Noch’n Déjà vu*

Das erste, was ich in Nordkalifornien seinerzeit lernte war, dass “in San Bruno we have the wind” – und zwar eine s-aukalte s-teife Brise, die sich nie auf eine Blaserichtung festlegen konnte und in fröhlichen Wirbeln aus unerwarteten Ecken Kaltluft in die Gegend prustete.

Hier auf Karins Berg bläst und pfeift der andalusische Schwippschwager der San Brunischen Windsbraut, aus allen Richtungen, weit vollen Backen, durch alle Ritzen, unter den Türen, durch die Fenster (Fenster, was ist das?) und besticht durch sehr kunstvolle Abschlussheulersequenzen im Kamin. Dem Vernehmen nach soll das Wetter schlechter werden (hat der Schafsnachbar gesagt und dessen reitverletztes Bein meldet Regen lange vor der Wettervorhersage) und wo gestern noch das hell bestirnte Firmament über uns leuchtete, pfeift heute ein ehrgeiziger Jungorkan vor dunkelschwarzem Himmel durch die Olivenhaine und rüttelt und schüttelt das arme Haus mit einer Stärke von ca. drei zusätzlichen Rissen pro Wand.

Ich fühle mich hier wirklich wie zu Hause…

 

* Wobei ich gar nicht so genau weiß, ob bei diesem “schon mal” der Begriff “vu” auch nur entfernt zutrifft – gibt’s eigentlich auch “Déjà entendu”?

Annäherung

Seit ich hier in Andalusien bin, habe ich ein Déjà vu am nächsten.

Die halbdreiviertelhügelige Landschaft, die Vegetation und ihre Farben (Blauhimmel über Schattierungen von Sattgrün bis Verbranntgelb)? Wie Nordkalifornien im Spätfrühling.

Die Werbebanner und Aufschriften auf Straßenschildern? Wie Südkalifornien.

Orangenbäume? Zitronenbäume? Nachbarn, die untereinander die Früchte ihrer Bäume, Sträucher, Böden tauschen? Eine überwältigende Gastfreundschaft, Offen- und Herzlichkeit? Die Sprache, die die Menschen sprechen? Wie früher daheim in San Bruno.

Von der leidigen Angewohnheit der Andalusier abgesehen, den letzten Buchstaben eines Wortes ersatzlos wegzulassen. (Und wupp wird aus “adiós” “addio” und man wähnt sich kurz im falschen Land…; wer herausfindet, was “Wóthá”* bedeutet, ist auf seinem Weg zur Integration schon sehr weit fortgeschritten.)

Was meine alten und Karins neue Nachbarn weit über die Kontinente hinaus eint, ist “Fiesta”. 1. Regel: man braucht keinen Grund, um zu feiern. 2. Regel: wenn man doch einen Grund haben möchte, ist jeder recht. Und darum führt Spanien auch keinen verbindlichen Feiertagskalender. Es gibt wohl ein paar zentrale Feiertage, sollten die jedoch auf ein Wochenende fallen, so ist es den jeweiligen Provinzregierungen überlassen, zu entscheiden, ob sie vor- oder nachgefeiert werden sollen / können / dürfen / müssen. Der Region Malaga hat es zum Beispiel gestern gefallen, den 1. Mai nachzufeiern, was zwar im doch schon gut mit Touristen befüllten Stadtzentrum von Ronda nicht sehr zu spüren war, mich aber bedauerlicherweise um das Einkaufserlebnis im andalusischen Aldi gebracht hat. “Unserer” Provinz Cadiz hingegen geht der 1. Mai am Ortsschild vorbei. Nachgefeiert wird nicht, was aber auch daran liegen mag, dass es wegen der “Dos-de-Mayo”-Festivitäten zu Doppelbelegungen gekommen wäre. Ein Grund pro Fest langt, zum Beispiel ein/e Schutzheilige/r – und davon hat man reichlich. Jede Kirche hat eine/n, jeder Flecken, jedes Dorf, jede Region, jede… ich denke, man sieht worauf es hinausläuft.

Jedem/Jeder Heiligen stehen wenigstens 2 (dos) Fiestas zu. Beim ersten besucht man sie in ihren Kirchen und feiert anschließend recht, beim zweiten nimmt man sie mit raus aufs Land und tanzt, trinkt und singt an der frischen Luft. Letzteres heißt “Romeria”, was wörtlich eigentlich “Pilgerfahrt” bedeutet, mir aber von einer freundlichen Dame mit “wir machen mit dem Santo ein Picknick” übersetzt wurde und viel viel hübscher ist. Falls grade mal keine Santa Picknicka zur Hand sein sollte, werden auch Jahrestage zum Anlaß für ein Fest genommen oder Künstler, selbst Ex-Bürgermeister. Oder man spart sich das Gedöns und befolgt Regel 1. Darauf ein munteres Ole**, allesamt!

 

* “Wóthá” = Whatsapp – wer nicht wazzapt, gehört nicht dazu.

