Ziemlich neu im Residenztheater: Ferdinand von Schirachs “Gott”

Selten solchermaßen konsternierte Blicke gesehen, als die, die mich trafen, als ich heute im Morgenmeeting freudig mitteilte: “Gestern habe ich Gott gesehen.” Mit dem Nachsatz, dass dieser Drecks-Spahn mit seiner Blockade-Ignoranz seit nunmehr mehr als eineinhalb Jahren deutschen Bürger*innen ihr verfassungsmäßiges Recht auf die Wahl ihres Todeszeitpunkts und der Unterstützung beim Suizid vorenthält, konnte ich mich noch einmal vor der Wahrnehmung retten, ich sei von plötzlicher Religiosität befallen worden.

Da Schirachs Stück nicht viel Spielraum läßt, war Max Färberböcks Inszenierung dieses Kammerspiels mit, bis auf Evelyne Gugolz als Ärztin, einer sehr guten Besetzung auf der schlimm mageren Bühne dem Fernsehstück sehr ähnlich, siehe hier: https://flockblog.de/?p=43234. Außer, dass dieses Mal Michael Wächter den Lars Eidinger gab.

Das Publikum stimmte mit einer überwältigenden Mehrheit FÜR das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister, wenn Sie denn mit der Pandemiebewältigung und den innerparteilichen Machtkämpfen soweit durch sind, dürfen wir dann endlich mit der Umsetzung unseres höchstrichterlich bestätigten Rechts auf die freie Wahl unseres Sterbezeitpunkts rechnen? Ach? Nicht? Diese Kontroverse überlassen Sie der Nachfolgeregierung? Auch recht.

Dessous-Shopping

Es ist wieder soweit, ich brauche neue BHs. Kaufe ich noch weniger gerne als Schuhe, also informiere ich mich online, was die füllige Dame in dieser Saison so trägt.

Ich denke, das Modell unten werde ich nehmen. Was immer Federkraft in einem BH tut, für mich klingt das sympathisch. Atmen und Schwitzen kann er selbständig, dann muss ich schon nicht, und das allerwichtigste: er hat keine Felgen. Das ist doch schon mal die halbe Miete.

Die andere Hälfte ist die Reinigungsanleitung. Die guten Menschen aus möglicherweise Szechuan stellen mir frei, mit Wasser zu waschen oder den Dreck per Hand oder Maschine irgendwie rauszurubbeln. Das ist doch auf Reisen, gerade in Wüstenregionen, ein wahnsinniges Asset. Ich bin überzeugt.

Obwohl… Das Großgedruckte macht mir ein bißchen Angst. Will ich sowas wirklich?

Muss ich nicht. Die Unterlage ist schon da und alles angewachsen. Ich werde vom Kauf dann doch absehen…

Puzzle

Ich hatte vor Jahr und Tag mal einen Secherpack Socken erstanden, in hell-, dunkel- und mittel-, stein- und maus- sowie einem sehr distinkten nebelgrau, alle mit den gleichen dünnen weißen Streifen. Nun, nach etlichen Wäschen haben sich die Grautöne stark egalisiert und ich verbringe nach der Entnahme der Kleinwäsche aus dem Trockner jedes Mal eine immer länger werdende Zeit damit, sie wieder korrekt zu Paaren zusammenzufügen.

Man könnte das für eine prägeriatrische Übung oder gar Zwanghaftigkeit halten, ich verweigere mich dieser Deutung jedoch entschieden. Es handelt sich vielmehr um eine Sicherheitsmaßnahme. Neulich nämlich bin ich einem Tag in fehlfarbenen Socken entgegengetreten, wenn ich mich recht erinnere, war es eine Kombination aus hell- und nebelgrau. Und was war? Es wurde ein rechter Scheißtag.

Damit das nicht nochmal passiert: Augen auf beim Sockensortieren.

