Nein heißt nein.

Liebe PersonalerInnen,

ich weiß, ich hatte jüngst noch dazu geraten (https://flockblog.de/?p=38272), dass ihr, wenn ihr einer BewerberIn schon absagt, das lieber freitags als montags tun solltet, um dem armen Menschen am anderen Ende nicht gleich den Wochenanfang zu verhageln. Nach meinen heutigen Erfahrungen nehme ich das zurück.

Glaubt mir, ich stand auch einmal im Arbeitsleben und kenne das: Ihr hattet feiertagsbedingten Backlog und wollt die nächste Woche, wenn dann alle wieder da sind, mit einem freien Schreibtisch starten. Und darum ist seit Beginn des Büroarbeitstages heute in ungefähr stündlichen Abständen bei mir eine Absage eingetroffen. Es reicht jetzt.

Geht heim, Herrschaften, und habt ein schönes Wochenende. Ich werde mich im Rahmen meiner aktuell bescheidenen Fähigkeiten auch darum bemühen.

Schnitzeljagd

Neulich erlag der Tretmechanismus des noch vom Vorvormieter geerbten Küchenmülleimers altersbedingtem Rostfraß und wer je mit teig- oder gemüseputzverschmierten Händen in der Küche gewerkelt hat, weiß, dass ein Treteimer Goldes wert ist. Also hab ich einen neuen bestellt (fällt in die Kategorie “Ersatz für irreparabel Kaputtes” und ist vom Budgetkomitee genehmigt).

Dem Eimer bin ich jetzt drei Tage lang nachgelaufen. Natürlich war ich daheim, als der DHL-Fahrer nicht bei mir geklingelt hat. Dass die “Lieferung beim Adressaten angekommen” war, habe ich tags danach aus dem Internet erfahren. Wer an meiner Statt zum Adressaten ernannt worden war, leider nicht, denn zu einem Kärtchen im Briefkasten hat es nicht gereicht. Hmmm. Heute nun las ich beim Versandhändler meines Vertrauens, dass “Nachbar Hirasbera” meine Lieferung für mich aufbewahre. (Aber auch nur, weil ich proaktiv nachgeforscht habe, der Versender DHL sah seine Schuldigkeit mit “beim Adressaten angekommen” getan.)

In einer Wohnanlage in der Größe der Anstalt ist der einzige Weg herauszufinden, wo denn “Nachbar Hirasberas” Domizil sein könnte, das draußen an der Eingangstür angebrachte Klingelverzeichnis. Da stehen viele Namen. Sehr viele. Allerdings kein “”Nachbar Hirasbera”. Hmmm. Ich denke nach: Was könnte denn wohl für einen genervten Packerlausfahrer, der wahrscheinlich nicht direkt von hier stammt, so ähnlich klingen? Ich gehe das gesamte Verzeichnis durch, nochmal beginnend von der ersten Etage (ist leider nicht alphabetisch, sondern nach Stockwerken sortiert). Mitte des dritten Stockwerks wohnt “Hirscherger”, danach kommt bis zum 6. Stock nichts mehr, was lautmalerisch an “Hirasbera” rankommt. Nun gut, einen Versuch ist es wert.

“Grüßgott, ich suche nach meinem Paket? Haben Sie vielleicht? Möglicherweise? Soundsogroß und gar nicht schwer…” Der arme Herr Hirschberger hat. Nicht etwa ein oder zwei Päckchen, sondern mindestens fünfzehn, schlicht den ganzen Flur voll und ja, das unterste (ist ja auch schon vor einem Weilchen angekommen) ist meins. Heureka!

Besten Dank, Herr Nachbar! Am besten, es geht jetzt einfach nichts mehr kaputt. Aber dafür ist mein neuer Mülleimer ein Netter und fordert mit einem deckelgroßen Aufkleber auf: “Use with Joy!” Ja, dann mach ich das doch mal.

“Können Sie unsere Kunden braten?”

Neiiin! Obwohl? Ich postuliere ja immer, dass frau alles lernen kann. Also: ja. Wahrscheinlich könnte ich sie nach einer gewissen Einarbeitungszeit auch filetieren. Oder marinieren. Aber will ich mich mit solchen Überlegungen überhaupt beschäftigen?

Ist die Frage nicht vielmehr: warum, verdammt noch mal, leistet ihr euch niemanden, der mal über ein Stellenangebot drüberliest,  bevor es veröffentlicht wird und das Budget hat, schnell heimlich ein “E” nachzukaufen?

Neu im Volkstheater: Die lächerliche Finsternis

Höhö, kumpeln die Programmheftgestalter des Volkstheaters das eingeweihte Publikum an. Man werde heute ein Stück zeigen, nach, höhö, Francis Ford Conrads ‘Herz der Apokalypse’. Höhö.

