Bahn (DB) gefahren

Über vier Stunden hin, über vier Stunden wieder zurück. Und was gibt es zu erzählen? Nix. Gar nix. Keine spielenden Kinder auf den Gleisen, keine Probleme in einem Stellwerk, nirgends, noch nicht einmal vorhergehende Züge verspätet. Nix. Gar nix.

Ist sehr nett.

Neu zum Strömen: “The Split Up”

Zur Telenovela fehlt bloß noch der lang verschollene Zwilling, von dem außer der treuen Haushälterin niemand gewußt hat, aber sonst: alles da. Untreue Männer, eine am Altar zweifelnde Braut, uneheliches Kind, Witwer mit dunkler Vergangenheit (der hochverehrte Sanjeev Bhaskar), Monsoon Wedding, schmutzige Immobiliendeals, unterschiedlich gut geratene Kinder, Bigamie, ein Schwiegermonster (die herrliche Sindhu Vee), ein schwuler Sohn, und wenn noch wer fehlt, dann liegt es an mir und nicht an der auf der Serie “The Split” aus dem Jahr 2018ff basierdenden Neuverfilmung, damals mit der unübertroffenen Nicola Walker in der Hauptrolle (wird jetzt gegeben von Ritu Arya).

Dieses Mal ist das Drama um die reiche Familienrechtsanwaltsfamilie in Manchester angesiedelt und die Hauptfiguren kommen aus der britisch-indischen Oberschicht (man denke Rishi Sunak, dann hat man den richtigen Eindruck). Das erlaubt im Drehbuch ein paar Extravolten wie den Konflikt zwischen den religiösen Ritualen aus der “alten Heimat” und dem Wunsch, in der modernen britischen Gesellschaft angekommen zu sein. Außerdem trotz aller Aufklärung patriarchale Strukturen und – natürlich – alltäglicher Rassismus in den unterschiedlichsten Ausprägungen, aber sonst hält sich die Story streng an den Vorgänger.

Warum sollte man sich auch mehr Arbeit machen? Wer “The Split” kennt, weiß, was er mit “The Split Up” kriegt, plus Mango Lassi.

Guckt sich leicht weg und will auch nicht mehr.

In eigener Sache: Danksagung

So langsam kommen sie doch alle aus dem Urlaub wieder zurück, auch die, denen die Schulferien (inzwischen) sowas von wurscht sind. Und ich bin geschmeichelt, weil man mir, neben Bildern von wunderschönen Stränden, Architekturen und Sonstigem berichtet, dass im Urlaub endlich mal Zeit gewesen sei, mit dem flockblog aufzuholen und die Lektüre zum täglichen Ferienritual wurde.

Danke. Das ist mir Ehre und Ansporn zugleich. (Mit tiefer Verbeugung nach links ab.)

Aus dem Vokabelheft (Jugendsprache)

Ich steige an der zweiten nach der Endstation zu, trotzdem ist in der U-Bahn kaum mehr ein Sitzplatz frei (und außerdem tragen fast alle Tracht und die Luft ist geschwängert mit zu viel moschushaltigem Parfüm… Drecks-Oktoberfest!). Ich setze mich in den Vierer zu drei jungen Mädchen (jetzt sind die beleidigt), hmmm, jungen Damen (jetzt ist es mein Verstand), hmmm, gut, ich habs: weiblichen Heranwachsenden.

Das Trio trägt das Haar lang und offen, die Nägel lang und bunt bemalt, die Gesichter flächendeckend dick geschminkt, außerdem viel Modeschmuck und sonstiges Bling-Gebamsel. Sie sind, so scheint es, ins Gespräch vertieft. Die Wortführerin hadert nämlich mit ihrem grausamen Geschick: sie habe sich so behindert beeilt, aber weil der Typ am Schalter so behindert lahm gewesen sei, müsse sie morgen noch mal da hin. Behinderter gehe es ja wohl nicht?

Kinder (jetzad, das triffts), wenn ihr verstärkende Adjektive braucht, dann nehmt doch so was wie krass oder voll, die haben sich bei Generationen von jungen Menschen vor euch gut bewährt. Oder erfindet was neues. Aber viel schlimmer als den Begriff “behindert” so zu mißbrauchen geht es fast nicht.

Mann, bin ich froh, dass ich jetzt schon aussteige und dieses Gekeife hinter mir lassen kann.

