Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Titus Waldenfels

Normalerweise sind Jam Sessions mehr so eine Art “Jugend forscht”. Gestern Abend? Ganz eindeutig: “Alter! Ey!” Meine Herren! Ja, alles bejahrte Herren, bis auf die, das habe ich auch zum ersten Mal gesehen, stepptanzende Dame.

Gleich der erste in der Session, Alter und Instrument wie Ian Anderson (also knapp 80 und Querflöte, für die, die keine Oma haben, die sie nach Jethro Tull fragen können) hat mich fast vom Stuhl geblasen. Und so ging es weiter. Dabei hatte ich eigentlich Wetter-Kopfweh und wollte gleich nach dem ersten Set wieder gehen. Von wegen. Die Bühne war dauervoll mit sehr guten Künstlern und Waldenfels hatte den Abend gut im Griff. Das muss man können, Kompliment!

Eine Ausnahme gab es aber doch. Den noch sehr jungen hervorragenden Pianisten. Einer von denen, bei denen man, wenn sie später mal richtig berühmt sind, erzählt, dass man sie schon im Jazzkeller gesehen hat, als sie noch soooo jung waren. Der hörte nach ein paar Nummern am Klavier auf. Aber nur, um auf die andere Bühnenseite zu wechseln und dann am Schlagzeug so richtig loszulegen. Hallo Ballett! Allein für den hätte sich der Besuch schon gelohnt. Aber da waren ja auch noch alle anderen. Ein sehr schöner Abend.

Mit einer Einschränkung: der Keller war schon wieder so quälend eng voll – für mich sind solche Massen nix mehr. Das ist nicht Ambiente und Stimmung, das ist nur eng und laut und schlechte Luft. Man wird ihn dehnen müssen.

Kurzes Kino

Der Algorithmus spült einem ja oft die eigenartigsten Dinge in die Timeline und ich bin häufig überrascht, um nicht zu sagen irritiert von dem, was mich angeblich interessieren soll.

Neulich wars anderes. Neulich wurden mir Kurzfilme angeboten. Nicht Youtube Shorts, also irgendwelche Schnipsel von irgendwas (also meist AI Slop), sondern richtige Filme. Kurzes Format, zehn bis fünfzehn Minuten lang, gut besetzt, gut inszeniert. Sehr zu empfehlen – für den Einstieg habe ich unten zwei Lieblinge angehängt.

You’ve got mail

Edmund Stoiber, sorry Dr. Edmund Stoiber, der in meiner Erinnerung immer nur mit dem Transrapid am Hauptbahnhof in München irgendwie via Charles de Gaulle seinen Flug startet und an Feierabenden unter den wachsamen Augen seiner Muschi daheim im Garten die Blumen hinrichtet, der bayerische Ministerpräsident a. D. also hat mir einen Brief geschrieben. Nein, ich rege mich jetzt nicht über Adressenhandel auf. Nein, mach ich nicht. Aber um die Bäume tuts mir leid.

Dr. Stoiber schreibt, “die Jahre unter einer grün-roten Stadtregierung [haben] zu Fehlentwicklungen und enormen Schulden geführt […]. Die Mängelliste ist mittleiweile lang […].” Sein Verein wäre die bessere Wahl für diese unsere Stadt und übernähme, sagt er, “Verantwortung für alle Generationen” und setze sich “für ein Miteinander in der Mobilität” ein, wozu “Sauberkeit und Sicherheit in Bussen und Bahnen sowie an Haltestellen” ebenso gehört wie “ausreichend Parkplätze”. Und, als Nachgedanke, Fußgänger sind auch wichtig. Irgendwie.

Dann kommt er zu seinem eigentlichen Anliegen, fettgedruckt in Blau auf Weiß: “Ziel ist es, eine linke Mehrheit aus Grün-Rot-Rot zu verhindern.”

Genau, Ede. Darum gehts. Raus mit den Roten… Dabei war München seit dem Krieg so gut wie nie auf eurer Parteilinie und wenns nach mir geht, muss das auch zu meinen Lebzeiten nicht mehr sein. Nein, meine Stimmen kriegt ihr nicht!

Nachtrag: Die Briefwahlunterlagen sind übrigens mit derselben Post angekommen. Zum Glück habe ich viel Platz auf dem Boden im Wohnzimmer – in einer Wahlkabine will ich mit diesen Monstern nicht kämpfen müssen…

Eine Runde Mitleid

Es ist noch keine vier Uhr früh, als ich aus dem Schlaf gedröhnt werde. Dauert einen Moment, bis ich Traum und Krach auseinanderdividiert habe und das Wachhirn anläuft. Zunächst einmal im Empörmodus: wieso wach? Wieso so früh? Mensch! Dann verstehe ich: da draußen ist ein bedauernswerter Mensch zugange und pflügt die inzwischen mehr als 20 cm Nachtschnee von den Fußwegen um die Wohnanstalt. Armer Mann.

