Außer, dass ich mehr Schlaf bekomme, ist das Hauptmerkmal meiner aktuellen Nichtzugehörigkeit zur erwerbstätigen Bevölkerung, dass auf meinem Einkaufszettel viel öfter Kaffee und Klopapier stehen.
Verwirrt
Wieso ist Stehen auf einmal verboten? Ich dachte Sitzen sei das neue Rauchen? (s. https://flockblog.de/?p=34631)
Das Böse ist unter uns
Wie ich den Trailern entnehme, vergreift sich Disney in diesem Jahr wieder an Mary Poppins.
Sobald Zeitreisen erfunden sind, werde ich dafür sorgen, dass sich Walt nie mit P.L. Travers getroffen haben wird. Fuck temporal integrity!
Neu im Kino: Mamma Mia! Here We Go Again
Eiiine Insel mit zwei Bergen, tüdelüdüdüdü… Quatsch. Noch mal von Anfang.
Insel? Stimmt. Berge? Naja. Aber immerhin Hügel. Ägäis? Wahrscheinlich. (Gedreht wurde in Kroatien), Sommer, Sonne, blaues Meer, hübsche junge Menschen, gerne in der Variante “Swedish Delight”, also blaustrahlende Augen, blondes Haar und sonnengebräunter (nicht -gebrannter) Teint, singend und tanzend. Dazu kontrastierend ein paar ältere Menschen, wobei das verzeihlich ist, denn sie sind entweder prominent oder auf Ureinwohner gestyled.
Eigentlich ist der 2018-Mamma-Mia-Film eine Neuauflage des ersten aus dem Jahr 2008, mit noch mehr farbenfrohen aber nahezu identischen Gruppenchoreographien, noch mehr Menschen, die voll bekleidet ins Wasser springen, mit der Originalbesetzung (minus 1) plus noch mehr hübsche junge Menschen mit erfolgreich abgeschlossener Musicalausbildung. Schließlich handelt die Geschichte davon, wie alles begann. Wie Jung-Donna die Schulabschlußfeier aufmischt und dann ihr Gap-Year in Paris startet (Akkordeonmusik und “Waterloo”-Ballett), sich ein, zwei, drei Mal unsterblich verliebt und schließlich ihre Wahlheimat auf einer griechischen Insel findet.
Trotzdem geht das Konzept dieses Mal nicht auf. Alles, was im ersten Teil fröhlich und unbekümmert daherkam, gibt es nicht mehr. In diesem zweiten Teil schlägt das wirkliche Leben zu, die Jungen sind erwachsen und die Alten älter geworden. Die Abba-Hits sind aus der B-Seiten-Kiste. Außerdem regnet es. Und Donna ist tot. Und dann noch der fast schon surreale Auftritt von Cher, aber ich glaube, die ist eh ein Zombie. Es ist wie der Unterschied zwischen einer Mahlzeit aus frischen Zutaten und einer aus der Dose, auf deren Etikett steht, der Inhalt schmecke “wie bei Muttern”. Klappt nie.
Ich habe keine Ahnung, warum Meryl Streep nicht mehr dabei war und werde keine Zeit darauf verschwenden, das zu recherchieren. Wahrscheinlich war sie einfach weise.
Man kennt mich, ich habs nicht mit Musiktheater und halte mich sonst streng an die Regel “Warum singen, was man auch sprechen kann?”. Mein einziges guilty pleasure* ist “Mamma Mia”, das kann ich an Schlechtwettertagen gut angucken und bin danach besser drauf. Für die Erkenntnis, dass “Mamma Mia! Here We Go Again” nie in diese Kategorie kommen wird, mußte ich 6,40€ investieren – soviel Eintritt verlangt ein Innenstadtmultiplexkino für die Vorstellung um 11:00 Uhr morgens. Damit kann ich leben.
* guilty pleasure: das ist so einer von den angelsächsischen Begriffen, für den mir keine deutsche Entsprechung einfällt. Sowas wie ein kleines geheimes vielleicht ein bißchen peinliches Laster, das einem aber doch viel zu großes Vergnügen bereitet, als dass man davon lassen wollte.
