Mein Freund, der Baum

Toni unterstellt Wald grundsätzlich einen höheren Lichtschutzfaktor als Strand und außerdem sollen frische Luft und draußen herumlaufen der Gesundheit zuträglich sein. Mehr als genug Gründe für einen Frühlingssonntagsausflug in den Big Basin Nationalpark. (Außerdem hatte ich in letzter Zeit alle meine Gäste hingeschickt und war selber schon ewig nicht mehr dort).

Alles da, gute Luft, sprudelnde Bächlein, hohe, sehr hohe Nadelbäume, frischgrünbeblättelte Laubbäume, Unterholz. Nein, stimmt ja gar nicht: “We Redwoods don’t do underwood,” erklärt Park Ranger Volunteer Michelle* aus Wisconsin einem Rentnerpaar, das sich bei ihr erkundigt hat, wo denn die “Critters” seien (pelziges Waldkleinviehzeugs). Redwoods machen kein Unterholz, und ohne Unterschlupf keine Viecher.

*Michelles Selbsteinschätzung (nicht ganz ohne Selbstironie) “150%-Neo-Californian-Tree-Hugger.” Mir san mir, mir Redwoods, oder wia?

Pragmatisch und doch pietätlos

Ist mir heute zum ersten Mal aufgefallen, nämlich, daß es zur Veteranenklinik (zusammenflicken) und zum Soldatenfriedhof (wenn’s nicht geklappt hat) in San Bruno über die gleiche Autobahnausfahrt geht. Erst ganz kurz vor dem Ziel gabelt sich die Straße.

Stranger Danger

Man hat’s hier gerne als griffigen Begriff und so wird aus “Geh’ nicht mit Fremden!” die “Stranger Danger” (http://bit.ly/AmCpl).

Ich war glücklicherweise nie in der Situation, ein Kind die rechte Balance zwischen Paranoia und Gefahrenerkennung lehren zu müssen, ich kann schwer beurteilen, wie man das richtig macht. Daß es allerdings in einer wohlhabenden Gegend wie Palo Alto verboten ist, seine Kinder vor dem Haus auf der Straße spielen zu lassen und ein Nachbar den anderen anzeigt, vorgeblich, weil bei dessen draußen spielendem Nachwuchs das Kindeswohl gefährdet sei, halte ich doch für übertrieben. Nicht so der hiesige Gesetzgeber. Die Eltern, deren Kinder in einer Wohngegend auf dem Gehweg an einer kaum befahrenen Straße auf- und ab radelten, wurden zu einer Geldstrafe verurteilt und hatten eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Im Wiederholungsfall droht ihnen eine Haftstrafe. (Dann ist Kevin eben allein daheim, oder wie?)

Paranoia rulez!

Too cool to be President?

Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat hat es unter den hiesigen Satirikern zur fast schon traurigen Berühmtheit des “Ned Flanders”* der amerikanischen Politik gebracht. Ned Flanders ist nicht cool. Es ist vielmehr so: Uncooler als Ned Flanders geht nicht.

Präsident Obama hingegen kann gut mit Celebrities, hat die bessere Singstimme und außerdem hat er Bin Laden zur Strecke gebracht. (Das einjährige Jubiläum des Terrorfürstentodes paßt jetzt gerade wunderbar in den Wahlkampf und wird weidlich ausgeschlachtet.)

Obama ist cool.

 

Kurz zum Verständnis: Wahlkämpfe werden hierzulande unter anderem von sogenannten Super-PACs finanziert, die, so lange sie “unabhängig” von Kandidat und Partei agieren, unbegrenzte Mittel in den Wahlkampf investieren können, ohne deren Herkunft deklarieren zu müssen. Der Super-PAC “American CrossRoads” (für den Namen sollten sie sich bei Eric Clapton entschuldigen müssen!) wird angeführt von Karl Rowe, (ja, genau, der Spin Doctor der Bush-Dynastie) mit dem Ziel, Mitt Romney ins Amt zu werben und Obama mit Schmipf und Schande davon zu jagen. American CrossRoads finanziert Print- und Online-Werbekampagnen, unzählige Veranstaltungen sowie Radio- und Fernsehspots.

Ihr jüngster Fernsehspot (http://bit.ly/Ibq022) ist ein echter Kracher: Der Präsident ist also cool? Von wegen, der ist sogar uber-cool. So cool, daß er zu cool ist – und deshalb nicht gewählt werden darf/kann/soll. Daß der Schuß nach hinten losgegangen ist, zeigt die sehr lesenswerte Kommentardebatte auf youtube. Sie zeigt außerdem was ich schon seit längerem predige: durch dieses Land geht ein tiefer Riß. Wer immer der nächste Präsident werden wird, er sollte tunlichst daran arbeiten, den zu kitten. Sonst schreiben die irgendwann nicht mehr nur haßerfüllte Kommentare, sondern schießen gleich. Nach dem jetzt schon in vielen Bundesstaaten legalen Prinzip “stand your ground”.

 

*Ned Flanders ist der uncoole christlich-bourgoise Okeli-Dokeli-Gutmensch-Kleinstadt-Nachbar der Familie Simpson in der gleichnamigen Fernsehserie.

Amerikaner, kauft nicht bei Ausländern!

