“Oh, es schneit wieder. Endlich!”
Ach, Auntie BBC
Heute im Abendprogramm in England: Auf die sehr wahrscheinlich sehr grauslige Doku “America’s Hate Preachers” (Director Hannah Livingston spends 6 months tracking two of America’s most radical Christian hate groups – a notorious pastor from Arizona and a network of extremist preachers) folgt, folgendermaßen freundlich bebildert:
Auch Klerus, aber anders. Manchmal würde ich in solchen Fällen gar zu gern wissen, ob bei der Programmplanung gar nicht oder eben gerade extra gedacht wurde.
Gelesen: Marie Reiners – “Frauen, die Bärbel heißen”
Marie Reiners ist bisher vor allem als Drehbuchautorin in Erscheinung getreten, ihr bis dato größter Erfolg dürfte die Serie “Mord mit Aussicht” sein, verfilmt mit Caroline Peters und Bjarne Mädl. Nun hat sie Prosa produziert. Der Verlag nennt das Werk einen Roman.
Die Hauptperson ist Bärbel. Mitte 50, Hundehalterin, alleinstehend. So alleinstehend, wie man nur sein kann, wenn man als Vierzehnjährige den Selbstmord seiner Eltern vertuscht und die Leichen verschwinden lassen hat. Seitdem lebt sie allein und pflegt nur die allernötigsten Kontakte zur Außenwelt, geht aber, wenn sie nicht gerade Tiere präpariert oder Homeshoppingshows guckt, immer viel und lange mit Hündin Frieda raus. Auf einem dieser Spaziergänge findet sie im Wald eine männliche Leiche und der Schlamassel beginnt.
Reiners hat sich ein paar hübsche Versatzstücke einfallen lassen, wie zum Beispiel Bärbels Tick, die anderen handelnden Figuren nicht mit deren Eigennamen, sondern nach ihrer äußeren Erscheinung zu benennen. Die zartgliedrige Frau mit dem rötlichen Haar und den Rehaugen heißt… na wie wohl? Genau. Bambi. Der tote Mann im Wald wird MAMIL genannt, das steht für “middle aged man in Lycra”, wobei dieses Radleroutfit im Laufe der Erzählung gar keinen Sinn macht, außer, dass es halt lustig sein soll, vom “MAMIL” (immer in Großbuchstaben und als Neutrum) zu sprechen. Der Lokalreporter mit der Glatze ist der “Overcomb” und die junoische Frau im Aufzug, die nach Lucky Strike und Bourbon riecht, dieser Logik folgend “Liberty”. Das ist bedingt komisch, könnte man aber gelten lassen.
Wirklich schlimm wird es erst, wenn man sieht, was Reimers mit ihrer Bärbel macht. Sie kann sich nicht entscheiden, ob Bärbel eine lupenreine Psychopathin (geht über Leichen, sieht darin aber kein Problem, schließlich wären die Leichen keine Leichen, wenn sie sie in Ruhe gelassen hätten), ein verschrecktes Hascherl mit einer starken Asperger-Ausprägung (ui, was ist alles in dieser Welt geschehen, seit ich mich 40 Jahre lang nicht beteiligt habe und wie wechselt man bloß auf einem Smartphone die Bildschirmansicht), eine sehr einsame, leicht zurückgebliebene, sehr traurige Existenz (vielleicht will Bambi doch meine Freundin sein, wenn ich auch mal nett bin) oder irgendwas dazwischen oder was ganz anderes sein soll. Das macht das Lesen sehr mühselig. Gegen Ende, als alle Handlungsstränge entwirrt und viele Protagonisten tot sind, legt sie zu allem Überfluß die Möglichkeit einer Fortsetzung an.
Danke, Frau Reiners. Aber nein danke. Bleiben Sie bitte bei Ihren Leisten und schreiben Sie weiterhin Drehbücher. Das können Sie. Das können Sie gut. Aber lassen Sie sich nicht von falschen Freunden wie Iris Kirschenhofer vom Fischer Verlag dazu “motivieren” weiter solchermaßen unzulängliche Schnurren zu schreiben. Dafür sollten Sie sich zu schade sein. Meine Zeit ist es mir unbedingt.
Gelesen: David Schalko – “Schwere Knochen”
Schon als ich letzten Sommer ein Interview* mit David Schalko hörte, bei dem auch seine Serie “Braunschlag” und der Film “Der Aufschneider” (s. https://flockblog.de/?p=31424) erwähnt wurden, wußte ich, dass ich “Schwere Knochen” unbedingt lesen und gut finden will. Dann kam dies dazwischen und das und dann wars auf einmal zwischen den Jahren 2018 und 2019 und die Zeit reif.
