Gelesen: Deon Meyer – “Fever”

Eigentlich hatte ich mir ja ein wenig leichtere Kost verordnet, aber was geht mich mein saudummes Geschwätz von gestern an. Also wieder Dystopie. Dabei hätte mich der Blurp auf dem Umschlag schon mißtrauisch machen sollen: Stephen King lobt sich (The Stand) und Cronin (The Passage), der Kritiker der Times fühlt sich an McCarthy erinnert (The Road).

Mit letzterem hat “Fever” die Ausgangssituation gemein. Vater und knapp dreizehnjähriger Sohn haben die Seuche überlebt, die 95% der Weltbevölkerung dahingerafft hat und sind jetzt unterwegs. Allerdings nicht, wie bei McCarthy und wie das blutrot eingefärbte Foto auf dem Umschlag suggeriert zu Fuß, sondern mit einer Volvo-Zugmaschine und einem dicken fetten Container voll erbeuteter Konserven, Wasser, Medikamenten, Waffen sowie Büchern hinten drauf, denn Papa ist Intellektueller sowie Idealist und hat das Ziel, eine neue friedliche und demokratische Gesellschaft zu schaffen, in der die Menschen edel und gut sind und das Leben besser als vorher. Pustekuchen. Wie zu erwarten.

Meyer schreibt im Nachwort, er habe über vier Jahre lang recherchiert und geschrieben und das merkt man beim Lesen. Er hat viel Wissen über eine postapokalyptische Welt angehäuft und darüber, was es braucht, um wieder und neu aufzubauen. Meine Lieblingsszene wird bleiben, wie die junge Siedlung endlich Elektrizität bekommt, die Lichter angehen und dazu Beethoven aus den Lautsprechern dröhnt. Er ist auch ungeheuer belesen und zitiert sich durch philosophische und wissenschaftliche Werke, dass es die helle Freude ist. Natürlich habe ich auch gerne gelesen, wie er fanatische Religiosität als großen Spalter einer Gesellschaft inszeniert. Und dass das Buch in Südafrika spielt und Apartheid noch immer Thema sein kann – spannend.

Trotzdem ist für mich der Funke auf über 500 Seiten nie ganz übergeprungen. Wahrscheinlich, weil nichts wirklich neu war. Die Volte, die er auf den letzten 30 Seiten noch schlägt, habe ich erwartet und trotzdem wirkt sie wie halt-noch-angeklebt. Als Einsteigerbuch in dystopische Literatur kann ich “Fever” empfehlen, für Fortgeschrittene ist es zu wenig.

Alles relativ

Ich frage mich, wo der Wettervorhersager herkommt, wenn das für den “geringe Hitze” ist und warum er davor warnt. Dann denke ich mir wieder: was schert’s mich, an meinem See gibt es Schattenbäume und mir geht es gut.

Der Bäcker backt das Brot…

… und dann packt er es ein. In eine Tüte mit Tarnfarbenmuster und dem Alles-in-Großbuchstaben-Aufdruck. “MACH WAS WIRKLICH ZÄHLT.” Anderthalb Zentimeter drunter, fett gedruckt. “MACH’S FÜR DICH.” Drunter, noch fetter:” UND DEN ALLTAG, DEN DU LIEBST.” Drunter, in Schwarz auf Gelb, auch fett: “Wehrdienst machen, Frieden sichern”. Alles schön zentriert. Und dann noch, schräg von rechts reingeflogen in Weiß auf Rot: “Weil du es kannst.” Im selben roten Block drunter, fettgedruckt: “bundeswehrkarriere.de“.

Das Marketing der Bundeswehr nennt dies “crossmedial ausgespielte nachwuchswerbliche Maßnahmen der Bundeswehr, [welche] sich in eine Vielzahl zum Teil sehr kleinteiliger Maßnahmen auf nationaler wie auch auf regionaler Ebene” aufgliederten und hat im Haushaltsjahr 2024 58 Millionen Euro dafür ausgegeben.

