Gelesen: Sandra Newman – “Julia”; Wiedergelesen: George Orwell “1984”

Zunächst einige Vorreden:

  1. George Orwells Roman “1984” ist bis heute eine Blaupause für dystopische Literatur und wird als Prophezeihung oder Warnung oder Eine-letzte-Mahnung-vom-Totenbett interpretiert. Sicher ist, dass jeder, der für staatllichen Überwachungsterror den Begriff “Big Brother” verwendet, wissentlich oder nicht, Orwells Vokabular in der Alltagssprache nutzt.
  2. Sandra Newman, die Autorin der von mir hochgelobten Dystopie “The Country of Ice Cream Star” (s. https://flockblog.de/?p=42392) schrieb im Auftrag des Orwell Estate ihre Dystopie “Julia”, die – je nach Quelle – eine Neuerzählung von “1984” sein sollte oder die Betrachtung des Originals aus weiblicher Sicht oder, wofern der weibliche Blick das quasi automatisch nachzieht, aus feministischer Sicht.
  3. Nein. Wer “Julia” auf Fanfiction reduziert, macht es sich zu einfach.
  4. Buch zieht Buch nach. Ich hatte mit “Julia” angefangen, aber dann die dringende Notwendigkeit erkannt, auch “1984” noch einmal lesen zu müssen. Wer sich also auf die Newman-Lektüre einläßt, sei gewarnt.
    Beide Bücher können bei mir entliehen werden.
  5. Meine “1984”-Ausgabe ist ein wunderbares Exemplar. Das Vorwort von Thomas Pynchon, das Nachwort von Erich Fromm. Kluge Männer, die über ein kluges Buch reflektieren. Ein großer Gewinn.
  6. Beide Bücher sind gleich aufgebaut: Drei Teile, der Erzählstil auktorial. Die Dialoge des Paares sind häufig wortgleich, das heißt Newman zitiert Orwell. Das Ergebnis dieser Gespräche ist jedoch meist anders. Ein sehr geschickter Ansatz.

So. Nachdem wir das nun geklärt hätten, betreten wir die von Orwell geschaffene Welt. Orwells Protagonist Winston Smith ist schon mittleren Alters und Mitarbeiter des “Records Department” im “Ministry of Truth”, wo seine Aufgabe darin besteht, Dokumente wie zum Beispiel Zeitungsartikel so umzuschreiben, dass sie die gerade geltende Parteidoktrin und -wahrheit wiedergeben, egal, ob es sich um Produktionszahlen von Schnürsenkeln, den aktuellen Kriegsgegner (Eurasia oder Eastasia) oder “vaporisierte”, also nicht mehr vorhandene Personen handelt. Denn die Partei hat, hatte und wird immer immer recht haben; höre hierzu: https://www.youtube.com/watch?v=iWJb_Y35O5A.

Er kann sich noch gut an die Zeit vorher erinnern und das Heute, der ewige Mangel, das schlechte Essen, die grauen bröckeligen Gebäude und Straßen, quasi eine ewige Nachkriegszeit und dazu die Dauerüberwachung durch Telescreens, die grausame “Newspeak”, eine Sprache, deren Kuratoren stolz darauf sind, dass sie jedes Jahr immer noch mehr Wörter eliminieren, machen ihm sehr zu schaffen. Er rebelliert, im Kleinen. Kauft irgendwo unter der Hand eine Kladde, führt Tagebuch. Und er trifft Julia, “ein Mädchen”, das ihn zunächst vor allem irritiert – ist sie vielleicht eine Agentin der “Gedankenpolizie”? Sie initiiert eine von Staats wegen unmögliche Beziehung, denn Sex außerhalb einer Ehe und ohne Reproduktionsabsicht ist verboten.

