Gelesen: Mawil – “Lucky Luke sattelt um” (Hommage 3)

Für den 3. Lucky-Luke-Hommage-Band wurde der deutsche Comic-Künstler Mawil engagiert und er hat seine Sache sehr gut gemacht. So sieht es aus, wenn einer die Vorbilder kennt und liebt und eine ganz eigene Geschichte entwickelt. Richtig schön!

Malwin setzt den lonesome Cowboy aufs Fahrrad und ich habe selten so gelacht wie in der Szene, als seine Verfolger (das ausgesprochen lustige Paar Smith and Wesson) die Spuren des Zweiradanfängers (ohne Stützräder) lesen.

“Eine Schlange.”

“Das war doch keine Schlange!”

“Doch! Und… und… Lucky Luke ist ihr gefolgt.” “Guck! Hier haben sie gekämpft!”

“Sei vorsichtig! Es sind zwei! Zwei besoffene Schlangen!”

“Aber sie werden langsam nüchtern.”

Eine Hommage im besten Sinne (auch an den blonden Schimmel Jolly Jumper, hach!) und ein Superdupergeschenk für alle Lucky-Luke-Fans.

Gelesen: Harry Bingham – “The Deepest Grave”

Es hatte sich ja schon länger abgezeichnet, aber in dieser Episode hat Harry Bingham seine Heldin nun endgültig zur Vigilantin gemacht. Sie steht zwar als Polizistin auf der Seite von Recht und Gesetz, aber nur so lange, wie die Bösen nicht irgendwelche (leider vollkommen legalen) Schlupflöcher und Grauzonen ausnutzen. Dann setzt sie ihnen außer Recht und Gesetz (das schon) ihr über inzwischen 6 Bücher ausgebautes Netzwerk aus Hackern, Ex-Spetsnaz, Fälschern, Russenmafia, Ex-Polizisten usw. entgegen. Oder ruft Papa, ehemals Unterweltkönig. Finanzieren kann sie ihre Vigilante-Nebenjob-Aktionen mit einer erklecklichen Summe Geldes, die bei einer früheren Ermittlung vom Laster gefallen ist und deren Existenz sie den Behörden nie angezeigt hat. Das tut dem keinen Abbruch, dass auch dieser sehr britisch-mythische Fall wieder sauspannend ist. Der Mann schreibt ja nun auch keine Polizeidoku, sondern Unterhaltungsliteratur. Dichterische Freiheit darf schon sein.

Was mich aber in jedem Buch aufs neue stört… Bingham hat mir ein bißchen zu viel Spaß an Gewalt. Die eher kleine und zartwüchsige Fiona Griffiths muß jedes Mal in den erbarmungslosen Nahkampf, gerne mit riesigen muskulösen ehemaligen Angehörigen von Spezialeinheiten, gerne in der Überzahl. Was gut, dass er sie Krav Maga hat lernen lassen, so überlebt sie immerhin mehr als einmal nur um ganz knappe Haaresbreite und er kann weiterschreiben. Am meisten Freude scheint es ihm zu bereiten, sich auszumalen, wie feine Leute, die sich über dem Gesetz stehend wähnen, doch in den Knast kommen. Selbstverständlich in die schlimmsten aller vorstellbaren Knäste, irgendwo fern im nebelumwaderten Moor, wo tätowierte Gewaltverbrecher mit nichts zu verlieren sowie einem Stecker im Ohr (immer!) nur darauf warten, ihre Brutalität an ihnen auszuleben. Und jedes Mal, wirklich jedes Mal, mit ganz und gar nicht latenten Vergewaltigungsphantasien. (Was die schweren Jungs mit so einem hübschen Kerl wie dir, hähä,  höhö…) Dabei bräuchte es das gar nicht. Nicht für die Spannung, nicht für die Entwicklung der Handlung. Für nichts. Außer, dass Bingham einfach ein bißchen zu viel Spaß daran hat, sowas zu schreiben.

Ich würds ihm streichen.

Trotzdem: ich hätte jetzt aufgeschlossen und erwarte, dass Band 7 demnächst erscheint.

