Aus dem Vokabelheft

Auf dem Bankerl neben meinem sind zwei Philosophen im ernsthaften Austausch. Es geht um Frauen. Einer faßt sein Urteil über eine frühere Partnerin wie folgt zusammen: “Sie is ja koa Schlechte, aber a Matz is sie scho!”

Ich arbeite noch an einer Übersetzung ins Hochdeutsche, bin aber sicher, dass es nicht eleganter geht als im Bayerischen.

That’s Amore

Der ansonsten potthäßliche Partnachplatz wird durch den demnächst sein zehnjähriges Dortstehjubiläum feierndes und sehr gut kuratierten roten Bücherschrank stark aufgewertet. Heute ist viel Betrieb, aber ich habe viel Rentnerinnenzeit sowie eh schon ein Buch dabei, und setze mich in aller Ruhe zum Abwarten bis der Andrang vorbei ist auf ein Bankerl und beobachte folgende wunderschöne Szene:

Ein Herr und eine Dame geben den Bücherschranktanz. Nicht bekannt? Das ist eine sehr einfache Choreographie: die Schränke sind im allgemeinen einen guten Meter breit. Mit normalguten Augen ist es möglich, ungefähr die Hälfte der Titel auf den Rücken der dicht an dicht stehenden Bücher zu lesen, weiter drüben wird schwierig. Daher gebietet die Bücherschranketikette, dass eine Person ihre Seite verläßt, in einem mittelgroßen Bogen um die andere herumgeht, die derweil auf die verlassene Position aufrückt, während der Bogengeher deren ursprünglichen Platz einnimmt. Dann kann das Buchrückenlesen neu beginnen.

Das tun die beiden erst auf der einen, dann auf der anderen Seite des Bücherschranks (wo ich sie noch viel besser sehen und hören kann) und kommen, wie das oft geschieht, über ein Werk ins Gespräch. Sie mögen es beide nicht und finden den Autor doof, das schweißt zusammen und sie unterhalten sich weiter. Er sagt, dass er hier nachher verabredet und extra früher gekommen ist, damit er noch Bücher gucken kann. Sie sagt, dass das bei ihr ganz genau so ist und dass sie hofft, noch ein gutes Buch zu finden, damit sich wenigstens der Weg gelohnt hat, wenn der Mann nix taugen sollte.

Weil das Leben als Geschichtenerzähler nicht sonderlich raffiniert ist, gibt es keine überraschende Wendung mehr und sie kommen drauf, dass sie jetzt miteinander ein Blind Date haben. Ich wüßte ja schon gerne, wie das ausgeht. Aber jetzt sind sie weg und ich habe den Schrank für mich und muss für das mitgenommene Buch nicht einmal tanzen.

Korea’s back. Alright!

Ich war gestern um Viertel nach Fünf am Rosenheimer Platz verabredet.
Normalerweise dauert es von hier nach dort mit der Bahn/den Bahnen nicht mal eine halbe Stunde, aber zur Zeit ist es, noch dazu am Wochenende, reines Glücksspiel. Also breche ich um 16:00 Uhr auf und habe ein angebissenes Buch dabei.

Schon beim Einsteigen ist die U-Bahn zum SEV-Bus rappelvoll mit Sailor Moons und Anime-Geschöpfen mit Spitzenmiedern, Wipperöckchen, Spitzenstrümpfen, abstehenden Zöpfchenen und jeder Menge Gebimsel und Gebamsel und Schleifchen hier und Spitzchen dort – und eine jede kunstvoller geschminkt als die andere und Glitzer auf allem, wo Glitzer irgendwie haften kann. Mit jeder Station werden es mehr, der Geräuschpegel dürfte ungefähr bei Gänsefarm kurz vor Weihnachten liegen… irgendwas muss ich verpasst haben. Hab ich, aber nachdem sich mehr und mehr Frauen aller Altersgruppen mit BTS-Tour-T-Shirts noch dazuquetschen wird mit klar: die Jungs haben ihren Wehrdienst absolviert und sind wieder auf Sing- und Hüpftour.

Und: diese Wesen, mit ihren Feenflügelchen und durchsichtigen Alles-Mögliche-Beuteln wollen als nächstes in meinen SEV-Bus. Alle. So unauffällig wie es nur geht dränge ich mich an der Behelfsbushaltestelle ganz nach vorne und habe nach einer Viertelstunde Wartezeit einen Saudusel: eine Zusteigetür hält genau vor mir. Hätt’ ich selbst nicht gedacht, wie schnell und wendig ich mich in den Fenstersitz schrauben kann. Ab da ist mir alles wurscht, selbst Sauerstoffmangel und Lärmpegel, ich sitze gut und will ja mal nicht so sein.

