Gestern Abend in der Unterfahrt: “Wolfgang Schmid & The 77 Birthday Band”

Herr Schmid, seines Zeichen Bassist, feiert Geburtstag und, wie Hausherr Stückl bei der Einführung erzählt, ist mitverantwortlich für dessen Karriere als Konzertveranstalter, weil er schon seinerzeit als ganz Junger im Hochzeitssaal der väterlichen Wirtschaft in Oberammergau und im Pfarrsaal dortselbst Musikveranstaltungen organisiert… wo war ich?

Ach ja, Herr Schmid hat sich zu seinem Geburtstag junge Musiker eingeladen, um mit denen, wie es mein Begleiter so treffend nennt, ein “Spaßkonzert” zu spielen. Das ist es auch geworden. In der schon wieder voller als vollen Unterfahrt – ich bin sicher, wer sich dort als Bedienung bewirbt, muß ein Diplom in fortgeschrittener Anorexie nachweisen und wer von denen auf die Idee gekommen ist, zwischen den gut besetzten Hockern an der Bar noch Stehplätze zu reservieren, kriegt irgendwann Ärger mit dem Brandschutz, nein, es ist nicht mehr schön. Wenn die Zuschauer schon so dermaßen in die Bühne hineinsitzen, dass die Dame neben dem Keyboarder aussieht, als wolle sie in der nächsten Minute vierhändig mit ihm spielen, dann… schon wieder abgelenkt. Zefix.

Also gespielt haben sie alles, was die nun schon sehr lange Karriere des Jubilars hergibt, alle zusammen, Jakob Manz am Sax, Hannes Stollsteimer an Keyboard und Piano, Christoph Neuhaus, Gitarre und Daniel Mudrack am Schlagzeug oder, auf Wunsch des Herr Schmid, auch mal Solo oder im Duo. Sehr schön, mein Favorit war, was ich den “Paul-Simon-Moment” nennen möchte, mit dem Titel “Soweto”… – aber der Keller war einfach zu voll. Gesehen habe ich hauptsächlich Säule, und meine Beine sind heute noch verbogen und steif.

So wie ich das hinter meinem Sichtschutz gehört habe, ist Manz noch besser geworden und das war dann doch schön.

Verhörte Intelligenz

Auch wenn die VI das nicht so hört: es ist schon ein Unterschied zwischen einem Reiter (“rider”) und einem Schreiber (“writer”). Und wenn es nur das Pferd ist.

Gelesen: Kate McKinnon – “The Millicent Quibb School of Etiquette for Young Ladies of Mad Science”

Kate McKinnon ist eine begnadete Komikerin und wer sie noch nicht kennt, möge sich auf YouTube davon überzeugen. Eine begnadete Autorin ist sie nicht. Leider. Es ist nicht so, dass sie es nicht nach Kräften versucht, ihr Buch ist vielmehr ein großer Kessel ganz Buntes: viktorianische Ambiente in der Stadt Antiquarium, in der drei Waisenmädchen, die bei ihren bös-ignoranten Verwandten und deren vorbildlich braven Töchtern, die alle “Lavinia” heißen, im Gartenschupppen untergekommen sind, fliegen – einmal wieder mißverstanden – von der nächsten Feine-Damen-Schule und landen stattdessen im Institut von Millicent Quibb (Tarnname: “Marjory Questions”). Dort lernen sie in den drei Tagen, die die Geschichte dauert, neben kritischem Denken auch Selbstbewußtsein und decken eine Verschwörung (ja, Keller, Capes, Masken, Kerzen, dumpfe Gesänge) der Stadtoberen auf – und bewahren die Stadt vor dem Untergang, was ihnen natürlich nicht gelohnt wird. Soweit, so vorhersehbar, mit allerlei komisch-sein-sollenden Wendungen und Formulierungen und Fußnoten und allem an Schrifttypen und -größen, das man sich nur vorstellen kann. Außerdem Illustrationen. Hmmm.

