Für Menschen, die eine Sprache wie die deutsche gleichzeitig mit ihren Regeln gelernt haben, klingt nichts logischer als Nudelnsuppe und Klößebrühe.
Nostalgie-Kino: “From Dusk Till Dawn” (1996)
Perfekt gealtert, wenn man bedenkt, dass die Produktion nun auch schon 30 Jahre auf den Reißzähnen hat. Im ersten Teil, der die Flucht der beiden ungleichen Brüder Gecko (Quentin Tarantino als nerdiger Quengelpsychopath, George Clooney als wunderhübscher grausamer Bad Boy) mit ihren Geiseln (Harvey Keitel, Juliette Lewis, Ernest Liu sowie eine weitere, die, weil kurz ohne Aufsicht mit Ricky Gecko zurückgelassen, den Motel-Aufenthalt nicht überlebt) über die Grenze nach Mexiko erzählt, trägt das Drehbuch deutlich Tarantinos Handschrift. Viel, sehr viel, sinnfreie Gewalt, dazu witzige Dialoge.
Der zweite Teil spielt in der Bar “The Titty Twister” auf der anderen Seite des Rio Grande und ist im wesentlichen eine Ausstattungs-Maske-Splatter-Blut-Dreck-Vampir-Knall-Bumm-Orgie. Mochte ich schon früher nicht besonders, hat mich auch jetzt wieder nicht vom Sessel gezogen. Sollte ich mir den Film je nochmal ansehen, muss ich mir merken, ihn einfach nach Salma Hayeks Auftritt auf schnellere Geschwindigkeit zu stellen.
Dann kann man den Film auch heute noch gut anschauen.
Anmerkung: Es ist sehr schade, dass George Clooney in seiner weiteren Karriere eher Rollen als augenzwinkernder Gentleman-Gauner angenommen hat (Oceans 11ff) – zwielichtigere und gewalttätige Typen mit dem hübschen Gesicht und Körper hätten interessant werden können.
Vorgestern Abend in der Unterfahrt: Barencia
Die beiden Konzerte, die uns im Oktoberprogramm am meisten interessieren, sind an aufeinanderfolgenden Abenden. Könnte ein Problem sein, ist es aber nicht. Gemma hoid am Dienstag und am Mittwoch in die Unterfahrt.
Zuerst Barencia. Der Name des mexikanisch-katalanisch-italienischen Quartetts ist ein Kunstwort und steht für eine imaginäre Stadt zwischen Barcelona und Florenz (Firenze), wo laut Vorankündigung “ausgelassen getanzt [wird] – mit kühn improvisierten, Schrittfolgen, Bewegungsabläufen, Rhythmen die irgendwo zwischen Jazz, Flamenco und Modern Dance liegen”.
Die Musiker bilden eine klassische Jazzcombo, Xavi Torres am Klavier, Michelangelo Scandroglio am Bass, Bernardo Guerra am Schlagzeug und wenn sie nur zu dritt sind, spielen sie mediterran angehauchten Jazz. Dann aber tritt sie auf. Und was für ein Auftritt. Karen Lugo, Tanzgöttin – und die Herren sind nur noch da, das, was sie da mit großen Gesten, stampfenden Füßen und immensem Körpereinsatz vorführt / vorträgt, mit ihrer Musik zu begleiten / untermalen.
Irre! Die alterslose Erscheinung einer Tänzerin (wiewohl sich schon vereinzelt graue Fäden im ehemals ebenholzschwarzen Schneewittchenhaar verirren), eine Körperspannung, die manche Menschen (ich) ihr Leben lang auch mit äußerster Anstrengung nicht hinkriegen würden und eine Energie, die die drei Männer mit ihr auf der Bühne und das gesamte Publikum in Grund und Boden tanzen. Sie ist ein Pferd, ein Geist, im Bolero die Personifikation der Verführung, aber auch eine elendiglich Trauernde (mindestens alle zehn Kinder und der Lieblingsgatte sowie der Familienhund), ein Clown, eine Spieluhrfigurine – alles und mehr. Ein simples schwarzes Chiffontuch ist ihr gleichermaßen Schleppe wie Minuten später Schleier, ein schweres Tuch wird Muleta aber auch große Ballrobe – und alles mit ganz großem Drama. Mir gings wie letztes Jahr (https://flockblog.de/?p=50944), als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte – erst mal verwirrt, ob des Pathos fast ein wenig ablehnend, und dann nur noch rückhaltlos begeistert.
