Aus dem Vokabelheft

Jemand, von dem ein Angelsachse sagt, er laufe mit einem “chip on the shoulder” herum, wird als überempfindlich, reizbar, sogar einen Groll hegend empfunden.

Außer man ist eine KI und hats nicht so mit Idiomen. Dann ist ein Chip ist ein Chip ist ein Chip.

Noch ziemlich neu im Kino: “Hamnet”

Was für Farben! Große Bilder, ob Natur oder Komposition von Innenräumen. Als hätten die alten niederländischen Meister persönlich Hand angelegt. Und die Musik! Kein Waberwallklangteppich wie man sie von Hans Zimmer kennt, sondern sparsam und genau richtig für die jeweilige Stimmung dosiert. Und die Besetzung! Jede Rolle, inklusive der Kinder perfekt, großartige Schauspieler. Unter all den Könnern besonders hervorzuheben: Jessie Buckley, die alles kann, von animalischem brüllendem Schmerz bis hin zu kleinem Glück.

Regisseurin Chloé Zhao zeigt, wie eine Waldhexe und ein Poet (Paul Mescal als Will Shakespeare) zueinander finden und allen Widerständen trotzen, bis sie heiraten und ihre erste Tochter bekommen. Ihre kleine Welt ist gut, doch sie reicht dem Dichter nicht, in dessen Kopf Universen danach verlangen, herausgeschrieben zu werden. Sie, wieder schwanger, läßt ihn ziehen, sein Glück in London zu suchen. Das Zwillingspärchen wird nicht ohne Komplikationen geboren, die Shakespeares richten sich ein. Frau und Kinder bleiben in Stratford, Will führt ein zweites zunehmend erfolgreicheres Leben in der großen Stadt. Er pendelt, ist auf dem Lande liebevoller Gatte und Vater und in der Stadt eine Theatersensation. So könnte es bleiben. Dann die Katastrophe. Der junge Sohn Hamnet (Jacobi Jupe) verreckt elendiglich an der Beulenpest (große Bilder) und die Beziehung der Eltern stirbt mit. Erst als Agnes im Londoner Globe Wills Hamlet sieht, setzt für beide eine Katharsis ein. (Wieder große Bilder.)

Ausstatter, Kostümbildner, alle, die irgendwie mit Drumrum beschäftigt waren, dürften die Zeit ihres Lebens gehabt haben. Allein das ganze Publikum im Globe über alle Stände anzuziehen, muss einen Höllenspaß gemacht haben. Oder Agnes’ Kostüme, der einzige Rotton in ansonsten matteren Farben, der zu einem Braun verblaßt, als ihr Kind gestorben ist oder auch Wills zeitlose und doch elisabethanische Kleidung, die mehr und mehr an Qualität und Schwere gewinnt – doch, das muss Freude gemacht haben.

Man hatte mir gesagt, ich solle reichlich Taschentücher mitnehmen, der Film drücke auf die Tränendrüsen. Nein. Dazu ist er zu ästhetisch, zu fein, zu Kunst. Selbst Armut und Elend, selbst wenn die Pest in London tobt und die Ärzte in ihren Schnabelmasken über Leichenberge steigen – die Bilder sind zu schön. Zu glatt. Zu…, wage ich es zu sagen? Zu gefällig.

Ich habe das Buch von Maggie O’Farrell schon seit Jahren zu Hause liegen und bin in zwei ernst gemeinten Versuchen nicht “hineingekommen”. Dabei sollte der Stoff, eine Erzählung aus Shakespeares Leben, wie gemacht sein für mich. Aber mir wars zu distanziert, zu wenig pralles Leben und zu viel in Schönheit sterben. Alles glatt, nichts rauh. Dieser Shakespeare hat es nicht geschafft, mich zu berühren, weder als Buch noch als Film.

Es möge eine jede und ein jeder selbst sehen. Ich kann weder zu- noch abraten.

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Titus Waldenfels

Normalerweise sind Jam Sessions mehr so eine Art “Jugend forscht”. Gestern Abend? Ganz eindeutig: “Alter! Ey!” Meine Herren! Ja, alles bejahrte Herren, bis auf die, das habe ich auch zum ersten Mal gesehen, stepptanzende Dame.

Gleich der erste in der Session, Alter und Instrument wie Ian Anderson (also knapp 80 und Querflöte, für die, die keine Oma haben, die sie nach Jethro Tull fragen können) hat mich fast vom Stuhl geblasen. Und so ging es weiter. Dabei hatte ich eigentlich Wetter-Kopfweh und wollte gleich nach dem ersten Set wieder gehen. Von wegen. Die Bühne war dauervoll mit sehr guten Künstlern und Waldenfels hatte den Abend gut im Griff. Das muss man können, Kompliment!

