
Lauter Feiertag
06:20 Uhr früh und die Kirche gegenüber schwingt ihre Glocken. Zehn Minuten lang Geläute, Gebimmel, Gebammel. Ich liege frisch aus dem Schlaf gerissen und überhellwach und mit deutlich beschleunigtem Herzschlag in meinem Bett und beginne Sympathien für zugezogene Dorfgeräuschwegkläger zu entwickeln.
Ich bin ja nicht so, von mir aus können die Gläubigen gerne die Auferstehung ihres Erlösers feiern. Aber müssen sie das mit so einem infernalischen Lärm in aller (jawoll!) Herrgottsfrühe tun, wenn die Gerechten und die Ungerechten, die Gläubigen und die Heiden (andere sowie keine spezifischen Götter) noch im Tiefschlaf liegen? Bloß weil sie das immer schon so gemacht haben?
Mais non.
Stiller Feiertag
Neben dem staatlichen Tanzverbot und einer FSK-Liste indizierter Filme* hat offensichtlich auch mein schlimmer Provider ein weiteres Tabu ausgerufen: Internet? Am Karfreitag? Bloß nicht. Seit ca. 15:00 Uhr geht nichts mehr.
Man kann den Ostersamstagvormittag mit allem möglichen verbringen. Ich für meinen Teil hänge mit deren Customer Service in der Leitung. “Alles kein Problem“, sagt die erste Dame. Man werde dem Modem ein Signal schicken und keine zwei Stunden später werde ich wieder online sein. Mittags um 12:00, als bereits mehr als drei Stunden vergangen sind und weiterhin kein Internet in Sicht, rufe ich da doch noch einmal an und spreche mit einer anderen Kollegin. Die zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie “Telefongeräusche“ macht. Nicht die, die ich hören will, sondern mehr so “oouuhhh”, “oh je”, “ach, Kollegen”. Mir wird ganz anders. Ostern ohne Eier und Tschisaß kann ich mir problemlos vorstellen, Ostern offline eher nicht. Und nun?
Nach einer Viertelstunde Warteschleifenmusik ist sie wieder da. Die Kollegin, spricht sie, habe soweit alles richtig gemacht. Es gäbe überhaupt keinen Grund, warum das Internet nicht fröhlich fließe. “Hmmm”, sage ich und dass ich meinerseits ebenfalls alles gemacht habe, was ich im Laufe meiner Zeit als Kundin ihres Hauses beim Troubleshooten von ihren Kollegen abgeguckt hätte. Das Modem aus- und wieder eingeschaltet, den Resetbutton gedrückt, die geheime Tastenkombination angewendet und… Da unterbricht sie mich. Hätte ich denn auch brav das Netzkabel gezogen und wieder eingesteckt? Nein. Das habe ich nicht. Warum auch? Hat mir ja keiner gesagt. Dann solle ich doch das mal probieren.
Da schau her. Raus. Rein. Läuft. Ich habe wieder Internet und mich sehr überschwenglich bei der Dame bedankt. Merke ich mir, dann habe ich für den nächsten Ausfall (der kommt bestimmt) noch einen weiteren Trick in petto.
* Verbotten: https://www.spio-fsk.de/media_Content/3224.pdf. Eignet sich bestens als Auftakt für Party-Smalltalk: “Was haben ‘Heidi’ (73070/K) und ‘Der letzte Lude’ (94167/K) gemeinsam? Naaa?”
Ausstellung im Haus der Kunst: El Anatsui – Trimphant Scale
Vor langer, langer Zeit, als es mir einmal gar nicht gutging, hatte ich mir zur Selbsttherapie die Aufgabe gestellt, keine Nacht einzuschlafen, bevor ich nicht darüber nachgedacht hatte, was ich am vorangegangenen Tag zum ersten Mal in meinem Leben gemacht hatte. Es galt alles. Zum ersten Mal gesehen, geschmeckt, gelesen, gehört, getroffen… wirklich alles. Und da schau her: es gab jeden Tag irgendetwas Erstmaliges. Mal ganz was kleines und unspektakuläres, mal was richtig großes. Aber immer etwas. Inzwischen mache ich das schon lange, lange nicht mehr. Ich weiß ja, dass mein Leben nie aufhört, neu zu sein. (Ich bin sicher, dass es ganze Regalmeter voller Selbsthilfebücher gibt, die genau diese Methode empfehlen. Ich habs mir aber selber für mich ausgedacht und es hat geholfen.)
Nach dieser schwer philosophischen Vorrede komme ich nun zum eigentlichen Thema dieses blogposts: El Anatsuis Austellung “Trimphant Scale”. Wow! Wow! Und wo ich gerade dabei bin: Wow!
Sowas habe ich noch nie gesehen. Schon die Fassade des Hauses der Kunst ist im Stil seiner Arbeiten verpackt… wobei ich noch nicht einmal weiß, ob “verpackt” der richtige Begriff ist. “Verhüllt” gehört Christo und Jeanne-Claude und träfe es auch nicht. Vielleicht so: Die ganze Fassade ist eine monumentale Kunstinstallation. Groß-ar-tig! Drinnen hängen riesige Wandbehänge, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick als (schon wieder, aber es paßt halt am besten) monumentale nicht-textile Arbeiten entpuppen, sondern aus unendlichen Mengen von Blechdosendeckeln, plattgehämmerten Flaschenverschlüssen und anderen “Recycables” zusammengenäht, zusammengetackert, verdrahtet sind. Man muß das sehen. Und durch das riesige Fischernetzlabyrinth durchgehen. Diese riesigen Arbeiten wirken so fluide und leicht, ich bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen.
