Vorhin beim Einkaufen

Selten ein cooleres Kind gesehen als den kleinen ca. drei- bis vierjährigen Buben, der selbständig in seinen Buggy klettert, sich anschnallt, gemütlich zurücklehnt, die Beine übereinanderschlägt und mit einem kurzen Seitwärtsblick über die Schulter die Frau Mama anweist: “Wir können los.”

Gelesen: Bedřich Fritta – “Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt”

Hmmm. Wie soll ich dieses Buch beschreiben?

Ein Bilderbuch. Von Vater Bedřich für seinen kleinen Sohn, als Geschenk zu dessen drittem Geburtstag am 22. Januar 1944 in Theresienstadt, wo die Familie inhaftiert ist. Bedřich Fritta porträtiert seinen kleinen Buben in Alltagssituationen, dem Alter entsprechend auch mit den spannenden Themen Pipi und Kacka und malt ihm Gabentische und Pakete voller feinster Leckereien, Phantasien von Reisen in weit weit weit entfernte schöne Orte und zeigt dem Kleinen, was er später einmal alles werden kann: Ingenieur, Boxer, Detektiv, Maler – nur nicht Geschäftsmann oder gar General.

Wenn es denn ein “Später” geben sollte.

Als Theresienstadt befreit wird, ist der Vater bereits in Auschwitz ermordet, die Mutter in Theresienstadt verreckt und der kleine, so sehr geliebte Tommy ein Waisenkind.

Die Einordnung für die heutigen Leser übernimmt Professor Dr. Walter Koschmal im sehr lesenswerten ausführlichen Nachwort.

Ich halte es für immens wichtig, dass es solche Bücher gibt. Wer meines ausleihen möchte, kann das gerne tun.

Noch in der Mediathek: “Grönemeyer – Alles bleibt anders”

Eigentlich war ich nie ein ausgesprochener Grönemeyer-Fan, aber nachdem zwei Menschen meines Vertrauens mir unabhängig voneinander diese ARD-Doku zu seinem 70. Geburtstag empfohlen hatten, wollte ich doch einmal sehen, warum.

Erste Beobachtung: er scheint bei mir doch mehr Eindruck hinterlassen zu haben, als mir bewußt war – ich hätte so ziemlich jedes Lied aus den Achtzigern und Neunzigern textsicher mitsingen können. Zum zweiten: es ist ein sehr liebe- und respektvoll gedrehtes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man trotz des Riesenerfolgs die Bodenständigkeit und Authenzität gerne glauben möchte, wozu auch die Gespräche mit Zeitzeugen und Wegbegleiterinnen sehr beitragen (mehr Frauen als Männer und man nimmt allen ab, dass Grönemeyer der Typ ist, der mit vielen Frauen gut befreundet ist).

Ich bin ziemlich sicher, dass Menschen meiner Generation die Doku auch mit – mindestens – Sympathie sehen. Weil es “unsere Zeit” zeigt. Es würde mich interessieren, ob es später Geborenen genau so geht?

Grad vorhin in der Unterfahrt: Carola Ortiz & Àlex Guitart

Vielleicht hat es mit dem Vornamen zu tun… Während die Füssener Carola alles dekoriert, was nicht bei eins aus dem Weg gesprungen ist, scheint die iberische Carola beim Verteilen von Energie und Elan vielfach “¡Aquí!” gerufen und frech die Lieferung für die Großfamilie in der Nachbarschaft auch für sich behalten zu haben. Ich habe noch nicht oft (oder überhaupt je) einen Menschen gesehen, der so präsent ist. Im selben Atemzug ein Lied zu Ende singt und noch die ersten paar Takte auf der Klarinette bläst. Sie hüpft und klatscht, schlägt das Tambourin, klackt (?) Kastagnetten, erzählt von ihrem Projekt, die Wurzeln der iberisch/maurischen (also nord-afrikanischen) Musik auszugraben und daraus etwas neues und anderes zu machen, lernt von einer alten Meisterin, wie man eine Vierkanttrommel aus Ziegenhaut baut, baut eine und trommelt uns auf diesem klassischen Fraueninstrument was vor, redet die ganze Zeit und erzählt von den Liedern, die sie vorträgt und den schönen Gegenden, wo sie herkommen und wie das alles historisch, soziologisch und emanzipationsgeschichtlich zu interpretieren und einzuordnen sei, dann tanzt sie, flirtet mit dem spanischsprachigen Publikum und holt sich eine sehr Freiwillige aus diesem Kreis, auf dass sie zum selbstkomponierten Pasodoble eine sehr flotte Sohle auf den Einsteinhallenboden legen, zieht sämtliche Drama- und Melodramaregister, große, sehr große Gesten, große, sehr große Mimik, dass sie toll Klarinette bläst, hatte ich schon erwähnt?

