“Life Class” ist der erste Band einer weiteren Trilogie Barkers über den ersten Weltkrieg. Hier nun verknüpft sie die Schicksale mehrerer Studenten und Studentinnen der “Slade School of Art”, beginnend im sorglosen Frühling 1914 vor dem Hintergrund tatsächlicher Biographien und Ereignisse.
Das gelingt ihr, wie schon in der “Regeneration Trilogy” (s. https://flockblog.de/?p=48007) erstaunlich leichtfüßig und dennoch präzise, wenn historische Details die Geschicht treiben (der Angriff auf Ypern, die Lage in Feldhospitälern, der Grabenkrieg).
Ich stecke bereits mitten im zweiten Band, “Toby’s Room” und weiß schon jetzt, dass ich auch diese Bücher rückhaltlos empfehlen kann.
Die Luft brennt, der Boden bebt (wer weiß schon vorher, wie sehr Beton vibriert, wenn 60.000 Menschen stampfen?), es wummert und dröhnt, zehntausende Kehlen schreien sich heiser. Rammstein.
Frau hält sich an die im Vorfeld versandte dreieinhalbseitige “Information für Besuchende” und steigt kurz vor 18:00 Uhr (Einlass ist ab 15:30) in die U-Bahn mit Kleinsthandtäschchen sowie aus “sicherheitstechnischen Gründen lediglich einer PET Flasche bis maximal 0,5l Inhalt (nichtalkoholisch und original-verschlossen)”.
In der Bahn wird es zunehmend dunkler, die schwarze Fan-Kleidung der anderen Passagiere absorbiert jeden Lichtstrahl sowie den Minimalbestand an Restsauerstoff. Im Olympiastadion angekommen, läßt frau sich von der schwarzen Flut mittreiben, aus der nur gelegentlich für die zwei Foto-Ops (a) Brücke über dem Mittleren Ring mit Stadion im Hintergrund, b) Gegendemo*) kurz ausgeschert wird. Manche, auch ich, machen ein Bild von den zahllosen Hinweisen Richtung “Trouble-Shooting”.
Kurz vor dem Eingang mache ich auf einer Bank Rast, schaue Leute und bin bass erstaunt, wie heterogen das Publikum ist. Altgediente Klischee-Metal-Veteranen mit dicken Bärten und Bäuchen in Bekenner-T-Shirts (Wacken, Ring, Park, Roskilde, Sonstwo; Iron Blood, Fist, Maiden, Guns N’ Roses, Metallica, ACDC), Fans jeden Alters in allen Konstellationen. Paare, gemischten und gleichen Geschlechts. Klein- und Großgruppen, in bayerischer Tracht, in Kilts, im Bischofsgewand mit hoher Mitra, umgeben von Meßdienern – alles. Wirklich alles und vor allem Fan-Merch-T-Shirts, von der aktuellen Tour bis weit zurück in die Band-Tour-Vergangenheit. Ich weiß nicht warum, aber am meisten überrascht war ich von den Familien, Vater, Mutter, halb- bis ganzwüchsige Kinder, häufig der ganze Trupp im Partnerlook. Bis mir dann meine Physiotherapeutin, Mitte 20, einfiel, deren Vater der “totale Rammstein-Fan” sei und sie deshalb deren Musik höre, “seit sie denken” könne. Klar, dann passt das auch wieder. Ich bin einfach bloß alt.
Gut, nun aber rein und durch Massen und die Kontrollen die scheußlichen Treppen bis zu meinem Sitzplatz unterm Dach hochgekämpft. Wie alle geschworen, dass ich während des Konzerts auf keinen Fall Durst haben oder gar aufs Klo gehen werde. Auf keinen Fall.
