Murphy go home!

Den zweiten Tag in Folge bewegt sich keiner der beiden Aufzüge. Murphys sind offensichtlich here to stay.

Die Anstaltsinsassen bilden Not- und Zweckgemeinschaften. Immerhin. Auf dem Treppenabsatz zwischen dritten und viertem Stock, wo ich mir wg. Hälfte schon hinter mir eine Kniestreckpause gönne, schnaufen zwei reizende Herren an mir vorbei. Sie schleppen der jungen Mutter aus dem 5. den Kinderwagen hinterher, die hat nämlich schon genug am Kinde und den Einkäufen für die Familie und den gehbehinderten Nachbarn zu tragen. An der Briefkastenwand war vorhin ein Herr mit mehreren Schlüsselbünden für die Entleerung des heutigen Postaufkommens für den sechsten Stock zugange und ich werde morgen für meine Nachbarin deren Beschwerdebriefe an die Hausverwaltung aufgeben und ihr außerdem Milch und Brötchen besorgen, wenn bis dahin nicht eine Reparaturmannschaft getan hat, was eine Reparaturmannschaft tun soll.

Erfreuliche Beobachtung am Rande: Wenn das bißchen nachbarschaftliche Solidarität, das ich in den paar Minuten mitbekommen habe, die es gebraucht hat, um zum Feierabend sechseinhalb Stockwerke zu erklimmen, ein Indikator für die ganze Anstalt ist, dann scheint es sich hier doch um eine recht gut funktionierende Hausgemeinschaft zu handeln.

Trotzdem werde ich mich spätestens morgen wahrscheinlich fragen, ob ich nicht doch besser die Erdgeschoßwohnung mit dem fünfstrandhandtuchgroßen Gärtchen hätte nehmen sollen.

Für immer ungelesen

Neulich, beim Rumtrödeln in einer Buchhandlung, bekomme ich ein Werk in die Hand, auf dessen Klappentext der Handlungsträger als “Hybrid zwischen Blaumann und Chefsessel” angepriesen wird.

Nein, ich möchte nicht kaufen. Auch nicht zum halben Preis. Mir reichen diese wenigen Worte und meine blühende Phantasie, um von diesem Geschöpf Albträume zu kriegen.

Netz und doppelter Boden

sollten die beiden Aufzüge hier im Haus bei der Wahl meiner Wohnung im 5. Stock sein. Guter Plan, oder?

Doch wie so oft im Leben hat Brecht recht. Es geht der eine nicht und nicht der andere und ich fluche mich die sechs Stockwerke von der Tiefgarage hoch und wünschte, man hätte Mister Murphy hier nicht einziehen lassen.

Prêt-à-porter

In der besten aller Welten tragen alle Menschen temperaturadaptierende, selbstreinigende, praktische und bequeme Kleidung (inkl. Schuhwerk. Vor allem Schuhwerk). Bis dieser Idealzustand erreicht ist, bleibt es keinem erspart, Zeit für Klamottenshopping zu investieren, was für viele ein Vergnügen, für mich jedoch eine lästige Pflicht ist.

Warum die Vorrede? Weil ich mir gestern einen Pulli gekauft habe. Dunkelblau mit weißen Sternen aufgedruckt. Mir hätte das lässig gereicht. Ich meine, hallo: Pulli, praktisch, bequem. Und Sterne. Allein, der modebewußte Hersteller hat die Sterne vorne mit Blingblingperlen besticken lassen. Also nicht kaufen. Oder doch? Wegnehmen. Zurückhängen. Nochmal nehmen. Zurückhängen. Von der Verkäuferin belehren lassen, dass heute Damenoberbkleidungsrabattaktion sei. Wieder wegnehmen. Himmel noch einmal! Erwartungsvoll angestarrt werden. In der Zeit hätte ich auch Krieg und Frieden, die Trilogie lesen können. Okay, ich kaufe den Pullover.

Und dann habe ich ihn zu Hause und er ist immer noch praktisch und bequem und mit Sternen und ich trenne dieses blöde Blingblingzeug ab. Nicht ohne bei jedem Steinchen des armen Sweatshopkindes zu gedenken, das die Dinger im Schweiße seines Angesichts und im Akkord aufgestickt hat und mich schlecht zu fühlen. Hätte ich den Pulli doch nicht kaufen sollen? Hilft es meinem Gewissen (dem Kinde sicher nicht), wenn ich einen bestickten Stern an irgendeiner nicht prominenten Position blingblingen lasse? Ist das albern?

