Bahnbashing

Ja, ja, ich weiß. Eine Dame tut das nicht. Aber ich hab’s schriftlich von Herrn E. aus M., dass ich keine Dame bin und außerdem muss ich dringend schimpfen, sonst bekomme ich wegen diesem Verein noch ein Magengeschwür. Mensch!

Die treue Leserschaft weiß es: ich war über Pfingsten sehr gerne in Hamburg und hätte mir die eher holprige Rückreise (s. https://flockblog.de/?p=51176) mindestens ebenso gerne (und das ist viel) gespart. Sollte nicht sein. Also habe ich nach Heimkehr und Reisestaub und -frust abduschen noch am selben Abend beim Servicecenter für Fahrgastrechte online und einfach einen Fahrgastrechteantrag gestellt, alle Angaben ausgefüllt und eingetragen und mich in Geduld gefaßt. Was war ich gestern baß erstaunt, dass mir eben dieses Servicecenter für Fahrgastrechte einen Brief geschickt hat. Per Post. Wegen einer Nachfrage zur verspäteten Ankunftszeit. Das hat mich schon zum Nachdenken gebracht: Dokumentieren die nicht, wann ihre Züge wo sind? Wann sie abfahren? Wann ankommen? “Aber gut,” denke ich mir, naive Person, die ich bin, “schicke ich eben eine Mail und dann hat sich das erledigt.” Nicht doch. Nein, die Bahn erwartet, dass ich schriftlich antworte, auf Papier, ihnen meine Antwort sowie ihren eigenen Brief zurückschicke und nein, ein voradressiertes und vorfrankiertes Rücksendekuvert ist selbstverständlich nicht vorgesehen.

So ein Verhalten ist geradezu ein Schrei nach Bashing! Und ich wäre jetzt damit durch und kann mit meinem Sommertag weitermachen. Sauladen, elender!

Galileo!

ZOI-IIING klirrt es hinter meinen Pupillen, fast zeitgleich scheppert und dröhnt ein überlautes KABABOINGBURRUM-BUMM, ein erschrecktes Atemzüglein später ergießen sich Wassermassen in reichem vollen Schwalle, unterlegt mit weiterem Biltz-Zick-Zack und lautem Donnergrollen. Halb sieben ist es und ich hellwach.

Ich wanke schlaftrunken im Nachthemd auf den Balkon, ergötze mich an den feuchten kalten Luftwellen, die das Wetter (von Unwetter zu sprechen, wäre falsch, mir fliegen weder Dach noch Blech weg, kein Keller läuft voll) über mich bläst. Tief und fest und mit Genuß atmen. Tut das gut!

Noch kurz Wasserlassen und -fassen und dann wieder ins Bett. Zudecken (!), auch die kalten (!) Füße, und von Regenströmen sanft eingelullt wieder einschlafen. Hach!

Disclaimer: Das Foto ist von Mittwoch. Paßt aber, und heute war keiner.

Gelesen: Stefanie Sargnagel – “Iowa – ein Ausflug nach Amerika”

Stefanie Sargnagel reist mit ihrer Bühnenpartnerin, der Berliner Musikerin Christiane Rösinger nach Iowa und unterrichtet dort in einem College in der Mitte von Nirgendwo Creative Writing. Anschließend schreibt Steffi (ich darf doch “Steffi” sagen?) ein Buch darüber, wie sie mit ihrer Bühnenpartnerin, der Berliner Musikerin Christiane Rösinger nach Iowa reist und dort in einem College in der Mitte von Nirgendwo Creative Writing unterrichtet.

