Wie alle Vielleser, hat sich auch Kurt Tucholsky, bei dem ich die Überschrift entliehen habe, nie mit nur einem Buch beschäftigt. Wenn es deren zuviele wurde und die Stapel zu kippen drohten, rezensierte er die aktuelle Lektüre gerne in einer Sammelkritik in einem Aufwasch weg.
Ich lese ja auch immer bunt durcheinander und habe zur Zeit unter anderem eine dicke fette Biographie Winston Churchills in der Mache. Umfaßt eine sehr lange Zeitspanne, ist rasend spannend, und manchmal geht mir der Mann, den ich an vielen Tagen sehr bewundere und von dem ich sicher bin, dass er den Löwenanteil der Verantwortung dafür trägt, dass Europas Zukunft nicht ein faschistisches Regime geworden ist… also, manchmal geht er mir trotzdem gründlich auf den Senkel und dann muss ich eins von den anderen Büchern einschieben. Habe heute aber ein Zitat wiedergelesen, das es wert ist, verbreitet zu werden.
"Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe."
Möchte hinzufügen, dass zwei Mal Klingeln bedeutet, dass der Briefträger nicht nur Einlaß begehrt.
Zwei Freundinnen facetimen in meinem U-Bahn-Vierer. Die eine hat ein neues Kleid, die andere zu bewundern. Tut sie. Mit verzückten Lauten und Tolls, Supers, Wun-der-schöns und versteigt sich schließlich zu dem Kompliment: “Damit hast du eine geile Sonnenuhrenfigur!”
Danke, Kinder. Damit habe ich Material für meinen heutigen blogpost. Ihr könnt die Telefone jetzt wegpacken und den Schnabel halten. Bitte.
Neulich hat die Verhörte Intelligenz mir eine schöne Vorlage geliefert und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: zwischen Frost und Frust ist nur der dunkle Vokal ein anderer. Sonst gibts da gar keinen Unterschied!
Zur Teilnahme an diesem concerto mit dem Süditaliener (Sizilien) ist eigentlich nur berechtigt, wer sich ganz tief innen in seiner Seele als Bürger bzw. Bürgerin der nördlichsten Stadt Italiens identifiziert. Es hilft auch, eine gewisse Routine zu haben, so wie das schon angegraute Paar, dessen männlicher Part den weiblichen hunzt, doch einen Schritt zuzulegen, “du willst ja den Pippo ned wartn lossn, oda?”
Mein Begleiter (im folgenden: “der Beschenkte”) kommt aus dem Osten Münchens angereist, also vielmehr, er käme, und wir hätten es auch beide halbwegs zur verabredeten Zeit vor den Zirkus Krone geschafft, wenn es den Herren S-Bahn nicht eingefallen wäre, ein Stellwerk kaputt zu machen. So wird es eine aufregende Dreiviertelstunde, bis er es dann fünf Minuten vor Beginn auf einmal doch geschafft hat und das Durchschnittsalter in der Arena schlagartig massiv sinkt. (Normalerweise geht der Beschenkte zu Konzerten von Pippo Pollinas Sohn, Faber. Aber weils ein Geschenk von mir ist, muss er nun zu Pippo dem Älteren…)
Auftritt Pippo Pollina, unplugged, nur mit der akustischen Gitarre, der einmal rechts, einmal links das ganze Parkett singend abgeht und die Menschen zur ersten (von vielen) Begeisterungswelle animiert. Dann ist er auf der Bühne angekommen und plaudert ein bißchen, bis seine exzellenten Musiker eintreffen und sich einrichten: Cecile Grüebler (Cello, Lyra Pontica, Gesang), Elisa Sandrini (Klavier, Akkordeon, Gesang), Gionata Colaprisca (Perkussion), Roberto Petroli (Klarinette, Saxofon, Querflöte und weitere Blasinstrumente). Gleich die erste Nummer Hasta Siempre ist dem ehemaligen Präsidenten Uruguays “Pepe” Mujica gewidmet. Rauschender Beifall, die meisten hier sind Alt-68er und die es nicht sind, wären es gerne gewesen – ihr Pippo wird ihnen im Laufe des Abends noch öfter Gelegenheit geben, die linke Faust geballt zu recken. Oder wenigstens fast. Hah! ¡No pasarán!
