Wellness in Bad Füssen, ein mehrteiliger Bericht. 3. D’Leit*

  • Für die Kategorisierung der Geschlechter in “die Matz” und “der Lapp” (geht weder umgekehrt noch ohne einander) verweise ich auf den ersten Teil des Berichts.
  • Im Übrigen müssen wir wohl um Abbitte ersuchen. Also, Frau Carola: es liegt an uns und nicht an Ihnen. Den meisten Gästen Ihres Hauses scheint das, was Sie wahrscheinlich “liebevoll dekoriert” und ich “augenkrebsauslösend” nenne, gut zu gefallen. So gut, dass sie den Gatten oder die mitreisende Freundin davor und damit ablichten. Ich hab nur eins (von vielen) Kissen fotografiert. Das muss reichen. Nicht, dass mir die Linse platzt.
  • Verpasst haben wir, zu unserem großen Bedauern, den Tanztee (faul auf der Sonnenterrasse den Bäumen beim Blühen zugeschaut) und den Tanzabend (dem Griechen den gesamten Tagesfang weggefressen) mit Pepi Grunzendorfer.
    Scho schad.
    Bestimmt.
  • Der schönste Mann im Thermenjuwel ist der Wolle mit der Tolle. Ein eher hagerer Typ mit vogelartiger Physiognomie, der gerne in Beckenecken lehnt und mit ruckartigen Kopf- bzw. Augenbewegungen seine Umwelt beobachtet. Damit ihm nur keiner nahekommt und etwa seine sorgsam und aufwendig ondulierten Haarstränge, jeweils seitlich rechts und links von der Glatze angeordnet, naßmacht.
  • Ich glaube ja, dass man in Bad Füssing als männlicher heimatverbundener Jugendlicher in der Berufsberatung eine Ausbildung zum “Kurschatten” vorgeschlagen bekommt. Den Lehrplan würd ich gerne mitgestalten dürfen – hey, ich hab die Ausbildereignungsprüfung damals mit Auszeichung bestanden, ich kann das.
  • In der Therme stehen vereinzelt lebensgroße Bronzestatuen weiblicher Nackter. Kleine feste Brüste, nackte Achselhöhlen, flacher Bauch, nackte Scham, fester Hintern, so, wie Arno Breker sie schuf. Ich habe trotz intensiver Recherche weder einen Hinweis auf den Künstler und noch weniger auf ihre Provenienz gefunden…

* Gemäß dem Motto des großen Denkers Karl Valentin: “Der Mensch is’ gut, aber die Leut’ san a G’sindel!”

Wellness in Bad Füssen, ein mehrteiliger Bericht. 2. Die Johannesbad-Therme

Es war nicht einfach. Aber… Wir sind die Gewinnerinnen der “Fichtenwald-Late-Night-Challenge”. Ich würde so gerne davon erzählen, wie ich in der Bibel auf dem Nachttisch Rat und Trost gefunden habe. Allein, bei Carola im Haus ist die heilige Schrift ein Ratgeber der Autorin Heike Holz (Nomen est Omen – eine Heike Haberstroh hätte es im Hotel Fichtenwald nicht neben die Betten geschafft). Ich lerne: Nicht etwa Red Bull, neihein, “Glücklichsein verleiht Flügel”. Wie das im Einzelnen geht, wird in Kapiteln mit Titeln wie “Knips dein Licht an”*, “Was sagt mein Bauch dazu?” und, anatomisch rätselhaft, “Mit vier Ohren hören” erläutert. Nein, das mach ich wieder zu. Von sowas bekomme ich sicher Alpträume.

Selbst sind die Frauen. Hah! Schraubella, die Mörderschiffschraube (Arbeitstitel), halten wir durch einen irre geschickten Trick davon ab, uns in kleine Teile zu zerlegen. Einfach den Schalter nicht angeknipst, jaha. Gewußt wie. So vermeidet man, zum Beispiel, auch Atomkriege, nur falls es wen interessieren sollte. Das klistierförmige Salzstickmodul mit dem eigenartigen lila Wabbelkern unterhalb der Mischbatterie in der Duschkabine konnte uns nichts tun, weil wir, einen ganzen Tag im Thermenjuwel (doch, so nennen die das) mit umpfzich Becken innen und außen vor uns habend, dem Ding einfach fernbleiben. Und dass Carola den ganzen Garten unter Strom setzt und die halbe Nacht mit Blitzelichtern herumzuckt, ist uns gerade mal ein Wegdrehen wert – und wuppdich: Es ist Morgen und die Challenge bestanden. Siegerehrung, Medaillen, the whole shebang. Drum erzähle ich jetzt auch nix mehr von Carolas Frühstücksspezialitäten, weil: Wir sind hier schließlich nicht zum Spaß, sondern zwengs Wellness. Auf in die Therme.