Es ist ein typischer Sargnagel geworden. Die Autorenpersona Stefanie Sargnagel, die recht nah an der natürlichen Person angelegt sein dürfte, läßt sich wie immer voller fast naiver Entdeckerfreude und erfreulich unerschrocken auf ein neues Abenteuer ein und trifft auf den Mittleren Westen der USA, der (genauso wie jede andere Region dieses großen weiten Landes) voller Kuriositäten und Absurditäten und eigenartiger Menschen steckt, alles so unfaßbar schräg, dass sofort den zurückgelassenen Menschen in der Heimat davon berichtet werden muss. SOFORT. Mit dieser Zwangshandlung kenne ich mich aus, so sind tausende (jaha) flockbloposts entstanden. Ihre Beobachtungen reichert sie mit philosophischen, soziologischen, psycholgogischen und politischen Nachdenkereien* an, erläutert amerikanische Spezifika (kenne ich auch, einen Großteil der Themen, die in den USA zum Allgemeinwissen, wahrscheinlich muß man inzwischen sagen, zählten, habe ich auch im Detail recherchiert und für meine Leserschaft zu Hause aufbereitet), produziert bisweilen wunderbare Zitate für die Ewigkeit (pars pro toto, zum Thema Aussehen: “Man ist viel beeinflussbarer, als es die Würde erlaubt”) und knallt ordentlich derbe Hämmer dazwischen. Sargnagel halt. Frau Rösinger greift gelegentlich mit “korrigierenden” Fußnoten ein. (Soo hübsch!)

Sargnagel neigt nicht zum Samthandschuh, weder bei anderen noch bei sich selbst, gerade nicht bei sich selbst. Aber genau auf diese schonungslose Weise schafft sie ein sehr komisches Buch über das Fremdsein und die Fremde, die Gleichheiten und die Andersartigkeiten und, fast beiläufig, eine Liebeserklärung an die mitreisende Freundin und die nachkommende Mama. Ich hatte sehr viel Freude mit der Lektüre!

Lesen! Lesen! Lesen!

* Den Begriff “Nachdenkereien” habe ich bei Tucholsky geborgt, denn der kennt sich mit sowas aus.

Funkelniegelnagelneu auf Netflix: “The Old Guard 2”

Vorrede 1: Greg Rucka kann’s. Ich habe mich durch so gut wie sein Comic-Gesamtwerk gelesen und hätte das nicht getan, wenn es nicht gut wäre.
Vorrede 2: Der erste Film war recht texttreu (kann man das bei Graphic Novels so sagen?). Rucka hat am Drehbuch mitgearbeitet. Gute Schauspieler. Also alles insgesamt gut gelungen. Bis auf den furchtbaren Soundtrack.
Vorrede 3: Wie immer finde ich es sympathisch, wenn die Fortsetzung einfach eine fortlaufende Nummer trägt und man sich nicht durch verwirrende Titel denken muss. Gut gemacht. Haken dran.
Vorrede 4: Die inhaltgebende Comicvorlage existiert (noch) nicht. Rucka hat aber auch bei Teil 2 am Drehbuch mitgearbeitet und läßt seine Figuren gewiß nicht allein. Bestimmt nicht.
Vorrede 5: Da wartet man nun fünf Jahre, freut sich eh schon, dass es endlich soweit ist und dann spielt auch noch Uma Thurman mit dem wunderbaren Rollennamen “Discord” (Zwietracht) die Oberschurkin. Was kann da noch schiefgehen?

Es kann auf diese Frage nur eine Antwort geben: So ziemlich alles. Eben.

Eigentlich hätte es gut werden können. Tolle Locations auf der ganzen Welt. Die Kampfszenen (viele) sind wunderbar choreographiert, die (sehr guten) Schauspieler und Innen geben ihr Bestes. Selbst der Soundtrack ist besser. Aber das Drehbuch ist so dermaßen hauchdünn und arbeitet nur darauf hin, dass in einem dritten Teil alles aufgelöst wird.

Ach Manno. Ausgerechnet “The Old Guard” auf dem Altar der Gier geopfert. Ich hättte nicht erwartet, dass ich das sage, aber den Film muß man sich nicht ansehen. Schade.

Gelesen: Jeff Lemire (Author), Dustin Nguyen (Artist) – “Little Monsters” (Vol. 1 + 2)

In der aktuellen Dystopie Lemires (er mag und kann das Genre einfach) lebt eine Gruppe von Kindern im Alter von ca. sieben bis siebzehn in einer zerstörten Metropolis. Die Großen haben ihre Rückzugsorte in der immensen Stadtbibliothek (Hach!) oder einem Musikladen eingerichtet, der Stumme findet Stifte und bemalt jede Fläche, die er erreicht, für die Kleinen sind die Ruinen ein einziger riesengroßer Abenteuerspielplatz und Rattenfangen ein Spiel. Bevor sie zu Tagesbeginn schlafen gehen, essen sie die Ra… nein, sie trinken nur das Rattenblut. Denn die Kindlein sind Vampire und Sonnenlicht ist tödlich.

