Nachtrag zum Kino gestern

Diese Rentnerei ist ein Zustand der Gnade. Sage ich immer, weiß ich, kann ich aber auch empirisch belegen. Nämlich.

Gestern, der erste kühle regnerische Tag nach einem großen Sommer, halb vier nachmittags, City-Kino auf der Sonnenstraße, Saal 2, ca. 160 Plätze, so gut wie ausverkauft. Meine Anwesenheit senkt das Durchschnittsalter beträchtlich. Ein paar wenige versprengte Quotenmänner, sonst nur praktisch (vor allem das Schuhwerk), aber ausgehtauglich gekleidete Frauen mit weißen und grauen Haaren.

Pawel Pawlikowskis Schwarzweiß-Film spielt im Jahr 1949. Thomas Mann (Hanns Zischler) kehrt erstmals seit seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1933 nach Deutschland zurück. Von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) wird er in einem schwarzen glänzenden Buick durch ein in Trümmern liegendes Land vom amerikanisch besetzten Frankfurt in die sowjetische Zone nach Weimar chauffiert, denn in beiden Städten wird ihm anlässlich Goethes 200. Geburtstag der Goethepreis verliehen. Dass er der jeweils anderen Seite diese Ehre gibt, ist zu Beginn des Kalten Krieges schon sehr umstritten und nicht unproblematisch.

Es ist offensichtlich, dass viele der Anwesenden die Nachkriegszeit, möglicherweise auch die Kriegszeit selbst schon bewußt erlebt haben. Und dass sie die Namen zuordnen können. Klaus (August Diehl), den Sohn und Bruder. Johannes (Devid Striesow), den Dichter und Funktionär Johannes R. Becher und auch, ein herrlicher Auftritt in einer Frankfurter Hotelbar, Gustaf (Joachim Meyerhoff), Gustaf Gründgens, Erikas Ex-Gatte und Gegenstand des Buchs “Mephisto” ihres Bruder Klaus. Oder die Gebrüder Wagner, ganz wunderbar Enno und Theo Trebs als Grüne-Hügel-Wiedereröffnungswerber Wieland und Wolfgang. Wer nicht aus dem Stand Bescheid weiß, hat so gut wie immer eine hilfreiche Freundin neben sich, die erklärt – meist ein bißchen zu laut, die Ohren sind nimmer ganz so gut wie einst…

Alle, alle, alle haben sie eine Meinung zu Thomas. Nein, viele Meinungen. Zum Nobelpreisträger (ob’s jetzt wirklich die Buddenbrooks hätten sein müssen und ob er nicht später noch besseres geschrieben habe), zum Autor, zum Vater (ganz, ganz schlecht, ohne Katia wäre ja keins von denen geraten), zur politischen Persönlichkeit (zu spät gegen die Nazis, aber dann doch, die Radioansprachen, aber trotzdem – er ist halt ein Bourgois), zu Zischler (sehr nah am Original), zum Verhältnis zu Erika (hätte er die mal ihr Ding machen lassen, so als Assistentin bei der Reise, da ist die doch unterfordert) und in jeder (vermeintlichen) Schlüsselszene gehen wieder getuschelte Diskussionen los. Neben dem Film, der mich ganz und gar in seinen Bann gezogen hat, sind diese halblauten Gespräche, also dass sich Menschen heute noch so erregen und engagieren wollen in Diskussionen über die Verantwortugn eines seit 70 Jahre toten Künstlers die bereicherndste Erfahrung dieses Kinobesuchs.

Ja, wollt ich nur noch gesagt haben.


Genug ist genug!

Ich komme zufällig zur gleichen Zeit heim wie gestern und das Thermometer an der Apotheke zeigt 16° an, genau halb so viel wie gestern Abend.

Das kann man, o für Außentemperatur zuständiger Gott, machen. Muß man aber nicht.

Ich hätte dann wieder genug von der Kälte, Unterhemden und geschlossenen Schuhen. Capisce?

Aus dem Vokabelheft (Kapitel: frisch geschöpft)

Eine Freundin von mir hat eine Patentochter, die inzwischen alt genug ist, um ohne elterliche Begleitung etwas mit ihr zu unternehmen. Und so waren die beiden an einem schönen Sommertag unter dem schönen weißblauen oberbayerischen Sommerhimmel an einem schönen blauen See auf einem schönen oberbayerischen Seefest mit angeschlossenem Marktplatz. An einem der Verkaufsstände entdeckt das Kind (aktuell bis auf Wiederruf in seiner rosa Periode) rosa Haarspangerl und besteht darauf, dass die Tante zwei ganz genau gleiche mit rosa Glitzer und Strass kauft.

Warum?

“Damit wir im Patenlook gehen können.”

Gelesen: Erica Fischer – “Aimée und Jaguar. Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943”

Fischer hat die Geschichte eines unwahrscheinlichen Paares im Kriegsberlin aufgeschrieben, in einer Zeit, die die beiden Frauen weder lieben noch leben läßt.

Für heutige Leser mit dem Wissen der späten Geburt, dass die Rote Armee im Osten schon auf dem Vormarsch war, und nur noch ein paar Wochen bis zum Überleben gefehlt hätten, ist das grausamste Dokument ein Brief von Felice Schragenheim (“Jaguar”) vom 26. Dezember 1944 aus dem KZ Groß-Rosen, von wo aus sie in die Öfen nach Auschwitz transportiert wurde.

Wer tief in die Geschichte des Nationalsozialismus eintauchen will, ist mit diesem Buch und den Unmengen von Zeugnissen, die Lilly Wust (“Aimée”) ihr ganzes Leben lang treulich verwahrt hat, sehr sehr gut beraten. Wer mein Buch haben will, möge sich melden.

Lesen! Lesen! Lesen!

Wochenendzeitung

Früher ging das nur am Wochenende, aber inzwischen gehört zu meinem Jeden-Morgen-Ritual, die Süddeutsche Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite zu studieren.

Dieses Wochenende lassen mich die Blattmacher allerdings rätseln. In einem Artikel über Robert Pattinson nennen sie den Schauspieler einmal (und nur dieses eine Mal) “Patterson”.

Sydney Sweeney wird (auch nur ein einziges Mal im gesamten Artikel) zu Sydney Sweety umgetauft.

Warum? Kann das Sommerloch eine Erklärung sein? Die urlaubsbedingte Abwesenheit der Kontrollinstanzen? Ein Troll (oder Trollin, meinethalben)? Oder will die Zeitung ihre Leserschaft geistig wach halten mit kleinen “Finde-den-Unterschied”-Aufgaben? Man weiß es nicht. Wüßte es aber schon gerne. Oder?