Pascal Fligg eröffnet als vor einem deutschen Landgericht angeklagter somalischer Pirat. “Ah”, denkt der eingeweihte Zuschauer, “deswegen. Da besteht die Verbindung zu Afrika. Oder?” Wobei wir auch bei der Nachbesprechung im Biergarten (!) ehrlich gesagt nicht so recht klären konnten, warum dieses Segment eigentlich wirklich dabei war. Vermutlich, weil die Zeit der kolonialen Ausbeuter in Afrika nie geendet hat. Oder so.

Aber zurück zum Anfang. Pascal Fligg brilliert. In drei Rollen mit extrem starken Monologen. Zuerst mit dem oben schon erwähnten Solo des Piraten aus Mogadischu. Sehr leise, melancholisch, fast zynisch. Und witzig. Ein große Nummer.

Szenenwechsel. Nun sind wir auf einem Flußboot im afghanischen (!) Dschungel (!), auf dem der Oberfeldwebel Oliver Pellner mit seinem Bootsführer, dem Unteroffizier Stefan Dorsch in einer Geheimmission den abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger aufspüren soll. Pellner, ein sadistischer Schleifertyp, wird ungeheuer überzeugend von Pola Jane O’Mara gespielt, so einem Halbeportionpersönchen. Hallo, Ballett! Eine solche Bühnenpräsenz habe ich noch nicht oft gesehen. Nicht einen einzigen Moment “out of character”. Ganz große Leistung! Jakob Immervoll als untergebener Befehlsempfänger und Spielball ist ihr als Schauspieler noch nicht ganz gewachsen, aber das wird bestimmt noch. Es müßte sich allerdings bitte bald ein Regisseur finden, der seinen inneren Wiener zähmt. Der österreichische Dialekt bricht nämlich immer durch, wenn er Erregung, Aufregung, große Emotion spielen soll und konterkariert das dann a weng. Insgesamt überzeugt Immervoll mit seiner Figur, einem versehentlich ins sehr wilde Auslandistan geworfenen Nochfastbuben. Zwischendurch hat Agnes Decker wechselnde und sehr undankbare Stichwortgeberauftrittchen. Das macht sie ordentlich, aber auch nicht weiter erwähnenswert.

Inzwischen ist das Boot den Fluß weit heruntergefahren und kommt am letzten Außenposten der sogenannten Zivilisation an. Dort treffen die Reisenden auf Reverend Carter. Mit dem Reverend hat Billy Graham-Fligg eine herrliche Rampensaurolle bekommen, einen Evangelistentypen, der alle Register zwischen notgeil, rassistisch, gottesfürchtig und komisch zieht, in einem gräßlich-denglischen Erweckungssermon und diesen Spaß weidlich auskostet. (Wobei das Publikum recht ziagert war und mich mit meinem Szenenapplaus ganz allein gelassen hat.)

Am Ende der letzten Etappe treffen sie im finsteren Herzen des Dschungels tatsächlich auf Marlon Fligg, der in einem letzten ernsthaften Monolog allerlei Gesellschaftskritisches zu sagen hat und dann werden dem Publikum alternative Enden angeboten. Ein hübscher Twist, denn es kann natürlich nur eines geben.

Ein sehr toller Theaterabend! Großes Kompliment auch an Kostüm und Bühne (Jenny Schleif). Sie hat den Schauspielern in der Kleinen Bühne einen raumlangen Steg zum ordentlich Einsauen (Flitter, Glimmer, Farbe) und Wände zum Anbatzeln und Kaputtmachen geschaffen und zum Schluß steht kein Stein mehr auf dem anderen (Krieg, halt). Gut gemacht, alle! Danke!

(Übrigens: als oben auf der kleinen Bühne getobt wird, liest unten Sibylle Berg. Ein interessantes Publikum hat die Dame, to say the least.)

Fundstück

Michael Stückl zeichnet für den Unterfahrt-Newsletter verantwortlich und manchmal für so schöne und phantasieanregende Sätze wie diesen “…und dem immer wieder unglaublichen Andreas Schärer an den Stimmbändern und an anderen Körperteilen.”

Die Wespenfabrik*

Während des Einschlafens denkt es in meinem Kopf noch so vor sich hin, dass die Wespe, die hier schon die ganze Zeit rumgesummt hat, wohl auch zu Bett gegangen ist und produziert noch eine Spitzwegszene von einer Dachstube, in der das Tier in karierter Bettwäsche und Schlafhaube mit geschlossenen Facettenaugen… schnorchel. Im Laufe der Nacht ändert jemand das Programm (Hallo! Hirn!) und jetzt laufen Bilder von gigantischen Insektenbauten, aus denen riesige feindlich gesinnte Insektenschwärme ausströmen, die Menschheit und vor allem erst einmal mich zu vernichten. (Danke Starship Troopers!) Am sehr frühen Morgen nehme ich vierteltwach zur Kenntnis, dass wieder wer summt. Hmmm.

