Bahnbullshitbingo für Fortgeschrittene

Davon, wie schön es in Hamburg war und was wir alles unternommen haben, erzähle ich, wenn ich wieder beidhändig tippen kann. In kurz: sehr. Und viel. Nun aber wieder “Spaß in vollen Zügen”.

Ich hatte ja, wie schon berichtet, nunmehr täglich die Information bekommen, dass meine Fahrt nach Hause “nicht wie geplant stattfinden könne” (beiseite gesprochen: weil auf Höhe Göttingen eine andere als die ursprünglich geplante Weiche genutzt wird). Darum ignoriere ich die E-Mail mit dem Betreff “Fahrplanänderung” eine Stunde vor der Abfahrt erst einmal. Der Zug fährt ja. Richtung Süden. Soweit alles gut. Ahaber.

Der Herr im Vierersitz vor mir scheint vom Fach zu sei, kommentiert jeden Rumpler, Knirsch,- und Quietscherer und weiß immer was zu sagen, Hauptsache, es geht um Züge. (Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie der als Kind war.) Also, dieser fränkische Fachmann hat die Mail auch bekommen und schimpft comme un Rohrspatz, dass wir eineinhalb Stunden später als geplant in München eintreffen werden. Stimmt. Steht in meiner E-Mail auch. Oh Mann, als ob die Reise nicht schon fahrplanmäßig lang genug wäre.

Anschließend wird im Laufe unserer ersten Fahrtstunde geboten, was ich wohlwollend als den Versuch der DB-Reisebegleitung anzuerkennen gewillt bin, ein Unterhaltungsprogramm anzubieten.

Erst wird qua Durchsage ein Mann gesucht. Der Mann, dessen Hund Wagen 21 “terrorisiert”. Was immer das heißen mag. Ich bin weit weg, ich kann das lustig finden… und mache mein Kreuzchen bei “Sonstiges”.

Dann schleichen wir auf Hannover zu. Dass wir so lahm sind, liegt nicht etwa an uns, sagt der Zugführer, sondern an Hannover – dort war nämlich bis vor wenigen Minuten der Bahnhof noch geschlossen. “Wegen Fremdpersonen auf den Gleisen”. Geschlossener Bahnhof und Unbefugte auf den Schienen? Dafür, finde ich, steht mir die doppelte Punktzahl zu!

Hannover, Suspense-Capital of the World. “Wir bekommen Zuwachs.” Erst mal alle sitzenbleiben, denn “die Türen öffnen sich erst nach der positiven Vereinigung mit dem anderen Zug.” Letztere wird vom fränkischen Fachmann mit dem traditionellen Spruch “Etz hads gschnaggeld” festgestellt. Keine Ahnung wieviel Punkte und in welcher Kategorie es diese gibt. Immerhin: Vereinigt. Nun können wir doch bestimmt heimfahren?

Nun ja. Kurz nach einem Aufenthalt in Bebra, einer Stadt, die ich bis dato nicht wirklich auf meinem Radar hatte und in deren Bahnhof ich doch gute 20 Minuten meines Lebens verbracht habe (was ein Glück, dass mein aktuelles Buch über 900 Seiten dick ist) komme ich mit einem Mitarbeiter der Bahn ins Gespräch. Der findert es “mutig”, dass ich Zutrauen in die Angaben der vor vier Wochen gebuchten Fahrkarte hatte, rät aber “strengstens” dazu, künftig “die letzten drei Tage vor der Reise unbedingt täglich” zu überprüfen, was da noch Bestand habe. Oi weh. Ich kreuze “Abenteuer Bahn” an.

Ab Bahnhof Würzburg nehmen wir Tempo auf, halten wir nirgends mehr und erreichen München, wie der Zugführer mit vor Stolz schier berstender Stimme durch den Zug ruft, irgendwann nach Mitternacht (geplant war beim Fahrkartenkauf 23:40 Uhr) mit “minus 37 Minuten Verspätung trotz Baustellenumleitung”. Ein Kreuzchen bei “Baustellenumleitung”, eins bei “Holla, die Waldfee”. Da schau her, meine Karte ist voll.