Dann betritt ein Mensch die Szene.

Was dann geschieht, wer letztendlich menschlicher ist, Mensch oder Vampir, möge jeder und jede selbst lesen, denn es lohnt. Ich bin vom Duo Lemire/Nguyen seit ihrer Ascender/Descender-Reihe überzeugt und gefangen und würde mich sehr freuen, wenn auch andere zu ihnen fänden. Sie sind es wert.

Nachtrag: Ich weiß nicht, warum ich gerade nacheinander “Eclipse” und “Little Monsters” mit dem übergreifenden Thema von der Tödlichkeit des Tages gelesen habe. Manchmal fügt die gute Büchergöttin dergleichen einfach.

Es ist heiß, Baby

Eben die vergleichsweise kühlen Morgentemperaturen, na ja, was man derzeit eben so “kühl” nennt, denn es sind am bisher wohl heißesten Tag der aktuellen Hitzewelle um 10:00 Uhr früh schon 28°C, …also den späten Morgen genutzt, um rasch unten in der Passage ein paar Besorgungen zu erledigen und zum ersten Mal für heute vollkommen durchgeschwitzt in die tatsächlich halbwegs kühle Wohnung zurückzukehren. Da bleib ich dann erst mal… Muß ja zum Glück nicht raus und für andere Menschen denken und handeln. Hach!

Konstatiere: ich bin nicht mehr so hitzefest wie ehedem.

Gelesen: Zack Kaplan (Author), Giovanni Timpano (Artist) – “Eclipse” (Vol. 1 – 3)

“The Flare”, eine Sonnenanomalie, hat den Großteil des Lebens auf der Erde vor ein paar Jahren verbrannt, die wenigen Überlebenden sind in den Untergrund gegangen und betreten die Erdoberfläche nur noch nachts. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang tritt eine Ausgangssperre in Kraft, alle müssen wieder runter, ins sonnengeschützte Dunkel. Soweit zur Ausgangslage der ausgesprochen gut gelungenen Graphic Novel-Reihe “Eclipse”.

Große Verbeugung vor Kaplan und seinem Team, allen voran Giovanni Timpano, der in klaren und extrem detaillierten panel-sprengenden Bildern das Leben der Menschen im Halbdunkel des Untergrunds, also ehemaliger U-Bahnschächte, Tiefgaragen, Untergeschossen von Konsumpalästen der zähen Stadt New York zeigt. Wie sie handeln und schachern, hausen, schlafen, betteln, essen, trinken, vegetieren, feiern, leiden, lachen und tanzen. Oben? An der Oberfläche sind tagsüber nur die “Icemen”, Männer in an Astronautenanzüge erinnernden Uniformen, die, so vor der Mördersonne geschützt, notwendige Wartungsarbeiten an der Energie- und Wasserversorgung durchführen und ihrer Aufgabe als neue Ordnungsmacht nachkommen. An dieser Stelle ein großes Kompliment an den Koloristen Flavio Dispenza, der mit seinen Farben das Flirren dieser tödlichen Hitze fühlbar macht – genauso wie das dauernde Fehlen von Licht und damit Farbe, wenn es wieder in die Tunnels geht. Ganz, ganz großartig.

Die Geschichte? Ein Team von Icemen findet bei seiner Inspektionstour an der Oberfläche eine verbrannte Leiche. Mist, Ausgangssperre verpasst? Nein, so einfach ist es nicht. Denn mit dem Blut des Toten ist ein Bibelzitat an eine Mauer geschmiert. Das kann dann aber nur jemand getan haben, der Sonneneinstrahlung überlebt, doch die Zahl der Icemen-Anzüge ist limitiert und personalisiert. Schon sind wir mitten in einer Welt von Politik, Gier, Intrigen und Korruption, in der dieser Mord noch das kleinste Problem ist. Ich bin gespannt, wie Kaplan alles auflösen wird, mir fehlt nämlich noch Vol. 4, die letzte Ausgabe, die derzeit nur antiquarisch in den USA zu haben ist. Ist wohl auf einem sehr langsamen Schiff…

Die Reihe ist ein Paradies für Comicbuch-Nerds, denn jeder Band enthält ein ausführliches Making of, in dem der Leser eingeladen ist, an der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte teilzuhaben. Kann man lesen, muss aber nicht.

