Gestern Abend in der Therese-Giehse-Halle: “Anna, Mascha und Julia – (K)ein Stück von Tschechow”

Ich hatte diesen Besuch der Jahrgangsinszenierung der Otto Falckenberg Schule an eine Freundin verschenkt und gestern war nun der dritte Anlauf, weil bei den ersten beiden Malen VERDI streikte und weder Publikum noch Schauspieler mit Öffentlichen Verkehrsmitteln ins Theater gekommen wären. Die Dreizahl gilt als gutes Omen und dem war auch so: die U-Bahn fuhr, als wäre sie nie bestreikt worden. Wenn jetzt auch noch die Inszenierung gut gewesen wäre, hätte es ein perfekter Abend werden können. Steht im Programmheft: Lizzy Timmers (Regie) ist Performerin und Regisseurin und war bis 2024 künstlerische Co-Leiterin am Theaterhaus Jena. Durch ihre Arbeitsweise schafft sie es, die individuellen Interessen und Fähigkeiten aus den Spielenden hervorzuholen und sie zu einer humorvollen und ansteckenden szenischen Reise zu verbinden.

“Ansteckend”. Aha. Dann schauen wir mal. Die Bühne ist ein silbrige Scheibe, aber, wie die Darsteller mehrfach während des Stücks bedauernd anmerken, keine Drehbühne, darüber ein großer dicker Mond, der später in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden wird. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen der Symbolik, nämlich. Als Versatzstück gibt es noch einen Hocker, den man sich gelegentlich bei der Dame, die die Inszenierung auf der E-Gitarre begleitet, entleihen kann. Die junge Truppe hat sich vorgenommen, die Essenz des Werks Anton Tschechows zur Aufführung zu bringen, also der Stücke Kirschgarten, Möwe und Onkel Wanja sowie die Erzählung von der Dame mit dem Hündchen und dabei die Fragen zu klären: Was bedeutet es, zu schwach zu sein, um das Leben zu leben, von dem man träumt? Wie steht es um Abhängigkeiten, wie schafft man es loszugehen? Werde ich das richtige Leben gelebt haben? Ehrgeizig, aber schauen wir mal.

Als Rahmenhandlung werden der Dichter selbst (Luis Brunner, fad, fad und fad – der wäre, so wie sein Tschechow angelegt ist, selbst der durchschnittlichen Schwiegermutter zu langweilig) sowie seine sich für ihn, seine Karriere und seine Nachlaßverwaltung aufopfernde Schwester Mascha (Antonina Gruse) als quasi moderierende Erzähler etabliert und dann springen wir zu Onkel Wanja, der hier ohne Grund und ohne Erklärung eine Tante ist (Katharina Salzberger). In diesem, ich nenne es einmal in Ermangelung einer besseren Idee, Kapitel, besticht Anna Luster als immer nur zu kurz kommende und unerfüllt liebende Sonja. In einem kurzen Exkurs darf sie mit Stabpuppen spielen – leider reichen weder Zeit noch Beleuchtung, von den Figuren mehr zu erkennen als den Hulk und den Munch’schen Schreienden. Hätte eine hübsche Idee sein können, verläuft aber leider im Sande. Gegen Ende dieser Einheit kommt es zu einer Art Schlammcatchkampf zwischen Sonja und Mascha, bei dem der bemerkenswerte Satz fällt: “Ich bin dein Bison.” Darüber hinaus keine besonderen Vorkommnisse.

Nun sind wir bei der Möwe angekomme. In diesem Kapitel sollen, glaube ich, Sinn, Zweck und Bedeutung von Kunst verhandelt werden, weswegen die arme Samira Isa Benhane im feuerroten Overall einen eigenartigen Ausdruckstanz abhüpfen muß, zum zweiten Mal viel Trockeneisqualm auf die Bühne geblasen und schließlich die Möwe erschossen wird. Anschließend liegen Federn und Staniolpapierstreifchen (ja, damit sind Möwen traditionell gefüllt) auf der Bühne und es werden diese denkwürdigen Dialogzeilen aufgesagt: “Du bist meine Möwe!” – “Ich glaube, ich hab einen Vogel.” Dankenswerterweise trägt meine Begleiterin eine Armbanduhr. Hah, sieht gut aus, wir müßten schon weit über der Halbzeit sein. Pause gibt es keine.

