Das Verhältnis von Geben zu Nehmen zwischen mir und den in dieser Stadt verteilten roten Bücherschränken beträgt ungefähr 50:50, auch wenn der Vorsatz natürlich ein anderer ist. Andererseits, rede ich mir die Entnahmen schön, werden es auf diese Weise nicht mehr Bücher bei mir daheim. Aber gut, ist ja keiner heute hierher gekommen, um meinen inneren Dialogen zuzuhören.
Zur im Titel genannten Anthologie. Ist wie jede Pralinenmischung, ein paar sind greislig, die meisten kann man ertragen und eine oder zwei sind dabei, die sind wirklich gut, von denen will ich berichten.
- Dale Bailey – “Moment der Stille”, übersetzt von Michael K. Iwoleit
Schon schwierig, weil ich nicht weiß, ob ich den Autor (kenne das Original nicht) oder den Übersetzer lobe. Der Inhalt, kurz zusammengefaßt: ein faustischer Pakt. Die Erfüllung des Herzenswunschs des Kunden, der Preis dafür seine Zufriedenheit. Die überraschende Wendung: der Kunde schlägt den Handel aus.
Erzählt wird das in so wunderbaren Sätzen wie:
– Am wolkenlosen Himmel brannte die Sonne, über den Bürgersteigen und geparkten Wagen kräuselte sich in der Hitze die Luft.
– Er musterte ihn einen Moment lang mit Augen in der Farbe des Oktoberhimmels in der Dämmerung.
– Und dann, weil er sich mit solchen Läden auskannte, weil er solche Männer wie den Händler kannte (der vielleicht überhaupt kein Mann war) – kurz gesagt, weil er als Junge Geschichten gelesen hatte, die genauso begannen -, kam ihm ein anderer Gedanke, vielleicht der schrecklichste, den er je gedacht hatte. “Der Preis”, sagte er. “Ist es… meine Seele?”
– Er ging in die Bar, eine dumpfige Höhle, wo schattige Männer schweigend über ihren Drinks hockten. Ventilatoren unter der Decke wälzten mit Bier- und Schweißgeruch gesättigte Luft um; es war nichts als der Fernseher zu hören, der wie ein blauer Geist in der rauchigen Dunkelheit flackerte.
– Er schritt durch den unaufhörlichen Lärm der Stadt. Schweißperlen rannen die knotige Autobahn seines Rückgrats hinunter und die Straßen schienen in der Hitze zu verschwimmen. Um viertel vor drei fing es an. Es fing damit an, dass der Lärm unmerklich gedämpft wurde, mit einem fernen Beben von Stille, die sich immer mehr ausweitete, über das Herzland fegte und sich wie ein Leichentuch des Schweigens über die Stadt legte.
Davon abgesehen, dass der mit immenser Bedeutung aufgeladene Begriff des amerikanischen “Heartland” mit “Herzland” noch nicht einmal annähernd übersetzt werden kann, ist die Geschichte gut gelungen, so insgesamt. - Ron Goulart – “Warum ich nie fest mit Heather Moon ging”, übersetzt von Manfred Weiland
Sehr hübsche kleine unaufgeregte gut geratene Geschichte über Schwarze Magie. - Pat MacEwen – “Die Gabe der Macklins”, übersetzt von Manfred Weiland
Eine Kurzgeschichte wie ein totgefahrenes Tier, von dem man doch nicht wegsehen kann über einen furchtbaren gewalttätigen Vater, der schlägt und mißbraucht, was ihm vor die “Waffe” kommt, jeden Nachbarn, jede Nachbarin, Fremde, Bekannte, seine Frau, seine Mutter, Tochter und Sohn. Und wie der Sohn dagegen kämpft, dass diese “Gabe” an ihn vererbt wird. Wird mir länger im Gedächtnis bleiben als mir lieb ist.
Aus dieser letzten Geschichte zitiere ich nur, weil die grottenschlechte Übersetzung unfreiwillig komisch ist: - Jerry Oltion/Kristine Kathryn Rusch – “Deus X”, übersetzt von Horst Pukallus
– Heute hatte die Erscheinung ein anderes Klafott an.
– Sie duckte sich immer, als zöge sich eine Schildkröte sich in die Schale zurück.
– Ich steige ins Auto und stoche einen Tag lang drauflos.
– Er nahm sie in die Arme und küßte sie begehrlich.
Für einen heißen hirnfreien Nachmittag am See ist es als Lektüre okay. Wenn wer diesen Band haben will, sei er seins oder ihrs, sonst geht das Büchlein mit der nächsten Lieferung in einen roten Bücherschrank zurück.