Lesen! Lesen! Lesen!

Nachtrag in Sachen DAS Oktopusbuch

Ich hatte in meiner Rezension die Formulierung “könnte man vom Blatt weg verfilmen” extra vermieden, weil ich in letzter Zeit den Eindruck hatte, dieser Umstand komme bei meiner Lektüre doch ein wenig häufig vor. Zu häufig? Doch Massengeschmack? Hmmm. Damit werde ich mich ein anderes Mal auseinandersetzen.

Darum habe ich heute früh erst nachgesehen. Natürlich hat man bei Netflix die Goldgrube, einen Bestseller zweitzuverwerten, längst erkannt und, wie mir Googles KI mitteilt, ja, Netflix verfilmt Shelby Van Pelts Roman “Remarkably Bright Creatures”. Die Produktion ist abgeschlossen und der Film wird voraussichtlich bald auf Netflix erscheinen. Sally Field spielt die Hauptrolle der Tova. …

Auf den Merch darf man gespannt sein.

Gelesen: Shelby Van Pelt – “Remarkably Bright Creatures” aka “That Octopus Book”

Das Buch war mitten in der Pandemie 2022 ein Volltreffer, wurde millionenfach verkauft, in umpfzig Sprachen übersetzt und noch mehr verkauft. Ich habe damals zwar davon gehört (war nicht zu vermeiden), es aber nicht gelesen. Nun schon.

Es ist… nett. Also, richtig… nett. Fällt, wie ich gelernt habe, in die Kategorie “Cosy Mystery”. Kein Mord, kein Totschlag, keine Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen, keine Schußwechsel, keine Drogen (außer rekreativem Alkohol). Nur eine alte vom Leben gebeutelte aber erst recht tapfere Frau (Hauptperson Tuva), ihre gleichaltrigen Freundinnen (Nebenrollen, zwecks Demonstration anderer Lebensentwürfe), die tratschende Kleinstadtnachbarschaft, etwas Jungvolk (wegen Liebe und anderen Verwirrungen) sowie ein Aquarium im pazifischen Nordwesten, in dem der Oktopus Marcellus einsitzt und die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt.

Van Pelt hat in ihren Creative Writing Klassen gut aufgepasst, stellt ein Set glaubhafter Figuren zusammen, die sich bis auf eine (und die muss, wegen der Story) nicht sonderlich weiterentwickeln, erzählt flüssig und humorvoll, mit dem rechten Gran an Rührung, wenn Bedarf besteht. Sie behält die Übersicht über ihre Handlungsstränge, gibt hinreichend Naturbeschreibung hinzu und das Ganze fügt sich zu einem ausgesprochen liebenswerten Buch zusammen. Mich stört, dass ich darunter das Handwerk erkenne, wie Bleistiftskizzen unter einem Aquarell. Das liegt aber bestimmt an mir, Multimillionen Leser können nicht irren. Wer heitere Urlaubslektüre sucht, ist mit dem Oktopus, DEM Oktopus gut beraten.

Mein Exemplar ist zu haben.

Der Verlag hat, möglicherweise zur Feier der nächsten verkauften Million Exemplare, eine Sonderausgabe herausgegeben. Mit einem Umschlag in freundlich leuchtendem Sonnenblumengelb, dicken bunten im Relief hervorgehobenen Blubberbubbels sowie einem pinkfarbenen Oktopus mit Eimer, der – zumindest bei mir – ganz schlimme Einhornassoziationen hervorruft. Es fehlt auch nicht der Hinweis für den eher ungeübten Buchkäufer, dass es sich um das Oktopusbuch handelt, also DAS eine Oktopusbuch, das sich schon multimillionenfach verkauft hat. Wahrscheinlich um den Unterschied zu allen andern Oktopusbüchern dieser Welt hervorzuheben. Nein, Neukunde, alles gut, du machst keinen Fehlkauf.

Falls jemand das Gefühl nicht los werden sollte, dass ihm die Geschichte vage bekannt vorkommt, dann mag es daran liegen, dass er seinerzeit den Film “Shape of Water” von Guillermo del Toro gesehen hat, der auf der exakt selben Prämisse basiert. (Putzfrau, Wasserkreatur, Eimer, “Free Willy”.)