Flugs zur Dame mit dem Hündchen, das, ich nehme an, weil es halt im Titel vorkommt, von einem der jungen Männer schnell vorgehechelt und eng an die Dame gepresst “gespielt” wird. Fürs Merkbuch habe ich aus dieser Sequenz folgenden tiefsinnigen Spruch notiert: “Wenn man nachts wach liegt, liegt es daran, dass man nicht schläft.”

Kirschgarten. Wir sind beim Kirschgarten angekommen, dem letzten Stück. Wieder habe ich meine helle Freude an Anna Lusters ruinierter aber rettungslos ignoranter Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Wie die ihre Figur auf dem Vulkan tanzen läßt… die kann was, die wollen wir uns merken! Als ihr Gegenspieler steht ihr Luca Lauris Leverenz (was ein Künstlername!) als neureicher Lopachin ebenbürtig gegenüber. Aber es geht auch hier nicht gut aus. Wie? Nein, dieses Mal kommt kein Vogel zu Schaden. Nur Bäume.

Dafür, dass die jungen Leute eigentlich am Ende ihrer Ausbildung stehen, ist bei einigen, vor allem bei den jungen Männern, doch noch viel Optimierungspotential. Arg viel, wie ich finde. Auch haben ihnen Regisseurin und Dramaturgin bei der Bearbeitung des Stücks keinen Gefallen getan. Man kann beim Publikum nicht die umfassende Kenntnis von Tschechows Œuvre voraussetzen, die diese Bühnenfassung verlangt. Menschen, die ins Theater gehen, um sich unterhalten zu lassen, haben ein Recht darauf, mehr an der Hand genommen zu werden, als es hier der Fall ist. Dafür lernt man doch die Schauspielerei – nicht erklären. Zeigen.

Aber immerhin habe ich gelernt, dass auf den Bühnen des Rußlands des ausgehenden Zarismus mehr Tee getrunken worden sein muß als in allen britischen Gesellschaftsdramen zusammen. Ist doch auch was.

Gelesen: Urlaubslektüre

Nebenan, auf den Liegestühlen am Pool: Die eine: “Ach Mensch, jetzt ist mein Buch zu Ende und wir haben doch noch zwei Tage.” Darauf die hilfsbereite Freundin, ihres hinüberreichend: “Kannst meins weiterlesen. Da gehts auch um Mord.”

Ganz so einfach wie die beiden Damen habe ich mir die Auswahl meiner Urlaubslektüre nicht gemacht – umso enttäuschender, dass ich dieses Mal keine sehr glückliche Hand hatte. Ist mir auch noch nie passiert.

Nicht zu Ende gelesen: David Peace – “GB84”
Es handelt sich um DAS mehrfach preisgekrönte Standardwerk zum britischen Bergarbeiterstreik im Jahre 1984, beschreibt den politisch getriebenen Beschluss, auf Gas und Öl statt Kohle zu setzen und die Auswirkungen der gnadenlosen Haltung der Regierung Thatcher gegenüber den streikenden Minenarbeitern auf die ganze britische Gesellschaft bis heute.
Ganz sicher wichtig, ganz sicher ehrenwert. Aber so durcheinander geschrieben (soll wohl die vielen beteiligten Stimmen darstellen) und so inkosistent, dass ich nach einem guten Drittel aufgegeben habe.

