Tagkritik

Normalerweise gehen wir bei der Auswahl des Kulturprogramms streng arbeitsteilig vor: Theater mache ich, für Konzerte ist der Musikbeauftragte zuständig. Aber gestern…, gestern habe ich ausgesucht. Und was habe ich für ein feines Konzert gewählt.

Etienne Charles (Trompete, Congas) und seine sagenhaft guten Mitmusiker – Saxophonist “The Godfather” Godwin Louis (ein lässig die Zweizentnerlatte reißender Riese mit einem goldenen Uhrarmband in der Breite einer Dorfstraße am einen und Holzperlen- und Muschelschnüre bis fast zum Ellenbogen am anderen Arm), Pianist Jeremy Dumont (ein bis dato unbekannter Zwilling von Léon, dem Profi), Bassist “Cool wie eine Gurke*” Or Bareket und Klassenkasperhampelmann Harvel Nakundi an den Drums – hauen dem Publikum den Sound karibischer Inseln, gepaart mit Klängen aus den Louisiana Swamps sowie allem, was sie über Jazz wissen, um die Ohren. Ganz sehr wunderschön!

Ich habe noch nie zuvor bei einem Konzert in der Unterfahrt Bilder gemacht, aber ich hoffe, dieses transportiert die Stimmung wenigstens ein kleines bißchen.

* “melafefon” eben, mein Gesamtwortschatz in Hebräisch.

Meine Internetverbindung – Ein Drama in mehreren Akten

Kurz vor Ablauf der vom schrecklichsten Provider von allen* verhängten Fünf-Werktage-Reaktionsfrist, rief eben ein Herr von deren outgesourctem Technischen Notdienst an und wollte wissen, wie er mir mit meinem “Problemchen” helfen könne.

Ich hätte es schon hilfreich gefunden, wenn er im weiteren von der Verwendung von Diminutiven abgesehen hätte, aber Herr Meyer (“Zwo ‘E’, eijen ‘Y'”) aus Berlin plappert fröhlich weiter von dem “Modemchen” mit den “Laufelichtchen” und “die kleene Störung, wat Sie da ham” und bietet an, mal einen Mann vorzuschicken, der sich mit sowas auskennt. Ob Donnerstag paßt, will er wissen. Ganz prima passe das, sage ich, und ob sein Mann dann vielleicht gleich ein neues Modem mitbringen könne, wegen eines Austausches, falls nun wirklich das Gerät und nicht die Dose oder der Verteilerkasten im Keller oder sonst irgendwas anderes der Grund für die Lightshow ist. “Nee! Wirklich nicht! Wir machn nur Dechnik, dit Jerät muß PŸUR schicken. Rufense da ma an. Die machen dit mit DHL.” Hrrrrgggnnn! Das heißt, dass ich wieder mit den gutgeschulten Damen plaudern muß. Dammit! Das hätte ich mir gerne erspart.

Herr Meyer wiederholt “zur Sischerheid” nochmal den “Dechnikerdermin”. “Unser Mann ist dann am Donnerstag, dem 18. Schuli ab 08:00 Uhr früh bei Ihnen.” Mir fehlen die Worte, ihm zu sagen, wie ganz und gar fassungslos ich bin, dass der nicht mehr diese Woche kommt, sondern dieser unfähige Haufen mich nochmal mehr als eine Woche länger warten lassen will.

Wie gesagt, ein Drama in mehreren Akten. Falls wer wen besseren weiß, her damit.

* Sorry, San Bruno Cable, PŸUR hat dich inzwischen um Längen geschlagen.

Cuvilliés-Theater: Habjan inszeniert Marivaux’ „Der Streit”

Anfangs wollte ich gar nichts schreiben, übers Küvi…, Cuvée…, Chevalier…, verdammter Kullerpfirsich-Theater. Ich meine, hallo, die trauen sich doch nicht mal selbst ihren Namen auf die Eintrittskarten zu drucken, sondern verwenden frech den ihrer großen Schwester Resi. Wie kann man denn dann von einer unbedarften Besucherin erwarten, dass sie ein grausliges Wort wie Cuvilliés Theater in ihrer Kritik aus dem Stand richtig schreibt? Nach dazu, wo die arme arme Frau zum Zeitpunkt des Theaterbesuchs immer noch kein Internet daheim hat und mit Wikipedia nur mühsehlig auf dem Handy tippelnd kommunzieren kann? Und nein, man erzähle ihr nicht, dass sie doch einfach von der Rokoko Theaterperle Münchens hätte schreiben können. Wer sowas sagt, macht es sich einfach und ist wahrscheinlich Stuckateur oder Mitblattgoldbeleger und… Und es ist überhaupt alles ganz schlimm und schrecklich. Wo war ich?

