Sounds of ?

  • Seit das Kind nebenan laufen gelernt hat, stampft es eiligen Schrittes durch die Welt, ich vermute, um aufzuholen, was im ersten Lebensjahr verpaßt hat. Es stampft auf dem Parkettboden der elterlichen Wohnung, es stampft im Gang vor der meinen, es stampft im Lift und der Stahlbeton, den die Erbauer der Wohnanstalt in den Siebzigern verwendet haben, läßt mich jeden einzelnen Stampf live miterleben. Zudem: Gefühle. Das Kind ist jetzt in dem Alter, in dem es zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt changiert und seinen Stimmungen (sehr) lauthals Ausdruck verleiht. Das ist sowohl stimmbildend wie bedürfnisbezogene Erziehung. Daran habe ich bis in die Plomben immer teil, wenn wir zeitgleich zu Hause sind. Also oft. Das Kind wird in ein paar Wochen ein Geschwisterchen bekommen. Der Grad der Vorfreude ist bei den Eltern und mir recht unterschiedlich.
  • Der kleine Hund in der Wohnung direkt unter mir darf wegen Frischluftzufuhr häufig auf den Balkon. Das ist sehr aufregend, denn von seinem Platz aus sieht er alles, was auf der Welt passiert. Eichhörnchen, Passanten, Vögel, Blätter, die im Wind treiben, andere Hunde, alles. Der kleine Hund teilt seine Begeisterung gerne laut kläffend mit. Nur nachts, da schläft er, außer, wenn er tagsüber zu viel getrunken hat. Dann kläfft er, weil er Wasser abschlagen muss und zu diesem Behufe nach draußen begleitet werden will. Den Weg nach draußen legen Frauchen und er im Lift zurück.
  • Dieser Lift ist jetzt nach monatelangen sehr lauten Umbauarbeiten ein moderner Lift und teilt sich mit. Auf welchem Stockwerk er sich befindet, wohin es geht und ob die Türen auf- oder zugehen. Soll inklusiv sein und ist gut hörbar, auch in der Etage drüber oder drunter noch.
  • Dann hätten wir da noch den Nachbarn mit den Niesanfällen. Laut, hallend (Stahlbeton) und lang. Andere schauen im Allergiekalender, ob jetzt gerade die Haselpollen fliegen. Wir in der Anstalt nicht. Wir hören dafür den Mann sich die Nase wegniesen, jedes Mal von einem dröhnenden Schneuzen beschlossen.
  • Die Kirchengemeinde direkt gegenüber verliert zwar ständig Gläubige, das hält sie aber nicht davon ab, auch die Ungläubigen von acht morgens bis acht abends viertelstündlich heftig zu beläuten. An Sams- und Sonntagen erst recht und mehr.
  • Die Schule ein paar Hausnummern die Straße runter würde man in Berlin eine Brennpunktschule nennen. In Bayern gibts so was nicht. Die Schule ist also wie alle anderen, klingelt zu den Pausen, hält ab und zu mit gellender Sirene Feueralarmübungen ab und mindestens einmal die Woche kommen Polizei und/oder Notarzt, meist mit mehreren Fahrzeugen und viel Tatütata vorgefahren.
  • Je nach Windlage läßt sich am auf- und abschwellenden Motorenlärm die Verkehrslage auf den umliegenden Stadt- oder sonstigen Autobahnen ableiten.
  • Außerdem Fauna. Keckernde Eichhörnchen, Krähen, die ihr Revier lauthals verteidigen, Tauben, die nichts zu tun können, nicht kacken, nicht füttern, nicht fressen, nicht vögeln ohne dabei zu guruh-guruhen, Gassigehhunde, die einander sowie alles, was sich sonst bewegt, verbellen, Vieruhrmorgensrollkofferroller und der eine Herr, der vermutlich in einer Marschkapelle tätig ist und am liebsten im Gehen im Innenhof Trompeteblasen übt.
  • Was fehlt noch? Ah, ja, die Engelbert-Strauß-Brigade. Was immer sie an Geräten betreibt, Laubbläser, Rasenmäher, Schneefräse, Häcksler, Säge, Sonstiges, dröhnt, und die Herren arbeiten ungern allein und immer im Team, so dass sich eine Symphonie aus röhrenden Motoren ergibt.
  • Nein, den Spielplatz direkt unter meinem Balkon im Innenhof führe ich nicht gesondert auf. Also nicht die dort spielenden Kinder mit Bewegungsdrang. Höchstens die Halbstarken, die auf dem Weg von und zur Schule einen Zwischenhalt einlegen, haben eine Erwähnung verdient, denn in dem Alter scheint man nur schreiend kommunizieren zu können, Digga.

Mehr fällt mir gerade nicht ein und von dem vielen ungefragten Licht, das die Nächte zu hell macht, will ich gar nicht anfangen.

Es ist ja schon auch so, dass selbst bei den Freunden, die auf dem Land leben, die Zivilisation lärmt. Darum verstehe man mich nicht miß, ich lebe sehr gerne in der Stadt und brauche und genieße ihr vielfältiges Angebot. Aber. Aber als es mir neulich mal einfach zu viel Stampfkind, Gebell und Sägengekreisch war, habe ich mir überlegt, wie weit man von jeglicher Zivilisation entfernt sein müßte, um ohne ihren Krach zu sein. Und ob das dann Luxus ist oder Dasein in einem Bunker (wo einen wahrscheinlich das Gebläse der Frischluftaufbereitungsanlage nervt).