Ich muss jetzt erst mal Luft holen. (Sie müßte an dieser Stelle (noch) nicht.)

Diese ganze Show ginge nicht ohne ihre kongenialen Begleiter und ruhenden Pol, den faszinierenden Multiinstrumentalisten Àlex Guitart (Saz, türkische Laute, Cajón, Tombak).

Die Unterfahrt hat eine neues Programm aufgelegt und stellt zukünftig in unregelmäßigen Abständen Weltmusik vor (“Einstein’s World”). Das war das erste Konzert. Mir ganz wurscht, wer und was im nächsten kommt, da will ich wieder hin. Erweitert den Horizont ungemein.

Falls es wen interessiert: ich habe auf YouTube eine Aufzeichung des Konzerts gefunden:

Etikettenschwindel

Ausweislich seiner feinen Kleidung und dem Programmheft, das aus der Tasche seines kamelfarbenen Dreiviertelmantels lugt, war der Herr neben mir im U-Bahn-Dreier gerade in der Oper. Kombiniere: ein kulturell interessierter Mensch.

Lesen tut er aber auf seinem Mobiltelefon die BILD-Zeitung. Die Sportseiten. Hmmm. Kombiniere: Man sollte nicht vorschnell kombinieren.

Noch in der Mediathek: Tatort Köln – “Showtime”

Wenn ich es recht verstanden habe, war die Botschaft dieser Tatortfolge: “Fernsehstudios sind groß, und selbst erfahrene Ermittler verirren sich dort leicht”. Wenn das nicht gemeint war, dann sollte das Publikum vielleicht mitnehmen, dass manche Menschen gar nicht so nett sind, wie sie tun. Aber ich glaube, das wußten die meisten schon.

Den Mega-Hype drumrum nicht wert. Aber ganz nett.

Wie es sich gehört

Meine Nachbarn waren über die Osterferien verreist und haben nach ihrer Rückkehr festgestellt, dass ihr Balkon voller Kacke, Federn und Vögeln vulgo “Taubenplage” ist. Das haben sie auf dem hierfür vorgesehenen Dienstweg der Hausverwaltung gemeldet. Diese hat daraufhin die “Tauben-Abwehr” geschickt (was ich nicht ohne ein Grinsen hören konnte, weil doch die Abwehr der Geheimdienst der Wehrmacht war, wie ich gerade tags zuvor wieder neu gelernt hatte). Die Tauben-Abwehr hat den Balkon forensisch untersucht und festgestellt, dass dort ein Vogelpaar brütet und…

….und meinen Nachbarn das Betreten des Freiluftfortsatzes ihrer Wohnung so lange untersagt, bis die Jungvögel ausgeflogen sein werden.

