Wow!
Wie in den Olive Kitteridge-Büchern (s. https://flockblog.de/?p=43227), auf die Strout ganz witzig referenziert, ist auch hier die Heldin, Lucy Barton, ein Mensch, den man auf den ersten Blick nicht wirklich leiden kann. Mäkelig, immer grade einen Ticken vom rechten Ton und Platz entfernt, mit ihrem Leben unzufrieden und in den wenigen glücklichen Momenten, die sie auch als solche erkennt und definiert, nie so ganz sicher, ob ihr das wirklich zusteht. Ein bißchen nervig und dann ist sie auch noch die Ich-Erzählerin ihrer (und einer) Geschichte, die mit den ersten Tagen der Pandemie im frühen Frühjahr 2020 beginnt. Das Wort “Corona” kommt gezählte drei Mal vor, die Begriffe “Virus” und “Pandemie” ein bißchen häufiger, meist aber spricht sie nur diffus davon, dass jemand krank werden könnte oder geworden sei und läßt ihre Leserschaft die Unsicherheiten der ersten Phase noch einmal am eigenen Unbehagen miterleben. Echt jetzt? Masken? Handschuhe? Social Distancing? Das große Leiden in New York, Kühllaster und Massengräber – das ganze Grauen ist auf einmal wieder greifbar. Fallzahlen, Inzidenzen und Lockdown, das Warten auf den Impfstoff…
Nebenher liefert sie eine der klarsten Analysen des von Hillary Clinton abfällig benannten “basket of deplorables”, also der Abgehängten in den USA, die in Trump ihren Retter sehen:
‘Sie sind wütend. Sie kommen auf keinen grünen Zweig im Leben. Schau dir deine Schwester an. Zurzeit bringt sie sich mit ihrem Job in Gefahr, weil sie keine andere Wahl hat. […] Diesen Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Und die, denen es besser geht, sind blind dafür. […] Wir nehmen sie nicht für voll, und das merken sie.’ […]
Ich hörte, wie hinter mir geredet wurde: ‘Scheiß-Touris.” Ich drehte mich um, es waren Männer ohne Masken, die das gesagt hatten und irgendwie machten sie mir ein wenig Angst. Und dann entdeckte die maskenlose Frau vor mir eine andere Frau, die eben aus dem Auto stieg, und sie warfen die Arme umeinander und riefen: ‘Hi!’
Aber ein paar Minuten lang, darauf will ich hinaus, hatte ich beinahe so etwas wie eine Vision: Ich sah einen tiefen Riß durch das Land gehen, und Ahnungen von einem Bürgerkrieg strichen um mich wie ein Luftzug, nicht greifbar, aber doch zu spüren. […] Es hat mich seitdem nicht mehr verlassen. Das Gefühl, das mich an diesem Abend befiel.
Wie Strout solche an sich einfache Sätze aneinanderreiht und damit so eine Wirkung erzielen kann, ist phänomenal!
Ich habe zum ersten Mal Strout in deutscher Übersetzung gelesen und kann nur sagen, Hut ab, Frau Sabine Roth! Genauer kann man den Klang nicht treffen. Mein Exemplar geht also guten Gewissens an die weiter, die es gerne hätten und vor dem englischen Original zurückgeschreckt wären. Einfach Bescheid geben.
Lesen! Lesen! Lesen!


