Noch neu in der ZDF-Mediathek: “Sheep”

Nach der Verfilmung des ersten Glenkill-Romans (noch nicht gesehen) nun also die Heldensaga von Oliver, dem jungen Bock, dem etwas sonderlichen Mitglied einer sonderlichen Herde Schafe. Sie sind Österreicher, die Krone der Schöpfung, mit schon seit langer Zeit domestizierten Menschen, und müssen auf die sehr harte Tour lernen, dass Selbst- und Fremdbild sich nicht decken. Aber sowas von kein bißchen.

Die Miniserie (fünf Folgen, je 15 Minuten) ist schwarzhumorig, bös und fies, schafft aber auch bisweilen sehr hübschen Klamauk. Alle Schafe haben Vornamen, natürlich, Krone der Schöpfung und so, und sind klar unterscheidbare Individuen. Die Menschen eher weniger, wenn überhaupt tragen sie Funktionsbezeichnungen (“der Bauer”). Ihre Gesichter werden selten ganz gezeigt, nur Münder, die in Großaufnahmen Fleisch von Knochen reißen, schmatzend kauen, mehr, mehr, mehr in sich hineinstopfen, und, ganz besonders schrecklich, Milchzähne, die Teddybärwurst zerfetzen.

Die Macher kennen ihre Tropes (ich sage nur “Blair Witch Project”), hatten ein sehr gutes Händchen bei der Auswahl der bestpassenden Stimme zum richtigen Schaf (pars pro toto die wunderbare Birgit Minichmayr als die Herdenklügste und Brillenträgerin Lara, Jella Haase als Strubbelwildschaf Joleene (Hach!) und Roland Düringer als “Es war a wuide Zeit”-Manfred mit dem Sonnenaltar und für die in Teilen gemeine Musikauswahl (doch, das geht) möchte ich mein zweithöchstes Lob aussprechen.

Mein höchstes Lob gilt der perfiden Requisite. Hut ab und Hach hoch drei! Kann man eine geheime Sehnsucht besser zeigen als mit dem Meerwassernasenspray auf dem Nachtschrank des Bauern? Und die Entfremdung des quasi durch Bestimmung naturburschigen Bauernsohn, der besessen von einem Landwirtschaftssimulationsspiel Tag und Nacht auf der Bude hockt und am Computer zockt? Und wie des Bauern Bauersfrau jeden Abend Markus Lanz anhimmelt und nicht den Bauern und wie es auch nicht hilft, wenn er sich in ein Paar Unterhosen aus der Lanz-Kollektion zwängt? Und… Nein, mehr erzähle ich jetzt nicht. Selbst schauen. Spaß haben! Ich müßte jetzt langsam auch mal was essen.

Nein danke, keine Lammkoteletts. Lieber Salat.

Faust in den Kammerspielen verpaßt?

Macht nichts: 3sat kommt seinem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nach und stellt in seiner Mediathek eine Aufzeichnung zur Verfügung. Bis 30.04.2029. Es eilt also nicht. Andererseits, wie ich mich kenne, heißt das, dass ich eine Chance habe, mir diese Ausnahmeininszenierung ein paar Mal anzusehen.

Sie lohnt. Auch auf einer Filmkonserve.

https://www.3sat.de/kultur/starke-stuecke/theatertreffen-2026-mephisto-100.html

Mitarbeiterfeedback

Einkaufszentrum im Industriegebiet, vor der Freßnapffiliale: Ein Trüpplein präpotenter junger Männer dampft und tauscht sich aus, lässig an große Säcke mit Mehlwürmern und Kaninchenglückstreu (doch, so heißt das) gelehnt.

Die Zentrale, in diesem Umfeld offensichtlich synonym für die dunkle Seite der Macht, hat einen neuen Filialleiter geschickt. “Der hat keine Ahnung”, postuliert einer der Diskutanten, “den kann ich nicht achten.” Die Aussage zieht eine kurze gemeinsame Schweigezeit nach sich.

Einer denkt schneller als die anderen und verkündet das Urteil: “Wenn du den nicht achten kannst, dann ist er auch nicht dein Chef.” Nicken, zustimmende Geräusche, mehr Dampf.

Ich hab zwar keine Ahnung, wie das in der Praxis funktioniert, aber so ganz falsch finde ich den Ansatz nicht.

Hurra, hurra…

Offensichtlich wird das Schuljahresende in der Mittelschule ein paar Häuser weiter heute vormittag mit viel Gebrüll und Musik zelebriert. Den Auftakt macht ein recht aufgeregter (das höre ich bis in mein Schlafzimmer) noch nicht ganz dem Stimmbruch entronnener junger Mann mit Tom Schillings Major Tom, den Refrain brüllen alle Jahrgangsstufen mit. Anschließend sind sie alle aus voller Brust Champions, den Abschluss des Chorkonzertes bildet ein Vortrag von The Winner takes it all und ist wohl als Nachtreten an die Sitzenbleiber gerichtet.

Herrjemineh, Kinder. Wenn euch bei eurer Auswahl schon nix anderes einfällt als die Musik meiner Generation, warum habt ihr nicht gefragt?

Oma hätte zu Extrabreit geraten.

Grad vorhin im Lustspielhaus “Mord, Moral und Mortadella”, Premiere (Nachtkritik)

Hab’s ja gleich gesagt, wenn die Generalprobe holpert, dann wird die Premiere super. Hab ich’s gleich gesagt? Eben.

