Gelesen: Judith Schalansky – “Der Hals der Giraffe Bildungsroman”

Urlaubslektüre IV

Wie man sich eine so dermaßen unsympathische Person wie die im zunächst sozialistischen, dann freiheitlich-demokratischen Schuldienst gealterte Biologie-Lehrerin Inge Lohmark ausdenken kann, ohne dabei die Lust am Schreiben zu verlieren, ist große Kunst.

Schalansky gelingt eine milieusichere Studie eines Lebens, von dem nichts mehr übrig ist, außer der resignierten Einsicht, dass es auch hätte besser sein können. Das klingt auf den ersten Blick nicht einladend, ist aber ungeheuer tiefgründige Lektüre und macht große Freude.

Ich hatte schon beim ersten Buch, das ich von ihr gelesen hatte, die Gestaltung hochgelobt (s. https://flockblog.de/?p=38310). Das tue ich nun beim 2011 erschienen Vorgängerwerk wieder. Eine Suhrkamp Pocket Ausgabe, innen und außen von der Autorin selbst wunderschön besorgt, mit Lesebändchen und Abbildungen aus älteren Fach- und Schulbüchern. Hach!

Lesen! Lesen! Lesen!

Haa-ap-tschi!

Warum sie von Niesanfällen gebeutelt wird, erklärt die in Biologie wohl nicht gerade Klassenerste Kollegin aus dem Hunsrück: “Die Pollen sind am Blühen.”

Gelesen: Octavia E. Butler – “Lilith’s Brood”

Urlaubslektüre III

Wow!

Viel-Hach!

Sehr-Viel-Hach!

Butler war eine Ausnahmeautorin (1947 – 2006) und ihrer Zeit weit voraus. In dieser erstmals von 1987 bis 1989 veröffentlichten Trilogie befaßt sie sich wieder mit den Themen Geschlecht & Gender, Sexualität, Politik & Psychologie, Rasse & Religion, menschengemachtem Klimawandel, Krieg & Frieden.

Als Vehikel für die Auseinandersetzung mit Menschlichem und allzu Menschlichem benutzt sie Außerirdische. Eine Rasse reisender Genhändler, die Oankali, die mit einer geradezu pathologischen Tendenz zu heilen in lebenden Raumschiffen durch den weiten Weltraum reisen, ihren eigenen Genpool um den dort anzutreffender Wesen erweitern und als wieder gemischte Rasse weiterziehen. Im ersten Band “Dawn” lernen wir Lilith kennen, deren Name den Bibelkundigen unter uns schon Programm ist. Lilith gilt als Adams erste Frau, die sich dem von Mann und patriarchalischem Gott aufgelegten Zwang zur Unterordnung und Reproduktion nicht unterwerfen will und daher aus dem Paradies verjagt wird.

Die Butlersche Lilith hingegen wird über 250 Jahre in einem Kunstschlaf gehalten, bis die Erde nach dem letzten Zerstörungskrieg von den Oankali wieder geheilt = besiedelbar gemacht wurde und erhält die Aufgabe, sie mit einer Auswahl anderer Menschen neu zu bevölkern. Mit den schon oben angesprochenen Mischwesen. Wie gut oder nicht das geht, möge selbst gelesen werden.

Im zweiten Band “Adulthood Rites” wird ausgerechnet Liliths erster Sohn, das Mischwesen “Akin” zunächst zum Fürsprecher und schließlich zum Retter der unmodifizierten Menschheit. Nicht nur die Autorin zweifelt daran, ob das wirklich eine gute Entscheidung ist.

Im letzten Band “Imago” wechselt Butler die Perspektive. Sie läßt fast 100 Jahre nach Liliths Geschichte deren jüngsten Sohn “Jodahs” (und das klingt für uns Bibelkundige wie? Genau.) in der Ich-Form eine der möglichen Zukünfte (Zukunften?) erschaffen. Wieder bleiben Zweifel, ob sie richtig oder falsch ist und ob es diese Kategorien überhaupt gibt. Immerhin, sie klingt hoffnungsvoll.

Die Trilogie ist großartig. Analytisch. In einer klaren mitziehenden Prosa geschrieben. Ich bin sehr sicher, dass ich einige Denkanstöße daraus nicht mehr aus dem Kopf bekommen werde.

