Nicht nur sauber, sondern rein*

Der gute Herr G. aus M. hatte mir zum Geburtstag einen Besuch im Hamam Anatolia (https://www.hamamanatolia.de/) geschenkt, er käme auch mit, sagte er. Völlig uneigennützig. Und so fanden wir uns an dem trüben Tag gestern um kurz vor zwei hinter dem Sechziger Stadion in Giesing ein, vor einem Beton-Gebäudezug, der an Häßlichkeit lange nach seinesgleichen suchen muss. Sehr lange. Vorne feiert der McDonald’s sein 55-jähriges Bestehen, dahinter liegt das Hamam und führt den Beweis, dass eben nicht Äußerlichkeiten, sondern innere Werte zählen. Wir werden freundlich begrüßt, in den Keller geleitet, kurz unterwiesen, hier Peshtemal (traditionelles Badewickeltuch aus Baumwolle, für die Herren blaukariert, für die Damen rosa), da Umkleidekabinen, ausziehen, einwickeln und auf dem großen beheizten Stein weichkochen lassen, man werde uns holen. Vorher noch einen Tee. Alles ist in Halbdunkel getaucht, die Luft warm und feucht, die Steinplatte schön heiß. Oh, tut das gut!

Herr G. wird von einem Herrn abgeholt, ich von Edina, wir werden auf Liegen gebettet, aus den Tüchern gepellt (werden anschließend zu Hütchen gerollt und als Abdeckung für den Schambereich verwendet) und dann beginnt Edina zu schrubben. Mit einem Sisalhandschuh und reichlich Druck, von Stirn zu Zehen, erst Vorder-, dann Rückseite und immer mit reichlich schön heißem reinem Wasser nachgespült. Heuerho, die erste Hautschicht ist schon weg, die zweite denkbar porös. Das ist aber nur die Ouvertüre. Nun nämlich schlägt Edina mit einem Handtuch einen dicken Seifenschaumball auf und jetzt werde ich gewaschen. Und dabei massiert. So, wie es sich anfühlt, ist jetzt selbst jede meiner Faszien sauber wie nie und ich komme zu der Erkenntnis: Edina war Jahrgangsbeste. In der Abschlussklasse von Maria Poppinitschewa, der führenden Koriphäe unter den Gouvernanten, deren Lebensaufgabe es ist, keinen Zögling in die Welt zu entlassen, der nicht porentief rein ist. Edina schäumt und knetet, ich bin nur noch ein willenloses Stück Teig, dann werde ich aufgesetzt, bekomme die Haare gewaschen, werde anschließend in trockene Handtücher gewickelt und nach draußen geleitet. Man serviert Ayran, das kann ich jetzt gut gebrauchen. Ich nicke in meinem Liegestuhl beinahe weg, aber Herr G. hat aufgepaßt: wir haben jetzt ca. eine halbe Stunde Pause, dann werden wir wieder geholt: zur Aromaölmassage.

Eineinhalb Ayran später ist Edina auch schon wieder da, legt mich auf einem luxuriös dick mit Handtüchen ausgekleideten Bett ab, begießt mich mit heißem Öl, dekoriert mich mit Rosmarinzweigen und läßt mich auf kleiner Flamme… Quatsch. Kein Rosmarin. Nur heißes Öl und eine weitere Massage und da drücken und hier ziehen – ich bin vollkommen willenlos und Wachs in ihren Händen. Irgendwann, ob nach Stunden oder Tagen weiß ich nicht, sagt sie, dass sie jetzt geht und ich sage brav “Spasiba” und dann sagt Herr G., dass wir jetzt aufstehen sollten, der Ruheraum wäre gleich gegenüber. Hmmm. Wie geht das gleich nochmal? Gliedmaßen sortieren? Aufrechter Gang? Aber ich krieg’s hin, bis zur nächste Faulrumliegliege. Tiefenentspannt. Guter Zustand. Macht bloß wahnsinnig hungrig.

Aber Herr G. wäre nicht Herr G., wenn er nicht wüßte, dass uns die Trambahn vor der Tür hier in wenigen Stops zu unserem türkischen Lieblingsrestaurant (https://diyar.de/) bringen würde und wir beschließen den Tag mit Beyti Kebap und Tavuk Dolma sowie Künefe (geteilt) und bedauern beide kurz, dass wir nicht dazu neigen, unsere Mahlzeiten zu fotografieren, denn die wären es wert gewesen, gut aussehend und wohlschmeckend, wie sie waren.

Triple Hach (mindestens)! Und, Herr G., nochmal ganz ganz herzlichen Dank für die uneigennützige Begleitung. Wäre sonst nur halb so schön gewesen.

* Fragt Klementine. Wer die nicht kennt, muss sich halt doch an Oma wenden.