Während sich das Stadion füllt und füllt (insgesamt werden bei diesen vier Münchner Vorstellungen vier Rosenheims mit Mann und Maus dort gewesen sein) und die Wettergötter der Angelegenheit gnädig gesinnt nicht nur eine milde Abendsonne, sondern auch ein stetes leichtes Lüftchen über diesen schwarzen Block streichen lassen beginnt der erste Teil des Rammstein-Rituals (nachfolgend “RR”). Auf einer kleinen, seitlich vor der großen Bühen plazierten Bühne spielen zwei Damen an zwei Klavieren Rammsteinweisen. Schlecht und breiig abgemischt gehen sie im großen Menschendröhnen fast unter, dennoch erklingt in den Pausen zwischen den Stücken Beifall. Gehört dazu. Ist so. Muss so sein. Als sie fertig sind (noch 20 Minuten bis Rammstein) berauscht sich die Menge mit Sitzgymnastik an sich selbst und treibt Ola um Ola durch das Stadion.
Dann geht es los. Mit dem “Rammlied” (RR). Der Block, in dem ich sitze (und sitzend zuzuhören gedachte), steht ab der ersten Note wie ein Mann, gröhlt textsicher mit und reckt Arm und Hand zum Teufelsgruß (RR). Es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass mir Goebbels Sportpalastrede in den Sinn kommt. Sämtliche weiteren Nummern, unterstützt von einer wahnwitzigen Licht- und Pyroshow, balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Gigantomanie und gigantisch und die Umgebung spielt mit. Erst spiegelt sich in den Hochhäusern gegenüber und dem Zeltdach über uns ein fast überirdisch leuchtender orangeglühender Sonnenuntergang, dann ist es auf einmal dunkel, das BMW-Zeichen aufgegangen und der Olympiaturm von roten Lichterkreisen umschnürt. Lindemann, gelernter Pyrotechniker, fackelt derweil auf der Bühne mit dem Flammenwerfer (RR) einen Kinderwagen (RR) ab. “Puppe” heißt das Lied.
Ganz großes Megahighlight: “Sonne” (RR). Feuerkugeln und -säulen, auf und vor der Bühne – so heiß, ich habe heute noch rote Bäckchen. Und bin immer noch sehr beeindruckt.
Dann verläßt die Band die Bühne (RR), installiert sich auf der kleinen Klavierdamenbühne und spielt zum Licht ungezählter Handytaschenlampen (Wow! Großes Bild) Pianoversionen von “Ohne Dich” und “Engel”, um sich anschließend in Schlauchbooten von der Moshpit zur Bühne zurückbringen zu lassen (RR). Das ist, wie ich mir erklären lasse, auch integraler Bestandteil des Rituals, genau wie die folgenden Zugaben und die Kniefall der Band am Ende. Dann fahren sie gen Himmel (RR) und 60.000 Menschen gehen wieder heim.
Ich habe mich gefühlt, als wäre ich Volkskundlerin und, eingeladen von den Eingeborenen, bei einer Veranstaltung zu Gast, bei der alle Anwesenden außer mir die Regeln kennen. Der erste Vergleich, der mir einfällt, ist eine katholische Messe. Jetzt knien, jetzt stehen, hier sitzen, da dieses Lied singen usw. Ich bin nicht sicher, ob der Funke (hihi) einfach nicht übergesprungen oder meine amüsierte Distanz eine Schutzhaltung ist. Ist auch wurscht. War mal dabei, habs jetzt gesehen, kann aus eigener Erfahrung mitreden.
Dank der nicht namentlich genannt werden wollenden Fotografin “42”. Sie hat für die flockblog-Leserschaft das “Making of” dieses blogposts dokumentiert.
* Ja, natürlich habe ich mich auch gefragt, ob man DA nach den bekanntgewordenen Vorwürfen überhaupt noch hingehen kann. Habe mich dann für das rechtsstaatliche Prinzip entschieden. So lange kein Urteil vorliegt, gilt die Unschuldsvermutung.
