Neu zum Strömen: The Night Manager, 2. Staffel

Hmmm. Ja. Also, die erste war besser. Diese zweite jetzt ist, bei aller breitgetretener Gewalt, hinterlistigen Spionen, bösen Verschwörungen, einer sehr volllippigen (doch, in diesem Viel-Botox-Fall sind 3 L nicht genug) Vielfachverräterin (Camila Morrone), einem frühkindtraumatisierten Latinobuben mit Anger Issues (Diego Calva), Verfolgungsjagden mit allem, was einen lauten Motor hat und Locations rund um den Globus stellenweise arg gefühlig geraten. Und obwohl ich Tom Hiddleston (Held) und Hugh Laurie (Schurke) sehr mag, fand ich ersteren keinen Sympathieträger mehr und letzteren zu böse, ohne Zwischentöne, was eindeutig am insgesamt recht dünnen Buch liegt. Bei Olivia Colman, die im ersten Teil, zunehmend schwangerer, eine Glanzleistung hingelegt hatte, reicht es dieses Mal nur für ein paar ganz kurze Auftrittchen und die hätte sie auch per Telefon erledigen können. Spielen mußte sie den Scheiß nicht. (Achtung, Spoiler! Sie wird in der schon bestätigten dritten Staffel nicht mehr dabei sein, es sei denn, sie drehten einen Zombiefilm…)

Die Geschehnisse sollen ca. sechs Jahre auseinanderliegen, aber die Hauptdarsteller sehen alle aus, als hätte eine entsetzliche Hungerkatastrophe sie vorschnell altern lassen. Ist das der Ozempic-Effekt auf die Schauspielbranche? Schön ist es nicht.

Ich glaub, ich schau mir lieber bei Gelegenheit die erste Staffel (s. https://flockblog.de/?p=50594) noch mal an und ignoriere diese zweite.

Ach Algorithmus

Die Presse überschlägt sich heute mit Skandalmeldungen über das norwegische Königshaus. Die Kronprinzessin war viel zu eng mit Jeffrey Epstein, ihr Sohn steht wegen Sexualdelikten vor Gericht und ist gerade schon wieder wegen anderer Schandtaten verhaftet worden. Halb so schlimm, findet der Algorithmus und blendet mitten im Artikel seine Position zu Norwegen ein:

Ich hab ja mal in einem Start-up gearbeitet, das auf kontextuelle Texterkennung spezialisiert war, aber bei dem kaufen diese Werbetreibenden offensichtlich nicht ein.

Eben gesehen

Der viel (und ganz offensichtlich über-) hypte Trailer für “Der Teufel trägt Prada” ist raus. Alle wieder dabei, Blunt, Hathaway, Streep, Tucci (alphabetisch, damit keiner zankt) plus eine Handvoll Extrapromis.

Wieso habe ich nur das Gefühl, dass der Trailer schon reicht und der Film keine Überraschungen mehr bieten wird?

Wiedergelesen: Thomas Bernhard – “Heldenplatz”

Wo habe ich bloß…? Hier vielleicht? Oder doch dort? Ist es möglich, dass es bei einem meiner vielen Umzüge unter die Räder…? Nein. Oder? Aussortiert kann ich es doch nicht haben? Oder? Aaah! Da ist sie ja, meine Suhrkamp-Taschenbuch-Erstauflage von “Heldenplatz” mit dem Bild von der Burgtheater-Uraufführung 1988 mit Dene, Gasser und Rath auf dem Titel. Kommt ja nichts weg in einem guten Haus.

Meine Fresse! Wenn ich nicht wüßte, dass das Stück schon fast 40 Jahre alt ist, dann könnte es auch gestern geschrieben worden sein. Jedes, aber auch jedes Wort sitzt. Man möchte nicht Österreich sein oder Österreicher, Bernhard haßt sein geliebtes Heimatland schon mit voller Seele. Und mit einer Sprachgewalt, die keinesgleichen hat. Zum Niederknien.

Hmmm. Ob ich die Lektüre empfehlen soll? Schwierig. Mich hat sie bereichert. Aber ich verstehe auch, dass Bernhard nicht jedermanns Sache ist. Wer mag und verspricht, mein Exemplar gut zu behandeln und es in einer angemessenen Zeit zurückzubringen, darf es entleihen.

Weil ich nicht weiß, was als bekannt vorausgesetzt werden kann, nachfolgend ein kleines Glossar. Wer alles eh schon kennt, ignoriere es einfach.