In Newmans Neuinterpretation lernen wir Julia (die bei ihr auch einen Nachnamen bekommt) besser kennen. Sie ist eine junge Frau, knapp unter Mitte 20, arbeitet als Mechanikerin (ein Umstand, der Orwell 80 Jahre vorher noch ziemlich umhaut) im selben Bürogebäude wie Winston, lebt in einem Frauenwohnheim, schläft im Stockbett im Schlafsaal und ist ein System-Native. Das heißt, sie kennt und nutzt jedes Schlupfloch, das sich bietet, holt sich ganz pragmatisch, auch sexuell, was sie haben will. (Newmans Sprache ist dann sehr vulgär, ob’s das braucht?) Nicht, dass das Leben einer Frau in diesem System ein Spaziergang wäre. Newman erzählt sehr (fast schon zu) ausführlich, wie eine Herrschaft weniger alter Männer den Mißbrauch an Kindern und viel zu jungen Frauen begünstigt.

In Orwells Original wird die restriktive Sexualpolitik der Partei durch Keuschheitsgelübde umgesetzt, die die jungen Frauen (wer sonst?) durch rote Schärpen der “Junior Anti-Sex League” zum Ausdruck bringen. Das ist bei Newman nicht anders, außer, dass diese Schärpen ihren Stoff nicht wert sind. Ein weiteres “So-tun-als-ob”. Newman denkt den Sex ohne Verhütung auch weiter (tut Orwell nicht) und erfindet eine Behörde namens “ArtSem” (in der deutschen Übersetzung “Kunstfrucht” – ich weiß nicht, ob die Idee vom Lebensborn der Nationalsozialisten inspiriert ist, es klingt aber sehr danach). Dort können junge Frauen sich künstlich befruchten lassen und Kinder für die Partei austragen, die dann in entsprechenden Institutionen erzogen werden. Es stellt aber auch niemand je Fragen, wenn eine Frau schon sehr sichtbar schwanger dem Programm beitritt.

Orwells Winston Smith ist ein misogyner Typ. Hegt Gewaltphantasien gegen Frauen (von hinten anschleichen und mit einem Stein den Kopf einschlagen und so). An Julia schätzt und genießt er ihren jungen frischen Körper, hält sie aber für ihm intellektuell nicht gewachsen, ein Dummerle. Die Literaturwissenschaft streitet noch, ob Orwell selbst durch diesen Winston spricht, oder ob nur die Figur so angelegt ist. Ist mir egal, spielt auch jetzt keine Rolle mehr.

Ich bin nicht sicher, ob ein Verlag in der heutigen Zeit Orwell noch in dieser Ausführlichkeit die Analyse des Big-Brother-Systems durch einen Dissidenten und / oder das “Newspeak”-Wörterbuch hätte veröffentlichen lassen. Sie sind es beide wert zu lesen, denn Orwell war ein sehr kluger Mann. Diesen sehr theoretischen Teil läßt Newman weg. Bei ihr wird die talentierte Julia hingegen schnell zur Kollaborateurin des Systems. Nicht freiwillig, natürlich nicht, und ihren ehemals so unbeschwerten Umgang mit Sex pervertiert die Partei, in dem sie sie als Zwangsprostituierte benutzt, die den Zielobjekten im Bett systemfeindliche Äußerungen entlocken soll. Einer davon ist Winston.

Beide Autoren behandeln die Festnahme und die Haftzeit ihrer jeweiligen Protagonisten sehr ausführlich. Beide konfrontieren sie mit ihren “Opfern”, also den Menschen, die sie an das System verraten haben. Beide schildern die grausamen Foltern in extenso. Orwell läßt seinen Winston daran zerbrechen und Julia verraten (“nehmt sie, tut ihr das an, nicht mir”), Newmans Julia ergibt sich trotz allem (Psycho-)Terror nicht, wiewohl ihr genau die für Winston gedachte Mißhandlung angetan wird. Sowohl bei Orwell wie bei Newman treffen Winston und Julia nach der Entlassung aus dem Kerker noch einmal aufeinander. Bei Newman wissen wir, was Julia geschehen ist und wieso sie eine Narbe im Gesicht hat, bei Orwell wissen wir es nicht. Das Treffen endet bei beiden gleich: die Machthaber haben die Gefühle zwischen ihnen und füreinander annihiliert, es bleibt nicht einmal Gleichgültigkeit. “1984” endet damit. “Julia” hingegen ist noch nicht fertig mit der Welt. Newman gelingt mit ihrem Schluß eine mutige Volte, allein dafür lohnt es sich, ihre Version zu lesen.