Die BART (Bay Area Rapid Transit) ist das Nahverkehrsunternehmen, das einen großen Teil der East Bay (auf der anderen Seite der Bay Bridge) ebenso unterversorgt wie auf unserer Seite der CalTrain. Neulich haben sie beschlossen, ihrem Namen (“rapid”) gerecht zu werden, und einen Teil ihrer im Schnitt mehr als 30 Jahre alten Züge durch neue zu ersetzen. Das Ausschreibungsverfahren hat mit den besten technischen Resultaten und günstigsten Preisen (ausgerechnet) die kanadische Bombardier gewonnen, noch vor einem französischen und einem koreanischen Unternehmen. It’s the law: Dieses Angebot muß nun angenommen (oder eine kostspielige Neuausschreibung vorgenommen) werden.

Nun schreit das patriotische Amerika laut auf (und schaltet solche Radio-Spots): BART for America_Bart & Rita_60_MIX_041812 – Wo kämen wir denn dahin, wenn Ausländern Geld für bessere Qualität gezahlt würde? (Erinnert mich an die Zeit, als unser Visa-Anwalt uns empfohlen hatte, die Anforderungen in unseren Jobprofilen herunterzuschrauben, weil sie als Diskriminierung von Amerikanern verstanden werden könnten?!)

Dabei haben sie das hier doch schon immer so gemacht…

One word a day

Heute freut sich Frau Sabine mit euch, daß sie so eine hübsche Vokabel wie “cattywampus” entdeckt hat. Das klingt schief, schräg, quer und durcheinander und das bedeutet es auch. Die Sachsen waren wohl gerade nicht anwesend, als die Angeln dieses Wort erfunden haben, bei denen heißt das noch heute “verwürscht” (damit sind sie ganz nah dran am schwäbischen “verwurschtelt”).

Es ist auf alles anwendbar, was nicht so liegt, wie es soll. Auch auf Haare.

“April is the cruellest month”

Genau: am Samstag noch 95F und Traumsommer und heute auf dem Heimweg ein Regen, der das Verlangen nach einem Amphibienfahrzeug weckt, oder noch besser danach, daß Beamen endlich erfunden ist und man sich nicht die Straße mit vom Regen verwirrten Kaliforniern teilen muß. Außerdem hat’s bereits auf 56F heruntergekühlt – und 40 Grad Temperaturunterschied wirken einfach viel dramatischer (in Celsius sind es “nur” 20).

T. S. Eliot hat sich möglicherweise nicht ausschließlich aufs Wetter bezogen (hier, eines meiner Lieblingsgedichte zum Nachlesen: http://bit.ly/c7KywX), ich aber schon.

Lauter Häuptlinge

Die Führungsetagen von Unternehmen sind hierzulande mit “Chiefs” besetzt; einem Oberchef, dem Chief Executive Officer (CEO), dem Chief Finance Officer (CFO), dem Chief Organization Officer (COO, der ist eine Art gehobenes “Mädchen für alles”), dem Chief Technology Officer (CTO) und so weiter. Mir will scheinen, daß man den Native Americans (aka Indianer) nicht nur ihr Land, sondern auch die Titel geklaut hat, Chief heißt nämlich eigentlich Häuptling.

Heute hat mir eine Studentin, die sich für einen Sommerjob bewirbt, von ihrem Chief Life Officer erzählt (wörtlich: “My CLO”). Ich hatte nicht mitgekriegt, daß sie ein Scherzle versucht und fragte zurück, ob sie denn schon einen Job habe und ob sie an den Herrn berichte? Die Reaktion war ein nervöses Lächeln… Ach der? Manchmal nenne sie ihn auch “Daddy”. Aber “Mom” sei immer “Mom”, kein Chief.

Interessante Familienstruktur.

Das weiß doch jedes Kind!

Meine Kollegin findet die Geschichte von der Zahnhygiene bei Kerzenschein gar nicht lustig. Selbst ihre knapp dreijährige Tochter habe beim “disaster recovery day” in der Kita schon gelernt, daß man bei Stromausfall keine Flamme entzünden dürfe – was man denn den Kindern in Deutschland eigentlich beibringe, wenn sie nicht einmal solche grundlegenden Regeln kennen? Was?

Auf meine ehrlich verblüffte Rückfrage, was denn dagegen spreche, Licht ins Dunkel zu bringen, raunt sie nur “gas leaks” (leckende Gasleitungen, offensichtlich hierzulande ein Standardnebeneffekt bei Stromausfällen). Ich habe kurz überlegt, ob ich wieder mit dem Infrastruktur-Thema anfangen soll, mit den irgendwie über der Straße angetackerten Stromkabeln und Gasleitungen, von denen nicht einmal der Energieversorger mehr weiß, wo genau sie verlegt sind und sie deswegen auch nicht wartet. Ach was, keine Lust. Die glaubt mir eh nicht, daß irgendwas “Outlandishes” besser ist als Amerika.

Stattdessen habe ich mich freundlich für den Hinweis bedankt, Besserung gelobt (der nächste Stromausfall kommt bestimmt) und die Ölzentralheizung im Haus meiner Eltern als Grund für meine Unwissenheit angegeben. Und natürlich das fehlende Katastrophentraining im Kindergarten.