Heute in einer Woche bin ich um diese Zeit das erste Mal in meinem andalusischen Gästezuhause aufgestanden und erwarte, allenfalls schneeweiße Blüten in einer sanften Brise treiben zu sehen. Nicht, wie hier, ein Schneetreiben. Geht’s noch, April?
Etikettenwechsel
Früher* pflegte der Busreisende vom Fensterplatz seinem Banknachbarn mit dem Gangplatz seinen Wunsch, das Gefährt an der nächsten Haltestelle zu verlassen mit den Worten “Lassen Sie mich ‘raus, bitte?” oder der sehr münchnerischen Variante “Steigen Sie auch aus?” anzuzeigen. Heutzutage fängt er mittstrecks an, seine Taschen zusammenzuklauben und/oder sein Smartphone zu verstauen, verrenkt sich, um auf den Haltewunschanzeigeknopf zu drücken und dann steigt er aus, ohne Rücksicht auf gegebenenfalls noch bestehende Hindernisse, quasi: ‘Ist der Gangplatzinhaber doch selbst schuld, wenn er kein Fan von Pantomime ist’.
Einer der meistverwendeten Sätze in der Erziehung kleiner Amerikaner ist, kaum dass sie sprechen lernen, der Hinweis “Use your words”. Nicht deuten, nicht drängeln, nicht zeigen, sondern reden! Nach etlichen Buserlebnissen dieser Art suche ich nun nach einer geeigneten deutschen Entsprechnung, um sie diesen Rüpeln um die Ohren zu hauen.
* Ich habe beschlossen, dass ich jetzt alt genug bin, um einen blogpost mit Worten wie “damals”, “früher” oder “sintemalen” einzuleiten, solange es nicht in “früher war alles besser” oder “die Jugend von heute” ausartet.
Pillendreher und Schamanen
Die Frau Doktor verschreibt eine Medizin, ich lege das Rezept in der Apotheke vor, zahle moderat zu und trage meine Tabletten in ordentlichen Blisterpackungen in einer Schachtel mit Waschzettel heim.
Das ist schon ganz anders als sich an Waschpulver-, Glückwunschkarten-, Müsli-, Spirituosen-, Parfüm-, Gartenmöbel-, Babynahrung-, vielemeterweise OTC*-Zeugs zur Selbstmedikation-, Krückstock-, Putzlappen-, Duftkerzen- und sonstigen Regalen vorbei ganz nach hinten in den Drugstore zu arbeiten, eine Prescription zu präsentieren und ganz egal, ob Neumedikament oder Re-Fill, von einer freundlichen Weißkittelperson aufgefordert zu werden, doch erst mal ein wenig shoppen zu gehen und in einer Viertelstunde wieder vorstellig zu werden, dann nämlich, wenn der “authorized pharmacist” die Pillen aus Blisterpackungen in orangene Plastikbehälter mit weißem Schraubdeckel gedrückt hat. Das nämlich macht das Mittel erst zur Medizin.
Bei der Ausgabe von Arznei steckt die USA noch im vorigen Jahrhundert fest, da hilft es auch nicht, dass Health Insurance so viel besser klingt als die deutsch-pessimistische Krankenversicherung.
* OTC steht für “over the counter”, d. h. nicht verschreibungspflichtige und einem jeden direkt verkäufliche Medikamente. Da gibts auch Sonderangebote, wie drei Schachteln Aspirin zum Preis von zweien oder beim Einkauf von drei Tuben Cortisoncreme noch eine Packung Vitamin C dazu etc.
Kindermund
Volle Morgen-U-Bahn voller schlechtgelaunter nasser Menschen; in den letzten Waggon drängt eine junge Mutter mit gefülltem Kinderwagen sowie zwei höchstens dreiviertelwachen Blondschöpfen auf dem Weg zur Kinderverbringungsstätte. Sie ermahnt die Kleinen, aus dem Weg zu gehen (was angesichts der Menschenmassen schlichtweg nicht geht).
