Gelesen: Kathrin Wolf (Autorin) und Isabel Kreitz (Zeichnungen) – “In einem alten Haus in Berlin, ein Streifzug durch 150 Jahre deutsche Geschichte”

Dieses ausgesprochen schön besorgte großformatige Bilderbuch ist mit Unterstützung der Stiftung Stadtmuseen Berlin und in Zusammenarbeit mit den sechs Häusern entstanden. Ich kann leider überhaupt nicht einschätzen, wie alt ein Kind sein müßte, um dafür Interesse und daran Freude zu haben, könnte mir aber vorstellen, dass die an Wimmelbilder erinnernden Zeichnungen schon sehr junge Leserinnen und Leser zumindest unterhalten können.

Die Gestalterinnen lassen uns mit der Familie Schwartz am 1. April 1871 in die “Beletage” ihres neugebauten Wohn- und Geschäftshauses einziehen und gleich das zweite über eine Doppelseite gehende Bild ist eine Draufsicht auf diese schöne neue Wohnung mit allerlei Details von den Kaiserbildern aus dem “Dreikaiserjahr” über die neuen Rollschuhe bis zum hochmodernen Wasser-Closet. In kindgerechter, aber nicht dummer Sprache wird der Krieg von 70/71 und dann der erste Weltkrieg, mit aller Euphorie der Anfangstage, den Toten, den furchtbar versehrten Opfern bis hin zum Kohlrübenkochbuch angerissen. Republikgründung, Wirtschaftskrise, Weimarer Jahre… das kommt mir ein bißchen zu kurz – es mag aber auch daran liegen, dass mir diese Zeit so am Herzen liegt und mir noch so viel mehr zu erzählen eingefallen wäre. Besonders gut geraten ist die Doppelseite “1933 Gleichschaltung”, die gerade einem jungen Menschen gut vermittelt, dass auf einmal alles, die HJ-Puppe, das Gesellschaftsspiel, der Sportverein… nationalsozialistisch geprägt war.

Warum der 2. Mai 1945 vor den Kriegsjahren 1939 bis 1945 und Weihnachten 1948 vor der Nachkriegszeit und deutschen Teilung 1945 bis 1948 kommt verstehe ich nicht, muss aber vielleicht auch nicht sein. In den folgenden Seiten wird die Entwicklung zum Wirtschaftswunder vor allem durch die Interieurs der Wohnungen gezeigt, sehr toll. Außerdem macht es großen Spaß, weil ich mit dem Geschirr und den Vorhängen und Möbeln aus den mittleren Sechzigern aufgewachsen bin – ich kenne die unsäglichen Tapetenmuster und Papierlampen aus eigener Anschauung. Die Autorinnen erzählen immer aus der Perspektive der Bewohner des Hauses vom Mauerbau (auf einmal ist die beste Freundin weg), dem Mord an Ohnesorge und dem Anschlag auf Dutschke (der langhaarige Kerl, der dir Flausen in den Kopf setzt), besetzten Häusern (inklusive Bild vom Bastelbogen “Wie man ein Haus besetzt”), dem Fall eben dieser Mauer und der DDR und enden im Jahre 2021, als das erste Aufatmen nach Covid einsetzt.

Falls jemand in seinem Umfeld ein Kind hat, das dieses Buch zu schätzen weiß, dann ist es bestimmt ein gutes Geschenk. Ich habe viel gelernt und hatte insbesondere Spaß an den vielen Alltagsgegenständen, die Einzug in das bunte Gewimmel gefunden haben. Prilblumen, zum Beispiel (fragt Oma).

Lesen! Lesen! Lesen!

Dumm wie Bohnenstroh

… wobei: möglicherweise ist in Bohnenstroh doch ein Funken Intelligenz meßbar. Dann nehme ich den Vergleich selbstverständlich zurück.