Fertig. Einen Blingstern stehen lassen. Viele Steinchen aufgefegt, wobei ich ganz sicher bin, dass ich sehr bald baren Fußes in eines treten werde. Bestätigt gefunden, was ich eingangs postuliert habe: In der besten aller Welten tragen alle Menschen temperaturadaptierende, selbstreinigende, praktische und bequeme Kleidung (inkl. Schuhwerk. Vor allem Schuhwerk). Customization not required.

Gelesen: Gedankenjäger von Iain Levison

Ich könnte meine Rezension abkürzen, indem ich einfach den Titel erweiterte: “Gelesen. Und geärgert über: Gedankenjäger von Iain Levison.” Andererseits hat das Werk seinen Verriß verdient. [Achtung: Spoiler.]

Die Idee ist an sich nicht übel: was wäre wenn einzelne Menschen auf einmal in der Lage wären, Gedanken zu lesen. Wieso können die das, was machen sie daraus und was macht es mit ihnen? Warum betrifft das Phänomen nur weiße nordamerikanische Männer in einem gewissen Alter, wieso tragen sie eine Schlangentätowierung und was, um Himmels Willen, hat das alles mit Alaska zu tun?

Zur Aufklärung dieser Fragen treten auf: eine ganz und gar skrupellose Agentin eines nicht näher beschriebenen Dienstes mit unbegrenztem Spesenkonto und einer Überwachungsmaschinerie, die höchstens bei der NSA keinen Neid weckt, medizinische Experimente an unwissenden Probanden, die jüngsten US-Kriege (Afghanistan, Irak und aus unerfindlichen Gründen Korea), “erweiterte” Verhörmethoden (water boarding et. al.), 1 Copkiller, 1 Cop, 1 Nerd, die UNO, diverse Gewaltakte sowie Intrigen, etwas Sex. Was sich wie die Zutatenliste zu einem hard boiled Thriller liest, genügt hier allenfalls für eine Brise im Wassergläschen.

Als hätte es nicht schon gereicht, dass der Inhalt knapp unter Mittelmaß liegt, ist die Übersetzung von Walter Goidinger geradezu unterirdisch schlecht. Es liest sich streckenweise, als habe er, was immer Google Translate ausspuckte, recht oberflächlich redigiert – nur zwei Beispiele aus einer reichen Auswahl: “Die Leute hier herum waren clever genug…” (people around here) sowie “Er nahm seine Sonnenbrillen ab” (“glasses” stehen im Englischen stets im Plural, die Brille an sich im Deutschen eher nicht so) und was er an Slang-Audrücken nicht zu übersetzen wußte, ins Österreichische übertragen. Wenn frau sich beim Lesen eh schon über die unzulängliche Geschichte aufregt, dann schmerzt es noch mehr, dass jemand jemanden “um eine Auskunft angeht” und der Brooklyner den Typen aus Minnesota anhirscht, er solle “scheißen gehen”.

Nicht lesen. Und keinem glauben, der glaubt, ein gutes und spannendes Buch gelesen zu haben. Schon gar nicht Lord Jickledy: … Der unterhaltsame Thriller verwendet auf eine sehr organische, niemals „dozierende“ Art und Weise einige äußerst gegenwärtige Aspekte der schmutzigen Seiten moderner Geheimdiensttätigkeiten für eine spannende Geschichte: Der gläserne Bürger, die totale Überwachung und die keine Skrupel kennende Macht-Elite. Nicht umsonst erinnern die beiden Namen der gejagten Gedankenleser Snowe und Denny, die den namenlosen US-Geheimdienst und sein unredliches Psychoexperiment (damit verrate ich nicht zuviel) ordentlich an die Kandarre nehmen könnten, hintereinander gelesen an den bekannten Whistleblower Snowden. … (aus dessen Amazon Rezension)

Zurückgeschossen

wird heutzutage nicht mehr. Aber:

zusammengefaltet1

Bin ich eigentlich die einzige, die die Rekrutenkampagne der Bundeswehr so dermaßen peinlich findet? Drei Minuten auf diesem youtube-Kanal und es kommt einem nur noch das Kotzen…