Nostalgie-Kino: “Firefly”, 2002 und “Serenity”, 2005

Der kleine Pummelnerd Joss Whedon, mit dem roten Lockenkopf und dem Flusenbart hat sich mit dieser Serie den Traum seiner Nerdjugendjahre erfüllt.

Große starke Muskelmänner prügeln sich (Zack! Schmack! Prack!), zu zweit und zu vielen, schießen aus allen Rohren, reiten wilde Hengste und Raumschiffe. Und, noch besser, zarte anorexische Mädchen (mit trotzdem Busen) machen das auch, und zwar nicht untereinander, sondern mit den großen starken Muskelmännern. Und die Mädels gewinnen! Ha!

“Firefly” ist das, was passiert, wenn sich der Sender Fox sich was traut, aber dann doch nicht und die Produktion nach 14 Folgen wieder einstellt. “Serenity” ist das, was passiert, wenn das Zuschauervolk keine Ruhe gibt und wissen will, wie es ausgeht. Man kann diese wilde Kombination aus Science Fiction, Western und Dreck entweder nur lieben oder hassen, dazwischen geht nicht. Ich bin bekennender Fan, sehr begeistert von Buch, der Regie, dem mehr als gelungenen Casting, den Schauspielerinnen und Schauspielern, der sagenhaften Ausstattung, der Kameraführung, den vielen tollen Ideen und … und ich finde es bis heute schade, dass der Sender nicht mutig genug war, zu sehen, wie sich das entwickelt.

Wenigstens gibt es das bißchen, das es gibt und ich habe diese Woche mit ein paar “Alle-paar-Jahre-wieder-Firefly”-Abenden verbracht und sehr genossen.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Spielregeln

Ihr Opa, erzählt ein Mädele im U-Bahn-Vierer gegenüber ihrer Freundin, habe ihr in den Weihnachtsferien das Schachspielen beigebracht. Ein schweres Spiel. Komplizierte Regeln. Ganz wichtig, wenn man den Gegner geschlagen habe, sei es, umgehend “Schachmattundbonapetit” (ein Wort, gesprochen wie geschrieben) zu rufen. Nur dann gelte es.

Ich glaube ja, der Opa war abgestellt, das Kind zwischen den Mahlzeiten vom Handy fernzuhalten. Aber was weiß ich schon.

Anlageberatung

Meine Bank schreibt mir heute, dass ich mich einwählen soll, für neue Anregungen zum Wachstum meines Vermögens.

Ich glaube, weder die Bänker noch ich hätten uns die Länderkombi oben je im Zusammenhang mit meinem Geld vorstellen können.

Es sind schon sehr eigenartige Zeiten.

Aus dem Vokabelheft

Es ist Winter und ich habe mich, wie das einer älteren Dame geziemt, seit langen Jahren einmal wieder mit Handarbeiten beschäftigt und nun ein paar Restbestände an Wolle. Denk ich so bei mir: “da strick ich doch ein Paar Socken draus” und, bevor ich was falsch mache, lasse ich mir auf YouTube nochmal rasch den tricky part zeigen: “Verse stricken”.

Gut, dann halt keine Socken. Dann dichte ich eben.

Gestern Abend im Künstlerhaus am Lenbachplatz: “Holz­fällen” mit Nicholas Ofczarek und Musicbanda Franui

Vorausgeschickt: Der Große Festsaal im Künstlerhaus ist kein guter Veranstaltungsort für diese Veranstaltung. Die Bestuhlung ist unglücklich, unsere 5. Reihe nicht versetzt mit der vierten, so dass der Blick auf den lesenden / vortragenden Ofczarek die meiste Zeit durch den nicht einmal besonders großen Herrn vor mir blockiert ist. Dafür sind die Sitze so dermaßen unbequem, dass man irgendwann nicht mehr weiß, welche Körperhaltung einzunehmen sei, um die 2:20 Stunden durchzuhalten.

Es gibt eine Lichtregie. Die ist vielleicht sogar gut. Die Qualität ist bloß nicht recht nachzuvollziehen, weil sie die ersten paar Reihen komplett einschließt und das geneigte Publikum eher geblendet wird, als den Effekt erlebt. Außerdem wird ununterbrochen eingenebelt. Weil die Lüftung des Saals aber älter zu sein scheint, als das ganze Haus, löst der Dauerqualm irgendwann Atemnot aus.

Bitte, bitte, bitte: das nächste mal wieder im Prinzregententheater spielen. Dort können sie sowas. Mit links. Nachdem ich meine Beschwerde nun losgeworden bin, nun zu Stück und Vortragskünstlern.

Als Studentin der Theaterwissenschaft in den Achtzigern bin ich an Thomas Bernhard nicht vorbeigekommen. DAS enfant terrible, neben Handke. Und, weil der Bernhard ja die Österreicher beschimpft hat und nicht die Deutschen, war sein Werk ein ganz ein herrlicher Tummelplatz für uns möglicherweise zukünftige Dramaturginnen oder Kritikerinnen.

In “Holz­fällen” führt der böse Bernhard sie alle vor: die Künstler, seien es Musiker oder Schauspieler, das Burgtheater und seinen eigen- und einzigartigen Platz in der österreichischen Rangordnung, die Wiener und ihr und sein Wien, Österreich im Ganzen und im Kleinen. Und sich selbst. Weil, was ist der Österreicher ohne Selbsthaß? Er tut das, indem er als Beobachter einer “künstlerischen Abendgesellschaft” aus seinem Ohrensessel heraus das ganz ganz feiner Skalpell ansetzt und jede, jeden und alles seziert. Auslöser der Zusammenkunft ist die Beerdigung einer alten Freundin, die sich just umgebracht hat. Erhängt. Was der Erzähler lakonisch als einen recht typischen, ja fast erwartbaren Schauspielertod kommentiert.