Einschub: Wenn dieses Publikum ein bißchen an sich halten könnte, was Mitfilmen und -fotografieren angeht, wäre es schon noch schöner. Aber so wird die recht gute Lichtregie dauernd gestört, weil irgendwo wieder grell eine Privatlampe aufblitzt - muß man denn wirklich alles immer selber auf seinem Gerät haben? Das ist doch nicht mehr gemeinsam ein Konzert erleben, sondern nur noch das Dabeigewesensein dokumentieren. Gnagnagna! Lästig.
Nach der Pause kommen Überraschungsgäste. Jo Barnikel, den alle kennen (oder zu kennen vorgeben), ein langjähriger Wegbegleiter Konstantin Weckers, mit dem Pollina Questa nuova realtà, eine antifaschistische Hymne vorträgt (und sogar zwischendurch einmal original wecker’sch knödelt) – das Publikum steht auf wie ein (leicht bewegungseingeschränkter) Mann, singt den einen oder anderen Textfetzen mit und ballt Fäuste, wie damals mit dem roten Dani und dem Rudi. Dann kommen die alten “Süden”-Freunde Werner Schmidbauer und Martin Kälberer (“die Beginning von eine wunderbare Freundschaft”) für zwei sehr schöne Nummern, nun tritt Tochter Madlaina (Sohn Faber hatte keine Zeit) zum Mitsingen auf. Schließlich begrüßt Pippo Pollina Professor Wolfgang Huber auf der Bühne, den fast 90 Jahre alten Sohn des Weiße-Rose-Mitbegründers und von den Nazis hingerichteten Professor Kurt Huber. Der alte Herr warnt vor dem immer noch fruchtbaren Schoß und dann singt Pollina sein dem Vater, den Geschwistern Scholl und den anderen zugeeignetes Lied von der “rosa bianca”.
Danach spielen sie eine Auswahl aus dem best-of-Programm und die Bürger und Bürgerinnen der nördlichsten Stadt Italiens kommen gar nicht mehr zum Sitzen. Und dann ist, nach einer Zugabe, leider auch aus.
Pippo Pollina ist das, was der Italiener einen cantautore nennt und er plaudert sehr gern – und obwohl er mit einem hinreißenden Akzent ausgezeichnet Deutsch spricht, passieren manchmal Versprecher. Mein Liebling war der von den langen Sommernächten, in denen er seine Jugend “verbraucht” habe. Dafür nehme ich auch das Gequassel.
Wer’s braucht, möge sich ein Alibikind ausleihen, muss aber nicht sein.
Shaun und The Flock erleben ein sehr aufregendes Halloween-Abenteuer und die Macher zitieren sich fröhlich durch jeden Frankenstein-, Horror-, Bigfoot-, Beauty-, Beast- und Sonstigen-Grusel-Film, den sie je gesehen haben. Ohne allzuviel zu verraten (tut der Trailer hier unten eh) ein paar meiner Favoriten: Shauns Labor im Gruselschloss sowie ganz besonders seine mehrlagige Wunderschutzbrille, die Duschen-Szene, die Ninja-Tierärztin und eine sehr coole Sau (wer an Animal Farm denkt, hat wohl nicht ganz Unrecht).
Ansonsten: ein Muß für alle Stop-Motion-Aardman-Fans und ein dringendes Soll für alle, die diese Welt noch nicht kennen. Macht richtig Spaß. Anschauen!
Vorhin mit der ausgewanderten Freundin telefoniert. Sie so in Shorts und Bikini-Oberteil, ich so in Pulli und Strickjacke, außerdem mollige Jogginghose, warme Socken. Und, wie geht’s? Sie so: endlich kann man sich auch tagsüber lang draußen aufhalten. Klar, Schirm brauchts, sonst ist die Sonne zu stark. Ist ja erst Ende Oktober. Ich so: Klar. Da braucht’s einen Schirm.