Dies hat mir eben sehr entrüstet die alte Dame zwei Wohnungen weiter berichtet, die ihren Balkon mit einem grünen Netz von oben bis unten vor weiterer Taubenplage schützt. Und recht kryptisch geschlossen, dass man heutzutage ja in den Städten einfach Bomben auf Menschen wirft, diese Drecksviecher aber… dann hat sie sich unterbrochen, resigniert abgewinkt und ist ihrer Wege gegangen. Dabei hätte ich diesen Gedanken gerne etwas näher ausgeführt bekommen

Weil ich ja nun auch bald zwei Wochen weg bin, teste ich derzeit den Taubenschreck. Er funktioniert. Bei mir. Heute ist er mir nämlich (vor lauter Schreck) gleich mal aus der Hand gefallen, so laut hat das Maschinengewehr gelärmt. Aber ich habe ja noch so viele Geräusche zur Auswahl: zum Beispiel “Hundefell + Schuß”, “Wolfheul”, “Feuerwerk-Löwenbrüllen”, “Didi-Ton” (bin sehr gespannt), “Exxplosion” (die 2 “x” sind von denen) und, mein ganz besonderer Favorit, “Schweineschlachtenton”. Ich habe zwar keine Ahnung, woher eine Taube weiß, wie Schweineschlachten (Horridoh!) klingen, aber wenn es die Biester abschreckt, soll mir das egal sein.

Drückt mir die Daumen.

Gelesen: Len Deighton – “SS-GB”

Mit Len Deighton, lese ich jüngst im Nachruf von einem Autor meines Vertrauens, sei am 15. März dieses Jahres einer der berühmtesten englischen Autoren verstorben. Aha? Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Namen noch nie gehört hatte, aber das Schöne an Literatur ist ja, dass sie auch den Nachgeborenen noch zugänglich ist. Also besorge ich mir sein berühmtestes Buch (wie ich später feststelle, tragen dieses Attribut mehrere seiner Werke, aber wer kehrt), eine Was-wäre-wenn-Dystopie, die in düstersten Farben ausmalt, was aus dem britischen Königreich geworden wäre, wenn die Schlacht um England verloren gegangen wäre und das nationalsozialistische Deutschland den Krieg gewonnen hätte.

Ein Thema, das übrigens auch andere britische Schriftsteller umtreibt: ich empfehle dringend die Lektüre von Stephen Frys “Making History” in dem ein Student eine Zeitmaschine entwickelt, um Adolf Hitlers Geburt zu verhindern, in der Annahme damit den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg zu vermeiden. Teil 1 des Plans klappt, Hitler wird nie geboren – stattdessen führt ein charismatischer, politisch hochintelligenter Nazi-Führer Deutschland zum Sieg im Krieg um die Welt und der Holocaust nimmt noch wesentlich erschreckendere Ausmaße an.

Aber zurück zu Deighton. In “SS-GB” haben die Deutschen den Krieg gewonnen, sind in England einmarschiert, Churchill ist hingerichtet, der König im Tower eingesperrt, sämtliche Behörden von den Besatzern übernommen, das Volk elend in ausgebombten Häusern und mit knapp rationierten Lebensmitteln. Der Held des Buches ist Detective Inspector Archer von Scotland Yard, das nun dem Kommando der SS unterstellt ist, der einen Mord aufklären soll. Das Opfer hat, neben einer tödlichen Schußwunde im Kopf, Verbrennungen an den Armen. Verbrennungen durch radioaktive Strahlung.

Und schon sind wir mitten in der schönsten Verschwörungsgeschichte um den Kampf um die atomare Vorherrschaft und Doppel-, Triple-, und weiß-der-Teufel-wieviel-Seiten-Agenten und den Machtkampf der einzelnen Bereiche innerhalb der Nazi-Organisation, der Fragen aufwirft, wie: ob es “ehrenhaft” ist, dass ein König von SS-Garden bewacht wird, wo ihm doch als obersten Heerführer eigentlich Soldaten “zustehen” – zu schön, wie Leighton immer wieder Episoden erfindet, in denen der “Clash of Cultures” zwischen den besetzten Briten mit der stiff upperlip und den höflichsten Beleidigungen, die die Sprache hergibt und den “Hunnen”, die ja hier schließlich Chef sind und Befehle erteilen fröhliche Urständ feiert. Er erfindet zum Beispiel Festivitäten zur Deutsch-Sowjetischen-Woche, in denen das Grab von Karl Marx eine wichtige Rolle spielt… einfach herrlich und sehr witzig.

