Aus dem Vokabelheft

Sie werde, sagt die aus Kroatien stammende Freundin, demnächst umziehen. In eine “Blindstrasse”. “Wohin?”, frage ich und bekomme erklärt, dass die Straße an einem Park endet.

Und dann freuen wir uns beide, dass unsere Sprachen so kreativ sind und inhaltlich ja kein großer Unterschied zwischen “Sack” und “blind” ist. Nämlich.

Wiedergelesen: Joe Henderson (Autor), Lee Garbett (Artist) – “Skyward”

Wahrscheinlich ist die eigentliche Zielgruppe für diesen dreibändigen Comic ein halbes Jahrhundert jünger als ich. (Boaah, wenn ich das so ausgeschrieben sehe, läuft es mir sehr eiskalt den Rücken herunter…) Aber das macht nichts. Denn die Ausgangsidee, was wäre wenn es auf einmal keine Schwerkraft mehr gäbe, kein automatisches “Was-oben-ist-fällt-nach-unten” ist ein ganz großartiges Gedankenexperiment, das Henderson und Garbett sprachlich wie graphisch ausgesprochen gelungen umsetzen.

Wer junge Menschen um sich hat, gebe ihnen die Bücher zu lesen und schaue auch selbst hinein. Ich verspreche: es wird euer Schaden nicht sein.

Bleib stark, Paloma

Drunten in der Passage werben zur Zeit Täuberiche, während sie mit breit aufgefächertem Schwanzgefieder aufgeregt herumhüpfen, in den höchsten Tönen gurrend um die Gunst von Taubendamen. Soweit ich sehen kann, versuchen die so Bebalzten, diesen testosterongeladenen Monstern zu entkommen, wobei ich nicht sicher bin, wie ernst sie es meinen, denn sie unternehmen diese Fluchtversuche zu Fuß.

Mann, Mädels, ihr habt Flügel! Wenn ihr wirklich wolltet, genügte einmal auffliegen – und fort. Jetzt mal im Ernst: Wollt ihr euch das wirklich antun? Nest bauen, Eier legen, Eier ausbrüten, Brutfutter besorgen und so weiter? Nicht zu sprechen von den Menschen, insbesondere mir, die euch inzwischen aus voller Seele hassen und alles tun werden, euch von ihrer Wohnstatt (vulgo: mein Balkon) fernzuhalten.

In diesem Sinne: Bleib stark, Paloma! Such dir ein Hobby.

Aus der Rentnerei: Freizeitgestaltung

Ein Mittwochennachmittag an einem kalten Tag Anfang Februar. Wir betreten einen wohltemperierten Raum, schon gut gefüllt mit Frauen mit hellem Haar, die alle hierhergekommen sind, um Spaß zu haben.

Und den haben sie (und wir). Weil wir alle fast zweieinhalb Stunden an den Leiden (und Freuden) des jungen Joachim Meyerhoff (Bruno Alexander, ganz arg süß und glaubhaft) Anteil nehmen, der sich nach dem Unfalltod seines Bruders entschließt, auf der Münchner Falckenberg-Schule die Schauspielerei zu erlernen. Und weil München schon damals keinen Raum für Menschen in eher prekären Umständen hatte, zu Oma und Opa (Senta Berger und Michael Wittenborn, hach!) in deren Nymphenburger Villa zieht und umstandslos in deren Rituale absorbiert wird. Schließlich reicht es meist, noch ein weiteres Glas mit guten Getränken zu füllen.

Der Film ist liebenswert und unterhaltsam, hält eine gute Balance zwischen lustig und traurig und er entläßt einen, wie die Freundin, die mich freundlicherweise mitgenommen hat, so sehr zu recht sagt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Die eigentliche Überschrift zu diesem blogpost lautet natürlich:
Ganz neu im Kino: “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke”

Aber hätte ja sein können, dass sich der eine oder die andere aus der geneigten Leserschaft für mich auch noch was anderes hätte ausmalen können… Nächstes Mal dann.

