
Wie schön!
Die sehr zartgeschöpfige Physiotherapeutin begleitet den älteren, deutlich gehbehinderten Herrn zur Tür und hält ihm das schwere Ding weit auf. Im Rahmen hält er inne, wendet sich zu ihr und spricht: “Was Gott vergessen hat, mir Gutes zu tun, das tun Sie für mich. Danke!” Dann küßt er ihr die Hand und hinkt und humpelt zum Lift.
Und sie steht da. Verdutzt. Und schaut ihm mit Tränen in den Augen nach.
Sehr rührend.
Der Winter ist da
Habe heute in den Öffentlichen Verkehrsmitteln schon drei verwitwete Handschuhe gefunden.
Verhörte Intelligenz
Ein Video auf YouTube. Es geht um Bücher. Um Bücher für junge Menschen. Einer in der Runde erwähnt “Hunger Games”. Die VI ist je eher so keine Leserin und untertitelt: “A hundred eggs”.
Ist das schön oder ist das schön?
Der Sommer ist vorbeiheihei…
Kaum ist der Schlüssel umgedreht, rödelt die Klimaanlage los und das Gebläse tobt mir auf mindestens Vierwettertaftstärke (fragt Oma) ins Gesicht. Außerdem steht die Innentemperaturanzeige auf 18°. Mir will scheinen, dass sich das Auto schon eine ganze Weile nicht mehr außerhalb der Garage aufgehalten hat. Flugs die Einstellungen auf “Brrrrhhhh-es-ist-Herbst” geändert und los, die eine oder andere Besorgung mit Autobedarf erledigen.
Als Zuckerl zum Schluß habe ich mir den feuerroten Bücherschrank vor der Feuerwehr aufgehoben und das Schicksal scheint mir wohlgesonnen: nur freie Parkplätze. Allein, wo ist mein Schrank hin? Da, das graue zugestaubte lieblos in die Ecke geschobene Ding mit den zugeklebten Türen… das kann, das darf doch nicht mein geliebter Bücherschrank sein?
Doch. Isser. Ein grau verstaubter Zettel versichert, dass der Schrank wieder befüllt werde, wenn die Bauarbeiten vorbei und er seinen endgültigen Standplatz gefunden haben werde. Aber. Aber. Aber hier baut doch gar keiner. Aber das dürfen die doch nicht. Befüllen. Das wollte ich doch machen. Heute. Ich hab doch gestern nicht ohne Grund zwei schwere Beutel voller Weggebbücher in die Garage geschleppt und in den Kofferraum zu ihrem dort schon befindlichen Bruder geladen. Manno.
Gemein ist das. Hundsgemein.
Andrerseits hätte ich ohne den fehlenden Schrank niemals die sehr lustigen Verhörte-Intelligenz-Untertitel gefunden. Viel Spaß!
Neu zum Strömen: “Star Trek: Strange New Worlds” – Staffel 4
In den ersten beiden Staffeln folgten die Macher im großen Ganzen den Pfaden Gene Roddenberrys mit abgeschlossenen Folgen und einer ordnungsmäßen Science Fiction Handlung, einem guten Captain und seiner loyalen Crew, boldly going where no man has gone before – mit einem “Gimmick”-Ausreißer in der ersten Staffel, einer wilden und extrem kostüm- und ausstattungsfreudigen Rollenspielparodie. In der zweiten Staffel waren es schon drei Gimmick-Folgen, eine High School Comedy mit Spock als menschlichem Teenager, einer Animations-Crossover-Geschichte mit der “Lower Decks”-Zeichentrickserie (s. https://flockblog.de/?p=44366) und einem veritablen Musical mit viel Gesang.
Die dritte Staffel, ja, die verflixte dritte Staffel erwies sich als Kessel Buntes: RomCom, Retro-Sci-Fi in einem Holodeck-Meta-Setting, Horror, Mockumentary, Körpertausch (sind wir nicht alle ein bißchen Vulkanier?) und wieder was mit Singen. Auf Reddit wurden Vermutungen laut, dass die Serie sich ihrem Ende zuneige und den Schauspielerinnen und Schauspielern die Chance gegeben werden sollte, ihre Talente auch in anderen Genres zu zeigen. Hmmm.
