Ällabätsch!

Wenn es ein täubisches Äquivalent für Zunge rausstrecken gibt, dann machen die Drecksviecher auf meinem Balkon das seit gestern. Kommen wieder um halb sechs früh angeflogen, umkreisen elegant (doch, das muss man ihnen lassen) Windschläuche und Fähnchen, setzen sich brettelbreit auf den fahnenlosen Balkontisch und guruh-guruhen, was das Zeug hält. Nimmer lang und sie haben mich mürbe gekriegt… Erwäge langsam doch ein Netz.

Aber vorerst bin ich dann mal wieder draußen: wedeln und scheuchen.

Ich glotz TV

In den letzten Tagen war, ich wie der Angelsachse das nennt, ein wenig “unter dem Wetter” und mein Wattehirn intellektuellen Herausforderungen nicht gewachsen. Zum Glück stellt YouTube für solche Zwecke staffelweise “Midsomer Murders” zur Verfügung, in denen Inspector Barnaby und sein hilfreicher Assistent mit dem einsilbigen Vornamen skurrile Morde auflösen. In einem schönen England, wo überraschend häufig die Sonne scheint, festliche Veranstaltungen draußen stattfinden, die Damen große Hüte tragen (Hach!), in einer fast heilen Welt mit großen Herrenhäusern, snobistischem Landadel sowie kuriosem Volk. Nett.

Aber man lernt auch was. Doch, doch. Also erstens: niemand kann die von seinen Drehbuchautoren so liebevoll komponierten Textzeilen, insbesondere Beleidigungen, mit schönerem All-Brit-Understatement vortragen wie John Nettles. (Nur ein Beispiel, von vielen, vielen – Pathologe: “Cause of death, head separated from body.” Barnaby: “Now there’s where we benefit from having an expert on the case!”) Okay, aber nur weil so nett gefragt wird, noch ein Zitat: Der Assistent benimmt sich einmal wieder wie ein Trampeltier, darauf Barnaby: “You don’t really have a soft pedal when it comes to the English language, do you?”)

Außerdem: this is not America. Aber so kein bißchen. Keine Schußwechsel, kein “Go-go-go”-Gerenne, kein Gebrüll, keine Kommandoeinsätze. Nix. Außerdem #2: Wenn in den USA sich jemand unbefugt Zutritt verschafft, überlebt er das im allgemeinen nicht, “Trespassers will be shot”. In England gibt es Gesetze und die reichen als Drohung: “Trespassers will be prosecuted” und wenn der Hausbesitzer doch schießt, dann kommt der Barnaby.

Angenehm, gemächlich und die Bösen werden immer erwischt. Ideales Rekonvaleszenz-Fernsehen. Dass der Zustand der Gesundung eingetreten ist, macht sich dadurch bemerkbar, dass es nicht mehr angenehm und gemächlich daherkommt, sondern a bissele langweilig…

Gelesen: Dietmar Pieper – “Trümmertänze: Deutschland 1946 – 1955”

Was dem Jähner seine “Wolfszeit” (s. https://flockblog.de/?p=52549) sind dem Pieper seine “Trümmertänze”, will heißen: beide Herren befassen sich mit der Dekade nach dem Kriegsende in Deutschland.

Wo Jähner unter Themenüberschriften leicht faßbares Wissen vermittelt, vermengt Pieper unterschiedlichste Nachkriegsbiographien wie die von Joseph Neckermann (SS-Offizier, Arisierer, Kaufmann; nach 45 entnazifizierter regierungsnaher Kaufmann), Anneliese Uhlig (aufstrebende Schauspielerin bis Goebbels wohlwohllender Blick auf sie fiel; nach 45 “Amiliebchen” und später Journalistin), seine eigene Mutter (Tochter eines Nazilehrers; nach 45 Ausbildung und schließlich Ehefrau und Mutter), Marion Gräfin Dönhoff (ostpreußische Gutsherrin; nach 45 Chefredakteurin der ZEIT), aber auch hochspannende ostdeutsche Biographien wie die der Tänzerin Gret Palucca, der DDR-Justizministerin Hilde Benjamin und des letzten Vorsitzenden des Ministerrats der Deutschen Demokratischen Republik Hans Modrow und viele mehr.

Jedes Jahr stellt er unter eine Überschrift und stellt ihm einleitend Auszüge aus einer maßgeblichen Rede voran, deren Vortragende vom Kölner Kardinal Frings über Adenauer bis Heuss reichen und informiert über die wesentlichen Ereignisse in einer Art Ticker-Chronik. Ganz anders als Jähner, aber nicht minder interessant und ebenso leicht und gerne zu lesen.

Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen und kann es nur von Herzen weiterempfehlen. Lesen! Lesen! Lesen!

Shrinkflation

Mein Teig fällt nicht, wie das Backbuch vorschreibt, “schwer reißend vom Löffel”, sondern schlonzt irgendwie unbestimmt Richtung Schüssel. Hmmm.

Als ich die leere Gemahlene-Nuß-Verpackung aus dem Müll hole, verstehe ich auch, warum das Zutatenmischverhältnis aus den Fugen geraten ist: statt bisher 250g sind nur noch 185g drin und mehr als ein Fünftel weniger ist mehr als ein Fünftel weniger und macht sich bemerkbar.

Herrschaften, wenn ihr aus Not, wegen Mißernte oder doch nur reiner Geldgier weniger Nüsse in die Packung tun könnt, dann ist das eben so. Ihr seid ja nicht die einzigen. Mögen muss ich das nicht und tu ich das nicht. Aber schreibt es drauf, zefix! Wir sind ja hier nicht in Amerika, wo man sich am Sonntagnachmittag schnell Nachschub besorgen kann. Mann!

Familienplanung

In den Industrienationen sinken die Geburtenraten und im Schnitt sterben mehr Menschen, als neue nachgeboren werden. So weit, so bekannt.

In letzter Zeit häufen sich Meldungen, was Regierungen gegen den Bevölkerungsschwund unternehmen. In Frankreich zum Beispiel erhalten 29jährige Mahnbriefe, damit sie nun aber zügig zur “demografischen Aufrüstung” beitragen. In den USA hat sich Doktor Oz (dessen langjährige Fernsehkarriere ihn in der aktuellen Administration für die Rolle des “Administrator for the Centers for Medicare & Medicaid Services” qualifiziert) dieser Tage an junge Frauen gewandt, die in seinen Augen deutlich “under-babied” seien und das doch bitte ändern sollen. Hierzulande spricht der Experte Dr. Per Kropp davon, dass vor allem Menschen in Ostdeutschland ihre “demographische Tätigkeit” eingestellt hätten.

Allen gemeinsam ist, dass sie sich fragen, woran das bloß liegen könnte.

Echt jetzt?

Ich höre Stimmen…

… und zwar aus der Restauranttoilettenkabine nebenan, wo eine Dame ihre Verrichtungen mit aus voller Brust gestöhntem “Oh, oh Tschisaß, oh Tschisaß, oh, oh Tschisaß (Da Capo)” vornimmt.

Ein bißchen befremdlich ist das schon, aber andererseits: wer ganz ohne Macken ist, werfe die erste Klopapierrolle…

Ahoi!

Immer, wenn ich dieser Tage aus dem Fenster schaue, und das mache ich immer, wenn ich am Computer sitze, also oft, dann spielt der Ohrwurm in meinem Kopf in Dauerschleife “Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön”, weil mein Blick auf bunte windgeblähte Wedelwimpelketten fällt und nur noch ab und zu, aber eher kaum noch, auf im Anflug abdrehendes Taubenpack.

Und jetzt alle: “Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön”!

Ganz neu zum Strömen: “Good Omens – The Finale”

Statt eines weiteren Sechsteilers haben sich die Macher von “Good Omens” offensichtlich entschieden, die Serie in einer einzigen spielfilmlangen Folge abzuwickeln. Hmmm. Die ist so… mittel. Also nicht so ganz schlecht, aber auch nicht so richtig mitreißend gut. Der Bentley darf wieder brennend durch die Gegend (inklusive Universen) heizen, Michael Sheen und David Tennant dürfen in diversen Kostümen glänzen, und Jung-Jesus (Bilal Hasna), dessen Wiederkunft (“The Second Coming”, inklusive Apokalypse) die Handlungsbasis bildet, ist ein ganz reizender naiver junger Mann aus dem Nahen Osten und verschwindet irgendwann und ohne Sinn und Zweck wieder. Das war gar nix. In einer IMDB-Kritik schreibt ein User: “Jesus was underused.” Genau richtig und in sich ein affenkomischer Satz.

Es war sicher gut gemeint, nach all den Widrigkeiten, die die Fortsetzung erfahren hat (wer mehr wissen will, konsultiere das Internet) die Fans nicht mit einem Cliffhanger allein zu lassen sondern ihnen eine Art Abschlussfilm zu geben, halt das, was der Angelsachse “Closure” nennt. Es ist ja auch kein schlechter Film. Aber, siehe oben, gut ist er eben auch nicht.

Schade.