** In Andalusien klingt der spanischste aller Ausrufe übrigens wie “ÓÓÓHHHLE!”

Dos de Mayo in Algodonales – Fortsetzung

Während wir uns unseren sonntäglichen Pflichten widmen – Karin, die hier ja nicht nur wohnt, sondern auch arbeitet, nutzt wie jeder berufstätige Mensch den freien Tag zum Aufarbeiten von Liegengebliebenem, ich habe touristischen Aufgaben zu genügen, wie Ausschlafen, einen Hektar Grundstück besichtigen, Hunde bespaßen, Buch lesen, Sonne, Sonne und Sonne genießen und in der Dämmerung schließlich Zahara de la Sierra besichtigen, eines jener wundervollen steilen weißen Dörfer, auf das man von Karins Haus aus einen herrlichen Blick hat – geht die Fiesta in Algodonales munter weiter.

zahara

Im Laufe des Tages wird das Dorf unter lautem Geböller noch zwei Mal von den napoleonischen Truppen überrannt, an den Ständen wird weiter guter Käse, tolle Wurst und extraguter Feiertagsjamón und Honig, Marmeladen, Lederwaren sowie Dies, Das und viel Jenes gehandelt, gegessen und getrunken und vor der Kirche spielt die Musi auf. Meist bestehen die Gruppen aus einer Handvoll Männern, alle klatschen, bis auf einen, der spielt Gitarre und mindestens einer singt herzzereißend von Amor und Dolor und Muerte. Als wir dazukommen, ist gerade ein Schmerzensmann mitten in einem Leidenslied, gleich der nächste aber singt wieder leichteren Flamenco und dazu brechen viele Menschen auf dem Platz spontan in Tänze aus. Einzeln oder miteinander, jeder wie er mag. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, alle haben richtig Spaß und weil Karin schon so viele Menschen hier kennt, bekommen wir ständig Getränkenachschub und sind auch mitten dabei. Richtig toll wird es, als zu einer der Musikgruppen ein Klarinettist hinzukommt – den hätte ich gerne sofort mit nach Hause genommen. Holla!

Vielleicht habe ich ja Dusel? Nein, habe wohl in der Lotteria nicht das richtige Los gezogen und weder den Bläser, noch den Hauptpreis, einen schäferhundgroßen stoffenen Esel mit allerlei Gebamsel dran, gewonnen.

Macht nix, dann trinken wir halt noch was. Saludos Amigos!

Heraus zum 1. Mai

Am Primero de Mayo ist hier in Spanien nicht nur der Kampftag der Arbeiterklasse, sondern auch Muttertag, was bei den Ex-Pats gestern Abend eine ganz kurze Panik auslöste, bis irgendwer doch das Internet befragte: überall sonst begeht man den “Día de la Madre ” am 2. Sonntag im Mai und sie haben alle noch reichlich Zeit, sich den Anruf bei Mama für nächsten Sonntag vorzumerken.
Gerade noch einmal gutgegangen… Gracias, Madre de Dios!

Sitzen zwei Australier im Nachtbus

(Die Unterhaltung findet in einer Lautstärke statt, als lägen die Weiten ihres Gesamtkontinents zwischen ihnen und einem potentiellen Zuhörer und darum kommen wir nun den Genuß dieser Höhepunkte:)

 

Sagt der eine: “Weißt du, was meine beiden Lieblingsdrogen sind?” [Pause, ausreichend lang für ein Kopfschütteln und einen fragenden Blick. Dann die Aufklärung:] “Die erste ist Bier. Die zweite Alkohol.”

Und nun, der Schönheit wegen im O-Ton:

Sagt der andere: “Wanna know my favorite German word?” [Pause, Dauer wie oben.] “It’s nonshalance. Stands for sobriety.”

(Habe ihn in dem Glauben gelassen.)

La vida andalusia

Andalusien macht das Ankommen leicht: es ist schon warm, als mein Flieger um 09:00 Uhr früh aufschlägt, über den Tag wird es heiß, meine Winterhautton wechselt umgehend von fischbauchbleich zu natürlich und mir ist wohl.

Karin wohnt eine knappe Autostunde von Jerez de la Frontera in einem einsamen Häuschen hoch auf dem Hügel über Algodonales, inmitten von (Klischee, aber was will man machen?) Kakteen, Schäflein und Olivenbäumen, mit Bick auf einen See, der sich nicht zwischen türkis- und azurblau entscheiden will und das wunderschöne weiße Bergdorf Zahara de la Sierra, das heute – nach der Siesta, denn die heimischen Bräuche müssen geachtet werden – zur Besichtigung ansteht.