Auch nicht zu Ende gelesen: Ursula K. Le Guin – “Always Coming Home”
Ich verehre Le Guin, seit ich “The Left Hand of Darkness” zum ersten Mal gelesen habe und hatte mir dieses Werk schon lange beiseite gelegt, um es einmal in den Ferien in Ruhe und mit viel Zeit lesen zu können. Es soll nicht weniger sein als die anthropologische Darstellung einer Gemeinschaft, die es nie gab, in deren Riten, Geschichten, Tänze und Gesänge. Ich bin aber einfach nicht reingekommen. Beim besten Willen nicht. Kommt ins Regal in der Hoffnung, dass ein anderes Mal der richtige Zeitpunkt sein wird.

Erst recht nicht zu Ende gelesen: Thomas Pynchon – “Mason & Dixon”
Was hatte ich mich auf dieses Buch gefreut und mir mehrfach verkniffen, den Wälzer anzufangen, damit er mir für die Ferien bleibt. Er behandelt eine geschichtliche Epoche, die mich schon lange interessiert: die Vermessung des nordamerikanischen Westens, das “Manifest Destiny”.
Meine größte Enttäuschung. Nach 40 Seiten zugeklappt. Unerträglich schwatzhaft, furchtbar selbstverliebt in die eigene Fabulier- und Formulierkunst. Un-er-träg-lich. Ich habs trotzdem wieder mit nach Hause genommen. Einen Versuch kriegt er noch.

Als “Zwischenfutter” gelesen: Hakan Nesser – Doppelband: “Münsters Fall” und “Der unglückliche Mörder” in der Übersetzung von Gabriele Haefs
Auffällig: der hohe Anteil an deutschsprachiger Literatur im “Zurückgelassenen”-Regal des Hotels; entweder haben die französischen Touristen von Hause aus nicht so viel zum Lesen dabei – oder sie nehmen es wieder mit. Ebenso auffällig: die Bandbreite. Vom kaum berührten “Zauberberg” über viele Krimis und weidlich zerlesene Stephen Kings und Utta Danellas ist alles dabei.
Ich leihe mir zur Erholung von meinen Mißgriffen einen Doppelband Schweden-Krimis. Kann man ja nicht viel falsch machen mit, denke ich. Doch. Kann man. Entweder wird Nesser maßlos überschätzt oder ich bin unwahrscheinlich gut darin, schon auf den ersten Seiten zu entschlüsseln, worauf das Ganze hinausläuft. Beide Bücher: la-ang-wei-lig und eher diagonal gelesen. Immerhin nehme ich was mit, das aber wohl mehr der Übersetzerin zu danken ist. Irgendwann werde ich in einem Gespräch über Jazzmusik beiläufig erwähnen, dass die Sängerin eine Stimme wie “siedender Samt” habe und so tun, als wärs von mir.

“Und wo bleibt das Positive, Frau flockblog?” Gemach, gemach, liebe Leserin, lieber Leser, das kommt jetzt, denn ich hatte noch zwei Bücher im Gepäck und habe mit großem Gewinn…

… gelesen: Andreas Heusler, Angelika Sinn (Hrsg.): “Die Erfahrung des Exils. Vertreibung, Emigration und Neuanfang. Ein Münchner Lesebuch”
In jahrelanger Arbeit haben die Herausgeber die Geschichte und Geschichten deutscher Juden zusammengetragen, die ihre Heimat unter teils abenteuerlichen Umständen noch verlassen konnten und so den Nationalsozialisten entkamen. Spannend, berührend und unbedingt empfehlenswert. Bin immer noch irritiert wie irritiert ich war, dass deutsch-jüdische Biographien über das Jahr 1945 hinausgehen. Mein Exemplar kann ausgeliehen werden.

