Gestern Abend in der Unterfahrt: “Guido May Groove Extravaganza – African Night mit Biboul Darouiche”

Mich kann man ja so leicht glücklich machen: beste Plätze in der ersten Reihe mit unverstelltem Blick auf 3 (drei) Schlagwerke und beim Konzert die Füße auf dem Bühnenrand abstellen und den Groove nicht nur hören und sehen, sondern mit dem ganzen Körper fühlen. Ganzsehrviele Hachs! Und noch ganzsehrviele mehr!

Mei, war das ein schönes Konzert. Der sowieso schon Ausnahmeschlagzeuger Guido May hatte sich für das erste Konzert der diesjährigen “Munich Summer Jazz Weeks” vier sagenhaft großartige Kollegen eingeladen. Biboul Darouiche, langjähriger Mitspieler bei Klaus Doldingers Passport an den/der (?) Percussion sowie allem anderen, was den Rhythmus befeuert (einen Neunachteltakt muss man erst mal spielen wollen und können) – und sehr schön singen kann er auch; Multitalent Flo Sagner, Percussion und Trompete und beides im so schnell fließenden Wechsel, dass das eine noch nicht ganz ausgeklungen ist, wenn er mit dem anderen schon loslegt; am Piano der wahnsinnig junge Theo Kollross, der aussieht wie ein erschreckter Chorknabe und spielt wie ein schon ganz Alter (und auch ein paar Drum Sticks am Piano hat, um bei Bedarf beim Groove mitzuhelfen, Hach!) und last but very much not least der sehr coole (Selbstbeschreibung) Baseman Igor Kljujic.

Wow! Was für eine Formation! Die Unterfahrt hat von den ersten Takten an gekocht, was die Musiker an Spielfreude und Können an den Tag legten, gab das Publikum in Begeisterungsstürmen zurück, und der Groove! Der Groove! Mega-Hach!

So ein tolles Konzert! Hatte ich schon erwähnt, dass ich in der ersten Reihe quasi mitten im Schlagwerk saß? Hach!

Und nun zum Verkehr

Seitdem ich auf Schienenersatzverkehr angewiesen bin, um irgendwie von daheim in die Stadt und wieder zurückzukommen, häufen sich die unerwarteten kleinen Kalamitäten. Der Bus steht im Stau oder ein Depp parkt so dumm, dass keiner, schon gar nicht mein Bus, an ihm vorbeikommt oder auf der Ausweichstrecke wurde spontan eine Baustelle gegraben oder noch eine oder zwei oder es ist Stau wegen Ferienanfang oder Montagmorgen oder Freitagnachmittag oder Vollmond oder, das passiert oft genug, dem Bus ist das auch alles zu doof, und er kummt ned, kummt ned (fragt Oma). Es ist ein Kreuz.

Ganz ganz selten passieren ganz ganz unverhoffte Glücksmomente, so wie gestern Abend. Ich frage die App, wie ich am besten heimkomme, und warte in der U-Bahn-Station auf die U-Bahn, die mich zum SEV-Bus bringen soll. Die U-Bahn scheint verspätet zu sein und der bis dato recht zivile Vorschlag mit nur zwei Mal Umsteigen verschwindet aus der App und wird durch nachfolgend drei weitere ersetzt mit jeweils mindestens vier Umstiegen. Oh Mann!

Halloho, das Konzert war lang, es ist spät und ich müßte auch mal… Ah, da kommt die U-Bahn. Dann geschieht, was ich nur als Fügung überirdischer Gewalten interpretieren kann. Die U-Bahn zu spät. Die Rolltreppe kaputt. Als ich, genervt und außer Atem, an der Bushaltestelle eintreffe, ist die Anzeige, wie es denn nun weitergehen soll, kaputt. Dafür fährt aber gerade der verspätete Bus vor. Okay, nehm ich. Steige an der nächsten Umsteigehaltestelle aus und zum Bahnsteig ab, da fährt die ebenfalls verspätete U-Bahn gerade ein.

Das ganze Unternehmen hat mit zwei Mal Umsteigen gerade mal 10 Minuten länger gedauert als unter normalen Verhältnissen. Werte Herren und Damen MVG-Disponenten: wollt ihr euch das nicht mal anschauen und eventuell auf den SEV-Fahrplan anwenden? Hmmm?

