Früher war alles besser

Früher war nämlich ein paar Gehminuten von meiner Wohnung weg ein Restaurant, das im frühen Herbst eine eigene Karte mit Pfifferling-Gerichten hatte. Mit Nudeln oder mit Fleisch oder mit Fisch oder mit Reis oder Polenta oder nur mit Brot oder mit anders geformten Nudeln und jede Zubereitung in einer ganz eigenen Schreibweise (in ca. 20 Varianten). Geblieben ist uns, der Freundin, mit der ich dort damals immer geschlemmt habe, und mir unser Liebling: die “Pfinferlinge”.

Bloß: heutzutage müssen wir sie selbst kochen. Und während die Piffenlinge gerade in der fröhlich vor sich hinbrutzeln, habe ich Zeit, den blopost zu schreiben.

Und nachher gibt es Peifeling-Pfannkuchen. Hmmm.

Gelesen: Susanne Kaiser – “Riot Girl”

Susanne Kaiser ist Journalistin und Autorin von Sachbüchern, in denen sie sich “mit neuen Phänomenen des organisierten Frauenhasses, der Radikalisierung junger Leute in Social Media, wie rechtsextreme Mobilisierung die Demokratie gefährdet – und der Rebellion gegen den Backlash” (Zitat Wikipedia) befaßt. Wie jeder kluge Mensch weiß sie, dass Menschen, gerade bei so diffizilen Themen, leichter über das Medium Kriminalroman als über Non-Fiction zu erreichen sind – et voilà: “Riot Girl”, ihr Krimi-Erstling, der gleich mit Preisen überhäuft wurde.

Schlecht? Nein. Gut. Auch nicht. Schon. Aber… Als Mimi con laude (fragt Oma) hätte ich dazu ein paar Anmerkungen:

Hauptfigur ist die vornamenlose Ermittlerin Obalski, für Freunde und Familie “Obi”. Studium in Berlin: Gender Studies, Forensik, deswegen kennt sie sich “mit Körperspuren aus. Also von Gewalt und so.” Außerdem Kriminalistik. Seiteneinsteigerin in einem neuen Doppel-X-Dezernat, für das sie sich nach München versetzen läßt, um verdeckt im Jugendamt zu ermitteln. Und mit München natürlich erst einmal fremdelt, wie zum Beispiel mit der Frage: “Ist das eigentlich ein Gefängnis aus der Nazizeit?” als sie am Grünwalder Stadion vorbeikommt. Und das, wo sie doch in Giesing wohnt. Wohnen darf.

Sie fühlt, sie ahnt, sie spürt viel und ständig, trinkt gerne Bier, hatte eine traumatische Kindheit und hat eine nach wie vor anstrengende Familie in Berlin, ist, das wird aber vorerst nur angedeutet, wahrscheinlich bi-sexuell, reagiert höchst sensibel auf Redewendungen, die aus der Nazizeit stammen (das Thema wird aber später im Buch nicht mehr weiterverfolgt), “sie geht mit den Schultern statt mit der Hüfte”, ist sehr IT-versiert und springt munter zwischen hellem und dunklem Net hin- und her, weiß, wie die Jugend spricht, denkt und kommunziert, ist Taylor-Swift-zitatfest, lebt, spartanisch eingerichtet sehr mutterseelenallein und schläft wenig und nicht gern.

Ihre überdurchschnittliche (und supergeschulte) Empathie und dieser un-glaub-lich überragende Instinkt kommen ihr bei den nun durch ein Ultimatum (auf TikTok) getriebenen Ermittlungen sehr zupass. Erst mal tappt das Doppel-X-Team natürlich im Dunkeln. Aber Obalski findet immer wieder neue Spuren, “Challenges” und Opfer und Zeugen (generisches Maskulinum), auch a mal a Leich und hetzt durch München zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jedem Wetter wie nicht gescheit. Reichsbürger, Incels, Kinderquäler, Cyberverbrecher, Lebensborn 2.0 (fragt Uroma), organisierte Mädchenbanden, you name it, alle da – und alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Die allerschlimmsten Schurken sind bald ausgemacht: Start-up-Gründer und CEOS. Machtmänner, die immer noch einen Kick mehr brauchen. Ist bestimmt auch viel Wahres dran, ist aber hier als Lösung leider ein bißchen zu einfach. Dass der Chef Karajan, eine Mitermittlerin Schygulla und die Kolleginnen im Jugendamt Demir (dunkle Haare) und Braun (blond) heißen, ist dann nur noch ein sehr fetter Klecks auf dem I.

Kaiser ist als Journalistin gewöhnt, Informationen zu vermitteln. Hier im Buch passiert das meist in Dialogen, was diese aber, wenn Statistiken und behördenspezifische Abkürzungen oder Ermittlungstechnik erläutert werden, sehr hölzern nach Erklärbärfernsehen klingen läßt.

