Der Countdown läuft

Heute in einer Woche um diese Zeit habe ich schon lä-ängst Feierabend und die Frau Füßeschön hat mir die Zehennägel bunt lackiert.

Und am Sonntag in einer Woche um diese Zeit kann ich das Rote Meer schon sehen und wahrscheinlich auch schon riechen. Hah!

Man verheißt sonnige 30°. Nehm ich.

Die Frau, die freitags nicht kann

Freitagsabendshetz im Supermarkt. Keine Einkaufswagen. Nirgends. Ich bin schon fertig und biete meinen zum Selbstkostenpreis von einem Euro der nächsten Kundin an. Es täte ihr ja sehr leid, sagt sie, aber “der ist mit meinem Format nicht kompatibel”. Ich bin viel zu müde, um auch nur ansatzweise über diese Aussage nachzudenken und übergebe das Ding dem nächsten Wartenden.

Aber jetzt, wo ich so gemütlich daheim sitze und nix mehr muss, täts mich doch interessieren…

Aus dem Vokabelheft

Jemanden als “fett” zu bezeichnen, geht nicht mehr. Man frage Roald Dahl. Vielmehr Roald Dahls Erben. Auf Politischkorrekt heißt das “andersvoluminös”.

Oh Mann! “Fett” geht in meiner Welt sehr wohl. Mit einer Einschränkung: der Begriff muss beschreibend und nicht beleidigend/diskriminierend verwendet werden. Mich erinnern diese Diskussionen an meine Zeit in den USA, wo man Kinder zur “Farbenblindheit” erzog und bei der Beschreibung eines anderen Kindes im Kindergarten alle Attribute außer der Hautfarbe zulässig waren. Ich war damals schon fassunglos, denn beschreiben ohne zu werten war keine Option.

Wahrscheinlich zu simpel.

Aufgemerkt

Wie man feststellt, dass der Arbeitstag zu lang war? Ganz einfach. Dann, wenn einen die Frau vom DHL-Laden trotz dringenden Einschreibens in der Hand auf den nächsten Tag verströstet. Für heute nämlich hat “die Kasse schon Feierabend”.

Gelesen: Margaret Atwood – “In Other Worlds – SF and the Human Imagination”

Die von mir so hoch geschätzte Margaret Atwood hat nicht nur ein umfangreiches fiktionales Œuvre über einen Schwung Gattungen hinweg geschrieben, ist Poetin und PEN-Inernational-Vizepräsidentin, nein, sie ist auch gelernte Literaturwissenschaftlerin und hat jahrelang an Hochschulen gelehrt.

Dieses 2011 erschienene Buch ist mehr oder minder eine “Lecture”, eine ausführliche Vorlesung zur Geschichte der literarischen Gattung Sciene Fiction. Leicht lesbar (sie ist eine verführerische Geschichtenerzählerin, die Scheherazade ganz leicht das Wasser, den Wein und ein mehrgängiges Menü obendrauf reichen kann) und unverkennbar Atwoodian; witty, also ebenso geistreich wie witzig, eher über- als unterfordernd und zuweilen ganz wunderbar gemein.

Wer beim Lesen lernen will, ist mit diesem Buch sehr gut aufgehoben.

Gestern Abend in den Kammerspielen: “A scheene Leich”, von Gerhard Polt, den Well-Brüdern und Ruedi Häusermann

Man kann das gar nicht anderes sagen: ich bin halt ein Glückskind.

Weil: ich hatte an Ostern nichts vor. Gar nichts, nada, niente, nitschewo. Bloß vier Tage frei, bisserl lesen, bisserl rumsandeln. Haben sich die Götter, die für meine kulturelle Grundversorgung zuständig sind, wohl gedacht “Nix da!” und aus “keine Pläne haben” wurde “Ersatzfrau für kurzfristig überzählige Karten”. Vorgestern (immerhin mit einem Vorlauf von 24 Stunden) führte mich dieser Status zu Bach, gestern nun (Vorlauf von zwei Stunden) zu Polt.

Allem voran: es ist kein Wunder, dass diese kurzweilige Produktion, kaum dass der Vorverkauf begonnen hat, immer sofort ausverkauft ist. Trotz sehr kurzfristiger Umstellung wegen Ausfalls einer Hauptdarstellerin boten sie dort unten auf der Bühne (unter Logenplatz stehe ich ja von meiner Ersatzbank gar nicht erst auf) eine tolle Show. Quasi dem Polt beim Philophieren zuschauen (Triple-Hach!) mit großartiger Musik (die Wells, was will man sonst erwarten) sowie Chor (aber hallo!), Betroffenheit und Rahmenhandlung.