Wow! Schalko erzählt in einer sehr kauzigen, sehr lakonischen und sehr österreichischen Sprache vom Schicksal einer Handvoll Kleinkrimineller im Wien vor dem “Anschluß”, ihren KZ-“Karrieren” und der Zeit nach dem Krieg bis in die frühen 60er Jahre. Vom besetzten Wien, dessen Viermächtestatus (wer jetzt an den “dritten Mann” denkt, denkt richtig) bis zum Abschluß des Staatvertrags und der Ausrufung Österreichs zum neutralen Staat 10 Jahre dauert. 10 Jahre, in denen die nunmehr Schwerkriminellen das Heft in die Hand und die Stadt übernehmen. Wo Grenzen, da Schmuggel. Wo mehr Grenzen, da mehr Schmuggel. Schnell ergaunern sie sich ihr eigenes Wirtschaftswunder als Verbrechersyndikat mit geteilten Aufgabenbereichen (analog zu den Sektorengrenzen). Prostitution, Glückspiel, Diebstahl, Raub, Mord…
Schalko baut einen ganz eigenen Kosmos aus ganz eigenen Figuren, denen er die wildesten Biographien andichtet und obwohl sie Verbrecher und Schläger und Nutten und Betrüger und empathielose Drecksstücke und ganz und gar Wahnsinnige sind, mag man sie als Leser alle leiden. Weil ihr Autor sie mit sehr schwarzem Humor und wilden Worten beschreibt und sie Sätze sagen läßt, die man sich gerne gerahmt an die Wand hängen würde. Gerne als Kreuzstickstickerei. Tu felix Austria kriegst so dermaßen eine auf den Deckel!
Ich würde sagen, wir halten uns jetzt alle nicht mehr mit der Rezension auf, sondern setzen uns mit dem Rücken zum Fenster in die warme Stube und lesen! Lesen! Lesen!
PS: Ein besonderer Dank geht an den Verlag Kiepenheuer & Witsch. Erstens haben sie ein sehr Lesefreude steigerndes schönes gebundenes Buch mit Schutzumschlag und Lesebändchen herausgebracht und zweitens eines, das die Dummheiten der letzten großen Rechtschreibreform ignoriert und nur benutzt, was daraus sinnvoll und logisch ist. Trotz halbherziger Recherche (“Du, Google, wer ist denn bei KiWi für die Rechtschreibung in Büchern zuständig?”) habe ich nicht herausgefunden, wem dafür zu danken ist. Tue es aber hiermit trotzdem und mit Nachdruck.
* Interview auf BR2: https://bit.ly/2JMlCQi
Froh und munter
Bisher hatte ich das Adjektiv “froh” eher in der Advents- und Weihnachtszeit verortet. Jüngstens scheint es sein Tätigkeitsfeld erweitert zu haben und ist nun auch für neue Jahre zuständig. Beweis? Mir wurde noch nie so oft ein “frohes neues Jahr” gewünscht wie zu Beginn des Jahres 2019.
Nun frage ich mich: Ist “gut” nicht mehr gut genug? Liegt es an meinem Umfeld oder ist das bei anderen auch so?
Gelesen: Lisa McInernery – “The Glorious Heresies”
So muß es sich anfühlen, wenn man gerade vom Zug überfahren wurde. Während man noch ungläubig an sich herunterklopft, tatsächlich, alle Gliedmaßen noch dran, rast der Puls und der Blutdruck tobt in ungeahnten Höhen. So hoch, dass die Frau Doktor fragen würde, ob denn in letzter Zeit etwas Außergewöhnliches… “Nein, nein”, würde man antworten. “Ich lese nur gerade ein Buch.”
Lisa McInernery bevölkert mit ihrem Mikrokosmos an einfühlsam und sehr klar gezeichneten Figuren die von wirtschaftlichem Abschwung gezeichnete irische Stadt Cork. Ein jeder kämpft an sich dauernd verschiebenden Frontlinien, ein jeder trägt an einer Last, alles hat seinen Preis. Über allem und allen liegt der schwere schwarze Schatten der Sünden der katholischen Kirche. Klingt deprimierend? Ist es aber nicht. Sie schreibt unwahrscheinlich komisch, liebt jede ihrer Figuren in ihrem tragischen Scheitern und besticht mit Metaphern, die vorher noch niemandem eingefallen sind. Was für eine Sprache! Was für eine Poesie! Was für ein Tempo! Was für ein Talent!
Die Glorreiche Ketzereien (Titel der deutschen Übersetzung) sind ihr Debüt. Ihr letztes Jahr erschienener zweiter Roman The Blood Miracles scheint sich daran messen zu können, denn dafür wurde ihr im letzten Sommer der Encore Award für den ‘Besten zweiten Roman’ verliehen. Steht schon auf meiner Leseliste.
Alle anderen: den Erstling lesen! Lesen! Lesen!
Fernsehen, NDR: “Jennifer – Sehnsucht nach was Besseres”
Bisher ist Jennifer glatt an mir vorbeigangen. Und das, obwohl die Serie im letzten Jahr sogar einen Preis bekommen hat. Den Deutschen Comedypreis 2018 in der Kategorie Beste Sitcom. Und Ollie Dittrich mitspielt. Macht nix, gibts alles in Konserven (Mediathek) und läßt sich fix nachholen.
Hmmm.