… gelesen: Ryan Gattis: “All Involved”
Yesss! Ein Paradebeispiel für sogenannte “narrative fiction”. Gattis erzählt die Geschichte der sogenannten “LA Riots”, als ganz Los Angeles (also zumindest die ärmeren Viertel) brannte, nachdem die Polizisten, die den Tod von Rodney King zu verantworten hatten, allesamt von einer Jury freigesprochen worden waren. Ich habe noch nicht oft so atemlos mitverfolgt, wie eine Stadt ins Chaos fällt – und das unter dem Blickwinkel aller Beteiligten, deren Perspektiven kunstvoll und mitreißend miteinander verwoben werden, in einer Sprache, die so dermaßen authentisch klingt, als habe er bei den Straßengangs wörtlich mitgeschrieben – genau wie bei den Vertretern der Ordnungsmacht, deren “Operationen” nicht nur schwarz, sondern um einiges dunkler gewesen sein müssen.
Lesen! Lesen! Lesen!


    Da komm’ ich mitten in der Nacht heim,

    denke mir meinen Lenin und kontrolliere den Balkon auf ungebetene Gäste. Im Ostflügel hält die Besenabwehr, im Westflügel die neu auf dem Schrank oben installierte Blockierkartonreihe. Oder? Mit zusammengekniffenen Augen nochmal geschaut, irgendwas ist doch anders? Dann zum langstieligen Besen gegriffen und gescheucht.

    Merke: ein Karton hat keine Krallen. Blödes Vieh!

    Gestern Abend im Marstalltheater: “Automatenbüffet”

    “Automatenbüffet” ist ein Stück der Autorin Anna Gmeyner, die gerade wieder entdeckt wird, ähnlich wie vor ein paar Jahren Gabriele Tergit und, wie diese, ein Beispiel dafür ist, wie erfolgreich die Nationalsozialisten Autoren und Autorinnen aus dem kollektiven Gedächtnis im wahrsten Sinne des Wortes gebrannt haben. Gmeyner ist durch Zufall mit dem Leben entkommen, hat im Exil noch ein wenig deutschsprachige Prosa veröffentlicht (s. https://flockblog.de/?p=53055) und ist dann verstummt.

    In der Marstall-Inszenierung von Elsa-Sophie Jach besteht das Bühnenbild aus dem riesigen schrägstehenden Wirthaustisch des Automatenbüffets (Bühne: Bettina Pommer), an dessen Ränder sich die örtlichen Honoratioren klammern, wobei das Wirtsehepaar und die versprengten Hausgäste die steile Fläche mühsam bespielen. Besonders die Wirtin Frau Adam (Carolin Conrad mit extrem ausdrucksstarker Gestik und Mimik), die aus einer seltsamen hoch über dem Tisch hängenden Apparatur Biere in Maßkrüge zapft und in einem fort wischt und ihren Besitz erhält, ihren, wie sie nicht müde wird, zu erwähnen.

    Herr Adam, kongenial weinerlich zickig und sich an seinen hehren Ideen besaufend gespielt von Florian von Manteuffel, bringt die just aus dem Fischteich vor dem Freitod gerettete tropfnasse Eva (Anna Drexler, sehr einprägsamen Stimme, großartiges ruhiges manipulatives Spiel) ins Haus und die Hölle bricht los. (Über die Symbolik der Namensgebung spreche ich gar nicht erst.) Alle Anwesenden wollen was, die meisten Männer diese blonde Eva und mehr Geld, Macht, Ansehen, der Zimmerherr Prankraz (Patrick Isermeyer) ein Stück vom Kuchen oder wenigstens vom Restaurant, die Wirtin Adam will geliebt werden, Eva will eigentlich tot sein, oder aber wenigstens ihre Ruhe und Puttgam, der Mann am Klavier (herrlich: Max Rotbart) wäre damit zufrieden, wenn man ihm seine Würde zugestände.

    Rotbart hat einen ganz kurzen, ausgesprochen wunderschönen Auftritt als Willibald Boxer, Dichter und Staubsaugervertreter, der Mann, der Eva durch seine Brutalität zum Selbstmord getrieben hatte. Sein Ausbruch, als er sie lebend zu Gesicht bekommt, ist einer der komischen Höhepunkte des Stücks – sie könne nämlich auf keinen Fall zu und mit ihm zurück, wo er ihren Suizid (nachvollziehbar, weil er sie ja nicht mehr liebt) schon bedichtet habe. Ich würde zu gerne wissen, ob Gmeyner bei der Figur den jungen Brecht vor Augen hatte oder ob er Jach beim Inszenieren inspirierte oder ob es nur mir so ging.