Man kann “Julia” als eigenständiges Werk verstehen. Gut genug dafür ist es. Wenn man aber die dystopische Welt von “1984” wirklich verstehen will und die Doppelmoral des Systems ausleuchten, dann sollte man ein Projekt aus der Lektüre machen und beide Bücher studieren. Wenn man sich nebenher noch weiter mit den aktuellen Nachrichten beschäftigt, mit alternativen Fakten und pfeilgraden Lügen, dann sollte man eine einigermaßen sonnige Disposition haben, um nicht an seiner Zeit zu verzweifeln.

Schokolade hilft.

Da haben wir den Salat

Ich will japanischen Suchtkohl machen, einen ausgesprochen wohlschmeckenden Salat. Ich hab auch alles da: frischen Spitzkohl, Sesamöl und -saaten, Reisessig und andere wichtige Zutaten. Alles. Alles? Alles außer Dashi. (Dashi ist eine japanische Gewürzmischung mit allerlei dies und das sowie gerösteten Bonitoflocken und schätzungsweise einer guten Handvoll Geschmacksverstärkern.) Ohne Dashi kein Suchtkohl. Oh Mann.

Zum Glück ist unten in der Passage ein gut sortierter Asialaden. Die haben auch immer alles da. Außer heute. Da ist Dashi aus. Und jetzt? Muss ich trotzdem nicht verzagen, denn der junge Mann hinterm Verkaufstresen weiß sich zu helfen. Sie betreiben dorten auch eine Garküche und die käme gar nicht ohne Dashi aus. Flugs den großen Restaurantgewürzbehälter aus dem Unterschrank gegraben, 50 Gramm abgewogen und schon habe ich Pulver für die nächsten zehn Salate.

Kostenpunkt: 1 Euro. Weil, sagt der Pragmatiker unter den Asienladenverkäufern, “soll ja für uns beide ein gutes Geschäft sein”. Recht hatter.

Hach!

Was für eine Nacht! Alle nach hinten raus gehenden Türen und Fenster in die laue Nacht geöffnet und tief und fest geschlafen. So soll das bitte bitte bleiben.

Halt, nein, ich möchte nachbessern: noch gute 10° wärmer. Soll sich ja lohnen.

Gelesen: Irene Dische – “Die militante Madonna”

Ich hab in letzter Zeit viel sehr schwere Literatur gelesen (die Rezension dauert noch a weng) und brauchte jetzt mal was ganz anderes. Diese Schnurre (dieses sehr altmodische Wort passt ganz genau zum Stil der Übersetzung von Ulrich Blumenbach, der einen wahren bunten Strauß an obsoleten Wörtern darreicht) über einen Spion Ludwigs des XV. in London, der aber auch Dragonerhauptmann ist und Hofdame am Zarenhof in Sankt Petersburg war, ist so lieb und nett und freundlich und im besten Sinne harmlos – genau das richtige für einen Nachmittag auf dem Balkon, wo’s ohne Sonnenschirm nicht gegangen wär. (Und das genau eine Woche, nachdem da unten noch 20 cm Neuschnee lagen.)

Nur damit ihr ein Bild bekommt: Der “Vorspruch” beginnt mit den Worten: “Ich betrachte Sie in Ihrem seltsamen Jahrhundert mit Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar, Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein.” So plätschert die Geschichte vor sich hin und man freut sich mit dem Protagonisten seines Lebens.

Gelegentlich lesen. Dümmer macht es nicht. Mein Exemplar ist zu haben.