Ich hatte überhaupt mit der Sprache zu kämpfen. “Das Plakat schießt Obalski durch den Kopf… Als nächstes durchzuckt sie ein Gedankenblitz, schmerzhaft knistert das Adrenalin von ihrem Brustkorb hinab in den Bauch.” – da möchte man der armen Frau doch raten, ärztliche Hilfe zu suchen, oder? Als sie am sehr frühen morgen mit der U-Bahn unterwegs ist, passiert schon wieder was: “Doch die Atmosphäre ist irgendwie ganz komisch. Liegt es an der frühen Stunde? Daran, dass in Fabriken oder Schlachthöfen arbeitende Menschen ungefiltert auf die letzten verstrahlten Partyzombies treffen?” Mann, Frau Kaiser, Sie schreiben vom München der Jetztzeit, nicht von dem Babylon Berlin vor einem Jahrhundert, ey.

Mittbuchs und an einem recht frischen Morgen werden an der Isar sehr viele bewußtlose, unterkühlte, dehydrierte Mädchen aufgefunden. Die erste Frage, die sich die Vorgesetzte im Jugendamt stellt ist, ob “die Mädchen Opfer eines Mißbrauchsskandals geworden sind.” “Mißbrauch” hätte gereicht. Skandal wird dergleichen erst, wenn beispielsweise Vertuschung ins Spiel kommt. Sowas muß dem Lektorat auffallen. Ebenfalls, dass der englische Begriff “Rabbit Hole” mehrfach mit “Hasenbau” eingedeutscht wird, was jetzt nicht wirklich zum Verständnis beiträgt. So geht das noch 200 Seiten weiter.

Die Romane sind als Reihe angelegt, der zweite Band “Witch Hunt” eben erschienen.

Und nun?

Soll ich “Riot Girl” jetzt empfehlen oder nicht? Da steh ich nun und weiß es nicht. Ja, das Buch ist spannend, das Thema wichtig, die Form wird dazu beitragen, dass sich mehr Menschen, wenn schon nicht damit befassen, aber wenigstens davon hören. Und es sind ja auch nicht alle Leserinnen und Leser so kleinlich wie ich.

Also, ja. Lesen. Wer will, kann meines haben und es weitergeben.

Neu zum Strömen: “Bookish – Season 2”

Hatte ich nicht gesagt, dass ich, von der ersten enttäuscht, mir die 2. Staffel sparen würde (s. https://flockblog.de/?p=51440)? Ja, und? Was geht mich mein saudummes Geschwätz von vor einem Jahr an? Hmmm?

Also, diese zweite ist sehr viel besser als die erste. Mark Gatiss, den ich ja schon sehr schätze, Erfinder, Co-Autor, Umsetzer und Hauptdarsteller der Geschichten um den sehr britischen Buchhändler Book, hat jetzt seine Sprache und seinen Ausdruck gefunden. Unterstützt von einer Truppe aus Misfits, macht er sich, im Winter 1946, nachdem er erst einmal mit Hellsehern und Scharlatenen, die sich an Hinterbliebenen bereichern, abgerechnet hat, in einer dunkelgrauen armseligen Nachkriegswelt auf nach Deutschland, um endlich aufzuklären, was wirklich mit seinem Ex-Lover (und Vater seines quasi Adoptivsohns) geschehen ist, damals, in den dunklen Dreißigern. Natürlich wimmelt es von Klischees, die Briten von den Deutschen haben (es wird in der Kneipe im idyllischen Fachwerk-Monschau das Bier nur in Maßkrügen ausgeschenkt und Deutsche waren entweder Nazis oder Spanienkämpfer), aber entweder ist das doch sehr viel besser gemacht als in der ersten Staffel. Oder ich war einfach gnädiger gestimmt. Habs auf jeden Fall gerne gemocht und empfehle es hiermit weiter.

Gattis ist sehr belesen, herrlich zitatfest und in die antiquarische (im Krieg netterweise nicht zerstörte) Eckhausbuchhandlung seines Helden Book (jaha, ich weiß) würde ich auch sofort einziehen wollen. Vor allem mit diesem schrägen Katalogsystem, das ich absolut nachvollziehen kann, das aber für normale Menschen kaum einen Sinn ergibt. Hach!

Dazu hat er noch hinterlistige Geheimdienste, freche Nazi-Spione, die Erfindung James Bonds und ein gerütteltes Maß an Kritik an eine Zeit hineingeschrieben, in der Homosexualität als Verbrechen galt und Homosexuelle bestenfalls als krank und irgendwie “heilbar” gesehen wurden. Man denke nur an den Mathematiker Alan Turing, der kriegsentscheidende Technologie entwickelte, aber 1954 an den Folgen einer chemischen Kastration sterben mußte. (Fragt Oma. Oder wikipedia.)

Doch. “Bookish” kann man gut ansehen und es wird ja auch bald schon wieder Winter und da sind lange Fernsehabende eine Option, das Elend draußen nicht ertragen zu müssen. (Drei Doppelfolgen à 90 Minuten.)

