Nein, mein Spanisch ist nicht gut. Es ist noch nicht einmal schlecht, ich kanns einfach nicht. Ja, man kann sich so einiges herleiten, von der geschriebenen Sprache leichter als von der gesprochenen (s. –> Andalou), auch Liedertexte helfen, aber wie oft kann man hier oben in den Bergen schon zu “Vamos a la playa” auffordern, ohne Zweifel am eigenen Verstand zu säen (was will die Frau uns sagen?).
Seit Karin es mit mir geübt hat, kann ich immerhin mein hiesiges Lieblingsgetränk “Tinto de Verano” (Sommerwein) schon selbständig bestellen und bekomme dann ein großes Glas Rotwein mit Zitronenlimo auf ordentlich Eis und gegebenenfalls sogar einem Orangenschnitz. Würde ich daheim nicht mit der Beißzange anrühren, schmeckt aber in einer lauen spanischen Sommernacht ganz wunderherrlich – wie die süße Rotweinschorle aus meinen Württemberger Jugendtagen. Für die Bestellung von Tapas ist entweder Karin zuständig (in ordentlichem Spanisch) oder ich (ausdrucksvolles Deuten). Manchmal gibt es auf den Speisekarten deutsche Übersetzungen, aber diese Schönheiten haben einen eigenen blogpost verdient (stay tuned). Essen zu bekommen klappt auf jeden Fall irgendwie immer (verständnisvolle Kellner).
Nach dem Essen trinken wir immer Kaffee und das erzähle ich nicht wegen unserer Eßgewohnheiten, sondern wegen der Spanischlektionen. Zum Kaffee gibt es Zucker, und auf den Zuckerpäckchen sind immer philosophische Sentenzen abgedruckt. Und die übersetzen wir unter Anleitung von Professora Karin (und Leo, ihrem elektronischen Assistenten).
Manchmal übertreffen wir das Original (Lieber ein Bleistift in der Hand, als ein Füller auf dem Dach), manchmal machen wir uns die Doppeldeutigkeit* eines Begriffes im Spanischen zunutze oder verhunzen** das ursprüngliche Zitat gründlich und manchmal bauen wir Hübsches auf Deutsch-Andalusisch und erschaffen einen Lu-Ausfall***. In Einzelfällen aber geben wir uns wirklich Mühe:
Dale limosna mujer, que no hay en la vida nada como la pena de ser ciego en Granada. (Francisco de Asís María de la Presentación Manuel del Sagrado Corazón de Icaza y Beña)
Leo hat uns mit den Begriffen limosna (Almosen, Spende) und ciego (blind) geholfen, den Rest haben wir alleine geschafft: Gib reichlich, Frau, denn es gibt keinen schlimmeres Schicksal, als ein Blinder zu sein in Granada.****
Und wenn das nicht als sehr arg wunderschöne Poesie gildet, dann weiß ich auch nicht…
* El tiempo bedeutet im Spanischen gleichermaßen Zeit wie Wetter. Und so wird aus confia en el tiempo in der freien Laienunsinnsübersetzung: Das Wetter heilt alle Wunden.
** faltara una gota = eine Ziege falten
*** Luz = das Licht. Im s-befreiten Andalusisch: Lu.
**** Vergleiche hierzu Google Translate: Gib ihm Almosenfrau, dass es im Leben nichts gibt wie der Schmerz, in Granada blind zu sein.
Nachtrag: Habe bei der spanischen Entsprechung der Dudenredaktion übrigens um eine Änderung angesucht: Ich finde meine persönlich selbst erfundene Avenida de leche viel hübscher als Vía Láctea. Nämlich.