Neu auf Netflix: “Enola Holmes 3”

Alles wieder wie immer: viktorianisches England, komplizierte Kleidung, strenge Sitten und eine junge nunmehr Frau, die selbstbestimmt leben, einen Beruf ausüben und sich auch noch gegen ihren großen Bruder, den anerkannt Besten in der Branche, behaupten will. Außerdem heiraten. Geht das überhaupt? Den Namen und damit die Identität aufgeben?

Das Team um Millie Bobbie Brown findet, dass das geht und setzt die Geschichte recht glücklich um. Schöne Location, Malta, und lauter große Themen. Kolonialismus und Krieg. Ehre und Empire. Besitz und Bereicherung. Sowie, drunter geht es nicht, Schuld und Sūhne. Ja, doch, gutes Buch (Jack Thorne, Nancy Springer) und die Regie (Philip Barantini) setzt auf das, was das Publikum schon kennt und liebt. Kampfszenen in üppigen Gewändern und den geschickten Einsatz der vierten Wand. Geschickt, weil dieses Mal viel sparsamer und nicht so inflationär wie im zweiten Teil.

Das Holmes-Universum ist erweitert worden. Neben den bekannten Gesichtern Louis Partridge (Tewkesbury, love interest; mei, ist der Bub groß geworden), Henry Cavill (Sherlock, dieses Mal eher im Geiste dabei, weil gleich zu Beginn entführt), Helena Bonham Carter (Mama – gleich der erste Auftritt mutet an wie Jack Sparrows Wiederauferstehung, hach!), übt sich nun Himesh Patels Dr. Watson als väterlicher Freund (macht er gut) und Sharon Duncan-Brewster rampensaut als Professor Moriaty mit einem Grinsen, das den Joker neidisch machen würde.

Doch, sehr nett geworden. Selbst das Happy End ist erträglich.

Kann man anschauen.

Wiedergelesen: Terry Pratchett – “Monstrous Regiment” 

Das ist eines der wenigen Bücher, die bei jedem Wiederlesen noch besser werden.

Pratchett verhandelt (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit): Religion, Politik, Krieg, Geschlecht und Gender, Jeanne d’Arc, die Magdalene Laundries*, Diplomatie, Patriarchat. Mir wird mit jedem Mal klarer, was für ein großer Humanist diese Mann war.

Lesen! Lesen! Lesen!

* Falls wem die “Magdalene Laundries” kein Begriff sind, Joni Mitchells Song ist ein guter Einstieg für weitere Recherche.

Auch wieder richtig

“Zehn Euro”, lamentiert eine von den alten Damen auf dem Bankerl am Harras und stellt durch mehrfache Wiederholung und gesteigerte Lautstärke sicher, dass es ja auch jeder hört. “Zehn Euro!” Worum es denn ginge, will eine der anderen Bankerl-Damen wissen. Ob sie es denn noch nicht gehört habe, antwortet das Klageweib. “Zehn Euro.” Das werde jetzt am Kölner Dom verlangt, als Eintritt für den Besuch der Kirche. “Nein, nein,” weiß es eine andere besser, “die verlangen zwölf Euro.” Die Auseinandersetzung, welche der beiden Recht habe, dauert fast meine ganze Zigarettenlänge und wird sehr vernehmlich geführt.

Zu Ende bringt es die vierte im Bunde mit der Frage, seit wann denn auch nur eine von den beiden in die Kirche ginge? Und, fährt sie den Sieg ein, noch dazu bei den Preißn? Ha?

Gelesen: Ronald M. Hahn (Hrsg.) – “Die Roosevelt-Depeschen. Eine Auswahl der besten Erzählungen aus The Magazine of Fantasy and Science Fiction, 101. Folge”

Das Verhältnis von Geben zu Nehmen zwischen mir und den in dieser Stadt verteilten roten Bücherschränken beträgt ungefähr 50:50, auch wenn der Vorsatz natürlich ein anderer ist. Andererseits, rede ich mir die Entnahmen schön, werden es auf diese Weise nicht mehr Bücher bei mir daheim. Aber gut, ist ja keiner heute hierher gekommen, um meinen inneren Dialogen zuzuhören.

Zur im Titel genannten Anthologie. Ist wie jede Pralinenmischung, ein paar sind greislig, die meisten kann man ertragen und eine oder zwei sind dabei, die sind wirklich gut, von denen will ich berichten.

