Gelesen: John Scalzi – “Head On”

Was soll ich noch zu Scalzi sagen… Er kann es einfach. Leicht, wie aus dem Handgelenk geschüttelt, mit brillanten Dialogen, außerdem spannend.

Die Story spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in dem selben Universum wie “Lock In” und beschreibt die logische Entwicklung einer aus dem Ruder gelaufenen Brot-und-Spiele-Industrie, deren Massenunterhaltungswert darin liegt, dass einem Spieler auf dem Feld der Kopf abgerissen wird, welcher dann, wie auch immer, getragen, geworfen, gekickt, sonstwie ins Tor geschafft werden muss. Dann Punkte. Geld. Ruhm.

Spannend, wie gesagt. Sehr. Der Schluss war mir a) ein bißchen zu simpel und b) zu moralisierend, da hat wohl der Abgabetermin sehr gedrückt. Aber gut. Scalzi ist trotzdem in der ersten Liga der Science Fiction Welt und wenn ich nächste Woche wieder viel Zug fahre, nehme ich mir zum Wiederlesen “Lock In” mit und werde berichten.

Seinen Blog https://whatever.scalzi.com/ hatte ich schon empfohlen, oder?

Gelesen: Denise Mina – “Rizzio”

Das schmale Büchlein ist ein echtes Juwel. In atmosphärisch dichter Sprache erzählt Mina eine traumatische Episode im Leben des an traumatischen Erlebnissen nicht gerade armen Leben von Mary, Queen of Scots.

Unbedingt lesen! Lesen! Lesen!

Die Geschichte ist die erste in einer Reihe von “Darkland Tales”des Verlags Polygon, der Nacherzählung signifikanter Momente in der Geschichte Schottlands von schottischen Autoren – ich werde zu berichten wissen. Aktuell stimme ich Katherine Faulkner zu “I love the idea – drinking in historical fiction as a series of shots”.
Mal sehen, wie es weitergeht.

Zustand: Gerade noch akzeptabel

Die zurückliegende Woche war, was der Gebrauchtwagenhändler ums Eck ein “Liebhaberstück” nennen würde. Ähbäh halt.

Am Donnerstag fiel dann auch noch das Internet aus. Gleich meinen Provider angerufen, damit die Störung noch während seiner Öffnungszeiten dort aufgenommen wird und, da schau her, schon am Freitag ein Techniker da, der das defekte Dingsbums im Zählerraum im Keller gegen ein Ersatzteil auswechselte, welches er mit sich führte (!).

Mein Internetprovider ist nicht gerade ein Service-Gigant. Ich vermute also, die Störung war bereits bekannt und mehrfach gemeldet und mein Anruf nur noch der Tropfen auf dem heißen Stein. Wurscht. Es ging flitzeflott und statt eines Wochenendes ohne Internet habe ich jetzt eines mit. Dankeschön.

Das Wort zum Wochenende

Wenn ich etwas so ganz und gar nicht abkann, dann ist es, wenn der Wettermann von einer nahenden Kaltfront spricht und die Schneefallgrenze in einem Hunderterwert angegeben wird.

Macht doch einfach so weiter, da ist viel Schönes dran…

Gelesen: Margaret Atwood – “Old Babes in the Wood”

Meiner treueren Leserschaft dürfte nicht neu sein, dass ich Atwood schon seit langem sehr schätze und regelmäßig Leseempfehlungen ausspreche.

Bei diesem, ihrem bis dato letzten Geschichtenband, bin ich nicht ganz sicher, ob er jedermenschs Sache ist. Der mittlere Teil “My Evil Mother”, ist es gewiß. In dieser Sammlung von Kurzgeschichten zeigt sie, was sie kann. Märchen (erzählt von einem Außerirdischen), Dystopie (dass sie in der Kategorie nahezu unschlagbar ist, ist nicht neu), ein fiktives Interview mit George Orwell (über, was beiden widerstrebt, ein Medium), Erziehungsratgeber (mit unkonventionellem, aber dennoch erfolgsversprechendem Ansatz), ein Revival ihrer Heldinnen aus “The Robber Bride”). Eine jede dieser “Stories” wirkt leicht dahingeworfen und ist sprachlich wie inhaltlich ein Hochgenuß.

