You’ve got mail

Edmund Stoiber, sorry Dr. Edmund Stoiber, der in meiner Erinnerung immer nur mit dem Transrapid am Hauptbahnhof in München irgendwie via Charles de Gaulle seinen Flug startet und an Feierabenden unter den wachsamen Augen seiner Muschi daheim im Garten die Blumen hinrichtet, der bayerische Ministerpräsident a. D. also hat mir einen Brief geschrieben. Nein, ich rege mich jetzt nicht über Adressenhandel auf. Nein, mach ich nicht. Aber um die Bäume tuts mir leid.

Dr. Stoiber schreibt, “die Jahre unter einer grün-roten Stadtregierung [haben] zu Fehlentwicklungen und enormen Schulden geführt […]. Die Mängelliste ist mittleiweile lang […].” Sein Verein wäre die bessere Wahl für diese unsere Stadt und übernähme, sagt er, “Verantwortung für alle Generationen” und setze sich “für ein Miteinander in der Mobilität” ein, wozu “Sauberkeit und Sicherheit in Bussen und Bahnen sowie an Haltestellen” ebenso gehört wie “ausreichend Parkplätze”. Und, als Nachgedanke, Fußgänger sind auch wichtig. Irgendwie.

Dann kommt er zu seinem eigentlichen Anliegen, fettgedruckt in Blau auf Weiß: “Ziel ist es, eine linke Mehrheit aus Grün-Rot-Rot zu verhindern.”

Genau, Ede. Darum gehts. Raus mit den Roten… Dabei war München seit dem Krieg so gut wie nie auf eurer Parteilinie und wenns nach mir geht, muss das auch zu meinen Lebzeiten nicht mehr sein. Nein, meine Stimmen kriegt ihr nicht!

Nachtrag: Die Briefwahlunterlagen sind übrigens mit derselben Post angekommen. Zum Glück habe ich viel Platz auf dem Boden im Wohnzimmer – in einer Wahlkabine will ich mit diesen Monstern nicht kämpfen müssen…

Eine Runde Mitleid

Es ist noch keine vier Uhr früh, als ich aus dem Schlaf gedröhnt werde. Dauert einen Moment, bis ich Traum und Krach auseinanderdividiert habe und das Wachhirn anläuft. Zunächst einmal im Empörmodus: wieso wach? Wieso so früh? Mensch! Dann verstehe ich: da draußen ist ein bedauernswerter Mensch zugange und pflügt die inzwischen mehr als 20 cm Nachtschnee von den Fußwegen um die Wohnanstalt. Armer Mann.

Ich rolle mich dann mal wieder in meine Decke. Mit der Wetterlage kann ich mich auch in ein paar Stunden noch beschäftigen. Und selbst das wird zu früh sein.

Oh, what a night

… oder vielmehr: Oh, what a beautiful morning. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich einfach so aufgewacht, ohne vom Geräusch einhakender Krallen auf dem Balkongeländer und triumphalen Guruh, Guruh aus dem Schlaf gerissen zu werden. Ausnahmsweise einmal nicht zu nachtschlafender Zeit Im-Nachthemd-Drecksviecher-scheuchen.

Es mag daran liegen, dass heute ist, was ich einen Nietzsche-Morgen nenne (irgendwie muss sich das Germanistik-Studium ja gelohnt haben). Grau, trüb, kalt, vereinzeltes Hundegebell und “Die Krähen schrein / und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / bald wird es schnein…”

Wenn die schwarzen Vögel schwärmen, ziehen die Tauben die Schwänze ein. Dann mit Dank an Ludwig Hirsch zum letzten Zitat für diesen blogpost: “Komm, großer schwarzer Vogel…”

Vorhin im Amerikahaus: Fotoausstellung Micaiah Carter – “tender heart”

Puuuhhh, gerade noch geschafft – die Ausstellung läuft nur noch bis zum 28. Februar. Wer Zeit hat, gehe hin und weide seine Augen an ausgesprochen schönen Portätaufnahmen, die sehr großzügig und luftig über die drei Ausstellungsetagen des Amerikahauses gehängt sind. Macht Freude und sollte unbedingt gesehen werden!

Was habe ich doch für ein schönes Rentnerinnenleben, dass ich mich für dergleichen an einem Mittwochnachmittag um zwei verabreden kann… Hach!

Denk’ dir, ich habe den Fasching gesehen

Ich bin ziemlich gut darin, Dinge auszublenden, die mich nicht interessieren. Siko, Olympiade, Fasching, pah! Geht mir alles am Derrière vorbei und mir fehlt nichts, nichts, nichts.

Aber bloß weil’s mir wurscht ist, finden die Dinge ja nicht nicht statt und so bin ich letzte Woche im Siko-Autobahnsperrstau gestanden, hab mitbekommen, dass nicht nur ich den Vierfachaxel doch nicht so ganz beherrsche und bin heute vollkommen versehentlich im Straßenfasching gelandet. Muß aber gleich einschränkend dazu sagen, es war das, was in München als Fasching gildet.

Mein Termin am Rotkreuzplatz ist um High Noon. Die MVG-App sagt, ich brauche mit der Kombi U-Bahn/Bus genauso lang wie mit U-Bahn/U-Bahn. Dann nehm ich doch die “scenic tour”, ich bin nie in Neuhausen und es ist immer wieder interessant, was sich so ändert, wenn man die Strecke schon länger nicht mehr gefahren ist. Als wir landen, habe ich noch ein Stückchen Wegs zu gehen und irgendwer in bunt mit Clownsmake-up und -perücke wirft mit Konfetti nach mir und schreit mich an: “Stimmung”. Kann zu meiner Überraschung viel viel schneller laufen, als ich mir bis vor zwei Minuten noch zugetraut hätte.