    Die Inszenierung ist sehr physisch, spielt die halbe Zeit in Matsch und Dreck und bemüht sich gar nicht erst, die Gmeynersche Allegorie auf den aufkommenden Faschismus zu entschlüsseln, sondern gibt nur Denkanstöße, wie, nur ein Beispiel von vielen, den sich in seine Einzelteile auflösenden Wirtshaustisch.

    Wer Zeit hat, sehe sie sich an. Bei mir klingt sie sehr nach.

    Wieder da

    Noch graut der Morgen nicht so recht, aber der Muezzin ruft zum Morgengebet und ich muss auch raus, weil zum Pauschaltourismus gehört, dass immer alle alle Eventualitäten einplanen, also falls der abholende Bus zu spät dran wäre oder in einen Stau geräte oder ein anderer Tourist es nicht rechtzeitig schaffen täte oder die Straße zum Flughafen gesperrt oder der Flughafen verlegt worden wäre oder… und außerdem besteht die Airline darauf, dass ihre Passagiere drei Stunden vor Abflug da sind, falls irgendwas am Flughafen wäre. Um vier Uhr morgens habe ich dazu keine Meinung, sondern bin zu spedierendes Gut. Mehr Hirn ist noch nicht.

    An den tiefschlafenden Straßenhunden vorbei (ja, so früh ist es noch!) sammelt der Bus die anderen Deutschen ein (auch beim Rückflug immer die ersten), passiert den Sund auf dem allerliebste Flamingotretboote in allen Farben des Regenbogens im roten Licht des Sonnenaufgangs (immerhin geht die jetzt auch mal auf) schaukeln und erheitert die Bierdosenjungmänner im hinteren Teil des Busses mit dem Hinweisschild auf das Hotel “Al Baracka” (“so sollten die hier alles nennen”) und dann rutscht die schlaftrunkene Truppe durch Security, Passkontrolle, Check-in und Gepäckaufgabe zu Gate 1. Noch weit über zwei Stunden bis Abflug, aber es gibt ein Café. Ich habe, obwohl der Export der Landeswährung strengstens verboten ist, vorausschauend noch ein paar Dinar aufgehoben, nun aber. Nix da, erst mal müssen Influencers ihre Energydrinks (Klischee, aber was will man machen) mit ihren Smartwatches bezahlen (das dauert, man möchte in ein paar Jahren nicht deren seltsam verrenkten Handgelenke behandeln müssen). Meine Dinare werden mittelfreundlich weggelächelt, “Euro only at the airport”. Immerhin, der teuerste Kaffee Tunesiens schmeckt und jetzt sind es nur noch unter zwei Stunden bis Take-off. Zeit genug, der Flughafenkatze dabei zuzusehen, wie sie die Flughafenschwalben nicht erwischt.

    Der Flug ist nicht ganz voll. Discover, eine der Lufthansa-Billig-Airlines, verdient sich trotzdem ein goldenes Näschen am Bordverkauf von schlechtem Kaffee, Häppchen und Discover-Devotionalien. Umsonst gibt es nur noch ein urinprobengroßes Becherchen mit Wasser ohne Sprudel. Aber wurscht, der Flug dauert nur ein bißchen über zwei Stunden, kaum ist die Reiseflughöhe erreicht, beginnt auch schon der Landeanflug. Leuchtende Rapsfelder markieren den Weg zur Einflugschneise, da, die Ruderregattastrecke und bummsti, die Räder berühren den Boden. Es scheint die Regel zu gelten, dass, wer billig fliegt, gerne ein paar Schritte zu Fuß geht und so dauert der Weg zum Gepäckband (inklusive einer Zugfahrt) doch fast eine gute halbe Stunde. Außerdem gibt es noch eine Stunde Aufschlag, weil Tunesien den Schwachsinn mit der Zeitumstellung nicht mitmacht. Zieht sich alles ganz schön, bis ich endlich meine Haustür aufschließe. “Reisen” kann man dieses Transportiertwerden nicht nennen.

