Lage, Lage, Lage

Heute Nachmittag war Hochbetrieb auf dem Balkon, meine Herren! Irgendwie muss sich in der Taubenpopulation herumgesprochen haben, dass ein neues Objekt in Superlage auf den Markt gekommen ist, denn es flog alle Schnabel lang eine Maklerin mit Stöckelkrallen in Begleitung eines neuen vermehrungswilligen Paares herbei, um die westlichen Nistoption zu zeigen und auf dem Balkon herumzuführen (möbliertes Freizeitgelände im Ostteil (in den Stuhlauflagen ist jetzt schon kaum mehr Füllmaterial) und jede Menge Kack-Space. Ich glaube, ich bin in meinem gesamten Arbeitsleben noch nie so sehr der Empfehlung gefolgt, eine sitzende Tätigkeit durch ein paar Schritte (Sprünge gleich gar), Armschwünge und Halslockerungsbewegungen zu unterbrechen.

Die ernsthaften unter den Immobilienaspiranten kamen ein zweites Mal, nachdem sie die Gegend erkundet hatten. Schule, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten, alles nur einen Katzensprung (höhö) entfernt – sie wollen da bauen, Nachwuchs zeugen, brüten und kleine verwilderte Stadttauben zu großen verwilderten Stadttauben aufziehen. Dabei bin ich doch schon Tante.

Die, die bei der Altersangabe auch so lang nach unten scrollen müssen wie ich, werden sich sicher noch an die Titanic-Kampage (links) mit dem schönen Immobilien-Makler-Feindbild erinnern? Makler sind auch in der Taubenwelt böse: da, wo die Kundschaft von Familienglück träumt, regnets nämlich rein. Und die Nordwand schimmelt. Aber erwähnt sie das? Natürlich nicht.

Ich habe nun in den Spalt zwischen Schrank und Balkonwand einen spaltbreiten großen Karton gerammt. Wenn wer fragt: zum Wand trocknen (höhö). Und der Besen davor? Irgendwo muss er ja stehen, der Besen. Fragt den Zauberlehrling.

Nachtrag: Soeben, noch während ich dies schreibe, sitzt das erste Paar auf dem Geländer und starrt den Karton an. Jetzt gerade lauern sie ein Stockwerk höher darauf, dass ich sterbe. Oder wenigstens aufhöre, meinen teuer gemieteten Balkon zu betreten.

Bis jetzt bin ich echt noch nicht so weit, dass ich mich, wie die Nachbarin, hinter einem leuchtendgrünen Netz einsperre.

Mit Blindheit geschlagen und auf beiden Ohren taub, aber laut

Schweine sollen sehr intelligent sein, sagt man. Und Delphine erst. Oktopusse auch, das Gedächtnis von Elefanten ist geradezu sprichwörtlich. Unter den Vögeln nehmen Krähen und Raben Spitzenplätze ein. Tauben?

Tauben sind doof.

Nein, ich behaupte das nicht nur so. Ich habe Beweise. Nämlich. Welche halbwegs vernunftbegabte Kreatur würde ihr zukünftiges Familienheim in einer Region ansiedeln, in der ihr nur Hindernisse in den Weg gelegt werden, sie beschimpft und gejagt (na ja, mindestens verscheucht) wird – kurz: von frühmorgens bis spätnachts nur Signale bekommt, dass sie hier unerwünscht ist? Mehr noch: aus vollstem Herzen gehaßt wird.

Richtig: Tauben.

Ich war gestern schon alarmiert, als sich die Aktivität des Geschwaders vom Ost- auf den Westflügel des Balkons verlagerte und die ersten mit Ästchen in den Schnäbeln bewaffnet und eindeutiger Nistabsicht anflogen. Heute flogen die Bodentruppen (“claws on the ground”), okay, der Plural ist übertrieben, es war nur eine, hinter der Trittleiter, die so praktisch zwischen Balkonschrank und Brüstung verkeilt ist, diese eine Bodentruppe flog erst weg, nachdem ich nach ihr getreten hatte (man denke Bruce Lee, Heee-Jaaah!), Handtuchwedeln hat sie noch nicht mal ignoriert.

Inzwischen ist die Trittleiter fort und das ganze Eck ausgekehrt und mit Pfefferminzöl besprüht. Was die Drecksvögel nicht davon abhält, mit Zweigelein und sonstigem Baumaterial im Schnabel anzulanden und irritiert zu schauen. Wie oben ausgeführt, intelligent sind andere. Mal schauen, wie oft sie noch kommen… Wie ich inzwischen nachgelesen habe, brüten verwilderte Stadttauben sehr gerne auf Balkonböden. Viel weniger Sturzgefahr für Eier oder Jungvögel und viel geschützter Platz, zum Fliegen lernen. Außerdem gebührenfreie Toilette inklusive.

Die alte Dame zwei Balkons weiter läßt gerade ein Netz spannen – wahrscheinlich wird die Palomabrigade mich, wenn sie den Balkon nach zwei wedelfreien Urlaubswochen übernommen haben wird, auch mürbe gemacht haben. Nicht vergessen: vor den Ferien Sonnenmilch und eine Abdeckplane besorgen. Was ist denn das für eine Scheißmerkliste, Mann. Herrje.

