Ja, mach nur einen Plan

Man kann noch so sehr über den Frauenhelden Brecht schimpfen, aber bei einem hat er recht. Immer. Plan plus Reserveplan führen im allgemeinen zwingend zu dem Ergebnis: “Geh’n tun sie beide nicht.”

Ich zum Beispiel habe gestern Kuchen gebacken und hätte geplant, dass ich jetzt auf dem Weg zu Freunden nach Niederbayern bin, wo wir den Kuchen zum Kaffee essen und dann abends, wie schon seit ewig und drei Tagen geplant, in Burghausen ein Zweipersonenstück anschauen. Plan, wie gesagt. Gehen tut das aber nicht, weil einer der beiden Schauspieler seine Stimme verloren hat. Plan kaputt. Dafür habe ich jetzt ungeplant viel Kuchen für mich allein.

Wir planen den Theaterbesuch jetzt mal neu. Für Mai.

Mit freundlicher Anteilnahme

Mein Taubenleiden ist an anderen Menschen nicht spurlos vorbeigegangen. Frau W. aus S. hat denn heute auch gleich Maßnahmen ergriffen und mich zum einen mit Abwehrmusik und zum anderen mit einem Motivationsposter gestärkt. Mal schauen, wie die Drecksvögel schauen, wenn ihnen das zukünftig großformatig aufgezogen auf dem Balkon entgegenwedelt… Hah!

Besten Dank dafür.

Und das Poster? Ja, doch. Gleich. Hier.

Ich nenne die Dame “Pigeonredneckista”.

Gestern Abend im Volkstheater: “Pioniere in Ingolstadt”

Zu meiner Zeit ist man als Studentin der Theaterwissenschaften nicht um die Autorin Marieluise Fleißer herumgekommen. Abhängig davon, für wie sehr modern sich die Lehrkraft einschätzte, wurde die Schublade “Frauen machen was am Theater, uiui”, viel häufiger jedoch “Noch eine Frau im Universum (wahlweise Harem) des großen Bertolt Brecht” geöffnet und so waren dann auch die Seminare. Ich mochte Fleißer nicht. Nicht ihre Themen, nicht die Sprache der “Neuen Sachlichkeit”, eine Art stark reduzierter stilisierter Dialekt und bin gestern mit der Erwartung in die Vorstellung gegangen, dass das wohl nix Rechtes sein wird.

Ich habe mich getäuscht.

Regisseurin Lucia Bühler, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Laura Kirst haben gemeinsam eine Inszenierung geschaffen, die wie Commedia dell’arte anmutet. Alles spielt auf einer leuchtend gelben schiefen Ebene. Pascal Fliggs Hyperkapitalistenboss trägt einen überschulterbreiten eckigen Ziegelsteinanzug, die Mädchen pastellfarbene Kleidchen, die Pioniere an Pfadfinderkurzhosen und -leibchen gemahnende knatschgelben Uniformen mit Schiffchen. Nur der Schinderfeldwebel (Jonathan Müller) hat lange Hosen an und eine richtige Offiziersmütze. Mit am schönsten ist der weiße mit gelben Kreuz- und Querstreifen durchzogene Spielanzug des “Schwachen Max”, den Nils Karsten sehr überzeugend mit großartiger Mimik und Körpersprache als feigen Duckmäuser im Schatten eines viel zu großen Vaters (und folglich jedes anderen autoritären Mannes) spielt.

Muss man denn so viel über Kostüme und Bühnenbild erzählen, wo es doch um Sprechtheater geht? Ja, das muss sein, denn bei der reduzierten, fast armseligen Sprache der Neuen Sachlichkeit braucht es die Bilder, die die Botschaften mittransportieren – so wie bei einer Graphic Novel.

