Für Charles D.

Das Auto vor uns war statt mit dem üblichen nach links schwimmenden Fischsymbol, dem Catholic Radio-Bumbersticker und Aufklebern mit Anzahl sowie Geschlecht der Kinderschar mit diesem Tier beklebt.

Ich bin eigentlich kein Fan von Autoaufklebern, aber für einen Fisch mit Füßchen könnte ich glatt eine Ausnahme machen.

 

Gigantisch!

Ukiah werden wir in liebevoller Erinnerung behalten: kurz nach der Autobahnabfahrt finden wir ein Motel, morgens liegt der Supermarkt für die Picknick-Einkäufe gleich ums Eck, man ist schnell wieder auf dem 101 und nun sind es nur noch knappe zwei Stunden bis Garberville.

Garberville ist eines dieser nordkalifornischen Städtchen, dessen Einwohnerschaft sich gleichermaßen aus erster und zweiter Generation Hippies und den Nachfahren von Holzfällern zusammensetzt. Erstere sehr greise, aber immer noch langhaarig in Batik-Klamotten, nicht mehr barfuß, sondern bei über 30°C Hitze strumpfsockig auf der Straße unterwegs, letztere im klassischen Kostüm ihrer Ahnen, das heißt kariertes Hemd, Jeans und Boots. Scheint eine friedliche Koexistenz zu sein: selbst im Hemp-Shop hängen Plakate für’s Father’s Day Rodeo und neben der Handleserin lockt der lokale Waffenhändler mit Glock-Sonderangeboten.

Nach Garberville teilt sich der 101: der neue ist streckenoptimiert, der alte folgt dem Lauf des Eel River mitten durch den Wald und heißt jetzt “Avenue of the Giants”. Das ist ausnahmsweise einmal keine Übertreibung: diese 31 Meilen lange “Scenic Road” im Humboldt State Park führt durch einen dichten Wald von uralten Redwoodbäumen. Redwoods scheinen gerne in Klumpen zu wachsen, vier, fünf, sechs dicht an dicht und wenn man an einem solchen Baumgrüppchen vorbeikommt (eigentlich verbieten sich in diesem Wald Diminutive), geht mal schnell das Licht aus. Klick. Klack. Schalter runter. Vorbei. Schalter hoch.

Jedes Mal, wenn wir irgendwo anhalten, sind die Bäume noch höher als vorher – auf Vergleichsphotos sehen wir einfach lächerlich zwergenklein aus. So wie hier, aufgenommen in der Williams Grove von einer netten Dame, die sich mit ihrem Gatten und dem RV (Wohnmobil) in der Picknick-Area häuslich eingerichtet hat. Tischdecke, gepolsterte Bankkisserl im gleichen Stoff und sogar Plastikbecher im passenden Farbton – wer sagt denn, daß man im Wald auf Stil verzichten muß?

Hier gibt es auch einen “River Access”, den man den im Sommer eher in “Flußbettzugang” umbenennen sollte. Nach einem langen Marsch über ein Kiesfeld aus perfekten Flitschesteinen gelangen wir zu einem recht trüben Rinnsal, das schon aufgewertet würde, wenn man es Bach nennte. “Eel River” hingegen ist einfach eine schamlose Übertreibung.