  1. Dale Bailey – “Moment der Stille”, übersetzt von Michael K. Iwoleit
    Schon schwierig, weil ich nicht weiß, ob ich den Autor (kenne das Original nicht) oder den Übersetzer lobe. Der Inhalt, kurz zusammengefaßt: ein faustischer Pakt. Die Erfüllung des Herzenswunschs des Kunden, der Preis dafür seine Zufriedenheit. Die überraschende Wendung: der Kunde schlägt den Handel aus.
    Erzählt wird das in so wunderbaren Sätzen wie:
    – Am wolkenlosen Himmel brannte die Sonne, über den Bürgersteigen und geparkten Wagen kräuselte sich in der Hitze die Luft.
    – Er musterte ihn einen Moment lang mit Augen in der Farbe des Oktoberhimmels in der Dämmerung.
    – Und dann, weil er sich mit solchen Läden auskannte, weil er solche Männer wie den Händler kannte (der vielleicht überhaupt kein Mann war) – kurz gesagt, weil er als Junge Geschichten gelesen hatte, die genauso begannen -, kam ihm ein anderer Gedanke, vielleicht der schrecklichste, den er je gedacht hatte. “Der Preis”, sagte er. “Ist es… meine Seele?”
    – Er ging in die Bar, eine dumpfige Höhle, wo schattige Männer schweigend über ihren Drinks hockten. Ventilatoren unter der Decke wälzten mit Bier- und Schweißgeruch gesättigte Luft um; es war nichts als der Fernseher zu hören, der wie ein blauer Geist in der rauchigen Dunkelheit flackerte.
    – Er schritt durch den unaufhörlichen Lärm der Stadt. Schweißperlen rannen die knotige Autobahn seines Rückgrats hinunter und die Straßen schienen in der Hitze zu verschwimmen. Um viertel vor drei fing es an. Es fing damit an, dass der Lärm unmerklich gedämpft wurde, mit einem fernen Beben von Stille, die sich immer mehr ausweitete, über das Herzland fegte und sich wie ein Leichentuch des Schweigens über die Stadt legte.
    Davon abgesehen, dass der mit immenser Bedeutung aufgeladene Begriff des amerikanischen “Heartland” mit “Herzland” noch nicht einmal annähernd übersetzt werden kann, ist die Geschichte gut gelungen, so insgesamt.
  2. Ron Goulart – “Warum ich nie fest mit Heather Moon ging”, übersetzt von Manfred Weiland
    Sehr hübsche kleine unaufgeregte gut geratene Geschichte über Schwarze Magie.
  3. Pat MacEwen – “Die Gabe der Macklins”, übersetzt von Manfred Weiland
    Eine Kurzgeschichte wie ein totgefahrenes Tier, von dem man doch nicht wegsehen kann über einen furchtbaren gewalttätigen Vater, der schlägt und mißbraucht, was ihm vor die “Waffe” kommt, jeden Nachbarn, jede Nachbarin, Fremde, Bekannte, seine Frau, seine Mutter, Tochter und Sohn. Und wie der Sohn dagegen kämpft, dass diese “Gabe” an ihn vererbt wird. Wird mir länger im Gedächtnis bleiben als mir lieb ist.

    Aus dieser letzten Geschichte zitiere ich nur, weil die grottenschlechte Übersetzung unfreiwillig komisch ist:
  4. Jerry Oltion/Kristine Kathryn Rusch – “Deus X”, übersetzt von Horst Pukallus
    – Heute hatte die Erscheinung ein anderes Klafott an.
    – Sie duckte sich immer, als zöge sich eine Schildkröte sich in die Schale zurück.
    – Ich steige ins Auto und stoche einen Tag lang drauflos.
    – Er nahm sie in die Arme und küßte sie begehrlich.

Für einen heißen hirnfreien Nachmittag am See ist es als Lektüre okay. Wenn wer diesen Band haben will, sei er seins oder ihrs, sonst geht das Büchlein mit der nächsten Lieferung in einen roten Bücherschrank zurück.

“Rentenanpassung”

Ein ganz reizender Effekt der Rentnerei, neben Wecker-welcher-Wecker? und Ich-machs-am-Mittwochvormittag!, ist das jährliche Schreiben der Rentenversicherung. Keine mühseligen Verhandlungen mit irgendwelchen Vorgesetzten, kein Rumgestreite, kein nix.