Ich habe es gerne, wenn mir Autoren, die ich schätze, Autoren, die sie schätzen, ans Herz legen, weil ich ja dann immer überzeugt bin, dass die so falsch nicht liegen können. Andere Kritiker waren auch sehr begeistert: “A wonderful retelling of the encounter between Achilles and the Trojan King Priam in prose that’s so good you want to eat it, Observer”. Oder, very very British: “A marvel – beautifully written, surprisingly moving… rather brilliant, Daily Mail.”
Sie haben einerseits recht: brillant geschrieben ist das Büchlein. Allerdings nicht so brillant, dass nicht zu spüren ist, wie sehr sich Malouf manchmal an der eigenen Könnerschaft berauscht. Das kann nerven.
Ansonsten ist es faszinierend, wie sehr ein fiktives Ereignis, nämlich die Ilias, wenn nicht gleich der ganze Trojanische Krieg, bis heute Autoren inspiriert, ihre eigenen Geschichten dazu zu erfinden. Hier geht es um den trojanischen Herrscher Priamus, der aller königlichen Insignien ledig, in das griechische Feldlager vor Troja reist, um vom siegreichen Achilles den Leichnam seines Sohnes Hektor gegen ein Lösegeld (“Ransom”) einzutauschen, auf dass er ihn endlich bestatten könne.
Malouf schildert die eigentliche Begegnung zwischen den beiden Männern eher kurz. Wichtiger ist ihm der Weg und die Erkenntnisgewinne des Priamus und die Auswirkung dieser humanitären Geste auf den schon todgeweihten Achilles.
Nett. Aber ich glaube nicht, dass mein Leben ärmer gewesen wäre, wenn ich das Buch nicht gelesen hätte.
Laut https://www.imdb.com/title/tt14759574/ geht es bei der acht Folgen langen Serie um “Glaube gegen Technologie. Es folgt ein epischer Kampf von biblischem und binärem Ausmaß.” Um das auch nur ansatzweise zu verstehen, hilft es zu wissen, dass die Internet Movie Database Deutsch als eine “teilweise unterstützte Sprache” versteht. Auf Englisch steht in der Beschreibung: “A nun goes to battle against an all-powerful Artificial Intelligence known as “Mrs. Davis.”
Korrekt ist: es kommen Marmelade kochende Nonnen vor nebst der Nonne Simone mit The Quest (Betty Gilpin), auch ihr Gatte Jesus (Andy McQueen), der einen Falaffel-Shop betreibt, ein eigenartiger lebender, weil feiger Held sowie (Ex-)Lover der Nonne (Jake McDorman), seine noch eigenartiger Resistance-Bewegung, angeführt von einem größenwahnsinnigen Aussie (Chris Diamantopoulos), eine allmächtige KI, die die Menschheit von Hunger, Krieg, Klimakatastrophe befreit zu haben vorgibt und in den USA “Mrs. Davis”, in Italien “Mamma”, in England “Mum” etc. pp genannt wird. Außerdem Tempelritter, die “Sisters of the Coin” (ein Bankerinnen-Orden), eine Lebertransplantation, ein entführter Papst, Turnschuhe, der Gral, Herr Dr. Schroedinger (Ben Chaplin) plus grumpy cat, ein explodierendes Pferd, ein vom Glauben abgefallener Priester (Tom Wlaschiha) – und falls sich wer noch was anderes Irres ausdenken kann: sie haben es eingebaut. Und hatten Spaß dabei.
Ich bin sicher, dass die Serie nicht jedermanns Ding ist. Ich und mein funny bone, wir haben uns amüsiert.
Mein geschätzter Patenkater Floyd hat neulich seinen siebzehnten Geburtstag begangen. (Sein Bruder Pink, die felinste Transe, die ich je gekannt habe, hat es leider nicht ganz so lang geschafft.) Floydi, pflichtbewußter Alleinveranwortlicher (bei DEM Bruder) über ein recht großes Gebiet, dessen Perimeter er mehrfach täglich komplett ab- und durchmarschiert ist und gegen alles verteidigt hat, was da nicht hingehört, ist inzwischen fast ein Drittel leichter als zu Zeiten seines absoluten Höchstkampfgewichts (Siebenkilokraftpaket), nimmer ganz so gut zu Fuß wie ehedem, stark ergraut und nimmt immer menschlichere Greisenzüge an.
