ROI*

Vor einer Weile schon habe ich für sehr teures Geld für die schlecht isolierten Fenster meiner in den Siebzigern gebauten Mietwohnung Wabenplissees mit Aluminiumkern maßfertigen lassen. Eigentlich um Heizkosten zu sparen. Wenn ich nun aber nach einem extrem heißen Badetag in meine erstaunlich kühle Wohnung zurückkehre, freue ich mich, wie vorausschauend ich war, weil die alte Wüstenregel,”was gut ist gegen Kälte, hilft auch gegen Hitze” hierzulande ebenfalls zutrifft.

* “ROI” ist eine Abkürzung und steht für “Return on Invest”, also mehr Geld fürs Geld. Diesen Grundbegriff aus der Betriebswirtschaft habe ich schon damals in der New Economy der frühen 2000er gelernt. Von quengeligen Investoren.

So nicht!

Da lese ich heute in der ZEIT (ausnahmsweise nicht hinter der Bezahlwand)

und weil ich Volker Weidermann sehr schätze und mich außerdem immer über Empfehlungen freue, will ich zur Liste scrollen und stelle fest, dass die ZEIT mir nur sagt, was ich lesen muss (?!?), wenn ich mir ein Video anschaue.

Och. Nö. Dann suche ich doch lieber selber.

Rentnerinnen-Report

Jetzt bin ich gerade mal ein Vierteljahr Pensionärin und schon bekomme ich Nachricht, dass man meine Rente erhöht. Nett. Als ich noch berufstätig war, hat das immer viel länger gedauert.

Kommt ‘ne Frau zum Arzt

Arztpraxen ziehen es inzwischen vor, auf telefonischen Kontakt mit ihren Patienten zu verzichten und diese stattdessen durch ein Onlineterminreservierungslabyrinth zu schicken. Sei’s drum. Wann also, werte Praxis, wollt ihr mich empfangen? Bei der Antwort umweht mich eine Ahnung von Metaphysik.

Aber vielleicht ist ja auch alles ganz anders und mein neuer Arzt ist Dr. Who?

Aufi muaß i

Von 3. Juli an soll ein zweites Gipfelkreuz mehr Sicherheit auf der Zugspitze bringen. Der einfache Trick: Das neue „Gipfelkreuz light“ des 2962 Meter hohen Berges soll auf einer Höhe von etwa 2950 Metern im Inneren der Zugspitzbahn-Gipfelstation installiert werden. So werden potenziellen Gipfelstürmern die letzten zwölf Höhenmeter erlassen. Nicht unbedingt wegen guter Führung, aber aus guten Gründen. (Quelle: Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2025).

Ich weiß nicht, wer für die Idee, Gipfelkreuze wind- und wettergeschützt unter Dach unterzubringen, verantwortlich zeichnet, möchte aber doch darauf hinweisen, dass sie ein alter Hut ist. Ein sehr alter Hut. Nach der ersten und auch sehr letzten Klettertour meines Lebens habe ich den Beschuß gefaßt, meinen Bedarf an Berg mit gelegentlichem Anblättern des opulenten Bildbandes “Die Gipfelkreuze dieser Welt” zu decken und fahre damit seit jeher sehr gut. Und muss nicht mal das Haus verlassen…

Gestern am Flaucher

Auf der Suche nach einem Schattenplatz passiere ich den FKK-Bereich, der frühmorgens schon recht gut besucht ist. Ein Herr macht sich gerade badefertig, das heißt, er trägt nur noch Badeschuhe und Schnorchel.

Auf dem Rückweg (nix geeignetes gefunden und beschlossen, mich doch weiter vorne in der trubligeren Region niederzulassen) sehe ich den Schnorchel wild hin- und herkreuzen, frage mich kurz, was der Kerl da treibt, beschließe, dass mich das nichts angeht und gedenke der Worte meines guten alten Freundes, dass der Herrgott tatsächlich einen großen Tiergarten hat.

Gelesen: Percival Everett – “The Trees”

Everett findet Rassismus Scheiße. Und darum schreibt er ein urkomisches (ja, das geht) Buch über die Tradition von Lynchmorden in den USA, mit so vielen treffenden und pointierten Dialogen, dass man es vom Blatt weg verfilmen könnte.