Fleißer selbst schreibt, “Pioniere ist ein Stück über die Ausweglosigkeit der kleinen Leute”. Jeder steht ständig unter Druck, der Schinderkerl quält seine untergebenen Soldaten, die wieder nutzen die Mädchen als Ventil und, sagt Unertl (Fliegs Kapitalist): “Der Druck geht nach unten. Das muss eine (sic!) einsehen.” In diesem fast 100 Jahre alten Stück stehen am untersten Ende der Nahrungskette die Frauen, deren Körper nichts als Verfügungsmasse sind. Die Regisseurin läßt das Publikum der heutigen Zeit seine Schlüsse über den Fortschritt der Menschen seither selbst ziehen. So ganz weit, will mir scheinen, sind wir noch nicht gekommen, wenn man den aktuellen Bericht über die Zahlen zur häuslichen Gewalt liest.

Die Soldaten, teilweise begleitet / gesteuert von bis zu vier Tambouren und ihren Trommelschlägen werden häufig als Akzente zwischen Szenen eingesetzt (überhaupt: Kompliment für die Musik an Fabian Kalker und sein Team). Das ist ziemlich meisterhaft und mir ist zum ersten Mal klar geworden, wie sehr soldatisches Exerzieren nicht etwa nur einer Choreographie gleicht, sondern vielmehr eine ist. Vor allem hier, wo die gelben kurzbehosten Männer zum Takt der Trommel synchron vollkommen sinnfreie Bewegungen und Gesten hampeln (welchen Sinn hat denn schon ein Hand-an-die-Stirn-Salut?) – quasi rhytmische Soldatensportgymnastik.

Die Inszenierung ist ein Paradebeispiel für den V-Effekt. (Zur Erläuterung für Nicht-Theaterwissenschaftler: V-Effekt steht für den von Brecht geprägten Begriff “Verfremdungseffekt”, bei dem es darum geht, “die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens, die Konventionen der Darstellung und die oft nur impliziten ideologischen Determinanten des Spiels zu lenken.” aus: Das Lexikon der Filmbegriffe.) Immer, wenn man sich gerade auf eine Figur oder eine Szene einlassen will und das verwünschte (Mit-)Gefühl aufsteigt, wird die Situation wieder gebrochen und im Ohr dröhnt einem der Brecht. “Glotzt nicht so romantisch!”

Nachtrag: Ich habe das Bühnenbild ja anfangs schon erwähnt: ein schiefe Ebene. Gelb. Sonst gar nichts. Sehr versatil eingesetzt. Sie kann erklommen werden. Oder der Protagonist schafft es eben nicht. Im Marschschritt durchquert. Man rutscht ab – und kann vielleicht in der Wand hängenbleiben oder ganz nach unten fallen. Findet Raum für ein Schäferstündchen. Oder eine Pietà. Vieles. Alles. In der letzten Szene hängt jemand oben an der Kante in der Schwebe. Dahinter lauert… ein Abgrund? Oder ein tiefes Wasser? Man weiß es nicht, auf jeden Fall eine Katastrophe. Und, anders als bei Goethes Gretchen, besteht für Fleißers Figuren keine Hoffnung: Gerichtet! Ohne Rettung.

Ich wollte die Vorstellung nicht mögen, weil ich ja auch Fleißer nicht so mag. Von wegen! Bin sehr vom Gegenteil überzeugt worden. Große Leistung!

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Aus dem Vokabelheft

Woher kommt eigentlich…?

Ich frage mich ja oft nach der Etymologie eines Wortes. Es hat die paar letzten Nächte und frühen Morgenstunden mit den unerwünschten Kackaufenthalten der Guru-Guruhs auf meinem Balkon gebraucht, damit ich zu der Erkenntnis gelangen konnte, dass der Begriff “betäubt” für den Zustand, in dem ich mich dann für den Rest des Tages befinde, seinen Ursprung im Namen dieser mistigen Vögel hat.

Vielleicht sollte ich eine Vogeltränke aufstellen? Man reiche mir den Schierling.

V-Day

Die weltweite Gruppe / Bande (fragt Oma) der Spammer will mir dieser Tage ständig ein schlechtes Gewissen einreden. Ob ich mein “gift” for “my special one” wohl schon besorgt hätte? Wenn nein, hätten sie das passende für mich: Diamanten, Rasenmäher, bündelweise frischeste (ja, die können das Adjektiv frisch steigern) roteste (ja, die Farbe auch) Rosen, Grills, Pralinen, Flat Screen Fernseher und so weiter und so fort. Und, das ist neu: Wenn ja, ob mein Geschenk wirklich gut genug sei, denn sie hätten auf jeden Fall noch ein besseres. Das käme auch auf jeden Fall noch rechtzeitig vor dem Valentinstag (in deren Sprache “V-Day”) an.