Der Bus schaukelt durch die Baustellen und Staus in Schlachthofviertel und Lindwurmstraße, umfallen kann keine, so dicht gesteckt wie die sind, zusteigen eigentlich auch nicht, trotzdem drängen immer noch ein paar dazu, uff! Aber sie sind alle lieb und nett und achtsam miteinander und so verläuft auch das Aussteigen am Sendlinger Tor ohne Zwischenfälle. Beim Versuch, zur U-Bahn abzusteigen, gibt es einen leichten Rückstau, denn der Bahnsteig unten ist schwarz vor Fan-Girls, aber auch der löst ich irgendwie auf und in der dritten U-Bahn, die hier voll beladen abfährt, finde ich für die eine Station, die ich bis zum Umsteigen in die S-Bahn am Marienplatz fahren muss, einen Stehplatz.

Nach eineinviertel Stunden treffe ich, ganz genau pünktlich, zu meiner Verabredung ein und die Mädels sind unterwegs zum Konzert. Alle glücklich.

Auf dem Heimweg treffe ich sie alle alle wieder. Verschwitzt, mit teilweise aufgelöstem Make-up oder Frisur, Laufmaschen und Trägern auf Halbmast sowie angeknitterten Flügelchen oder Matrosenkäppis. Aber glücklich. Und noch lauter als auf dem Hinweg, weil sie jetzt ständig Best-of-Medleys anstimmen und dann alle alle alles mitsingen. Tanzen geht in der Enge nicht, aber es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätten.

Glückwunsch, koreanische Unterhaltungsindustrie. Erfolgreicher geht nicht. Die Literatur leidet allerdings: ich habe mein Buch nicht einmal aufgeschlagen.

Wer ko, der ko

Recht lauthals und im enggepackten SEV-Bus sehr vernehmlich, tauscht sich ein Grüppchen Gen-Zler aus, über das Leben an sich und die Teuerung im besondern. Gerade Europaflüge seien ja quasi un-be-zahl-bar geworden, habe man doch erst neulich wieder bei dem Wochenende mit den Mädels in Palermo gemerkt. Oder dieser Stockholm-Stint, wegen dem* Konzeptstore, teuer teuer teuer.

Oder neulich, der Trip nach Paris. Da habe man den Regelpreis bezaht, sie dafür 2 Stunden (“länger als der Flug”) im überhitzten Flieger festsitzen lassen “und die haben uns nicht mal das Wasser gereicht”.

Kann halt nicht jeder.

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* Ich bin Boomer. ICH weiß, dass da ein Genitiv hingehört.

Hypo Kunsthalle: Austellung »HAAR – MACHT – LUST«

Man könne, sagt bedeutungsschwer die Führerin einer Gruppe, während sie die Hörhilfen ausgibt und versucht, ihre Schäflein zu sammeln und zu zählen, den Titel der Ausstellung ja nun auf zwei Arten lesen: einmal als Aussagesatz, bestehend aus Subjekt, Prädikat und Objekt oder aber auch als Aneinanderreihung starker Substantive. Jaha. Wissen wir das auch, lassen das Rudel schnell hinter uns und gehen entspannt selber gucken und verstehen.

Die Ausstellungsmacher springen fröhlich durch die Epochen und zeigen Frisuren (Haupt- und Barthaar) gedreht, gezwirbelt, gesteckt, zu Türmen coiffiert, gelöst und wild, pigmentfrei und knatschbunt, quasi alles. Außer Pippi Langstrumpf, dennoch, die Ausstellung ist recht heiter und lebhaft, schließlich ist Haar ein Thema, das nun wirklich jeden betrifft. Auch der politische Aspekt wird behandelt und die Zerstörung des Individuums, wenn Haar gewaltsam geschoren wird, sei es, weil ein Mensch weggesperrt, zur Armee eingezogen (“Hair”) oder wegen Fraternisierung gebrandmarkt werden soll.

Und dann gibt es noch den Friseursalon, in dem Besucher und Innen aufgefordert sind, auf altertümlichen Barbierstühlen Platz zu nehmen und vor riesigen Spiegeln ihre ganz persönliche Frisur wählen. Zum Glück sind keine kleinen Kinder da, so dass auch große Spaß an diesen Albernheiten haben können… Die Bearbeitungszeit wird mottogerecht mit Waschen, Legen, Föhnen begründet, das Resultat ist sensationell. Oder?

Dann haben wir genug von Haaren und das schöne Café in den Fünf Höfen, das man von oben aus dem Museum schon sehen kann serviert Eiskaffee, läßt dazu seinen Brunnen plätschern und München bietet alles auf, was es an Leuten zu gucken geben kann.

Das Leben ist schön.

Bloß der Öffentliche Nahverkehr enttäuscht bitterlich – dieser Drecks-SEV während dieser Hitze bringt es tatsächlich fertig, auf zwei unterschiedlichen Routen jeweils knapp eine Stunde damit zuzubringen, seine Passagiere von Hadern bzw. aus der Innenstadt wieder zurück zu transportieren. What an utter shyte!

Besuch

Spontan und wie immer viel zu kurz hatte sich der Auslandskorrespondent des flockblog auf einen Besuch angesagt. Wir haben die Zeit gut genutzt und lauter schöne Dinge in unternommen – im Schatten und in gut gekühlten Räumen.