Es herbstelt

Seit letzter Woche ist wieder Federweißer im Verkauf, im Wind treiben vertrocknete Blätter, die lebensmüde von den erschöpften Bäumen gefallen sind, selbst die ersten Kastanien in graugrünbraunen Stachelkapseln liegen schon am Boden. Suche noch nach dem passenden Diminutiv für die winzigen graubraunen Murmeln. Hmmm? Kastagnetten, vielleicht?

Das einzige, was noch fehlt, sind Lebkuchen. Supermärkte? Macht was.

Aus dem roten Bücherschrank

Es ist immer wieder schön, wenn man die Schiebetüren eines der herrlichen roten Bücherschränke öffnet und instantan vom Zeitgeist umweht wird.

Wie ich das meine? Nun, die Eltern der Boomer-Generation sind gerade dabei, das Zeitliche zu segnen und jetzt rächen sich die Mitgliedschaften im Bertelsmann-Buchclub. Teilweise noch in Plastik verpackte (aber stets brav abgestaubte und rein gehaltene) “Vorschlagsbände” (fragt Oma), also dicke Schinken der Herren Simmel, Mario und Konsalik, Heinz G. sowie der Damen Fischer, Marie Louise und Danella, Uta stehen heute dicht an dicht. Das, werte Abgeber, ist nicht gut gemeint, sondern einfach nur zu feige, den Dreck in den Altpapiercontainer zu werfen, wo er richtig aufgehoben wäre.

Aber auch ganze Reihen Bücher in allerlei fremden Sprachen und Schriften. Wie schön. Ich weiß, jaha, man sagt, Deutschland sei angeblich kein Einwanderungsland. Der Bücherschrank zeigt was anderes und ich bin geneigt, ihm zu glauben.

Bye-bye Dolly

Es gibt andere Achtzigjährige in den Vereinigten Staaten, denen ich den Tod an den Hals gewünscht hätte. Sie, Frau Parton, waren es nicht. Sie hätten gerne ewig weitermachen können, nicht nur 9 to 5.

Have a Happy Afterlife!

Nicht zu Ende gelesen: Reinhard von Hennigs – “Morning Musings – 100 Reflections on Global Business and Law”

Ja, ja, ich weiß schon, das gehört sich nicht, schon gar nicht, wenn der Autor einem höchstselbst das Büchlein mit einer handschriftlichen Widmung, schwungvoll und in Tinte als Abschiedsgeschenk vom Arbeitsleben zugeeignet hat.

Aber… Aber… Aber… Wenn es sich doch gar nicht um die im Titel versprochenen Nachdenkereien (Musings) handelt, sondern um eine nur ganz (ganz, ganz, ganz) schlecht verkappte Werbebroschüre für die super-duper-internationale Anwaltskanzlei der man vorsteht?

Dann ist mir egal, was zum korrekten Umgang mit gewidmeten Büchern im Knigge steht. Dann kommt das Ding in den roten Bücherschrank bei der Feuerwehr und soll glücklich machen, wen es will. It ain’t me.

Schon ewig nicht mehr im Kino: “Peter’s Friends” (1992)

Mir war so nach Britishness. Stiff upperlip und Klassengesellschaft und mehretagiges Herrenhaus auf dem Land. Es kann wirklich keiner ein Mitglied der gehobenen Gesellschaft so schön spielen wie Stephen Fry (Peter), noch dazu, wenn mit ihm als Freunde Hugh Laurie, Emma Thompson, Kenneth Branagh (auch Regie), Imelda Staunton und Alphonsia Emmanuel besetzt werden. Gottchen, waren die alle mal jung! Und damals schon richtig gute Schauspieler und Innen. Aber hallo!

Die Story ist simpel. Die sechs waren an der Uni eng befreundet und eine mittelschlechte Theatergruppe. Nun sind zehn Jahre vergangen, in denen viel Leben passiert ist, weswegen man sich irgendwie nie mehr getroffen hat und Peter lädt etwas überraschend zur Silvesterfeier in sein frisch geerbtes Anwesen ein. Keiner hat was vor, alle können kommen, und sie treffen auch noch fast zeitgleich pünktlich ein. Zwei bringen ihre Anhänge mit (Tony Slattery (Brian) und Rita Rudner (Carol, die amerikanische Fernsehprominente); darüber hinaus Drehbuch), damit ist man, inklusive Haushälterin (sehr herrlich: Phyllida Law) und deren Sohn (sehr farblos: Bill Parfitt) für die paar gemeinsamen Tage komplett.

Der dann folgende Film ist nett. Very british. Kein großer Wurf, aber ich sehe ihn immer mal wieder gerne und freue mich an der Besetzung und den sehr lustigen Sprüchen, die Rita Rudner vor allem ihrer furchtbaren Hollywood-Amerikanerin geschrieben hat.

Falls wer noch eine Empfehlung für einen Herbstabend braucht: das ist sie.