Eine Ausnahme gab es aber doch. Den noch sehr jungen hervorragenden Pianisten. Einer von denen, bei denen man, wenn sie später mal richtig berühmt sind, erzählt, dass man sie schon im Jazzkeller gesehen hat, als sie noch soooo jung waren. Der hörte nach ein paar Nummern am Klavier auf. Aber nur, um auf die andere Bühnenseite zu wechseln und dann am Schlagzeug so richtig loszulegen. Hallo Ballett! Allein für den hätte sich der Besuch schon gelohnt. Aber da waren ja auch noch alle anderen. Ein sehr schöner Abend.

Mit einer Einschränkung: der Keller war schon wieder so quälend eng voll – für mich sind solche Massen nix mehr. Das ist nicht Ambiente und Stimmung, das ist nur eng und laut und schlechte Luft. Man wird ihn dehnen müssen.

Kurzes Kino

Der Algorithmus spült einem ja oft die eigenartigsten Dinge in die Timeline und ich bin häufig überrascht, um nicht zu sagen irritiert von dem, was mich angeblich interessieren soll.

Neulich wars anderes. Neulich wurden mir Kurzfilme angeboten. Nicht Youtube Shorts, also irgendwelche Schnipsel von irgendwas (also meist AI Slop), sondern richtige Filme. Kurzes Format, zehn bis fünfzehn Minuten lang, gut besetzt, gut inszeniert. Sehr zu empfehlen – für den Einstieg habe ich unten zwei Lieblinge angehängt.

You’ve got mail

Edmund Stoiber, sorry Dr. Edmund Stoiber, der in meiner Erinnerung immer nur mit dem Transrapid am Hauptbahnhof in München irgendwie via Charles de Gaulle seinen Flug startet und an Feierabenden unter den wachsamen Augen seiner Muschi daheim im Garten die Blumen hinrichtet, der bayerische Ministerpräsident a. D. also hat mir einen Brief geschrieben. Nein, ich rege mich jetzt nicht über Adressenhandel auf. Nein, mach ich nicht. Aber um die Bäume tuts mir leid.

Dr. Stoiber schreibt, “die Jahre unter einer grün-roten Stadtregierung [haben] zu Fehlentwicklungen und enormen Schulden geführt […]. Die Mängelliste ist mittleiweile lang […].” Sein Verein wäre die bessere Wahl für diese unsere Stadt und übernähme, sagt er, “Verantwortung für alle Generationen” und setze sich “für ein Miteinander in der Mobilität” ein, wozu “Sauberkeit und Sicherheit in Bussen und Bahnen sowie an Haltestellen” ebenso gehört wie “ausreichend Parkplätze”. Und, als Nachgedanke, Fußgänger sind auch wichtig. Irgendwie.

Dann kommt er zu seinem eigentlichen Anliegen, fettgedruckt in Blau auf Weiß: “Ziel ist es, eine linke Mehrheit aus Grün-Rot-Rot zu verhindern.”

Genau, Ede. Darum gehts. Raus mit den Roten… Dabei war München seit dem Krieg so gut wie nie auf eurer Parteilinie und wenns nach mir geht, muss das auch zu meinen Lebzeiten nicht mehr sein. Nein, meine Stimmen kriegt ihr nicht!

Nachtrag: Die Briefwahlunterlagen sind übrigens mit derselben Post angekommen. Zum Glück habe ich viel Platz auf dem Boden im Wohnzimmer – in einer Wahlkabine will ich mit diesen Monstern nicht kämpfen müssen…

Eine Runde Mitleid

Es ist noch keine vier Uhr früh, als ich aus dem Schlaf gedröhnt werde. Dauert einen Moment, bis ich Traum und Krach auseinanderdividiert habe und das Wachhirn anläuft. Zunächst einmal im Empörmodus: wieso wach? Wieso so früh? Mensch! Dann verstehe ich: da draußen ist ein bedauernswerter Mensch zugange und pflügt die inzwischen mehr als 20 cm Nachtschnee von den Fußwegen um die Wohnanstalt. Armer Mann.

Ich rolle mich dann mal wieder in meine Decke. Mit der Wetterlage kann ich mich auch in ein paar Stunden noch beschäftigen. Und selbst das wird zu früh sein.

Oh, what a night

… oder vielmehr: Oh, what a beautiful morning. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich einfach so aufgewacht, ohne vom Geräusch einhakender Krallen auf dem Balkongeländer und triumphalen Guruh, Guruh aus dem Schlaf gerissen zu werden. Ausnahmsweise einmal nicht zu nachtschlafender Zeit Im-Nachthemd-Drecksviecher-scheuchen.

Es mag daran liegen, dass heute ist, was ich einen Nietzsche-Morgen nenne (irgendwie muss sich das Germanistik-Studium ja gelohnt haben). Grau, trüb, kalt, vereinzeltes Hundegebell und “Die Krähen schrein / und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / bald wird es schnein…”

Wenn die schwarzen Vögel schwärmen, ziehen die Tauben die Schwänze ein. Dann mit Dank an Ludwig Hirsch zum letzten Zitat für diesen blogpost: “Komm, großer schwarzer Vogel…”