Wiedergelesen: Thomas Bernhard – “Heldenplatz”

Wo habe ich bloß…? Hier vielleicht? Oder doch dort? Ist es möglich, dass es bei einem meiner vielen Umzüge unter die Räder…? Nein. Oder? Aussortiert kann ich es doch nicht haben? Oder? Aaah! Da ist sie ja, meine Suhrkamp-Taschenbuch-Erstauflage von “Heldenplatz” mit dem Bild von der Burgtheater-Uraufführung 1988 mit Dene, Gasser und Rath auf dem Titel. Kommt ja nichts weg in einem guten Haus.

Meine Fresse! Wenn ich nicht wüßte, dass das Stück schon fast 40 Jahre alt ist, dann könnte es auch gestern geschrieben worden sein. Jedes, aber auch jedes Wort sitzt. Man möchte nicht Österreich sein oder Österreicher, Bernhard haßt sein geliebtes Heimatland schon mit voller Seele. Und mit einer Sprachgewalt, die keinesgleichen hat. Zum Niederknien.

Hmmm. Ob ich die Lektüre empfehlen soll? Schwierig. Mich hat sie bereichert. Aber ich verstehe auch, dass Bernhard nicht jedermanns Sache ist. Wer mag und verspricht, mein Exemplar gut zu behandeln und es in einer angemessenen Zeit zurückzubringen, darf es entleihen.

Weil ich nicht weiß, was als bekannt vorausgesetzt werden kann, nachfolgend ein kleines Glossar. Wer alles eh schon kennt, ignoriere es einfach.

Zeitgeschichte: Am 15. März 1938 erfährt das widerständige österreichische Volk auf dem Heldenplatz zu seiner ganz großen Überraschung von einem gewissen Adolf Hitler vom „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich. (Ironihie! Die auf dem Heldenplatz versammelten Massen bejubeln vielmehr die Nachricht mit lauten “Sieg-Heil”-Gesängen.)

Theatergeschichte: Der nicht gerade unumstrittende deutsche Regisseur und Intendant Claus Peymann wird 1986 als Direktor ans Burgtheater in Wien berufen. Das sehen nicht alle gern. Erst recht nicht, als er für das Jahr 1988, also zum hundertjährigen Bestehen des Burgthaters und zum 50. Jahrestag des “Anschlusses” den ebenfalls sehr umstrittenen und als “Nestbeschmutzer” verunglimpften Thomas Bernhard beauftragt, ein Stück zum “Bedenkjahr” zu schreiben. Was dieser umsetzt in einem Drama über einen im Nationalsozialismus aus Wien nach England emigrierten jüdischen Intellektuellen, dessen Rückkehr und seinen Selbstmord durch einen Fenstersturz auf den Heldenplatz in eben diesem Jahr.

Die Uraufführung muss unter Polizeischutz stattfinden. Die – später sehr erfolgreiche – Inszenierung geht als einer der größten Theaterskandale Österreichs in die Annalen ein. Wer mehr wissen will, lese hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Heldenplatz_(Drama).

Gestern Abend in der Unterfahrt: Jam Session mit Titus Waldenfels

Jam Sessions sind, wie ich schon mehrfach geschrieben habe, immer wie Herrn Gumps Mamas (wann hat man schon mal die Chance für einen doppelten Genitiv?) Pralinenschachtel: “man weiß nie, was man kriegt”. Außer, man ist der Musikbeauftragte, dann ist man Insider und weiß, dass Gastgeber Waldenfels sich zu seiner Band auch die dem Musikbeauftragten wohlbekannte Sängerin und Pianistin Alex Cumfe eingeladen hat.

Den ersten Teil des Abends bestreitet immer der Gastgeber mit seiner Truppe und dieses Set hat mir gestern große Freude bereitet und hätte gerne auch noch ein wenig länger dauern dürfen – vor allem, weil im allgemeinen selten Raum für Gesang ist und Alex wirklich schön singt. Sie ist auch bei der Jam Session am 22. Februar wieder dabei… wir haben schon Karten reserviert und falls wer mitgehen möchte, bestelle er oder sie doch ebenfalls und lasse sich an unseren Tisch dazusetzen (Reservierung ist auf meinen Namen).

In der zweiten Bühne-frei-für-alle-Hälfte trat die übliche Mischung zwischen sehr fortgeschrittenen Könnern, pars pro toto ein sagenhafter Klarinettist, ein großartiger Allround-Unterhalter am Schlagzeug und ein gegen jedes Vorurteil richtig guter weizengefütterter Redneckbub mit Käppi an der E-Gitarre auf. Außerdem ambitionierter Wir-lernens-gerade-Nachwuchs. Und dann war da noch der Junge mit der Melodica, ein Bernd-Clüver-Widergänger (fragt Oma), der sich nie so ganz in die Nähe eines Mikros traute, aber, wenn er denn mal zu hören war, sehr hübsche Musik spielte.

Sehr feine Pralinenschachtel dieses Mal.