Kohlmaier stellt in ihrem Buch in Kurzporträts Kriegsreporterinnen vor, die eine Mission einigt: sie sehen sich verpflichtet, Zeugnis abzulegen und der Welt die Greuel von Kriegen vor Augen zu halten.
Mir war nicht bekannt, dass die erste ihrer Art, Alice Schalek, schon im 1. Weltkrieg akkreditiert war, hingegen waren mir die Namen dieser mutigen Frauen aus dem 2. Weltkrieg, Vietnam und der Zeit, als ich selbst politisch denken konnte, leider fast alle geläufig (pars pro toto für meine Generation steht Antonia Rados, berichtend aus Bagdad).
Wir hier scheinen bei diesen Kriegen ab 45 in der Goethe’schen Tradition zu stehen:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, Wenn hinten, weit, in der Türkei, Die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man abends froh nach Haus, Und segnet Fried und Friedenszeiten.
Bis jetzt konnten wir uns das auch leisten. Mal sehen, wie es weitergeht.
Lesenswert. Mein Exemplar liegt zur Weitergabe bereit.
Manchmal ist es einfach genug mit schon wieder schlechten Nachrichten und man braucht Ablenkung von dieser Welt. Weil ich nicht der Typ bin, der einsam in Alleen hin und her wandert und treibende Blätter sowieso gerade austreibenden Ästen (Haa-aaaptschi) weichen, besteht meine Lustbarkeit darin, mir eine Serie aus den frühen Neunzigern anzusehen.
Die Geschichte ist so überzogen wie simpel: eine junge Frau (Fran Drescher, Autorin, Produzentin, Hauptdarstellerin) wird von dem Mann, mit dem sie seit über sechs Jahren verlobt ist (“drum prüfe, wer sich ewig bindet”) aus dessen Leben und Laden und Flushing*, Queens, New York geworfen. Krönchen richten, weitermachen und schon zieht sie mit ihrem Kosmetikköfferchen** von Tür zu Tür und zwar im Borough auf der anderen Seite der Brücke, Manhattan, da, wo die reichen Leute wohnen. Klingelt bei einem gutsituierten Witwer, der zwar weder Lippenstift noch Wimperntusche kauft, sie aber vom Fleck weg als Kinderfrau für seine drei Kinder engagiert. Dann muß man sich als Zuschauerin nur noch auf das gräßliche Konservenlachen, die großen großen Haare und die grotesk überzeichneten Figuren wie die jüdische Mutter sowie Großmutter, den – natürlich – verklemmten britischen Chef und prominenten Broadwayproduzenten sowie seine Höhere-Hampton-Tochter-Blaustrumpf-Geschäftspartnerin, die Dumm-wie-Brot-Beste-Freundin-Seit-der-Schulzeit***, den hyperbritischen Butler – die Reinkarnation aller britischen Butler, wie die Amerikaner sie aus Fernsehserien kennen, die verwöhnten High-Society-Blagen und Fran Dreschers fürchterlich nasale Stimme einlassen und einmal das Intro anschauen.
Schon ist man mittendrin in der Weltflucht.
Von wegen. Ich hatte vollkommen vergessen, dass in der Serie Cameos sonder Zahl vorkommen und Namedropping als Zuschauersport betrieben wird. Wuppdich isser wieder da. Donnie. Sein Trum-Trump-Turm. Marla. Klein-Ivanka, das Playdate fürs Produzenten-Nesthäkchen. Es ist zum Schbeiben.
Ich habe sowieso nur die ersten drei Staffeln auf (entsetzlich schlecht editierten) DVDs, vor allem, weil sich das Serienkonzept irgendwann mal totläuft, aber jetzt noch mit einem viel besseren Grund. In Staffel 4 tritt Nr. 47 auf. Natürlich nicht, ohne vorher ein Fass aufzumachen. Wer’s genauer wissen will, siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=uFQ8DJllA7g.
Ich schau dann vielleicht doch lieber “The Godfather”. Oder “Apocalypse Now”. Kein Lachband. Kein Trump.
* “Flushing” heißt auf Deutsch übersetzt “Wasserspülung” und man kann sich gar nicht ausmalen, wie viele Witze bzw. Witzähnliches darüber im Verlauf der Serie gerissen werden.
** Der Koffer ist knatschpink und es gibt wahrscheinlich keinen Menschen mindstens meiner Altersgruppe in den USA, der “Mary Kay” nicht kennt. In Deutschland haben es die Avon-Vertreterinnen zu einem vergleichbaren Bekanntheitsgrad gebracht.
*** Direkt herausfordernd sind die Plots nicht und so hat man Zeit, sich beim Zuschauen seine Gedanken zu machen. Wie zum Beispiel: Welche Rolle würde ich in der Serie spielen wollen? Ganz fraglos die Schulfreundin Val Toriello. Wenn es nicht schon existierte, hätte für sie das Wort “treudoof” erfunden werden müssen, und ich kann nur meinen Hut vor der schauspielerischen Leistung ihrer Darstellerin Rachel Chagall ziehen, die es durchgehend schafft, eine Balance zwischen dem sehr unterdurchschnittlichen IQ und der schwer überdurchschnittlichen Loyalität der Figur zu schaffen. Val nicht zu mögen wäre wie Welpen treten.
