Die Welt ist ein Dorf

Früher, in den dunklen Präfacebooktagen oblag es den Menschen noch selbst, miteinander in Verbindung zu bleiben. Eine recht gängige Methode war Handgeschriebenes auf Papier, via Boten zugestellt. Zuweilen kam auch der Fernsprecher zum Einsatz, jedoch mußten in jenen finsteren Präskypezeiten Gespräche der Kosten wegen kurz gehalten werden. Ja, so war das damals, zu Beginn der neunziger Jahre.

Dann kam Internet für alle und damit e-mail und so haben’s der Ex-Kollege Norbert und ich über die Jahre geschafft, uns jeweils zu den Geburtstagen über die wichtigsten Ereignisse des zurückliegenden Lebensjahres auf dem Laufenden zu halten (in der Größenordnung von “ich bin Vater geworden” oder “ich gehe nach Amerika”). Als Norberts Kollegin Christiane aus München nach Palo Alto umzog, hat er ihr neben seinem Segen auch meine e-mail-Adresse gegeben und den flockblog ans Herz gelegt. Kaum zwei Jahre später hat sich Christiane bei mir gemeldet (seit sie hier ist hat sie einen Sohn geboren, eine Tochter eingeschult und ist schon einmal umgezogen, das erklärt die Verzögerung) und wir haben uns gestern zum Mittagessen getroffen.

Kaum unterhält man sich ein bißchen, stellt sich heraus, daß wir sogar eine gemeinsame Bekannte haben. Die Klassenlehrerin ihrer Tochter ist eine Freundin von Eric, der Christoph die Wohnung in Sunnyvale vermietet hat. (http://bit.ly/wmG6GW)

Small world, indeed.

It must be the Speed

So wirklich Spaß gemacht hat es in letzter Zeit nicht mehr, das Browsen bei mir daheim. In den Feierabendzeiten lag die Vorpufferzeit für ein drei-Minuten-youtube-Video bei 10 Minuten (mit Glück gings dann auf einen Sitz durch), lebensnotwenige Streams wie der ARD-Tatort waren in meiner Internetwelt auf einmal unmöglich geworden, in einer Welt, in der selbst das Hochladen eines einzigen Photos in den flockblog (Möwe vor Schiff vor Sonnenuntergang zum Beispiel) hinreichend Zeit für eine Zigarette bot. Schlimmstenfalls sogar für die Zubereitung einer kleinen Mahlzeit. Gegen 11:00 nachts gings langsam, nach Mitternacht wurde es geradezu flott, aber da muß ich schlafen. Irgendwann letzte Woche hatte ich die Faxen dicke und war genervt genug, um mich mal wieder auf einen Anruf beim Technical Support einzulassen.

Ein Déjà vu. Oder vielmehr Déjà entendu. Wieder war Lucy dran (http://bit.ly/yPLvnB), wieder hat sie heiße Kartoffeln im Mund herum- und erst mal dem W-Lan Router die Schuld in die Schuhe geschoben. Wieder habe ich ihr erzählt, daß ich per Ethernet cable “hardwired” bin, und es daran nicht liegen kann. Wie schon im Sommer hat sie aus der Tatsache, daß alle LED-Anzeigen am Modem blinken auf die Mangelfreiheit ihrer Dienstleistung geschlossen. Ich bin dann sauer geworden und habe ihr die Ergebnisse des Speed-Tests vorgelesen: 623 ms bis zum Ping und dann 0.2 MBit Download Speed ist nicht normal, vor allem nicht, wenn ihr mich für 16 bezahlen laßt! Hat Lucy aber immer noch nicht überzeugt, was für einen Speed-Test ich denn da benutze (mit einem deutlichen “Da-könnte-ja-jeder-kommen”-Ton)? Da wurde ich wirklich fuchtig und habe nach dem Supervisor verlangt. Das war der Moment, als Lucy doch langsam willens wurde, ein “issue” zu konzedieren. Sie werde mir nächste Woche einen Techniker schicken. Gut, prima, und warum nicht mehr diese Woche? Wie ich mir das denn vorstelle? Die Techniker hätten alle randvolle Terminbücher, so kurzfristig gehe da nichts. Okay, dann halt nächste Woche – und zwar Montagfrüh um 8:00! Ich bin so lange hartnäckig geblieben, bis sie mir den Termin bestätigt hat; allerdings fühlbar ungern.

