese Hochsprache aufsagen. Meine Fresse! Teilweise klang, was Primetime-Unterhaltung hätte sein sollen, wie eine szenische Lesung. Man muss doch als (generisches Maskulinum) Autor und/oder Regisseur dem Volk aufs Maul schauen und es reden lassen, wie die Leute halt so reden. Noch nicht mal das Bildungsbürgertum verwendet den Imperfekt in der gesprochenen Sprache, umso weniger der Kleinkriminelle oder die Fleischfachsverkaufskraft.

Unglücklich.

Grad vorhin im Lustspielhaus. Zum 30jährigen Jubiläum – “Mord, Moral und Mortadella”, Generalprobe

Eine Generalprobe wie aus dem Theatermacherlehrbuch: ein paar holprige Übergänge, ein paar dem Gedächtnis wieder entschwundene längst gelernte Textzeilen und nicht jede Requisite da, wo sie Schauspielerin oder Schauspieler gern gefunden hätte. Das heißt, man darf gemäß Theatermacherlehrbuch am Mittwoch eine perfekte Premiere erwarten.

Es wird, das kann ich versprechen, sehr sehr lustig und sehr musikalisch – heute war der Bud Spenzer Heart Chor so ziemlich vollzählig angetreten und das gibt schon ordentlich Wumms.

Sie spielen ab Mittwoch, 29. Juli, immer Mi-Sa, bis einschließlich 15. August. Mit wechselnden Stargästen. Wer mitmag, gebe mir Bescheid.

Aus der Rentnerei

Einer der schönsten Aspekte des Ruhestands ist das Ausschlafen. Aufwachen, wenn der Traum zu Ende, die Schlafphasen in ihrer von der Natur vorgesehenen Reihenfolge absolviert und der ganze Mensch gern und erholt dem jungen Tag ins Gesicht sieht.

Soweit die Theorie. In Wahrheit wird das lästige Gelärme des Weckers von früher abgelöst durch eine Kakophonie unerbetener Klänge. Im Allgemeinen sind die Guruh-Guruhs die ersten, gurren, flattern und – ich schwöre – furzen sich warm, bevor sie kacken (inzwischen allerdings mehr auf den Nachbarbalkonen). Dann rückt die Engelbert-Strauß-Brigade an und läßt ihre Motoren röhren, als Kontrapunkt piepen Lieferwagen dazu “Jetzt-fahre-ich-rückwärts” und als ob das noch nicht genug wäre, legen die Schüler der nahegelegenen Mittelschule auf dem Weg zu ihrem anstrengenden Schultag auf dem Spielplatz unten einen Zwischenaufenthalt ein und tauschen sich über ihre Erlebnisse des Vorabends aus. Das muss offensichtlich schreiend geschehen, sonst gilt es nicht.

Früher war ich um die Zeit in der Arbeit und habe Rentner noch beneidet…

Es wechseln die Zeiten*

Früher, klagt die Jubilarin (ein halbes Jahr älter als ich), habe man zu ihrem Geburtstag immer eine Schifffahrt (damals noch mit zwei, heutzutage mit drei “F”) unternommen. Nicht in diesem Jahr. Niedrigwasser an der Anlegestelle.

Hmmm. Früher war ich ja immer neidisch auf die Menschen mit Sommergeburtstagen wg. Gartenfest und Poolparty, alles draußen und in der Sonne. Wohingegen an meinem Geburtstag immer Schnee und kalt und Polarbären in den Straßen.

Wenn das so weitergeht, werde ich es möglicherweise noch erleben, wie wir meinen Happy (?) Birthday im Biergarten feiern. Merke: man kann beim Wünschen nicht vorsichtig genug sein!

* Wer das Zitat erkennt und den Satz vervollständigen kann, bekommt einen Taler.

Gelesen: Ferdia Lennon – “Glorious Exploits”

Eine Handvoll Oliven? Brot? Käse? Gar Wein? Aber nur, wenn der hungrige gefangene Athener unter der brütenden Sonne im Steinbruch bei Syrakus aus Euripides’ Stücken zitiert. Vorzugsweise Medea, aber auch die Troerinnen wären recht.

Lennon siedelt seinen, ich nenne es mal Schelmenroman im Jahre 412 v. Chr. auf Sizilien an. Ich-Erzähler ist der Strizzi und Hallodri sowie arbeitslose Töpfer Lampo, der mit seinem Sandkastenfreund Gelon, einem Träumer und Theaterliebhaber, irgendwie auch den nächsten Tag wieder überlebt und die sich, wenn ein bißchen Geld übrigbleibt, einen Jux daraus machen, in den Steinbruch zu gehen und Kriegsgefangene zu trietzen.

Bis sie auf die Idee kommen, ernsthaft eine Aufführung zu planen. Mit Chor, Kostümen und Masken. Für Publikum. Mit interessantem Ausgang. (Ich will nichts verraten, daher der nichtssagende Begriff “interessant”.)

Ein großer Reiz des Buches liegt darin, dass die Sprache, in der Lampo erzählt, für unsere Ohren zeitgenössisch klingt, man hört sie so heute auf den Straßen Dublins und sie paßt zu dem halbseidenen Kerl und seiner Mannwerdung wie die Faust aufs Auge. Kompliment zu diesem gelungenen Erstling!

Lesen! Lesen! Lesen!

Wie meine, ZEIT?

“Jenseits” (klein geschrieben) ist eine Präposition und wird als Ortsangabe verwendet, für “auf der anderen Seite” oder “hinter”. Einen solchermaßen angebrachten Schutzmechanismus stelle ich mir beim Radeln kompliziert vor. Könnte es sein, dass ihr “darüber hinaus” sagen wolltet und der Korrektor das nicht mehr richtigstellen kann, weil eingespart?