Ungeduscht und fern der Heimat

Armer, armer Zug. Hat die böse Sonne wieder deine Gleise heißgemacht und du kannst jetzt nicht mehr rumfahren, ohne dir die Rädchen zu verbrühen und bleibst deswegen am liebsten daheim bei Mutti im Depot? Versteh ich. Selbst mir wars in den letzten Tage manchmal zu warm, und das will was heißen.

Meine ganz besondere Hochachtung gilt der Dame, die der letzte Sproß einer langen Ahninnenreihe von tapferen Kol- und Sowchosenleiterinnen sein dürfte. Wo ihre Vormütter noch ganze Fünfjahrespläne in maximal zweien erfüllten, steuert sie wacker einen Zug durch diese Republik, schmelzenden Gleisen und anderen Unbillen zum Trotz. Zum Beispiel auch dem Umstand, dass sie “leider kein Personal mitgebracht hat, das Ihren Bedürfnissen entspricht”. (Das impft mir Bilder ins Hirn, die da nie mehr rausgehen…) Und deswegen müssen nun alle Passagiere, die Plätze in Wagen Nr. 30ff gefunden haben (ich sitze in 29, puaaah!), wieder zügig nach vorne kommen. Je schneller sie das schaffen, desto schneller können wir “losmachen” (nein, der Zug ist nicht plötzlich zum Schiff geworden…) und deswegen mögen doch bitte die, die schon wo sitzen, ihr “Gebäck” vom Nebensitz nehmen (um die Kekse dann dem neuen Nachbarn anzubieten, hihi?).

Statt jetzt daheim (wie vorgesehen und bezahlt) bin ich grad mal kurz hinter Stuttgart und weil heute, sagt die Sowchosenchefin (persönlicher Kurzauftritt in jedem Waggon, Respekt!) eh keiner mehr kontrolliert, werde ich versuchen, ein wenig vorzuschlafen.

Bonne nuit, allesamt!

Grüße aus Dörth

Dörth im Hunsrück ist selbst für Hunsrücker Verhältnisse so klein, dass man keine Mittel in den Druck eigener Postkarten investiert. Erst das Nachbarstädtchen Emmelshausen hat eine.

Die haben überhaupt alles, die Emmelshausener: Rewe, Penny, Lidl, Rewe Getränkemarkt und Kik, mindestens einen Emmel sowie das Beauty Studio Kill (lizensiert). Ansonsten ist man hier stolz auf die Anzahl der Kreisverkehre (“Die meisten in Deutschland. Oder Europa. Irgendwie.”) und auf Baumbewuchs (“Sensationsfund im Nationalpark – Neue Flechtenart im Hunsrück entdeckt”).

Die Erwähnung von Simmern, der Heimat von Maria und dem Herrmännsche, mit deren Familiengeschichte Edgar Reitz die Region bekannt gemacht hat (“Heimat”), löste bei meiner Gewährsfrau nur Mitleid mit den Bewohnern des Kaffs aus, dem man für die Dreharbeitent den Asphalt von der Straße genommen und durch Kopfsteinpflaster und Dreck (dirt) ersetzt habe. Und hinter den “aufaltgemachten” Fassaden sei es in den Häusern selbst im Sommer stockdunkel gewesen. So habe es die Mutter erzählt.

Ich möchte hier nicht tot über dem Zaun hängen. Ich mach das nur für Geld und das frivole Vergnügen, in der Minibar einen Picollo zu finden. Halbtrocken.

Theatersommer 2019 – Der erste Streich

Seit ich wieder hier bin, habe ich mir die Tradition meines ganz persönlichen Theatersommers geschaffen: drei Inszenierungen in drei Ländern – und wenn alles supergut klappt, an jeweils aufeinanderfolgenden Wochenenden nach der Devise: Gespielt wird immer. Wer weiß wo, ist klug.

Gestern gings ins tiefe Niederbayern*. Dafür folgt man der B15 Richtung Rengschburg bis man irgendwann nach Uuschbo (Unterunsbach, mein liebster Ortsname von allen – irgendwann stehle ich denen das Ortschild doch noch) scharf rechts abbiegt. Noch vorbei am stingaten Schweinemastbetrieb und dann nochmal rechts abbiegen, zum Stadl in Unterröhrenbach. Dort ist seit vielen Jahren die Laienspielgruppe Ergoldsbach beheimatet, bei der ich vor noch viel mehr Jahren für zwei Sommer mitgespielt habe. Inzwischen sind aus meinen damals gerade höchstens halbstarken Schauspielerkollegen und -kolleginnen gestandene Familienväter und -mütter geworden und die, die damals schon ein bisserl älter waren als wir Jungspundstudenten, sind längst im Ruhestand und schauen nur noch zu.

