Gestern Abend in den Kammerspielen: “Wallenstein”

Huiuiui!

Die Kammerspielproduktion versucht sich zunächst an der Klärung der Frage, wer er eigentlich war, dieser Albrecht von Wallenstein, als historische Figur, als Feldherr und Fürst, als Held des Schillerdramas, als Mensch? Wer nun? Sie kommt zu dem Schluss, dass er vor allem der Führer und Anführer von Söldnerheeren war, läßt dies vom Meta-Russen* Sergei “Serge” Okunev (sehr Hach!) im wunderschönsten Wladimir-Kaminer-Akzent (fragt Oma) erläutern und auf Parallelen zur Gegenwart abklopfen, die leicht gefunden sind. “Putins Koch” nämlich, Jewgenij Prigoschin, “der Kopf der Söldnergruppe Wagner, mit seinem Imperium, zu dem auch Luxusrestaurants, Medienkonglomerate und Trollfabriken, die Wahlen manipulierten” gehörten und der, als “sein Marsch auf Moskau 2023 misslang, durch einen “‘Flugzeugabsturz’ vom Himmel gepflückt wurde”**. Aufstieg und Fall dieser beiden machthungrigen Männer werden in den kommenden sieben Stunden kunstvoll und multimedial miteinander verwoben werden.

Aber noch sind sie nicht dran. Der erste Teil (hier genannt “Gang”), “Wallensteins Lager”, ist nur vom Tross besetzt, denen, deren zukünftiges Schicksal es sein wird, entweder als Kanonenfutter oder als Kollateralschaden zu enden. Vorerst stehen sie in Kochkleidung Seite an Seite in einer Großküche und bereiten eine Mahlzeit zu. “Kochen ist Krieg”. Waschen, spülen, schnipseln, klopfen, hacken, würfeln, rühren, schlagen, es zischt und brutzelt, Percussion nimmt den Takt auf, Reinen kommen in den Ofen, Fleisch ist angebraten, Fonds sind gerührt, Gemüse geschmurgelt, die Arbeitsflächen werden geschrubbt und gewischt, Koch um Köchin gehen ab, nur einer kommt nach vorne und führt eine kindsgroße Puppe. Sie wird nach einem Zombiekochballett in einem großen Bräter verheizt werden, “verflucht, wer mit dem Teufel spielt”. Auf den Videoleinwänden laufen Kriegsbilder.

Schon eine Stunde um, erste Pause. Ich gehe vors Haus, Luft schnappen. Auf der Maximilianstraße läuft eine ganz andere Art von Theater. Verblüffend viele Menschen tragen große Wegenumweltbewußtseinpapiertüten mit den Namenszügen teurer Marken sowie viel Parfüm und ich denke mir meinen Faust (“Die Damen führen sich und ihren Putz spazieren und spielen ohne Gage mit”). Aber es geht weiter.

“2. Gang: Die Piccolomini & 3. Gang: Russischer Kitsch”
Auftritt ein ganz furchtbar schmieriger Kerl (André Benndorff, kennen wir schon aus “Play Auerbach”), Repräsentant der Military Analysts Questenberg und Werdenberg***, deren Wappen Feder und Schwert über Kreuz zeigt und der, nunmehr per Video übertragen, sich mit Piccolomini Senior (Annette Paulmann) und dem eher widerstrebenden Junior (atemberaubend gut: Annika Neugart) zwecks Absetzung des Wallenstein bespricht sowie Passanten auf der Maximilianstraße und im Café Kulisse zu ihrer Meinung zum Krieg und Investition in Rüstungsaktien befragt und verblüffende Antworten bekommt. Auf der Bühne lernen wir die Getreuen um Wallenstein kennen, Illo (überragend: Katharina Bach) und Isolan (Johanna Eiworth), die ihren Feldherrn (Sebastian Koch) wie eine große Puppe führen. Das hat einen guten Grund, Koch ist vom Hals abwärts querschnittsgelähmt und könnte gar nicht alleine auftreten. Zum anderen kann man die Figur Wallenstein, drei Wochen vor seinem Ende, kaum symbolschwangerer zeigen: fast nicht mehr bewegungsfähig, ausgegrenzt, auf seine letzten loyalen Freunde (?) angewiesen, ihnen aber auch wie eine Marionette ausgeliefert. Diese Bilder brennen sich ein.

