Vergangenheitsbewältigung? Nein, eher Vergangenheitsbetrachtung, denn Gorkow schreibt über “meine” Zeit, also die ausgehenden Sechziger/frühen Siebziger, an die ich schon eigene Erinnerungen habe. Natürlich habe ich beispielsweise Pink Floyd und ihre außergewöhnlichen LP-Cover mitbekommen, die Kuh, das mystische Prismendreieck, das Schwein, The Wall, hatte aber nie eine so intensive Beziehung zu dieser Band wie Gorkow. Diese Ausführungen habe ich eher mit distanziertem Erstaunen gelesen.
Hingegen sind mir wie ihm die ersten durch Contergan geschädigten Kinder deutlich in Erinnerung, wir hatten ja ein Mädchen in der Klasse. Und ja, die Baader-Meinhof-Fahndungsplakate in jeder Post und Behörde mit den paßfotogroßen Schwarz-Weiß-Bildern der Gesuchten, ganz besonders die triumphierend mit rotem Edding ausgekreuzten Gesichter derer, die erwischt worden waren. (Bin immer noch nicht sicher, ob ich das Wort “erwischt” in Anführungszeichen setzen soll.)
Schon fast vergessen hatte ich, wie präsent kriegsversehrte Männer in meiner Jugend noch waren. Fehlende Arme oder Beine, Brand- und Schußnarben in Gesichtern, taub, blind, stumm oder eine Kombination aus allem. Wie Gorkow habe ich sie als ganz eigenen Stamm erfahren, meistens böse und gegenüber den halbwüchsigen Schülerinnen, die in ihrem vom Hauptgebäude der Bausparkasse weit ausgelagerten Archiv zu Ferienjobs antraten, übergriffig. Die alten Säftel brauchten kein Facebook, um die jungen Schülerinnen zu kategorisieren, von “Mausbusen” bis “gebärfreudiges Becken” trugen sie jede Bewertung lauthals und zur brüllenden Erheiterung aller vor. Es wurde ihnen nachgesehen, die “armen Kerle hatten ja so viel durchgemacht”. Die Mädchen wußten damals noch nicht einmal, dass man sich wehren kann, und nicht nur darf, sondern muss.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Buch für jemanden, der die Zeit nicht erlebt hat, interessant sein kann, dafür ist es eigentlich zu persönlich. Wenn jemand interessiert ist, mein Exemplar ist zu haben.