Dennoch haben die Ergoldsbacher keine Nachwuchssorgen, denn entweder zeugen sie ihn selbst und übertragen ihre eigene Theaterbegeisterung via Genpool (die Familien Ammer und Baumeister) oder junge Menschen kommen freiwillig und wollen middoa. So ist denn auch zu erklären, dass das Durchschnittsalter der Räuber, die das Wirtshaus im Spessart heimsuchen, bei – gut gerechnet – höchstens 15 Jahren liegt. Wenn ihr Hauptmann nicht im Zivil Erstsemester in Regensburg wäre, hätten es noch nicht einmal dafür gereicht. Die Buben spielen mit Insbrunst böse Männer und weder über die Ohren rutschende Schlapphüte noch der Stimmbruch können sie aufhalten. Hah! Sie machen das sehr sehr schön!

Überhaupt fühlt es sich manchmal an, als wäre man in einem Jugendstück gelandet – und das macht Spaß! Ich sage nur Flipper, ihr wißt dann schon, was ich meine. Regisseur Robert Ammer hat seiner Truppe auch Lieder hineingeschrieben. Zum Singen. Öffentlich. Je jünger die Akteure sind, desto weniger interessiert sie die Fremdwahrnehmung, je pubertierender desto mehr. Die Puberinos tun dann beim Vortrag so, als wären sie gar nicht da. Aber auch das macht viel Freude, wenn man wenigstens einen gemeinen Knochen im Leibe hat. Ansonsten wünsche künftig immer bei Hosenrollen so einen witzigen Kostümwechsel wie den in der Dachkammer und wenn ihr abgespielt habt, möchte ich das wunderbare Ausziehbett der Fürstin haben und wäre mit ungefähr der Hälfte ihrer Bitchigkeit schon total zufrieden.

Das habt ihr sehr schön gemacht, allesamt! Vielen Dank! Und grüßt mir Tante Lotte**.

* Für die Entscheidung, ob Niederbayern von München aus gesehen als Ausland zählt, bin ich nicht befugt. Ich lebe ja hier erst seit über 30 Jahren und so ein Duldungsstatus ist schnell widerrufen…

** Tante Lotte ist das neue “42” und die Antwort auf alles. Das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Nahrungskette

Die einen laden zum Vegetariergrillen, die anderen bieten Schülerdöner an, die nächsten Studentenburger, auch mit Käse.

Wer nicht von hier ist und von unbefangenen Gemüt, könnte fast glauben, dass das Verspeisen von Artgenossen hierzulande eine durchaus gängige Methode der Nahrungsaufnahme darstellt.

Des Pudels Kern

Seit ich hier wohne und ganz besonders, seit PYUR meine Internetversorgung übernommen hat, kommt es regelmäßig zu Ausfällen und anderen Ärgernissen. Die werden dann immer notdürftig beseitigt (meist auf Kosten der Geschwindigkeit) und dann geht das nächste Mal was kaputt.

Heute nun war der versprochene Dechnikerdermin und der junge Mann meinte es ernst mit dem Problem lösen. Modem? Testen. Einwandfrei. Diverse Kabel? Testen. Einwandfrei. “Meine” Dose? Testen. Leider auch nicht das Problem. Hmmm. Oben alles gut. Dann ab in den Keller. Die Götter sind uns wohlgesinnt. Auf dem Gang im Bauch der Anstalt treffen wir einen Herrn vom Hausmeisterservice, der uns nicht nur den Weg zum richtigen Raum weist, sondern diesen auch noch aufsperrt (nicht, dass Wundertechniker dafür nicht auch einen Schlüssel hätte). Der einzige beschriftete von 8 Kästen gehört tatsächlich zu meinem Gebäudeteil, fein. Wieder messen. Einwandfrei. Dann Kabelruckeln und die Werte gehen in den Keller, noch tiefer, als wir schon sind. Aha! Vier Kontakte aufschrauben, vier Kontakte wieder ordentlich festschrauben und siehe da: Werte wie aus dem Technikerbilderbuch. Heureka!

Oben nochmal nachsehen. Das Modem verbindet sich und die Geschwindigkeit entspricht der des Vertrages für den ich bezahle, abzüglich der Geisterwerte, die es eh nie gibt. Die Modem-LEDs blinken wieder in der vorgeschriebenen Reihenfolge, keins zuviel, keins zu wenig. Wäre es nicht fein, wenns das jetzt endlich gewesen wäre mit dem ständigen Ärger?

Ratatazong, ratatazong!