Wir haben Plätze direkt an der Bühne und jeder Schweißtropfen, jeder Holzspan, den sie mit ihren Tanzschuhen aus der Bühne hackt, landet uns quasi im Schoß.
Wow!
Gestern in der Unterfahrt: Rabih Abou-Khalil
War das ein schönes Konzert! Sooooo schön! Meiner Begeisterung vom letzten Mal https://flockblog.de/?p=48852 habe ich nichts hinzuzufügen, außer, dass wir dieses Mal quasi mit auf der Bühne saßen und keinen Meter Luftlinie entfernt von Jarrod Cagwin und seinem aus vielen vielen Schagmodulen selbst gebauten Herrlich-Percussion-Schlagzeugwunder. Sooo nah (s.u.)
Ich hatte das letzte Mal (stell dir vor, Herr M. aus M., das ist schon wieder drei Jahre her) eigentlich nur zu beanstanden, dass der Meister ein bißchen sehr viel quasselt, so wie es nach der Vorankündigung der Unterfahrt auch wieder zu befürchten war: “Nicht nur mit seiner Oud versteht er sich als Geschichten-Erzähler – seine Ansagen sind geradezu legendär. Sie klingen, als würde einer Kapitel aus tausendundeiner Nacht mit heutigen Kabarett-Pointen würzen.”
Aber nein, er scheint ein weiser Mann zu sein und auf die Ratschläge wohlmeinender Menschen zu hören und hat in seinen Zwischenmoderationen die Altherrenhistörchen ausgelassen und nur kurz was zur nächsten Nummer und ihrer Entstehungsgeschichte gesagt. Hat das sowieso schon brillante Konzert (Hach! Hach! Hach!) nur auf noch weitere Höhen gehoben.
Ein wunderbarer Abend vor zu Recht bis zum letzten Plätzchen ausverkauften Haus!
An der Bar, an der Bar…*
Nach Ausstellung und koreanischem Dinner ist uns nach einem Absacker. Gleich ums Eck ist eine nette Bar, die kenne ich noch von früher. Früher ist lang her, das Etablissement hat inzwischen einige Besitzer- und Namenswechsel durchlaufen und zum neuen Unterhaltungsprogramm gehört ein Open Mike-Abend, immer montags. Offensichtlich ist das Zielpublikum die reichlich vertretene indische Community in München, die über nichts herzlicher lachen kann als rassistische Witze über Deutsche. Der aktuell Vortragende hat “Omar” ins Visier genommen, Omar, der sich (und andere) strikt an die Hausordnung hält, eine ganz schlimme Allergie gegen Ruhestörung und eine weitere gegen Radfahren auf dem Gehsteig hat. Es dauert eine Zeit, bis ich mitbekomme, dass die sich alle nicht über Omar bekringeln, sondern über “Oma”. Jetzadle. Jetzt macht die Heiterkeit da vorne auch Sinn. Hahaha! Die deutsche Großmutter, das gemeinsame Feindbild von Publikum und Open-Mike-Inder.
Dann ist der lustige Teil des Abends ausgestanden, Publikum und Witzemacher gehen heim und die verbliebenen Restgäste können ihre ausgezeichneten Cocktails in Ruhe austrinken. Geht doch.
* Fragt Oma, die kennt das komplette Zitat.
Gestern im Kunstfoyer der Versicherungskammer: “Ragnar Axelsson – Greenland”
Axelsson fotografiert schon seit 40 Jahren die Arktis und dokumentiert das Schmelzen dieses einzigarten Teils der Welt. Jedes seiner Fotos vermittelt die spiritulle Bindung, die er zu den Menschen und dieser Landschaft mit ihrem nicht mehr so ewigen Eis aufgenommen hat. Sehr großartig, sehr beeindruckend, sehr berührend.
Die Ausstellung dauert noch bis zum 1. November, ist täglich von 10 – 18 Uhr geöffnet und der Eintritt ist frei. Wer Zeit hat, sehe sie sich an!
Gelesen: Luigi Guicciardi – “Ein heißer Sommer für Commissario Cataldo”
Ich wüßte gerne, woran es liegt: schreibt der Autor so sperrig oder ist es die Übersetzung von Katharina Schmidt, die in einer Zeit, in der die Menschen schon Mobiltelefone verwenden, eine sehr eigenartige obsolete Sprache verwendet? Ein betrogener Ehemann ist ein “Hahnrei”, der fette Mann im Hotel ein “Dickwanst”, ein Student hat seine Unterlagen in einem “segeltuchumwickelten Heft” und der Herr, der mit rauher Stimme spricht, wird mit einem “Rachenkartarrh” diagnostiziert.