Wenn eins beim Lesen mal Ideen hatte, wie die Protagonisten vielleicht aussehen, sprechen und sich bewegen, so ist das in der inzwischen 6. Staffel längst von den Schauspielern und Innen überlagert. Jackson Lamb kann von niemand anderem als Gary Oldman gespielt und gefurzt werden und an Kristin Scott Thomas‘ in dieser Staffel in die Ecke getriebener Diana Taverner (nicht mir ihr, meine Herren, neihein, mit ihr nicht!) hatte ich ganz besonders viel Freude.
Weil für diese Staffel der 6. und der 7. Band von Mick Herrons Romanreihe zusammengelegt wurden (“Joe Country” (https://flockblog.de/?p=48635) und “Slough House” https://flockblog.de/?p=48752), steigt die Zahl der Todesopfer in der Gruppe der ausgemusterten Agenten (schade, dass es im Deutschen kein so schönes Wort wie “death toll” gibt) naturgemäß ziemlich. Leider wurde mit der Straffung eine sehr wunderschöne Nebenhandlung aus dem 6. Band, in der Saskia Reeves‘ herrliche Catherine Standish die Hauptrolle spielt, auf eine lumpige Flasche Margaux auf dem Rücksitz von Lambs Auto reduziert – die hätte ich ja schon gerne gesehen…
Aber sonst ist alles wie immer: eine filmreife Vorlage perfekt umgesetzt, perfekt besetzt und gespielt und genau richtig zum Wegbingen an einem Abend, in dem ein Sturm sich in den Kopf gesetzt zu haben scheint, den Balkon wegzublasen.
Das ist mal ein interessanter Ansatz: eine “Szenische Lesung” eines Comic-Buches, welches ich übrigens mit Begeisterung (und nochmal großem Dank an Herrn E. aus M.) gelesen habe, s. https://flockblog.de/?p=52365.
Lesen in verteilten Rollen tun die Zeichnerin und Autorin Barbara Yelin und die sehr verehrte Schauspielerin Wiebke Puls (auch Regie), wobei letztere zwei Mikrofone hat und aus einem der beiden wörtliche Zitate Giehses in deren Stimme oder mindestens in deren Sprechduktus erklingen. Auf einer großen Projektionswand erscheinen, sich langsam aufbauend, die Bilder aus der Graphic Novel und die Lesung ist unterlegt von Klängen wie Straßenverkehr und Vogelzwitschern. Sehr schön, sehr gelungen. Viel Beifall.
Dann ein zweiter Teil, das “Gespräch”. Gleich vorausgeschickt: wenn es eines gibt, das man dem Publikum, schon gar nicht einem Publikum wie diesem, bei dem ich das Durchschnittsalter senke und die meisten der wenigen Quotenmänner Gehhilfen benötigen… wo war ich? Ach ja, eine Stunde geht auch auf den unglaublich unbequemen Bänken im Zuschauerraum der Therese-Giehse-Halle. Alles, was darüber hinausgeht, ist eine Qual – zum Schluß haben alle ganz schlimm Rücken. Alle.
Also, das Gespräch. Moderiert von Christoph Leibold (Bayerischer Rundfunk), sitzen im Halbkreis Yelin, Puls, Noch-Intendantin Barbara Mundel und Anke Buettner vom Monacensia-Archiv und sprechen klug. Über “Female Heritage” und den ollen Falckenberg und seine umstrittene Biographie und die fehlende Therese-Giehse-Büste im Foyer (jetzt gibt es eine) und und und… Es mag sein, dass ich mich jetzt als Ignorantin oute, aber das einzige, was mich wirklich interessiert, ist der Einblick in Yelins “Werkstatt” und die Beschreibung ihres Arbeitsprozesses. Ansonsten kann ich einfach nicht mehr sitzen und will jetzt an die Luft.
Für weitere Veranstaltungen dieser Art, die es unbedingt geben möge, empfehle ich, eine Pause einzulegen. Wer nach der Lesung bleiben will, kann das dann tun, wer nicht, kann ohne andere zu stören den Raum verlassen. Hätten sie das gestern schon so gelöst, wäre es eine rundum gelungene Veranstaltung geworden.