Huiui. Riesenparkplatz. Rieseneingangsbereich. Schilderwälder, die die Richtungen zu Badebecken, Rehamaßnahmen, Ärzten, Shops (Bade- und Freizeitmoden im Ausverkauf, aber wir widerstehen), noch mehr Gesundheit, Wohlfühlen, Massagen, Aroma, Fango, Tango, Salsa, Walzer… aber halt, mir gehts schon wie der KI, ich halluziniere. Wir sind drin und schauen auf Spindmengen, die eine durchschnittliche Kaserne vor Neid erblassen lassen müssen. Und das ist nur die erste von drei Etagen.
Meine Herren! Und Damen! Sowie alle anderen!

Nun muss ich gleich einmal eine Lanze für Einrichtungen dieser Art brechen. Hier sind alle Sorten Mensch vertreten: groß und klein, dick und dünn, alt und jung, turnschuhfit und rollatorgebrechlich, dunkelgebräunt und winterbleich, viel und wenig Haare auf Kopf und/oder Körper – alle Gegensatzpaare, die einem einfallen und alle Varianten dazwischen. Alle sind sie gekommen, um es sich nach dem kalten Winter in der Frühlingssonne wohlergehen zu lassen. Sonst nix. Alle tragen wenig kaschierende Badekleidung (noch. Wenn sie (und wir) erst mal im 3. Stock im Saunabereich sind, sind alle nackig). Und es ist wurscht. Jeder läßt jeden sein, wie er ist – das Badehaus als moralische Anstalt. Leben und leben lassen. Holla. Scho sche.

Wir brauchen einen Moment, die irre Größe der Außenanlage und Becken an Becken an Becken zu erfassen, fangen aber dann mal im Strömungskanal an und es ist herrlich. Das Wasser knackewarm, die Sonne auch, nur die Nase bleibt kühl. Dicke Düsen von den Seiten geben uns gelegentlich einen ordentlichen Schub und dann treiben wir ein bißchen schneller bis wir wieder im Rhythmus des Stroms wie die Korken herumpoppen, hach! Sehr sehr hach! Nach ein paar Runden entdecken wir die Sprudelbänke (unten in rot) – was ein Spaß! Aus vielen Düsen strömen Luftbläschen und neben dem Massage- haben sie einen Dolly-Buster-Effekt. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so eine Oberweite, bin nicht sicher, ob Doppel-E ausreicht, sie zu beschreiben. Hah! Als ich mich wieder dem Strömungskanal anvertraue, muß ich ein paar Mal feste drücken, bis sich mit einem langgezogenen Furzgeräusch meine Größe wieder manifestiert. Schö-ön! Nochmal!

Als nächstes lassen wir uns einen, zwei, drei Pools weiter im schönen warmen Salzwasser durchbritzeln (so sollte das Meer immer und überall sein) und dann finden wir einen 36° warmen Sprudelpool – in dem könnte ich einziehen. Werde aber irgendwann (ob nach Minuten, Stunden oder Tagen weiß ich nicht, kann mich mit solchen Nebensächlichkeiten wie dem linearen Fluß der Zeit wirklich nicht aufhalten, muß sprudeln) mit Nachdruck aufgefordert, jetzt (jetzt!) rauszukommen, weil ich schon fast in Schwimmhäuten eingewachsen sei. Pfffhhh. Dann halt. Aber nicht gern. Muss aber, weil wir müssen jetzt saunen (ist im Voraus bezahlt).

Ab in den 3. Stock und wieder erschlägt einen die Auswahl. Was sollen wir bloß als erstes tun? Wir finden ein hübsches sonnendurchflutetes Eckchen im Ruhebereich, entledigen uns unserer nassen Badekleidung und fangen mit dem Osmanischen Badetempel an. Hach! Danach erlebnisduschen, mit allen Farben des Spektrums und umpfzig verschiedenen Wasserstrahlstärken- und temperaturen. Ganz schön anstrengend, aber inzwischen habe ich den Dachgarten gefunden und wir legen draußen ein Päuschen ein. Und dann müssen wir schon wieder los, Kaffee trinken. Viel mehr schaffen wir nicht. Hut ab vor den Dauergästen, die hier Tage am Stück verbringen. Müssen eine Super-Kondition haben, diese Herrschaften.

Wenn ich eins gelernt habe: Wellnessen ist nix für Schwächlinge.