Es sind ein paar Stunden vergnüglicher Lektüre, bei denen mir das Lachen, im Gegensatz zu vielen der Blurb-Schreiber, nicht im Halse stecken geblieben ist, sondern vielmehr laut schallend Mitreisende in der U-Bahn irritiert haben dürfte. Viel gelernt habe ich auch.

Ich möchte es einem und einer jeden ans Herz legen. Mein Exemplar kann entliehen werden.

Lesen! Lesen! Lesen!

Nachtrag: Ich bewundere Personen, die diesen Mix von Sprachen von White Trash, Redneck, schwarzen und weißen Menschen mit Bildung und Wortschatz ins Deutsche übertragen können. Ich bekäme das nicht hin.

Aus dem Vokabelheft

Dieser Tage lief mir in einem schon etwas älteren englischsprachigen Buch der wunderschöne Begriff cockalorum zu. Steht für einen kleinen Mann mit einem großen Napoleonkomplex und könnte treffender nicht sein.

So, und nun weiß meine Leserschaft das auch.

Man muss doch auch gönnen können

Was ist das bloß für ein Mensch, der am Montagmorgen nach einem langen Wochenende um Punkt 8:00 Uhr im Innenhof einmal einen Motor extra laut extra überdrehend aufheulen läßt und fürderhin einer stillen Tätigkeit nachgeht?

Hmmmm?

Gelesen: Fabrice Le Hénanff – “Wannsee”

Wer mich kennt, weiß, dass ich dazu neige, mich in Themen zu vertiefen und seit mir die Zeit dafür gegeben ist, umso mehr. Diese Bonusstunden sind einer der Aspekte, warum ich die Berufstätigkeit ü-ber-haupt nicht vermisse. (Falls ich noch nicht oft genug erwähnt haben sollte, wie gut mir das Rentnerleben gefällt…)

Nun aber zu “Wannsee”, der Graphic Novel. Das ist mal ein extrem geglückter Ansatz zum Thema. Der Text ist durch das letzte verbleibende Exemplar des “Besprechungsprotokolls” vorgegeben. Die Bildsprache* ist etwas ganz anderes. In sepia-getönten (ich möchte sagen) Aquarellen fängt Fabrice Le Hénanff die kalte Winteratmosphäre um und in der hochherrschaftlichen Villa am Wannsee und die einen Massenmord organisierenden Konferenzteilnehmer ein. Wenn Farbe hineingrellt, dann sind es blutrote Hakenkreuzfahnen oder der gelbe Judenstern.

Le Hénanff zeichnet das Grauen der Hinrichtungen von Babyn Jar in einem dramatischen ganzseitigen Bild, den Wortlaut der Nürnberger Gesetze und die Pläne für das KZ Auschwitz als Hintergrund des Zuständigkeitsgerangels unter den beteiligten Mandatsträgern. Darüber hinaus verbeugt er sich vor Art Spiegelman**, indem er eine Maus einführt und sie zeitgleich mit dem Beschluß zur Ermordung von 11 Millionen Menschen von einer Katze totbeißen läßt.

Ich habe mich manchmal gefragt, ob diese sehr gelungene künstlerische Ästhetisierung eine “Pornografie des Grauens” darstellt und bin zur Antwort gekommen, dass das vielleicht so sein mag. Dennoch hat jeder Weg, der die Nachgeborenen informiert, aufweckt und bestenfalls einen Beitrag zu “Nie wieder ist jetzt!” leistet, eine, seine Berechtigung.

Lesen! Lesen! Lesen! Mein Exemplar kann entliehen werden.

* Korrektur: ich hatte neulich irrtümlicherweise erzählt, dieses Buch sei wie ein Storyboard zu der Verfilmung mit Philipp Hochmair aus dem Jahre 2022. Richtig ist vielmehr, dass es in Anlehnung zum Film “Conspiracy” mit Kenneth Branagh aus dem Jahr 2001 entstanden ist.

** s. https://flockblog.de/?p=49537