Die Behauptung, ich sei nur des Essens wegen nach Spanien gereist, ist nicht zutreffend.
Es ging schon auch ums Trinken.
In zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten kann man entweder mit dem Flugzeug vom andalusischen Regenwind getrieben von Jerez de la Frontera bis München fliegen oder den Versuch unternehmen, mit Öffentlichen Verkehrsmitteln vom Flughafen München bis zum Haderner Stern zu kommen. Letzteres erweist sich als ehrgeiziges Unterfangen, da der MVV im Schienenersatzverkehr, d. h. Bus statt S-Bahn, den wörtlich zu verstehenden einen (1) Bus anstelle einer gesamten S-Bahn einsetzt, von ortsunkundigen Fahrern im 20- statt im 10-Minuten-Takt fahren läßt und dabei vollständig ignoriert, dass auch Menschen, die nach Einbruch der Dunkelheit landen, reichlich Gepäck mit sich führen. Eine Rüttelundschüttelfahrt über die unebenen Straßen bayerischer Dörfer bis nach Neufahrn und das Treppabtreppaufgeschleppe zum S-Bahnsteig, um dort nochmal fast 20 Minuten zu warten, macht es nicht besser.
Den meisten stand die nackte Mordlust ins Gesicht geschrieben. Zurecht.
Wenn die Touristin angesichts eines solchen Straßenschildes mitteilt, sie möge die Bildchen mit den großen gemütlichen Kühen recht gerne, verdankt sie es nur der Toleranz ihrer Gastgeberin mit zugereisten Ignoratinnen, dass sie nicht umgehend des Landes verwiesen wird. In Andalusien gilt: wenn bovin, dann Stier! Ich finde immer noch, was dieses Tier zwischen den Beinen trägt, sieht eher aus wie ein Euter, aber ich bin ja hier auch nur zu Gast und sage das lieber nur leise.
Ganz anders natürlich beim großen fetten Toro de Osborne, ehemals zuständig für Brandy-Reklame; bei dem ist die Stierigkeit doch recht augenfällig. Allein hier in der Provinz soll es noch acht davon geben, vielleicht sehe ich morgen (ja, morgen ist das schon!) auf dem Weg zum Flughafen wenigstens einen davon.
Das Schild Carretera Ondulada (leider kein Photo) bedeutet übrigens nicht, dass die vor einem liegende Straße gerade mit entsprechend schlechter Laune von einem Friseurbesuch zurückgekehrt ist, sondern nur, dass sie ohne Rücksicht auf Stoßdämpfer dem Verlauf der Topographie folgt.
Abschließend noch dieses häufig vor Schulen und anderen Kinderaufbewahrungsanstalten angebrachte Schild, das offensichtlich darauf hinweist, dass die Kleinen trotz ihrer kurzen Beinchen auch mit Marschgepäck schon sehr schön schnell rennen und daher die Bremsbeläge geschont werden können.
Die Schäferbeinprognose erweist sich als korrekt und es regnet. Das macht aber nichts, denn erstens hatte ich mir nach Karins drastischen Schilderungen (“wenn’s hier schüttet, steigen die Wolken von unten nach oben und die Welt ersäuft in Matsch”) gewünscht, das auch mal zu erleben und zweitens “haben wir die Sierra dann für uns alleine”.
Als wir gegen Mittag aufbrechen ist wieder andalusischer Frühling, die Sonne bricht durch und der Wind treibt ein paar versprengte Wolken über die Hügel. Wir packen aber trotzdem unsere Hoodies ein, denn in den Bergen weiß man ja nie (ach Déjà vu) und dann schrauben wir uns über kleine Sträßchen durch immer dichtere Wälder hinauf nach Grazalema. Hübsch ist das hier, direkt in den Karsthang hineingebaut, Gassen mit Kopfsteinpflaster schmal, eng und steil, Häuser weiß gestrichen, Kirche in Rot und Ocker mit freistehendem Glockenturm, Plaza del Toros, Fuente*, Ferretaria** und gleich auf den ersten Blick una, dos, tres Queserias, die neben (vorwiegend Ziegen-) käse auch Marmeladen, Honig, Trockenfrüchte, Wein, Essig und Öl verkaufen.
Paßt, Grazalema hat als “wieder ein pueblo blanco típico” bestanden. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander, manchmal eher klumpenförmig, manchmal lang an in eine Schlucht gelegt, immer weiß, immer steil, immer mit Kirche, Fuente und Ferretaria; je höher gelegen, desto eher wird Käse angeboten, die mittleren Lagen sind Lederspezialisten und die drunten im Tal können besonders gut Wurst und Fleisch (carnicería).
Weiter gehts, wir sind inzwischen weit über 1000 Meter hoch und die Gipfel vor, um und neben uns reichen bis über 1600 Meter. Nein, ich möchte nicht im Winter mal herkommen, wenn sie schneebedeckt sind, nein, auch nicht, wenn das sehr schön aussieht. Die Vegetation wechselt schon wieder, inzwischen fast nur noch Nadelgehölze; die hiesig endemische Igeltanne (Abies pinsapo Boiss) müssen wir uns allerdings vorstellen, das letzte Gebiet, in dem sie wächst, kann nur mit einer Sondererlaubnis besucht werden. Dafür luftsurfen über uns Gänsegeier, in den Schluchten zu unseren Füßen grasen Schafe und Ziegen, alles was blühen kann, blüht und die Luft ist gefüllt mit Düften, mit Summen, Brummen, Zwitschern, Flöten – grad schee isser, der andalusische Frühling.