Gelesen: Andy Weir – Artemis
Ich weiß ja nicht, wie der Kritiker des Guardian zu diesem Urteil kommt: Ich für meinen Teil habe in dem ganzen Buch nicht ein Wort über den extraterrestrischen Anbau von Kartoffeln gefunden. Dafür sehr viel darüber, wie sich Andy Weir die Welt bzw. das Leben auf dem Erdtrabanten aus der Sicht einer jungen Frau vorstellt.
Die soll sein, was der Amerikaner “sassy”* nennt und was im Deutschen sehr unzulänglich mit den fast schon obsoleten Begriffen “frech, keck, naseweis, unverschämt” übersetzt wird.
Man denke einen Nerd-Traum: die physische Konstitution einer Lara Croft mit dem Verstand einer Überfliegerin in den MINT-Fächern, Hirn und Schnauze einer Hazel Brugger, mit sehr gesundem ausgeprägten Selbstbewußtsein. Selbstverständlich ausgesprochen gutaussehend, sich dessen bewußt und sexuell aktiv. Fertig ist die Heldin Jazz, eigentlich Jasmine, saudischen Ursprungs und als Halbwaise vom gläubigen Moslempapa in der Mondsiedlung Artemis großgezogen. Natürlich rebelliert sie gegen alles (“sassy”, wir erinnern uns), geht weder zu einer der Gilden, um eine Ausbildung zu bekommen, noch in die Moschee. Stattdessen arbeitet sie in einem schlechtbezahlten Job, betreibt jedoch nebenher einen recht erfolgreichen Schmugglerring. (Was sonst noch passiert, lese jede/r selbst.)
In diesem Setting macht Weir, was ihn schon in “The Martian” ausgezeichnet hat: er erklärt und beschreibt komplexe naturwissenschaftliche Sujets, eingebettet in eine unterhaltsame, temporeiche Erzählung. Zudem erfindet er durchaus plausible politische und weltwirtschaftliche (als ob sich das trennen ließe) Szenarios. Das liest sich weg wie nix und macht Spaß und wird sich sicher schön verfilmen lassen. Trotzdem wurde ich manchmal das Gefühl nicht los, einem Autor dabei zuzusehen, wie er eine Themen-Checkliste abarbeitet und vor lauter Themen abarbeiten gar nicht mehr dazukommt, seine Figuren zu entwickeln. Daran muß man sich aber nicht stören, dafür gibt es ja die Franzens dieser Welt.
Falls wer noch was für den Urlaub sucht: Artemis kann man gut lesen.
* Das scheint die Definition zu sein, die Weir inspiriert hat: Impudent.. Bold and spirited; cheeky.. Somewhat sexy and provocative.. (s. https://bit.ly/2AS8KUy)
Wie jetzt?
Die Dame beim Arbeitsamt hat nur noch “ein paar Fragen zur Person”. Unter anderem: “Welche Konfession darf ich bei Ihnen eintragen?” Darauf ich: “Großer Gott! Keine.”
Das fand aber nur ich komisch, sie hat ungerührt ein Kreuzchen bei “gottlos” gemacht.
Alles eine Frage der Definition
Sie haben einen Hochschulabschluß? Sie haben daraus, wie ich und du und Müllers Kuh abgeleitet, Sie seien Akademiker? Ja? Sie haben ü-ber-haupt gar keine Ahnung.
Akademiker ist nur, wer einen Hochschulabschluß vorweisen kann und anschließend genau den Beruf ausübt, auf den ihn das Studium vorbereitet hat und in seinem ganzen Leben niemals mehr das Fach wechselt. Außerdem verdient so ein Akademiker in Vollzeit mindestens 70.000,00 Euro brutto im Jahr.
Ich kann daraus nur den Schluß ziehen, dass entweder das Regelwerk der Arbeitsagentur aus einem Paralleluniversum stammt, das temporal einige Jahrzehnte hinten liegt. Oder die haben dort einen Granatenhau. Wahrscheinlicher ist Lösung B.
Quo vadis?