Das Buch ist so dermaßen bemüht, witzisch zu sein, dass ich manchmal aus Mitleid gelächelt habe, aber für die über 200 Seiten konnte ich meine Empathie dann doch nicht strecken. Vielleicht sollte man es an sehr jungen Menschen mit wenig Leseerfahrung ausprobieren, vielleicht finden die es komisch.

Als erwachsener Mensch kann man sich die Lektüre sparen. Nicht lesen!

Grad mach ich’s Maul zua*

…und wupps sitzt auf dem äußersten westlichen Ende des Balkongeländers schon wieder so ein Guru-guruh-Mistvieh und guru-guruht. Oh Mann! Zum Glück weiß ich mich zu wehren. An der östlichen Balkontür stehen Besen und Wegwedelhandtuch griffbereit, nun hier, im Osten, der Schrubber. Wirkt. Vieh fort.

Man stelle sich vor, ich hätte auf so einen kleinen runden elektronischen Selbstsauger umgestellt. Die sind doch allerhöchstens für maximal einen Diskuswurf gut – und dann?

* Das ist die schwäbisch-herbe Variante des norddeutschen “und eben sach ich noch”.

Gut für den Teint

“Die Forschung” habe, jubelt der vermutlich teuer aus dem Marketingbudget bezahlte Artikel in einer ansonsten seriösen Zeitung, die Forschung also habe jetzt das ultimative Mittel zur Verjüngung alternder Haut entdeckt: Lachsperma.

Es zeugt von meiner eher mangelhaft entwickelte Beziehung zur Kosmetikindustrie, dass es eine Weile dauert, bis selbst ich verstehe, dass diese Creme nicht gut für die Population von Lachsen sein kann. Und gar kein bißchen lustig ist.

Überraschung!

Eigentlich wollte der Mann mir toten Fisch verkaufen. Was wird der sich wundern, wenn er stattdessen einen Zahlungsbefehl für die Schlechte-Wortspiel-Kasse bekommt…

Gelesen: Lea Ruckpaul – “Bye Bye Lolita”

Vorrede 1: Lea Ruckpaul, die ich als Schauspielerin sehr schätze, beschreibt die Auseinandersetzung einer fiktiven Figur mit der Lesart ihrer Rolle in einem Roman. Ernstzunehmende Literaturkritiker hätten nun wahrscheinlich Vladimir Nabokovs “Lolita” noch einmal gelesen. Ich nicht. Ich habe das Buch schon damals gehaßt und nur wegen Weltliteratur und Kanon usw. zu Ende gelesen. Meine Erinnerung ist also nur wikipediaaufgefrischt. Das muss reichen.

Vorrede 2: Der Verlag, Voland & Quist, schreibt im Klappentext nicht nur eine Inhaltsangabe, sondern gibt auch gleich die zu interpretierende Interpretation vor: “Dolores Haze – die Lolita aus Vladimir Nabokovs gleichnamigem Roman – ist vom Mädchen zur Frau geworden. Mit Ende dreißig blickt sie zurück auf ihr beschädigtes Leben und fragt sich, wie sie die geworden ist, die sie heute ist. Lea Ruckpaul erzählt in ihrem Debütroman von einer Überlebenden, die sich freischreibt und die um keinen Preis ein Opfer sein will. ‘Bye Bye Lolita’ ist der wütende Abgesang auf ein Klischee, welches das Bild von jungen Frauen bis heute prägt – und auf die Machtverhältnisse, die das ermöglichen. Ein Roman über das größte Missverständnis der Literaturgeschichte.” Danke, Verlag. Aber ich bilde mir meine Meinung gerne selber.