Werde ich wohl am Montag, wenn es in den Hunsrück geht, eine neue brauchen.

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

Zwei Wochen, nachdem ich die Fahrt gebucht hatte, ändert die Bahn ihre Meinung. Nix da mit gemütlich um 09:20 abfahren, um zwanzig nach acht will sie auf der Schiene sein. Auch recht, dann halt den Wecker statt auf Ferien- auf Arbeitstagaufstehmodus stellen. Meine leichteste Übung.

Am Bahnhof angekommen, packe ich meine Bahn-Bullshitbingo-Karte aus. Hah! “Geänderte Wagenreihung”. Schon kann ich mein erstes Kreuzchen machen sowie mich selbst nebst Gepäck auf den Weg nach ‘Abschnitt G’, “außerhalb der Halle”, wie die Lautsprecherstimme mitteilt, gefühlt ungefähr an der Pasinger Stadtgrenze.

Wieder eine Durchsage, der Zug fahre nun ein. Die Passagiere in spe tauschen ungläubige Blicke. Er wird doch nicht? Etwa pünktlich? Nein. Nicht doch. Wird er nicht. Die Durchsage wird vielmehr noch mehrfach wiederholt, die Reisenden fassen sich wieder und setzen das Typisch-Bahn-Mundwinkel-weit-unten-Resignationsgesicht auf. Dann kommt vollkommen überraschend ein Zug und der Mann mit dem Lautsprecher sagt, die Leute sollten sich mal ranhalten beim Einsteigen, man sei schließlich spät dran.

Alle drin? Losgefahren. Man habe, teilt der Zugführer mit, 20 Minuten Verspätung, weil… weil der “Zug verspätet bereitgestellt” wurde. Hah, again! Das ist einer von den eher außergewöhnlichen Gründen und gibt auf meiner Bingokarte doppelte Punktzahl. Keine Viertelstunde später wegen einer “Signalstörung” auf offener Strecke herumstehen, zählt wieder nur einfach. Obwohl? Muss nochmal im Regelbuch nachschauen, wie “Signalstörung eines vorausfahrenden Zuges” zu werten ist. Derweil kommt die E-Mail, dass der Zug am Hauptbahnhof München zehn Minuten Verspätung “erhalte”. Und wieder frage ich mich und die Welt: von wem nur? Und cui bono, hah?

Den ersten planmäßigen Halt auf dieser Reise erreichen wir mit einer “Verzögerung von 18 Minuten Verspätung”. Das gibt’s nicht auf meiner Karte, was soll ich jetzt ankreuzen?

Hätte ich mich mal nicht beschwert. Eine weibliche Stimme informiert wenige Augenblicke später: “Die Abfahrt verzögert sich wegen einer ‘technischen Untersuchung’ am Zug.” Wobei die deutlich hörbare Bahnhofsdurchsage von einer “Verspätung wegen verspäteter Bereitstellung” spricht. Mann, wenn die sich nicht mal darüber einig werden können. Ich mache mal zwei Kreuzchen.

Wir tuckern wieder durch blühende Landschaften (Rapsfeld an Rapsfeld an Rapsfeld). Die einst so prominente Anzeige, wie schnell der Zug gerade unterwegs ist, scheint im dritten Untermenü verschwunden zu sein. Aber auch in gemäßigtem Tempo erreichen wir irgendwann mitsamt unserer Verspätung den Bahnhof, an dem die Freundin zusteigen soll. Die Freundin, die sich vorher noch Sorgen wegen der knappbemessenen Umsteigezeit gemacht hatte. Wäre nicht nötig gewesen….

