
Wieviele Leihmütter hat der Mann denn insgesamt so benutzt?
Die inzwischen fast achtzig Jahre alte Meryl Streep ist offensichtlich mit Botox und dergleichen Schönheitsoptimierungsmaßnahmen immer vorsichtig umgegangen, sie hat sich ihre ausdrucksstarke Mimik inklusive ein paar Begleitfalten erhalten, sieht aus wie höchstens sechzig und dabei gut gehalten. Als Miranda Priestly verlangt man von ihr gerade mal zwei Spielarten: erst biestige alte (nein: ältere) Hexe, dann geläuterte große alte (nein: ältere) Dame mit Tiefgang und Gefühl. Ist aber nur für kurz. Dann wieder Biest. Zwischendurch mal schnell Komik, das ist immer, wenn sie zu politischer Korrektheit ermahnt wird. Ist dann halt auch gerade mal so maximal mittelkomisch wie immer, wenn ein Dinosaurier Tischmanieren lernen soll. Hahaha.
Die beiden Mittvierzigerinnen Anne Hathaway und Emily Blunt scheinen unter diesem grausligen ansteckenden Hollywood-Gleichmacher-Virus gelitten zu haben, der Taillen (furchtbar) schmal und Gesichter babyhautglatt macht. Macht nichts, große darstellerische Leistung wird ihnen nicht abverlangt (die eine kämpferisch, die andere intrigant), es ist mehr Talent zum Umziehen und schöne Kleider vorführen gefragt.
Mit Mittsechziger Stanley Tucci und Kenneth Branagh geben jeweils den verständnisvollen Karrierefrau-Sidekick, der eine zuständig fürs Berufsleben, der andere für privat und sehen so alt aus, wie sie sind. Sind ja auch Männer. Da geht das. Dass sie eigentlich gute Schauspieler sind? Nicht nötig. Hauptsache, verkaufsfördernde Namen.
Der Cast ist im Vergleich zum ersten Film diverser geworden, es kommen andere Hautfarben vor als weiß. Öha! Und ein Dicker (Caleb Hearon). Aber der ist für comic relief zuständig. Dick. In einer Welt von Ozempic-Schönen. Hahaha!
Die Story ist schnell erzählt: Es ist die neuzeitliche Fassung von “Video killed the Radio Star”, nämlich “Digital kills Print”. Es ist nicht so, dass sie nicht versucht hätten, wieder ikonische Zitate zu kreieren, es bleibt aber gar nichts haften, weil der ganze Film so unglaublich schal und nichtssagend oberflächlich ist.
Muss man nicht gesehen haben.
Ich wäre ja auch viel lieber in die Odyssee gegangen. War aber ausverkauft.
Vorrede: Wer als Rezensent*in dystopischer Literatur in Fachkreisen was gelten und bei der Leserschaft Eindruck schinden will, der (gendern Ende, ab sofort generisches Maskulinum) sieht zu, dass er irgendwo in seiner Buchbesprechung eine Referenz auf Frau Haushofers Roman “Die Wand” unterbringt.
Mir war der Inhalt in Grundzügen bekannt: eine Frau erwacht eines Tages hinter einer durchsichtigen undurchdringlichen Wand. Auf der anderen Seite scheint es kein Leben mehr zu geben, bei ihr im Bergwald um die Wochenendhütte scheint sie der einzig übriggebliebene Mensch in ansonsten weiterhin normal gedeihender Flora und Fauna zu sein.
Ich wollte es immer mal lesen und nun war es wohl an der Zeit, denn der Bücherschrank hat es mir geschenkt. Noch dazu ein Exemplar wie aus meinem Haushalt: sorgsam gelesen, nix geknittert oder verschmutzt, nur leicht angegilbt, weil Raucherhaushalt.
Was für ein großartiges Buch! Schlicht und klar geschrieben, mitreißend. Extrem berührend.
Lesen! Lesen! Lesen!
Ich hebe meines so lange auf, bis jemand Interesse anmeldet. Dann gebe ich es gerne weiter und freue mich für den nächsten Leser mit, dass er diese Erfahrung machen darf.
Der katholische Kindergarten gegenüber hat einen schönen schattigen Garten. Die aufsichtsführenden Nonnen lassen ihre Schützlinge gerne draußen herumtoben, was im wesentlichen heißt, dass sich die Kids laut schreiend und kreischend selbst mit Fangerlesspielen unterhalten und danach ermattet am und im Sandkasten herumhängen. Das nutzen dann die Voll-Pinguine im dunklen Habit, um sich nach drinnen zurückzuziehen.
