Aus dem Vokabelheft

In einem der Bücher, die ich gerade lese, kommt ein Mafioso mit dem wohlklingenden Alias “Mangione” vor. Beruflich ist er sehr erfolgreich mit großem Output als “Assassinato” tätig, seine Freizeitbeschäftigung besteht im wesentlichen aus Fressen, Saufen, Huren, daher wird der Name wohl irgendwas in der Richtung von Prasser, Vielfraß oder dergleichen bedeuten. Ich schaue natürlich trotzdem nach und bin a wengele überrascht, nichtsdestotrotz erfreut, weil ich sofort einen blogpost reifen sehe:

Die Wahl gehabt…

… und heute Abend um kurz nach sechs werde ich ja dann sehen, was meine Mitbürger so angekreuzt haben.

Aus der Grund- und Mittelschule in Hadern ist zu berichten, dass die Wahlbeteiligung recht rege wirkte, sowohl zum Eintritt ins Wahllokal (Klassenzimmer der 2a) wie auch zur Stimmabgabe stand man ein paar Minuten lang an.

Auf dem Rückweg in den Vorgärten erfreulich viele Schneeglöckchen und leuchtend gelbe Winterlinge gesichtet, außerdem ist die Natur wieder sehr viel lauter als noch vor ein paar Wochen. Wenn schon sonst nichts gewiß ist: der Frühling naht auf jeden Fall.

Gelesen: Chloé Cruchaudet – “Gewiss, Monsieur Proust”, 1. Teil

Cruchaudet erzählt in einer Graphic Novel mit wunderschönen Pastellbildern panel-übergreifend von Marcel Prousts Haushälterin Céleste Albaret, einer sehr naiven jungen Frau vom Land, die eher zufällig in den Proust’schen Haushalt in Paris gerät und dann vom Schriftsteller-Genie mit Haut und Haaren quasi absorbiert wird.

Lohnt sich! Lesen! Lesen! Lesen!

Gelesen: Harald Jähner – “Höhenrausch – Das kurze Leben zwischen den Kriegen”

Noch ein Buch über die Weimarer Republik? Ja. Dieses Mal nicht aus der Sicht eines Historikers, sondern aus der eines Feuilletonisten, der seine Themen aus Zeitungsarchiven schöpft und auf neue Art und Weise verknüpft und daraus eine Art erzählendes Sachbuch macht.

Gleich vorangestellt: ich habe das Buch, obwohl umfassend recherchiert und in Teilen hochinteressant, nicht besonders gemocht. Nicht, weil mich das Thema nicht interessiert. Ganz bestimmt nicht. Auch nicht, weil ich die Sichtweisen und Ableitungen uninteressant fand. Gar nicht. Aber der Ton. Der ging mir stellenweise so dermaßen auf den Wecker. Die Angelsachsen haben eine Redensart: “Hindsight is 20/20”. Dazu muss man wissen, dass der Wert 20/20 für das perfekte Sehvermögen steht und “Hindsight” “Rückblick” bedeutet. Ja, klar, wir wissen heute, wie es nach den “Roaring Twenties” weitergegangen ist. Wieviele Menschen zu Tode gekommen sind. Und dann kommen manche seiner Kommentare so bräsig-besserwisserisch daher, dass es mir übel aufstößt. Dann doch lieber weniger aphoristisches Geplauder und lieber sachliche Sachbuchsprache. Das mag an mir liegen, die Rezensenten waren durchgehend sehr begeistert. Wer mag, kann mein Exemplar haben und sich selbst einen Eindruck schaffen.

Man wird lesen über die politische (wenig) und soziale Geschichte der Weimarer Republik, die Kultur der 1920er-Jahre en gros et en détail, Frauenemanzipation und veränderte Geschlechterrollen, den Aufstieg der Angestellten, ihren Alltag und ihre Nächte. Architektur und Bauhaus, Tanz (lieber alleine herumzappeln als in traditioneller Zweierform), Musik, Musik, Musik und Mode ohne Fischbein – wobei die Röcke in den ganz frühen Dreißigern wieder länger und die Ausschnitte kleiner werden, Tonfilm und Theater, Zeitungen, Zeitschriften, Literatur, Mobilität und Straßenbau, Vereinsleben, Vegetarismus und Flugzeuge und und und… Und ganz vui Gfui, bei dem Jähner im Kopf eines Fräulein vom Amt genauso steckt wie in dem Eberts und ihnen Aussagen in den Mund legt, die nicht belegbar sind. Aber tief empfunden.

Wie gesagt, es mag an mir liegen. Ich bin ein großer Fan von Fakten. Nun freu ich mich umso mehr auf das Buch von Jens Bisky, von dem ich mir mehr Sachlichkeit verspreche (s. https://flockblog.de/?p=50525).