Letztere hatte es in sich. Polt gibt einen Bestattungsunternehmer, der früh die Zeichen der Wertschöpfungskette erkennt, das erste Altersheim hinzukauft und sich so ein Imperium des Todes aufbaut. Jetzt hat ihn der Sensenmann doch auch geholt, und sein Begräbnis wird vorbereitet. Mit Chorproben, Erbstreitnachfolge im privaten (Ehefrau Nr. 1, die den Aufstieg mit (ja nach Lesart gar ganz alleine) betrieben hat vs. Ehefrau Nr. 2, einem blonden Flietschgerl und Alleinerbin) wie im Unternehmensbereich, Motto “The Show must go on”). Alles sehr sehr schön geschrieben, inszeniert, gespielt. Mit Musikern, die alles drauf haben, von Mendelssohns “Abschied vom Walde” über den “alten Kameraden”, dem Abschied des Metzgers (“Alles hat ein Ende…”) bis hin zu ganz schrecklich-schlimmschön verkalauerten Comedian Harmonists (“Ein Heim, ein gutes Heim…”). Auch den Well Brüdern und dem Schauspielerchor/orchester ein tiefempfundenes Triple-Hach! Den Kontrapunkt stellt der auf Uraltgreis geschminkte Stefan Merki im Rollstuhl, der Fakten aus der Welt der unterbezahlten und -besetzten Pflege aufzählt – so, dass es das Publium sehr zu recht von Herzen graust. „Es wird immer mehr von Würde gesprochen, je weniger sie da ist.“ Dazu spielt keine Musik.

Regisseur Häusermann macht sich einen großen Jux daraus, Umbaupausen als rhythmische Balletteinlagen spielen zu lassen – und ich sollte es nicht ungesagt sein lassen: großes Kompliment an die Bühne von Christl Wein-Engel und Häusermann selbst. Schlicht, schön, witzig (ich sage nur Teppich) und den ganzen Raum nutzend – das macht Freude.

So, falls ich wen noch nicht gelobt haben sollte, dann seien diese Personen hiermit eingeschlossen – nicht zuletzt dafür, dass ich endlich mal wieder das “Kammerspielegefühl” erleben durfte, das ich mit der neuen Intendanz jetzt noch nicht so oft hatte.

Ich setze mich dann mal wieder auf meine Ersatzbank. Bin gespannt, wieviel Zeit mir heute Abend bleibt…

Gestern Abend in der Christuskirche am Dom-Pedro-Platz: “Matthäuspassion” (J. S. Bach)

Karfreitagabend, die Kirche gesteckt voll, das noch viel zu helle Licht von außen blendet durch die hohen Fenster. Der Altarraum füllt sich mit Orchester, Chor, Solisten, Dirigent. Langsam kehrt auch im Publikum Ruhe ein. Jetzt. Der Chor setzt mächtig brausend ein.

Es folgt die Leidensgeschichte Christi wie man sie kennt. (Abendmahl, Golgatha, Verrat, Folter, Kreuzigung, Tod.) Großartig vorgetragen. Von allen. Dafür Dank. Dennoch bleiben am Ende einige Irritationen.

Die erste:

  • Was soll das? Da proben 100 Menschen monatelang. Treten ohne Bezahlung auf. Und dann nimmt man ihnen wegen, wegen… ja was eigentlich? sogar noch die Anerkennung für einen dreistündigen brillanten (und einmaligen) Auftritt? Mit allem Respekt – das ist nicht richtig.
  • Und dann ist da der junge schmale Mann im dunkeln Anzug, durch ein Schild am Revers als “Ordnungskraft” ausgewiesen, der mit weit weit ausgebreiteten Armen, einen Ausdruck der Verzweiflung auf dem Antlitz, fast fassungslos hervorgestoßend “Pause ist, wenn der Chor abtritt”, das an sich aussichtlose Ansinnen verfolgt, Menschenmassen, die sich nunmehr seit zweit Stunden den Hintern auf harten Kirchenbänken steif gesessen haben und nach Frischluft gieren, darauf warten lassen zu sollen, bis sich ca. 90 nicht immer jugendlich-dynamisch-sportliche Sängerinnen und Sänger hohe Stufen hinabgequält, und durch ein Nadelöhrseitentürchen in die Sakristei durchgekämpt haben, bevor sie die Kirchentüren nach draußen öffnen dürfen. Hat das nun auch wieder was mit Tanzverbot zu tun?
  • Dass Massenmanipulation einfach immer gleich funktioniert. Ob im Sportpalast zu Berlin oder in einer Bach’schen Passion, wenn Pilatus den Mob fragt, wen er nun begnadigen soll und ein vielstimmiges massiges “Bárábbám”* entgegengebrüllt bekommt. Oh ja, dieser Chor kann bei Bedarf auch brüllen, kreischen, toben. Nur applaudieren darf man ihm dafür nicht. (Ja, das sitzt bei mir tief.)
  • Woher kommt dieses Bedürfnis, sich einen Gott zu erschaffen, der geradezu versessen auf Menschenopfer scheint? (Gerne älteste Söhne.)
  • Wer hat eigentlich die Pontius-Pilatus-Figur als aalglatten geschickten Lokalpolitiker interpretiert? (Dann gilt halt “Volkes Wille”, auch wenn damit ein Mörder frei kommt, wenn es denn dazu dient, dass kein “viel größer Getümmel ward”.) Die Autoren des Matthäus-Evangeliums? Bachs Librettist Picander? Falls das wer weiß, wäre ich für sachdienliche Hinweise dankbar.
  • Woher kommen die Frauenstimmen?** Noch dazu in der Kirchenmusik? Hmmm? Das immerhin hat mir Wikipedia heute früh schon verraten: Für die Besetzung des Ripienochors gibt es eine moderne Aufführungstradition mit Knabenstimmen (als Gegensatz zu den Frauenstimmen in den zwei Chören), die aber in keiner Beziehung zu den ursprünglichen Intentionen Bachs steht, der ohnehin in der Kirche ausschließlich Knabensoprane (beziehungsweise falsettierende Männerstimmen sowohl für Sopran und Alt) einsetzte.
  • Und noch einmal Wikipedia: Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die Matthäus-Passion als Bestandteil der kommerziellen Konzerte des städtischen Bürgertums fest etabliert und auch gestern wurde in der Kirche kein Gottesdienst zelebriert, sondern Eintritt für ein Konzert verlangt. Und dann nicht mal klatschen dürfen?