Überhaupt, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt hätte bestimmt seine Freude an den Protagonisten: alle paar Seiten wird sich geräuspert. Möglicherweise könnte auch eine andere medizinische Disziplin ein Forschungsfeld finden, denn immer, wenn Menschen lügen oder auf andere Weise etwas verbergen, werden sie rot im Gesicht oder es zeigen sich mindestens wandernde rote Flecken, vom Hals zu den Ohren oder auf den Wangen oder so. Bei Frauen hat dieses Phänomen den Nebeneffekt, dass sie, egal welche von ihnen, auf einmal ganz häßlich aussehen, quasi, wer innen schlecht ist, ist es auch außen.
Guiccicardi dürfte sich mit Simenon messen haben wollen und wirft dazu einen philosphischen Sinnspruch am nächsten in die Runde, entweder ein literarisches Zitat (was aber nicht prüfbar ist) oder gerade in der Minute vom Ermittler selbst ausgedacht. Das führt zu solchen Perlen: “Er dachte, dass es schön wäre, das Ganze aus dem Blickwinkel einer Fliege oder mit dem Auge Gottes sehen zu können.” Oder, angesichts einer Leiche mit einer Schußwunde in der Schläfe und einer Beretta in der Hand: “Der Tod ist die extremste Erfahrung unserer Einsamkeit. Denn man stirbt immer allein. Doch niemand kann wissen, was im letzten Augenblick des Lebens geschieht. Deswegen sollte man niemanden verurteilen, sondern sich Gedanken machen. Darüber nachdenken, dass das Herz Gottes größer ist als das der Menschen.”, wobei man wissen sollte, dass der sizilianische Commissario, dem ständig Gedanken an Gott in Kopf gelegt werden, bekennender Atheist ist. Aber aufpassen: “Sofort bemerkte er die leise Unzufriedenheit, die das Wachwerden zurückläßt.”
Ich rate davon ab, diesen Krimi zu lesen, ich habs ja nun schon getan und es muss keiner mehr Lebenszeit darauf vergeuden. Möchte meine Leserschaft aber nicht ohne diese letzte Weisheit aus dem Buch entlassen: “Man kann dem Leben keinen Sinn geben, als es zu leben.”
Genau. Und eben keine schlechten Bücher zu lesen.
Gelesen: David Foster Wallace – “Der große rote Sohn”
Vorausgeschickt: Ich nähere mich gerade David Foster Wallace an, einem der ganz großen amerikanischen Autoren der letzten Jahrzehnte, der seinem Leben 2008 ein Ende gesetzt hat. Ich kenne noch nicht viel von seinem Werk, habe aber vor Jahr und Tag schon mit großer Freude seinen Bericht über eine Kreuzfahrt “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” gelesen und mir immer vorgenommen, dass ich, wenn ich einmal viel Zeit habe, mich seinem Opus Magnum “Infinite Jest”, dessen Wikipedia-Eintrag schon allein fast 8.000 Worte umfaßt, stellen will. Habe ich, werde ich, und bin in der Entscheidung bestärkt worden, weil ich jetzt das eher kurze Bändchen “Der große rote Sohn” in Ulrich Blumenbachs kongenialer Übersetzung gelesen habe. Blumenbach hat nämlich in fast sechsjähriger Arbeit “Infinite Jest” in “Unendlicher Spaß” übersetzt, das werde ich dann wohl schaffen.
“Der große rote Sohn” nun erzählt vom Besuch des Autoren bei der Verleihung der Adult Video News Awards in Las Vegas. Es handelt sich hierbei quasi um die “Oscars” der Porno-Industrie und wenn man sehr viel über diese Welt lernen will, ist man hier genau richtig. Ob man, was man dann weiß, jemals auch wissen wollte, ist eher zweifelhaft.
Wer mag, kann meins haben, sonst gehts in den Bücherschrank.
Herbst offiziell eröffnet
Noch nicht mal alle Sommerkleidchen gewaschen und gebügelt und jetzt geht dieser Mist schon wieder los. Dicker Pulli + Strickjacke reichen nicht mehr. Heizung angedreht. Hrrrrggggnn!