Zurück mit der Verantwortung für den korrekten Umgang mit Eimerchen und Schäufelchen bleibt eine Novizin mit weißem Schleier (daraus und dass sie noch sehr jung ist, habe ich den Novizinnenstatus abgeleitet, kann aber auch falsch liegen), an deren Berufung ich allerdings leichte Zweifel hege. Schleier, ja. Perfekt.
Aber darüber hinaus: Jeans und Sneaker. Wäre vielleicht auch noch gottgefällig, was weiß ich denn schon. Aber welches Glaubensbekenntnis sieht vor “Lebe wild und frei”, wie’s auf ihrem T-Shirt steht? Ich habe die allesamt restriktiver in Erinnerung.
Ich bin ja noch aus der Generation, die im Dauerdialog mit ihrem Inneren Schmied antike Waffen in überholte landwirtschaftliche Gerätschaften umdemmeln wollte, in Massen zu Friedensdemos pilgerte, griffige Thesen wie “Petting statt Pershing” zu Munde führte und Wörter wie “NATO-Doppelbeschluss” fehlerfrei aussprechen konnte (fragt Oma).
Inzwischen bin ich so tief gesunken, dass ich gelegentlich morgens mit gezückter Wasserpistole auf den Balkon gehe, in Richtung “Guruh-Guruh” feuere und den aufgescheuchten Flatterviechern noch einen Guß nachschicke. Außerdem nehme ich mit klammheimliche Freude (fragt Oma) zur Kenntnis, dass andere Nachbarn ebenfalls aufgerüstet haben und ihre Wasserpistolen locked, loaded und griffbereit auf ihren Balkonen liegen haben – auch wenn es bloß kleine quietschgelbe Amateurmodelle sind und keine Profipumpguns wie meine.
Mache ich alles nicht mehr oft, denn meine Flatterfähnchenabwehr zeigt Wirkung, die Kackbratzentauben lassen mich morgens ausschlafen und bescheißen andere Balkone. Mir würde das vollkommen reichen. Ab und zu mal ballern, kein Dreck mehr. Nicht aber dem einen oder der anderen aus meiner Lesergemeinde. Mich erreichen Beschwerden, dass ich keine lustigen Taubengeschichten mehr schreibe. Tssss.
Schafft euch doch eigene Scheißviecher an, ey!
Auf dem Bankerl neben meinem sind zwei Philosophen im ernsthaften Austausch. Es geht um Frauen. Einer faßt sein Urteil über eine frühere Partnerin wie folgt zusammen: “Sie is ja koa Schlechte, aber a Matz is sie scho!”
Ich arbeite noch an einer Übersetzung ins Hochdeutsche, bin aber sicher, dass es nicht eleganter geht als im Bayerischen.
Der ansonsten potthäßliche Partnachplatz wird durch den demnächst sein zehnjähriges Dortstehjubiläum feierndes und sehr gut kuratierten roten Bücherschrank stark aufgewertet. Heute ist viel Betrieb, aber ich habe viel Rentnerinnenzeit sowie eh schon ein Buch dabei, und setze mich in aller Ruhe zum Abwarten bis der Andrang vorbei ist auf ein Bankerl und beobachte folgende wunderschöne Szene:
Ein Herr und eine Dame geben den Bücherschranktanz. Nicht bekannt? Das ist eine sehr einfache Choreographie: die Schränke sind im allgemeinen einen guten Meter breit. Mit normalguten Augen ist es möglich, ungefähr die Hälfte der Titel auf den Rücken der dicht an dicht stehenden Bücher zu lesen, weiter drüben wird schwierig. Daher gebietet die Bücherschranketikette, dass eine Person ihre Seite verläßt, in einem mittelgroßen Bogen um die andere herumgeht, die derweil auf die verlassene Position aufrückt, während der Bogengeher deren ursprünglichen Platz einnimmt. Dann kann das Buchrückenlesen neu beginnen.