Zwischenzeitlich sind wir im 3. Gang, “Russischer Kitsch”, Prigoschins berühmt-berüchtigten Restaurant in St. Petersburg, in dem Mafia und Politik Schulter an Schulter für Geschäft um Geschäft zu dinieren pflegten. Wens interessiert, möge sich vom Internet Bilder aus dem Interieur zeigen lassen; opulent ist vielleicht ein bißchen untertrieben. Die musikalische Untermalung dazu ist “Bang Bang” und da habe ich recht lachen müssen. Das war auch gut, denn eigentlich wollte ich mich aufregen, warum schon wieder die großen Männerrollen mit Frauen besetzt sind und das ohne jeden guten Gru… – aber halt: gerade spielen Katharina Bach, Johanna Eiworth und Annika Neugart eine Szene, in der sie ohne ein Wort, grunzend und primatös (wenn es dieses Wort bis dato nicht gibt, habe ich es hiermit aus Notwendigkeit erfunden) minutenlang männliches Dominanzverhalten demonstrieren und die Sinnhaftigkeit der Besetzung ist belegt. Alles Meta. Ganz besonders, als Katharina Bachs Illo seines Penis verlustig geht, und heulend und grunzend durch die Zuschauerreihen robbend danach sucht, beiläufig kommentiert von Annika Neugarts Max P. mit einer großen Auswahl an Slangwörtern für das “beste Stück”. Über die Videowände wird beglücktes Auffinden und “Wiederbelebung” im Detail gezeigt und dann ist das Ding wieder in der Hose, deren Reißverschluss gar nicht mehr zugeht vor lauter prallem Leben. Das Publikum lacht Tränen und wird zum Tanz im Russischen Kitsch auf die Bühne genötigt, wo Wallenstein im Rollstuhl durch die Massen flitzt, bis der Verrat auffliegt. Party aus. Alle ausgeladen. Alle rennen, retten, flüchten.

4. Gang: “Wallensteins Traum”
Eine nicht mal kniehohe Marionette, ein Eben- und Traumbild des Wallenstein. Sehr berührend. Die Sprache ist im wesentlichen Schillerscher Blankvers und mir fällt wieder ein, warum ich damals als junge Schülerin schon so begeistert von Wallenstein war. Klare (und ewige) Sentenzen in einem wunderbaren fünfhebigen Jambus… aber ich schweife ab. Wichtig ist, dass Schiller uns auch heute noch viel zu sagen hat und wir gelegentlich mal hinhören sollten.

Auf der Bühne ist nunmehr eine lange Tafel aufgebaut, Essen ist fertig (wir erinnern uns, am Anfang wurde gekocht), ein Festmahl wird stattfinden – und das Publikum ist eingeladen. Also die schnellsten. Die anderen müssen sich die nun folgende einstündige Pause anderweitig vertreiben, zum Beispiel am Prigoschin-Gedenk-Hotdog-Stand**** im Innenhof der Kammerspiele.

Kaum zu glauben, es sind schon mehr als zwei Drittel der Aufführung um. Ich hole mir auch ein Würschtel und schau mal, mit wem ich jetzt ins Gespräch komme – es war noch in jeder Pause jemand, der oder die Kluges zu dieser Inszenierung zu sagen wußte und meine Augen ein wenig weiter geöffnet hat.

5. Gang: Zhenyas Lager, 6. Gang: Wallensteins Tod, 7. Gang: Kriegsende
Zhenya war einer der wenigen Ex-Wagner-Söldner, die sich im Rahmen von Sergej Okunevs Recherchen auf seine Anfrage nach Erfahrungsberichten gemeldet hatten. Und weil, wie der russische Volksmund sagt, der Käse nur in der Mausefalle umsonst ist, müssen die, die gerade oben noch fein gespeist haben, aus Okunevs Interviews und, sehr ekelig, aus Rekrutierungstexten der Wagnergruppe vorlesen (viele davon übrigens auf pornhub erschienen). Bäh! Dann gilt das Essen als abgearbeitet, die Zuschauer dürfen wieder auf ihre Plätze, nun kommt Wallenstein ein letztes Mal. In einem monströsen metallenen Aufbau, in ein Geschirr geschnallt, die letzten, die noch bei ihm sind, ziehen an Schnüren, ihn zu bewegen. Dennoch gibt er sich ungebrochen: “Es ist der Geist, der sich den Körper baut.” Sterben tut er trotzdem.

