Gelesen: Fiona Sironic – “Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft”

Das ist mal ein ganz außergewöhnliches Buch.

Ein Dystopie, ja. Sie behandelt die zunehmende Zerstörung und Überhitzung unseres Lebensraums, ja. Aber nicht nur das. Lange nicht nur das.

Sie behandelt auch die Vernichtung der Privatsphäre. Die, wohlgemerkt, freiwillige Vernichtung dieser Privatsphäre durch die dauernde Zurschaustellung in den sogenannten Sozialen Medien. Wiewohl: Wie freiwillig ist es, wenn man, wie die Bezugsperson der Heldin, als Tochter zweier Momfluencerinnen, als Projekt / Objekt / Subjekt von deren für die Welt inszenierte Truman-Show aufwächst?

Die Ich-Erzählerin ist sechzehn. Social Media ca. fünfundzwanzig Jahre alt. Ihre Geschichtsschreibung geht so: “Mama erzählt dann von früher, als sie ein Kind war, da hat sie einmal vergessen was sie beichten wollte, aber das war nicht in der Therapie, sondern in einem richtigen Beichtstuhl. In Mamas Kindheit war das noch normal, Kinder in Beichtstühle zu schicken, und in den Pfannkuchen war noch Bananen.”

Die Frauen in dieser Geschichte bewegen sich in einer eigenartig männerlosen Welt. Die älteren kämpfen um ihre (und ihrer Töchter) Existenz in einer zunehmend lebensfeindlichen Umgebung*. Die jungen Frauen und Mädchen suchen nach Ursachen. Wer ist der Feind? Was ist zu tun? Bumm?

Die Lösung ist schlußendlich radikal. Ein (vermeintlicher) Befreiungsschlag? Richtig? Falsch? So einfach macht es die Autorin ihren Lesern nicht. Selber denken.

Man muss sich erst einmal einlassen wollen. Aber dann entwickelt das Buch einen Sog. Lesen! Lesen! Lesen!

* Vergleichbar mit der Unerträglichkeit von Feuer, Hitze, Qualm, Rauch in Franziska Gänslers „Ewig Sommer“, s. https://flockblog.de/?p=47663.

Nachtrag: Die Natur hat es so eingerichtet, dass Frau R. aus M. immer ein paar Wochen vor mir Geburtstag hat und damit immer etwas früher fertig mit der Lektüre ihre Geburtstagsgeschenkbücher. Dann leiht sie mir die besten. Dankeschön.

Wieder in der Mediathek: München Mord – “Die ganze Stadt ein Depp” (1. Staffel, 7. Folge)

Was habe ich gelacht! Die Drehbuchautoren Kiefersauer und Liegl machen sich in dieser Folge ihren ganz persönlichen Schtonk!-Jux und lassen das schräge Ermittlertrio in gleich zwei Mordfällen vor dem Hintergrund eines Münchens im alljährlichen Oktoberfest-Ausnahmezustand ermitteln. Ist das schön! Ich möchte bitte auch ein Lebkuchenherz mit der Zuckergußaufschrift “Die ganze Stadt ein Depp” haben und gelobe, es ganzjährig prominent bei mir daheim aufzuhängen.

Wer’s anschauen mag, sei gewarnt, ich erzähle im folgenden meine appsoluten Lieblings-Lieblingsszenen. Ich glaube nicht, dass es die Freude am Anschauen schmälert, wenn man schon weiß, dass die kommen werden, aber das soll jeder für sich entscheiden. Oiso: Nicht, dass es nicht schon erwartbar wäre, wie die Geschichte mit dem Alliterationspfeifer Fridolin Fähr, Flötist aus Freudenstadt weitergehen wird. Aber jetzt samma mit gutem Grund in der Musikschule, dem ehemaligen “Führerbau”, wo dann ausgerechnet der Hausmeister (wir, die wir im Gegensatz zu Fräulein Flierl ganz gut im 3. Reich waren, denken da natürlich sofort an die Weiße Rose) einen schwunghaften Handel mit schwachsinnigen Nazi-Devotionalien betreibt. Natürlich brauchts dafür den windigen Striezi-Zwischenhändler, gleichermaßen Plastikdirndlverkäufer und NS-Memorabilia-mit-selbst-kopierten-Echtheitszertifikaten-Schieber. Ganz herrliche Figuren, allesamt. Und selber schuld, wer Bunkertüren öffnet und von einem Mann mit Zahnbürstenbärtchen zurechtgewiesen wird, dass nämlich gar niemanden etwas angehe, was er hier mit Frrrräulein Brrrrraun treibe. Hach! Vielfach-Hach! Noch-vielmehrfach-Hach!

Unbedingt anschauen! Anschauen! Anschauen!

Liebe Frau R. aus M., darf ich sie für diese Empfehlung auf einen Kaffee im Disput hinterm Königsplatz einladen?