Sie ist da! Und der vorausschauend zusätzlich reservierte Platz neben ihr noch frei. Den restlichen dicken Brocken Fahrt verbringen wir in angeregtem Gespräch und fallen kein bißchen auf, dorten im Familienabteil. Sie war halt schon immer der vorausschauende Typ.

Komplett angekreuzte Bingokarten schafft man so natürlich nicht. Aber mir bleiben ja noch viele Stunden Rückfahrt…

Bags packed, ready to go

Nachdem mein Freunde von der DB Reisebegleitung Reisebegleitung verfügt haben, dass mein Zug morgen eine Stunde früher losfährt, um zur selben Zeit wie geplant anzukommen, sehe ich der Fahrt mit Spannung entgegen.

Außerdem mit großer Vorfreude. Wenn diese Leute uns nicht einen Strich durch die Gleise machen, steigt auf halber Strecke die Freundin zu, die ich in Hamburg besuchen will, und wir haben den Rest der Fahrt, um uns mit dem Nötigsten auf den neuesten Stand zu bringen.

Streng dich an, Bahn!

Neu zum Strömen: “The Power” – Fortsetzung (Folgen 6 – 9)

Wie in blogpost https://flockblog.de/?p=47926 angekündigt, habe ich mir letzte Nacht die verbleibenden Folgen der ersten Staffel von The Power angesehen. Freitagabends bin ich immer müde und mäkelig und dieses Mal ganz besonders nach fünf Über-Zehn-Stunden-Arbeitstagen für Urlaub-genommen-haben. Was gut, dass die Macherinnen aus dem Bewegte-Bilder-Medium herausholten, was ging: drastische, sehr drastische Bilder in jeder Folge, fast jede davon mit Warnhinweisen im Vorspann.

Ich hatte zur Gedächtnisauffrischung das Buch jüngst noch einmal nachgelesen und wäre ich die Autorin, hätte ich mich manchmal an der Verfilmung sehr gefreut. Warum? Einmal, weil die Figuren noch zusätzliche Facetten bekamen, die mit einer meisterhaften Leichtigkeit eingestreut wurden. Zm anderen, weil das andere Medium Dinge kann, die gedruckt auf Papier nicht möglich sind und der Story zusätzliches Gewicht gaben. Dennoch schaffen sie es bisher nicht, das gesamte Potential des Romans auszuloten.

Allerdings: Weit gekommen sind sie nicht in der eigentlichen Geschichte und die Staffel endet mit Cliffhangern für fast jede Hauptfigur. Ich gebe mich mal der Hoffnung hin, dass, nachdem nun die vorbereitenden Arbeiten als abgeschlossen gelten dürften, die zweite Staffel mehr Fleisch auf die Rippen bekommt. Ich werde weiterschauen und berichten.

Früher…

…hätte man keine Ahnung gehabt, wie das Wetter am Zielort sein wird und für alle jahreszeitlichen Eventualitäten gepackt (und immer das falsche).

Heute ist Internet.

Manchmal nagt ein kleiner nostalgischer Zahn an mir und dann denke ich, früher…, also früher war das Leben doch für ein paar mehr Überraschungen gut.

Dann schaltet sich die Ratio wieder zu und sagt, dass ich mich freuen soll, wie unglaublich bequem so vieles geworden ist. Aber trotzdem. Seit alles eine Bewertung hat, ist die Welt nimmer so spannend wie ehedem. Mir kommt da in letzter Zeit öfter mal der Polt in den Sinn: “Wir hamma heuer mal so eine Weltreise g’macht. Aber ich sag’s Ihnen gleich wia’s is: da fahrma nimmer hin.”

Aber wahrscheinlich schlägt mir nach der vielen äyptischen Sonne nur der Regen hier aufs Gemüt.

Komm mit ins Abenteuerland

Ob die Bahn dahin fährt, ist jedoch eher ungewiß. Ich bekomme nämlich seit mehreren Tagen von “meiner” DB Reisebegleitung e-mails mit dem Betreff: Fahrplanänderung auf Ihrer Reise nach München Hbf: Fahrt nicht wie geplant möglich.