* “Knips dein Licht an” ist im übrigen eine “Methode”, die Frau Holz höchstpersönlich erfunden hat und auch lehrt. Ich persönlich verwende ja hierfür ohne jede Ausbildung intuitiv Lichtschalter, aber jeder wie er mag.

Home Sweet Home

Das Siedeln scheinen sie sich (zumindest derzeit) aus den Vogelhirnen geschlagen zu haben. Aber einen hat die Paloma-Brigade doch abgestellt, um schon frühmorgens (und mehrfach) anzuschwirren, die Krallen um das Metallbalkongitter zu schlagen und laut laut Guruh-guruh zu rufen. Nicht, dass ich mich etwa in Sicherheit wiege…

Wellnessgestählt wie ich jetzt bin, wird mir schon noch was einfallen, den Rufer zum Schweigen zu bringen. Aber doch ned so früh, ey.

Wellness in Bad Füssen, ein mehrteiliger Bericht. 1. Die Unterkunft

Wer auswärts Wellnessen will, muss ja vorher wo schlafen und meine schenkende Freundin hatte für uns das “Boutique Glück’s Hotel Fichtenwald” (der Apostroph ist von denen) in der Finkenstraße in Bad Füssing (quasi Triple F) ausgewählt. Ganz was besonderes.

Geführt wird das Haus, in dem sich die Duftnote “Kurschatten” (morgens Fango, abends Tango) in jeder Ritze für die Ewigkeit festgesetzt hat, von Carola (links, übrigens ein Jugendbild oder die ganz teuere Bezahlversion von Photoshop), die niederen Arbeiten (Rezeption besetzen, Gartenpflege, Frühstücksgeschirr abräumen…) erledigt der Gatte (links von Caro, aber nur für ihre Freunde), dessen Namen keiner kennt und den wir hilfsweise fortan Hans-Jochen nennen wollen. In kurz, “die (odrahte) Matz” und “der Lapp”.

Beiseite gesprochen: Ich habe so viele neue bayerische Begriffe gelernt, der kurze Aufenthalt geht lässig als Bildungsreise durch.

Hans-Jochen checkt uns ein und übergibt abschließend den Zimmerschlüssel mit dem handtellergroßen Messing?-Herzerl-Anhänger, ich vertreibe mir derweil die Zeit damit, die Dekoration zu hmmm…, ich sag jetzt mal, zu bewundern, das ist aber gelogen. Jeder Zentimeter Fläche ist mit Sinnsprüchen sowie Kruscht zugepflastert. Das meiste ist aus Holz (“Fichtenwald”, wir erinnern uns), und wenn Carola eine Totemfarbe hat, dann ist es Falschgold – die wäre nirgends glücklicher als im zukünftigen Ballsaal des Weißen Hauses. Und weil wir am Oster-Dienstag (das ist der zweite Tag nach der Auferstehung und gildet als Bestandteil des Osterfestes, fragt Carola), grinsen uns von überall geschnitzte Haserl und Gickerl und Eier, Eier, Eier an. Mit Gold bestäubt oder in allerliebste Nesterl aus Sägespänen und Goldfusseln gebettet oder sinnfrei, weil aus (vergoldetem) Gips, auf dem Frühstückstisch… Aber halt, ich greife vor. Zum Frühstück, wo sich der Gast sein Wunschei selbst kocht (jaha, der Kochtopf ist eine Neuheit aus Amerika, als ob man mit sowas heutzutage noch angeben sollte), das zu kochende Ei aus einem Körberl entnimmt, und sich dabei das aussucht, das den glücklichsten Gesichtsausdruck zeigt (die sind alle mit Edding bemalt), zum Frühstück komme ich erst, wenn ich von unserem Zimmer erzählt habe.