Zeitgeschichte: Am 15. März 1938 erfährt das widerständige österreichische Volk auf dem Heldenplatz zu seiner ganz großen Überraschung von einem gewissen Adolf Hitler vom „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich. (Ironihie! Die auf dem Heldenplatz versammelten Massen bejubeln vielmehr die Nachricht mit lauten “Sieg-Heil”-Gesängen.)

Theatergeschichte: Der nicht gerade unumstrittende deutsche Regisseur und Intendant Claus Peymann wird 1986 als Direktor ans Burgtheater in Wien berufen. Das sehen nicht alle gern. Erst recht nicht, als er für das Jahr 1988, also zum hundertjährigen Bestehen des Burgthaters und zum 50. Jahrestag des “Anschlusses” den ebenfalls sehr umstrittenen und als “Nestbeschmutzer” verunglimpften Thomas Bernhard beauftragt, ein Stück zum “Bedenkjahr” zu schreiben. Was dieser umsetzt in einem Drama über einen im Nationalsozialismus aus Wien nach England emigrierten jüdischen Intellektuellen, dessen Rückkehr und seinen Selbstmord durch einen Fenstersturz auf den Heldenplatz in eben diesem Jahr.

Die Uraufführung muss unter Polizeischutz stattfinden. Die – später sehr erfolgreiche – Inszenierung geht als einer der größten Theaterskandale Österreichs in die Annalen ein. Wer mehr wissen will, lese hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Heldenplatz_(Drama).

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Titus Waldenfels

Jam Sessions sind, wie ich schon mehrfach geschrieben habe, immer wie Herrn Gumps Mamas (wann hat man schon mal die Chance für einen doppelten Genitiv?) Pralinenschachtel: “man weiß nie, was man kriegt”. Außer, man ist der Musikbeauftragte, dann ist man Insider und weiß, dass Gastgeber Waldenfels sich zu seiner Band auch die dem Musikbeauftragten wohlbekannte Sängerin und Pianistin Alex Cumfe eingeladen hat.

Den ersten Teil des Abends bestreitet immer der Gastgeber mit seiner Truppe und dieses Set hat mir gestern große Freude bereitet und hätte gerne auch noch ein wenig länger dauern dürfen – vor allem, weil im allgemeinen selten Raum für Gesang ist und Alex wirklich schön singt. Sie ist auch bei der Jam Session am 22. Februar wieder dabei… wir haben schon Karten reserviert und falls wer mitgehen möchte, bestelle er oder sie doch ebenfalls und lasse sich an unseren Tisch dazusetzen (Reservierung ist auf meinen Namen).

In der zweiten Bühne-frei-für-alle-Hälfte trat die übliche Mischung zwischen sehr fortgeschrittenen Könnern, pars pro toto ein sagenhafter Klarinettist, ein großartiger Allround-Unterhalter am Schlagzeug und ein gegen jedes Vorurteil richtig guter weizengefütterter Redneckbub mit Käppi an der E-Gitarre auf. Außerdem ambitionierter Wir-lernens-gerade-Nachwuchs. Und dann war da noch der Junge mit der Melodica, ein Bernd-Clüver-Widergänger (fragt Oma), der sich nie so ganz in die Nähe eines Mikros traute, aber, wenn er denn mal zu hören war, sehr hübsche Musik spielte.

Sehr feine Pralinen in der Schachtel dieses Mal.

Frühlings Erwachen

In den zurückliegenden Bitterkaltundschneetagen scheinen die Herren und Damen Tauben sich in Iglus oder ihre Bettelpositionen (arme frierende Plustervögelchen) vor Bäcker- und Metzgerei zurückzogen zu haben. Nun aber, da die ersten freundlichen Sonnenstrahlen vom Himmel scheinen, die anderen Herren und Damen Vögel sich schon wieder vermehrungswillig die Lungen aus dem Leib zwitschern und vermutlich die Iglus vollgekackt sind, sind sie wieder unterwegs, um die vermeintlichen Bedürfnisanstalten in den höheren Lagen (vulgo: meinen Balkon) flächendeckend zu bescheißen. In den letzten paar Tagen habe ich mir einen Muskelkater im rechten Arm angescheucht.

Morgen ist es vorbei, ihr Dreckviecher! Morgen installiere ich den Taubenschreck. Und sagt bloß nicht, ihr seid nicht gewarnt worden.

Propaganda

Ich hatte es, glaube ich, schon mehrfach erwähnt, dass ich das Gros meiner Bücher inzwischen gebraucht kaufe und meistens an Vorbesitzer gerate, die ihre Bücher ebenso so sorgsam lesen wie ich: keine Brösel, keine geknickten Seiten, keine Anmerkungen und Unterstreichungen. Sie haben halt bloß, so wie ich auch, nach einmaliger Lektüre nicht das Bedürfnis, das Buch ihrer Bibliothek einzuverleiben. Gut so. Für alle. Paßt.

