Jam Session in der Unterfahrt

Ja, ja, ich weiß… wie eine Pralinenschachtel. Aber manchmal hat man einfach einen Saudusel. Zum Beispiel heute. Da schart der wahnsinnige (das ist durchaus positiv gemeint) Drummer Zhitong Xu eine Spitzenband um sich – Anton Mangold (as), Zhihan Xu (g), Felix Schneider (p), Theodor Spannagel (b). Schon deren Set ist die helle Freude und danach drängen sich ihre Musikhochschullehrer auf die Bühne, um mitzujammen. Claus “Seine Arroganz” Raible zeigt, wie Piano geht, Guido “Der will doch nur spielen” May macht sich einen Jux am Schlagzeug und der brillante Herr am Tenorsaxophon stellt sich hinterher im Gespräch als Dozent an der Musikhochschule in Freising vor.

So ein schöner Abend! Vielen Dank!

Gelesen: Harry Bingham – “Talking to the Dead”

Die Kritikerin der NYT konnte sich gar nicht genug auslassen über ihre Begeisterung, wie sehr es in diesem Kriminalroman einem Mann mittleren Alters gelungen sei, sich in die Seele seiner halb so alten Ermittlerin, einer Frau, hineinzuversetzen. So neuartig, das müsse man selbst lesen. Ich hatte mich ja in den letzten Jahren eher von diesem Genre wegbewegt. Es gibt einfach nicht viel Neues unter der Sonne, das ganze regionale Geschreibsel geht mir sowas von auf den Keks und irgendwann war es mir eigentlich egal, wer’s dieses Mal war. Es wird ja nun auch mehr als genug anderes (und teilweise großartiges) geschrieben. Aber wenn’s neu ist? Und gut dazu? Dann lese ich mich schon gerne rein.

Habe ich nun mit dem ersten (von inzwischen sechs) Bänden über Fiona Griffith getan. Ja. Nicht schlecht. Aber man sollte doch die Kirche im Dorf lassen. Ich finde, man darf von einem Autor durchaus erwarten, dass er seine Figuren glaubhaft entwickeln kann, ganz egal, ob sie ihm in Alter und Geschlecht entsprechen. Bingham gelingt das mit Griffith dann am besten, wenn er sie über ihre Andersartigkeit definiert. (Mehr will ich nicht erzählen, sonst muss ich die Auflösung verraten.) Er ist ein guter Menschenbeobachter und -beschreiber und erfindet originelle, bisher nicht benutzte Metaphern. Das macht Freude, noch dazu, weil er gut und flüssig zu schreiben weiß und einen starken Fokus auf die kleinteiligen Ermittlungsarbeiten legt. Das ist spannend. (Ich habs ganz gern, wenn die Fäden bei der Polizei zusammenlaufen, und nicht der externe Berater oder die Pathologin die dummen Kriminaler überflügeln.) Der Fall selbst? Ich weiß nicht recht. Der schien mir doch eher im Bereich Männerphantasien angesiedelt.

Ich werde mir am Wochenende den 2. Band “Love Story, With Murders” vornehmen. Bisher sind Leichenteile aufgetaucht. Weibliche und männliche. Mal schauen, wie sich das entwickelt.

Gestern Abend in der Lach- und Schieß: BlöZinger – “bis morgen”

Robert Blöchl und Roland Penzinger, zusammen „BlöZinger,“ machen Kleinkunst. Also ganz große Kunst mit allerkleinsten Mitteln (drei Stühle). Und das machen sie ganz großartig!

In ihrem neuen Programm “bis morgen” geht es um den Tod. Franz (Robert Blöchl) sitzt im Altersheim seine Restlebenszeit ab und wäre lieber heute als morgen damit fertig. Penzinger, schon von der langen dürren Statur her prädestiniert, gibt den Tod, der den Franz einfach nicht mitnehmen will. Weil er so gerne doch auch einmal einen Freund hätte. Ja, so ist er, a bisserl weltfremd, aber durchaus interessiert (“kann es sein, dass es dir an Lebenserfahrung fehlt?”). Sie spielen Brett- und Kartenspiele und besprechen sich dabei über das Leben. Das, das war und das der Anderen. Jeden Tag aufs Neue.

Um sie herum tobt ein ganzer Mikrokosmos, den die beiden Herren BlöZinger punkt- und pointengenau bevölkern. Wir tauchen ein in die Aufbewahrwelt der Seniorenresidenz, wo RTL 2 “die gedudete Form der Sterbehilfe” darstellt, treffen – pars pro toto – den dauerbekifften (s. http://bit.ly/2vPr6jL) Pfleger Mario (“ich halte dich nicht für dumm, ich glaub, du hast bloß viel Pech beim Denken”), die nymphomane GILF Frau Gruber (“wenn die Geburtstag hat, sieht die Torte aus wie ein Fackelzug”), die Mitbewohner Jochen und Niki, die sich täglich ein Wettrennen um die einzige Fernbedienung liefern. Mit Rollatoren. Und noch einige andere. Das ist ganz und gar wunderschön und mit einer ganz großen Herzenswärme gespielt. Man kann gar nicht anders, als jede Figur zu mögen. Selbst die schwer unterbelichtete Mama von Kevin und Tney*. Als Bonus spielen die beiden Herren Western, dass selbst Sergio Leone vor Neid erblassen muß.

Die Dame, die meinen Übergangsmantel (! @Mai: was ist denn das für ein Dreckswetter? Hmmm?) während der Vorstellung für mich verwahrt hatte, ließ bei der Rückgabe unaufgefordert wissen, dass sie ganz “beseelt” sei, mein Begleiter war “berührt” und sie haben beide sehr sehr recht. In einem solchen Programm durchgehend den richtigen Ton zu treffen, ist eine tolle Leistung.