Drecksviecher, elende!

Vorhin, in der U-Bahn

Zwei Halbstarke (f) (sind das dann in Neusprech “Boss-Girls”? – ich kenn’ mich ja mit den modernen Kategorien und -sierungen nicht so aus), zwei junge Damen (nun ja) mir gegenüber also sind in ein ernstes Gespräch vertieft. Die eine hat wohl eine neue Stelle angetreten und berichtet von der ersten, nicht unproblematischen Woche. Die Erzählung gipfelt in der schönen Analyse: “Die sind so vom Humorlevel nicht so auf meiner Ebene.”

Ach Kind, glaub mir. Es geht im Leben immer nur darum, wer zuletzt lacht.

Mein Name ist Hase…

…und ich hätte gerne ein Stück von dem Karottenkuchen hier bei Ihnen in der Auslage. Karottenkuchen, sagt die Verkäuferin, Karottenkuchen führe man leider nicht. Aber vielleicht könne sie mich ja, wobei sie auf die Auslage zeigt (genau, die Auslage mit dem Karottenblechkuchen), für eine Rüblischnitte interessieren?

Kann sie. Hauptsache Möhrenkuchen.

Spooky

Gestern hatte auf allen drei Uhren, die in meinem Haushalt händisch zu stellen sind, die Sommerzeit bereits begonnen, das heißt, sie gingen um eine Stunde nach. Hmmm. In einem Gruselfilm wäre das ein Zeichen dafür, dass der psychopathische Täter die Heldin in den Wahnsinn treiben will. Im wirklichen Leben suche ich noch nach einer rationalen Erklärung. Synchrones Batterieversagen? Hmmm. Taugt als Erklärung nur mittelgut, weil nur zwei von drei Uhren mit Batterien bestückt sind und die offensichtlich noch hinreichend Saft haben, denn seit ich sie wieder umgestellt habe, laufen sie tadellos.

Ist es eventuell möglich, dass das Internet vorgeht?

Gestern Abend im Residenztheater: “Cabaret”

Die Verfilmung ist einer meiner All-Time-Favorites und nun mein erstes Mal “Cabaret” auf der Bühne – und gleich so eine ausgesprochen gelungene Inszenierung. Ich bin schon ein Glückskind!

Die Truppe des Resi macht gar nicht erst den Versuch, mit dem Film konkurrieren zu wollen, sondern stellt eine ganz eigene Version auf die Bühne. (Wobei ich nicht weiß, ob alle Bühnenfassungen so sind. Ist, wie gesagt, meine erste.) Sie führen eine zusätzliche Ebene ein, in der der inzwischen gealterte Schriftsteller (Michael Goldberg) in ein inzwischen gealtertes und um einiges an Geschichte reicheres Berlin zurückkehrt und über das reminisziert, was damals war. Darüber kommt sein jüngeres Ich (Thomas Hauser) hinzu und bezieht in den Roaring Twenties sein Zimmer in Fräulein Schneiders (Cathrin Störmer) Pension.

Nicht junge Männer wie Fritz Wepper und Helmut Griem bestimmen wie im Film die Schwerpunkte der Handlung, sondern Fräulein Schneiders zarte Neigung zum jüdischen Viktualienhändler Schultz (Robert Dölle) oder die Anpassungsfähigkeit des talentierten Fräulen Kost (Myriam Schröder). Weil es ein Musical ist, singen sie darüber. Auch ganz neue Lieder (für mich). Dreh- und Angelpunkte des Abends bleiben, unabhängig vom Medium, der Conférencier (Hut ab! Vincent Glander holt aus der herrlichen Paraderolle alles heraus, was geht und mehr) und, natürlich, Sally Bowles (tiefe Verbeugung vor Vassilissa Reznikoff), Sängerin, Tänzerin, Akrobatin, zu gleichen Teilen strahlende und tragische Heldin mit vollem Stimm- und Körpereinsatz – Hallo Ballett! Gleich ihr erstes Solo “Mein Herr” läßt mich, nein, nicht Minnelli vergessen, nein, das geht nicht, aber Reznikoff und ihre Interpretation gleichberechtigt neben ihr stehen – und das ist viel.

Regisseur Claus Guth bittet sein junges Ensemble und das glänzende Orchester zum Tanz auf dem Vulkan und sie folgen ihm nur zu gerne. Mit blitzschnellen Kostüm- (Hach, die Kostüme! Wow!) und Szenenwechseln, paillettenglitzernden Choreographien und Gesangseinlagen – das macht einfach nur Freude. Ein besonderer Höhepunkt ist der Vortrag einen noch jungen Knaben, der glockenhell den morgigen Tag besingt, der sein werde. Noch könnte der Vortrag unschuldig sein, noch trägt das Kind keine braune Uniform mit Koppel, noch hat nicht der Chor das Lied brausend aufgenommen. Kommt aber. Und dann wird es kalt in Deutschland und die Bühne im zweiten Teil eingeschneit.