Erkanina (das, junge Menschen, ist eine Anspielung auf “Erkan und Stefan” und wenn ihr die nicht kennt, fragt Oma), Erkanina also, mit dem dicken Make-up, den extensionverstärkten Wallehaaren, den Klauennägeln, der grellen Stimme und dem Maschinengewehrsprechtempo, sitzt im Kreise ihrer Bewunderer-Stefanies im U-Bahn-Vierer neben mir und rechnet ab. Mit der Welt an sich, im besonderen aber mit ihrer Schule und all dem Unrecht, das ihr dort täglich widerfährt. Man müsse sich das nur einmal vorstellen, wozu die Stefanies nicken und / oder zustimmende Geräusche ausstoßen, vorstellen müsse man sich das nur: Sie habe am Montag den Mathetest nicht “mitgemacht” und heute erfahre sie, dass die Bewertung dafür null Punkte sei. Heute. Heute sage man ihr das. Und dass sie, wenn sie, wie sie dann vorgibt, krank war (“war nicht wahr, aber das geht die blöde Alte nix an”), eben ein Attest beibringen müsse. Vom Arzt, gleich gar. “Vom Arzt”, entrüstet sie sich noch einmal. Die Stefanies nicken und machen bedauernde Geräusche. Und dann die größte Frechheit, man müsse sich das nur mal vorstellen, obwohl das doch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sei, mit Ausstellungsdatum am Tag der Krankheit. Das könne doch kein Mensch, a) nachvollziehen und b) am Freitag noch für den Montag davor schaffen. “Das macht dir doch kein Doktor!” Und dann sagt die blöde Alte auch noch, dass das die Regeln seien, schon immer, und sie sich halt für den Rest des Schuljahres mehr anstrengen müsse. Von wegen Regeln. Ihr, Erkanina, habe das noch nie wer gesagt. NOCH NIE! hallen die Großbuchstaben und das mindestens eine Ausrufezeichen durch den Waggon. Und anstrengen. Pah. In Mathe. Sonst noch was? Und was der “Crap” überhaupt mit ihrem Leben später zu tun habe. Den Stefanies ist vor lauter Nicken schon ein bißchen schwindelich, aber sie lassen nicht nach, ihre Anführerin zu bestärken. Mathe ist Scheiße.

Nächstes Thema, wieder schreiende Ungerechtigkeit. In der anderen Schule gehen alle für ihr Praktikum nach Italien und Sevilla. Nein, ich mache darüber jetzt keine Witze, das kann auch dem besten Fußballer durcheinandergeraten (fragt Oma). Und sie hat jetzt beef mit der Lehrerin, weil sie als einzige noch keine Praktikumsstelle hat, obwohl die Frist im Januar abgelaufen war. Dabei, sagt Erkanina, rufen die Firmen die Schule an und betteln um Praktikanten. Denen hätte man doch einfach nur ihre Telefonnummer geben können. “Aber dazu sind die sich zu gut.” Nicken, Geräusche. Die armen Stefanies. Aber sie halten sich wacker.

Wenn sie, Erkanina, was zu sagen hätte, könnte man einige Fächer streichen. EINIGE! Geschichte zum Beispiel. All das alte Zeug. Ist doch eh vorbei. Braucht keiner. Da macht sie sowieso nie mit, nicht im Unterricht, nicht bei Tests. Mit vor Stolz und Eigenlob bebender Stimme bescheinigt sie sich als Erfolg, seit zwei Jahren durchgehend null Punkte erreicht zu haben.

Ich habe mein Buch inzwischen weggepackt, weil ich mich bei dieser Suada ü-ber-haupt nicht mehr konzentrieren kann und denke mir mit zugehaltenen Ohren und großem Grauen: sowas darf wählen und hoffe gleichzeitig, dass sie den Aufwand mit dem altmodischen Papierkram scheut. Puaaahhh, und jetzt darf ich endlich aussteigen. Wie ruhig so ein U-Bahnhof ist.

Und nun im nächsten blogpost zu dem Buch, das ich heute Nachmittag mit großem Vergnügen gelesen habe.