Gestern Abend im Metropoltheater: “Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang”

In Befolgung der bewährten Methode, zu Kulturveranstaltungen Eintrittskarten sowie meine Begleitung zu verschenken, war ich gestern Abend mit einer lieben Freundin mal wieder in Freimann. Es wurde ein Stück von Jura Soyfer gegeben, die zweite Fliege in meiner Klappe, denn seine Bearbeitung des “Kolumbus” von Tucholsky und Hasenclever war seinerzeit ein maßgeblicher Bestandteil meiner Magisterarbeit.

Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Bühnenbearbeitung und die Umsetzung des nunmehr schon 90 Jahre alten Stücks. Die Zauberer (generisches Maskulinum) aus dem Norden haben wieder mit einfachsten Mitteln (Selbstverständlich können ein Wirthaustisch, ein Garderobenständer und ein Barhocker glaubhaft ein Teleskop darstellen. Selbstverständlich.), in einer großartigen Ensembleleistungen in vielen Mehrfachrollen eine wunderbare, teilweise erschreckend aktuelle Revue auf die Bühne gebracht. Die helle Freude!

Ich kann es mir nicht ganz versagen, doch zwei Schauspieler hervorzuheben. Der eine ist der inzwischen 80-jährige Gerhard Lohmeyer, der quasi dauernd auf der Bühne steht und mit viel Text den einsamen Mahner Professor Guck gibt, der andere Paul Kaiser, der ganz herrliche Rampensaurollen hat und sie in einer Virtuosität ausspielt, ganz besonders das Radio und das Vogerl, dass ich gar nicht mehr an mich halten konnte vor Begeisterung.

Hingehen! Anschauen! Klug unterhalten lassen!

Aus dem Vokabelheft

Heute im Telefonat mit der Ex-Kollegin aus dem Hunsrück beschwert sich diese über den mangelnden Arbeitsanfall. “Ich”, sagt sie, “bin seit zwei Wochen nur am Rumpimmeln.” Verlaufsform. Sehr schön. Aber das andere? Ich frage nach. “Rumpimmeln”, sagt sie wieder. “Sag ich doch.” Ich frage nochmal. “Ja doch. Pimmeln. Wie das Genital. Kennst du das nicht?”

Ach, Hunsrücker Platt. Du fehlst mir schon.

Aus dem Vokabelheft

Ich hab ja immer wieder Freude an Idiomen, die auf dem Weg in die nächste Sprache den Bezug wechseln.

Beispiel: In meiner aktuellen Lektüre wird ein korrupter Politiker des pork-barrelling bezichtigt. Im deutschen hätte er einen Kuhhandel betrieben.

Es muss an mir liegen…

… dass ich bei diesem Bild heute in der Ausstellung (die Qualität des Fotos ist nicht überragend, ich weiß)

über den Titel “Nonnen im Wald” sehr verwirrt war. Ich war sicher, es handele sich um einen Hexenzirkel.

Kunsthalle: “Jugendstil. Made in Munich”

Weil es das letzte Mal so überlaufen gewesen war, wollte ich im Rahmen des nunmehr wegen Erfolgslosigkeit wieder eingestellten Projektes Mim die Ausstellung noch einmal besuchen und mich heute auf die Themen fokussieren, die mir am Jugendstil besonders Freude machen, wie Möbel, Mode (die Idee des endlich korsettfreien “Reformkleides”), Schmuck, und Textilkunst, namentlich die Stickerei. Ein Hobby, ah, ne, blödes Wort, lieber: eine Beschäftigung, die ich in der Pandemie selbst wieder aufgenommen und dann aber auch wieder nicht mehr betrieben hatte und vielleicht doch wieder will.

Nach längerer U-Bahn-Renovierungsbedingter Anfahrt gleich die erste Überraschung: nur noch ein einziges freies Schließfach für die dicke warme Jacke und das dicke U-Bahn-Buch und drin dann ein Betrieb wie am Stachus um zwölfe. Allein drei Führungen und massenweise Einfach-so-Besucher. Es macht insgesamt genauso wenig Spaß wie an einem überfüllten Wochenende und ich verschaffe mir nur ein einziges Mal Platz, als ich, mit der Nase schon fast am Schutzglas, mit abgenommener Brille die Sticktechnik Berthe Ruchets in Hermann Obrists “Wandbehang mit Alpenveilchen” bzw. „Peitschenhieb“ genauer studieren will und dabei den Alarm auslöse. Fazit: Es sieht so aus, als müsse ich mir für exklusiveren Zugang zu Kunscht und Kultur noch mal was anderes ausdenken.

Im Nachgang werde ich jedoch reichlich entschädigt. Die Sonne hat den Zenit überschritten und bescheint jetzt inzwischen die “richtige” Seite der Theatinerstraße. Und so lasse ich mich mit gutem Kaffee und meinem dicken Baustellenbuch ein Stündchen rösten, schaue nebenher Leut’ und genieße das Sprachengewirr. Das ist dann zwar nicht mehr Mim, aber sehr schön. Sehr sehr schön.