    Daheim sind die Temperaturen gerade mal halb so hoch, wie ich das jetzt gewöhnt bin, das wollen wir bitte schleunigst ändern. Ansonsten hätte ich jetzt gerne einen schönen langen bayerischen Sommer, der blühende Flieder aller Orten ist schon ein guter Start. Lob!

    Tourismus: Fluch oder Segen?

    Also es ist ja so: Als ich das letzte Mal hier war, waren wir alle noch ein Ende jünger, die Welt, die Insel und ich. Was haben wir uns verändert… Damit ich das nicht nur behaupte, sondern selbst nachprüfe, denke ich mir, “mach das, wie sich das für die ältere Dame (jawollja, Herr E., “Dame!”), die du bist, gehört und buche eine Inselrundfahrt, mit Reiseleiter und allem”. Hah!

    Viel zu früh morgens mit viel zu vielen anderen in einen Bus verladen, lerne ich: Auf Djerba gibt es nach wie vor nur das bißchen Süßwasser, das nach den Regenfällen im Herbst in unterirdischen Zisternen gesammelt für Mensch und Vieh reichen muss, nennenswerte Landwirtschaft, außer Dattelpalmen und Oliven: keine, traditionelles Handwerk umfasst Töpfer- und Weberei, wer essen will, hält (magere) Hühner, vielleicht mal eine Geiß und / oder muss fischen. Alle anderen Dinge des täglichen Bedarfs kommen über den sieben Kilometer langen Römerdamm vom Festland (neben erobern konnten sie bauen, die Römer, das muss man neidlos anerkennen, das Ding hält bis heute wie eine Eins). Hinzugekommen ist in den letzten vierzig, fuffzig Jahren die Tourismusindustrie (anders kann man diesen Monsterbetrieb gar nicht bezeichnen) sowie Edelmedizin für vermögende Lybier und, seit dem arabischen Frühling, einige ihrer Heimat beraubte Künstler, die sich zu Kolonien zusammengetan haben.

    Das erklärt Reiseleiter Yussuf (“Sie können mich ‘Josef’ nennen”) mit einer Engelsgeduld seinem vorwiegend angejahrten Publikum, das entweder döst (es ist noch keine 08:00 Uhr morgens und man soll schon – vom Bus aus, nicht etwas aussteigen – römische Baukunst schätzen) oder ignorant darüber schwatzt, was das jeweilige Hotel als “Lünchpaket” mitgegeben hat. Wobei Einigkeit darüber besteht, dass es, egal wieviel Sterne, unzureichend ist.

    Erster Stop: Guellala, ein “traditionelles Töpferdorf”, weil es in der Nähe Tonminen gibt. Die zu besichtigende Töpferwerkstatt (“mit Vorführung und Einkaufsmöglichkeit”) ist ein Fotomotivparadies, mit malerischen alten Amphoren und Werkzeugen und Brunnen und wunderschön arrangierten Regalen mit Halb- und knallbunter -fertigware, diesem und jenem anderen fotogenen Krug, Sandrose, Kruscht, Schüssel, Teller, Tasse, Kröte, Frosch und Lurch sowie einem sehr gelangweilten Babydromedar mit einem hollywoodreifen Augenaufschlag. Außerdem is the artist in the house und zaubert auf der Drehscheibe eins der ersten vielen Schüsselchen für heute. Unserer ist der erste Bus des Tages (“die Deutschen sind immer die ersten”), aber bis wir durchgeschleust und die letzten Souvenireinkäufe getätigt sind, drängeln schon die nächsten beiden Busladungen nach. Ich frage mich nicht zum letzten Mal heute: Segen oder Fluch?