Gelesen: Rob Edwards (Autor), Sean Damien Hill & Alex Paterson (Artist), Nikolas Draper-Ivey (Cover) – “Defiant: The Story of Robert Smalls” (Vol. 1)

Legion M, das erste Filmstudio, das „Fans die Möglichkeit bietet, in die Produktion neuer Filme, Fernsehsendungen, Virtual-Reality-Inhalte und anderer Unterhaltungsinhalte zu investieren und daran mitzuwirken“ hat auch die Kickstarter-Kampagne für die Finanzierung dieses Comics finanziert, auf dass die Geschichte von Robert Smalls endlich den Bekanntheitsgrad bekomme, der ihr zusteht.

Ja, stimmt, diese wahre Geschichte sucht ihresgleichen. Robert Smalls, ist ein Sklavenjunge, den sein Besitzer aufzieht wie einen Sohn. Das macht ihn zum “Quasi-Sklaven”, also jemanden, der im Herrenhaus verkehrt, erzogen wird wie ein “rich white boy”, aber keinen Moment vergessen darf und soll, dass ihm dieses Privileg jederzeit entzogen werden kann. Weil aber der kleine Robert gut aufgepasst hat, eckt er nun auf der Plantage überall an, bis ihn sein Besitzer als Hotelpage in die nächste Stadt vermietet. Dort nimmt er alle Jobs an, die sich ihm bieten und steigt auch auf dem Boot, auf dem er seinen inzwischen sechsten oder siebten Job arbeitet, bald auf. So weit, dass er auf die Idee kommt, der Sklaverei entkommen zu wollen und dabei die Familie und seine Freunde mitzunehmen. Es gelingt ihm ein wunderschöner Coup, bei dem er ein Schiff der Konförderierten Armee kapert und mit seiner ganzen Waffenladung ins Lager der Unionisten überführt. Später, aber das wird erst in den nächsten Bänden erzählt werden, steigt er zum Admiral in der Union-Navy auf und noch später wird er Senator und ist an wichtigen Gesetzgebungsverfahren beteiligt.

Alles wirklich wahr und genauso geschehen und weder hier bei uns, was jetzt nicht so verwunderlich ist, noch in Amerika bekannt. Die Menschen der Legion M tun also ein gutes Werk. Da darf man ihnen nachsehen, dass es sich nicht um eine Graphic Novel, sondern eine bebilderte Geschichte handelt, die hoffentlich in dieser Form noch ein paar Leser mehr anlockt, als ein Buch mit nur Buchstaben.

Kann man lesen. Danke an Herrn M. aus M. fürs Leihen.

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jowee Omicil – “sMiles”

Smiles, der Name ist Programm. Jowee Omicil erklimmt schwer bepackt die Bühne und entlädt sich erst einmal aller Blasinstrumente, die er später spielen wird: Saxophone (2), Klarinette, Flügelhorn (Hach!), Trompete, Megaphon, Monstermuschel – ein Trumm in der Größe, wie man es zuletzt gesehen hat, als Izzy Kamakawiwoʻole Asche im Meer verstreut wurde. Der Hausherr Stückl selbst stellt den Multiinstrumentalisten als einen seiner Favoriten vor und der setzt sich dann auch erst mal an den Flügel und zaubert, begleitet / unterstützt / getragen von seinem hypercoolen Baseman Jendah Manga und den beiden Schlagzeugern Yoann Danier und Andy Bérald, die wieder einmal beweisen, dass man kann nie genug Schlagzeuge haben kann.

Omicil ist ein geborener Entertainer mit Kaschperlattitüde. Er irrlichtert über die Bühne, nimmt ein Bad in der Menge im ausverkauften Saal, fordert Mitsingenundklatschen ein, hüpft und springt und erzählt und philosophiert und macht alle Arten Musik mit Ausflügen nach Oz und zu Beethoven, ein echter Wirbelsturm. Und findet dabei noch Zeit für eine Modenschau, in der er sich, Schicht um Schicht, entkleidet. Erst das dicke schwarze Beanie und die weißgefaßte Puck-die-Stubenfliege-Brille. Dann das dicke schwarze Hoodie. Darunter ein schwarzes Langarm-T-Shirt. Darunter ein kurzes. Dann ist er durchgeschwitzt und wir haben Pause.

