Gelesen: Heike Geißler – “Arbeiten”

Heike Geißler macht sich Gedanken. Gedanken zum Thema “Arbeit”. Was ist Arbeit eigentlich. Woraus leitet sie ihre Existenzberechtigung ab. Was macht sie mit dem Einzelnen, was mit einer Gesellschaft? Was ist der Wert der Arbeit? Ist sie ein Wert an sich? Warum ist nicht arbeiten eher mit negativer Konnotation verknüpft (“blaumachen”)?

Ich ertappe mich ständig dabei, wie ich das Buch sinken lasse, um erst einmal über Geißlers Denkanstöße nachzudenken. Dann gibt Momente, da kann ich ihre Gedanken nicht mitgehen, sie schweifen mir allzusehr ins Esoterische ab, in eine Utopie, in der jedes Individuum ganz und gar selbst bestimmt und dennoch als Teil einer Gesellschaft lebt. Und frage mich: wie bin ich sozialisiert, dass ich in einer solchen Aussage nur eine Utopie erkenne?

Angesichts einer Pfandflaschensammlerin unter ihrem Fenster:

Ich träume von einem Tag, an dem ihr die Wege mit Leergut gesäumt sind, und erinnere mich an diesen Morgen nach einem Parkfest, als ich zum Fluß joggte und dort die mannshohen Berge von Pfandflaschen sah, die die Stadtreinigung von den Uferwiesen zusammengetragen hatte.
Aber ich sollte mich für meine Träume schämen.
Ich muss mich entschuldigen.
Ich wünsche der humpelnden, rastlosen, verrenteten Arbeiterin nicht Pfandflaschen an den Wegesrand, sondern einen Zauberer des Wohlstands. Nein, ich korrigiere erneut: Ich wünsche ihr das Leben in einem zuverlässigen Staat, der aus Anstand, Verpflichtungsgefühl und Gesetzestreue zum Wohle aller agiert, erst recht zum Wohle jener, die einer staatlich abgesicherten Rente bedürfen.

Wer den Essay lesen will, sollte Zeit mitbringen. Ich traue mich nach dieser Lektüre nicht mehr zu sagen, dass es sich lohnt. Denn: Muss es das denn?