Das Publikum hat vom ersten “Volare” an begeistert mitgegrölt, sich geschickt um den Text zwischen den Refrains herumgemogelt, alles und vor allem alle Kalauer enthusiastisch bejubelt, bei den anderen Liedern beinahe noch den Chor übertönt und sich den Ministerien der Mary von Bavaria (Stargast Luise Kinseher) voller Leidenschaft zu Füßen geworfen.

Sehr schön war’s, sehr vielen Dank allen Beteiligten. Ich komme am Samstag wieder und schau mir an, wie es weitergeht.

Gelesen: Ryan Gattis – “Safe”

Das ist wahres Rentnerglück: ein Buch anzufangen und dann bis in den nächsten Morgen um kurz nach fünf weiterzulesen, weil ich an dem Tag nämlich nix muß und ausschlafen kann, wenn das Buch zu Ende ist. Hach!

Gattis und ich haben bisher nur eine kurze Geschichte. Ich war hin und weg von “All involved”, seiner Einlassung zu den “Riots” in Los Angeles, in der er in einer Sprache, die ich noch nie zuvor gelesen hatte, diese Ereignisse aus den Perspektiven unterschiedlichster Beteiligter beleuchtet und ihre Wege sich kreuzen läßt.

In “Safe” nun gibt es nur zwei Akteure. Der eine, Ricky Mendoza, Junior, a.k.a “Ghost”, Ghettokind einer drogensüchtigen und bald toten Mutter, Vater, welcher Vater?, selbst eine kriminelle Drogenkarriere hinter sich und dann Glück gehabt, von einem Schlosser in die Lehre genommen worden und jetzt gut ausgebildeter und nachgefragter Panzerknacker (also legales Öffnen illegaler Safes). Der andere, Rudolfo “Rudy” Reyes, a.k.a. “Glasses”, ähnliche Kindheitsgeschichte, aber früh im Gangstersystem aufgestiegen und jetzt zweiter Mann eines Bosses, nebenher aber auch verheiratet und Vater eines heißgeliebten kleinen Sohnes sowie Informant der Drogenfahndungsbehörde DEA.

Der eine raubt einen Safe der Organisation aus, der andere muss ihn jagen und fangen. Die ganze rasante Story spielt sich in nicht einmal ganz drei Tagen in dem Los Angeles ab, das weiter entfernt von Beverly Hills und Hollywood liegt als der Mond. Ich konnte das Buch nur schwer aus der Hand legen, weil ich, obwohl der Ausgang schon in den ersten Zeilen offensichtlich war, wieder mit aller Macht in diese sehr fremde Welt gezogen worden war. Zudem versteckt Gattis für die Leserschaft von “All involved” wieder Eastereggs und läßt beiläufig fallen, wie es Protagonisten aus diesem ersten Buch später ergangen ist. Ich habe mich ein bißchen am Pathos der letzten paar Seiten gestört, aber das ist Geschmackssache und mindert die Spannung kein bißchen.

Wer es sich zutraut, möge Gattis auf Englisch lesen. Ich habe es einmal mit einer Übersetzung probiert (s. https://flockblog.de/?p=53412), aber nicht ertragen. So schlecht scho!

Zum Glück liegt “The System” schon auf dem Nachttisch. Bis dahin: “Safe” lesen! Lesen! Lesen!

St. Florian gewidmet

Nach zwei Überfahrten über den Atlantik und fast einem halben Jahrhundert ständigen Gebrauchs, zeigen die buntgestreiften Handtücher, die mir meine Mutter selig als Sonderangebotsdreierpack und mit den Worten “die passen zu allem und man sieht nicht jeden Dreck” als Aussteuer beim Auszug mitgegeben hat, langsam ein paar Anzeichen von Verschleiß. Pastellblaß die Streifen und der ehemalige Frotteeflausch hat mehr so Brettcharme angenommen.

Also gut, kauf ich halt neue.

Ich dachte immer, das Handtuch an sich sei selbsterklärend: Mensch naß, rubbelt mit Handtuch Wasser vom Körper. Anschließende Handtuch naß, Mensch trocken. Es mag sein, dass neuzeitliche Frotteeware immer noch zu diesem Zweck eingesetzt werden darf. Davor haben die Regulatoren jedoch Warnhinweise gesetzt, die darin gipfeln, dass es sich bei dem hier gekauften Gegenstand um einen feuergefährlichen Stoff handle und der Etikettendrucker stark davon abrate, es in Brand zu setzen. In (gezählt) 16 Sprachen. Auf 8 Etiketten, weil beidseitig bedruckt.

Haben die eigentlich einen Hau?

Erkenntnis

In den letzten Wochen bin ich von meiner Gewohnheit, angelsächsiche TV-Serien im Original anzusehen, abgewichen und habe auch mal deutsche geguckt.

Im Dialekt (vulgo “Regionalkrimi”), sofern die Schauspieler ihn beherrschen und die Drehbücher was taugen, recht nett. Nichts aber unerträglicher, als wenn diese Hochsprache aufsagen. Meine Fresse! Teilweise klang, was Primetime-Unterhaltung hätte sein sollen, wie eine szenische Lesung. Man muss doch als (generisches Maskulinum) Autor und/oder Regisseur dem Volk aufs Maul schauen und es reden lassen, wie die Leute halt so reden. Noch nicht mal das Bildungsbürgertum verwendet den Imperfekt in der gesprochenen Sprache, umso weniger der Kleinkriminelle oder die Fleischfachsverkaufskraft.

Unglücklich.