Weiter auf der Avenue. Licht aus. Licht an. Ein paar Laubbäume sind zuständig für Lichteffekte, Streulicht, Punktlicht, diffuses Glimmern. Licht aus. Licht an. Wir halten in Founders Grove, wo man die gefallenen Riesen einfach kreuz und quer herumliegen läßt. Sie wurzeln erstaunlich flach, wenn es sie aus dem Boden reißt ist die Kuhle nicht viel mehr als einen Meter tief. Aber dafür wurzeln sie breit, zwei Sabines aufeinander wären noch nicht genug, um den Durchmesser abzubilden. Zum dicksten (liegenden) Stamm hinauf führt ein Trepperl. Ich mache Heldenbilder (von Christoph). Wenigstens ebenso faszinierend sind die Chimney-Trees. Meist durch einen Blitzschlag ausgebrannt und auf ein paar Meter nach oben ausgehöhlt, wachsen sie einfach weiter. Was ist so einem Ewigkeitsbaum schon so ein lächerliches Feuerchen. Daß wir für die 0.8 Meilen “Hike” weit über eine Stunde brauchen liegt daran, daß wir ganz oft stehenbleiben, “Ah” und “Oh” sagen und viele viele Bilder machen müssen. So langsam sollten wir weiter, als nächstes wollen wir zum Big Tree Loop, den unsere Karte gleich neben dem Bull’s Creek anzeigt. Von wegen, erst kommt der Upper Bull Creek, dann der Lower Bull Creek und wenn man am Cow Creek glaubt, man wäre jetzt aber wirklich bald da, dann kommt der Calf Creek (führt zwar kein Wasser mehr, aber Creek ist Creek) und jetzt endlich “Big Trees”. Als ob sie bisher nicht schon riesig gewesen wären. Aber a bisserl was geht immer noch und deswegen stehen wir hier vor dem über 100m hohen Redwood, der 1991 die Sequoia Championship gewonnen hat (ich wußte nicht einmal, daß Bäume überhaupt Wettbewerbe austragen). Über Behelfsbrücklein (“Seasonal Bridges”) geht’s über den Fluß (pah!) und zum “Flat Iron Tree” – wieder so ein Gigant, stimmt schon, es geht immer noch ein bißchen größer. Der Nachmittag geht in den Abend über, die Schatten werden länger, sattsehen kann man sich hier nicht.

Satt? Genau, da war noch was. Wir haben Hunger. Und wir fühlen uns wie Christoph und Sabine im Salzteig. Kein Wunder. Es ist selbst jetzt noch über 30°C warm und die Wälder sind trocken und staubig. Weil wir vorsorgliche Naturen sind, wartet in Fortuna ein Zimmer auf uns und April von der Rezeption kriegt sich schier nicht mehr ein vor lauter guten Tips: gegen die Kruste helfe der Pool (zwei Schwimmzüge um planschende Kinder herum und man hat eine Beckenlänge geschafft) und gegen Hunger und Durst die Eel River Brewery (http://bit.ly/MvokED). Eine Art Bräustüberl auf amerikanisch (sie haben sogar einen Biergarten mit gut frequentiertem Hufeisenwerfturf) und was dem Bayern sein Schweinsbraten ist, ist dem Fortuner sein Monster-Burger oder was Frittiertes – schon das Beilagenkörbchen Pommes würde ein äthiopisches Dorf bequem eine Woche lang versorgen. Ich bestelle ein “Triple Play”, bestehend aus Scampi, Fisch und Hühnchen, “beer battered & cooked to a golden brown” und bekomme ein in Tetris-Manier gestapeltes Türmchen frittierter Klumpen, dessen Reste noch gut für ein opulentes Picknick am nächsten Tag ausreichen.

Völleschmerzgeplagt wanken wir die paar Schritte zum Motel zurück und können in dieser Nacht nur auf dem Rücken schlafen. Und mit wirren Träumen.

Fortsetzung folgt.

Per aspera ad astra

Das ist natürlich übertrieben.

Andererseits habe ich bisher noch nie einen “Heavy Fog Alert” auf der Golden Gate Bridge erlebt – der Nebel ist wahrhaftig so dermaßen dicht, daß man kaum die Spurenmarkierungen auf der Straße und auf keinen Fall die Brückenpfeiler erkennen kann; man merkt eigentlich noch nicht mal, daß man das Golden Gate inzwischen überquert hat und sich wieder auf festem Land befindet. Sehr faszinierend.

Bis zu den Sternen sind wir nicht gereist, aber immerhin schon bis Ukiah (einfach den 101 North lang, bis man nach drei Stunden keine Lust mehr hat weiterzufahren und sich was zum Schlafen sucht). Und in Ukiah ist es um Mitternacht noch so warm, daß man auf dem Motelparkplatz die Betthupferlzigarette nur mit einem kurzärmeligen T-Shirt bekleidet rauchen kann.