Der kleinere Blondschopf schöpft ein Wort and makes my day: “Mama, du erzählst wieder nur Mammerlapapp.”
Geschichte von Herrn K.*
Herr K. ist ein Mitbewohner der Anstalt und, wie meine Oma das genannt hätte, ein Herr der auf sich hält. Selbst bei häuslicher Arbeit wie dem Waschen von Wäsche tritt er in angemessener Kleidung auf, heute in einem Hausanzug (!) aus Pansamt, mit farblich abgestimmtem Unter-T-Shirt, Socken und Mokkassins, die Hosen mit Bügelfalten. Selbstverständlich.
Als ich wie-immer-zu-spät-aus-dem-Büro-weggekommen-abgehetzt unten ankomme, verbringt er gerade Unterbeinkleider auf die Leine (bei diesem Mann verbietet sich ein so profanes Wort wie Unterhosen), mit einer Engelsgeduld, jedes einzelne glattstreichend, jedes Mal am Wäscheklipperl justierend, bis sie im Gleichhang hängt, seine kleine Armee. Dann kommen die Polo-Hemden an die Reihe. Er entnimmt dem Kleiderbügelbeutel einen Bügel, hängt ihn an die Leine. Dann entnimmt er dem Polo-Hemdenkorb ein Polo-Hemd, schüttelt es sanft aber bestimmt aus und appliziert es (doch, zu dem Herrn paßt obsolete Sprache) auf dem dafür bestimmten Bügel, richtet Nähte und den Kragen aus, macht die Knöpfe zu, betrachtet sein Werk und wenn er sieht, dass es gut ist, kommen die Polo-Hemdenbügel auf die für Polo-Hemden vorgesehene Leine. Ich schaue gebannt zu. Mir wird warm, meine Glieder werden schwer, meine Lider werden schwer, Wohlgefühl und Wärme breiten sich… Waaaahhhh?
Herr K. hat mich angesprochen. Er bäte noch um ein Momenterl meiner werten Zeit. Jaja, nimm nur, aber hör bloß nicht auf zu hängen. Tut er aber. Mit einem Hüftschwung, der zu Zeiten, als die Hüfte noch echt war, in Männern wie in Frauen das nackte Begehren geweckt haben dürfte, tänzelt er zum Waschbecken, kehrt mit einem feuchten Tuch zurück, wischt die Waschmittelschubschlade aus, anschließend mit einem trockenen nach und dann wünscht mir der reinliche Herr mit einer leichten Verbeugung eine “angenehme Verrichtung” und kehrt, nachdem er beide Lappen ausgewaschen und ordentlich ausgerichtet aufgehängt hat, wieder zu seinen Polo-Hemden zurück.
Meine Fresse, so geht das also: die Waschküche als montagabendliche Erbauungsanstalt. Carry on, Herr K., ad multi vesti.
* Frau kennt sich aus mit Datenschutz, drum schreibe ich seinen vollen Namen nicht. Nur so viel: ein fast namensgleicher Herr bewirbt sich in den USA als Dritter im Republikanerfeld um die Präsidentschaft.
Münchener “Superwochenende”
Dass die Straßen total verstopft sind, nehme ich mit Gleichmut hin, dass in der U-Bahn in meiner Eine-Station-vor-der-Endstation-Haltestelle schon kein Sitzplatz mehr zu finden ist, weniger. Was ist denn bloß hier los?