Die Figurenkonzept stimmt soweit. Katrin Ingendoh als Jennifer, nach abgebrochener Ausbildung nunmehr Hilfsfriseurin und mit unbändigem Drang “nach was Besseres”. Im Verlauf dreier Staffeln versucht sie den gesellschaftlichen Aufstieg mit Hundestyling, Eventmanagement, “Irgendwas mit Medien” (Der Beautykanal, Voice of Wulmstorf), Immobilienmakelei, Schneeballsystem-Reizwäsche-Verkauf. Klappt immer nie so ganz. Laura Lo Zito als ihr Sidekick Mellie. Darf nichts außer Sidekickerei. Doris Kunstmann als Oma Margret, wacker, pragamatisch, lebensklug. Betreiberin der “Futterluke”, der ersten Imbißbude am Platze. Olli Dittrich als Friseursalon-Inhaber Dietmar, eine miese kleine Provinzschwuchtel, der von seiner Vergangenheit als Tour-Beauty-Stylist längst vergessener B-Promis wie Costa Cordalis oder Lena Valaitis zehrt und in der Gegenwart kein Bein auf den Boden kriegt. David Bredin als Ronny Kröhnke. Jennifers grenzdebiler Ex-Freund, Taxifahrer. Ulrich Bähnk als Manni Schweers, klein- bis mittelschwer krimineller Pate des Dorfes, Discobesitzer mit Schweinsäuglein unterm Minipli. Hat überall die klebrigen Finger drin, wo Kohle für ihn rausspringt. Last but not least, Klaas Heufer-Umlauf als Ingo Albrecht, aka Ingo A. aka Container-Ingo. Zehrt von seinem Ruhm aus Auftritten in drittklassigen Fernsehshows drittklassiger Fernsehsender und “legt für Geld auf” (oder macht auch sonst alles).
Man hat ihnen sogar hübsche Texte geschrieben. Zum Beispiel Ingos Generalentschuldigung für wieder ein gescheitertes Projekt: “Da hab ich die Hände voller Asse und dann spielt das Leben Schach.” Oder Dietmars korrekte Selbsteinschätzung: “Ohne mich geht hier der Bach runter.”
Trotzdem.
Die Warte stimmt nicht. Die ist von viel zu weit von oben herab. Hier machen sich gebildete Menschen über prekäres RTL2-Publikum lustig. Das ist wie “ironisch” Dschungelcamp gucken. Das ist auch nur andere dabei zu begaffen, wie sie sich bloßstellen. Geht halt nicht.
Lärmverschmutzung
Der Supermarkt bei mir unten glaubt wohl, er könne sich alles erlauben, was? Der Supermarkt bei mir unten hat leider recht, wer würde schon, noch dazu bei dichtem Schneefall, mehr Zeit und Weg draußen verbringen wollen als unbedingt nötig? (Ja, ich weiß, Skiundschlittenfahrer, Schneemannbauer, Winterlieber. Alle wahnsinnig.)
Weil ich heute, morgen, übermorgen essen will, gehe ich zum Supermarkt bei mir unten. Diese Zwangslage nutzt der voll aus und dröhnt mir mit seinem “Einkaufsradio” die Ohren voll. Evolutiohon? Ohrenklappen? Hmmm? Furchtbar fröhliche Menschen mit sehr grellen Stimmen bedröhnen mich aus voller Kehle mit ihren Vorschlägen zur Freizeitgestaltung und den dazu passenden Mahlzeiten, zu denen sie alle Zutaten gerade heute billigst verkaufen täten. Die sehr verehrte Kundin muß sich die Rezepte noch nicht mal merken, jubeln sie. Entweder schaue sie im eigens eingerichteten Online-Kochbuch nach oder sie nehme sich Rezeptkärtchen mit. “Ein Rezept für jeden Tag der Woche. Jede Woche neu.” (Das allergräuseligste habe ich mitgenommen. Nicht zum Essen, i bewahre. Nur zu Dokumentationszwecken. Das glaubt einem sonst doch wieder keiner.)
Dann wird die Stimme von oben kurz ernst. Hat sich die feiertäglich überfressene Kundin womöglich vorgenommen, eine Diät zu machen? Gut für sie. Aber auch kein Problem. Denn auch “anerkannte Mediziner” raten zu einem “Shiitday” pro Woche. Echt jetzt? Ich hätte angenommen, dass der Doktor häufigeren Stuhlgang vorzieht, für den Patienten und für sich. Aber was weiß ich schon.
Ah, Mademoiselle elaboriert. Am Shiitday darf, ach was, soll “gesündigt” werden. Da ist dann mal ein Stück Kuchen oder Schokolade drin. Selbstverständlich auch hier im Markt für kleines Geld zu haben. Muß ich doch gleich mal nachsehen, ob im Regal mit den englischen Verben ein Schälchen “cheating” steht oder ob das immer noch aus ist.
Dummsprech
Jetzt ist dieses Jahr noch keine drei Tage alt, aber meinen ersten Favoriten in der Kategorie Saudummes Geschwätz, Unterkategorie “Man spricht Deutsh” hätte ich schon gefunden. Nämlich diese Phrase: …to pimp my mind sachwärts.
WTF?