Ich übertrage den alten Lateiner-Spruch mal rasch ins nordkalifornische: “Thru heavy fog into a warm summer night”. Und morgen sehen wir Riesen. Stay tuned.

Wieder what learnt (Lektion 5)

Was will Kollege Wes uns sagen, wenn er sich als “ABC” bezeichnet? Amerikaner mit ihrer Abkürzeritis hätten es vielleicht gleich kapiert, ich als Europäerin war um die Definition doch dankbar: ABC steht für “American Born Chinese”.

Better safe than sorry

Es klingelt: vor der Haustür steht ein Herr in neon-gelber Sicherheitweste mit staatstragender Miene und Klemmbrett. Knapp stellt er sich vor: “Good afternoon, Ma’am. My name is David, Homeland Security” und gratuliert mir gleich überschwenglich zu meinem hübschen Haus (“your beautiful property”). Neben seinem häßlichen Outfit scheint der Mann mit einem Sehfehler geschlagen zu sein. Mein Häuschen ist – verglichen mit den anderen in der Nachbarschaft, deren Besitzer regelmäßiges “home improvement” betreiben – doch nur eine gehobene Datsche, also eher ein Bruchbüdchen, dessen Eigentümer sich noch nie durch Renovierungsmaßnahmen hervorgetan hat. Weil ich außerdem ein ehrlicher Mensch bin, stelle ich doch lieber richtig, daß ich hier nur miete. Nix property. Davids Kinnlade fällt, doch er fängt sich und teilt mir mit, daß ich dann für seine Sicherheitsmaßnahmen “not qualified” sei. Moment mal! Wo bin ich denn? Was soll das? Ernsthaft? Der Homeland Security geht mein Wohlergehen am Arsch vorbei, weil ich keinen Anteil am Homeland gekauft habe? No Real Estate – No Security? Meine Kinnlade tendiert jetzt auch gen Süden.

David gibt mir seine Visitenkarte. Natürlich nicht bestimmt für mich besitzloses Geschöpf, sondern zur Weitergabe an meinen “Landlord”. Auf dem Weg zur Altpapiertüte sehe ich zum ersten Mal das Logo darauf und es fällt mir wie Schuppen von den Augen: David geht es gar nicht um Homeland-, sondern um Home Owner Security. David putzt Klinken, weil er Alarmanlagen verkaufen will. (http://bit.ly/ogZzwK).

Nebenan hat er noch nicht mal Zeit für seine Einleitung. Carmen bügelt ihn mit einem “Nicht schon wieder” ab und erzählt mir anschließend, daß David fast so oft vor der Tür steht wie die Zeugen Jehovas. Bloß will er statt über Gott immer über Einbrecher sprechen.

Mango-Mann

Ich mag Mangos und einer der ganz großen Vorteile des Lebens in Nordkalifornien ist, daß Mangos hier ein Allerweltsobst sind wie Äpfel am Bodensee. Die gesamte Sam-Lieferung haben wir bereits am Samstag aufgebraucht, weil Christoph den “Moser-Mango-Madness” kreiert hat, einen Cocktail aus Mangopüree, Don Q (weißer Rum aus Puerto Rico) und crushed ice, ohne Schirmchen oder anderen Firlefanz. Sollte es sich ergeben, wollen wir um die Mojito-Variante erweitern, mit Brown-Sugar-Rim und einem Minzstengelchen (aber nur wenn wir Pfefferminze bekommen; die hier gänge Spearmint ist unakzeptabel, weil sie schmeckt wie Klosteine riechen).

Den Sonntagmorgen begehen wir gezwungenermaßen mangofrei, doch schon gegen Mittag klopft es an der Haustür und ein netter Herr bietet Kisten voller unglaublich lecker aussehender Erdbeeren (gehen wegen Allergie nicht) und Mangos feil. Das Dutzend reifer Früchte für einen Zehner. Das ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Mir doch wurscht, von welchem Lastwagen die dem zugefallen sind.