Zusammenfassend: Tolles Konzert. Berührendes Erlebnis. Über drei Stunden Klangsensation. Reichlich Denkanstöße. Eigenartige Veranstalter mit noch eigenartigerem Regelwerk.

* Nicht irritieren lassen. Der heißt weiter “Barabbas”. In den Bach’schen Tagen wurden halt auch Eigennamen noch ordentlich dekliniert.

** “Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt.” (1. Korinther 14:34)
Und singen sei daher dem Weibsvolk doppelt verboten! Nämlich! (Ableitung, 1. flockblog. )

Gelesen: Karen Thompson Walker – “The Dreamers”

Ja. Tja. Schwierig. Ich lasse das Buch mit gemischten Gefühlen hinter mir.

Frage mich, wie sich eine Autorin wohl fühlt, fühlen muss, wenn sie im Januar 2019 ein Buch über eine viral übertragene Krankheit schreibt, die schnell zu dem führt, was wir alle jüngst erst erlebt haben (Quarantäneeinrichtungen, Ganzkörperschutzanzüge, überfordertes Gesundheitwesen, Masken für jedermann und -frau, Unwissen, Unsicherheit, Angst).

Thompson Walkers Virus versetzt Menschen in Tiefschlaf. Sie scheinen zu träumen. Er überträgt sich offensichtlich über die Luft, keiner weiß, wen er als nächsten befällt. Also wird das winzige Universitätsstädtchen in der Nähe von Los Angeles, in dem die Krankheit zuerst ausbricht, eilends von einem “Cordon Sanitaire” umgeben. Nun kann keiner mehr raus und keiner mehr rein. Werden die Infizierten rechtzeitig gefunden, kommen sie, solange es noch Rettungsdienste gibt, schnell in improvisierte Feldlazarette, wenn nicht, sterben sie im Schlaf an Dehydririerung.

Jetzt zeigen sich auch die Schwächen des Buches. Thompson Walker zeichnet einige Figuren deutlich, läßt sie sich entwickeln, hat eine Beziehung zu ihnen und erlaubt das ihrer Leserschaft ebenfalls. Andere bleiben eigenartig flach und es ist und bleibt egal, ob sie wachen oder schlafen, sterben oder leben.

Interessant und spannend hingegen, ist es, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die sie aufwirft. Das Leben ein Traum? Viele der Träumenden berichten, nachdem sie wieder erwacht sind, von Träumen, die sich wie eine Vorahnung auf noch zu Geschehendes anfühlten. Andere arbeiten ihre Vergangenheit auf, manche nur eine einzelne Szene, wieder und wieder. Was also ist das, was wir Leben nennen? Was Realität? Davon schreibt sie in einer wunderbaren lyrischen Prosa, in der gelegentlich wuchtige Dampfhammer-Statement-Sätze wie dieser “This is how the sickness travels best: through the same channels as do fondness and friendship and love.” wie dicke Steine in einem sonst munter fließenden Bächlein herumstören.

Wie gesagt, gemischte Gefühle. Das Buch ist nicht richtig sehr gut, aber auch wirklich nicht schlecht. Es wird sich wohl jede*r selbst ein Bild machen müssen.