Ich rolle mich dann mal wieder in meine Decke. Mit der Wetterlage kann ich mich auch in ein paar Stunden noch beschäftigen. Und selbst das wird zu früh sein.

Oh, what a night

… oder vielmehr: Oh, what a beautiful morning. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich einfach so aufgewacht, ohne vom Geräusch einhakender Krallen auf dem Balkongeländer und triumphalen Guruh, Guruh aus dem Schlaf gerissen zu werden. Ausnahmsweise einmal nicht zu nachtschlafender Zeit Im-Nachthemd-Drecksviecher-scheuchen.

Es mag daran liegen, dass heute ist, was ich einen Nietzsche-Morgen nenne (irgendwie muss sich das Germanistik-Studium ja gelohnt haben). Grau, trüb, kalt, vereinzeltes Hundegebell und “Die Krähen schrein / und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / bald wird es schnein…”

Wenn die schwarzen Vögel schwärmen, ziehen die Tauben die Schwänze ein. Dann mit Dank an Ludwig Hirsch zum letzten Zitat für diesen blogpost: “Komm, großer schwarzer Vogel…”

Vorhin im Amerikahaus: Fotoausstellung Micaiah Carter – “tender heart”

Puuuhhh, gerade noch geschafft – die Ausstellung läuft nur noch bis zum 28. Februar. Wer Zeit hat, gehe hin und weide seine Augen an ausgesprochen schönen Portätaufnahmen, die sehr großzügig und luftig über die drei Ausstellungsetagen des Amerikahauses gehängt sind. Macht Freude und sollte unbedingt gesehen werden!

Was habe ich doch für ein schönes Rentnerinnenleben, dass ich mich für dergleichen an einem Mittwochnachmittag um zwei verabreden kann… Hach!

Denk’ dir, ich habe den Fasching gesehen

Ich bin ziemlich gut darin, Dinge auszublenden, die mich nicht interessieren. Siko, Olympiade, Fasching, pah! Geht mir alles am Derrière vorbei und mir fehlt nichts, nichts, nichts.

Aber bloß weil’s mir wurscht ist, finden die Dinge ja nicht nicht statt und so bin ich letzte Woche im Siko-Autobahnsperrstau gestanden, hab mitbekommen, dass nicht nur ich den Vierfachaxel doch nicht so ganz beherrsche und bin heute vollkommen versehentlich im Straßenfasching gelandet. Muß aber gleich einschränkend dazu sagen, es war das, was in München als Fasching gildet.

Mein Termin am Rotkreuzplatz ist um High Noon. Die MVG-App sagt, ich brauche mit der Kombi U-Bahn/Bus genauso lang wie mit U-Bahn/U-Bahn. Dann nehm ich doch die “scenic tour”, ich bin nie in Neuhausen und es ist immer wieder interessant, was sich so ändert, wenn man die Strecke schon länger nicht mehr gefahren ist. Als wir landen, habe ich noch ein Stückchen Wegs zu gehen und irgendwer in bunt mit Clownsmake-up und -perücke wirft mit Konfetti nach mir und schreit mich an: “Stimmung”. Kann zu meiner Überraschung viel viel schneller laufen, als ich mir bis vor zwei Minuten noch zugetraut hätte.

Auf dem Rückweg bin ich etwas gnädiger gestimmt und zugegebenermaßen neugierig und nähere mich der Bühne, wo gerade ein sehr motivierter Herr mittleren Alters in etwas zu engem schwarzem Hemd und Hosen die Massen (ca. 20 Grundschüler in Verkleidung sowie mittelwillige Erziehungsberechtigte) anheizt. Jubeln sollen sie, weil jetzt kommt sie gleich. Die… die… die Prinzessin Anastasia vom Narrenverein Niederstrunzenöd (Danke, Michi). Auftritt eine recht junge sehr dünne Frau mit schwarzer Thermounterwäsche (lange Unterhosen, langärmliges Shirt) unter einer Glitzerfummelchen, in dem sie auch bei 30° Außentemperatur noch gefroren hätte, auf dem Kopf eine Art Burgfräuleinsnarrenhaube (auch Glitzer). Sie hüpft und wedelt mit den Ärmchen, es ist nicht ganz klar, ob wegen Aufwärmen oder wegen Stimmung, die Massen jubeln. Beim dritten Anlauf kommt auch schon die Musik vom Band und sie beginnt zur Melodie von “Wir haben Hunger, Hunger, Hunger…” zu singen, dass sie vorne gute Laune hat. Und hinten, oben, unten, rechts, links, alles gut gelaunt (mehr im Video):

Die Massen sind textsicher, hüpfen und wedeln auch und haben Spaß, wobei ich nicht bei allen Begleitpersonen ganz sicher bin. Danach wird die Prinzessin vom Schwarzen Mann wieder abmoderiert und vom Band dröhnt Nena mit “99 Luftballons”.

Ich gehe dann mal wieder. Aber falls wer fragt: ich war zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Fasching. In München.