Das tun die beiden erst auf der einen, dann auf der anderen Seite des Bücherschranks (wo ich sie noch viel besser sehen und hören kann) und kommen, wie das oft geschieht, über ein Werk ins Gespräch. Sie mögen es beide nicht und finden den Autor doof, das schweißt zusammen und sie unterhalten sich weiter. Er sagt, dass er hier nachher verabredet und extra früher gekommen ist, damit er noch Bücher gucken kann. Sie sagt, dass das bei ihr ganz genau so ist und dass sie hofft, noch ein gutes Buch zu finden, damit sich wenigstens der Weg gelohnt hat, wenn der Mann nix taugen sollte.
Weil das Leben als Geschichtenerzähler nicht sonderlich raffiniert ist, gibt es keine überraschende Wendung mehr und sie kommen drauf, dass sie jetzt miteinander ein Blind Date haben. Ich wüßte ja schon gerne, wie das ausgeht. Aber jetzt sind sie weg und ich habe den Schrank für mich und muss für das mitgenommene Buch nicht einmal tanzen.
Ich war gestern um Viertel nach Fünf am Rosenheimer Platz verabredet.
Normalerweise dauert es von hier nach dort mit der Bahn/den Bahnen nicht mal eine halbe Stunde, aber zur Zeit ist es, noch dazu am Wochenende, reines Glücksspiel. Also breche ich um 16:00 Uhr auf und habe ein angebissenes Buch dabei.
Schon beim Einsteigen ist die U-Bahn zum SEV-Bus rappelvoll mit Sailor Moons und Anime-Geschöpfen mit Spitzenmiedern, Wipperöckchen, Spitzenstrümpfen, abstehenden Zöpfchenen und jeder Menge Gebimsel und Gebamsel und Schleifchen hier und Spitzchen dort – und eine jede kunstvoller geschminkt als die andere und Glitzer auf allem, wo Glitzer irgendwie haften kann. Mit jeder Station werden es mehr, der Geräuschpegel dürfte ungefähr bei Gänsefarm kurz vor Weihnachten liegen… irgendwas muss ich verpasst haben. Hab ich, aber nachdem sich mehr und mehr Frauen aller Altersgruppen mit BTS-Tour-T-Shirts noch dazuquetschen wird mit klar: die Jungs haben ihren Wehrdienst absolviert und sind wieder auf Sing- und Hüpftour.
Und: diese Wesen, mit ihren Feenflügelchen und durchsichtigen Alles-Mögliche-Beuteln wollen als nächstes in meinen SEV-Bus. Alle. So unauffällig wie es nur geht dränge ich mich an der Behelfsbushaltestelle ganz nach vorne und habe nach einer Viertelstunde Wartezeit einen Saudusel: eine Zusteigetür hält genau vor mir. Hätt’ ich selbst nicht gedacht, wie schnell und wendig ich mich in den Fenstersitz schrauben kann. Ab da ist mir alles wurscht, selbst Sauerstoffmangel und Lärmpegel, ich sitze gut und will ja mal nicht so sein.
Der Bus schaukelt durch die Baustellen und Staus in Schlachthofviertel und Lindwurmstraße, umfallen kann keine, so dicht gesteckt wie die sind, zusteigen eigentlich auch nicht, trotzdem drängen immer noch ein paar dazu, uff! Aber sie sind alle lieb und nett und achtsam miteinander und so verläuft auch das Aussteigen am Sendlinger Tor ohne Zwischenfälle. Beim Versuch, zur U-Bahn abzusteigen, gibt es einen leichten Rückstau, denn der Bahnsteig unten ist schwarz vor Fan-Girls, aber auch der löst ich irgendwie auf und in der dritten U-Bahn, die hier voll beladen abfährt, finde ich für die eine Station, die ich bis zum Umsteigen in die S-Bahn am Marienplatz fahren muss, einen Stehplatz.
Nach eineinviertel Stunden treffe ich, ganz genau pünktlich, zu meiner Verabredung ein und die Mädels sind unterwegs zum Konzert. Alle glücklich.
Auf dem Heimweg treffe ich sie alle alle wieder. Verschwitzt, mit teilweise aufgelöstem Make-up oder Frisur, Laufmaschen und Trägern auf Halbmast sowie angeknitterten Flügelchen oder Matrosenkäppis. Aber glücklich. Und noch lauter als auf dem Hinweg, weil sie jetzt ständig Best-of-Medleys anstimmen und dann alle alle alles mitsingen. Tanzen geht in der Enge nicht, aber es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätten.
Glückwunsch, koreanische Unterhaltungsindustrie. Erfolgreicher geht nicht. Die Literatur leidet allerdings: ich habe mein Buch nicht einmal aufgeschlagen.