Nebenan, auf den Liegestühlen am Pool: Die eine: “Ach Mensch, jetzt ist mein Buch zu Ende und wir haben doch noch zwei Tage.” Darauf die hilfsbereite Freundin, ihres hinüberreichend: “Kannst meins weiterlesen. Da gehts auch um Mord.”
Ganz so einfach wie die beiden Damen habe ich mir die Auswahl meiner Urlaubslektüre nicht gemacht – umso enttäuschender, dass ich dieses Mal keine sehr glückliche Hand hatte. Ist mir auch noch nie passiert.
Nicht zu Ende gelesen: David Peace – “GB84”
Es handelt sich um DAS mehrfach preisgekrönte Standardwerk zum britischen Bergarbeiterstreik im Jahre 1984, beschreibt den politisch getriebenen Beschluss, auf Gas und Öl statt Kohle zu setzen und die Auswirkungen der gnadenlosen Haltung der Regierung Thatcher gegenüber den streikenden Minenarbeitern auf die ganze britische Gesellschaft bis heute.
Ganz sicher wichtig, ganz sicher ehrenwert. Aber so durcheinander geschrieben (soll wohl die vielen beteiligten Stimmen darstellen) und so inkosistent, dass ich nach einem guten Drittel aufgegeben habe.
Auch nicht zu Ende gelesen: Ursula K. Le Guin – “Always Coming Home”
Ich verehre Le Guin, seit ich “The Left Hand of Darkness” zum ersten Mal gelesen habe und hatte mir dieses Werk schon lange beiseite gelegt, um es einmal in den Ferien in Ruhe und mit viel Zeit lesen zu können. Es soll nicht weniger sein als die anthropologische Darstellung einer Gemeinschaft, die es nie gab, in deren Riten, Geschichten, Tänze und Gesänge. Ich bin aber einfach nicht reingekommen. Beim besten Willen nicht. Kommt ins Regal in der Hoffnung, dass ein anderes Mal der richtige Zeitpunkt sein wird.
Erst recht nicht zu Ende gelesen: Thomas Pynchon – “Mason & Dixon”
Was hatte ich mich auf dieses Buch gefreut und mir mehrfach verkniffen, den Wälzer anzufangen, damit er mir für die Ferien bleibt. Er behandelt eine geschichtliche Epoche, die mich schon lange interessiert: die Vermessung des nordamerikanischen Westens, das “Manifest Destiny”.
Meine größte Enttäuschung. Nach 40 Seiten zugeklappt. Unerträglich schwatzhaft, furchtbar selbstverliebt in die eigene Fabulier- und Formulierkunst. Un-er-träg-lich. Ich habs trotzdem wieder mit nach Hause genommen. Einen Versuch kriegt er noch.
Als “Zwischenfutter” gelesen: Hakan Nesser – Doppelband: “Münsters Fall” und “Der unglückliche Mörder” in der Übersetzung von Gabriele Haefs
Auffällig: der hohe Anteil an deutschsprachiger Literatur im “Zurückgelassenen”-Regal des Hotels; entweder haben die französischen Touristen von Hause aus nicht so viel zum Lesen dabei – oder sie nehmen es wieder mit. Ebenso auffällig: die Bandbreite. Vom kaum berührten “Zauberberg” über viele Krimis und weidlich zerlesene Stephen Kings und Utta Danellas ist alles dabei.
Ich leihe mir zur Erholung von meinen Mißgriffen einen Doppelband Schweden-Krimis. Kann man ja nicht viel falsch machen mit, denke ich. Doch. Kann man. Entweder wird Nesser maßlos überschätzt oder ich bin unwahrscheinlich gut darin, schon auf den ersten Seiten zu entschlüsseln, worauf das Ganze hinausläuft. Beide Bücher: la-ang-wei-lig und eher diagonal gelesen. Immerhin nehme ich was mit, das aber wohl mehr der Übersetzerin zu danken ist. Irgendwann werde ich in einem Gespräch über Jazzmusik beiläufig erwähnen, dass die Sängerin eine Stimme wie “siedender Samt” habe und so tun, als wärs von mir.
“Und wo bleibt das Positive, Frau flockblog?” Gemach, gemach, liebe Leserin, lieber Leser, das kommt jetzt, denn ich hatte noch zwei Bücher im Gepäck und habe mit großem Gewinn…
… gelesen: Andreas Heusler, Angelika Sinn (Hrsg.): “Die Erfahrung des Exils. Vertreibung, Emigration und Neuanfang. Ein Münchner Lesebuch”
In jahrelanger Arbeit haben die Herausgeber die Geschichte und Geschichten deutscher Juden zusammengetragen, die ihre Heimat unter teils abenteuerlichen Umständen noch verlassen konnten und so den Nationalsozialisten entkamen. Spannend, berührend und unbedingt empfehlenswert. Bin immer noch irritiert wie irritiert ich war, dass deutsch-jüdische Biographien über das Jahr 1945 hinausgehen. Mein Exemplar kann ausgeliehen werden.
… gelesen: Ryan Gattis: “All Involved”
Yesss! Ein Paradebeispiel für sogenannte “narrative fiction”. Gattis erzählt die Geschichte der sogenannten “LA Riots”, als ganz Los Angeles (also zumindest die ärmeren Viertel) brannte, nachdem die Polizisten, die den Tod von Rodney King zu verantworten hatten, allesamt von einer Jury freigesprochen worden waren. Ich habe noch nicht oft so atemlos mitverfolgt, wie eine Stadt ins Chaos fällt – und das unter dem Blickwinkel aller Beteiligten, deren Perspektiven kunstvoll und mitreißend miteinander verwoben werden, in einer Sprache, die so dermaßen authentisch klingt, als habe er bei den Straßengangs wörtlich mitgeschrieben – genau wie bei den Vertretern der Ordnungsmacht, deren “Operationen” nicht nur schwarz, sondern um einiges dunkler gewesen sein müssen.
Lesen! Lesen! Lesen!