Verhörte Intelligenz

Ich hatte ja schon mehrfach über die KIs geschrieben, die unter anderem bei YouTube Videos mit Text untertiteln, und dabei zu Mißverständnissen neigen. Und weil das gar so oft vorkommt und meistens sehr schön ist, gibt es ab heute die neue Kolumne „Verhörte Intelligenz“.

Die VI hat neulich bei einem Interview, in dem eine Reporterin als “deconstructor” (also tiefschürfend analysierend) vorgestellt wurde, wieder nur halb zugehört, und mal schnell einen “Deacon Structure” erfunden. Dumm nur, dass Deacons/Diakone eher in der katholischen Kirche und nicht im Journalismus tätig sind.

Nachwuchs (Oder: S’isch au nemme des)

Die U.S. Immigration and Customs Enforcement Behörde, besser bekannt als “ICE”, deren Mitarbeiter gerade aktuell maskiert und mit unmarkierten Fahrzeugen durchs ganze Land marodieren und in Razzien Menschen, die irgendwie illegal aussehen, verhaften und irgendwo wegsperren, ICE also hat ein Problem. Obwohl massenhaft neue Planstellen geschaffen wurden, obwohl man neue Mitarbeiter mit geradezu verrückten Prämien anlockt und die Aufnahmestandards* massiv gesenkt wurden, scheitern die meisten Bewerber.

Woran das liegt? Die neuen Rekruten, konstatiert ein Personalverantwortlicher, seien mehrenteils “athletically allergic”. Ist das nicht richtig richtig hübsch?

* Physische Minimalanforderung: 15 Push-ups and 32 Sit-ups und 1,5 Meilen (2,4 km) in 14 Minuten rennen können.

Neu im Kino: “The Long Walk”

Ich wage zwei Vorhersagen: a) das ist eine von den Stephen-King-Verfilmungen, die in die Kinogeschichte eingehen wird, wie “Shawshank Redemption”, “Stand by me” und der noch sehr neue “Life of Chuck”* und b) einer von den Filmen, von denen man sagen wird, dass sie der Anfang der Karriere einiger der beteiligten jungen Schauspieler waren. Nein, ich gendere hier bewußt nicht, die einzige Frauenrolle ist “Mutter des Helden” (Judy Greer) und sie taucht nur sehr kurz auf.

Worum geht es? In einem amerikanischen Polizeistaat einer nicht näher definierten dystopischen Nachkriegszeit treten alljährlich 50 junge Männer (ein Freiwilliger aus jedem Bundesstaat) zu einem Marsch mit strengen Regeln an: das Tempo darf nicht unter drei Meilen pro Stunde fallen, der Weg unter keinen Umständen verlassen werden. Drei Verwarnungen bedeuten den Tod, der Marschierer wird auf offener Straße erschossen und liegengelassen. Beim Einlauf vor einer – gefälligst – jubelnden Menschenmenge winkt dem Sieger ein immenser Geldpreis und die Erfüllung seines Herzenswunsches, “no questions asked”. Als Zeremonienmeister fungiert der “Major” (Mark Hamill, dem diese Ekelfigur großen Spaß macht), in olivgrüner Felduniform mit dunkler Sonnenbrille, patriotische Phrasen dreschend und optisch ziemlich genau einer von den Typen, die Hegseth nicht in seiner Army haben will. Man ist vielleicht versucht, Parallelen zu den “Hunger Games” zu ziehen, läge damit aber falsch. Beim “Long Walk” ist keiner absurd oder sonstwie überzeichnet. Es ist einfach nur grausam.

Als die jungen Männer losgehen liegt über dem Anfang ein Vietnamkriegfilmvibe. Junge frische Gesichter, zuversichtlich und hoffnungsvoll – und bevor ich weitererzähle: das ist einer der wenigen Punkte, die ich an dem Film auszusetzen habe. Die Protagonisten bekommen kaum eine Hintergrundgeschichte und sind schon sehr früh auf Archetypen festgelegt.