Obwohl ich angesichts der Beträge relativ sicher bin, dass ich als Arbeitnehmerin mehr rausgeholt hätte… Aber, hey, ich beschwere mich nicht. Es reicht für mich und mir gehts gut.

Städtebauliches

Über den im Münchner Südwesten gelegenen Harras verlaufen zwei Hauptverkehrsstraßen, im Bahnhof halten BOB, S- und U-Bahn und an den Haltestellen “Harras” und “Am Harras” halten irgendwas in der Größenordnung von 10 Buslinien. Viel los hier. Der Platz selbst liegt ein bißchen unglücklich, hat aber dafür auch keine schöne Form und es haben sich nicht die edelsten Geschäfte drumherum angesiedelt, wohingegen der Drogenhandel, vor allem in den Abendstunden, gut floriert. Sagt man. Dennoch hat die Stadt vor einem guten Jahrzehnt Geld in die Hand genommen, ihn zu verschönern und die “Aufenthaltsqualität” zu steigern. Ein paar Bäume, ein paar Sitzgelegenheiten, Papierkörbe, Trinkwasserbrunnen und dergleichen und einen zunächst einmal eigenartig anmutenden “ebenerdigen Zier- und Sitzbrunnen mit Wassertechnik” (sagt der Architekt).

Die Bäume sind inzwischen gewachsen und geben sich weidlich Mühe, Schatten zu spenden, die diversen Sitzgruppen werden angenommen, manche Menschen wohnen dort sogar und der Bezirksausschuß läßt regelmäßig Märkte veranstalten, wegen der Belebung. Und dann ist da noch das Wasserkunstwerk.

Zugegeben, der Brunnen sieht nach nichts aus, ist aber der Grund, warum ich jedes Mal, wenn ich im Sommer am Harras zu tun habe, Pufferzeit einplane. Dann sitze ich auf der langen Bank, gleich gegenüber (am Brunnenrand selber geht nicht, der ist platschnaß) und sehe vollkommen enthusiastischen Zwergeln dabei zu, wie sie sich kreischend vor Glück am barrierefreien Wasser verlustieren und gar nicht mehr einkriegen – die Beckenhöhe ist selbst mit Windelhintern zu schaffen und dann ist es bis in die Mitte flach-flach-flach.

Pure Glückseligkeit.

Okay, länger als eine Viertelstunde ist soviel Lebensfreude nicht auszuhalten, man weiß ja, was man seinem Ruf als griesgrämige alte Dame schuldig ist. Aber so in kleinen Dosen ist das auch Sommer in der Stadt. Danke, Günther Sigl. (Fragt Oma.)

Lernkurve 2

Möglicherweise bin ich heute früh auf ein besonders intelligentes Exemplar seiner Gattung getroffen. Alle anderen sind nach einem Pumpschub sofort vor dem Wasser geflüchtet. In den strömenden Regen.

Doch doof.

Lernkurve

Soweit ich das beurteilen kann, lernt niemand schneller als eine Münchner Stadttaube. Warum? Vor ein paar sehr wenigen Tagen noch sind sie erschreckt aufgeflogen, wenn ein Wasserstrahl aus meiner nagelneuen Superpumppistole auch nur in ihre Richtung ging. Sie mußten nicht mal einen Treffer abbekommen haben.

Jetzt? Jetzt rutschen sie auf dem benachbarten Balkongeländer nur ein paar Zentimeter weiter, sind damit nicht mehr im Platschbereich und schauen noch nicht einmal mehr auf.

Wenn ich mich nicht so ärgern müßte, täte ich sie bewundern.

Gut gemeint

Danke, werter Onlinehändler, dass Sie den Datenschutz ehren und in einer e-mail (an mich) meine persönlichen Daten, im speziellen meinen Namen zu schützen suchen (vor mir). Ich weiß ja, es liegt nicht an Ihnen, sondern vielmehr an mir oder noch viel viel mehr an meinen Eltern, dass es aussieht, wie es aussieht.

Für heute bin ich dann mal dankbar, dass Vorvater und -mutter weder Cornelia noch Karoline in Erwägung gezogen haben. Und erst recht nicht Fulberta.