Eigentlich war St. Valentin mal zuständig für die Heilung von Kranken und nicht für globalen Konsum. Der arme Heilige kann einen wirklich dauern.

Let the sun shine

Ich bin ja in einem Gärtnerhaushalt aufgewachsen und deswegen sehr genügsam, was die Menge an Grünpflanzen bei mir daheim betrifft. Beläuft sich ziemlich genau auf Null.

Mir reicht meine Minisolarwackelpflanze auf der Fensterbank. Sobald sie nämlich auch nur von einem leichten Sonnenstrahl getroffen wird, wackelt das Dingele frenetisch mit seinen Blüten und macht dabei ein leicht scheuerndes, aber sehr dezentens Geräuschle. Und das sagt mir, die ich morgens ohne Brille noch tastend zurück ins Menschsein finde, dass heute die Sonne scheint und alles ist gut.

In diesem Sinne: einen schönen Dienstag allerseits.

Nostalgie-Kino: Tanz auf dem Hakenkreuz, ein Double Feature – “Cabaret” (1972) und “The Producers” (1967)

Viel besser gehts nicht! “Cabaret” ist zu meiner Überraschung schon gut über fuffzich und noch so jung und morgenfrisch wie ehedem. Alle verfügbaren Hüte ab! Echt jetzt!

Liza Minnellis Sally Bowles ist ein kleines akrobatisches Persönchen mit einer riesengroßen Stimme und als Figur extrem versatil, alles, vom großäugigen kleinen Mädchen mit einem großen Traum bis zur zynischen Großstadtpflanze, die halt tut, was sie tun muss, um zu überleben – und alles dazwischen. Besser hätte man diese Rolle nicht besetzen können.

Überhaupt, dieses Jahr soll er ja endlich kommen, der Oscar fürs Casting – dabei wäre er schon damals mehr als verdient gewesen. Ich hätte ja beinahe vergessen, dass Fritz Wepper mal was anderes getan hat, als den Wagen zu holen (fragt Oma) oder wie unwahrscheinlich schön der junge Helmut Griem war und wie schnuckelig der sehr junge Michael York. Ganz und gar außergewöhnlich ist Joel Grey, der stark geschminkte Zeremonienmeister, an den sich wahrscheinlich alle von seinem Eröffnungsauftritt im KitKat-Club mit “Willkommen-Bienvenue-Welcome” erinnern. Ich habe jetzt erst verstanden, wie diabolisch-mephistophelisch die Rolle angelegt ist.

Der Film basiert auf einem Broadway-Musical, das auf den autobiographischen Geschichten von Christopher Isherwood basiert und hat von all dem das beste mitgenommen. Worum es geht? Zusammengefaßt um die Schicksale aller Sorten Menschen aus Sub- und Hochkultur in ein paar Monaten im Jahr 1931 in Babylon Berlin, während die Nationalsozialisten aufsteigen. Zunehmend lauter. Er hat insgesamt acht Oscars bekommen, nur nicht den für den besten Film. (Ist aber auch kein Wunder, wenn man gegen “The Godfather” antreten muss.)

Unbedingt einmal wieder anschauen, anschauen, anschauen und sich überraschen lassen. Unbedingt!

In “The Producers” sind noch älter, aber wirklich gut gehalten und immer noch sehr lustig. Der Produzent Max Bialystock (Zero Mostel) und sein zurückhaltender Buchhalter (Gene Wilder) wollen den ganz großen Coup landen. Viel Geld einsammeln und eine sehr sehr schreckliche billige Broadway-Show produzieren, die ganz sicher durchfällt, maximal eine Vorstellung, und dann mit dem restlichen Geld durchbrennen. “Springtime for Hitler” also.