Es mag dem Genre und der Zeit geschuldet sein – Frauen spielen kaum eine Rolle. Es gibt sie in den Varianten: die gute Ehefrau und Mutter, also die den Bomben zum Opfer gefallene Ehefrau des Detektivs und seine Vermieterin, deren Mann in einem deutschen Arbeitslager gefangen gehalten wird. Außerdem die englische Widerstandskämpferin, die ihn erst verführt und dann fallen läßt, weil “die Sache” wichtiger ist und dann noch die toughe amerikanische Kriegsberichterstatterin, wegen der (tragischen) Liebesgeschichte. Fertig. Darüber muß man als heutige Leserin großzügig hinwegsehen.

Tut man das, liest man ein Buch, das sein sehr kenntnisreicher Mann verfaßt, der sich sowohl in Waffengattungen wie in Befehlsketten auskennt und eine gute spannende Schreibe hat. Grausig wird es, wenn er die sowohl effektive wie effiziente deutsche Strafaktion “the night of the buses” nach einem Attentat im besetzten London beschreibt, inklusive ausgereifter Logistik, Standgerichten und Bürokratie (mit drei Durchschlägen).

Es sollte gelesen werden. Mein Exemplar steht zur Ausleihe zur Verfügung.

Gelesen: Patrick Redden Keefe – “Say Nothing”

Es ärgert mich manchmal ziemlich, dass ich Zeitgeschichte zwar im Prinzip miterlebt haben könnte, aber eigentlich wenig bis nichts über eine Epoche weiß. Wie zum Beispiel den Nordirlandkonflikt (in englischem Englisch “The Troubles”), eine immerhin gut 30 Jahre umfassende Zeit von den späten Sechzigern bis zum sogenannten “Good Friday Agreement” 1998, in der alle Seiten, Katholiken, Protestanten, die britische Regierung, mit unfaßbarer Gewalt das vertraten, was sie für “ihr Recht” hielten. Ich kann mich aus meinen Kinder- und Jugendtagen an Nachrichten über Autobomben und IRA-“Terroristen” und Hungerstreiks und brutale Armeeeinsätze erinnern, die waren einfach immer da. Aber wer gegen wen und warum? Darüber wußte ich nicht wirklich was.

Jüngst wurde mir “Say Nothing” als DAS Standardwerk über diese Zeit empfohlen und nach einer Woche intensiver Lektüre bin ich nun klüger. Redden Keefe beschreibt sein Werk als ein “work of narrative non-fiction”. Das bedeutet, er hat mit einem Team von Recherche-Assistenten eine große Menge an Quellen zusammengetragen und studiert und erzählt nun in einem Fließtext von Menschen, die “verschwunden” wurden, jungen Leuten, deren Familienbiographie gar nichts anderes zuließ, als dass auch sie sich zu “Kämpferinnen und Kämpfern” in der IRA rekrutieren ließen oder sich gleich freiwillig verpflichteten, Familien und Nachbarschaften, die dieser Glaubenskrieg zerstört hat, einer Regierung Thatcher, deren Chefin Empathie und Gnade fremd waren, den Spätfolgen von Dauerkampf (keine Nacht im eigenen Bett) und Hungerstreik, wie lebenslange Eßstörungen, PTSD und den Regeln der Omertà: “Whatever you say… Say Nothing.” (Der Titel des Buches zitiert den Titel eines Gesangs des Dichters Seamus Heaney.)

Man muss sich bewußt sein, dass dies, obwohl intensiv recherchiert, kein Geschichtsbuch ist. Alles, was in einem solchen in den Fußnoten stünde, steht hier hinten im Anhang, auseinandergerissen. Das macht die akademische Lektüre etwas umständlicher, dafür aber das Lesen einfacher. Wer sich einläßt, lernt viel.

Lesen! Lesen! Lesen!

Mein Exemplar kann entliehen werden.