Heute früh gegen 9:00 kam der Techniker, hat seine Diagnosewerkzeuge angeschlossen und bestätigt, daß die Verbindung recht langsam sei. Ja, das weiß ich. Warum ist das so und wie kann man das ändern? Es könne unter anderem daran liegen, daß ich am Ende der Straße wohne und vorne, wo das Signal stark sei, ein paar “heavy gamers” leben. Da bleibe dann halt nicht mehr viel übrig… Aaargghh – aber zahlen soll ich trotzdem? Drinnen war alles funktionstüchtig und -fähig, also nach draußen: er ist auf sein Leiterchen gestiegen und hat die Buchse über dem Kabel an der Hauswand aufgeschraubt. Und war dann recht überrascht, daß offensichtlich irgendwer eine Sicherung (oder wie auch immer der korrekte Terminus lautet) eingebaut hatte, die die Geschwindigkeit auf nahezu Null drosselt. Moooment! Wer ist “Irgendwer”? Das sei wahrscheinlich ein Mitarbeiter von San Bruno Cable, der Routinekontrollen mache, und wenn er irgendwo “leakage” messe, dann tausche er die Sicherungen aus. (Das geht in Amerika, weil alle Kabel außen an die Hauswand getackert sind und jeder sich daran zu schaffen machen könnte und es offensichtlich auch tut.) Eigentlich sollte der Kollege anschließend an diese Aktion das Haus “taggen”, damit der Kunde informiert sei und sich bei irgendwelchen Auffälligkeiten mit dem Provider in Verbindung setzen könne. Nope. Da war nix. Kein Zettel, keine Nachricht, nix. Ja mei, “these things happen”, das könne ja auch mal vergessen worden sein. Oder der Wind hat’s verblasen. Manchmal gingen ja auch Leute am Haus vorbei, die einfach böswillig die “Tags” abziehen. Sischer dat. Man hat schon von den wildesten Hobbys gehört, wer möchte da Klebezettel-von-fremden-Türen-abziehen ausschließen. Wurscht. Er hat das Sechser-Ding gegen eines der Stärke 10 ausgetauscht und die Speed-Meßnadel hat sich auf einmal im zweistelligen Bereich bewegt. So isses recht! Wenn wieder was ist (nicht etwa “sein sollte”), soll ich doch einfach anrufen. Außerdem müsse demnächst ohnehin das Modem ausgetauscht werden, dafür brauchen wir eh wieder einen Termin. Warum man das nicht heute in einem Aufwasch machen kann? Weiß er eigentlich auch nicht, geht aber nicht.

Kaum im Büro war meine Internetverbindung lahm und ich habe mich lauthals beschwert. Bei den anderen war aber alles ganz normal, was unsere Praktikantin zu der Schlußfolgerung brachte: “Well, Sabine. Face it. The Internet hates you.”

Brecht hat recht

Allen, die je mit Software-Entwicklung und Entwicklern zu tun hatten, in’s Stammbuch geschrieben. http://b.qr.ae/x1vtyk

Sie meinen’s nicht böse. Sie wären gut – anstatt so roh / Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Buy local!

Ärgerlicherweise ist bei meiner Mukka-Cappuccino-Maschine inzwischen das dritte Druckventil defekt und nochmal ein neues rechnet sich einfach nicht mehr. Ersatz muß her, am besten eine Feld-Wald-und-Wiesen-Espresso-Bialetti, die Dinger sind erfahrungsgemäß nicht tot zu kriegen. Also schnell zu Sears ‘rüber und gut ist. Habe ich gedacht. Von wegen. Dergleichen exotische Geräte führe man nicht, “no demand – no offer.” In der Mall gibt es noch zwei Kaufhäuser, bei beiden das gleiche: “Haben wir nicht und kriegen wir auch nicht wieder ‘rein.” Endgültig gereicht hat’s mir, als ich gefragt wurde, warum ich’s nicht im Internet versuche.

Ihr habt es so gewollt! Amazon verfügt nicht nur über eine immense Auswahl, sonder hat’s auch binnen zweier Tage geschafft, zu liefern.

Buy local? My Ass!

Winterwochenende in CA

Toni und ich haben einen Ausflug gemacht und einen Traumtag am Pazifik verbracht (incl. leichten Sonnenbrands).

(Nein, ein noch kitschigeres Photo habe ich nicht gemacht. Wieso?)

Winterschlußverkauf

Gerade gesehen: am Gun Shop am Camino Real hängen “End-of-Season-Sale”-Banner. Man lernt doch jeden Tag etwas dazu: ich habe bis dato nicht gewußt, daß man SIG Sauers eher in der kalten Jahreszeit trägt. Scheint aber so zu sein, denn wenn man jetzt zu Ende der Saison eine kauft, egal welches Kaliber, bekommt man die zweite zum halben Preis.

Horrido!

Pfandsache

Der Aufhänger einer Unterhaltung über Recycling war eine Beobachtung, die mein Gesprächspartner auf einer Reise nach Ägypten gemacht hatte. Der Araber habe wohl keinen Zugang zu pfleglichem Umgang mit Resourcen, überall lägen dort Plastikflaschen und -tüten herum. Da sei man in Kalifornien doch schon so viel weiter: hier kann sich ein fleißiger Obdachloser seinen Lebensunterhalt damit verdienen, daß er Flaschen und Dosen aus Mülltonnen kramt und sie für fünf Cents pro Stück beim Wertstoffhof abgibt. Toll, oder? Ich habe ihn trotz beifallsheischenden Blickes nicht gelobt, sondern so richtig ausgeholt.