Ich hatte es ja schon immer vermutet, aber inzwischen bin ich felsenfest davon überzeugt: bei der Abschlußprüfung an der Hausmeister-Akademie fällt jeder durch, der die Frage “Nennen Sie jeweils zwei übergrenzwertig laute Gerätschaften pro Saison und beschreiben Sie deren für Anlieger quälendsten Einsatz” nicht mit einer Aufzählung von mindestens fünf Krachmachermaschinen pro Jahreszeit beantwortet.

Bei dem Trupp, der seit Anfang der Woche mit unvermindertem Enthusiasmus hier durch den Innenhof tobt, scheint es sich um die Klassenbesten zu handeln. Einer sagelt (mit der Motorsäge, natürlich) trockene Äste vom doch erstaunlich umfangreichen Baumbestand, einer fährt ihm mit seinem Mobilhäcksler hinterher und macht Mulch, wobei ihm die Stücke am liebsten sind, die eiiigentlich ein bißchen zu groß für seinen Zerhacker sind und dann gescheit scheppern und den Motor zum Aufheulen bringen. Der Dritte? Scheint der Spezialist für Special Effects zu sein und schmeißt mit Elan in sehr unregelmäßigen Abständen zielsicher Trümmer auf die Ladefläche des Hängers, so dass das Echo (wie gesagt, Innenhof) schön hin- und hergeworfen wird.

Verständigen tun sie sich durch lautes Gebrüll (Kunststück, bei all dem Motorgeheule). Vielleicht sollte ich meine Telefonate auf heute Nachmittag verschieben. Dürfte auch das Aggressionslevel senken…

Salong

Sie interessieren sich? So für Kunst und Kultur oder Politik und Gesellschaft oder einfach überhaupt? Sie haben daheim oder in Ihrem Atelier oder Loft hinreichend Platz für sowie Budget für die Bewirtung von 35 – 45 Gästen? Prima, dann stehen Sie offensichtlich mitten im Leben und könnten Gastgeber/in eines “Salons” werden. (Mehr zum Konzept des “Salonfestivals”* hier: https://www.salonfestival.de/programmuebersicht/). Am Abend des Events rücken dann die Damen vom Organisationskomitee mit ein paar Hinweisschildern sowie vielen Hockern an, außerdem viele Menschen, die einen Obulus von ganz genau kalkulierten 24,00 Euro entrichtet haben sowie der prominente Gast und es kann losgehen.

Gestern Abend wurde “Mathias Lilienthal und Sonja Zekri im Gespräch: Über das Theater der Gegenwart //München” gegeben. Und Münchens Kulturbürgertum ging “Enfant Terrible” gucken. Ich? Münchens Kulturbürgertum. Lilienthal hat alle in ihn gesetzten Erwartungen als Proletariersohn aus der Direktorenvilla in Neukölln voll erfüllt und schwer routiniert mit Anekdoten aufgewartet. Wie ihn der Uli Matthes an der evangelischen Eliteschule gemobbt hat und dem Frank Castorf die Westcurrywurscht nicht so recht schmecken wollte und wie er und Kortner selig das Münchner Publikum überforderten und dafür rausgeschmissen wurden. So geht Legendenbildung.

Eine, wie soll ich sagen… interessante Veranstaltung. Gehobenes Abopublikum und, auch wenn ich den Begriff hasse, Gutbürger, geeint in der Abneigung gegen CSU-Dimpfligkeit. Und so fern vom wirklichen Leben wie… wie die Erbin einer Keksfabrik.

* Wir können keine gekauften Tickets zurücknehmen. Bitte reichen Sie Tickets für Termine, die Sie nicht wahrnehmen können, weiter. Gerne an Menschen, die unsere Idee noch nicht kennen. Damit würden Sie unser Prinzip „die Freunde der Freunde“, nach der wir „das salonfestival“ deutschlandweit entwickeln, hilfreich unterstützen.
„das salonfestival“ ist ein Gemeinschaftswerk von Gastgeberinnen und Gastgebern, Künstlerinnen und Künstlern, Referentinnen und Referenten, dem Team und allen Gästen im Salon. Das gilt für die inhaltliche Ausgestaltung, die organisatorische Umsetzung wie für die Finanzierung. Daher: jedes Ticket finanziert die Idee mit! Wir sind als gemeinnützige Initiative, organisiert in einer gGmbH, nicht auf Gewinnoriertierung ausgerichtet, müssen aber alle Kosten decken. Dazu trägt ein jeder bei.
Salon geht überall – in Wohn- und Arbeitsräumen, in Lofts und Läden, in Ateliers und Werkstätten. Wollen Sie selbst einmal Gastgeber werden? Dann sprechen Sie uns bitte an. Wir freuen uns auf Sie im Salon.

aus der Einladungsbestätigungse-mail