Das dürfen jetzt alle für sich selbst entscheiden, während ich mir zum Staubsaugen Sid Vicious auflege.

Doch Einwanderungsland

Gestern Abend gings rund am Haderner Stern. Die rührige Bäckerin, die sich ihren Laden mit dem griechischen Gemüsehändler teilt und im Nebenberuf einen Gebrannte-Mandeln-Stand betreibt, hatte zur “After Wiesn” geladen. Mit allem, wofür das Oktoberfest steht, sagt sie, “Bierausschank”, “Germknödl”, “Crepes”, “Wiesnsüßigkeiten” sowie “Husseins Hendlwagen”.

Besagter Hussein dürfte knapp Mitte zwanzig sein und er und seine Vorväter sind das beste Beispiel dafür, was Max Frischs berühmter Satz aus den Sechzigern: “Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen” in seiner Essenz aussagt.

Der – inzwischen etwas hutzelige, aber immer noch sehr schnauzbärtige – Patriarch in seiner abgetragenen Knorr-Bremse-Warnweste regelt alles, was ihm unorganisiert und regelbedürftig scheint, von den Nachschubbringern für den Wagen bis zur schlampigen Schlange der um Hendl anstehenden Kunden. Sein Sohn, Hussein der Mittlere, ist vor allem stolz auf seinen Sohn, der es zu einem eigenen Geschäft gebracht hat und zeigt das, in dem er ihn recht herumhunzt, damit er dem stolzen Vater und seinen Freuden aufwarte. Alle anderen müssen sich ihre Hendl selbst holen, aber nicht der Baba. Der nicht. Hussein der Jüngere wirbelt, bestreicht die sich drehenden Hendl mit feiner Würzsoße, teilt sie in Hälften oder Viertel, verkauft, berät (“ob du lieber Semmel oder Pommes magst, mußt du selber wissen – ich verkaufe dir beides”) und behält seine zwei Helfer im Auge, die Kartoffel- und Krautsalat in Schälchen schaufeln, Müll wegräumen, Servietten nachfüllen und weiteren untergeordneten Tätigkeiten nachgehen.

Dass die Intergration vollständig und erfolgreich vollzogen ist, erweist sich mit seiner Frage im Prozess der Übergabe von Geld gegen Hendl: “An Zwiggl host ned zufällig, oder?”*

* Für Menschen, die des O-Ton Süd (fragt Oma) nicht mächtig sind: Hussein der Jüngere fragt nach, ob die Kundin vielleicht mit einem Zwei-Euro-Stück aushelfen könne.

In der Mediathek (zum Glück): “Anatomie eines Falls”

Als “Anatomie eines Falls” in die Kinos kam, hatte ich kurz zuvor Sandra Hüllers brillante Verkörperung der “Königin von Auschwitz” Hedwig Höss in “The Zone of Interest” (s. https://flockblog.de/?p=49136) gesehen und wollte mit ihrem nächsten Film noch ein bißchen warten. Hat sich doch ein wenig gezogen, aber jüngst in “Vaterland” (s. https://flockblog.de/?p=54125), den man auch gar nicht hoch genug loben kann, fiel mir wieder ein, dass er noch fehlt. Dank an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dergleichen dann in seiner Mediathek vorhält.

Huiuiui!

Die Geschichte ist denkbar einfach: ein Paar lebt mit seinem erblindenden elfjährigen Sohn in einem Chalet, hoch oben in den Bergen, in einem extrem schneereichen Winter. Der Junge ist mit dem Hund draußen, und als er zurückkommt, findet er den Vater sterbend in einer Blutlache auf der vereisten Fläche vor dem Haus. Ist er aus dem Fenster im dritten Stockwerk gefallen? Gesprungen? Gestoßen worden?

Gleich der große Spoiler: es geht nicht um die Aufklärung des Falles (nebenbei: wie herrlich, dass das Wort “Fall” im Deutschen diese Ambiguität hat), sondern um die Maschinerie, die in Gang gesetzt wird und in einer sehr langen Gerichtsverhandlung mündet.

Es gibt überhaupt niemanden in dieser Produktion, den man nicht in höchsten Tönen loben muss. Buch, Regie, Schauspielerinnen und Schauspieler (und das schließt ganz ausdrücklich auch Kind (Milo Machado-Graner) und Hund (Messi, Rollenname “Snoop”) ein), Kamera, Ton, Location Scouts, Kostüm, Setgestalter und und und…). Hiermit getan.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Wie schön!

Die sehr zartgeschöpfige Physiotherapeutin begleitet den älteren, deutlich gehbehinderten Herrn zur Tür und hält ihm das schwere Ding weit auf. Im Rahmen hält er inne, wendet sich zu ihr und spricht: “Was Gott vergessen hat, mir Gutes zu tun, das tun Sie für mich. Danke!” Dann küßt er ihr die Hand und hinkt und humpelt zum Lift.

Und sie steht da. Verdutzt. Und schaut ihm mit Tränen in den Augen nach.

Sehr rührend.