Und für das viele Geld ist nichts besseres herausgekommen als die Kopie des Lay-Outs einer fürchterlichen Geburtstagseinladung, bei der man als neue Tütenbesitzerin nur dankbar ist, dass einem bei den vielen unterschiedlichen Schriftgrößen wenigstens unterschiedliche Fonts erspart geblieben sind.

Grad vorhin, beim Einkaufen

Es ist gerade mal später Vormittag und noch lange nicht so heiß, wie es werden wird, aber die Kassenkräfte unten beim Edeka sind schon naßgeschwitzt. Die armen Menschen müssen nämlich WM-Trikots tragen, und weil von ihnen nicht die Ehre der Nation, sondern nur die Einkäufe der Haderner abhängen, sind ihre aus Kunstfaser. “Vollplastik”, wie die schweißtriefende Dame sagt, die meine Einkäufe über den Scanner zieht.

Lebensmitteleinkauf ist zur Zeit eh kein Spaß. Der ganze Supermarkt ein Hindernis-Parcours mit vom Thema Fußball inspirierten (den Begriff verwende ich auch nur, weil ich ein höflicher Mensch bin) Sonderaufstellern

Die Kaffeerösterei verkauft Glump fürs fußballbegeisterte Herrchen, an dem das Viecherl dann leiden muss. Ein Bruder Kaulitz (weiß nicht, ob es der Tokio ist oder der Hotel) ist unter die Getränkehändler gegangen und will den Menschen rote Süßplörre mit Glitter aufdrängen (schütteln mußt du).

Und das allerschlimmste: mein Lieblingsspezi ist seit der Dreck angefangen hat nicht mehr zu haben. Sollen die Fans doch bitte was anderes saufen, ey.

Außerdem steht nur Schwachsinn in der Zeitung. Nämlich.

Spiegel Online titelt mit derartig kryptischen Überschriften (falls wer weiß, was das da links bedeutet, bitte ich um Erklärung).

Aber BILD ist wie immer schlimmer:

Elfmeterschießen war auch keins. Von mir aus dürfte der Spuk dann bald mal vorbei sein.

Dokumentarfilm: “Ruinenschleicher und Schachterleis – München nach 1945”

Ich bin ja nun schon seit Jahr und Tag Mitglied beim VdK. Der Ortsverband Hadern-Neuried ist ein besonders rühriger, was möglicherweise an der Altersstruktur der Stadtviertel liegen mag und hatte jüngst zur Filmvorführung eingeladen, mit dem hilfreichen Hinweis, “mit dem Bus 269 ab der U-Bahn Station Klinikum Großhadern gelangen Sie in 11 Minuten direkt vor die Tür des Pfarrsaals von St. Nikolaus, Maxhofweg 7, 82061 Neuried”.

Stimmt. Der Bus fährt halbstündig, ich bin, wie verabredet, eine Viertelstunde vor drei da und meine Freundin auch und führt mit einem Auch-schon-da-Herrn ein angeregtes Gespräch über ihre jeweiligen Kriegserlebnisse. Jetzt müßten wir in diesem Trumm Kirche bloß noch den Pfarrsaal finden. Das erweist sich als schwierig, in dem Block sind alle Türen fest verrammelt und das Sekretariat, das man fragen könnte, hat mittwochs Ruhetag. Aber ich weiß mir zu helfen und rufe auf der Nummer des Pfarrers an, schon, weil ich immer schon einmal sagen wollte: “Grüß Gott, Herr Pfarrer” (fragt Oma). Der weiß aber von nichts und empfiehlt, auf der Informationstafel bei den Fahnen nachzusehen, wo zwar grad keine Fahnen, aber immerhin Fahnenstangen zu sehen sind. Stellt sich heraus: wir sind eine Stunde zu früh und die Türen zu Recht noch zu. Hmmm. Dann gehen wir halt Eis essen, ist eh heiß.