Ofczarek sitzt, in schlichtes Schwarz gekleidet auf einem simplen Stuhl in der Bühnenmitte, umrundet von der Musikbanda, vor sich einen Notenständer mit dem Text und setzt seine Stimme ein wie ein Skalpell. Er läßt die Hausfrau (und gealterte Sängerin) ehrfürchtig über den zu einem späten Abendmahl erwarteten Burgschauspieler tremolieren, den Hausherrn in einen fürchterlichen Rausch abgleiten – dessen allerdümmste Sprüche Franui mit einem getragenen “Auferstanden aus Ruinen” untermalt – eine alte Liebe und nun ganz furchtbar achtsame Schriftstellerin in einer sehr geschäftigen Stimmlage heillos unsensibel herumwüten, den spät nun endlich eingetroffenen Burgschaupieler gräßlich arrogant im eigenen Safte schmoren und läuft zu besonderer Hochform auf, wenn Bernhard wieder heftig gegen sich selbst tritt. Und die Musi spielt dazu. Es ist ein Fest! Franui spielen Trauermärsche so gekonnt wie Tischgespräche, unterschwellige Bosheiten so schön wie offenen Streit. Ich weiß gar nicht, wie ich diese Kunstform nennen soll und lasse es deswegen einfach sein.

Dabei vergißt keiner zu keinem Moment, dass dieser Ofczarek da vorne ja auch ein Burgschauspieler ist, und mit genau dieser Schimpftirade seit vorletztem Jahr ein Solo mit 10 Musikern auf den geheiligten Brettern der Bühne des Burgthaters spielt. Außer den beiden Damen neben uns, die beim ersten Black, der die Pause einleitet, glauben, nun sei das Stück aus und sich zu gehen anschicken. Sie können aufgehalten werden, mit dem Hinweis, dass doch das großartige dumme Zitat vom Burgschauspieler: “Wald, Hochwald, Holzfällen.” noch gar nicht gesprochen worden ist.

Wie schön, dass der junge Mann damals nach der Aufführung von “Die letzten Tage der Menschheit” (im Prinzregententheater, wo sowas hingehört) (s. https://flockblog.de/?p=51475) Flyer für “Holzfällen” verteilt hat und ich gleich wußte, wem ich mit diesem Abend eine Freude machen kann.

Dank meiner Begleitung, Herrn E. aus M.

Gelesen: Oskar Maria Graf – “Das Bayerische Dekameron”

Saft, Spratz, Platsch, Patsch, Klatsch, hinter-, vorder-, mittelfotzig, rauf, runter, rüber, rum, von vorn, von hinten, Lackl, Dackel, Sackl, hernehmen, rannehmen, schnackeln, packeln, sackeln – es geht einem beim Lesen förmlich der Dada durch.

Ehrlich, bei dieser Masse an Heuschobern, Leitern, Kammerfenstern und knarzenden Betten, den dauergespannten Hosenlätzen, strammen Milchbarmiedern und hochgeworfenen Röcken, alles geschwemmt in hektoliterweise Bier, muss man sich über das Bild, das der Rest der Welt von Bayern hat, nicht wundern.

In kleinen Dosen genossen macht das Büchlein großen Spaß.

Gelesen: Chloé Cruchaudet – “Es wird Zeit, Monsieur Proust”, 2. Teil

Ich habe Prousts Opus Magnum “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nicht gelesen und werde das wahrscheinlich auch nie tun. Jaha, ich weiheiß, Weltliteratur und Kanon und… und ihr könnt mir sowas von gestohlen bleiben, ihr Das-MUSS-Man-Gelesen-Haben-Rechthaber. Nix muss ich. Ich weiß, dass der Duft von Madeleines eine wichtige Rolle spielt, das langt. Ey.

Moo-ment. Ganz andere Baustelle. Ich wollte doch über Madame Cruchaudets ganz wunderbare Graphic Novel sprechen, in der in zwei ganz exquisit gezeichneten Bänden die Geschichte der Céleste Albaret erzählt wird, einer ganz jungen Frau vom Lande, die ins stinkende Paris verpflanzt wird und zufällig (oder war es Fügung?) in den Proust’schen Haushalt gerät. Zunächst nur zuständig für Monsieurs Versorgung mit frischem Kaffee und Croissants, übernimmt sie mehr und mehr die Verantwortung für sein ganzes Leben und ist schließlich 24/7 im Dienst eines Mannes, der nie über das Stadium des verwöhnten kränklichen von viel Personal umsorgten Knaben hinausgekommen ist. Das zehrt ungemein. Irgendwann reicht es und in diesem Band “verläßt” Céleste Monsieur Proust. Er leidet. Sie auch. Aber: Sie kehrt nur zu ihren Bedingungen wieder zurück und bleibt, nebst Gatten und Schwester an des Dichters Seite bis zu dessen Tod. (Zum ersten Teil: s. hier: https://flockblog.de/?p=50624.)

Cruchaudet findet für diese gemeinsame Biographie die schönsten Bilder. Einer meiner Favoriten ist eine über zwei Seiten gestreckte Traumsequenz, in der Proust im gestreiften Pyjama im Garten seiner Sätze hackt, gießt und jätet oder, wieder eine Doppelseite, wie Céleste über Hängebrücken zwischen Pariser Landmarken den Umzug des zur Veränderung unfähigen Dichters in eine neue Wohnung organisiert.

Eine rundum gelungene Hommage an die Frau, ohne die das Proust’sche Werk nicht das Licht der Welt erblickt hätte.

Lesen! Lesen! Lesen!