Das Ende ist nahe. Die Schauspieler treten in klassischen Kostümen auf, lange Gewänder, hohe Hauben und sprechen klassische Texte. Piccolomini Senior muß lernen, damit zu leben, dass er zwar (vielleicht) seinen Kaiser gerettet, seinen Sohn aber in den Tod getrieben hat*****. Wie und ob und welcher “Frieden” kommt, wird sich weisen. Und es wird dauern.

Dann kommt einer der größten Höhepunkte des Abends: Katharina Bachs Illo fragt, wie sie denn wohl nach dieser langen Zeit im Krieg wieder dazu finden könnte, eine Frau zu sein. Diese Szene ist herzzerreißend. Sie legt zunächst ihre Uniform ab, Stiefel, Hosen, Strümpfe, Unterhose, Penis, und ist damit untenrum nackig. Dann zerrt sie ihren augmentierten Sixpack-Muskel-Oberkörper von sich. Das geht nur mühselig und ich denke, es geht nicht nur mir so, dass man versucht ist, zu helfen. Dieses verschwitzte enganliegende Plastikteil von ihr zu lösen. Es gelingt. Nun noch die tätowierte Glatze, das Haar kommt frei, fällt offen um den Kopf. Sie ist gehäutet. Bis der Black endlich kommt, der den Blick von dieser entblößten Frau nimmt, dauert es lang, gefühlt zu lang.

Dann kollektives Ausatmen und schließlich lang anhaltender stehender Beifall. Was für ein großartiges Stück, was für eine großartige Interpretation! Danke allen!

* Diese sehr zutreffende Definition verdanke ich einer Dame, mit der ich in einer Pause ein längeres und hochinteressantes Gespräch führte und habe sie einfach geklaut.

** Zitat aus dem Programmheft.

*** Die kaiserlichen Gesandten Gerhard von Questenberg und Graf Johann von Werdenberg sind historische Schlüsselgestalten des Dreißigjährigen Krieges und spielen eine entscheidende Rolle bei der Absetzung Wallensteins.

**** Prigoschin hatte sich sein erstes Vermögen nach einer Haftentlassung als Betreiber von Wurstwagen mit kapitalistischen Hotdogs in Rußland verdient. Ein Riesenrenner. Danach folgten Kantinen für Schulen und Kasernen, dann eine Karriere als Leibkoch des Zaren Wladimir.

***** Größtmögliche Katastrophe in der klassischen Tragödie: Nachgeborene sterben vor ihren Eltern. Schlimmstenfalls sind die auch noch schuld daran.

Früher…

…behauptete der gründe Pudding mit dem Sahnehäubchen, er schmecke nach Pistazie. Das war schon damals nicht wahr. Er schmeckte halt “grün”.

Genauso wie heute sein trendiger Nachfolger mit der Geschmacksrichtung “Matcha Latte”.

Wiedergelesen: Paolo Bacigalupi – “Tool of War”

“Tool” ist der letzte Band der lose zusammenhängenden “Shipbreaker”-Reihe und der von den dreien, der am meisten zeigt, welche Zerstörung der Mensch anrichtet, weil er etwas macht, bloß weil er es kann.

Auch dieses Buch spielt wieder in einer nicht mehr auszuschließenden, nicht mehr zu fernen Zukungt, ist fesselnd, aber sehr grausam und ich habe jetzt erst einmal genug von Dystopien.

Bin auf dem Weg zu sieben Stunden Wallenstein. Die waren im Dreißigjährigen Krieg auch nicht gerade nett zu einander, aber das ist wenigstens vorbei. Ich werde berichten.

“Zeit, dass sich was dreht”…

…schallt es aus den Lautsprechern im Supermarkt und ich singe textsicher wie immer und außerdem fröhlich den Refrain mit und weil mir der schmissige Ohrwurm auch zu Hause noch im Kopf umgeht, lasse ich ihn mir von YouTube noch einmal vorspielen und stelle baß erstaunt fest, dass Häbätt ja von Fußball singt und dass das Lied einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat und als “Titelsong der “Sommermärchen”-Fußball-Weltmeisterschaft 2006″, geführt wird. Warum sagt mir denn das keiner, Mann?

Stelle einmal wieder fest, dass ich ein ungeheures Talent haben muss, auszublenden, was mich nicht interessiert. Zum Glück habe ich zuverlässige Elfmeterschießenmelderinnen (nicht gegendert, sind alles Frauen), sonst würde wahrscheinlich auch diese Demnächst-WM wieder vollkommen an mir vorbeigehen.