Bis dahin war das Konzert für mich im wesentlichen eine akustische Erfahrung, denn direkt vor mir sitzt er:

Mann groß, Haare groß und der Laden so dermaßen voll, dass, wenn man den Stuhl einmal so gestellt hat, dass die Durchblutung der Beine gewährleistet bleibt, kein bißchen Ruckeln in keine Richtung mehr möglich ist. Ja, ich weiß schon, es geht um Musik. Aber das Auge hört doch mit, Mann!

Aber die Götter sind mir gnädig gesinnt (gesonnen?) – unseren Tischnachbarn ist der Unterhaltungsanteil zu hoch. Sie seien wegen der Musik gekommen, nicht um den Künstler reden zu hören und deswegen gehen sie jetzt. Ich denke mir meine Dixie Chicks* und freue mich: ich wechsle den Stuhl und die zweite Halbzeit erlebe ich mit unverstellter Sicht. Das ist besonders schön, weil eine drum-battle stattfindet und ich wenig mehr mag als so gute Drummer. Außerdem steht der zweite Teil der Fashion Show an. In der Pause trug Jowee noch schwarze Shorts und das graue Hoodie tief ins Gesicht gezogen (das weiß ich, weil ich gerade von der Toilette kam, als er wieder in die Gaderobe sprang), nun aber: Ganz in schwarz, in Lederhosen. Bis er das erste Sweatshirt auszieht und darunter ein weißes Hemd und eine Bikerlatzhose sichtbar werden, die natürlich sofort auf Halbmast gezogen wird (ein Träger offen, Latz hängend). Dann löst er auch den zweiten Träger (whoo-hoo!), windet er sich auch aus dem Hemd, darunter wieder ein schwarzes T-Shirt, womöglich mit einer Botschaft, aber dafür sitze ich zu weit weg. Phänomenal: die ganze Umzieherei, ohne auch nur einen Moment das Musik machen zu unterbrechen.

Schließlich verkündet er: “Your time is up, Munich” und verfällt dann in eine Art Predigermodus und weist sein Publikum an, sich dem Nachbarn zuzuwenden und diesen vorbehaltlos zu lieben. Ach, nein danke. Ich bin hier wegen der Musik. Wenn ich Erweckung brauche, dann gehe ich in ein Zelt aufm Feld mit Gospelchor.

Puhhh. Draußen angekommen, genieße ich die kühle nebelfeuchtschwere Luft. So viel Energie in einem so dermaßen überfüllten Raum – so schön das Konzert war, aber ich glaube, dafür werde ich langsam zu alt…

* Für die, die keine Oma zum Fragen haben: die Dixie Chicks (inzwischen nur noch “Chicks”), eine bis dahin eher unpolitische Frauen-Country-Band aus Texas hatten sich 2003 bei einem Konzert in London gegen den bevorstehenden Irak-Krieg und den Präsidenten George W. Bush ausgesprochen und damit den Haß ihrer rotnackigen Landsleute auf sich gezogen, der darin kulminierte, dass man sie während eines Konzerts per Zwischenruf aufforderte: “Shut up and sing.” (Also: “Haltet das Maul, redet nicht über Politik. Schön singen reicht.”) Für die, die mehr wissen oder ihr Gedächtnis auffrischen wollen: gibt einen recht guten Dokumentarfilm darüber.

Lob

Ich schimpfe ja oft genug über schlechte Wortspiele. Und ich habe immer recht. Dieses Mal will ich loben: für diese Föhn-Reklame bekommen die Werbemenschen bei Philips eine Runde Getränke. Zahlen wird die inzwischen gut gefüllte Schlechte-Wortspiel-Kasse.

