Aus der Rentnerei

Einer der schönsten Aspekte des Ruhestands ist das Ausschlafen. Aufwachen, wenn der Traum zu Ende, die Schlafphasen in ihrer von der Natur vorgesehenen Reihenfolge absolviert und der ganze Mensch gern und erholt dem jungen Tag ins Gesicht sieht.

Soweit die Theorie. In Wahrheit wird das lästige Gelärme des Weckers von früher abgelöst durch eine Kakophonie unerbetener Klänge. Im Allgemeinen sind die Guruh-Guruhs die ersten, gurren, flattern und – ich schwöre – furzen sich warm, bevor sie kacken (inzwischen allerdings mehr auf den Nachbarbalkonen). Dann rückt die Engelbert-Strauß-Brigade an und läßt ihre Motoren röhren, als Kontrapunkt piepen Lieferwagen dazu “Jetzt-fahre-ich-rückwärts” und als ob das noch nicht genug wäre, legen die Schüler der nahegelegenen Mittelschule auf dem Weg zu ihrem anstrengenden Schultag auf dem Spielplatz unten einen Zwischenaufenthalt ein und tauschen sich über ihre Erlebnisse des Vorabends aus. Das muss offensichtlich schreiend geschehen, sonst gilt es nicht.

Früher war ich um die Zeit in der Arbeit und habe Rentner noch beneidet…

Es wechseln die Zeiten*

Früher, klagt die Jubilarin (ein halbes Jahr älter als ich), habe man zu ihrem Geburtstag immer eine Schifffahrt (damals noch mit zwei, heutzutage mit drei “F”) unternommen. Nicht in diesem Jahr. Niedrigwasser an der Anlegestelle.

Hmmm. Früher war ich ja immer neidisch auf die Menschen mit Sommergeburtstagen wg. Gartenfest und Poolparty, alles draußen und in der Sonne. Wohingegen an meinem Geburtstag immer Schnee und kalt und Polarbären in den Straßen.

Wenn das so weitergeht, werde ich es möglicherweise noch erleben, wie wir meinen Happy (?) Birthday im Biergarten feiern. Merke: man kann beim Wünschen nicht vorsichtig genug sein!

* Wer das Zitat erkennt und den Satz vervollständigen kann, bekommt einen Taler.

Gelesen: Ferdia Lennon – “Glorious Exploits”

Eine Handvoll Oliven? Brot? Käse? Gar Wein? Aber nur, wenn der hungrige gefangene Athener unter der brütenden Sonne im Steinbruch bei Syrakus aus Euripides’ Stücken zitiert. Vorzugsweise Medea, aber auch die Troerinnen wären recht.

Lennon siedelt seinen, ich nenne es mal Schelmenroman im Jahre 412 v. Chr. auf Sizilien an. Ich-Erzähler ist der Strizzi und Hallodri sowie arbeitslose Töpfer Lampo, der mit seinem Sandkastenfreund Gelon, einem Träumer und Theaterliebhaber, irgendwie auch den nächsten Tag wieder überlebt und die sich, wenn ein bißchen Geld übrigbleibt, einen Jux daraus machen, in den Steinbruch zu gehen und Kriegsgefangene zu trietzen.

Bis sie auf die Idee kommen, ernsthaft eine Aufführung zu planen. Mit Chor, Kostümen und Masken. Für Publikum. Mit interessantem Ausgang. (Ich will nichts verraten, daher der nichtssagende Begriff “interessant”.)

Ein großer Reiz des Buches liegt darin, dass die Sprache, in der Lampo erzählt, für unsere Ohren zeitgenössisch klingt, man hört sie so heute auf den Straßen Dublins und sie paßt zu dem halbseidenen Kerl und seiner Mannwerdung wie die Faust aufs Auge. Kompliment zu diesem gelungenen Erstling!

Lesen! Lesen! Lesen!

Wie meine, ZEIT?

“Jenseits” (klein geschrieben) ist eine Präposition und wird als Ortsangabe verwendet, für “auf der anderen Seite” oder “hinter”. Einen solchermaßen angebrachten Schutzmechanismus stelle ich mir beim Radeln kompliziert vor. Könnte es sein, dass ihr “darüber hinaus” sagen wolltet und der Korrektor das nicht mehr richtigstellen kann, weil eingespart?

Gestern Abend in der Unterfahrt: “Guido May Groove Extravaganza – African Night mit Biboul Darouiche”

Mich kann man ja so leicht glücklich machen: beste Plätze in der ersten Reihe mit unverstelltem Blick auf 3 (drei) Schlagwerke und beim Konzert die Füße auf dem Bühnenrand abstellen und den Groove nicht nur hören und sehen, sondern mit dem ganzen Körper fühlen. Ganzsehrviele Hachs! Und noch ganzsehrviele mehr!