Vorrede 3: Dieser Verlag, der mir alles vorkauen will, hat nicht gerechnet. Die Dolores Haze, die sich hier mit ihrem Leben in all seinen Ambivalenzen auseinandersetzt, ist gerade mal 35. (Lolita ist 12, als ihre Mutter 1947 stirbt. Zwei Jahre später gelingt ihr die Flucht und 21 Jahre später, im Jahre 1970, beginnt sie mit ihren Aufzeichnungen.)

Vorrede 4: In Nabokovs Roman beschreibt ein Literaturdozent unter dem Pseudonym “Humbert Humbert” im Gefängnis von seiner “Eroberung” der 12-jährigen “Nymphette” Lolita über den Umweg der Eheschließung mit ihrer Mutter, deren Tod, den fast zweijährigen Roadtrip mit der “kindlichen Geliebten” und schließlich seine Verhaftung, wegen Mordes an einem vermeintlichen Nebenbuhler. Es mag ein Höhepunkt literarischen Schaffens sein, aber Nabokov verschwendet kein Wort über das mißbrauchte Mädchen und läßt seine Leser deren mögliche Gefühle nur aus den Schwülstigkeiten Humbert Humberts herausinterpretieren. AAAhhhrrrgg!

So, nun aber zu Ruckpaul. Ich glaube, ich habe verstanden, was sie mir ihrem Buch erreichen will. (Kunststück, hat mir der Verlag ja auch schon vorher geschrieben.) Ihre Dolores Haze arbeitet ihre Vergangenheit auf, indem sie im Wortsinne gegen Humbert Humbert anschreibt, nämlich auf die leeren Seiten seiner Tagebücher vom Ende der Bücher her. Im Gegensatz zu Nabokovs Lolita, der sie siebzehnjährig im Kindbett sterben läßt, ist Ruckpauls Dolores am Leben. Sie erkennt und erkennt an, dass Depression und Magersucht Folgen des Mißbrauchs sind, ihr Verhältnis zu Männern, Sexualität und Lust bestenfalls zweischneidig.

Wo es problematisch wird, ist, wenn Ruckpaul zwischen den Tonarten wechselt. Mal sehr rotziges, auf Provokation zielendes Kind, mal erwachsene Frau, die alle Feminismusdebatten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts internalisiert und reflektiert hat. Dieser Schiefklang zieht sich durch das gesamte Buch. Ich habe mir so viele Zitate rausgeschrieben, sehe aber, dass der blogpost viel zu lang werden würde, wenn ich sie alle aufführte. Ich beschränke mich auf eines, das zeigt, wo es sich Ruckpaul zu leicht macht: “Lange habe ich geglaubt, ich sei krank und davon besessen, mit Selbstverleugnung und -erniedrigung für Geliebtwerden bezahlen zu müssen, weil ich gestört bin durch den Mißbrauch, den ich erlebt habe. Nach vielen Gesprächen mit Freundinnen und Freundinnen von Freundinnen, die ihr Zusammenleben mit Männern ähnlich beschrieben, ging ich davon aus, dass auch diese Frauen eine Form von Mißbrauch erlebt haben. Gleichgesinnte, Gleichgestörte und Kranke freunden sich eben an, dachte ich. Irgendwann habe ich erkannt: Frauen sind es gewohnt, ihre Autonomie einzutauschen gegen ‘Beziehung mit einem Mann’. Das ist das System, in dem wir leben. Das wird von uns erwartet. Und mit ‘Wir’ meine ich uns alle.”

Ah, ja. Das “System”. Darauf läuft das Buch zum Schluß heraus. Dass auch ihre Mutter vermeintlich schon keine andere Wahl gehabt hatte, so wie keine Frau vor und nach ihr. Aber für eine bloße Schelte des Patriarchats hätte es nicht noch ein Buch gebraucht. Da gibt es andere und bessere. Aber immerhin, Dolores durchläuft ihre Katharsis, exorziert Lolita und schließt: “Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück.” Dann ist ja gut.

Habe ich für euch gelesen. Damit ihrs euch sparen könnt.