    Nächster Halt: Erriadh, vor 2500 Jahren ursprünglich von jüdischen Flüchtlingen gegründet, ist jetzt auch Heimat des Projekts “Djerbahood”, initiiert von Mehdi Ben Cheikh. Ein lebendiges Freilichtmuseum für progressive Kunst an den Hauswänden, Murales, Graffitti, Airbrush. Alles, von ganz und gar apolitisch mit Disney-Figuren bis hin zu sehr klaren Bekenntnissen zur jungen tunesischen Demokratie und herzzereißende Bildern von der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmehr. Sehr toll. Sehr voll. Bis immer jeder sein Foto fürs Touristenbusmemory geschossen hat, kann’s dauern. Einfach anschauen und merken reicht nicht. Dazwischen streunen ein paar zu viele Straßenköter herum und man steht den Einheimischen im Weg. Wir besichtigen noch kurz “Moscheen und andere Knieorte” (das ist die Synagoge), aber wir müssen uns eilen, wir haben noch so viel Programm… Auffällig ist, dass viele Männer aus dem Bus Kunst und Kultur eher beiläufig mitnehmen, sich aber gar nicht mehr einkriegen, wenn sie die noch fahrtauglichen Uralt-Peugots und Renaults (besonders das Modell 404) vorbeiknattern sehen. Ich habe noch nie erlebt, wieviele Bilder man von Behelfsradkappen oder -tankdeckeln knipsen kann. So schön und interessant und lehrreich dieses Dörfchen ist… die anderen Gruppen sind uns schon auf den Fersen und verweilen oder gar mal wirken lassen geht nicht.
    Falls es wen interessiert: Hier eine Fotostrecke von jemandem aus dem Internet, die gibt einen ganz guten Eindruck: https://www.boredpanda.com/er-riadh-village-street-art-djerbahood-tunisia/
    Hatte ich schon angemerkt, dass die Fluch-oder-Segen-Frage zur Diskussion steht?

    Als nächstes steht die Hauptstadt Houmt Souk an. Der Name bedeutet wörtlich “Ort, wo der Souk (Markt) ist” und als sich der Bus durch den Mittagsverkehr und Horden von freigelassenen Schulkindern ins Zentrum gequält hat, beschließe ich, dass ich in meinem Leben genug Obst-, Gemüse-, Fisch- und Fleischmärkte gesehen habe und außerdem jetzt endlich nötig den ersten Kaffee des Tages brauche, melde mich bei Yussuf ab, setze mich auf eine nette Kaffeehausterasse und habe binnen Augenblicken meinen Café au lait vor mir – und die ersten zwei auch gehfaulen Inselrundfahrtteilnehmer am Tisch. Haben wir so gewettet? Hätten die nicht wenigstens fragen können? Nachdem sich im Laufe der nächsten halben Stunde insgesamt zehn Menschen um das winzige Kaffeehaustischchen scharen, scheint mir, dass vielmehr ich die Regeln nicht kenne: wir sitzen doch alle in einem Bus, sind also eine Schicksalsgemeinschaft und man kann von uns nicht erwarten, dass wir in der Fremde allein auf uns gestellt ein Getränk einnehmen. Herrje.

    Fast sehne ich mich nach den ersten paar Minuten allein mit dem alten Paar zurück, dessen weiblicher Teil mir ganz stolz erzählt, man habe ja schon gestern “den Piratenausflug” gemacht und Pinguine gesehen. Pinguine? Hier? In Nordafrika? Jahaha. In der Blauen Lagune. Nämlich. Ich rechne es mir hoch an, dass ich nichts gesagt habe. (Diese Blaue Lagune eines der bekanntesten Winterquartiere migrierender Flamingos.) Nichts habe ich gesagt. Und es haben sich trotzdem alle an meinen Tisch gesetzt. Meine weise Oma hatte sooo recht: “Der Gerechte muss viel leiden.” Ja, muss ich. Aber da kommt Yussuf und sammelt seine Schäfchen. Wir müssen los, auf zur nächsten Attraktion. Weil: die Deutschen sind immer die Ersten.
    Ich tendiere langsam zu Fluch. Wenigstens für mich.