Bühne. Gutes Stichwort. Wer immer im Resi inszeniert, kann mit einer Drehbühne spielen. Das machen sie hier großartig. Ihre Cabaret-Drehbühne ist zweigeteilt. Das Zimmer, in dem der Schriftsteller ankommt, in dem er als junger Mann erst allein und dann mit Sally wohnt (man denke “Zuhälterballade” aus der Dreigroschenoper. https://www.youtube.com/watch?v=QCddsMshytk), und das mit zunehmendem Chaos draußen, Zeichen der Zeit, ebenfalls verlottert. Auf der anderen Seite in gepflegtem Ochsenblutrot, sieben Slapstick-Türen (oder acht oder neun, ich habe vergessen zu zählen), die Fräulein Schneiders Pension spielen und den KitKat-Club und und und… und im 2. kalten Teil im Schneegestöber gefallen und versunken sind. Nur eine wird noch einmal aufgerichtet, mehrfach, denn um sie herum geht alles kaputt. Wer nicht ist, wie wir das haben wollen, wird zusammengeschlagen, verschleppt, gemordet. Es fließt viel Bühnenblut. Zukunften werden in den Dreck getreten, wer kann, bleibt, und tut, was er oder sie zu tun müssen glaubt, um zu überleben. Sehr berührend der Vortrag Fräulein Schneiders, die die entscheidende Frage stellt: “Was würdest du tun / hättest du getan?” Und es schneit dazu, ununterbrochen. Ich finde ja auch, dass die Welt immer noch schrecklicher ist, wenn Schnee fällt und es kalt ist. Doch, doch.

Ganz groß ist Reznikoffs abschließender Vortrag der Überlebenshymne “Life is a Cabaret”, für die sie von der Bühne steigt und zwischen Orchester und erster Reihe stimmgewaltig die ganz großen Gefühlsregister zieht. Ich ziehe noch einmal sämtliche Hüte vor ihr, denn das ist ganz große Kunst: mich, die ich weiß, was sie da tut, um einen bestimmten Effekt zu erzielen (kenne die Tricks), das Handwerk vergessen zu lassen und mich dem Vortrag atemlos begeistert und vorbehaltlos hinzugeben. Doch, das war toll!

Man hätte nun die Schauspielerinnen und Schauspieler (hochverdiente) Einzelapplause entgegennehmen lassen können. Die Produktion hat sich dagegen entschieden und es treten immer alle zusammen, das ganze Ensemble, zum Verbeugen vor den Vorhang. Gut so. Und richtig! Das ausverkaufte Haus jubelt lange und anhaltend.

Wer noch Gelegenheit hat, sich eine Vorstellung anzusehen, tue das. Unbedingt.

Vielleicht hat der- oder diejenige dann die Chance Vincent zur Linden zu sehen. Dessen Rolle des guten Volksgenossen und späteren 150%-Nazi hatte gestern und sehr gut Lukas Rüppel übernommen. Mich würde nur angelegentlich interessieren, ob sie auch in Cabaret sonst wieder einen Grund finden, zur Linden nackig auf die Bühne zu stellen. Irgendwie habe ich seinen Penis vermißt. Und vielleicht könnte man dann auch die Frage nach den zunehmend mehr und größer werdenden blauen Flecken auf Brust und Hals des immer mephistophelischer agierenden Zeremonienmeisters klären. (Sein Abgang. Hach, dieser Abgang!) Konnten wir nämlich auch im Nachgespräch nicht klären. Wäre aber interessant zu wissen.

Also noch einmal: Hingehen. Anschauen!
Ja, ist Musiktheater. Macht aber ganz viel Spaß!

Mistviecher!

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal oder ob überhaupt schon je über das Wort “lustwandeln” nachgedacht habe. Aber man kann das, was diese fliegenden Ratten in Grüppchen (Banden?) zu zweien und dreien bei mir auf dem Balkon machen, gar nicht anders nennen. Auf und ab, ab und auf, dabei halblaut (wahrscheinlich konspirativ) guruh-guruhend, wieder ab, wieder auf, die dicken Bäuche vorgestreckt wie alte Biertrinker und wenn ich dann mit wutblitzenden Augen und gezücktem Wedelhandtuch nach draußen stürme mir – allerhöchstens – einen un-glaub-lich gelangweilten Blick zuwerfen, um dann wieder ab und auf zu schreiten. In aller Taubenseelenruhe.

Auffliegen tut dieses Pack nur noch, wenn ich mal eine mit einem Handtuchzipfel erwische. Und dann auch nur der eine Einzelvogel. Um dann auf der anderen Seite der Balkonbrüstung (ich seh sie nicht, also sieht sie mich nicht) zu warten, bis ich wieder weg bin und unten durch geduckt zu den Kumpels zurück zu gehen (!!) und sich halblaut über mein unverschämtes Verhalten zu beschweren. Guruh.

Wo sind eigentlich diese halbverfallenen Gartenschuppen mit den rostigen E-605-Kanistern geblieben? Gabs doch früher in jedem Krimi. Zefix!