Aus dem Vokabelheft

Jemand, von dem ein Angelsachse sagt, er laufe mit einem “chip on the shoulder” herum, wird als überempfindlich, reizbar, sogar einen Groll hegend empfunden.

Außer man ist eine KI und hats nicht so mit Idiomen. Dann ist ein Chip ist ein Chip ist ein Chip.

Noch ziemlich neu im Kino: “Hamnet”

Was für Farben! Große Bilder, ob Natur oder Komposition von Innenräumen. Als hätten die alten niederländischen Meister persönlich Hand angelegt. Und die Musik! Kein Waberwallklangteppich wie man sie von Hans Zimmer kennt, sondern sparsam und genau richtig für die jeweilige Stimmung dosiert. Und die Besetzung! Jede Rolle, inklusive der Kinder perfekt, großartige Schauspieler. Unter all den Könnern besonders hervorzuheben: Jessie Buckley, die alles kann, von animalischem brüllendem Schmerz bis hin zu kleinem Glück.

Regisseurin Chloé Zhao zeigt, wie eine Waldhexe und ein Poet (Paul Mescal als Will Shakespeare) zueinander finden und allen Widerständen trotzen, bis sie heiraten und ihre erste Tochter bekommen. Ihre kleine Welt ist gut, doch sie reicht dem Dichter nicht, in dessen Kopf Universen danach verlangen, herausgeschrieben zu werden. Sie, wieder schwanger, läßt ihn ziehen, sein Glück in London zu suchen. Das Zwillingspärchen wird nicht ohne Komplikationen geboren, die Shakespeares richten sich ein. Frau und Kinder bleiben in Stratford, Will führt ein zweites zunehmend erfolgreicheres Leben in der großen Stadt. Er pendelt, ist auf dem Lande liebevoller Gatte und Vater und in der Stadt eine Theatersensation. So könnte es bleiben. Dann die Katastrophe. Der junge Sohn Hamnet (Jacobi Jupe) verreckt elendiglich an der Beulenpest (große Bilder) und die Beziehung der Eltern stirbt mit. Erst als Agnes im Londoner Globe Wills Hamlet sieht, setzt für beide eine Katharsis ein. (Wieder große Bilder.)

Ausstatter, Kostümbildner, alle, die irgendwie mit Drumrum beschäftigt waren, dürften die Zeit ihres Lebens gehabt haben. Allein das ganze Publikum im Globe über alle Stände anzuziehen, muss einen Höllenspaß gemacht haben. Oder Agnes’ Kostüme, der einzige Rotton in ansonsten matteren Farben, der zu einem Braun verblaßt, als ihr Kind gestorben ist oder auch Wills zeitlose und doch elisabethanische Kleidung, die mehr und mehr an Qualität und Schwere gewinnt – doch, das muss Freude gemacht haben.

Man hatte mir gesagt, ich solle reichlich Taschentücher mitnehmen, der Film drücke auf die Tränendrüsen. Nein. Dazu ist er zu ästhetisch, zu fein, zu Kunst. Selbst Armut und Elend, selbst wenn die Pest in London tobt und die Ärzte in ihren Schnabelmasken über Leichenberge steigen – die Bilder sind zu schön. Zu glatt. Zu…, wage ich es zu sagen? Zu gefällig.

Ich habe das Buch von Maggie O’Farrell schon seit Jahren zu Hause liegen und bin in zwei ernst gemeinten Versuchen nicht “hineingekommen”. Dabei sollte der Stoff, eine Erzählung aus Shakespeares Leben, wie gemacht sein für mich. Aber mir wars zu distanziert, zu wenig pralles Leben und zu viel in Schönheit sterben. Alles glatt, nichts rauh. Dieser Shakespeare hat es nicht geschafft, mich zu berühren, weder als Buch noch als Film.

Es möge eine jede und ein jeder selbst sehen. Ich kann weder zu- noch abraten.