Drei Mal täglich klagt er laut schreiend pünktlich seine Hauptmahlzeiten ein, läßt sich gnädig auch Zwischendurchsnacks reichen und verbringt die Zeit zwischen den Nahrungsaufnahmen mit ausgedehnten Siestas. Gerne in der Sonne. Am Abend läßt er sich vom Personal, das im Haus wohnen darf, nach Strich und Faden verwöhnen. Toilettengänge seiner Menschen während der Arbeitszeit schätzt er dabei gar nicht und duldet sie nur, wenn als Entschuldigung Häppchen gereicht werden.
Wenn die Tante was wünschen darf: Mach noch lang so weiter, Floyd. Und wenn’s irgendwann langt, dann iß noch einmal g’scheid und danach geh schlafen.
Als ich am Wochenende zu Besuch bei Freunden auf dem Land war (in einem Dorf ohne Straßennamen mit einer Kirche und numerierten Häusern und, glaube ich, in der Zählung noch nicht bei zehn angekommen), ja, da hab ich mich noch in meinem Selbstverständnis als “Stodterin” gebrüstet.
Heute früh war ich mir da nicht mehr so sicher. Ich mußte am hellerlichten Morgen “in die Stadt”, zur Fachärztin auf der anderen Isarseite (meinen kleinen Alltagsbedarf an medizinischer Sorge deckt Hadern lässig). Kaum der U-Bahn entstiegen, blieb mir angesichts des sehr dunkelhäutigen Herrn in der sehr Tegernseer Tracht auf dem kurzen Weg zur Trambahnhaltestelle zum ersten Mal der Mund offen stehen. Keine paar Meter weiter wieder, als eine Dame in Regenbogen (Mütze, Schal, T-Shirt, Wallerock, Flipflops, alles, was irgendwie nach außen sichtbar war siebenfarbig, alles) laut “Bella Ciao” singend meine Bahn kreuzte.
Den Vogel abgeschossen hat schließlich der Trambahnfahrer, der der jungen heranhetzenden Passagierin beruhigend zusprach. “Selbstverständlich”, elmargunschte er, “selbstverständlich” werde man auf ihren jungen Mann warten, der denn auch nach ein paar Minuten später mit zwei dampfenden Pappkaffeebechern eintraf. “So eilig kammas gar ned ham”.
Die sehr alte Dame in der Straßenbahn, sehr degenhardtsch “Hütchen, Schühchen, Täschchen passend”, im sehr Rosarüschengewand, mit dem ascottauglich geschmückten Hut (Federn, Obst, Perlen und anderes Bling) erwähne ich gar nicht erst.
Also, entweder war heute morgen für die Theatinerstraße “extra surreal” ausgerufen worden und ich habe nur das Memo verpasst oder ich bin zum Haderner Landei mutiert und habe das bisher bloß noch nicht gemerkt.
Schon 2013 habe ich Hugh Howey Erstling “Wool” empfohlen (s. https://flockblog.de/?p=18463), inzwischen ist er unter dem Titel “Silo” verfilmt worden. Die ersten fünf Folgen haben mir Freude gemacht, gut geschrieben, besetzt, inszeniert und gespielt. Vor allem Rebecca Ferguson ist zum wiederholten Mal eine Entdeckung und ich wage die Vorhersage, dass dieser Grunge-Look sich demnächst wieder irgendwo in einer Modewelle niederschlagen wird.
Nicht der megagroße Wurf, aber erfreulich unaufgeregt mit großer Bildsprache.
Es war ja nichts erwartbarer, als dass sich Randy Rainbow des floridischen Gouverners und republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron de Santis’ annimmt. Nicht sein größter Wurf, aber dennoch hübsch.