Was war ich also neulich überrascht, dass ein Mensch, der mit der Gesamtsituation sehr unzufrieden zu sein scheint, ein gebrauchtes Buch als Vehikel für die Verbreitung seiner Mißstimmung verwendet. In (wohl eigens gefertigten) Stempeln drückt (!) er alle paar Seiten seine Unzufriedenheit mit der “Überfremdung” seiner deutschen Heimat Deutschland aus. Damit aber nicht genug. Dieser Mensch schreibt Zitate aus gräßlichen völkischen Büchern ab, druckt sie auf Papierstreifen in Buchbreite aus und überklebt damit den Text. Was für ein Aufwand!

Ich habe mir die Mühe gemacht, jede dieser Stellen in dem Buch mit post-its zu markieren und den Gebrauchtbuchhänder zu informieren und hoffe, dass diese Person dafür den Ärger bekommt, den sie verdient. Mannomann!

Wiedergelesen: Ralf König – “Jago”

König, hierzulande zuständig für das Zeichnen knollennasiger schwuler Männer schickt seine Protagonisten in “Jago” in Shakespeares Globe ins elisabethanische England, eine Zeit, in der Frauen auf der Bühne verboten waren und alle weiblichen Rollen von (gerne verteufelt gut aussehenden) jungen Männern gespielt wurden. Er verwebt des Barden Vorlagen, namentlich “Othello” (Kunststück, bei dem Titel und ja, Eifersucht ist ein wichtiges Motiv, hier wie da), “Romeo und Julia” (Hach, junge Liebe, Huh! Mord und Totschlag!), “Macbeth” (die Hexen sind ein Geschenk von Walter Moers und sehr sehr hübsch, außerdem: Mord und Totschlag!, Bonus: Geister und Gespenster) und nicht zuletzt “Ein Sommernachtstraum” (Durcheinanderwirrgerenne im Nachtwald, Elfengesocks) zu einem ganz eigenen Gespinst, in dem Lust, Leid, Mord und dauernd kampfbereite Schwellungen in den Strumpfhosen zu gleichen Teilen vorkommen.

Von Zeit zu Zeit lese ich Königs Take on Shakespeare ganz gerne, aber jetzt ist auch wieder gut.

Gelesen: Luz – “Katharsis”

In diesem Buch verarbeitet Luz den Tag an dem ihm “das Zeichnen abhanden gekommen [ist]. Am selben Tag wie auch eine Handvoll teurer Freunde.”, den Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo.

Ich habe es nicht gerne gelesen. Es fühlte sich nicht richtig an. So, als würde man die Therapiesitzung eines Menschen belauschen, von dessen Trauma man zwar weiß, den man aber gar nicht kennt.

Falls sich jemand ein eigenes Bild machen will: mein Exemplar ist zu haben.

Rechenaufgabe

Samstag, High Noon im Supermarkt. Von fünfeinhalb* Servicekassen sind zwei besetzt, bei den drei Selfservicekassen leuchtet reihum ein gelbes “Ich-habe-eine-Störung-ruft-einen-Menschen”- bzw. das rote “Ich-bin-besetzt-und-es-dauuuuert-bis-der-Barcode-sich-auf-der-Ware-manifestiert-und-jetzt-stelle-ich-mich-tot”-Licht auf.
Aufgabe 1: Berechne, wie oft ein Mensch seine Arbeit an der Servicekasse unterbrechen muss, bis a) zwei bzw. b) alle drei Selfservicekassen funktionieren?
Bonus: Gib in a) Sekunden, b) Minuten an, wie lange dieser Zustand anhält. Merke: Antworten wie “wenn die Hölle zufriert” führen zu Punktabzug.
Aufgabe 2: Wie kann Lauch (2 lumpige dünne Stangen Lauch) im Rezept für Kartoffellauchsuppe ersetzt werden?
Bonus: Muss es unbedingt Kartoffellauchsuppe sein? Hmmm?

Das kommt davon, wenn man seinen Vormittag in das Erstehen geistiger Nahrung investiert…

* Die halbe wird nur in absoluten Notlagen eingesetzt, denn sie ist verflucht und gibt meist dann ihren Geist auf, wenn ein Großeinkauf fast fertig eingetippt ist. Das so enstandene Problem kann nur gelöst werden, indem jede längst ein- und dann mühselig wieder ausgepackte Einzelposition zwengs Storno rückwärts über den Scanner geführt wird.