Zum café manchado (wörtlich: “getüpfelt”, sinngemäß con leche mit mucho mas leche) wollen wir nach Ubrique, aber dann ist Ubrique (wir fragen uns, ob es sich um die andalusierte Form der nordischen Ulrike handelt) auf einmal eine 15.000-Einwohner-Stadt mit lauter Hautverarbeitern (“piel”) und Fabrikverkauf und Feierabendverkehr. Feierabendverkehr? Oh ja, aber wie! Christi Himmelfahrt ist in Spanien überraschenderweise kein Feiertag.
Wir halten es nach soviel großer Natur und Menschenleere hier nicht gut aus und wollen doch lieber weiterfahren, durch zunehmend flachere Landschaften, Flußläufen folgend, wo halbnackte Eichen stehen und die für das nächste Mal vorgemerkte Bahn zwischen Ronda und Algeciras entlangrattert.
Und dann ist es auch schon wieder so spät (über das Phänomen, wie hier irgendwer irgendwie im Laufe des Tages jeden Tag einen dicken Brocken Zeit wegschluckt, sinnieren wir noch; jeden Tag wieder) und wir müssen doch noch bei Gomez viele Pflanzen und ein paar Bäume kaufen, damit irgendwann mal was aus Karins derzeit noch im Frühstadium begriffener Obstplantage wird und janz janz schnell auch noch bei Aldi shoppen.
Morgen ist schon mein letzter Tag hier und am Samstag geht es heim – wie, wo und wann genau die Zeit geblieben ist bleibt, siehe oben, das große andalusische Mirakel.
* Fuente = Brunnen
** Ferretaria = Eisenwarenladen. Gibt es in jedem noch so kleinen Dorf.
hätte ich beinahe den Cinco De Mayo verpasst – darum ganz schnell noch, bevor die Zeit in Kalifornien abgelaufen ist:
¡Feliz Cinco de Mayo! all meinen Nachbarn von der Second Avenue. ¡Y Mucho Happy Asado!
Solange nichts besseres nachkommt, ist mein aktuelles spanisches Lieblingswort: Ajonjoli.
Genau, so wie die Zauberformel von Ali Baba in der Geschichte aus Tausendundeiner Nacht: “Ajonjoli, öffne dich.”
Im allgemeinen läuft es ja so: der Mensch schmutzt und macht Müll. Den packt er, möglicherweise getrennt voneinander, in Tüten und Tonnen und dann kommt wer und holt ihn weg, weiteres s. in der Fachliteratur: “Chor der Müllabfuhr: Kommt! Lasset von Tonne zu Tonne uns eilen! / Wir wollen dem Müll eine Abfuhr erteilen!”
Weil aber hier im Andalusischen die Dörfchen klein und eng sind und die Gäßchen und Sträßchen schmal und steil, kämen die Herren in Orange und ihr dicker Laster nicht durch, und drum hängt der Siedlungsbewohner seine vollen Mülltüten hoch in die Bäume (vor Ratten, Straßenkatzen, -kötern und – wir erinnern uns – Wind geschützt) auf dass sie jemand mit einem geländegängigen wendigen Fahrzeug weghole. Der gemeine Bergbewohner lädt den beim besten Willen nicht selbst verwertbaren Abfall in den Kofferraum seines PKW oder und weit häufiger auf die Ladefläche seines Pickup-Trucks (ach Déjà vu) und fährt zwecks Entsorgung die öffentlichen Sammelstellen an, wobei es sich um in nicht allzuweiten Abständen voneinander aufgestellte Konglomerate von Containern in verschiedenen Farben handelt. Richtig, Herr Erhardt: “Müllirallala, Müllirallala!”
Funktioniert. Genauso wie das Zapfen von Trinkwasser an den öffentlichen Brunnen. Man muss sich nur dran gewöhnen.
“Bandas sonoras” sind nicht etwa (wie man gerne annähme) renitente Rentnergangs, sondern leider nur in den Asphalt eingelassene Metallschienen, die Raser zur Räson bringen sollen. In Andalusien kommen sie ausschließlich in Verbänden à fünf Stück vor, in anderen Teilen Spaniens sollen sie schon im halben Dutzend gesehen worden sein.
Zwei Gutes hat der Wind: Mit frischgewaschenen Haaren eine Zigarettenlänge lang rausstellen und schon ist er perfekt, der Look “Comme des Straçonkötérs”.
Der Pfau stößt in sehr regelmäßigen Abständen einen Klagelaut aus, der klingt, als werde eine seit langem und unter großen Schmerzen dahinsiechende Katze mit einem hungrigen Säugling stranguliert.
Ein Gutes hat der Wind. Heute Nacht übertönt er den bei Nachbars Hühnern hausenden Brüllpfau. (Pavo Schreihals.)