Auf dem Rückweg bin ich etwas gnädiger gestimmt und zugegebenermaßen neugierig und nähere mich der Bühne, wo gerade ein sehr motivierter Herr mittleren Alters in etwas zu engem schwarzem Hemd und Hosen die Massen (ca. 20 Grundschüler in Verkleidung sowie mittelwillige Erziehungsberechtigte) anheizt. Jubeln sollen sie, weil jetzt kommt sie gleich. Die… die… die Prinzessin Anastasia vom Narrenverein Niederstrunzenöd (Danke, Michi). Auftritt eine recht junge sehr dünne Frau mit schwarzer Thermounterwäsche (lange Unterhosen, langärmliges Shirt) unter einer Glitzerfummelchen, in dem sie auch bei 30° Außentemperatur noch gefroren hätte, auf dem Kopf eine Art Burgfräuleinsnarrenhaube (auch Glitzer). Sie hüpft und wedelt mit den Ärmchen, es ist nicht ganz klar, ob wegen Aufwärmen oder wegen Stimmung, die Massen jubeln. Beim dritten Anlauf kommt auch schon die Musik vom Band und sie beginnt zur Melodie von “Wir haben Hunger, Hunger, Hunger…” zu singen, dass sie vorne gute Laune hat. Und hinten, oben, unten, rechts, links, alles gut gelaunt (mehr im Video):

Die Massen sind textsicher, hüpfen und wedeln auch und haben Spaß, wobei ich nicht bei allen Begleitpersonen ganz sicher bin. Danach wird die Prinzessin vom Schwarzen Mann wieder abmoderiert und vom Band dröhnt Nena mit “99 Luftballons”.

Ich gehe dann mal wieder. Aber falls wer fragt: ich war zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Fasching. In München.

Verhörte Intelligenz

Es mag der einen oder dem anderen aufgefallen sein, dass ich diese Kolumne ein wenig vernachlässigt habe, das bedeutet aber nicht, dass ich nicht regelmäßig weiter schönen Blödsinn sammle.

Wie zum Beispiel neulich, als es um die Verfilmung von Agatha-Christies-Miss-Marple-Kriminalromanen ging und die VI sich als Marmorfan entpuppte.

Marmor? Yes indeed, Miss Marble.

Wiedergelesen: Greg Rucka (Autor) und Michael Lark (Artist) – “Lazarus”

Anläßlich dessen, dass der achte Sammelband nun endlich bei mir zu Hause angekommen und das Wetter draußen kalt und ekelig war, nicht zu sprechen davon, dass mein Wochenende eigentlich ganz anders geplant gewesen wäre (fragt Brecht), habe ich mit einem beherzten Griff Bände 1-7 sowie das Bonusbuch aus dem Regal gegriffen, Tee gekocht und bin in die von Rucka und Lark geschaffene dystopische Welt hinübergewechselt.

Wen’s interessiert: In einer nicht zu fernen Zukunft (und wesentlich unferner als im Jahr 2012, als die Veröffentlichung begann und das meine ich nicht nur zeitlich), in dieser nicht zu fernen Zukunft also ist die Welt unter sechs großen rivalisierenden Familien aufgeteilt, die ihre Territorien in feudalen Systemen regieren / beherrschen / unterdrücken. Oben in der Hierarchie steht die Familie (wer Mafia denkt, liegt nicht falsch), keinerlei Regeln und Gesetzen unterworfen, mit nur einem Ziel: Vermehrung von Macht, Einfluß, Vermögen. Unter ihnen steht die kleine Schicht der “Serf” (die wörtliche Übersetzung für serf ist “Leibeigener”), also Menschen, die nützlich sind. Sei es als Wissenschaftler, Sportler, Unterhalter, Militär, Gelehrte, vielleicht sogar Berater. Halt brauchbar. Und dann kommt noch die große Masse der Unnützen. “Waste” (also Müll). Waste hat die Möglichkeit zu Serf “aufzusteigen”. In den alljährlich veranstalteten “Lifts”, zu denen die Massen pilgern und in denen gnadenlos selektiert wird. (Ja. Ich habe dieses Wort bewußt gewählt.)

Jede dieser Familien hält sich die besten Genwissenschaftler, profitiert von Longevity-Forschung und dem hauseigenen “Lazarus”, oft ein Familienmitglied, der sowohl weiblich wie männlich sein kann und schon ab frühester Jugend genetisch optimiert wird, physisch wie geistig. So gut wie unsterbliche selbstheilende schmerz- und temperaturunempfindliche hochintelligente loyale (dafür sorgen die entsprechenden Drogencocktails) Kampfmaschinen, die aber auch den Lokativ ebenso gut beherrschen wie ihre zukünftige Rolle als Unterhändler und Heerführer. Universal Soldiers mit Hirn. Wahre Monster.

Über die letzten Jahre ist diese extrem gut und tief recherchierte Serie immer noch politischer geworden und wirkt langsam weniger wie eine phantasievolle Weltenbaudystopie und mehr wie eine gar nicht mehr so unwahrscheinliche Vision.

Unbedingt zu empfehlen! Lesen! Lesen! Lesen!