Fans mit rot-weiß-blauen-Schals knurren andere mit blau-weißen an – ah, in der Allianz-Arena spielt Bayern gegen Schalke. Ohne mich. Auch die bauma, “Weltleitmesse für Baumaschinen” (Eigenwerbung) wird auf mich verzichten müssen, meinen Bedarf an sich im Wind wiegenden Kränen habe ich letzte Woche schon mit einem Blick im Vorbeifahren auf dem Weg nach Tölz gedeckt. Des weiteren sind erschreckend viele Menschen aller Hautfarben als Bayern kostümiert unterwegs, und weil ich sicher bin, dass hier gerade nix mit Fetisch abgeht (ach, Folsom Street Fair…) und weil sie alle am Goetheplatz aussteigen, ist denen wohl das Frühlingsfest Anlaß, Dirndljankerlederhosenhaferlschuh mit viel Gebamsel auszuführen. Hab ich nicht, will ich nicht. Viele andere tragen leere Einkaufsbehälter mit sich. Beutel, Wagerl, Rucksäcke, Riesenplastikkarotaschen. Die sind entweder auf dem Weg zum großen Rotkreuzflohmarkt auf der Theresienwiese und daran kenntlich, dass sie auch am Goetheplatz herausdrängen oder zum Mid-Season-Sale (doch, das heißt jetzt hier so) in der Fußgängerzone, wo es seit neuestem keine Plastiktüten mehr für umme zum Einkauf dazu gibt.
Ich habe es inzwischen nach oben vor das Kino am Goetheplatz geschafft, umdrängelt und angerempelt von Trachtenheinis, Kinderwagenschiebern, Radlern und Behältnisträgern und eigentlich schon keine Lust mehr auf Flohmarkt. Viel zu viele Menschen! Und brauchen tu ich auch nichts, ich habe im letzten Jahr mehr als genug ein- und ausgepackt und entrümpelt, ü-ber-haupt keinen Platz sowie äußerst gute Vorsätze. Nix einkaufen! Höchstens vielleicht eine schlichte Gießkanne für die Kräuterinstallation in meiner Küche, gerne aus Edelstahl, mit einem ganz langen dünnen Hals, aber die gäbe es bei Amazon auch und ich könnte dann ganz in Ruhe und menschenfrei den Samstagnachmittag mit der Wochenendeausgabe der SZ… – ‘Nix da, Sabine!’ schimpft meine Innere Stimme. ‘Wir lassen das jetzt mal mit der Misanthropie und schwimmen mit dem Menschenstrom. Denk doch an früher, und wie gern du speziell diesen Flohmarkt immer gemocht hast. Das wird bestimmt nett. Und nun geh zu!’
Gut, gehe ich halt weiter. Aber mit dem festen Vorsatz, den Flohmarkt nicht zu mögen und ihn nach einer kurzen Schleife Flohmarkt sein zu lassen. Es kommt anders. Erstens bin ich im Gegensatz zu früher sehr spät dran, viele Verkäufer haben ihre Stände schon eingepackt, andere sind gerade dabei und damit wird das ohnehin schon sehr weitläufige Gelände etwas luftiger und erträglicher. Und zweitens habe ich einen Heidenspaß daran, Leut’ zu gucken. Wie sie unsäglichen Kruscht an Mann oder Frau zu bringen versuchen, wie sie miteinander feilschen, wie Einwanderer dieses Millenniums die Nachfahren der Einwanderer aus den Siebzigern des Wuchers zeihen, wie manche glücksbeseelt aus zurückgelassenen Restehaufen noch ihren ganz persönlichen Schatz bergen – doch, das ist schon schön. Inzwischen scheint die Sonne wieder auf den matschigen Platz und ich brauche immer noch nichts, stelle jedoch mit Freude fest, dass Marokkaner den Handel mit Stinkelederwaren sowie exotischem Schnitzgetier immer noch fest in der Hand zu haben scheinen, Hawaiianer fürs bunte Stöffscheflatterzeug hinzugekommen sind und echte Hopi, mit Hopi-Echtheitszertifikat an den Standtotempfahl genagelt (wahrscheinlich vom Karl-May-Reservat in Bad Segeberg), Traumfänger und anderes Indianeresoterikzeug unters aufnahmebereite Volk bringen. Was paßt auch besser zur Kaufhaustracht als eine Totemtierkette* made in China?