Mei, war das ein schönes Konzert. Der sowieso schon Ausnahmeschlagzeuger Guido May hatte sich für das erste Konzert der diesjährigen “Munich Summer Jazz Weeks” vier sagenhaft großartige Kollegen eingeladen. Biboul Darouiche, langjähriger Mitspieler bei Klaus Doldingers Passport an den/der (?) Percussion sowie allem anderen, was den Rhythmus befeuert (einen Neunachteltakt muss man erst mal spielen wollen und können) – und sehr schön singen kann er auch; Multitalent Flo Sagner, Percussion und Trompete und beides im so schnell fließenden Wechsel, dass das eine noch nicht ganz ausgeklungen ist, wenn er mit dem anderen schon loslegt; am Piano der wahnsinnig junge Theo Kollross, der aussieht wie ein erschreckter Chorknabe und spielt wie ein schon ganz Alter (und auch ein paar Drum Sticks am Piano hat, um bei Bedarf beim Groove mitzuhelfen, Hach!) und last but very much not least der sehr coole (Selbstbeschreibung) Baseman Igor Kljujic.

Wow! Was für eine Formation! Die Unterfahrt hat von den ersten Takten an gekocht, was die Musiker an Spielfreude und Können an den Tag legten, gab das Publikum in Begeisterungsstürmen zurück, und der Groove! Der Groove! Mega-Hach!

So ein tolles Konzert! Hatte ich schon erwähnt, dass ich in der ersten Reihe quasi mitten im Schlagwerk saß? Hach!

Und nun zum Verkehr

Seitdem ich auf Schienenersatzverkehr angewiesen bin, um irgendwie von daheim in die Stadt und wieder zurückzukommen, häufen sich die unerwarteten kleinen Kalamitäten. Der Bus steht im Stau oder ein Depp parkt so dumm, dass keiner, schon gar nicht mein Bus, an ihm vorbeikommt oder auf der Ausweichstrecke wurde spontan eine Baustelle gegraben oder noch eine oder zwei oder es ist Stau wegen Ferienanfang oder Montagmorgen oder Freitagnachmittag oder Vollmond oder, das passiert oft genug, dem Bus ist das auch alles zu doof, und er kummt ned, kummt ned (fragt Oma). Es ist ein Kreuz.

Ganz ganz selten passieren ganz ganz unverhoffte Glücksmomente, so wie gestern Abend. Ich frage die App, wie ich am besten heimkomme, und warte in der U-Bahn-Station auf die U-Bahn, die mich zum SEV-Bus bringen soll. Die U-Bahn scheint verspätet zu sein und der bis dato recht zivile Vorschlag mit nur zwei Mal Umsteigen verschwindet aus der App und wird durch nachfolgend drei weitere ersetzt mit jeweils mindestens vier Umstiegen. Oh Mann!

Halloho, das Konzert war lang, es ist spät und ich müßte auch mal… Ah, da kommt die U-Bahn. Dann geschieht, was ich nur als Fügung überirdischer Gewalten interpretieren kann. Die U-Bahn zu spät. Die Rolltreppe kaputt. Als ich, genervt und außer Atem, an der Bushaltestelle eintreffe, ist die Anzeige, wie es denn nun weitergehen soll, kaputt. Dafür fährt aber gerade der verspätete Bus vor. Okay, nehm ich. Steige an der nächsten Umsteigehaltestelle aus und zum Bahnsteig ab, da fährt die ebenfalls verspätete U-Bahn gerade ein.

Das ganze Unternehmen hat mit zwei Mal Umsteigen gerade mal 10 Minuten länger gedauert als unter normalen Verhältnissen. Werte Herren und Damen MVG-Disponenten: wollt ihr euch das nicht mal anschauen und eventuell auf den SEV-Fahrplan anwenden? Hmmm?

Gelesen: Michael Niavarani – “Romeo & Julia: Die höchst beklagenswerte und gänzlich unbekannte Ehetragödie: Ohne Tod kein Happy End (sehr lang nach William Shakespeare)”

Nachdem ich soviel Freude am “Sommernachtstraum” in Brixen hatte (was jetzt natürlich nicht nur, aber schon auch ein bissele am Bardenbearbeiter Niavarani liegt), wollte ich doch einmal sehen, wie sich seine anderen Shakespearenacherzählungen daran messen lassen.

Erst einmal: Hut ab. Niavarani kennt seinen Shakespeare und bedient sich in “Romeo und Julia” an Versatzstücken aus mehreren seiner Dramen. Mir als Afficionada macht es großen Spaß, herauszudeuteln, woher er DAS nun wieder hat… Geht übrigens bis zum Faust. (Ja, ich weiß selber, dass der nicht von Shakespeare ist.)

Das sehr liebevoll besorgte Buch aus dem Schultz & Schirm-Verlag ist eine helle Freude und mit hinreichend Phantasie ist Schwarz-auf-Weiß-gedruckt fast ebenso schön wie eine Aufführung im Theater.

Lesen! Lesen! Lesen!