Es ist, spätestens seit Art Spiegelmans genialem “Mouse”-Comic, den letzten Jahren sehr in Mode gekommen, die Antwort auf die Frage “Opa, was hast du eigentlich im Krieg gemacht?” in Form einer Graphic Novel zu geben. Das Resultat ist dann häufig ganz arg gut gemeint und weniger gut gemacht. Weil die Autor*innen nicht schreiben können. Oder nicht zeichnen. Oder beides nicht besonders gut. Dergleichen ackert man dann pflichtbewußt durch und ist froh, das Werk anschließend im roten Bücherschrank bei der Feuerwehr deponieren zu können.
Nicht so Schaalburgs Geschichte. Die Frau hat ihr Handwerk gelernt, sehr viel Arbeit und Zeit in die Recherche gesteckt und sie hat etwas zu sagen. Sie setzt das Medium Graphic Novel so ein, wie es ihm gebührt und ihre Geschichte sollte gelesen werden.
Der junge Mann vor mir beim Bäcker so zur Verkäuferin: “Genau. Ich nehm das Tomate-Mozzarella-Teil so to go. Genau.”
Vielleicht sollte ich anfangen, mich auf meinen Kindheitstraum (“Ich will Lehrerin werden”) zu besinnen und eine Masterclass in “Deutsch für Menschen unter 20” anzubieten?
Eine schwer dominante sehr elegante Chefin in der Modewelt terrorisiert ihr gesamtes Umfeld, insbesondere den ihr treu ergebenen kahlköpfigen Majordomus (der Titel scheint mir am besten zutreffend) und die begabte mausige Nachwuchskraft mit der dicken Brille und der zotteligen Ponyfrisur. Adabei: ihre drei Dalmatiner. An diesem letzten Detail ist zu erkennen, wie frech Disney den Prada tragenden Teufel gekapert / geklont / geklaut hat und jetzt so tut, als handele es sich um eine Fortsetzung des 60er-Jahre-Vielmehrhunde-Zeichentrickfilms.
Dame Emma Thompson gibt mit erkennbarem Spaß* an der grausamen Freud die “Baronesse”, Mark Strong ihren Stanley Tucci und Emma Stone das Hascherl mit dem Vivienne-Westwood-Twist. Der Film ist bis in die Nebenrollen sehr gut besetzt und eigentlich auch nicht ganz ununterhaltsam, ach was, er ist recht lustig und schmissig und immer wenn aus der Graumaus Estrella die Cruella mit den Zebrastreifenhaaren wird, sind die Bilder, Musik und Kostüme toll. Ich will ihn hauptsächlich nicht mögen, weil Disney sich wieder so derart schamlos an anderer Leute Erfolgen bedient und sie vereinnahmt. Ja, gut erkannt, mein Mary-Poppins-Trauma sitzt tief.
Man kann sich das trotzdem ansehen. Muss ja nicht jeder meinen Hass auf Disney teilen.
Stell dir vor, es ist Pandemie. Du bist isoliert und unwissend, verunsichert und du hast Zeit. So wahnsinnig viel Zeit. Der Schriftsteller Green hat einen Kopf voller Gedanken, Fragementen, Ideen, Fragen, Nachdenkereien und, wie alle ab März 2020, so wahnsinnig viel Zeit, zu recherchieren, weiter nachzudenken und einen ganzen Kessel Buntes zusammenzuschreiben. Über Hotdogfreßwettbewerbe und Höhlenmalerei, “Mein Freund Harvey”, Diet Dr. Pepper, den FC Liverpool, Monopoly und seine Lieblingsband. Und. Und. Und.
Green hat seine berufliche Laufbahn als Literaturkritiker begonnen und Unmengen gelesen, kein Wunder, dass es in jedem dieser Essays von Zitaten nur so wimmelt. Er sagt dazu im Nachwort (frei übersetzt): “Mir will scheinen, dass das Buch voll von Zitaten ist – möglicherweise sogar übervoll. Ich bin halt selbst überfüllt mit Zitaten. Lesen und Wiederlesen sind mein Lebenselixir.”
Kenn’ ich. Kenn’ ich nur zu gut. Bis ich allein die Literaturliste aus den Zitaten abgearbeitet haben werde…
Er erwähnt, dass die deutsche Übersetzerin für die hiesige Variante den Titel “Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?” gefunden hat. Sehr treffend. Es liegt in der Natur der Sache, dass einen nicht jeder Artikel anspricht. Wer Zeit hat, lese, und finde heraus, welche bei ihm oder ihr Saiten zum Klingen bringen.
Mit dieser hochinteressanten Collage aus Photos, begleitendem Text und Graphic-Novel-Elementen setzt Morvan gleichermaßen dem MAGNUM-Photographen Abbas wie dem auch als “Rumble in the Jungle” bekanntgewordenen Comeback-Kampf Alis gegen “Big George” Foreman ein sehr berührendes Denkmal.
Das werde ich nicht öfter lesen und anschauen wollen, aber für diese erste und einzige Mal hat es sich gelohnt. Well done.