Gelesen: Michael Niavarani – “Romeo & Julia: Die höchst beklagenswerte und gänzlich unbekannte Ehetragödie: Ohne Tod kein Happy End (sehr lang nach William Shakespeare)”

Nachdem ich soviel Freude am “Sommernachtstraum” in Brixen hatte (was jetzt natürlich nicht nur, aber schon auch ein bissele am Bardenbearbeiter Niavarani liegt), wollte ich doch einmal sehen, wie sich seine anderen Shakespearenacherzählungen daran messen lassen.

Erst einmal: Hut ab. Niavarani kennt seinen Shakespeare und bedient sich in “Romeo und Julia” an Versatzstücken aus mehreren seiner Dramen. Mir als Afficionada macht es großen Spaß, herauszudeuteln, woher er DAS nun wieder hat… Geht übrigens bis zum Faust. (Ja, ich weiß selber, dass der nicht von Shakespeare ist.)

Das sehr liebevoll besorgte Buch aus dem Schultz & Schirm-Verlag ist eine helle Freude und mit hinreichend Phantasie ist Schwarz-auf-Weiß-gedruckt fast ebenso schön wie eine Aufführung im Theater.

Lesen! Lesen! Lesen!

In eigener Sache

Seit gestern dürfte bei der flockblog-Leserschaft die Nachricht aufpoppen, der flockblog sei nicht sicher, und man solle die Finger davon lassen. Nicht wahr! Damit sowas eben nicht mehr passiert, hatte ich letztes Jahr um diese Zeit eigens ein SSL-Zertifikat erworben und, weil die Dinger immer nur ein Jahr lang gültig sind, 14 Tage vor Ablauf des aktuellen unter der persönlichen Anleitung und Aufsicht des Inglorious flockblog-Administrators ein neues gekauft und in den Untiefen des flockblog hinterlegt. Das hätte es gewesen sein sollen.

War’s aber wohl nicht. Ärgerlitsch. Aber verzaget nicht: der Inglorious flockblog-Administrator ist informiert und hat zugesagt, sich heute noch des Problems anzunehmen. Der kann sowas.

Ich gehe davon aus, dass, wenn ich morgen früh aufwache, alles wieder gut ist.

Ich hätte da mal eine Frage

Mit meinem Gedächtnis bin ich an sich recht zufrieden. Ich kann viele Gedichte und ganze Passagen aus Theaterstücken auswendig, bringe vom Einkaufen mit, was auf dem auf dem Küchentisch verbliebenen Zettel steht, erinnere mich an Geburtstage und andere historische Daten und Ereignisse. Außerdem hat mich eine Laune der Natur damit beschenkt, dass sich Lieder und deren Texte, auch wenn ich sie nur mehrfach irgendwo im Hintergrund gehört habe, mühelos in mein Gehirn einbrennen und dort verbleiben. Mir tun, wie schon mehrfach erwähnt, meine zukünftigen Mitinsassen im Altersheim bereits im Voraus sehr leid.

Aber eigentlich will ich über etwas anderes sprechen, über das ich mir heute Nacht erfolglos ebendieses schlagertextfeste Hirn zerbrochen habe. Bei mir standen alle Türen und Fenster weit offen, mich fror und ich mußte mir eine Extradecke holen. Ich weiß genau, dass es erst neulich glühend heiß war, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie sich das anfühlte.

Möglicherweise ist es mit der Erinnerung an erfahrene Temperatur ähnlich wie mit der Erinnerung an Schmerz. Man weiß, dass man ihn empfunden hat, auch dass er schlimm oder weniger schlimm war, kann das Sentiment aber nicht reproduzieren.

Weiß das wer besser und kann es mir erklären?

Besser geht’s nicht

Studenten und Innen der Theaterwissenschaften (Kusch, Naturwissenschaftler!) wird unter anderem beigebracht, die Essenz von Theaterstücken zu erfassen. Das dafür gelehrte Werkzeug besteht darin, zunächst jede Szene eines Stückes so knapp wie möglich in maximal einem Satz zusammenzufassen, aus diesen Szenenabrissen dann eine Synopsis des ersten, zweiten usw. Akts zu erstellen und aus diesen schließlich DEN Satz zu extrahieren, der das ganze Stück beschreibt und erklärt.