Die frisch gebingte vierte Staffel ist nicht viel anders als die dritte, allein, von den zehn Folgen sind mehr als die Hälfte gimmicky. Jurassic Park mit einem Zeitreisentwist (Saurier und Menschen gemeinsam auf dem Planeten Erde – nicht wo, sondern wann sind wir, jaha), eine Parodie auf Hangover und alle die anderen furchtbaren Party-“Komödien”, ein Film Noir (jawoll, mutig in Schwarz/Weiß) mit einem arg verunglückten Zitat der Marseillaise-Szene aus Casablanca, eine Muppet-Folge (alle sind Henderson-Puppen, außer Spock), eine Seifenoper und ein Hyper-Disney-Märchen. Gesungen wird nicht, man muss da auch mal für kleine Gnaden dankbar sein. Das kann man alles machen und es ist auch perfekt umgesetzt, aber doch insgesamt Overkill. Weniger wäre mehr gewesen.
Die fünfte und letzte Staffel, verkürzt auf sechs Folgen, ist wohl schon abgedreht und soll im Sommer 2027 ausgestrahlt werden. Dieses Mal wieder als Science Fiction-Serie. Dann schau ma moi.
Gelesen: Christine Wunnicke – “Die Dame mit der bemalten Hand”
Was für ein wunderliches außergewöhnliches Buch! Wunnicke schreibt wie aus einer anderen Zeit.
Das Personal, das in ihrer Geschichte aufeinandertrifft, sind der zum Zwecke der Forschung in die weite Welt geworfene Mathematikus Carsten Niebuhr aus dem Bremischen (schon damals der Prototyp des Nerds) und Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, Astronom und Astrolabienbauer (von irgendwas muss man ja leben) und dessen Dienerbub Malik. Die Herren treten einander, von den Kapitänen der jeweiligen Transportschiffe schmählich sitzen gelassen, auf dem öden struppigen Eiland Gharapuri vor Bombay “auf den Lebensweg”, wo sie sich die Wartezeit auf die erhoffte Rettung mit Gesprächen und Geschichten sowie Fieber und Heilung vertreiben.
Der eigentliche Geniestreich der Autorin ist nun, dass sie, in diesem in deutscher Sprache geschriebenen Buch, etabliert, dass Meister Musa neben diversen indischen Straßendialekten natürlich fließend Sanskrit spricht, sie daraus wörtlich die herrlichsten Phrasen “übersetzt” und die lingua franca zwischen den beiden Gestrandeten Arabisch ist, was Musa recht, und der Deutsche mehr schlecht als recht beherrscht. Das führt dann zu so wundersamen Wendungen wie “Greisenblödsinn” statt eines harrschen Wortes wie Demenz oder, meinem ganz großen Liebling, einer Formulierung wie “Affen des Mundes zu Markte tragen”* – und viele mehr, die zu entdecken ich den nächsten Leserinnen und Lesern selbst überlasse.
Eins noch, weil wichtig: Die Männer kommen zu der Erkenntnis, dass sie zwar in denselben Himmel und dieselben Sterne sehen, aber die Konstellation, die dem einen eine Dame mit bemalter Hand, dem anderen die Kassiopeia ist. Man könnte streiten. Sie nicht. So einfach ist Frieden zwischen den Kulturen.
Es ist schwer, das schmale Büchlein vorbehaltlos zu empfehlen. Es ist schon sehr eigen. Aber wer willens ist, sich einzulassen, wird eine besondere Erfahrung erleben. Versprochen.
* Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt übererkläre, wenn ja, einfach ignorieren.
Der – inzwischen obsolete – Ausdruck “Maulaffen feilhalten” und für gaffen, mit offenem Mund einfältig und untätig herumstehen und großäugig schauen steht, geht auf Kienspanhalter mit weit aufgerissenem Maul zurück, in das man den brennenden Holzspan hineinsteckte, um dunkle Räume zu erhellen. (14. Jahhundert ff)

