Nimmer ganz neu zum Strömen: “The Sheep Detectives”

Der Film entspricht ganz exakt den in ihn gesetzten Erwartungen, hat aber ein paar hübsche kleine Details zu bieten:

  • Gleich zu beginnt blökt der MGM-Löwe statt zu brüllen, sehr nett.
  • Eine Schafdame hält bis zum Ende des Abspanns an ihrer Mördertheorie fest (“It was the maid”).
  • Wenn ein Schaf “Mopple” heißt, kann es nur vom wunderbaren Chris O’Dowd gesprochen werden – das war sogar noch besser als erwartet.

Nicht zufrieden bin ich damit, dass

  • Emma Thompson schon wieder als biestiges Businessweib im fuchsiafarbenen Schößchenkostüm gecastet wurde. Die kann mehr.
  • ausgerechnet Tosin Cole, ein Mann mit schwarzer Hautfarbe, Schäfer in einem Dorf in England sein soll. Und dann ist er auch noch böse und will aus den wolligen Reizendviechern Hammelkoteletts machen. Da hat die Geschichte mit der politischen Korrektheit arg seltsame Blüten getrieben.

Aber sonst: entspricht der Film ganz exakt den in ihn gesetzten Erwartungen.

Kann man anschauen, muss aber nicht. Ist genau wie bei der Vorlage “Glenkill”. Kann man lesen, muss aber nicht.

Gelesen: Susanne Kaiser – “Witch Hunt”

Das Föjetong ist ja ein ganz großer Fan (oder Fännin, was weiß ich) von Frau Kaiser und ihren Krimis und den “Glauser” hat sie auch bekommen und wichtig sind ihre Themen auch, ja. Aber ich habe jetzt in nicht zu großem Abstand (s. https://flockblog.de/?p=54063) ihre beiden Obalski-Romane gelesen und halte sie für überschätzt, nachgerade maßlos überschätzt.

Nicht die Themen. Die sind wichtig und werden zunehmend wichtiger. Cybermobbing, speziell gegen Frauen, Deep Fakes, Deep Porn, all diese häßlichen Sachen, die aus der Manosphäre (inklusive aller Spielarten, inklusive Incels) “flood the zone with shit”, um Steve Bannon, mit dem ich sonst gar nix zu tun haben will, zu zitieren.

Aber der Schreibstil. Und die Sprache. Grauselitsch!

Ich hatte schon im ersten Band moniert, dass ich mich meist ins Erklärbärfernsehen versetzt fühlte oder in den Kurs Kreatives Schreiben, 1. Stunde. Die Autorin will Wissen vermitteln, also läßt sie einen Protagonisten einem oder mehreren anderen erklären, worum es hier eigentlich geht. Dau-ernd. Stän-dig. Nerr-vig!

Dann die Heldin Obalski. Nach diesem nunmehr zweiten Buch bin ich extrem versucht, sie bei vielen medizinischen Disziplinen vorzustellen. Erstmal bei allen, die irgendwo im Psycho-und psychosomatischen Bereich tätig sind: eh schon säckeweise frühkindliche Traumata und Bindungsangst und überhaupt und durch den aktuellen Besuch der Frau Mama ständig getriggert und retraumatisiert – da muss man doch was machen können? Wenn es “im Kopf rattert”, noch dazu “in alle Richtungen”? Oder “Griechischer Wein in Dauerschleife spielt und all die Gewißheiten zurück in Hoffnungen verwandelt”? Und in diesem Kopf: “Zwei Puzzleteile aufeinander zusteuern und sich umtanzen”? Das ist bestimmt alles behandelbar.

Des weiteren, um organische Ursachen auszuschließen, bitte auch einen Termin bei der Gastroenterologie vereinbaren, denn alle paar Seiten zickt der Bauch: er “kribbelt, diesmal deutlich weiter unten”, zieht sich zusammen, kracht, dampft und schmatzt, kribbelt schon wieder (und die Magengrube auch) – und dann das: “Das Innere der Kugel in ihrem Bauch wird so heiß, dass kleine Vibrationswellen vom kalten Glas in den Rest ihres Körpers ausstrahlen. Hoffentlich zerbirst es nicht wieder.” Könnte es vielleicht daran liegen, dass sie beim Yoga “aus Protest grundsätzlich in den Po geatmet” hat? Ich frag ja bloß.