Angefangen hat alles damit, dass der allerguteste Herr E. aus M. zwei Karten für die letzte Vorstellung der Habjan-Inszenierung des Marivauxschen Stückes „Der Streit“ in eben diesem Cuvilliés Theater (ich kann copy/paste, hah!) besorgt hatte. Woraufhin wir in diesem Rokoko-Schmuckkästchen inmitten von viel kunstvoll dekoriertem Abopublikum eine ganz allerliebste Inszenierung über den Ausgang einer Wette zwischen Hermiane und dem Prinzen – zwei ganz großartige Puppen mit Funkelperlenaugen, die Hartmut Engler seinerzeit zum Weinen gebracht hätten, geführt und gespielt von Habjan (Hermiane) und Nägele (Prinz) – zu sehen bekamen.

Die beiden wollen ein für allemal klären, wer denn nun Verführung und Untreue, kurz “das Böse”, in diese Welt gebracht habe. Frau oder Mann? Wie’s Zufall und Autor wollen, sind gerade vier junge Menschen zur Hand (zwei weiblich, zwei männlich), die abgeschieden von der Welt und nur unter der Aufsicht ihres Erzieherpaares getrennt voneinander aufgewachsen waren. Nun sind sie “achtzehn oder neunzehn Jahre” alt und das Experiment kann beginnen. Ganz wundervoll Oliver Nägele, nicht mehr der jüngste und eher ein Schwergewicht, der die Puppe Eglé führt, spricht, spielt, eine Narzissa allererster Güte (keine Ahnung, ob das die korrekte weibliche Entsprechung des Narziß ist, klingt aber gut). Heutzutage nennte man sowas “A Total Bitch”. Die trifft nacheinander auf den herzensguten und harmlosen Azor (Arthur Klemt), die wenigstens ebenso bitchige, aber souveränere Adine (Mathilde Bundschuh) und zum Schluß auf den schönen aber eher hohlköpfigen Mesrin (Nikolaus Habjan), um den die beiden von so recht von Herzen streiten. Mit Kratzen, Beißen, Haare ziehen. Ausgehen tuts wie seinerzeit im Wald zu Athen: Rudelbums. Jede/r mit jeder, jede/r mit jedem und alle mit allen. Wie er halt so ist, der Mensch. (s. hierzu auch Shakespeare, William: Ein Sommernachtstraum)

Es ist immer ein besonderes Geschenk, wenn Puppenbauer Habjan selber mitspielt und in dieser Inszenierung zeigt er ihre “Puppigkeit” ganz besonders. Er läßt die Akteur*innen als nackte kahle Geschöpfe auf die Bühne bringen, kleidet sie und gibt ihnen schöne Haare und wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben, werden ihnen Kostüm und Schmuck wieder genommen und sie selbst dekonstruiert und in ihre Puppenglieder zerlegt.

Sehr schön das alles. Anschließend laue Sommernacht im Hinterhof. Es dunkelt lange und erst spät verschwindet das Licht und ich bin wieder einmal froh, dass München so weit weg vom Äquator liegt.

Bundeskunsthalle, Bonn – Ausstellung: Goethe – Verwandlung der Welt

Neulich, als ich zur Diamentenen Hochzeit* von Onkel und Tante im Rheinischen weilte, habe ich die Gelegenheit genutzt und mir in der Bundeskunsthalle die dort von der Klassikstiftung Weimar kuratierte Ausstellung “Goethe – Verwandlung der Welt” angesehen. 

