Falsches Wetter

Vorhin mit der ausgewanderten Freundin telefoniert. Sie so in Shorts und Bikini-Oberteil, ich so in Pulli und Strickjacke, außerdem mollige Jogginghose, warme Socken. Und, wie geht’s? Sie so: endlich kann man sich auch tagsüber lang draußen aufhalten. Klar, Schirm brauchts, sonst ist die Sonne zu stark. Ist ja erst Ende Oktober. Ich so: Klar. Da braucht’s einen Schirm.

WAS MACHE ICH EIGENTLICH HIER?

Neu zum Strömen: “Slow Horses” (6. Staffel)

Wenn eins beim Lesen mal Ideen hatte, wie die Protagonisten vielleicht aussehen, sprechen und sich bewegen, so ist das in der inzwischen 6. Staffel längst von den Schauspielern und Innen überlagert. Jackson Lamb kann von niemand anderem als Gary Oldman gespielt und gefurzt werden und an Kristin Scott Thomas‘ in dieser Staffel in die Ecke getriebener Diana Taverner (nicht mir ihr, meine Herren, neihein, mit ihr nicht!) hatte ich ganz besonders viel Freude.

Weil für diese Staffel der 6. und der 7. Band von Mick Herrons Romanreihe zusammengelegt wurden (“Joe Country” (https://flockblog.de/?p=48635) und “Slough House” https://flockblog.de/?p=48752), steigt die Zahl der Todesopfer in der Gruppe der ausgemusterten Agenten (schade, dass es im Deutschen kein so schönes Wort wie “death toll” gibt) naturgemäß ziemlich. Leider wurde mit der Straffung eine sehr wunderschöne Nebenhandlung aus dem 6. Band, in der Saskia Reeves‘ herrliche Catherine Standish die Hauptrolle spielt, auf eine lumpige Flasche Margaux auf dem Rücksitz von Lambs Auto reduziert – die hätte ich ja schon gerne gesehen…

Aber sonst ist alles wie immer: eine filmreife Vorlage perfekt umgesetzt, perfekt besetzt und gespielt und genau richtig zum Wegbingen an einem Abend, in dem ein Sturm sich in den Kopf gesetzt zu haben scheint, den Balkon wegzublasen.

Anschauen!

Gestern Abend in der Therese-Giehse-Halle: “Die Giehse – Ein Leben für das Theater 1898 – 1975”

Das ist mal ein interessanter Ansatz: eine “Szenische Lesung” eines Comic-Buches, welches ich übrigens mit Begeisterung (und nochmal großem Dank an Herrn E. aus M.) gelesen habe, s. https://flockblog.de/?p=52365.

Lesen in verteilten Rollen tun die Zeichnerin und Autorin Barbara Yelin und die sehr verehrte Schauspielerin Wiebke Puls (auch Regie), wobei letztere zwei Mikrofone hat und aus einem der beiden wörtliche Zitate Giehses in deren Stimme oder mindestens in deren Sprechduktus erklingen. Auf einer großen Projektionswand erscheinen, sich langsam aufbauend, die Bilder aus der Graphic Novel und die Lesung ist unterlegt von Klängen wie Straßenverkehr und Vogelzwitschern. Sehr schön, sehr gelungen. Viel Beifall.

Dann ein zweiter Teil, das “Gespräch”. Gleich vorausgeschickt: wenn es eines gibt, das man dem Publikum, schon gar nicht einem Publikum wie diesem, bei dem ich das Durchschnittsalter senke und die meisten der wenigen Quotenmänner Gehhilfen benötigen… wo war ich? Ach ja, eine Stunde geht auch auf den unglaublich unbequemen Bänken im Zuschauerraum der Therese-Giehse-Halle. Alles, was darüber hinausgeht, ist eine Qual – zum Schluß haben alle ganz schlimm Rücken. Alle.

Also, das Gespräch. Moderiert von Christoph Leibold (Bayerischer Rundfunk), sitzen im Halbkreis Yelin, Puls, Noch-Intendantin Barbara Mundel und Anke Buettner vom Monacensia-Archiv und sprechen klug. Über “Female Heritage” und den ollen Falckenberg und seine umstrittene Biographie und die fehlende Therese-Giehse-Büste im Foyer (jetzt gibt es eine) und und und… Es mag sein, dass ich mich jetzt als Ignorantin oute, aber das einzige, was mich wirklich interessiert, ist der Einblick in Yelins “Werkstatt” und die Beschreibung ihres Arbeitsprozesses. Ansonsten kann ich einfach nicht mehr sitzen und will jetzt an die Luft.

Für weitere Veranstaltungen dieser Art, die es unbedingt geben möge, empfehle ich, eine Pause einzulegen. Wer nach der Lesung bleiben will, kann das dann tun, wer nicht, kann ohne andere zu stören den Raum verlassen. Hätten sie das gestern schon so gelöst, wäre es eine rundum gelungene Veranstaltung geworden.

Nostalgie-Kino: “From Dusk Till Dawn” (1996)

Perfekt gealtert, wenn man bedenkt, dass die Produktion nun auch schon 30 Jahre auf den Reißzähnen hat. Im ersten Teil, der die Flucht der beiden ungleichen Brüder Gecko (Quentin Tarantino als nerdiger Quengelpsychopath, George Clooney als wunderhübscher grausamer Bad Boy) mit ihren Geiseln (Harvey Keitel, Juliette Lewis, Ernest Liu sowie eine weitere, die, weil kurz ohne Aufsicht mit Ricky Gecko zurückgelassen, den Motel-Aufenthalt nicht überlebt) über die Grenze nach Mexiko erzählt, trägt das Drehbuch deutlich Tarantinos Handschrift. Viel, sehr viel, sinnfreie Gewalt, dazu witzige Dialoge.