Sei’s drum: erste Grüppchen bilden sich, wie das in Schicksalsgemeinschaften zu sein hat. Sehr organisch mit einer großartigen Chemie zwischen Raymond Garraty (Cooper Hoffmann)** und Peter McVries (David Jonsson). Und sie marschieren. Über brüchigen Asphalt mit Rissen und Schlaglöchern, durch ein verheertes Land im Verfall, an den Straßenrändern verendetes Vieh, verfallene Häuser, vergilbte verwaschene Billboards, die komfortable Zugfahrten anpreisen, brennende Straßenkreuzer (Fünfziger, Sechziger Jahre?), wenige, armselig gekleidete Menschen. Die Marschierer bekommen Krämpfe, ausführlich gezeigten Durchfall, die Wanderstiefel gehen kaputt, sie werden verwarnt. Dann wird der erste erschossen. Dann weitere. Jeder dieser Kopfschüsse wird in Großaufnahme gezeigt. Noch leiden die anderen mit. Oder sie freuen sich, wie Gary Barkovitch (Charlie Plummer), dass wieder einer ausgeschieden ist. Damit ist das Feindbild zementiert: der blondgelockte, hübsche Gary, der noch nie in seinem Leben Sport getrieben hat, aber mühelos und leichtfüßig unterwegs ist und sein Lästermaul einfach nicht halten kann. Es wird dunkel und kälter, sie marschieren im Flutlicht der Begleitfahrzeuge der Armee mit ihren schwer bewaffneten Besatzungen, manche schlafen im Gehen, nicht alle, die fallen, stehen wieder auf. Schüsse. Es ist ziemlich grausig. Und so geht es weiter. 100 Meilen geschafft. Schüsse. Noch eine Nacht. 200 Meilen. Schüsse. Fast 300 Meilen. Bis nur noch eine ganz kleine Gruppe übrig ist, in der Stebbins (Garrett Wareing) seinen großen Auftritt hat. Hut ab.

Stephen King hat die Buchvorlage Ende der Siebziger in seiner koksgetriebenen Vielschreiberphase unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht und ich habe sie seinerzeit sehr gerne gelesen. (Das mit den Dystopien hat bei mir früh angefangen…). Er ist bei dieser Verfilmung als Produzent beteiligt, es ist also davon auszugehen, dass er zugestimmt hat, dass Buch und Film unterschiedlich enden und damit die Moral von der Geschichte eine ganz andere wird. Könnte der aktuellen politischen Situation in den USA geschuldet sein. Ich beende den blogpost über einen Film nach einem Buch von Stephen King mit dem zum aktuellen Ende passenden Slogan “No Kings” und hoffe, die Leserschaft findet das ebenso witzig wie ich. Hohoho.

* Die “Life of Chuck”-Kritik folgt bei Gelegenheit. Nur kurz: ein sehr sehr guter Film.

** Nachdem ich die ganze Zeit nicht festmachen konnte, woher ich Cooper Hoffman kenne, habe ich nachgesehen: Ich kenne ihn nicht. Er sieht nur seinem Vater Philip Seymor Hoffman so sehr ähnlich.

Nicht gelesen: Sinn Lee – “Taken by the Haunted HDMI Cable”

Es gibt, wie ich heute bei Stephen Colbert erfahre, auf dem Literaturmarkt nicht nur diese unsägliche (Young)-Adult-“Steamy”-Romance-Welle, sondern auch, was die lesende Fachfrau als “Weird Erotica”* bezeichnet. Das ist dann sowas:

und erzählt davon, wie eine junge Frau in ihr jüngst geerbtes Spukhaus einzieht, vom Umzug erschöpft vor dem Fernseher einschläft und davon wach wird, wie sich das verwunschenes HDMI-Kabel an ihr vergreift. Genau, wie es der Titel verheißt.

Wer schreibt sowas? Wer liest sowas?

* Weil ich ja gar keine Ahnung hatte, habe ich eine Suchmaschine befragt. Das war der erste Treffer: https://www.goodreads.com/shelf/show/weird-erotica. Seit ich das gesehen habe, möchte ich mich mit dem Thema nicht weiter beschäftigen.