Ein Raum ist nur Skizzen gewidment. Im kleinsten Format, die aber das Große schon ahnen lassen. Wenn man dann glaubt, man habe die Bandbreite seines Schaffens gesehen, dann werkt er mit Holz. Statuen. Bilder. Schnitzereien. Brandkunst. Wieder anders. Wieder sehr groß.
Ich kann allen nur ans Herz legen, hinzugehen, sich Zeit zu lassen, vielleicht zwischendrin auf der Terasse einen Kaffee zu trinken und die Augen sich im weiten Grün des Englischen Gartens erholen zu lassen. Beim zweiten Durchgang sieht man schon anders und kann mehr Detail erfassen. Ich bin gespannt, wie es mir beim dritten Mal ergehen wird. Denn ich gehe bestimmt noch einmal hin.
Münchner Frühling
Odeonsplatz. Haltestelle der Museumslinie. Noch sechs Minuten bis zum nächsten Bus. In dieser Zeit 14 Cabrios gezählt sowie ein halbes Dutzend (6) Hoponhopoff-Busse oben ohne.
Und nur ganz wenige vereinzelte Passanten ohne dicke Sonnenbrillen auf der Nase.
Vorhin im Bahnhofsviertel
Tagesgericht beim Straßenimbiß gegenüber:
Puten, Streifen, scharfsohse
Aus dem Vokabelheft
Als die Machenschaften von Eltern, die ihren Kindern die Zulassung zu Elite-Hochschulen kaufen, in den US-Medien genüßlich ausgewalzt wurden, wurden nebenher auch der Begriff “snowplow parenting” etabliert. Im Gegensatz zu den auch hierzulande bekannten Helikopter-Eltern, die omnipräsent über das Wohlergehen ihres Nachwuchses wachen, sind Schneepflugeltern noch ein schweres Gerät weiter und räumen jedes Hindernis ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Weg.
Bin gespannt, was als nächstes kommt. Nukes?
Gelesen: Bijan Moini – “Der Würfel”
Wer von bösen Datenkraken zu schreiben hat, bedient sich anscheinend gerne in der Geometrie. Erst Dave Eggers mit seinem “Kreis” (s. https://flockblog.de/?p=26236), nun Moini mit einem “Würfel”. Und wieder gehts mir so ja. Hmmm. Nnnjaaaa.
Moini hat sich sehr viele Gedanken gemacht und sehr viel recherchiert und es gelingt ihm sehr schnell, seine Leserschaft in die neue Gesellschaft mitzunehmen, in der der “Pred-Score” (die Vorsehbarkeitsquote) die neue Währung ist. Je höher, desto höher auch das staatliche Grundeinkommen eines Bürgers und desto einfacher ein schönes Leben in Luxus, je niedriger, desto eben nicht. Das Buch beginnt in einer Zeit, als der Würfel (nach einem mit knapper Mehrheit gewonnenen Referendum) in Deutschland schon seit über acht Jahren Realität ist, und die Stimmung sich mehr und mehr gegen die wenigen noch verbliebenen “Offliner” richtet. Der Widerstand sieht eine letzte Chance, das Land in seinen ursprünglichen Zustand zurückzubringen und die Vorbereitungen dafür nutzt der Autor, die Gefahren einer Gesellschaft aus gläsernen Menschen zu schildern.
Das klingt alles recht gut und ist auch eine gute Idee, allein, mir ist das Lesen nicht leicht gefallen. Was wieder einmal daran liegt, dass der Verlag sich das Lektorat gespart hat und zum Beispiel durchgehen läßt, dass Moini Kopf- und Gehirnwäsche verwechselt (das Ergebnis ist naturgemäß komisch, aber halt unfreiwillig) oder Plurale bildet wie “die Streites” oder Sätze daherdichtet wie: “Sein Herz klopfte wie ein Specht gegen seinen Kehlkopf”. Ja, ich weiß, was mir der Autor damit sagen will. Aber er hats halt nicht geschrieben und dann ärgere ich mich, weil ich während des Lesens vom Deutschen ins Deutsche übersetzen soll.
Noch einmal: das Thema ist wichtig und man kann sich gar nicht genug Gedanken über den Schutz seiner Privatsphäre machen und vielleicht ist es für den einen oder die andere hilfreich, Denkanstöße aus der Fiktion zu bekommen. Mir wäre ein Sachbuch lieber gewesen.
Scheiden tut weh
Als LinkedIn und ich noch jünger waren, waren wir beide auch noch ärmer dran. Linkedin an Reichweite, ich als Personalerin eines phasenweise mangelhaft finanzierten Start-ups im Silicon Valley an Mitteln fürs Recruiting neuer hoffnungsfroher Software-Entwickler. Da war es nicht zu verachten und quasi win/win, dass das so soziale Netzwerk im Gegenzug für meine paar Daten immer mal wieder Anwerbekampagnen im Gegenwert von sowieviel Dolares für fleißige Persobalbeschafferinnen verschenkte. Umsonst und kostenlos, huiui!
Wer hätte denn damals ahnen können, dass das virtuelle Restguthaben aus diesen Aktionen dazu führen würde, dass es sage und schreibe fast drei (davon zweieinhalb von meiner Seite eher läßlich betriebene) Jahre dauern würde, bis es endlich zu schaffen war, mein Konto bei denen zu löschen? Ich habe eine Unzahl von Premium Products Advisors und später noch fast zwei Hände voll LinkedIn Ads Specialists verschlissen, bis endlich heute (!) vom LinkedIn Marketing Solutions Team die Nachricht kam, man habe the issue resolved und ich könne nun den Account schließen, wenn ich das wirklich wolle. Ja, ich will. Noch vor dem Frühstück ist mein Profil gelöscht und nun ist das ganze Team bei LinkedIn ganz arg traurig.
Vielleicht sollte ich eine Karriere als Scheidungsberaterin anstreben.