Der zweite Teil spielt in der Bar “The Titty Twister” auf der anderen Seite des Rio Grande und ist im wesentlichen eine Ausstattungs-Maske-Splatter-Blut-Dreck-Vampir-Knall-Bumm-Orgie. Mochte ich schon früher nicht besonders, hat mich auch jetzt wieder nicht vom Sessel gezogen. Sollte ich mir den Film je nochmal ansehen, muss ich mir merken, ihn einfach nach Salma Hayeks Auftritt auf schnellere Geschwindigkeit zu stellen.

Dann kann man den Film auch heute noch gut anschauen.

Anmerkung: Es ist sehr schade, dass George Clooney in seiner weiteren Karriere eher Rollen als augenzwinkernder Gentleman-Gauner angenommen hat (Oceans 11ff) – zwielichtigere und gewalttätige Typen mit dem hübschen Gesicht und Körper hätten interessant werden können.

Vorgestern Abend in der Unterfahrt: Barencia

Die beiden Konzerte, die uns im Oktoberprogramm am meisten interessieren, sind an aufeinanderfolgenden Abenden. Könnte ein Problem sein, ist es aber nicht. Gemma hoid am Dienstag und am Mittwoch in die Unterfahrt.

Zuerst Barencia. Der Name des mexikanisch-katalanisch-italienischen Quartetts ist ein Kunstwort und steht für eine imaginäre Stadt zwischen Barcelona und Florenz (Firenze), wo laut Vorankündigung “ausgelassen getanzt [wird] – mit kühn improvisierten, Schrittfolgen, Bewegungsabläufen, Rhythmen die irgendwo zwischen Jazz, Flamenco und Modern Dance liegen”.

Die Musiker bilden eine klassische Jazzcombo, Xavi Torres am Klavier, Michelangelo Scandroglio am Bass, Bernardo Guerra am Schlagzeug und wenn sie nur zu dritt sind, spielen sie mediterran angehauchten Jazz. Dann aber tritt sie auf. Und was für ein Auftritt. Karen Lugo, Tanzgöttin – und die Herren sind nur noch da, das, was sie da mit großen Gesten, stampfenden Füßen und immensem Körpereinsatz vorführt / vorträgt, mit ihrer Musik zu begleiten / untermalen.

Irre! Die alterslose Erscheinung einer Tänzerin (wiewohl sich schon vereinzelt graue Fäden im ehemals ebenholzschwarzen Schneewittchenhaar verirren), eine Körperspannung, die manche Menschen (ich) ihr Leben lang auch mit äußerster Anstrengung nicht hinkriegen würden und eine Energie, die die drei Männer mit ihr auf der Bühne und das gesamte Publikum in Grund und Boden tanzen. Sie ist ein Pferd, ein Geist, im Bolero die Personifikation der Verführung, aber auch eine elendiglich Trauernde (mindestens alle zehn Kinder und der Lieblingsgatte sowie der Familienhund), ein Clown, eine Spieluhrfigurine – alles und mehr. Ein simples schwarzes Chiffontuch ist ihr gleichermaßen Schleppe wie Minuten später Schleier, ein schweres Tuch wird Muleta aber auch große Ballrobe – und alles mit ganz großem Drama. Mir gings wie letztes Jahr (https://flockblog.de/?p=50944), als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte – erst mal verwirrt, ob des Pathos fast ein wenig ablehnend, und dann nur noch rückhaltlos begeistert.

Wir haben Plätze direkt an der Bühne und jeder Schweißtropfen, jeder Holzspan, den sie mit ihren Tanzschuhen aus der Bühne hackt, landet uns quasi im Schoß.

Wow!

Gestern in der Unterfahrt: Rabih Abou-Khalil

War das ein schönes Konzert! Sooooo schön! Meiner Begeisterung vom letzten Mal https://flockblog.de/?p=48852 habe ich nichts hinzuzufügen, außer, dass wir dieses Mal quasi mit auf der Bühne saßen und keinen Meter Luftlinie entfernt von Jarrod Cagwin und seinem aus vielen vielen Schagmodulen selbst gebauten Herrlich-Percussion-Schlagzeugwunder. Sooo nah (s.u.)

Ich hatte das letzte Mal (stell dir vor, Herr M. aus M., das ist schon wieder drei Jahre her) eigentlich nur zu beanstanden, dass der Meister ein bißchen sehr viel quasselt, so wie es nach der Vorankündigung der Unterfahrt auch wieder zu befürchten war: “Nicht nur mit seiner Oud versteht er sich als Geschichten-Erzähler – seine Ansagen sind geradezu legendär. Sie klingen, als würde einer Kapitel aus tausendundeiner Nacht mit heutigen Kabarett-Pointen würzen.”

Aber nein, er scheint ein weiser Mann zu sein und auf die Ratschläge wohlmeinender Menschen zu hören und hat in seinen Zwischenmoderationen die Altherrenhistörchen ausgelassen und nur kurz was zur nächsten Nummer und ihrer Entstehungsgeschichte gesagt. Hat das sowieso schon brillante Konzert (Hach! Hach! Hach!) nur auf noch weitere Höhen gehoben.

Ein wunderbarer Abend vor zu Recht bis zum letzten Plätzchen ausverkauften Haus!