Im Eiscafé zeigt sich unser neuer Freund Siegfried (“Z’wegn Wagner, da hob i a Glück g’habt”) als wahrer Gentleman und lädt “die Damen” zum Eiskaffee ein und wir erzählen einander Kriegsgeschichten. Siegfried, Jahrgang 1935, selbst erlebte, meine Freundin, Jahrgang 1947, die ihres Vaters und ihre eigenen Nachkriegserlebnisse, ich, Jahrgang 1960, die meiner Oma. Ich habe mich noch nie so oft wie ein Nesthäkchen gefühlt wie jetzt, wo mir andere Leute vormachen, wie man gut alt wird. Blutige Anfängerin. Das bin ich.

Dann ist es Zeit geworden und wir gehen zurück zum Pfarrsaal, wo die Türen inzwischen geöffnet sind und junge Menschen dauernd noch mehr Stühle anschleppen – bis alle da sind, werden es 80 bis 90 Zuschauerinnen (2 Drittel) und Zuschauer geworden sein. Zum Glück gibts kein Mindestzutrittsalter, wir die wir gerade mal in den Sechzigern geboren sind, sind vielleicht, großzügig gerechnet, zu acht. Der Beginn verzögert sich ein bißchen. “Akademisches Viertel?”, schlage ich vor, werde aber von meiner Freundin belehrt: “Das sind hier alles alte Leute. Die können sich das gar nicht leisten.” Aber da gehts auch schon los.

Der Film ist richtig gut geglückt. Eine ausgewogene Mischung aus zeitgenössischem Film- und Fotomaterial schon aus den frühen Nachkriegstagen bis ins “Rama dama”-München unter OB Thomas “Damerl” Wimmer und den Wiederaufbau der Stadt begleitend. Dazu Interviews mit 28 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die vom Abenteuerspielplatz Ruine erzählen, vom ersten Menschen mit schwarzer Hautfarbe, den sie je gesehen hatten, von Hunger, Entbehrung und vom “Organisieren”, vom “Schutteln” (für 1 Pfennig pro Stück Mörtel von Ziegelsteinen abschlagen, damit diese wieder zum Bauen verwendet werden können), vom Bayerischen Rundfunk, der erst nach dem Wiederaufbau des Alten Peter auch die letzte Silbe des Liedtextes wieder in den Jingle aufnahm, von brutalen Prügellehrern, die innerlich immer noch braune Uniformen trugen, einer Weißwurschtparade beim Fasching, Schwimmenlernen in den mit Wasser vollgelaufenen Bombentrichtern neben der Isar, wie einer mit dem Zusammenlöten von Kochtöpfen so reich geworden ist, dass er sich ein Haus in der Au kaufen konnte, sich aufarbeitenden Müttern, wie es nur am Sonntag Fleisch gegeben hat und unter der Woche Mehlspeisen, wie am Freitag immer Waschtag war und, wenn die Wäsche “gemacht” war, die Kinder nacheinander im selben Wasser in der Zinkbadewanne eingeseift und geschrubbt wurden, wie das “neue Geld” gekommen ist (“40 Mark” raunt es aus mehreren Ecken im Publikum) und…

Die ganze Vorführung ist neben sehr gut ausgewählter Filmmusik von Zustimmungsgeräuschen unterlegt. Das haben die hier größtenteils alle selbst so oder so ähnlich erlebt und wenn’s anders war, muß sofort der Nebenfrau (meistens) davon erzählt werden. Hochinteressant. Die Diskussion im Anschluss ist ebenfalls, neben ein paar Fragen an den Filmemacher, von dem Bedürfnis gefüllt, eigene Erlebnisse zu erzählen. 70, 80 Jahre später. Viele sprechen auch über das Schweigen, das in den Familien war, und das sie selbst fortgesetzt hätten.

Als im Frieden Nachgeborene bin ich dankbar, dass a) ich im Frieden nachgeboren bin und b) soviel von diesen Damen- und Herrschaften hier gelernt habe. Fühle mich außerdem in meiner Theorie bestätigt, dass mindestens die Menschen meiner Generation immer noch Kriegsgeschichten aus der Familie zu erzählen haben. Muss mal einen Menschen der Gen Z fragen, wie das bei denen aussieht.