Anders begabt

Neulich habe ich mich bei einem Start-up Unternehmen auf eine Position beworben, die – teilweise sogar wörtlich – ganz genau meinem Profil entspricht. Allerdings scheine ich übersehen zu haben, dass Management und Team des Unternehmens noch pubertieren – warum sollten sie mir sonst eine Absage mit dieser Begründung schicken?

Weil wir selber noch recht am Anfang stehen, suchen wir allerdings jemanden, der auch noch mit uns wachsen kann. Aus diesem Grund können wir dir die Stelle leider nicht anbieten.

Gestern im Volkstheater: Die Physiker

In der letzten Zeit habe ich so viele Ausnahmeinszenierungen auf dem Theater erlebt, dass eine durchschnittliche Guckkastenvorstellung (Regie: Abdullah Kenan Karaca) mit durchschnittlicher Besetzung mich einfach gar nicht mehr vom Hocker reißen kann.

Da, wo sich die Volkstheaterinszenierung verkünstelt, habe ich sie nicht verstanden. Ich bitte also um Aufklärung hinsichtlich folgender Fragen: Warum müssen Fräulein Dr. von Zahnd (Carolin Hartmann) und Schwester Monika (Luise Deborah Daberkow) je ein französisches Chanson auf, naja, französisch singen? Warum trägt das Fräulein Doktor für ihren Sangesbeitrag eine tuckenclubtaugliche rosa Rüschelrüschenschleppe von drei Metern Länge? Was genau trägt diese Szene zur Aufgabe des Theaters als moralische Anstalt bei? Warum wird Schwester Monika für ihr Lied vom Nicht-Bereuen nur zur Hälfte aus einer Luke aus dem Bühnenboden gelassen? Liegt es evtl. daran, dass sie schon tot ist? Und wenn ja, ist sie dann ein Halbzombie? Und wenn nicht, was dann? Zugenommen und steckengeblieben? Wer in dieser Produktion leidet unter einem Haarfetisch? Ausstattung? Regie? Bühne? Nein, Vincent Mesnaritsch wollen wir mal nicht schimpfen. Sein Bühnenbild, irgendwo zwischen orientalischem Hamam und Bedürfnisanstalt hatte was. Wobei auch hier die Frage offen ist, was der Dschungel im Schweizer Sanatorium soll. Ist das dem Fluß im afghanischen Hochgebirge vergleichbar? Quasi allegorisch? Aber um bei der Verantwortung für die seltsamen Haarprachten zu bleiben – wars am Ende die Kostümbilderin Elke Gattinger? Dabei hätte die doch eigentlich schon genug getan, bei den Mengen Restestoffen aus dem Nathan, die sie überall ohne Sinn und Zweck noch drauf- und drangenäht hat.

Eins noch: Warum spricht eigentlich der vorgeblich aus Darmstadt stammende Möbius immer Wienerisch, wenn er sich echauffiert? Halt, blöde Frage, das weiß ich doch. Den spielt der Jakob Immervoll und man hat ihm immer noch keinen Schauspiellehrer zwengs Sprachglättung besorgt. Wider meine Empfehlung, wie ich betonen möchte.

Soll man sich diese Physiker anschauen? Ja, unbedingt. Falls das Stück gerade in der Schule behandelt wird. Das geht schneller als lesen und an der doch schon etwas obsoleten Sprache haben sie im Volkstheater nicht gerüttelt. Alle, für die das nicht zutrifft, sind vom Theaterbesuch befreit.

 

PS: Ein, wenn nicht der schönste Regiegag wurde leider schon im Programmheft verraten. Schade. Da hätte man einfach mal lachen können. Aber das haben sie auch versaut.

Gelesen: Harry Bingham – “The Dead House”

Bingham schreibt seine Fiona Griffiths wieder in einen sauspannenden Fall und ja, es liegt an ihr. Sie ist nicht mehr ganz so sozial ungelenk und in den Klauen ihrer Krankheit wie in den ersten Bänden, aber noch hinreichend seltsam genug, um nicht zu langweiligen Streberin zu verkommen. Dieses Mal konnte ich, nach vier Büchern in Folge, schon recht früh die Zeichen lesen und mir ungefähr vorstellen, was die lebensbedrohende Situation sein wird, in der sie wohl landet. Spoiler* haben mir aber noch nie etwas ausgemacht, im Gegenteil, also wars gar nicht schlimm.