Neu zum Strömen: The Night Manager, 2. Staffel

Hmmm. Ja. Also, die erste war besser. Diese zweite jetzt ist, bei aller breitgetretener Gewalt, hinterlistigen Spionen, bösen Verschwörungen, einer sehr volllippigen (doch, in diesem Viel-Botox-Fall sind 3 L nicht genug) Vielfachverräterin (Camila Morrone), einem frühkindtraumatisierten Latinobuben mit Anger Issues (Diego Calva), Verfolgungsjagden mit allem, was einen lauten Motor hat und Locations rund um den Globus stellenweise arg gefühlig geraten. Und obwohl ich Tom Hiddleston (Held) und Hugh Laurie (Schurke) sehr mag, fand ich ersteren keinen Sympathieträger mehr und letzteren zu böse, ohne Zwischentöne, was eindeutig am insgesamt recht dünnen Buch liegt. Bei Olivia Colman, die im ersten Teil, zunehmend schwangerer, eine Glanzleistung hingelegt hatte, reicht es dieses Mal nur für ein paar ganz kurze Auftrittchen und die hätte sie auch per Telefon erledigen können. Spielen mußte sie den Scheiß nicht. (Achtung, Spoiler! Sie wird in der schon bestätigten dritten Staffel nicht mehr dabei sein, es sei denn, sie drehten einen Zombiefilm…)

Die Geschehnisse sollen ca. sechs Jahre auseinanderliegen, aber die Hauptdarsteller sehen alle aus, als hätte eine entsetzliche Hungerkatastrophe sie vorschnell altern lassen. Ist das der Ozempic-Effekt auf die Schauspielbranche? Schön ist es nicht.

Ich glaub, ich schau mir lieber bei Gelegenheit die erste Staffel (s. https://flockblog.de/?p=50594) noch mal an und ignoriere diese zweite.

Ach Algorithmus

Die Presse überschlägt sich heute mit Skandalmeldungen über das norwegische Königshaus. Die Kronprinzessin war viel zu eng mit Jeffrey Epstein, ihr Sohn steht wegen Sexualdelikten vor Gericht und ist gerade schon wieder wegen anderer Schandtaten verhaftet worden. Halb so schlimm, findet der Algorithmus und blendet mitten im Artikel seine Position zu Norwegen ein:

Ich hab ja mal in einem Start-up gearbeitet, das auf kontextuelle Texterkennung spezialisiert war, aber bei dem kaufen diese Werbetreibenden offensichtlich nicht ein.

Eben gesehen

Der viel (und ganz offensichtlich über-) hypte Trailer für “Der Teufel trägt Prada” ist raus. Alle wieder dabei, Blunt, Hathaway, Streep, Tucci (alphabetisch, damit keiner zankt) plus eine Handvoll Extrapromis.

Wieso habe ich nur das Gefühl, dass der Trailer schon reicht und der Film keine Überraschungen mehr bieten wird?

Wiedergelesen: Thomas Bernhard – “Heldenplatz”

Wo habe ich bloß…? Hier vielleicht? Oder doch dort? Ist es möglich, dass es bei einem meiner vielen Umzüge unter die Räder…? Nein. Oder? Aussortiert kann ich es doch nicht haben? Oder? Aaah! Da ist sie ja, meine Suhrkamp-Taschenbuch-Erstauflage von “Heldenplatz” mit dem Bild von der Burgtheater-Uraufführung 1988 mit Dene, Gasser und Rath auf dem Titel. Kommt ja nichts weg in einem guten Haus.

Meine Fresse! Wenn ich nicht wüßte, dass das Stück schon fast 40 Jahre alt ist, dann könnte es auch gestern geschrieben worden sein. Jedes, aber auch jedes Wort sitzt. Man möchte nicht Österreich sein oder Österreicher, Bernhard haßt sein geliebtes Heimatland schon mit voller Seele. Und mit einer Sprachgewalt, die keinesgleichen hat. Zum Niederknien.

Hmmm. Ob ich die Lektüre empfehlen soll? Schwierig. Mich hat sie bereichert. Aber ich verstehe auch, dass Bernhard nicht jedermanns Sache ist. Wer mag und verspricht, mein Exemplar gut zu behandeln und es in einer angemessenen Zeit zurückzubringen, darf es entleihen.

Weil ich nicht weiß, was als bekannt vorausgesetzt werden kann, nachfolgend ein kleines Glossar. Wer alles eh schon kennt, ignoriere es einfach.