Und jetzt ohne weitere Vorreden, dafür aber mit einer tiefen Verbeugung vor der Person, die beim Gärtnerplatztheater für diese Aufgabe zuständig ist.

Neu auf Netflix: “Avatar – The Last Airbender”, 2. Staffel

Das Internet und ich sind uns ausnahmsweise ziemlich einig im Unverständnis, warum aktuell ständig erfolgreiche Zeichentrickfilme und -serien noch mal mit echten Menschen neu verfilmt werden müssen. Klar, geht ums Geld. Aber sonst? Blöde Frage. Um sonst nichts.

Die erste Staffel um den jungen Luftnomaden Aang war ja noch halbwegs erträglich (s. https://flockblog.de/?p=49139), diese zweite aber? Utter shyte. Aus unerfindlichen Gründen werden Handlungsstränge verkürzt und verändert, die Persönlichkeiten einzelner Figuren ganz neu definiert und alles, alles wird mit weit aufgerissenen Augen, ernster Miene und bedeutungsschwanger-schwerer Stimme übererklärt. Und für die sehr zurückgebliebenen oder vom Handy abgelenkten Zuschauer nochmal.

Die einzige Maßgabe, die gegen diesen Mist hilft, ist, ihn schleunigst zu vergessen und stattdessen die Zeichentrickserie wieder einmal, in aller Ruhe und mit Freude anzuschauen. Ich hab sie ja auf DVD und bin von keinem Drecks-Streamingservice abhängig (fragt Oma), kann also noch heute Abend loslegen.

Nicht anschauen. Nicht Zeit vergeuden.

Gelesen: Alexander Gorkow – “Die Kinder hören Pink Floyd”

Vergangenheitsbewältigung? Nein, eher Vergangenheitsbetrachtung, denn Gorkow schreibt über “meine” Zeit, also die ausgehenden Sechziger/frühen Siebziger, an die ich schon eigene Erinnerungen habe. Natürlich habe ich beispielsweise Pink Floyd und ihre außergewöhnlichen LP-Cover mitbekommen, die Kuh, das mystische Prismendreieck, das Schwein, The Wall, hatte aber nie eine so intensive Beziehung zu dieser Band wie Gorkow. Diese Ausführungen habe ich eher mit distanziertem Erstaunen gelesen.

Hingegen sind mir wie ihm die ersten durch Contergan geschädigten Kinder deutlich in Erinnerung, wir hatten ja ein Mädchen in der Klasse. Und ja, die Baader-Meinhof-Fahndungsplakate in jeder Post und Behörde mit den paßfotogroßen Schwarz-Weiß-Bildern der Gesuchten, ganz besonders die triumphierend mit rotem Edding ausgekreuzten Gesichter derer, die erwischt worden waren. (Bin immer noch nicht sicher, ob ich das Wort “erwischt” in Anführungszeichen setzen soll.)

Schon fast vergessen hatte ich, wie präsent kriegsversehrte Männer in meiner Jugend noch waren. Fehlende Arme oder Beine, Brand- und Schußnarben in Gesichtern, taub, blind, stumm oder eine Kombination aus allem. Wie Gorkow habe ich sie als ganz eigenen Stamm erfahren, meistens böse und gegenüber den halbwüchsigen Schülerinnen, die in ihrem vom Hauptgebäude der Bausparkasse weit ausgelagerten Archiv zu Ferienjobs antraten, übergriffig. Die alten Säftel brauchten kein Facebook, um die jungen Schülerinnen zu kategorisieren, von “Mausbusen” bis “gebärfreudiges Becken” trugen sie jede Bewertung lauthals und zur brüllenden Erheiterung aller vor. Es wurde ihnen nachgesehen, die “armen Kerle hatten ja so viel durchgemacht”. Die Mädchen wußten damals noch nicht einmal, dass man sich wehren kann, und nicht nur darf, sondern muss.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Buch für jemanden, der die Zeit nicht erlebt hat, interessant sein kann, dafür ist es eigentlich zu persönlich. Wenn jemand interessiert ist, mein Exemplar ist zu haben.