“Und dann stolpert ihre Stimme und fällt hin. Mühsam rappelt sie sich hoch.” Die Stimme. Wo wir eh gerade dabei sind, noch ein schneller Besuch beim HNO? Dann ließe sich bestimmt auch die sehr angestrengte Jugendsprache in Telefonaten mit dem Berliner Neffen heilen. Booaaaahh, das nervt so dermaßen!

Gut, das wär’s soweit mit der Hauptfigur, dass sie nebenher so gut wie ausschließlich auch als Undercoverpolizistin intuitiv agiert und sich ihr Wissen, das das der anderen trotzdem überragt, mal wieder in einem Schnellkurs vor dem Einsatz angeeignet hat? Geschenkt. Zum Schluss muss sie wieder im Dunkeln an der Isar herumrennen und sich verletzen, hatten wir beim letzten Mal schon: auch geschenkt.

Frau Kaiser kennt sich in München aus, beispielsweise, dass man auf der Alten Utting das Gebrüll der Tiere vom Schlachthof hört, wobei sie schnell noch eine Statistik unterbringt (300 – 500 Kühe, pro Tag) und dann abends Verwesungsgestank durchs Viertel zieht, jahaha. Sie zeigt ihre Kennerschaft in einer Breite, die den Verdacht aufkommen läßt, sie werde vom Fremdenverkehrsamt dafür bezahlt – aber selbst hier: pfeif drauf, auch geschenkt.

Was ich nicht durchgehen lassen kann und will ist, dass sie, auch wie beim letzten Mal, unbedingt noch Zusatzthemen mit verwursten muss. Wo sie nämlich sowieso bei den Schattenseiten des Internets ist, kriegen Christfluencerinnen und Tradwives eine hanebüchene Nebenhandlung und dabei ihr Fett weg – ich hoffe, es ist dem Sendungsbewußtsein der Autorin zuzuschreiben und nicht etwa dem Umstand, dass eine bestimmte Seitenzahl vereinbart war. Hoffe ich sehr.

Im Nachwort geht ein Dank Kaisers an ihre “großartige Lektorin Katrin Kroll”. Frau Kaisers und meine Meinung gehen hier stark auseinander – ich hätte die Frau schon lange gefeuert. Sie läßt Kleinigkeiten durchgehen wie “Fahrraderöffnung”, wenn es um die Eröffnung eines neuen Radweges geht, aber auch so göttlich schwachsinnige Sätze wie:

  • “Der Eremit ist einsam, und dem Lone Wolf fehlt das Rudel.”
  • “Obalski ist begeistert von der Art, wie er in wenigen Sätzen alles mit allem verbindet. Er hat bestimmt Kulturwissenschaften studiert.”

Und mein absoluter Liebling:

  • “Zwischen einem Suizid und einem Mord liegt ein himmelweiter Unterschied.”

Ja doch. Nix so doof, als dass man nicht was draus lernt.

Beim ersten Buch war ich noch unsicher, ob ichs empfehlen soll. Ob es an mir liegt, und ich vielleicht zu kleinlich bin. Von wegen. Ich habe jetzt ein ganz klares Urteil: Die Themen sind wichtig, ihre Präsentation als Obalski-Krimis unterirdisch schlecht.

Nicht lesen!

(Ich hebe die Bücher noch ein paar Tage auf, falls sich wer doch berufen fühlen sollte. Dann kommen sie in den roten Bücherschrank.)

Auf dem Nachttisch

Wie alle Vielleser, hat sich auch Kurt Tucholsky, bei dem ich die Überschrift entliehen habe, nie mit nur einem Buch beschäftigt. Wenn es deren zuviele wurde und die Stapel zu kippen drohten, rezensierte er die aktuelle Lektüre gerne in einer Sammelkritik in einem Aufwasch weg.

Ich lese ja auch immer bunt durcheinander und habe zur Zeit unter anderem eine dicke fette Biographie Winston Churchills in der Mache. Umfaßt eine sehr lange Zeitspanne, ist rasend spannend, und manchmal geht mir der Mann, den ich an vielen Tagen sehr bewundere und von dem ich sicher bin, dass er den Löwenanteil der Verantwortung dafür trägt, dass Europas Zukunft nicht ein faschistisches Regime geworden ist… also, manchmal geht er mir trotzdem gründlich auf den Senkel und dann muss ich eins von den anderen Büchern einschieben. Habe heute aber ein Zitat wiedergelesen, das es wert ist, verbreitet zu werden.

"Wenn es morgens um sechs Uhr an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe."

Möchte hinzufügen, dass zwei Mal Klingeln bedeutet, dass der Briefträger nicht nur Einlaß begehrt.

So, und ich lese jetzt einen Krimi.