Sonntagabends gib’s nach der Crème Brulée ein Mango-Madness-Zweitdessert und montags werden, weil Werktag und überhaupt (der Don Q geht zur Neige), zwei Kübelchen Mango-Lassi als Nachtisch gereicht. Morgen gibt’s entweder Mango mit Mango oder wir gehen tatsächlich mal wieder “grocery shopping” – Rum und Buttermilch stehen ganz oben auf dem Einkaufszettel.

Dinner mit Pestle oder “The Schbäsdo”

Irgendwann im Laufe der letzten Woche müssen den Basilikum auf dem Küchentisch ernsthafte Zweifel an seinem Selbstbild als sattgrüne vielblättrige Zierpflanze befallen haben. Der Zeitpunkt sollte sich ziemlich genau auf den Tag festlegen lassen, an dem wir begannen, ihn mit “Hey Pesto” anzusprechen und zunehmend auffällig um sein Wohl besorgt waren. (“Mehr Wasser? Oder doch weniger? Was meint Pesto wohl, wenn er die Blätter hängen läßt? Sag doch du auch mal was, Pesto!”

Und dann war es soweit: Christoph hat Pesto (die Pflanze) gerupft, Pinienkerne geröstet, geriebenen Parmesan aus der kindersicher verschlossenen Packung befreit, gemörsert, feinstes kaltgespresstes Olivenöl in kleinsten Dosen geträufelt und schließlich alles im Blender zu Pesto (der Soße) vermischt. Ich habe nebenher Teig gerührt und Wasser gekocht und schwäbische Eierspätzle zubereitet.

So geht Bavaro-Schwabo-Italo-North Californian-Fusion. Wir finden, wir haben ca. drei Hauben (“Höchste Kreativität und Qualität, bestmögliche Zubereitung”)  und noch ein, zwei Michelin-Sterne (Eine hervorragende Küche – verdient einen Umweg”) verdient.

Sie reiten schon wieder…

Es ist mir ein Rätsel, warum mir diese Harley-Missionare (http://bit.ly/NRWtAe) immer noch e-mails schicken, wo ich mir doch weder aus Sport noch aus Christentum was mache. Vielleicht mögen sie die Verrisse aus dem flockblog, die Wege des HErrn sind ja angeblich unergründlich.

Man lasse mich den Hirtenbrief im folgenden einmal übersetzen:

So many stories to tell!! What a great honor to serve Jesus by visiting those in prison in Jamaica! One prisoner grabbed one of our bikes and started riding across the prison yard and after about 5 cranks flipped over the bike and wrecked in front of the whole prison! The inmates were rolling laughing at the sight and will never forget our visit!

“schadenfreude” ist einer der Begriffe, den die Amerikaner uneditiert in ihre Sprache übernommen haben (so wie “zugzwang”, “angst” oder “zeitgeist”) – ich bin aber doch überrascht, daß ausgerechnet diese wenig positive Eigenschaft so flott die Aufnahme in den Kanon der christlichen Tugenden geschafft hat. Dann lesen wir doch mal weiter, was die Biker Jesu sonst noch getrieben haben.

During the Trench Town outreach one young guy that has had a very hard life listened intently as I shared the Gospel with the group and at the invitation raised his hand to recieve Jesus! The amazing thing about this is that one of our team members had already established a relationship with him during the day and because of all the partnerships formed through this outreach he will be encouraged and discipled right away!!

Das nenne ich einen armen jungen Mann in große Schwierigkeiten bringen. In Jamaica sind sexuelle Beziehungen zwischen Männern illegal und schwulenfeindliche Texte fester Bestandteil der musikalischen Folklore. Und in so einem Umfeld baut ein Einzelchrist schon untertags eine “relationship” auf, damit der arme Kerl ihnen dann abends vollkommen ausgeliefert ist.

G’schwerl allesamt. Praise the Lord!