    Final Stop: “Dar Jilani” (Haus des Jilani), Werkstatt und Galerie eines Künstlers, der Müll (an Nachschub besteht kein Mangel) zu Kunst umarbeitet, neudeutsch: “Upcycling”. Zum riesigen Haus und zur “Höhle der Kreativität” gehört ein schöner weitläufiger Garten mit allerlei in Einzelfällen schöner und ausdrucksstarker Kunst und viel dekorativem Kunsthandwerk. Außerdem gibt es Tee und Kekse. Und ich werde in Ruhe gelassen. Ein Segen.

    Das wäre sie dann gewesen, die Inselrundfahrt. Weil, die Deutschen müssen auch pünktlich als erste zum All-Inclusive-Mittagessensbüffet im Hotel zurück sein. Hmmm.

    Ob dieser Tourismus nun Segen oder Fluch ist? Ich glaube nicht, dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben kann und darf. Es geht sicher vielen besser. Aber geht es ihnen gut?

    Aus meinem Badehaus

    Der Mensch, vor allem, wenn von seiner Heimat entfernt, neigt zum Revierdenken. Meine Liege, mein Tisch, mein Platz im Cafe, meins.

    Mein Favorit ist “mein” Schwimmbad geworden. Ich turne dort täglich mit den anderen Moppels und über Mittag habe ich es für mich ganz alleine. Dann schwimme ich, gut warm, unter dem Glasdach unter der hochstehenden Sonne und hänge, faul auf dem Rücken treibend, meinen Gedanken nach. Das ist so friedvoll und tiefenentspannt, dafür ist die angemessene Anzahl an Hachs! noch gar nicht erfunden.

    Nun war es heute bewölkt. Schlimm genug für mein Treiben unter der Sonne. Aber noch viel schlimmer, dass eine lärmende Rentnergang in meinen Mittagsfrieden einbricht, die auch um die wohltuende Wirkung schwüler Wärme auf morsche Knochen weiß. Und die müssen rufen und sich vor den Massagedüsen klumpen und lustig mit Wasser spritzen – hrrrrgggnnn! Raus aus meinem Revier!

    Wird aber noch schlimmer (jaha, ich muss arg leiden).

    Nachmittags dringen Influencers in meinen bisher vor ihnen geschützten Raum ein. Wir Mut-Moppel stellen uns gerade der Extra-Extra-Water-Challenge, die im wesentlichen darauf hinausläuft, nicht domestizierten Hartschaumstoffnudeln unseren Willen aufzuzwingen. Gegen deren und den Wasserwiderstand. Dabei kommt es zu sehr komischen Szenen mit kreuz und quer durch die Wellen (oh, ja) schießenden Nudeln, über die Klasse und Instruktorin auch sehr herzlich lachen können. (Jede/r Moppel kann Selbstironie. Ist eine Überlebenstechnik.)

    Influencers lachen auch und halten die Kameras drauf. Da schlägt die große Stunde unserer Lehrerin! Dieses Persönchen baut sich vor dem Paar auf, hält ein flammendes Plädoyer, in dem die Worte “Respekt” und “Schande” ungefähr gleich häufig vorkommen, lässt sich die Handys geben und löscht die Filmchen. Es mag geholfen haben, dass der 2-Meter-2-Zentner-Lifeguard für diesen letzten Schritt zugegen war.

    Was ein G’schwerl!

    Ich kann ja nun nicht mehr zu meiner Mutter zurück. Aber mit Abreise drohen, das ginge. Wenn keiner meine Buchungsdaten nachschaut…