Als ich genug kaltes Wasser im Gesicht und Kaffee im Bauch habe, fühle ich mich tapfer genug, der Sache nachzugehen. Ja da schau her. In den Falten des Vorhangs, den ich außer bei kalten Lüften zur Vermeidung von Zug nie schließe, hat sich die Frau Wespe ein dickes kugelförmiges Wabennest gebaut und ist offensichtlich dabei, ein weiteres fertigzustellen. Bei aller Toleranz und unterschriebenem Bienenbegehren – ich bin nicht bereit, mein Schlafzimmer mit einer Wespenkinderstube zu teilen. Oder? Nein. Bin ich nicht!

Also hole ich Leiter und Greifzange und entferne den Schwarzbau aus der Gardine, was die Wespe gar nicht amüsiert und zu Luftangriffen provoziert. Mit allem Respekt, meine Beste: auf dem Balkon können Sie von mir aus Gründungsnester bauen, wie Sie wollen, drin ist meins! Das aggressivste, was mir an chemischen Kampfstoffen zur Verfügung steht (Drecks-Öko-Haushalt!) ist ein Zitronenkalklöserspray aus dem Hause Frosch. Damit sprühe ich die Restfundamentspuren auf dem Vorhang dick ein, mache die Schlafzimmertür zu, lasse die Frau Wespe brummen und kreisen, lege eine halbe Stunde später noch einmal nach und gehe zum Schwimmen.

Als ich nach Hause zurückkomme, herrscht Ruhe. Ich nehme das jetzt mal als gutes Zeichen.

 

* Den Titel habe ich bei Iain Banks entliehen. Möge er in Frieden ruhen.

Gelesen: Francesca Zappia – “Eliza and her Monsters”

Das ist mal ein außergewöhnlich schönes Buch!

Eliza Mirk ist eine digital native Geekette, lieber online als in der wirklichen Welt und ansonsten wie jeder andere Teenager, der je am Erwachsenwerden gelitten hat. Unverstanden, eckig und kantig und ungern in ein Schulsystem eingebunden, in dem die Lauten gelobt und die Leisen gemobbt werden.

Anders als andere hat sie für sich einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden: sie zeichnet Webcomics. Und anders als andere ist sie damit sehr erfolgreich. Anonym. Und so soll es auch bleiben. Bis…

Ja, und das ist dann die Geschichte und die soll gefälligst jede/r selber lesen und sich daran erfreuen!

Gestern in der Unterfahrt: Dan Weiss/Starebaby

Vor wenigen Jahren noch hätte ich mit einem Konzert wie diesem nicht viel anfangen können. Inzwischen kann ich. Weil nämlich Zuhören auch eine erlernte Fähigkeit ist und ich inzwischen zu schätzen weiß, was für eine Ausnahmeband Ausnahmeschlagzeuger Dan Weiss mit Starebaby (Ben Monder (g), Matt Mitchell (p, prophet 6, modular synthesizers) und Trevor Dunn (eb)) zusammengestellt hat.

Das Genre beschreibt man am besten mit “außergewöhnlich”. Metal meets Jazz meets Pogrock und macht dann sein ganz eigenes Ding. Dass diese Musik nicht unbedingt den Massengeschmack trifft, war schon daran zu sehen, dass die Unterfahrt äußerst luftig besetzt war, von wenigen enthusiastischen Studenten der Musikhochschule abgesehen mit Unterfahrtveteranen* (gut über 60 und älter) und nur ganz wenigen Frauen. Die, die da waren, haben ein Ausnahmekonzert erleben dürfen.

 

* Wann erlebt man schon einmal, dass sich auf die Frage, wer denn hier schon 20 Jahren herkomme, ein Drittel der Anwesenden melden?

Noch in der ZDF-Mediathek: Merz gegen Merz

Manchmal haben sie bei dieser achtteiligen Comedy-Serie über das sich auseinander gelebt habende Ehepaar Merz ein bißchen arg tief in die Klischeekiste gegriffen (dumm-schwäbelnde Schwaben, Proll-Eltern, reiche Mutterzicke, Paartherapeutin mit doppeltem Boden), aber insgesamt geht das Konzept auf. Nicht zuletzt, weil die Titelrollen von Annette Frier und Christoph Maria Herbst gespielt werden, die beide was vom komischen Fach verstehen.

Doch, wer sich einen Abend lang nett, eher seicht und doch nicht ganz niveaulos, dafür ohne Drachen und Zombies unterhalten mag, ist mit den Merzens und ihrer Entourage gut bedient.