Ein Zimmer, in dem Carolas innere Innenarchitekten komplett auf links gedreht Amok gelaufen sein muss und niemand den Mut hatte, sich ihr in den Weg zu stellen. Meine Herren! Aber lassen wir Carola selbst erzählen “…entspannt träumen und nach den Sternen greifen! Unser neues Doppelzimmer Sternentraum überrascht mit stilvoll modernen Elementen. Die warmen, gemütlichen Echtholzmöbel verleihen dem Zimmer seinen unvergleichlichen Wohlfühlcharakter und raffiniert integrierte Lichter in der Wand sorgen für den besonderen Wow-Effekt.” Aha. Wow-Effekt. Okay-hay…? Vom Interieur überwältigt (Carolas Mega-Oster-Deko auf allen freien Flächen und Gold, Gold, Gold auf Tisch und Boden und an der Wand (Stofftapete mit Goldsprengseln) setzen wir uns erst mal auf den – schmucklosen – Balkon in die vorbestellte Nachmittagssonne und werden unverzüglich von Carola, die gerade Dekogegenstände aus Holz und Gold in ihren Kofferraum verlädt, angebrüllt (es sind immerhin eineinhalb Stockwerke zwischen uns). “Z’wegen dera Lampn.” Nein, werte Leserschaft. Ich werde jetzt nicht den ganzen Vortrag dieser Frau in ekelhaft g’schertem Bayerisch wiedergeben. Komprimiert ging es darum, dass jüngst ein Gast mit seinem Lockenstab die unglaublich teure Hängelampe zerschlagen habe, und deswegen da jetzt nur eine hänge und ihr das ganz arg sei. Wir könnten das Ding auch einfach mitnehmen, weil so eine schöne teuere Lampe bekomme sie ja nie mehr wieder. Wir sind beide Schwäbinnen. Natürlich schauen wir nach, ob sich das Abschrauben lohnen würde. Nein, auf keinen Fall! Eine vergoldete Glaskugel an einer Schnur… ist das Ding vielleicht selten greislig! Die lassen wir da. Aber wir hätten schon gerne die Details des Lockenstabzwischenfalls erfahren. Zum Beispiel die Position, die die lockende Person eingenommen haben könnte, um mit dem Stab an die Lampe zu kommen…

Irgendwann an diesem an Ereignissen und Goldkruscht sowie gemalten, in Holz gebrannten, gedruckten sinnfreien Sinnsprüchen reichen Tag liegen wir im Bett. Wir machen auch mal kurz (bezahlt ist bezahlt) die Sternenwand an, aber das geht gar nicht! Bei dem Ding fehlen für ein gutes Bordell bloß noch ein paar schwülrote Samtdraperien und ein goldgerahmter Spiegel. Über dem Bett, wohlgemerkt, wegen der Haltungsnoten. Ich nehme – aus Notwehr – die Brille ab (nicht, dass sich der ganze Firlefanz doch noch in meine Träume schleicht). Das hilft aber nix, denn über unserer Schlafstatt hängt eine riesige hölzerne Schiffschraube. Groß genug, dass auch ein Kurzsichtl wie ich sich ganz deutlich ausmalen kann, wie dieses totsicher besessene und drei Mal verfluchte Teufelsteil in der Nacht leise rotierend losfliegt und ahnungslose Touristinnen langsam und genüßlich in Hachée zerlegt (erst die Füße ab, damit sie nicht mehr weglaufen können. Als nächstes… ). Am Morgen danach kommt dann sicher Carola kurz vorbei, prüft die Vollständigkeit der Hängelampen und streut Goldpuder über das Schlachtfest. Wenn sie es denn kennen täte, tränke sie zu unserem Gedenken ein Stamperl Danziger Goldwasser. Glaub ich aber nicht.

Wir sind hart im Nehmen und schlafen trotzdem. Hah! Was als nächstes geschah, berichte ich im nächsten blogpost.

Nicht zu Ende gelesen: Ayelet Gundar-Goshen – “Löwen wecken”

Hmmm. Ich scheitere ungern. Vor allem nicht an Büchern. Aber bei dieser Geschichte um einen israelischen Hirnchirurgen, der eines Nachts bei einem Joyride in der Wüste einen eritreischen Einwanderer totfährt, dies aus Angst vor den Konsequenzen (Entzug der Approbation und was sonst noch alles) nicht meldet und hinfort von der einzigen Zeugin und nunmehr Witwe des eritreischen Einwanderers dazu erpresst wird, ihren am untersten Ende der Gesellschaft stehenden Landsleuten und Leidensgenossen nunmehr jede Nacht nach dem Dienst im Krankenhaus in einem Lagerhaus unter primitivsten Bedingungen als Arzt zur Verfügung zu stehen, habe ich nach einem guten Drittel aufgegeben.

Ich weiß nicht, was mir die Autorin damit sagen will und, viel schlimmer, egal, wie weit ich noch lese, es interessiert mich nicht.

The Horror

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welches Grauen mich beschlich, als ich nach dreitägiger Abwesenheit (Generalprobe für den Urlaub ab Ende der kommenden Woche) den Motor des Autos ausstelle, und nicht etwa, wie sonst, Stille eintritt, sondern “Guruh, guruh” erschallt, unterlegt vom Nachschub fordernden Getschilpe der Jungtauben.

Der Weg nach oben erforderte Mut. Und die Balkontür öffnen erst. Huiui. Aber sie scheinen andere Reviere gefunden zu haben und bis auf ein paar kleine Kackhäufchen (nicht im Vergleich zur vollgeschissenen Tiefgarage) scheint es glimpflich abgelaufen zu sein. Puuuhhh.