Ich habe zwischenzeitlich ein Kaffeemaß erhandelt (meine waren seit dem Umzug verschollen), ein Paar wollene Handschuhe mit integrierten Stulpen (der nächste Winter kann kommen, muß aber nicht), eine aus Milchtetrapackstreifen geflochtene Umhängetasche (doppelt gutes Gewissen wg. quasi doppeltem Recycling), noch keine fünf Euro ausgegeben und außerdem genug. Mein Schnauze-Voll-Gefühl wird ins Unermeßliche gesteigert, als ich mich am Rand des Frühlingsfestes zur U-Bahn-Station “Theresienwiese” durchmogeln will. Fahrgeschäfteausrufer brüllen durcheinander, Bässe dröhnen noch durcheinanderer, Musikähnliches und Helene Fischer scheppern mir die Ohren wund, Bier-, Bratwurscht-, Brennmandel- und viele andere Schwaden beleidigen meine Nase, alles drängelt, tümelt, rempelt, schubst als gäbe es kein Morgen. Nein, da will ich nicht verweilen, um mir ein Tütchen gebrannte Mandeln zu holen. Ich will nur noch weg. Nach Hause, wo’s still ist und nicht stinkt.
Wieder was gelernt: nächstes Mal spare ich mir die An- und Abfahrten und lasse mich von Scotty beamen.
* Leider gabe es keinen Raupenanhänger, den hätte ich sonst für den jungen Mann erstanden, dessen weibliche Begleitung ihn mit den Worten “Your spirit animal is, like, a caterpillar that is, like, being stepped on” auf seinen Platz unter ihren mit Edelweiß und Peitschchen (?) verzierten Stiefeln verwies.
Großreinemachen
Eigentlich kann ich als berufstätige Frau mit moderatem Freizeitprogramm gar nicht oft und lange genug zu Hause sein, um soviel Unordnung und Dreck zu produzieren, wie ich heute in vielen Stunden aufgeräumt und weggewischt habe. Ich folgere daraus, dass in den Zeiten meiner Abwesenheit hier eine Körndlbrotafficionada eindringt, die ihren Lebenszweck darin sieht, sorgsam weit verteilt Sesamsaaten auf dem Parkett auszubringen. Zudem scheint diese Person jahreszeitenbedingt in der Mauser zu sein.
Ist das vielleicht lästig.
Geht mich gar nichts an
Kaum verbringt frau ein knappes Achtel ihres Lebens fern der Heimat, schon prägen sich auswärtige Daten tief ins Hirn. Das fiel mir neulich auf, als ich meinen Urlaub um den 4. Juli herum plante und dann überrascht war, dass ich überrascht war, dass der amerikanische Unabhängigkeitstag hier ja gar nicht als Feiertag begangen wird.
Heute hingegen läßt mich die übliche US-Hysterie zum Tax Day total kalt: mir haben alle, die Feds und der Bundesstaat Kalifornien, schon vor dem 15. April zurückgegeben, was ich an Steuern zuviel bezahlt hatte – I am good und habe damit nichts mehr zu tun. Never more.
Hauptsache, was zum Essen!
Vorhin habe ich von der BBC-Verfilmung des Lang-Gedichts “The Song of Lunch” des britischen Autors Christopher Reid gelesen, in der Alan Rickman und Emma Thompson ein früheres Paar spielen, das bei einem Mittagessen vergeblich versucht zu verstehen, was sie damals aneinander hatten. Klingt gut, dachte ich, da schau ich doch mal nach mehr Information im Internet. Seine Internetschaft findet zwar den Film nicht, schlägt mir aber vor, ich möge es doch mal mit “Pop will eat itself” versuchen.
Ist das World Wide Web nun doof oder doch nur albern?
Lokalisierung
Und wer hat die beste Übersetzung der CalTrain-Verspätungsmeldung “A train got lost in the South” gefunden? Nicht die Schweizer und schon gar nicht die New Yorker, nein, die begnadeten Verspätungsmeldungstexter beim MVV in München. Bei denen wird zwar der Süden zum Norden, der Rest der Meldung aber darum nicht weniger mysteriös: “Der defekte Zug hat in Freimann die Strecke verlassen.”
Und ist jetzt, wie ich vermuten möchte, auf dem direkten Weg nach Nirgendwo.