Unbedingt hingehen, wenn BlöZinger nochmal wo auftreten! Un-be-dingt!

 

* Ein Insiderwitz, den ich gerne auf Nachfrage vorspiele, der aber beim Aufschreiben total verliert. Und ja, ich habe es versucht. Und wie.

Nachtrag: Meine Lieblingsbeleidigung, die ich mir zum Einsatz im Bedarfsfall vorgemerkt habe: “Der ist vom Sternzeichen Vollkoffer, Aszendent Arschgesicht”.

Gelesen: Assaf Gavron – “Ein schönes Attentat”

Eitan Einoch, ein erfolgreicher Yuppie in einer Hightech-Firma in Tel Aviv, entgeht in kürzester Zeit drei Attentaten und wird zur nationalen Berühmtheit. Er hat überlebt, aber sein Leben ist zerstört: Er wird von den Medien vereinnahmt, verliert Job und Freundin. Als er nach den Hintergründen der Anschläge sucht, begegnet er einem Palästinenser und freundet sich mit ihm an – ohne zu wissen, dass dieser Mann der Drahtzieher der Attentate auf ihn war …

Soweit der Klappentext des von Barbara Linner übersetzten Romans. Stimmt schon, es gibt einen Plot, aber eigentlich ist das Buch eine Beschreibung der aktuellen israelischen Gesellschaft, zu der in nicht unerheblichem Maß die palästinensische Gesellschaft gehört. Beziehungsweise, je nach Sichtweise, nicht gehört.

Ich weiß nicht, woran es gelegen hat. An der Übersetzung? Daran, dass ich mit den Figuren nie warm geworden bin? Ich habe weiter- und weitergelesen, zumeist bei U-Bahnfahrten (also zum Zeitvertreib beim Transport), aber es hat mich bis zum Schluß nicht wirklich interessiert.

Lesen oder bleiben lassen. Ist wurscht.

Zwei alte Tanten tanzen Tango (Georg Kreisler gewidmet)

Wer bisher geglaubt hat, der Gipfel der Sinnlichkeit sei Paartanz zu lateinamerikanischen Rhythmen, der sei an den Beckenrand eingeladen, wenn Lydia aus der Ukraine das nächste Mal die arthritischen Glieder ihrer Wassersportgruppe durcheinanderwirbelt.

So gehen Sinn, Sinnlichkeit und Muskelkater.

Uhund beugen, uhund strecken…

El Knie ersetzt ja nun schon seit zwei Jahren das morsche Eigengelenk und war heute zur Nachkontrolle beim Operateur einbestellt. Der ist zufrieden. El Knie kann sich beugen wie eine Eins und hat eine Streckung, die der des Originalknies weit überlegen ist.

Dass ich immer noch Probleme beim Gehen längerer Strecken und beim Treppensteigen ohne Geländer habe, dafür kann El Knie nix. Sagt der Operateur und gibt mir ganz stolz ein paar Photos von El Knie mit. Damit ich und das umliegende Schwellgewebe mal sehen, wie hübsch und vorbildlich das innendrin aussieht. El Knie ist super, ole. Manchmal, meint er, dauere das mit der Gewebegenesung halt etwas länger. Wegen Trauma und so.

Ich finde ja, dass zwei Jahre gereicht hätten haben sollen und möchte endlich mal wieder ein Stück am Stück laufen.

Residenztheater: Elektra

Ulrich Rasche inszeniert das Stück sehr frei nach Hofmansthal und baut seinen Schauspielern eine Bühne, angesiedelt irgendwo zwischen Käfig und Mahlwerk. Sehr sehr großartig! Elektra Katja Bürkle spielt sich zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib. In Monologen, in seltsamen Zwiegesprächen (?) mit dem Chor, in den Auseinandersetzungen mit Schwester Chrysothemis (Lilith Häßle), Mutter Klytämnestra (Juliane Köhler) und ihrem kleinen Bruder Orest (Thomas Lettow) mit einer irren Kraft und Intensität. Man kann gar nicht anders, als mit ihrer Figur zu leiden, die sich den Kopf an den gläsernen Decken der antiken Gesellschaft (ist doch nur eine Frau…) blutig stößt, am Verrat der Mutter am Vater verzweifelt (Klytemnästra sticht den Heimkehrergatten Agamemnon im Bade nieder, um dann das eheliche (!) Bett und die Macht in Mykene mit einem Liebhaber (!) zu teilen), die Ergebenheit der Schwester ins “naturgegebene” Schicksal (fruchtbar sein und sich mehren) nicht begreifen kann.

Rasche verläßt sich auf die Macht der Sprache und die Fähigkeiten seiner Schauspieler. Es gibt weder wallende Kostüme noch Requisiten. Dafür Musik (Streicher und Percussion), die den Takt vorgeben für den ewigen Marsch von Chor und Hauptdarstellern auf der ewig sich drehenden Käfigbühne. Ich hätte nicht geglaubt, was für eine Wirkung diese doch sehr minimalistische Inszenierung auf mich haben könnte und falls noch wer Zeit hat, möge er/sie versuchen, Karten für die letzten beiden Aufführungen am 13. und 14. Mai zu bekommen.

Ich verspreche, dass keine/r das Theater unberührt verlassen wird.

 

Mein Begleiter, vom Fach Physiotherapeut, war im übrigen neben allem anderen sehr angetan vom Quadrizepstraining für die Schauspieler. Zwei Stunden lang stetig ansteigend im Kreis zu laufen ist ja nun auch nicht nichts.

Bravo!

Man mag von Sixt halten, was man mag, aber sie haben originelle Köpfe im Marketing und blitzschnelle Kampagnenfreigeber.

Lieber Kevin

(Heute halbseitengroß in fast allen großen deutschen Tageszeitungen.)