Wiedergelesen: Terry Pratchett – “Eric” 

Wo ich gerade bei den sehr alten Pratchetts bin, habe ich auch “Eric” aus dem Jahr 1990 noch einmal eingeschoben, eine eher kürzere Romänchen, das ich seit ewigen Zeiten nicht mehr gelesen hatte. Aus gutem Grund. Es ist, wiewohl der Titel* mich als Germanistin eigentlich verzaubern müßte, nicht die stärkste aller Scheibenweltgeschichten.

Alle Versatzstücke wären eigentlich da, der dreizehnjährige Dämonenbeschwörer aus der Vorstadt, dem aber versehentlich der sehr unbegabte Zauberer Rincewind in den magischen Zirkel gerät, und die drei Wünsche des Buben, nämlich Weltherrschaft, die schönste Frau auf Erden und ewiges Leben sowie vielleicht noch unermeßlicher Reichtum ihm alle erfüllt werden, aber halt nicht so, wie er denkt, sondern wie er es verdient und dann noch ein lustiger Exkurs über die moderne Hölle (nicht die anderen, sondern ganz furchtbare moderne Motivationsbürokratie) und außerdem der Anfang von allem, des Lebens, der Zeit, allem… aber irgendwie zieht es mich, wie schon damals, nicht so recht.

Ist doch mehr für die Vollständigkeitsenthusiasten.

* “Eric” ist, wie der Einband schon unmißverständlich zeigt, Pratchetts Versuch über Faust.

Azubi

Stephen Fry spricht im Interview von den gefährlichsten Büchern, die je erschienen sind, und erwähnt unter anderem Adolf Hitlers “Mein Kampf”. Oder, wie die KI, die den Beitrag untertitelt, verstanden hat: “Arnold Helter, Nine Camps”.

Nachbarschaftshilfe

Es guru-guruht draußen. Die Feindflieger sind also wieder irgendwo gelandet. Nichts wie raus und scheuchen! Eine, zwei, drei, vier, fünf Balkontüren gehen fast synchron auf – wo sind diese Drecksvögel? Alle spähen. Da! Grau an einer grauen Balkonbetonwand getarnt. Aber nicht mit uns! Der, der aus der direkt benachbarten Tür gekommen ist, holt den Besen. Sticht, von den anderen angefeuert, in Vogelrichtung. Eine, zwei, drei Tauben fliegen auf, eher belästigt als erschreckt, und landen kaum zwei Meter entfernt gleich wieder. Zwei (das müssen “meine” sein, Modell “extra hartnäckig”) bleiben einfach sitzen. Die wissen, dass der Stiel zu kurz ist und ihnen nichts passieren kann.

Heute, hat die Dame von der Mietervertretung erzählt (das ist die, mit dem Plastikfalken an der Balkonbrüstung, auf dem die Mistviecher manchmal zwischenlanden), spreche sie mit dem Vermieter. Ob das hilft?

Gelesen: Terry Pratchett – “Strata”

“Strata” ist uralt, aus dem Jahre 1981, eines der ersten Pratchett-Bücher überhaupt und behandelt die Erfindung der Scheibenwelt, bevor sie die Scheibenwelt wurde, die wir heute alle kennen. Eigentlich ein ganz normaler Science-Ficition-Roman über Terraforming, unterfüttert mit wissenschaftlichen Daten. Bis auf einmal bekannt wird, dass irgendwer irgendwo in einem weit entfernten Universum eine flache Erde gebaut haben soll. Und ein Team bricht auf, um zu ermitteln. Die menschliche Spezialistin “Kin”, die es schon auf über 200 Lebensjahre gebracht hat und nicht daran denkt, diesen Lauf zu stoppen, ein vierarmiger extrem starker sehr humorloser Kung-Krieger namens “Marco” sowie eine Shand, ein ca. 3 Meter langes bärenähnliches Wesen mit Stoßzähnen und einem 65-silbigen Namen “ihr könnt mich ‘Silver’ nennen”. Außerdem ein geheimer Agentenrabe, von dem keiner der anderen weiß und der jedem Poe-Fan große Freude macht.

Wie gesagt, ganz normale Feld-Wald-Wiesen-Sience-Fiction, bis auf einmal Drachen den Himmel verdunkeln, musizierende Elfen auftauchen und ein Skelett im schwarzen Umhang. Plus Sense.

“Strata” ist mehr für die Vollständigkeitsleser als für Pratchett-Neulinge. Erstere werden aber ihren Spaß haben. Meins kann ausgeliehen werden.