Womit ich aber gar nicht gerechnet hätte, war die Volte auf den letzten paar Handvoll Seiten. Da hat der Autor mich ganz schön aufs Glatteis geführt und beinahe… Kein Wunder, dass es wieder nach 4:00 Uhr war, in einer dunkeln und regenerischen Nacht, bis ich das Buch endlich bis zum letzten Buchstaben ausgelesen zur Seite legen konnte.

Auf zu Band 6! Für alle anderen wird es langsam Zeit, endlich mal mit dem Binghamschen Werk zu beginnen.

 

* Interessante Beobachtung am Rande: Derzeit erklären die deutschen Feuilletons landauf und -ab Spoiler gerade ebenfalls zur persona grata, weil man sich doch viel mehr auf Inhalte und kleine Hinweise konzentrieren könne, wenn man wisse, was kommt. Meine Rede.

Isch verschtehe nischt

Was genau will uns einer sagen, der Geld ausgibt, um nachfolgende Anzeige in der Abteilung “Vermischtes” in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung zu schalten?

Sklave

Gelesen: Harry Bingham – “This Thing of Darkness”

In diesem vierten Band goes Bingham all Joseph Conrad und läßt Heldin Fiona Griffiths ins tiefe Herz der Finsternis ein- und abtauchen. Sehr gelungen.

Bingham ist gut. So gut, dass ich überhaupt nicht sicher bin, ob Fiona zunehmend auf “Planet Normal” ankommt oder ob ich mich schon so sehr an ihre so sehr andere Art gewöhnt habe, dass ich mich zunehmend dem Planeten Fiona annähere, auf dem andere Gesetze gelten.

Egal. Lesen! Lesen! Lesen!

Ob es so oder so oder anders kommt…

Plan: Kommen, wenn die Sektnasen von der 11:00 Uhr-Vernissage zum Lönsch aufgebrochen sind, mal kurz durch die Ausstellung streunen und dann pünktlich zur “Tastführung” um 14:00 Uhr mit gewaschenen Händen und wißbegierigem Gesichtsausdruck aufscheinen. Simpel.

Realität: Weil die U-Bahn renoviert wird, drei Mal Kurzstrecke gefahren, drei Mal gewartet und drei Mal umgestiegen, bereits in der dritten den Bahn den Puffer von einer extra halben Stunde aufgebraucht und dann herausgefunden, dass die Bushaltestelle der Museumlinie wg. Patriarchat A B F U C K E N* (Glänzende Demo Der Vielen in München) heute nicht bedient wird. Hrrrgggnnn!

Pragmatische Alternative: Es dann so dermaßen dick gehabt, dass ich nach Schwabing und schnurgerade zur wunderbaren Eismanufaktur Bartu marschiert bin und mich mit meinem Eis und dem 5. Fiona Griffiths-Band in die Sonne gesetzt habe und den Schwabingern beim Schwabingern zugeschaut habe. Den beruhigenden Effekt beinahe sofort verspürt. Mir in Aussicht gestellt, dass ich, wenn ich unbedingt noch Kunst anfassen will, daheim was abstauben kann.

The Universe strikes back: Auf dem Rückweg an einer “Bücher-für-geschenkt-nimm-mit-was-du-tragen-kannst”-Kiste vorbeigekommen. Mitgenommen, was ich tragen konnte: ein ganzes Dutzend pfleglich gelesener Bücher, denn ich hatte wie immer Omas praktisches Falttäschle mit dem überraschend großen Fassungsvermögen in der Handtasche. Umgehend sehr versöhnt gewesen.

* “Abfackeln” hätt’ ich vestanden. “Abfucken” hingegen?  Das bekäme ich wirklich gerne vorgemacht.