Ist auch schrecklicher, als es gerade noch möglich scheint. Man möchte eigentlich alle paar Sekunden anhalten, um nichts von dem zu verpassen, was sich Mel Brooks ausgedacht hat. Vom Bierschaum-Mieder bis zum Eisernes-Kreuz-Nippel-Schutz… wer nicht so genau hinguckt, wähnt sich in einem Bayern auf Speed. Wer genau hinguckt, auch. Leider geht sein Plan nicht auf. Weil sein Publikum gar so gebildet ist, halten sie die Show für Satire und sie wird ein Erfolg – und nun hat der arme Bialystock erst recht ein Problem…

Auch unbedingt noch einmal anschauen, anschauen, anschauen!

Kostprobe gefällig?

Neu zum Strömen: “The Lincoln Lawyer”, Staffel 4

Dieser Tage stand in der Süddeutschen ein Artikel von Philipp Bovermann* mit der Überschrift: “Filme und Serien werden immer dümmer”, der kurz zusammengefaßt beschreibt, dass es beim Schreiben nicht mehr um Überraschungen geht, dramaturgischen Aufbau und Spannungsbögen, sondern darum, dass der nebenher auf dem Handy daddelnde Konsument “dranbleibt”. Alles, was geschieht, wird von den handelnden Protagonisten deswegen noch einmal verbal erklärt. “Die Tendenz geht eindeutig zum Hörspiel.” Der Algorithmus gibt vor, was “die Leute” sehen wollen, basierend auf Meßergebnissen. Aber “Algorithmen – künstliche Intelligenz – sind nicht kreativ. Sie bilden kleinste gemeinsame Nenner. Sie sind Normalisierungsmaschinen.” Statt Experimenten, die auch einmal schiefgehen können, werde nur mehr massenkompatibler Brei produziert. Netflix nennt dergleichen “‘Gourmet-Cheeseburger’ – etwas, das allen schmeckt, bisschen ungesund vielleicht, aber geil.”

Und nun zur 4. Staffel des Lincoln Lawyer, einer Serie, die ich bis dato wirklich gerne gesehen habe (und die besser ist, als der Film mit Matthew McConaughey aus dem Jahr 2011 – und das sage ich nicht leichtfertig). Bisher war die Serie so angelegt, dass es einen über die gesamte Staffel andauernden Erzählstrang und pro Folge mindestens einen großen glänzenden Auftritt im Gerichtssaal gab, in dem Manuel Garcia-Rulfo als Underdog in allerletzter Sekunde gegen das System siegte, meist repräsentiert durch Vertreter und Innen der Anklage, die mit Schurken aus Verbrechen, Politik oder Big Money gemeinsame Sache machten. Aber nicht mit Mickey! Hah!

Die 3. Staffel hatte mit einem Cliffhanger geendet. Während einer Routineverkehrskontrolle wurde im Kofferraum von Mickey Hollers blauem 1963er Lincoln Continental Convertible ein Toter gefunden und zu Beginn der 4. Staffel finden wir ihn, den Staranwalt, unter Mordverdacht im Knast. Hah! Von wegen Routine! Das hätte man sehr schön in zwei bis drei spannenden Folgen auflösen können. Stattdessen geschieht, was in dem SZ-Artikel beschrieben wird: jede Figur und ihren Beziehungen untereinander wird doppelt und dreifach erklärt und wenn die Figur mal eine Folge lang nicht oder wenig sichtbar war, wieder neu. Alles, was diese Leute tun, wird nicht gespielt, sondern erläutert, von ihnen selbst, von anderen, in hanebüchenen Dialogen. Gedehnt, gestreckt, breitgetreten. Ein Hefeteig wäre längst übergangen. Diese Serie dauuuert, es ist schlichtweg schmerzhaft. Man wird geradezu gezwungen, sich mit irgendwas nebenher zu beschäftigen, weil einem fad ist. Denn es braucht ganze zehn Folgen, bis der arme Kerl von allen Vorwürfen entlastet und der wahre Schurke (das System) gefunden ist.

What an utter shyte! Nicht anschauen! Lieber gleich der Nebenbeschäftigung nachgehen.

* Quelle: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/streaming-netflix-algorithmen-dialoge-e583987