“Automatenbüffet” ist ein Stück der Autorin Anna Gmeyner, die gerade wieder entdeckt wird, ähnlich wie vor ein paar Jahren Gabriele Tergit und, wie diese, ein Beispiel dafür ist, wie erfolgreich die Nationalsozialisten Autoren und Autorinnen aus dem kollektiven Gedächtnis im wahrsten Sinne des Wortes gebrannt haben. Gmeyner ist durch Zufall mit dem Leben entkommen, hat im Exil noch ein wenig deutschsprachige Prosa veröffentlicht (s. https://flockblog.de/?p=53055) und ist dann verstummt.
In der Marstall-Inszenierung von Elsa-Sophie Jach besteht das Bühnenbild aus dem riesigen schrägstehenden Wirthaustisch des Automatenbüffets (Bühne: Bettina Pommer), an dessen Ränder sich die örtlichen Honoratioren klammern, wobei das Wirtsehepaar und die versprengten Hausgäste die steile Fläche mühsam bespielen. Besonders die Wirtin Frau Adam (Carolin Conrad mit extrem ausdrucksstarker Gestik und Mimik), die aus einer seltsamen hoch über dem Tisch hängenden Apparatur Biere in Maßkrüge zapft und in einem fort wischt und ihren Besitz erhält, ihren, wie sie nicht müde wird, zu erwähnen.
Herr Adam, kongenial weinerlich zickig und sich an seinen hehren Ideen besaufend gespielt von Florian von Manteuffel, bringt die just aus dem Fischteich vor dem Freitod gerettete tropfnasse Eva (Anna Drexler, sehr einprägsamen Stimme, großartiges ruhiges manipulatives Spiel) ins Haus und die Hölle bricht los. (Über die Symbolik der Namensgebung spreche ich gar nicht erst.) Alle Anwesenden wollen was, die meisten Männer diese blonde Eva und mehr Geld, Macht, Ansehen, der Zimmerherr Prankraz (Patrick Isermeyer) ein Stück vom Kuchen oder wenigstens vom Restaurant, die Wirtin Adam will geliebt werden, Eva will eigentlich tot sein, oder aber wenigstens ihre Ruhe und Puttgam, der Mann am Klavier (herrlich: Max Rotbart) wäre damit zufrieden, wenn man ihm seine Würde zugestände.
Rotbart hat einen ganz kurzen, ausgesprochen wunderschönen Auftritt als Willibald Boxer, Dichter und Staubsaugervertreter, der Mann, der Eva durch seine Brutalität zum Selbstmord getrieben hatte. Sein Ausbruch, als er sie lebend zu Gesicht bekommt, ist einer der komischen Höhepunkte des Stücks – sie könne nämlich auf keinen Fall zu und mit ihm zurück, wo er ihren Suizid (nachvollziehbar, weil er sie ja nicht mehr liebt) schon bedichtet habe. Ich würde zu gerne wissen, ob Gmeyner bei der Figur den jungen Brecht vor Augen hatte oder ob er Jach beim Inszenieren inspirierte oder ob es nur mir so ging.
Die Inszenierung ist sehr physisch, spielt die halbe Zeit in Matsch und Dreck und bemüht sich gar nicht erst, die Gmeynersche Allegorie auf den aufkommenden Faschismus zu entschlüsseln, sondern gibt nur Denkanstöße, wie, nur ein Beispiel von vielen, den sich in seine Einzelteile auflösenden Wirtshaustisch.
Wer Zeit hat, sehe sie sich an. Bei mir klingt sie sehr nach.