Wer Butler bisher nicht kannte, möge sich diese Freude endlich gönnen. Die Trilogie ist auf Deutsch mit dem seltsamen Titel “Die Genhändler: Die Xenogenesis-Trilogie” erschienen und antiquarisch erhältlich.

Lesen! Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!

Aus einem Behördenschreiben

Der Beirat hat sich auf seiner letzten Sitzung im Februar mit Ihrem Schreiben vom 22.12.2021 befasst, aber noch kein Antwortschreiben abgefasst, da sowohl die Protokollabnahme als auch die Abstimmung zur Formulierung des Schreibens von den ehrenamtlich tätigen Beiratsmitgliedern noch nicht stattgefunden haben.

Hallo Ballett! Wenn das nicht ganz hohe Amtsschimmelhofreitschule ist, dann weiß ich aber auch nicht.

Gelesen : Wolf Haas – “Müll”

Urlaubslektüre II

Man soll sowas nicht einmal denken, geschweige denn laut aussprechen. Aber so eine Pandemie hat auch was Gutes. Der Herr Haas zum Beispiel, war viel spazieren, hat dabei recht viel gedacht, und dann hat er es aufgeschrieben. Und weil gerade soviel Zeit war, und weil man ja sonst auch nichts machen konnte und keine Ablenkung in Sicht, hat er an seinen Sätzen gefeilt und wieder gekürzt und noch einmal gestrichen und herausgekommen ist dann die Essenz. Wow! Wer immer den Haas lektoriert, ist eine Zierde seines Berufsstandes und darf sich nicht eins, sondern gleich zwei Fleißkärtchen nehmen. Bitte. Gerne.

Um was gehts? Der Brenner ist schon lange kein Kieberer mehr, auch nicht mehr Privataufklärer. Vielmehr arbeitet er am Mistplatz, umgeben von Müll und Wannen (zu deutsch: Containern), in die der Müll einsortiert werden soll. Und zwar richtig, so wie es draufsteht. Und nicht einfach Leichenteile hineinschmeißen. Dann muss der Brenner doch wieder ermitteln. Man möchts am liebsten in Zeitlupe lesen, damit es nicht so bald wieder vorbei ist.

Lesen! Lesen! Lesen! Und einmal noch: Lesen!

So, und jetzt ab mit euch. Zum Buche hin!

Neues aus Binsenland

Heute wünscht mir mein Teebeutel: “Mögest du in einer interessanten Zeit leben!” Mit Ausrufezeichen!

Daraus kann ich nur schließen: Der Teebeutelphilosoph, bis dato ein eher harmloses Wesen und Schöpfer kruder Binsenweisheiten, ist in der Ausübung seines Berufes wohl bösartig geworden. Weil, eine schlimmere Verwünschung findest du nit.

Seuchenprävention

Irgendwie müssen sie das in Ägypten gut hingekriegt haben. 8 maskenfreie Tage in Licht, Luft und Sonne und der Test heute negativ. Dann kann ich wohl morgen wieder ins Büro…

Gelesen : John Scalzi – “The Last Emperox” (Band 3 der Interdependency Trilogy)

Urlaubslektüre I

Entspricht voll und ganz den Erwartungen.

Das ist ein Kompliment. Auch der 3. Band ist wieder geschrieben wie der Teufel, unterhaltsam und intelligent und seit George R. R. Martin es zum Exzess getrieben hat, traut sich auch ein Scalzi, Figuren sterben zu lassen, die man als Leserin sehr liebgewonnen hat. Oder doch nicht tot? S.o.

Schade, dass eine Trilogie nur drei Bände hat, von dem Universum hätte ich gerne noch mehr gelesen. Hmmm, mal auf seinem Blog nachschauen? Lohnt sich immer: https://whatever.scalzi.com/.

Alles ned so oifach

Mein jüngeres Ich steht vor mir, das Gesicht zu einer Ekelmaske verzogen, die Hände in die Hüften gestemmt und nimmt übel. Es holt tief Luft und hält mir, in der besserwisserischen Überheblichkeit, die nur junge Menschen perfekt beherrschen, weil sie schließlich wissen, wie die Dinge zu sein haben, vor, dass ich mich u n m ö g l i c h benehme. So, sagt es, gehe das nicht. Aber gar nicht!