Andrerseits… es gelingt einem ja nicht mal mehr beim Lebensmitteleinkauf, dieses Event zu ignorieren, wo jedes Produkt mit Fußball in Verbindung gebracht werden muss, egal wie weit hergeholt. Was ich meine? Das:

Wiedergelesen: Paolo Bacigalupi – “Drowned Cities”

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie augenöffnend es ist, Bacigalupis dystopische Science Fiction zu lesen. Warum? Seitdem ich ihn entdeckt und jedes seiner Bücher gleich nachdem sie erschienen waren verschlungen habe, sind wir der von ihm beschriebenen Zukunft immer nur näher gekommen und haben nichts oder allenfalls viel zu wenig getan, um sie aufzuhalten. Dabei, und das zeigt er deutlich auf, hätte man es wissen können.

Die “Drowned Cities” spielen in einer Zeit, in der fossile Energiequellen bis auf den letzten Tropfen ausgeplündert sind und ein paar wenige fanatische Anführer zur Befriedigung ihrer Gier (und vorgeblich hehrer Ideale) ihre zu absoluter Grausamkeit gedrillten Kinderarmeen gegeneinander und vor allem gegen die restliche verbliebene Zivilbevölkerung, die unter den extrem verschlechterten Bedingungen (Klima, verseuchte Böden und Luft, Epidemien…) einfach nur zu überleben versucht, antreten lassen.

Bacigalupi ist ein meisterhafter Autor, und wir verstehen erst so nach und nach beim Lesen, dass, als die große Weltmacht USA wegen ihrer Gier und Ignoranz implodiert war, die wegen Voraussicht und sorgsamer Planung Dann-Weltmacht China Friedenstruppen entsandt – und nach einer Dekade wegen Erfolglosigkeit wieder abgezogen hatte. Nun werden wir Zeugen des letzten Kampfes um den weißen Palast mit der Kuppel gleich am Potomac River. Inzwischen sehr vorstellbar. Bacigalupi sagt selbst, er habe deswegen mit dem Thema Science Fiction aufhören müssen und sich der Fantasy zugewant (s. https://www.youtube.com/shorts/W6kzp7zFDc0). Wer auch eher lieber Weltenflucht sucht, dem sei sein Fantasy-Roman “Navola” (https://flockblog.de/?p=50081) sehr ans Herz gelegt.

Wer hart im Nehmen ist, lese! lese! lese! seine Dystopien.

Vorhin, auf der Wiese im Park

Eine ältere Dame unterweist eine jüngere im Zupfen und späterer Zubereitung von zarten Frühlingsblättchen und vergewissert sich (mit perfektem Imperfekt, hach!) “… und du hast gesehen, welches Kraut ich nahm?” Antwort: “Ja, das grüne.”

Ich denke, ich ließe mir meine Mahlzeiten lieber von der erfahrenen Kraft kochen.

Gelesen: “Namhafte Krimiautoren” – “Online ins Jenseits, 14 Krimihäppchen von App bis .zip”

Man hätte es sich denken können: das Büchlein war in der U-Bahn ausgesetzt worden und trägt einen Remittendenstempel am Schnitt, war also wahrscheinlich nie im regulären Handel. Offensichtlich sind sind dafür Bäume gefällt worden und allerlei Menschen haben Zeit darauf vergeudet – gänzlich unbegreiflich.

What an utter shyte! Nicht lesen!

Fährt ab morgen wieder U6.

Dafür sind Freundinnen da

Wenn Männer Ball spielen, habe ich im Allgemeinen keine Ahnung davon. Selbst dann nicht, wenn Champions-League-Finale ist. Es sei denn, das Spiel endet auch nach Verlängerung unentschieden und Elfmeterschießen steht an.

Dann ist alles anders, weil dann trifft um 20:46 Uhr die Nachricht ein: “Championsleaguefinale Paris St. Germain gegen Arsenal. Elfmeterschießen jetzt.” Mit genauer Angabe zum Austragungsort (Budapest) sowie Information zum Spielverlauf: “PSG ist technisch haushoch überlegen, aber Arsenal hat gekämpft.” Schon schnappe ich das Tablett, finde, dass das Spiel im ZDF übertragen wird und bin rechtzeitig dabei, wenn auf dem großen leeren Spielfeld die Spielergrüppchen sich zusammenfinden, das Tor bestimmt und die Münze für den ersten Strafstoß geworfen wird.

Mein Dank gilt Frau R. aus M., die an mich und meine Freude am Elfmeterschießen denkt, selbst wenn sie weit fort hinter den sieben Bergen weilt. Schee wars, auch wenn “unser” Underdog verloren hat.