Schätzele, ich komme aus Deutschland. Wir haben’s erfunden. Bei uns gibt es Einweg- und Mehrwegbehälter, auf alle wird Pfand erhoben. Mindestens fünf Mal mehr als hier. Was man nicht zur Wiederbenutzung zurückbringt, wird der Wiederverwertung zugeführt. Ich bin zu Hause jeden Samstagmorgen mit meinen vollen Korb zu Fuß (!!)  losgegangen, Pfandflaschen in den Supermarkt zurückbringen und Einwegzeug in einen der an jeder Straßenecke aufgestellten Container “entsorgen” (dieser Begriff ist unübersetzbar), brav nach Farben und Stoffen sortiert. Bei uns kostet jede Plastiktüte im Supermarkt Geld, weswegen die Deutschen ein Volk von Leinenbeutlern sind. Daß wir unsere Einkäufe auch selbst einpacken, hat ihn vollends fassungslos gemacht.

Vielmehr verstört war er allerdings von der Vorstellung, daß Flaschen vielfach genutzt werden. Aus einer Flasche trinken, aus der schon andere vor ihm getrunken haben? Oh mein Gott, was man sich da nicht alles einfangen könne. (Schon dem Kleinstamerikaner wird eine Höllenpanik vor “germs” eingetrichtert. Man muß sich nur mal ansehen, wie sich Amerikanerinnen bei der Nutzung öffentlicher Toiletten verrenken. Erst wird vorsorglich gespült, dann die Brille komplett mit allem verfügbaren Papier und eigens dafür vorgesehenen “seat covers” mehrschichtig abgedeckt und schließlich die Hände mit einem Handtaschenflakon “Sanitizer” desinfiziert. Dann können sie pinkeln. Eilig dürfen sie es nicht haben.)

Die Flaschen werden doch gespült, Mann! Es kommt eher zu Unfällen, weil in seltenen Fällen noch Rückstände der Desinfektionsmittel in den Flaschen sind. Nein, das wolle er nicht. Das sei ja e-ke-lig. Wie er mit den Vorbehalten im Restaurant essen könne und trinken aus den widerlichen Plastikbechern, in denen hier das Wasser zu Mahlzeiten gereicht wird, will ich wissen? Darüber hat er noch nicht nachgedacht, das sei aber auf jeden Fall etwas ganz anderes. Finde ich nicht. Aber was soll’s? Nachdem ich ihm von den sieben Mülleimern meiner Mutter und dem Teebeuteldilemma (http://bit.ly/zqV92S) berichtet hatte, habe ich ihm die vorerst letzte schockierende Eröffnung gemacht: Wir zahlen daheim für Einkaufswagen im Supermarkt Miete.

So, und jetzt kommst du mit deinem Super-Öko-Kalifornien.

Nicht mehr ganz neu im Kino: Drive

Man sollte meinen, daß es in einem Film, in dem die Hauptfigur tagsüber als Stuntman und nächtens als Fluchtwagenfahrer tätig ist, vor lauter Action nur so kracht und eine Verfolgungsjagd mit quietschenden Reifen und kreischenden Bremsen auf die nächste folgt.

Nicht, wenn Nicolas Winding Refn inszeniert. Er liebt lange ruhige Kameraeinstellungen, läßt Bilder wirken, braucht nicht ständig schnelle Schnitte und Gegenschnitte, sondern spielt mit Farben, mit Licht und Schatten und den Effekten des Molochs Stadt, vor allem bei Nacht (Drehort ist Los Angeles) – hat mich stark an die Panels aus Frank Millers frühen Comics erinnert. Als Bonus zu den bewegten Bildern kommt darüber hinaus der wirklich tolle Soundtrack dazu.

Ryan Gosling kann man in dieser Rolle getrost in einem Atemzug mit Alain Delon (Der eiskalte Engel) und Steve McQueen in Bullit nennen. Ein wortkarger, ach was, wortarmer Mann, der Sympathie weckt, obwohl er in den entscheidenden Momenten hart und grausam vorgeht und mit den Händen ebenso gekonnt tötet wie mit allem, was sich gerade als Waffe findet. Alles, was Gosling nie spricht, kann man in seiner extrem ausdrucksfähigen Mimik lesen. Sehr großartig.

Die Story? Fahrer hilft alleinerziehender Nachbarin bei einer Autopanne. Man freundet sich an. Gatte der Nachbarin kommt aus dem Gefängnis frei. Fahrer wird, wenig enthusiastisch, zum Freund der Gesamtfamilie. Ehemann wird von einem Wucherer erpreßt und will sich mit einem letzten Überfall freikaufen. Fahrer ist hilfsbereit und fährt den Fluchtwagen. Überfall ist ein Hinterhalt, Ehemann wird “auf der Flucht erschossen”. Auf dass der Nachbarin nicht übel geschehe, geht Fahrer auf Rachefeldzug und löscht die Schurken aus. Ende.

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