Wie sehr schön, dass du da warst, wie sehr schön, dass die Bahn dich ohne nennenswerte Verspätungen und wohlklimatisiert hin- und her spediert hat und ich freu mich schon jetzt auf das nächste Mal!

Gelesen: Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt – “Lexikon der schönen Wörter: Von anschmiegen bis zeitvergessen”

Bevor ich dieses Buch verschenke, wollte ich doch mal kurz hineinlesen, um sicher sein zu können, dass es wirklich so wunderschön ist, wie der Titel verheißt. Ist es.

Jedem der Wörter ist ein Zitat vorangestellt, in dem es verwendet wird, schon allein das macht Freude. Und die Auswahl erst! Die die Wörter zusammengetragen habenden Autoren schreiben in ihrem Vorwort: “Vielen Wörtern dieser Art liegt eine Geisteshaltung zugrunde, die wir heute leicht als altmodisch empfinden. Langsamkeit, Bedächtigkeit, Sorgfalt und auch ein gewisser Autoritarismus schwingen bei manchen von ihnen mit. Andrerseits sind sie eben sehr genau in ihren Nuancen – und sie sind eindeutig erfunden worden, sind also Sprachkunstwerke im Kleinen.” Hätte ich nicht schöner sagen können, darum habe ich zitiert.

Wer in seiner Welt eine ebenso sprachnärrische Person wie mich hat, macht der mit diesem Lexikon eine Freude. Ganz bestimmt.

Rundumversorgt

Nicht nur, dass mich die zuverlässigste Elfmetermelderin von allen auch mitten in der Nacht noch vom anstehenden Schußwechsel informiert, nein, sie sagt mir auch gleich, wem ich die Daumen drücken soll (Hopp Schwiiz!).

Steht eh außer Frage, dass sie selbstverständlich auf den Gewinner setzt, oder?

Danke, Frau R. aus M. Weiter so!

In der Mediathek: “Die Bestatterin”

Vorrede: Ich bin im deutschen Fernsehschaffen nicht allzu bewandert, habe aber, wie schon erwähnt, eine gewöhnlich gut unterrichtete Quelle, die meine Bildungslücken befüllt und außerdem durch die Nähe zu den Drehbuchautoren Kiefersauer und Liegl über Insiderwissen verfügt.

Von der habe ich erfahren, dass es eine neue Serie gibt, deren Hauptperson, die Physiotherapeutin Lisa Taubenbaum (Anna Fischer), wegen einer familiären Notlage aus Berlin in ihr Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb zurückkehrt und auf Bestatterin mit Hang zur Mordermittlung umschult.

Hmmm. Ich habe mich getreulich durch die vier in der Mediathek verfügbaren Folgen geschaut und ich bin… ja, ich bin in meiner Ehre als Schwäbin gekränkt. Man verstehe mich nicht miß: die Fälle sind nicht uninteressant und im großen und ganzen plausibel, auch wenn Kommissar Zufall schon noch oft aushelfen muss, die sich entwickelnde Beziehung zwischen Bestatterin und Chef-Ermittler aus Stuttgart (Christoph Letkowski) recht nett, aber dass in diesem ganzen älblerischen Drecksdorf nicht einer der Darsteller und Innen schwäbisch schwätza duat, des duat weh. Richtig weh. Die größte Unverschämtheit ist der berlinerisch angehauchte Akzent der Hauptdarstellerin. Als ob ein paar Jahre weg von dahoim ausreichen würden, den schwäbischen Sprachduktus zu eliminieren! Pah. Fragt den Oettinger, den Späth, den Schäuble, den Kretschmann, den Özdemir… – an dem Dialekt beißen sich die besten Spracherzieher die Zähne aus. Des isch ned schee.

In bayerischen Regionalkrimis wird oft eine österreichische Klangfärbung mit eingemischt. Das ist auch nur mittelschön, aber halt wenigstens irgendwie O-Ton Süd. (Fragt Oma.) Fernsehmenschen: Wenn ihr das mit dem Schwäbischen nicht hinkriegt, nehmt halt eine andere schöne Landschaft zum Drehen. Zefix!

Für Nicht-Schwaben wahrscheinlich erträglicher als für mich.

Es war einmal…

Der Herr, der da gerade in Treckingsandalen, die jeden Treck dieses Planeten mindestens einmal durchwandert haben, über den Platz schlurft, hat die siebzig längst hinter sich gelassen, die achtzig möglicherweise auch, Zum offenen Langhaar mit Stirnband trägt er (seit mindestens Wochen) eine Vielzuvieletaschen-Bermudashorts in der Farbe unbestimmt-bis-alles-aber-irgendwie-Beige, die am nicht vorhandenen Hintern baumelt sowie, als Krönung, sein seinerzeit im ersten Job als Berufskleidung ausgegebenes Muscle-Shirt mit den viel zu tiefen Armausschnitten und der schwer verwaschenen Aufschrift “Pool Boy”.

Alt werden ist nichts für Feiglinge.