#everynamecounts

Das Arolsen-Archiv (https://arolsen-archives.org/), das größte Archiv über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, arbeitet zusammen mit anderen Einrichtungen daran, die Bestände ukrainischer Archive durch Digitalisierung zu sichern. Eins der aktuellen Projekte ist die Erfassung der Basisdaten von 13.000 Postkarten von Zwangsarbeitern aus dem Regionalarchiv von Winnyzja. Jede und jeder kann mithelfen, ohne Registrierung, es kostet nur Zeit. Eine Karte zu erfassen dauert, je nach Schwierigkeitsgrad, 5 bis 10 Minuten; Absender und Empfänger sind in lateinischen Buchstaben geschrieben, meist von Menschen, die gelernt hatten, in kyrillischer Schrift zu schreiben. Ist manchmal etwas kniffelig. Sollte man Fehler machen, ist das kein Problem, jeder Eintrag wird im Sechs-Augen-Prinzip geprüft.

Wer mithelfen will, klicke hier: https://everynamecounts.arolsen-archives.org/

Gelddruckmaschine

Jetzt schreibe ich schon… wie lange? Kurz nachrechnen. Holla! Jetzt schreibe ich schon seit Juli 2008 den flockblog, nächstes Jahr wird er volljährig und schon zeigen sich erste Spuren von Monetarisierung.

Also: Wir gehen demnächst ins Theater. Ins Bauhoftheater zu Braunau, wie jedes Jahr im Sommer und warum der dieses Jahr in den November fällt, werde ich mir vor Ort noch erklären lassen und dann weitererzählen. Fürs erste kann ich mich glücklich schätzen, s’koscht nix: “Sabine, du hast eine Freikarte bekommen, weil sie sich immer über den Blog freuen.”

Dann doch nicht gelesen: Thomas Mann – “Der Tod in Venedig”

Neulich, beim Bücherregalverschlanken, ist sie mir wieder in die Hände gefallen, die traurige Mär vom Herrn Aschenbach und seiner Venezianer Liebe Tadzio und ich hab sie mir zum Lesen zurechtgelegt. Angefangen, und dies ist ungelogen der 2. Satz:

Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden Triebwerks in seinem Innern, jenem “motus animi continuus”, worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner Kräfte, einmal untertags so nötig war.

Ich stells dann für ein anderes Mal zurück ins Regal.

Einzahlung, sofort

Ob eine Anzeige für Glücksspiel im Wissenschaftsressort wirklich gut aufgehoben ist, ist mindestens fraglich. Dass diese Kreation der Lotto-Werbetreibenden mit einer doppelten Schlechte-Wortspiel-Gebühr belegt wird, ist es hingegen nicht. Nein, auch die hessische Herkunft ist keine Entschuldigung.

Gestern Abend im Residenztheater: “Lapidarium”

Ohren gespitzt und zugehört: der Sprachakrobat Rainald Goetz hat ein neues Stück geschrieben. Es geht irgendwie darum, dass das alte Dietl-Achtziger-Jahre-Nostalgie-München wieder leuchten soll, und es werden alle aufgerufen, die im hiesigen Künstlerpantheon Rang und Namen sowie ein Haus am See haben, vom Hausgott Dietl selbst über Polt und Achternbusch bis Hader (dem wird, das machen wir hierzulande gern, seine österreichische Herkunft nicht nachgetragen), Bierbichler und natürlich Kroetz, der in dem Film nach dem Dietl/Goetz-Drehbuch den gealterten Baby Schimmerlos* spielen wird, spielen muss, weil “der alte Mann dem Kroetz besonders schön ins Gesicht gegraben” ist. Goetz ist auch schon siebzig, da beschäftigen einen Altern, Leben und Tod, dazu habe er seinem Publikum, so die Vorankündigung, etwas zu sagen. Und er hat sich die neue Hausregisseurin des Residenz-Theaters, Elsa-Sophie Jach für die Umsetzung der Uraufführung gewünscht. Jach hat neulich erst diese wunderschöne Romeo-und-Julia-Inszenierung (s. https://flockblog.de/?p=51365) abgeliefert, die kann was. Gute Voraussetzungen.

Muß ja nicht unbedingt was heißen.

Als es losgeht, stehen schauspielende Menschen in eigenartigen weiß-blauen Kostümen auf der Bühne hinter Fadenvorhängen (immerhin, keine Fliegen) und für viele lange Minuten wird betrieben, was die Kritikerin der Süddeutschen Zeitung eine “assoziative Namedropping-Veranstaltung” nennt. Hätte ich nicht treffender sagen können, danke, Frau Dössel. Dies wiederholt sich im Programmheft, zwei Seiten lang nur Namen – wäre ich die Familie des Baumes, der dafür gefällt wurde, ich würde klagen. Aber das nur nebenbei. Inzwischen sind wir im dritten Bild und die großartige Pia Händler spielt/rezitiert eine schwülstig-feuchte Altmännergeschlechtsaktsphantasie, in dem Widerlichkeiten wie “die Vagina mit der Seele suchen” vorkommen. Wir sitzen am Rand und müssen zum ersten Mal aufstehen, weil die neben uns jetzt, jehetzt gehen. Zum ersten Mal schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es wohl einen guten Grund gibt, warum die Aufführung ohne Pause angesetzt ist. Ohne Pause. Oi weh.