Ach ja, falls es wer auch nicht weiß: Der “Ruinenschleicher” war die 37er Tram, die sich langsam durch die zerstörte Stadt wand und “Schachterleis” ist die ursprünglich von Felix Unsöld erbaute und bald nach dem Krieg wieder eröffnete überdachte Kunsteisbahn im Lehel, klein wie ein Schächtelchen.

Die Filmemacher Michael von Ferrari, Angelika Wimbauer und Lutz Eigel arbeiten schon an ihrem nächsten Projekt: Die Wirtschaftswunderjahre in München und was die herangewachsenen Ruinenspielplatzkinder davon zu erzählen wissen.

Gelesen: Lucky Luke (Hommages 1, 7, 8)

Hommage 8: Flix (Text), Reinhard Kleist (Zeichnungen) – “Die Grimm Brothers”
Ja, nett. Nix, um den Küchenschrank dafür zu verkaufen (so hat mein Vater selig Qualität gemessen), aber nett. Der Inhalt, ganz kurz: die Gebrüder Grimm kommen zur Lesereise in den Wilden Westen, um erstaunt festzustellen, dass das Interesse in den dortigen Salo(o)ns eher mau ist. So lange, bis Luke sie mit Ma Dalton bekannt macht und sie anfangen, deren Geschichten von den vier wackeren aufrechten guten und edlen Helden weiterzuerzählen. Geht nur mittelgut aus.
Ein paar ganz hübsche Ideen sind drin, wie das Bild auf der Rückseite (der Mann, der schneller zieht als der Froschkönig) und der vom Hans im Glück inspirierte Wechselkurs von Gold zu Pferd zu Kuh zu Schwein zu Gans. Wie gesagt: nett. Kann man lesen.

Hommage 7: Appollo (Text), Brüno (Zeichnungen) – “Dakota 1880”
Eher ein bebildertes anekdotisches Geschichtsbuch über das Ende der Sklaverei und nicht eingehaltene Versprechen (“Forty acres and a mule”) an die nunmehr freien Schwarzen, die Underground Railroad, Annie Oakley, Freiheitskämpfe der Ureinwohner, amerikanische Poeten und Groschenheftchen (“Dime Novels”). Interessant gezeichnet und geschichtlich und pädagogisch wertvoll. Kann man auch lesen.

Hommage 1: Matthieu Bonhomme (Text und Zeichnungen) – “Der Mann, der Lucky Luke erschoss”
Da verbeugt sich einer tief vor Western und dem Wilden Westen. Fängt schon beim Titel an, der “The Man who shot Liberty Valance” zitiert und geht mit den Motiven (Tropes) weiter: der böse Rancher, der Recht und Gesetz ignoriert und von einem aufrechten Mann in die Schranken gewiesen wird; die Dame, die aus dem Osten anreist, um zu heiraten und herausfindet, dass der Bräutigam wegen Mordes angeklagt ist, bis der aufrechte Mann beweist, dass es ja Notwehr war und die Ehe stattfinden kann; das Duell auf der Hauptstraße um 12:00 Uhr mittags; Betrug bei Würfel- und Kartenspiel (“A Dead Man’s Hand”), bis der aufrechte Mann… Die Zeichnungen sind von allen drei Hommage-Bänden am nächsten an Morris’ (Lucky Lukes Schöpfer). Kann man auch lesen.

So ist dann schnell mal ein Nachmittag um – wie schön, dass mein eigentlich geplanter Termin ausgefallen war. Es lebe die Rentnerei!

Warum gleich drei Ausgaben in einer Kritik? Weil ich Schwäbin bin. (Eine Hardcover-Ausgabe kostet beim Verlag plus Versandkosten fast genauso viel wie drei broschierte ohne. Ecco.)