Best of Kino: Double-Feature “Kill Bill 1+2”

Ich hatte die “Kill-Bill”-Gewaltorgien schon eine Weile nicht mehr gesehen und stelle fest, dass ich von Mal zu Mal mehr von Tarantino als Autor und Schauspielerauswähler und Regisseur begeistert bin.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Mehr sog i ned.

Nächste Runde

Seit ein paar Wochen habe ich, wenn ich, wie wir Renterinnen das tun, von Tages- zu Abendfreizeit wechsle, neue Pflichten: ich gehe auf Patrouille. Unterbreche also ab ca. Einbruch der Dämmerung in ca. stündlichen Abständen, was immer ich gerade Erfreuliches tue und schaue auf dem Balkon nach, ob sie wieder da sind. Sie: die Tauben, die Dreckvögel, die Mistviecher.

Gestern Abend sah es zuerst gut aus. Kein Vogel, nirgends. Nicht bei der ersten Überprüfung, nicht bei der zweiten. Bei der dritten, es ist schon sehr dunkel und ich bin sehr kurzsichtig, muss ich arg nah dran. Was ist das? Täuschen mich meine schlechten Augen? Meine Abschreckungsbürsteninstallation scheint in den letzten 60 Minuten zugenommen zu haben. Das liegt daran, dass darüber, darunter, daneben, darauf, dazwischen fünf (5!) dick aufgeplusterte Tauben schlacken (das ist meine Wortkreation aus schlafen+kacken), mir will scheinen, die ganz hinten schnarcht sogar leise pfeifend.

Jetzt aber! Ich habe doch nicht den ganzen Abend für nichts Fortbildungsfilme angeschaut (dazu gleich mehr). Ich schlage das vorsorglich mitgeführte Handtuch mit einem Knall, der herkömmliche Peitschen erblassen läßt, gegen die Bürstenbettstatt und wedele wild weiter, den aufgescheuchten Miststücken mit einer Auswahl schönster Begleitflüche hinterher. Dann bleibe ich mich mit gezücktem Handtuch auf eine Zigarettenlänge draußen. Ganz still und stumm. Bis die erste und die zweite hoffnungsfroh wieder angeflattert kommen, als wäre nichts gewesen. Von wegen! Die Aggression, die der schwirrende Flügelschlag inzwischen bei mir hervorruft, packe ich in den nächsten Handtuchschwung. Huiiii – und weg sind sie. Für diese Nacht ist die Belagerung aufgehoben. Aber sie bleiben hartnäckig – heute morgen waren schon wieder welche da.

Ein Freund hat mir den Tip gegeben, ein Netz zu spannen. Muss es wirklich soweit kommen, dass ich mich einsperre, um diese Drecksvögel auszusperren?

Bürgerpflicht

Die Stadt München sucht für die Kommunalwahlen nächsten März perfekt gegendert Wahlhelfende. Denke ich, das kann ich ja machen, ich hab ja jetzt Zeit und logge mich flugs unter https://stadt.muenchen.de/infos/wahlhelferundwahlhelferinnen.html ein und klicke weiter zum Wahlhelferportal (einmal gegendert muss offensichtlich reichen). Dafür, sagt mir das Portal, habe ich keine Berechtigung. Ah? Neihein, finde ich heraus, mir fehlt dazu eine “BayernID”. Meine Bereitschaft schwindet, allein schon angesichts der sichtlich vom dem Praktikanten (“Praktikantenden”?), der das mit den Screenshots raus hat, erstellten Powerpointpräsentation mit den “10 Schritten zur BayernID” (s. https://stadt.muenchen.de/dam/jcr:22eed365-dc42-418a-9522-dc6ef222225b/Anmeldung%20BayernID_Wahlamt.pdf). Gute Güte.