In Algodonales hingegen feiert man seit Freitag den “Dos de Mayo de 1810”, den Tag, an dem die mutige Bürgerschaft des Fleckens im spanischen Unabhängigkeitskrieg der Belagerung durch napoleonische Truppen für ganze zwei Tage standhielt. Das ganze Dorf ist Bühne, viele tragen historische Kostüme (was bei den Männern auf die noch heute beliebte Kombi aus enger dunkler Hose und weitem weißen und ja, erst ca. ab Brustmitte geknöpftem Hemd und bei den Frauen auf lange Walleröcke, Schnürleiber, weiße Bluse und Häkelnetzchen im Haar herausläuft) und jeden Tag in diesen Festtagen wird der Durchbruch der Franzosen und der tapfere Widerstand der Bürger wenigstens zwei Mal täglich nachgestellt. Gestern Nacht waren wir dabei, als die die Musketen krachten, die Franzosendarsteller extra böse und grausam die Dorfbewohnerdarsteller vor sich hertrieben, bevor diese sich nach weiterem lauten Geschieße, sehr schön spektakulär sterbend in den Staub ihrer Gassen warfen. Die wenigen Überlebenden wurden an Ketten gefesselt abgeführt, nur das historische Niederbrennen des Dorfes fiel aus.

Danach traf man sich in einer der vielen Ventas auf der Dorfstraße, auf un, dos, tres Becheros vino tinto und tapas* (merke: eine tapa reicht lässig für zwei, auf keinen Fall platas bestellen, wenn weniger als fünf Menschen richtig Hunger haben), spielte in der Lotteriebude oder probierte sich durch Käse oder gebackene Leckereien, kam noch in den Genuß einer Flamencodarbietung – ohne Tanz, dafür sehr tragischer Gesang; wer “Asterix in Spanien” vor Augen hat, ist nah dran am leidvollen Ayyyayyyayayhhh – und dann packte eine ältere Dorfbewohnerin ihr halbwüchsigen napoleonischen Soldaten und deren kleinere Schwester im Amy-Look und verbrachte sie nach Hause, während auf der Plaza die Party erst so richtig losging. Weil Karins Häuschen in der schalltragend korrekten Windrichtung liegt, nehmen wir an, dass die Fiesta gegen 5:00 Uhr heute früh etwas nachgelassen haben muß. Kann aber auch sein, dass die Musik vom Blöken der Schafe (entweder mehrere Mutterschafe in den Wehen oder Hammel mit schweren Verdauungsstörungen) oder dem “Ich-sehe-den-Sonnenaufgang-als-erster”-Geplärre der hiesigen Meldehähne übertönt wurde. Wir werden nach der Siesta nachsehen gehen. Vielleicht. Ist es alles nicht so wichtig und das Leben eher langsam…

* Zur Feier des Tages gabs das historische Gericht “Omas Leber vom Grill” (Asadura de la Abuela); ich probiere ja immer alles, aber nach zwei Bissen wußte ich es sicher: dicke Brocken Leber einer nach einem langen fruchtbaren Leben an Alterschwäche verendeten Kuh ungewürzt in reichlich Olivenöl gut durchgebraten wird nicht zu meinen Leibspeisen werden. Die beiden hiesigen Haushunde fanden das gut.

Nachtrag: Eben kam Nachbar Juan vorbei, um zu berichten, dass ein Mutterschaf heute Nacht von Zwillingen entbunden hat – da kann man das Geblöke verstehen. Zwilling 1 bleibt bei der Mutter, Zwilling 2 wird eine just abgestillt habende Ziege in der Nachbarschaft als Amme zugeteilt.

Bags packed, ready to go

Und bevor es irgendwann mal anders wird, singe ich noch ein schnelles Loblied auf Europa: KEINE Fremdwährung zusammensuchen (obwohl ich sogar bestimmt noch irgendwo ein paar sehr historische Pesetas hätte), KEINE gelben Sticker in die Einreisestempel- und die Visumseite im Reisepaß kleben, KEINE langen Wartezeiten an der Immigration einplanen, einfach nur noch mal nachschauen, ob der Personalausweis wie sonst auch immer im Geldbeutel liegt, fertig.

¡España, yo venga!

Lehrplan

azubi

Kinder unterrichten wir dann im 2. Lehrjahr, die Ausbildung für Frauen im gebärfähigen Alter ist erst in der gehobenen Laufbahn vorgesehen.

Oder wie?

(In dem Bild ist noch ein Schmankerl versteckt. Wer’s findet, darf’s behalten.)

Frag ein Klischee

Ach München,

ich komme zurück auf deine Anfrage, ob du wie jedes auch dieses Jahr wieder eine Chance auf den ersten Platz hast? Sind wir bang, bloß weil Bayern einmal gegen Atletico verliert? Was ist denn das für eine Frage?

Keine Sorge, wer sich einen örtlichen Fußballverein mit einem Fanclub namens “Schickeria Ultras” hält, der die U-Bahn-Stationen mit Aufklebern vom Konterfei Che Guevaras in den Vereinsfarben und dem Claim “Ready for a Revolution” zupflastert, der ist schon allein damit konkurrenzlos.

Kannst dir das 2016er-Klischeeschleiferl bei Gelegenheit abholen, Preisverleihung machen wir keine mehr. Ist doch eh jedes Jahr dasselbe.

Zurückgezogene Grüße.

Deutschwort

Altlandrat

Man sieht ihn förmlich vor sich, behäbig und beleibt, mit Schnauzbart, Meerschaumpfeife und Trachtenjanker. Und Hut.

Ein Altlandrat trägt Hut.