Zeitgeschichte: Am 15. März 1938 erfährt das widerständige österreichische Volk auf dem Heldenplatz zu seiner ganz großen Überraschung von einem gewissen Adolf Hitler vom „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich. (Ironihie! Die auf dem Heldenplatz versammelten Massen bejubeln vielmehr die Nachricht mit lauten “Sieg-Heil”-Gesängen.)

Theatergeschichte: Der nicht gerade unumstrittende deutsche Regisseur und Intendant Claus Peymann wird 1986 als Direktor ans Burgtheater in Wien berufen. Das sehen nicht alle gern. Erst recht nicht, als er für das Jahr 1988, also zum hundertjährigen Bestehen des Burgthaters und zum 50. Jahrestag des “Anschlusses” den ebenfalls sehr umstrittenen und als “Nestbeschmutzer” verunglimpften Thomas Bernhard beauftragt, ein Stück zum “Bedenkjahr” zu schreiben. Was dieser umsetzt in einem Drama über einen im Nationalsozialismus aus Wien nach England emigrierten jüdischen Intellektuellen, dessen Rückkehr und seinen Selbstmord durch einen Fenstersturz auf den Heldenplatz in eben diesem Jahr.

Die Uraufführung muss unter Polizeischutz stattfinden. Die – später sehr erfolgreiche – Inszenierung geht als einer der größten Theaterskandale Österreichs in die Annalen ein. Wer mehr wissen will, lese hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Heldenplatz_(Drama).

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Titus Waldenfels

Jam Sessions sind, wie ich schon mehrfach geschrieben habe, immer wie Herrn Gumps Mamas (wann hat man schon mal die Chance für einen doppelten Genitiv?) Pralinenschachtel: “man weiß nie, was man kriegt”. Außer, man ist der Musikbeauftragte, dann ist man Insider und weiß, dass Gastgeber Waldenfels sich zu seiner Band auch die dem Musikbeauftragten wohlbekannte Sängerin und Pianistin Alex Cumfe eingeladen hat.

Den ersten Teil des Abends bestreitet immer der Gastgeber mit seiner Truppe und dieses Set hat mir gestern große Freude bereitet und hätte gerne auch noch ein wenig länger dauern dürfen – vor allem, weil im allgemeinen selten Raum für Gesang ist und Alex wirklich schön singt. Sie ist auch bei der Jam Session am 22. Februar wieder dabei… wir haben schon Karten reserviert und falls wer mitgehen möchte, bestelle er oder sie doch ebenfalls und lasse sich an unseren Tisch dazusetzen (Reservierung ist auf meinen Namen).

In der zweiten Bühne-frei-für-alle-Hälfte trat die übliche Mischung zwischen sehr fortgeschrittenen Könnern, pars pro toto ein sagenhafter Klarinettist, ein großartiger Allround-Unterhalter am Schlagzeug und ein gegen jedes Vorurteil richtig guter weizengefütterter Redneckbub mit Käppi an der E-Gitarre auf. Außerdem ambitionierter Wir-lernens-gerade-Nachwuchs. Und dann war da noch der Junge mit der Melodica, ein Bernd-Clüver-Widergänger (fragt Oma), der sich nie so ganz in die Nähe eines Mikros traute, aber, wenn er denn mal zu hören war, sehr hübsche Musik spielte.

Sehr feine Pralinen in der Schachtel dieses Mal.

Frühlings Erwachen

In den zurückliegenden Bitterkaltundschneetagen scheinen die Herren und Damen Tauben sich in Iglus oder ihre Bettelpositionen (arme frierende Plustervögelchen) vor Bäcker- und Metzgerei zurückzogen zu haben. Nun aber, da die ersten freundlichen Sonnenstrahlen vom Himmel scheinen, die anderen Herren und Damen Vögel sich schon wieder vermehrungswillig die Lungen aus dem Leib zwitschern und vermutlich die Iglus vollgekackt sind, sind sie wieder unterwegs, um die vermeintlichen Bedürfnisanstalten in den höheren Lagen (vulgo: meinen Balkon) flächendeckend zu bescheißen. In den letzten paar Tagen habe ich mir einen Muskelkater im rechten Arm angescheucht.

Morgen ist es vorbei, ihr Dreckviecher! Morgen installiere ich den Taubenschreck. Und sagt bloß nicht, ihr seid nicht gewarnt worden.