Sehr schön. Besonders die Idee, die Eingänge in die einzelnen Ausstellungsabteilungen von einem Farbenprisma und in jeweils einer anderen Farbe abgehen zu lassen. Das hätte den alten Geheimrat bestimmt gefreut, der ja selbst seine naturwissenschaftlichen Arbeiten (namentlich die Farbenlehre) mindestens als gleichwertig mit seinen schriftstellerischen betrachtete. Ich hatte den größten Spaß bei Faust: auf zwei Videobildschirmen liefen simultan Ausschnitte aus mehreren Inszenierungen und es waren Modelle von Bühnenbildern von Reinhardt bis Zadek ausgestellt. Hach!

Als besonderes Zuckerl (und gegen einen Aufschlag auf den Eintrittspreis) hatten die Ausstellungsmacher auf dem Dach des Museum “Goethes Gärten – Grüne Welten auf dem Dach der Bundeskunsthalle” nachgepflanzt. Schon hübsch, aber auch nichts, wofür man den Küchenschrank verkaufen würde. Außer… Außer, dass ein ganzer Stab begnadeter Gärtner*innen es hingekriegt hat, dass bei der Gluthitze da oben kein Blümelein den Kopf hängen ließt, der Rasen in sattem Grün sprießte und selbst im Küchengarten nichts Welkes zu sehen war. Respekt! Ich war nach meinem Gang auf dem Dach reif für den Kompost, hab aber dann doch einen Sitzplatz unterm Sonnenschirm und ein kühles Getränk vorgezogen.

Falls wer Zeit hat: die Ausstellung läuft noch bis Mitte September und ist sehenswert.

* Diamantene Hochzeit begeht man nach 60 Jahren im Ehestand. Hut ab und noch einmal herzlichen Glückwunsch! Das muß man erst mal hinkriegen!

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Gestern in der Muffathalle: Keb’ Mo’ – solo*

Keb’ Mo’ ist ein Bluesman wie aus dem Bluesmenbilderbuch und bei einem Konzert wie diesem ist es keine Beleidigung, sondern vielmehr ein Kompliment, dass es genauso war, wie frau es sich im Vorfeld erwartet hatte. Nämlich schön und unterhaltsam und sehr sehr bluesig. (Von dem arg dichten Platzregen (Modell “Gebadete Maus”) auf dem Heimweg nach der Hoponhopoff-U-Bahnfahrt mal abgesehen. Wann ist diese Drecksbaustelle am Sendlinger Tor endlich fertig?)

Ganz anders die Vorband, bestehend aus Phil Siemers und einem Pianisten, dessen Namen ich vergessen habe. Letzterer war gut. Ersterer mehr so eine knödelnde Mischung aus Klaus Lage und Herbert Grönemeyer, wobei ich von meinen Begleiter*innen aus der nachfolgenden Generation dahingehend berichtigt wurde, dass, wenn schon Parallelen, diese zu Xavier Naidoo gezogen werden sollten. Von mir aus, und eigentlich egal.

Herr Siemers ist eine Art Martin Semmelrogge in stubenrein und schlicht unerträglich. Ganz furchtbar ernsthaft trockeneisqualmumwabert sieht er seine Mission in der Verbreitung sinnfreier Texte zur Gitarre. Darunter “Du bist die Ahnung aller Möglichkeiten” sowie “Ich denk dich größer, als du werden kannst” oder auch “Wo man frei sein kann, fängt die Suche an”. Dafür, dass er das Publikum zum Schluß zum Mitsingen zwingen wollte, sollte ihm sein Reimlexikon lebenslänglich entzogen werden. Noch einen Bluesmißbrauch mit Versen, die auf “Brust” / “Lust” / “gewußt” / “du mußt” enden, hat diese Welt, bei all ihrer Schlechtigkeit, nicht verdient.

* Das ist natürlich gelogen; er hatte seinen TT (Techniker und Taktklatscher) mit.

Wieder da

Plötzlich und erwartet ist es wieder daheim, das Internet. Ein wenig zerzaust, will mir scheinen, und die LEDs am Modem blinken immer noch umeinander wie nicht gescheit. Aber wurscht. Es ist alles verziehen.

Nicht, dass sich mein unfähiger Provider in irgendeiner Form dazu geäußert hätte. Muß er auch nicht (mehr). Ich strebe einen Wechsel an und nehme gerne Empfehlungen für zuverlässige und günstige Wettbewerber entgegen.