Rekorde

Wenn Oktoberfest ist, ist in München Ausnahmezustand. Selbst das einzige halbwegs seriöse Presseorgan dieser Stadt, die Süddeutsche Zeitung, erschlägt ihre Leser mit umfangreichster Wiesnberichtserstattung. Die Rekorde werden nicht nach schneller, höher, weiter bemessen, sondern in gefressenen Ochsen, gesoffenen Hektolitern Bier, Anzahl von Sanitätereinsätzen, Vergewaltigungen und Toten. Den ersten gabs gestern, da war die große Sause gerade mal in ihrem dritten Tag.

Mir, die ich hier schon so lange lebe, fällt das gar nicht mehr so richtig auf. Aber als ich neulich Menschen, die von weiter weg sind, davon sprach, ist mir klargeworden, wie pervers das eigentlich ist.

Und jetzt alle: “Ein Prohosit der Gemühütlichkeit”!

Aus dem Vokabelheft

Neulich, in Susanne Kaisers Obalski-Roman bin ich dem Begriff “can-racking” das erste Mal begegnet. Weil ich nicht wußte, was das ist, habe ich ihn nachgeschlagen und von der KI erklären bekommen. Er stehe für “ladenstehlen”.

Was bin ich froh, dass ich gut genug englisch spreche, um zu verstehen, dass hier “shoplifting” halt wörtlich übersetzt wurde. Hübsch isses irgendwie trotzdem.

Gelesen: Elizabeth Strout – “Am Meer”

Wow!

Wie in den Olive Kitteridge-Büchern (s. https://flockblog.de/?p=43227), auf die Strout ganz witzig referenziert, ist auch hier die Heldin, Lucy Barton, ein Mensch, den man auf den ersten Blick nicht wirklich leiden kann. Mäkelig, immer grade einen Ticken vom rechten Ton und Platz entfernt, mit ihrem Leben unzufrieden und in den wenigen glücklichen Momenten, die sie auch als solche erkennt und definiert, nie so ganz sicher, ob ihr das wirklich zusteht. Ein bißchen nervig und dann ist sie auch noch die Ich-Erzählerin ihrer (und einer) Geschichte, die mit den ersten Tagen der Pandemie im frühen Frühjahr 2020 beginnt. Das Wort “Corona” kommt gezählte drei Mal vor, die Begriffe “Virus” und “Pandemie” ein bißchen häufiger, meist aber spricht sie nur diffus davon, dass jemand krank werden könnte oder geworden sei und läßt ihre Leserschaft die Unsicherheiten der ersten Phase noch einmal am eigenen Unbehagen miterleben. Echt jetzt? Masken? Handschuhe? Social Distancing? Das große Leiden in New York, Kühllaster und Massengräber – das ganze Grauen ist auf einmal wieder greifbar. Fallzahlen, Inzidenzen und Lockdown, das Warten auf den Impfstoff…

Nebenher liefert sie eine der klarsten Analysen des von Hillary Clinton abfällig benannten “basket of deplorables”, also der Abgehängten in den USA, die in Trump ihren Retter sehen:

‘Sie sind wütend. Sie kommen auf keinen grünen Zweig im Leben. Schau dir deine Schwester an. Zurzeit bringt sie sich mit ihrem Job in Gefahr, weil sie keine andere Wahl hat. […] Diesen Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Und die, denen es besser geht, sind blind dafür. […] Wir nehmen sie nicht für voll, und das merken sie.’ […]
Ich hörte, wie hinter mir geredet wurde: ‘Scheiß-Touris.” Ich drehte mich um, es waren Männer ohne Masken, die das gesagt hatten und irgendwie machten sie mir ein wenig Angst. Und dann entdeckte die maskenlose Frau vor mir eine andere Frau, die eben aus dem Auto stieg, und sie warfen die Arme umeinander und riefen: ‘Hi!’
Aber ein paar Minuten lang, darauf will ich hinaus, hatte ich beinahe so etwas wie eine Vision: Ich sah einen tiefen Riß durch das Land gehen, und Ahnungen von einem Bürgerkrieg strichen um mich wie ein Luftzug, nicht greifbar, aber doch zu spüren. […] Es hat mich seitdem nicht mehr verlassen. Das Gefühl, das mich an diesem Abend befiel.

Wie Strout solche an sich einfache Sätze aneinanderreiht und damit so eine Wirkung erzielen kann, ist phänomenal!

Ich habe zum ersten Mal Strout in deutscher Übersetzung gelesen und kann nur sagen, Hut ab, Frau Sabine Roth! Genauer kann man den Klang nicht treffen. Mein Exemplar geht also guten Gewissens an die weiter, die es gerne hätten und vor dem englischen Original zurückgeschreckt wären. Einfach Bescheid geben.

Lesen! Lesen! Lesen!