Also schon mal allein Hurghada. Hurghada! Quasi das Malle Ägyptens. Echt jetzt? Weißt du nicht mehr? Früher? fragt es mit feuchtglänzenden Augen. Vor über gut dreißig Jahren, als man in Kairo landete und dann mit dem Koffer, der damals noch ein Rucksack war, über die vielspurige Autobahn zum Inlandsairport rannte, um mit einer wackeligen Kleinmaschine überhaupt erst nach Hurghada geflogen zu werden? Von wo aus es nach ein, zwei Nächten weiterging? Mit Bussen mit Einschusslöchern. In Konvois. Nach Luxor, zum Nil, zu den Pyramiden, zum Assuan-Staudamm. Die Wüste? Das Rote Meer? Weißt du nicht mehr? Reisen? Abenteuer? Alles unbekannt, alles neu, alles großartig. Damals haben wir uns doch in Nord-Afrika verliebt. Und jetzt? Was machst du bloß?

Setz dich erst mal zu mir, Bienchen, sage ich. Ich darf dich doch Bienchen nennen? Nicht? Okay, also Sabine. Hast ja recht, ich habe diese Anbiederei auch nie gemocht. Noch einmal, du hast ja wirklich recht. Mit allem. Außer mit der Autobahn, es war die Umgehungsstraße, aber ja, nachts und dunkel und mit Gepäck, abenteuerlich war es schon, von hinten aufs Rollfeld zu laufen und als Anekdote klingt der Highway allemal besser. Haben wir zwei Mal gemacht, wenn ich micht recht erinnere, danach wurde die Anreise professioneller. Natürlich erinnere ich mich an die zerschossenen Busse und die Militär-Checkpoints und die dunklen Leiterschächte hinab in die Pyramiden. Die eigenartigen Dinge, die man uns zu essen und zu trinken angeboten hat und die wir alle, alle probiert haben. Den Herrn, der unserem Vater 5.000 Kamele bezahlen und uns in Gold aufwiegen wollte (hätte sich damals schon gelohnt). Den kurzfristigen Ehrgeiz, Hatschepsuts Nachfolge anzutreten (wir wären eine gute Pharaonin geworden). Den Hühnerkorb auf dem Schoß bei der Überfahrt über den Nil und das dreibeinige Zicklein, das wir dann doch nicht mitgenommen, sondern seinem Hirten zurückgegeben haben. Fremd. Spannend. Aufregend. Neu. Aber vor allem die Gerüche, das Licht, der Himmel über der Wüste, tags und nachts. Hach! Ja. Ja! Das hatten wir alles. Und oft. Und immer wieder. Und es ist mehr als ein halbes Leben her.

Und dann erzähle ich meinem jungen Ich, in der besserwisserischen Überheblichkeit, die nur alte Menschen perfekt beherrschen, weil sie schließlich wissen, wie die Dinge sind: Damals hatten wir schnell gepackt und waren dann unterwegs und es ging immer irgendwie gut. Heute muss ich an dies und das und jenes denken. Darf Medikamente, einen Sonnenhut und Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor nicht vergessen. Und dies zum Wechseln und das zum Dabeihaben. Sowie sicherheitshalber den Faltstock und was gegen Rücken. Bitte verstehe, junges Ich, ich bin jetzt ein altes Ich. Ich habe keine Reise gemacht, sondern Urlaub. 8 abgezählte Tage Auszeit. Nach nunmehr zwei Jahren Pandemie. Nein, das soll keine Entschuldigung sein, aber eine Erklärung. Ich wollte Sonne, Wasser (und das gerne in einem beheizten Pool, weil meine morschen Knochen mit warmem Wasser besser umgehen als mit kaltem) und den Luxus, dass sich jemand ums Essen kümmert, damit mir viel viel Zeit zum Lesen bleibt. All Inclusive, damit ich nicht mal für Wasser aus dem Hotel muss.

Wirklich schlimm war nur die schiere Größe der Anlage (s. a. Gerron, Kurt: “Der Ägypter baut den Touristen eine Stadt”), diese unentrinnbare Dauerbeschallung (s. a. Tucholsky, Kurt: “Im Übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.”) sowie eine überdurchschnittliche Anzahl der Anwesenden (s. a. Sartre, Jean-Paul: “Die Hölle, das sind die anderen.”) Ja, und dass der Flughafen riecht wie ein Flughafen und nicht nach Nordafrika.

Wir werden, junges Ich, auch wieder reisen. Anders als zu deiner Zeit, aber es wird schön werden. Versprochen!