Vorhin, im Biergarten, versuche ich, einer Ausländerin den Unterschied zwischen Pilgerreise und Wallfahrt (“nein, nicht ‘Waldfahrt’, obwohl das auch sehr schön ist.”) zu erklären und scheitere daran, dass ich es eigentlich selbst nicht so recht weiß. Nach Hause zurückgekehrt, frage ich Google und das schickt mich zu Leuten, die sich mit sowas auskennen: http://www.spiritueller-tourismus.de.
In Kürze: Entweder der Weg ist das Ziel oder das Ziel ist das Ziel.
(Während die weg-orientierte Pilgerreise (peregrinatio) Ausdruck des privaten Glaubens ist und individuellen Charakter besitzt, ist die ziel-orientierte Wallfahrt (demonstratio catholica) ein Brauchtum, in dem Volksglauben, kirchliche Autorität und Frömmigkeit eine Rolle spielen.)
Nimmer ganz neu im TV: Catastrophe
Ein Kritiker meines Vertrauens hatte die britische Serie “Catastrophe” wärmstens empfohlen und nachdem ich in drei heißen Nächten die ersten drei von bisher drei Staffeln weggebinged habe, kann ich ihm nur zustimmen.
Dabei ist der Plot denkbar banal: Eine knapp vierzigjährige in London lebende irische Grundschullehrerin und ein gleichaltriger Amerikaner aus der Werbebranche haben eine sehr heiße Ferienaffäre und zeugen dabei versehentlich ein Kind. Und jetzt?
Dieses “Und jetzt?” der Serienfiguren Sharon und Rob habe sich das Autoren- und Hauptdarstellerpaar, Sharon Horgan und Rob Delaney, wunderschön auf den Leib geschneidert und spinnen eine gar herrliche Geschichte daraus. Weltbewegendes passiert nicht, aber dafür viel tägliches kleines Glück, begleitet von vielen täglichen Katastrophen und einem gerüttelten Maß an erfrischend-erfreulichen Obszönitäten. Sie werden dabei von einer ausgesucht guten Auswahl an Nebendarstellern* unterstützt, eine und ein jeder mit mehr oder minder großen Macken.
Ich schaue mir normalerweise solche “Kriegsfilme” (“Kriegen sie sich oder nicht?” – danke an Herrn R.M. aus K. für diese Wortschöpfung) nicht an, aber mit dieser Serie haben sie mich gekriegt. Sie schöpfen aus dem Vollen, allein der Culture Clash vom Amerikaner in London und die babylonischen Sprachverirrungen zwischen British und American English und dann noch Irish (zum Wegwerfen komisch, wenn keiner den irischen Vornamen des Kindes aussprechen kann – außer der irischen Seite der Familie) und Scottish und Welsh und… Wie die einzelnen Paare miteinander umgehen. Hach! Die Interaktion in den Familien. Doppelhach! Die Interaktion aller mit allen. Genau: Tripplehach! In der dritten Staffel meine ich leichte Abnutzungserscheinungen zu erkennen, aber das mag auch an der Überdosis “Catastrophe” gelegen haben. Man sehe es sich an und urteile selbst.
Ach ja, und nebenher war’s auch noch der letzte Auftritt von Carrie Fisher vor ihrem Tod und sie spielt eine so herrlich bösartige sehr amerikanische Bißgurkenmutter, dass allein ihre Szenen die ganze Sache noch einmal extra erfreulich machen.
Anschauen! Anschauen! Anschauen!
(Kostprobe: https://imdb.to/2AKto8X)
Die Serie läuft auf Amazon Prime. Eine vierte Staffel soll dieses Jahr erscheinen. Hoffentlich jodeln sie auch da beim Abspann wieder.
* Ich wiederhole meine Dauerforderung: warum heißen diese Schauspieler im Deutschen so abwertend “Nebendarsteller” und könnte man nicht bald bitte ein Äquivalent zu den angelsächsischen “supporting actors” finden? Und wo bleiben die Preise und Auszeichnungen fürs Casting? Ich frage ja nun, weiß Gott, nicht zum ersten Mal danach. Zefix!