Die Schauspieltruppe ist inzwischen zum Chor mutiert und sagt, nunmehr mit blonden kurzen Strubbelfrisuren, Hashtag-Sentenzen auf (nicht fragen, einfach ertragen) und Matthias Döpfner muss besprochen werden und Benjamin Stuckrad-Barre und “Noch wach?” und der tote Mentor Michael Rutschky und sein langes Sterben, irgendwie grätscht auch Harry Styles rein und es ist alles ganz furchtbar unnötig und arg lang und nicht “hilariousmäßig”, wie Goetz behauptet. Da! Abwechslung. Hinter uns raschelt und ruschelt regentaugliche Kleidung – das Paar ist fluchtbereit angekleidet und tauscht sich, gut vernehmbar flüsternd, über den besten Zeitpunkt aus, hier rauszukommen. Er ist jetzt. Jehetzt.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir ungefähr zwei Drittel schon geschafft haben und dass ich wieder aufstehen muss, um die nächsten rauszulassen, nutze ich, um einen Blick nach hinten zu werfen. Der zu Anfang gut besetzte Zuschauerraum weist arge Lücken auf, das Türenklappern will gar nicht mehr aufhören. Inzwischen wird auf der Bühne mit Farbe umeinander gebatzelt**, die Männer spritzen (wie symbolisch) auf eine Plastikwand in Müllsackblau (für die Vornehmeren unter uns: Yves-Klein), die Frau glättet mit einer Walze die Flecken zu einer weißen Fläche. Das soll mir bestimmt was sagen, ich weiß aber nicht, was und es ist mir so dermaßen wurscht. Auch, warum nun einer in Giftgrün die Wörter “Death Work Life Death” aufsprüht – wie mir, nur um das endlich mal gesagt zu haben, Goetzens denglische Kunstsprache, neben dem ganzen Schwachsinn hier, gründlich on the cookie geht. Dann muss Pia Händler wieder an den Bühnenrand treten und mit toternstem Gesicht sagen: “We kill the flame”. Jetzt kommen eh schon kaum Frauen vor in dieser sehr sehr seltsamen Männerwelt und dann so ein Satz. Warum nur? Immer wieder klappern Türen.

Wir kommen nun zum Suizid. Warum auch nicht? Den bespricht sehr ausführlich Vincent zur Linden, auf einem Pfad voll schwarzer Steine und trägt dazu ein Totenhemdchen aus Papier. Es beginnt zu regnen (Kompliment an die Bühnenbauer). Aus dem Wet-Hemderl-Contest geht ein nunmehr nackter Vincent zur Linden hervor, der großen Schwachsinn aufsagen muss, während sein hübscher Körper weiter sanft beregnet wird (ich hoffe, das Wasser war wohltemperiert). Die Dame vor mir nimmt jetzt, jehetzt ihre Brille ab, faltet sie vorsichtig ins Etui und verstaut es in ihrer Handtasche. Sehschwächen können einen in seltenen Fällen zum Vorteil geraten.

Wie lang denn noch? Ah! Da! Gerade hat einer auf der Bühne gesagt: “Es ist vorbei.” und aus der Reihe hinter uns wie aus der (Selbstmörder-höhö-)Pistole geschossen die Antwort: “Ja, bitte.” Oh, Götter, die Scheinwerfer gehen aus: es ist vorbei.

Der Applaus kommt zögerlich, aber dann doch, weil: die Schauspieler können ja nichts dafür und haben wirklich ihr bestes gegeben. Doch, denen darf man klatschen. Muss man sogar. Wer so einen Unfug lernen muss, und spielen, und ohne Hänger aufsagen kann, hat sich den ehrlich verdient. Doch. Sie waren gut. Klatschen. Aber auch nicht zu lang. Das noch verbleibende Publikum hat jetzt nämlich Hofgang.

* Es handelt sich hierbei um eine Referenz aus der Kategorie “Fragt Oma”. Baby Schimmerlos, gespielt vom jungen Franz-Xaver Kroetz mit Föhnfrisur war in der Dietl-Serie “Kir Royal” (das ist ein Mixgetränk aus Cassis und Champagner) ein rasender Klatschreporter, dem Münchner Original Michael Graeter nachempfunden. Wir sprechen von einer Zeit ohne Internet, in der es in München fünf verschiedene Tageszeitungen gab, und wenn man möglicherweise drinstand, sich nachts die druckfrischen Ausgaben und… ehrlich, das führt jetzt zu weit. Junge Menschen, das habt ihr einfach verpasst.

** Das macht man wohl zur Zeit im jungen Theater so. Habe ich erst im Frühjahr in Hamburg gesehen.