Residenztheater – Schiller “Die Räuber”. Regie: Ulrich Rasche

So, nachdem sich die Vorstellung ein wenig gesetzt hat, kann ich auch darüber schreiben. Die allererste Lektion: Rasche-Inszenierungen muß man in größeren Abständen voneinander sehen! In gerade mal 10 Tagen zwei dieser monumentalen Mensch-Maschine-Sprache-Musik-Werke fordert schon beim Zuschauen sehr, für die Schauspieler kann ich nur allerhöchste Hochachtung empfinden. Allen voran Katja Bürkle, die den Franz Mohr spielt, einen ungeliebten verwachsenen kleinen abstoßenden Mann. Bürkle läßt einen vollkommen vergessen, wes Geschlechts sie ist. Sie ist pure Stimme und Emotion. Sowas habe ich bisher in dieser Vollkommenheit nur bei Tilda Swinton gesehen und ganz nahe dran von Valery Tscheplanowa, auch mit einem Text aus den Räubern (hier: http://bit.ly/2Wk3aEc).

Bei den Räubern muß sie das Stück nicht alleine tragen, denn es gibt ja auch noch den anderen Bruder, Karl. Karl, diesen Sohn aus gutem Hause, der mit den edelsten Motiven (nehmt von den Reichen, gebt den Armen) zum Anführer der unterdrückten Massen wird. Was er dabei lange nicht sieht und noch länger nicht sehen will, ist, dass die, die ihm folgen, nicht alle einen idealistischen Kampf für eine bessere Welt kämpfen, sondern dass grobe verrohte Landsknechte darunter sind, die freudig mit ihren sadistischen Taten prahlen. Frank Pätzold knödelt sich durch den Karl und channelt seinen inneren Klaus Kinski bis zur Unerträglichkeit. Ja, Rasche will uns mit seiner Inszenierung sagen, dass beide Söhne des alten Moor (Götz Schulte) Räuber sind, jeder auf seine Art, aber der Karl, eine Rolle, die bei anderen Regisseuren eher ein Sympathieträger ist, quäkt es einem doch ein wenig allzu deutlich mitten ins Gesicht.

Da ist Katja Bürkles Franz doch eine ganz andere Nummer. Franz, der sich von Amalia (Nora Buzalka) mit Gewalt nimmt, was ihm nicht willig gegeben wird und, was als Vergewaltigung angelegt war, in einer unwahrscheinlich rührenden Pietà-Pose, geborgen an einem Mutterkörper, aufgelöst wird. Zum Niederknien. Wenn ich wegen Theater weinen würde, da hätte ich es getan. Und dann noch einmal wegen der Lichtregie, die in allen Szenen großartig ist, aber in dieser unübertroffen.

Bei Elektra neulich überwogen die starken Frauenrollen. (Und da ist er wieder, der Vergleich. Wie gesagt, es wäre besser gewesen, die Stücke mit größerem Abstand zu sehen. Aber mach mal was gegen den Spielplan…) Rasches Räuber sind ein reines Männerstück. Zwei (2!) Frauen auf der Bühne, deren eine eine Männerrolle spielt, dazu 20 Männer. Der Raum unablässig durchzogen von Testosteronschwaden.

Ich hatte am Vorabend zufällig mal wieder Kubricks “Full Metal Jacket” angeschaut und war erschrocken, wie die Entmenschlichung dieser Marine-Ausbildung nun auf einmal hier vor mir auf der Bühne stattfindet. Galeerensklaven. Militärparaden. Naziaufmärsche. Alles, wozu die Trommel schlägt. Ein fast hypnotischer Marschrhythmus. Alle diese Männer mit Klettergeschirren uniformiert, so dass die Schnürung unwillkürlich Schamkapseln assoziiert und ständig im Marschschritt stampfend auf dieser nie statischen Bühne (zwei parallel verlaufende Laufbänder, jeweils mittig durchzogen von einer Schiene zur Befestigung der Geschirre) stets ab- und aufsteigend in Bewegung. Unglaublich viel Gewalt. In der Sprache, in den Handlungen. Nach dreieinhalb Stunden waren endlich alle tot. Welch eine Erlösung. Endlich Ruhe.