Im ersten und dritten Teil jedoch “Tig and Nell”, “Nell and Tig” beschäftigt sie sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit, dem Verfall, der damit einhergeht, dem nahenden Tod und dem Tod ihres langjährigen Partners Graeme Gibson, der im Jahr 2019 nach einer kurzen Demenzphase friedlich verstarb. Ich bin nicht sicher, wie sich diese Episoden für jemanden lesen, der mit Atwoods Biographie nicht vertraut ist.

Während der Lektüre hatte ich dauernd Cohens “I want it darker” im Ohr. “Old Babes” klingt schon sehr nach Abschied.

Nimmer ganz neu im Kino: Barbie

Hmmm.

Gestern Abend habe ich mir die andere Hälfte des Barbenheimer-Hypes angetan.

Hmmm.

Also “antuen” ist eigentlich ein zu böses Verb. Gerwigs Film ist bunt, der Cast großartig. Das Set sehr pink, aber mit hübschen Akzenten wie dem, dass die Barbie-Figur eigentlich zu groß ist für die Dream Houses und Dream Cars und alles drumrum. Diese Diskrepanz führt dazu, dass Margot Robbie (Hach! Hach! Hach!) sich wie eine eher steife Puppe bewegt. Bewegen muss. Das ist ziemlich toll. Oder der Moment, als in Barbies Trinkgefäß zum ersten Mal wirklich eine Flüssigkeit ist. Oder, mein Favorit, als sie Platt-, sprich normale Füße bekommt. Die zukünftige Schuhwahl dürfe dem Birkenstock’schen Börsengang zusätzlich Auftrieb verleihen.

Die erste Hälfte funktioniert nach dem Prinzip, dass eine Fremde sich in einer fremden Welt (die der Zuschauer natürlich in- und auswendig kennt, denn es ist ja seine) zurechtfinden muss. Selbst eine schlechte Regisseurin hätte das komisch inszenieren können, Gerwig macht das sehr gut. Margot Robbie ist eine ideale Besetzung für Barbie, wobei ich sie als Harley Quinn, eine Rolle, in der sie mehrschichtig agieren darf, sehr viel lieber mag.

Ryan Gosling hingegen. Ken. Hmmm. Kens Profession ist “Beach” (also hübsch am Strand rumstehen), sein Tag dann ein guter Tag, wenn Barbie ihn wahrnimmt. Ich weiß nicht, ob irgendwer diesen tumben Toren hätte gut spielen können. Gosling ist sichtbar unterfordert und damit fehlt dieser Figur, die so gar nichts hat, auch noch die Glaubhaftigkeit. Zum Trost darf er einen wunderbaren Satz sagen: “To be honest, when I found out the patriarchy wasn’t just about horses, I lost interest.”

Damit sind wir schon in der zweiten Hälfte angekommen: die Kens haben das Patriarchat entdeckt und halten das für besser als das Barbieachat. Also wollen sie in Barbieland die Verfassung ändern (ich hätte mich auch nicht gewundert, wenn sie das pinke Capitol gestürmt hätten und hinfort “Schamanen-Ken” in der Mattel-Produktpalette aufgetaucht wäre), um zukünftig in einem “Kendom” zu leben. Männer, Bier, Grillfleisch, Monstertrucks, die oben erwähnten Pferde und Bimbos.

Was muss her? Eine echte Frau (America Ferrera), hispanischer Herkunft, so viel Diversity muss sein, die den Bimbo-Barbies erklärt, was Sache ist. Wie schwer Frauen es haben, wie widersprüchlich das Frauenbild der Gesellschaft ist, wie schwer es ist, durch die Glasdecke zu stoßen, und angesichts des leidenschaftlich vorgetragenen Lamento fällt es den Bimbos auf einmal wie Schuppen von den Augen und wieder ein, dass sie eigentlich Writer-Barbie sind, und Doktor-Barbie, Präsidenten-Barbie usw. Der Coup wird abgewendet. Alle haben was gelernt und sprechen viel drüber.

Da schau, das Kino als moralische Anstalt.