Nein, ich stelle mich jetzt nicht an. Ich mach das. Es dauert knapp sechs Minuten, aber dann habe ich eine “BayernID”. Yeaahh! Also frisch noch einmal auf den “Wahlhelfer-Portal”-Link geklickt. Fehlermeldung. Weiterhin. Mist. Aber jetzt ziehe ich das durch, ich wende mich an “Muckl”, den KI-Chatbot der Stadt München. Muckl ist überfordert. Er versteht die Frage nicht, ich formuliere um. Er versteht immer noch nicht. Ich hole aus. Nun ist ihm die Frage zu lang. Echt jetzt? Ich mag nimmer.

Fangt euch doch eure Wahlhelfenden sonstwo.

Aus dem Vokabelheft

Irgendein Spammer aus China hat sich in den Kopf gesetzt, dass er von mir “Fußballenhallenschuhen” bekommen will und schickt mir dazu ständig SMS.

Nein, Sie Spammer, das Schuhwerk habe ich nicht. Aber danke, dass Sie die deutsche Sprache um so ein schönes neues Wort erweitert haben.

Gestern Abend im Residenztheater: Theatermarathon – “Das Vermächtnis (The Inheritance), 1. und 2. Teil”

Ein großes Stück über das Leben und Sterben schwuler Männer in Amerika, spezifisch in New York. In der Reihenfolge der großen Stücke über das Leben und Sterben schwuler Männer in Amerika zeitlich einzuordnen nach dem großartigen “Angels in America”. Eingestiegen wird in den Obama-Jahren, Schwulsein ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, man ist in der Künstlerszene, spricht über die neuesten Kulturereignisse, Kulinarik, Familienplanung. Der erste große Bruch in diesem Idyll ist der für Menschen in diesem Bubble vollkommen überraschende erste Wahlsieg Trumps über Hilary Clinton. Das kann doch gar nicht wahr sein, dass darf doch gar nicht wahr sein. Daraus folgend die unbestimmte Angst: was bedeutet das für uns?

Insgesamt werden drei Generationen auf der Bühne verhandelt. Die, ich nenne sie der Einfachheit halber, “die Alten”. Die, die sich verstecken mußten, noch gejagt und gehetzt wurden, die, die sich in “Stonewall” und anderen Ereignissen zum ersten Mal wehrten, die wenigen, die die Seuche (AIDS) überlebt und viel zu viele Zeitgenossen zu Grabe getragen haben. Jene, die, siehe oben, aktuell ihr Erwachsenenleben leben und gestalten und die Nachgeborenen, ausgesprochen gut personifiziert in einer Doppelrolle (Adam, “Golden Boy” und Leo, White Trash-Stricher) durch den jungen und natürlich an einer Stelle im Stück wieder nackten Vincent zur Linden.

Das ist komisch und tragisch, langsam und schnell, unterhaltend und brutal, es werden sehr große Worte sehr gelassen ausgesprochen und Banalitäten gründlich breitgetreten und ist dabei erstaunlich kurzweilig, die ersten beiden Stunden vergehen wie im Flug. Dass der zweite Akt des ersten Teils nur noch eine Stunde dauert, ist schon fast bedauerlich. Dann darf das Publikum kurz auslüften, es werden Kühltaschen ausgepackt und die Theatergastronomie leergefuttert und dann klingelt es schon zum zweiten Teil.

Der ist insgesamt etwas telenoveliger, amerikanisch dick aufgetragen und vielleicht an manchen Stellen übererklärt, die Tragik arg tragisch, die Komik aber immer noch witzig und sehr punktgenau und die Figuren entwickeln sich, wie zu erwarten war. Der Schluß ist ein großes Broadway-Finale mit Herbstlaub, die tragischste Figur derrennt sich mit dem Sportwagen, aber die anderen leben happily ever after und wenn einer mit über 90 dann doch stirbt, hinterläßt er ein Rudel Kinder und noch viel mehr Enkel und der Soundtrack könnte von Peter Fox sein.

Großes Kompliment an das gesamte Ensemble! Das schließt sehr explizit wieder den wunderbaren Bühnenbau (ein Bilderrahmen-Guckkasten im Guckkasten und die Drehbühne bis zum allerletzten genial genutzt) und die Beleuchtung ein.

Well done, Resi. Ich hatte schon Angst, ich könnte das Haus nicht mehr mögen wollen.