Wenn ich dann wie angewiesen auf den “Alternative suchen”-Link klicke, wird mir der Fahrplan angezeigt. Auf dem erscheint nach wie vor der von mir gebuchte Zug auf der von mir gebuchten Strecke, nur täglich etwas teurer.

Heute habe ich mich dann doch mal auf das Abenteuer eingelassen, den DB-Service anzurufen und, nachdem ich mehrfach bestätigt hatte, dass mein Anliegen heute nicht das 49-Euro-Ticket ist, sondern eine ganz normale Fahrgastanfrage zu einer schon gebuchten Reise ging eine tiefenentspannte Dame dran, die sich des Problems fachkundig annahm. “Ich könnte wetten…” hörte ich sie beim Herumtippen murmeln, “ich könnte wetten… Hah! Dachte ich mirs doch! Das ist wieder nur die Weiche in Göttingen.” Also weil am Bahnhof in Göttingen eine Weiche nicht wie geplant genutzt werden kann, kriege ich täglich eine e-mail, die mir halbert das Herz stehen läßt.

Oh, Mann, Bahn. Das waren noch Zeiten…

Kontext

Wenn man es nicht besser wüßte, könnte die Ansage des bulligen Mitreisenden “Isch drück disch nach fünf” doch ins Bedrohliche changieren. Ich weiß es aber besser, und darum bedanke ich mich noch einmal recht herzlich bei dem jungen Mann, der dem Aufzug den rechten Weg wies zum Appartement der alten Dame mit den beiden schweren Tüten rechts und links.

Schau Mama, ohne Hände!

Es grünt so grün

Kaum ist man mal ein paar Tage verreist, schon sproßt und sprießt es allüberall. Bäume, Sträucher, Hecken, Wiesen, Straßenseitenstreifen, wo du guckst, alles grün grün grün, selbst zwischen Pflastersteinen stemmen sich grüne Hälmlein empor zum Licht.

Und an jedem zweiten Laternenpfahl ist ein Wahlplakat gewachsen. Die absurdesten bekommen hier ein Kolumne. Anders kann man sich gegen diesen Augenkrebsmüll gar nicht wehren.

Gelesen: Hilary Mantel – “The Mirror & The Light”

Un-ü-ber-trof-fen!

Für die ersten beiden Bände ihrer Cromwell-Trilogie wurde Hilary Mantel mit dem Booker-Prize ausgezeichnet (s. https://flockblog.de/?p=47371), der dritte war auf der Shortlist, hat es aber nicht ganz bis an die Spitze geschafft. Warum? Keine Ahnung, was wissen die schon? Der flockblog verleiht für alle drei Werke, die ganz ganz hohe Aber-Hallo-Ballett-Meine-Fresse-Ist-Das-Gut-Auszeichnung. Leider inzwischen posthum, Ms. Mantel ist letzten Sommer gestorben.

Natürlich muss man sich die Zeit nehmen wollen, in eine Welt einzutauchen, die ein halbes Jahrtausend zurückliegt. Tut man es, wird man mit einer poetischen Sprachgewalt belohnt, die einen manchmal vor lauter Spannung und Schönheit unwillkürlich die Luft anhalten läßt.

Ich habe keine Ahnung, was heute auf der Welt sonst noch los war, mußte mich aber unbedingt noch durch das letzte Drittel des Buches fressen, bevor morgen der Alltag wieder losgeht. Nun kann ich im Detail berichten, wie Thomas Cromwell zu höchster Macht von Königs Gnaden aufstieg und wie gnadenlos er auf den letzten paarenzich Seiten fallen gelassen wird und seine letzten Tage vor der Hinrichtung durch die Axt im Tower verbringt. Was für ein Geschenk!

Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!