Das ist gut gemeint und ehrenwert, halt nostalgischer Feminismus. Hübsch. Aber eben auch ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Es reicht vollkommen, sich das anzusehen, wenn an Weihnachten mal wieder nur Wiederholungen im Fernsehen kommen und einem Sisi zu sehr auf die Nerven geht. Barbie ist da eine würdige Nachfolgerin.

Generation Gap

Ist das nicht ein herrlicher goldener Oktober?

Ich weiß schon, Klimakatastrophe…

Aber, wie ich in letzter Zeit erschreckend häufig zu sagen pflege, ich komme aus einer anderen Zeit. Und drum darf ich mich über Sonne und milde Temperaturen freuen.

Immer.

Vorhin im Supermarkt

Beim Verstauen ihrer Einkäufe in Taschen, Wagerl, Beutel ist sich die Kundschaft einig: früher war alles besser.

Früher, als die Klopapierpackungen noch Henkel hatten und man sich die unhandlichen Dinger nicht unter den Arm klemmen mußte.

Gmahde Wiesn

Die einen feiern die Besucherrekorde, angestiegenen Konsum beim Gerstensaft, also Sauf- und Freßorgien, “zählen [jedoch] keine toten Tiere mehr” (Zitat der Wiesn-Pressestelle).

Ich feiere auch. Und zwar, dass mir trotz mehrerer Fahrten in Öffentlichen Verkehrsmitteln im näheren Einzugsbereich des Festgeländes auch dieses Jahr keiner auf die Schuhe gekotzt hat.

So hat jeder einen Grund zur Freude.

Gelesen: Emi Yagi – “Frau Shibatas geniale Idee”

Frau Shibatas Kollegen sehen in ihr hauptsächlich ein Dienstmädchen, das Kaffee kocht, serviert und den Schmodder nach dem Meeting wieder aufräumt, Milch und Büromaterial besorgt, Papierstaus beseitigt und sich auch sonst, am besten ohne Aufforderung, aber wenn’s nicht schnell genug geht, auch recht rüde mit, aller kleinen Mickligkeiten des Büroalltages annimmt, mit denen Männer nicht behelligt werden können. Wirklich nicht.

Bis sie ihre eigentliche Arbeit dann auch noch erledigt hat, ist es jeden Tag spät und nicht mehr viel Zeit zum Leben.

Irgendwann hat Frau Shibata keinen Bock mehr. Sie besinnt sich auf die Waffen einer Frau. Und ernennt sich zur Schwangeren. Nunmehr schutzbedürftig. Und so ziemlich das Gegenteil des unterwürfigen Wesens von vorher.

In einer leichtfüßigen Fingerübung* läßt Yagi ihre Heldin mit zunehmend dickeren Bauchspolstern, “Maternitybics” (Aerobic für werdende Mütter), Umstandsmode, Spei- und Freßattacken, Ultraschalluntersuchungen, Schwangerschafts-Apps, Auswahl eines Vornamens und und und… in Gesellschaft anderer an der japanischen Gesellschaft leidender Frauen (ungewollt Kinderlose, Mütter, solche, die es demnächst werden – und alle mit faulen Macho-Paschas an ihrer Seite geschlagen) eine ganze ganz wunderbar erfundene Schwangerschaft durchleben. Wie sie diese Chuzpe-Nummer auflöst, verrate ich nicht. Ist aber ganz klasse!

Es ist nicht der große “feministische Text”, den der Klappentext verheißt, läßt sich aber lässig an einem halben Nachmittag wegatmen und stimmt heiter.

Bei der Übersetzung ist nicht alles gut geraten. Zum Beispiel: “Zwei Mädchen im selben Sportanzug”. Wobei, sehen würde ich das schon mal wollen. Ob es sich wohl um siamesische Zwillinge handelt? Oder auch: “Der ansteigende Weg mündete in einem makellos blauen Himmel, vor dem sich dicht die Kirschblüten drängten.” Nichtsdestotrotz lernt man viel über Japan. Außerdem, dass Frechheit siegt.

Man muss das nicht lesen. Aber man kann. Durchaus.

Dank fürs Entleihen geht an Frau S. aus D.

* Geraten hier die Metaphern durcheinander? Wahrscheinlich. Ich bin aber gnädig, habs ja selbst geschrieben.