Kollegen & Kulinarik

Die eine, Nicht-Mehr-Millennial-Noch-Nicht-Gen-Z, versucht zum umpfzigsten Mal, mich für ein Abo von “Hello Fresh” zu gewinnen. Großartig sei das, schwärmt sie. Alles, was man für ein Rezept benötige, bringe einem der Bote in einem Karton nach Hause. Seien zum Beispiel zwei Gramm eines Gewürzes vorgesehen, erhalte man genau diese zwei Gramm und habe hinterher nicht etwa Restgewürz herumstehen. Und alles schmecke immer gleich.

Habe dankend abgelehnt und dem Kinde nicht erklärt, dass ihr letztes Argument mich endgültig davon überzeugt hat, doch weiter selber zu kochen. Was ist das denn für eine Kulinarik, wo ich in der Vorwoche schon wissen muss, auf was ich nächsten Mittwoch Lust habe? Mit Mahlzeiten, die immer gleich schmecken sollen? Wenn man nicht mal noch dies oder das im Kühlschrank findet und dann rumprobiert? Sich den Spaß entgehen lassen muss, beim Einkaufen neue Lebensmittel zu entdecken und ins eigene Küchenrepertoire mit aufzunehmen? (Shoe-Shopping hingegen ist Folter, das sieht sie aber nicht so.) Dass ich letztes Wochenende in meiner Küche ein Zusatzgewürzregal aufgehängt habe, weil das bisherige hinten und vorne nicht mehr reichte, das habe ich ihr lieber ganz verschwiegen…

Dann ist da noch der andere, der gleichaltrige Kollege, der mir am Tag nach meiner Ankunft stolz eine Schale Walnüsse “von deinem Lieblingsbaum” kredenzte. (Ich hatte im vorletzten Jahr, als Reisen in den Hunsrück noch normal war, eine Auswahl von drei verschiedenen Bäumen verkostet.) Garniert war sie mit einer Kollektion Peperoni in den Schärfegraden von “geht noch” bis “bloß nicht ohne Handschuhe berühren”, “weil du doch so gerne experimentierst” sowie der “wirklich allerletzten Tomate aus eigener Zucht für dieses Jahr”. Hach! Ein Mann nach meinem Geschmack, aber leider schon in jungen Jahren vergeben. “Ich habe nicht nur meine Frau, sondern auch siebzig Obstbäume geheiratet.”

Ja, und da ist noch der Kollege, der, wie er selbst sagt, “erblich belastet” ist und dessen Familie schon in der vierten Generation Obstbrände herstellt. In der Kollektion von Mirabelle, Apfel, Zwetschge und Birne war letztere die Allerallerbeste und ich bin ihm sehr zu Dank verpflichtet, dass ich von den streng gehüteten letzten beiden Birnenflaschen mein Urteil mehrfach hinterfragen und bestätigen durfte.

Falls wer fragt: Nein, die saufen da im Hunsrück nicht schon tagsüber. Der gute Mann, ach was, der sehr gute Mann hatte ein paar Flaschen zum Betriebsfest mitgebracht.

Herbst im Industriegebiet

Er ist da und läßt sich nicht mehr leugnen. Fleecejäckchen werden wieder zu ständigen Begleitern, die morschen Knochen mäkeln wg. kalt&feucht und an den Hängen der Autobahn stehen freundlichen Bäume in Flammen und leuchten den Hunsrückrückkehrern heim.

Auf den Straßen des Gräfelfinger Industriegebiets tanzen wirbelnd Windsbräute und zupfen den einen oder anderen Gelben Sack aus den lässlich aufgetürmten Stapeln. Sie treiben ihn noch ein wenig weiter, bis er endlich doch bricht, und seine Inhalte befreit ihrerseits kleine Tänzchen wagen. Und schon stürzen Schwärme erstaunlich fetter Elstern vom Himmel und hacken die harten Schnäbel in ihre Lieblingsbeute: metallisch glänzende Kaffeekapseln.

Das wird ein Hurra werden, nachher im Nest, wenn feierlich der neue coole Wandschmuck angebracht wird.

Grüße aus Bad Segeberg

Immer, wenn diese schreckliche Reklame morgens beim Zeitunglesen hochpoppt, denke ich daran, wie Mario Adorf Winnetous Schwester über den Haufen schießt und beginne den Tag dann doch mit einem Lächeln.

On the Road again

Nichts zeigt den Wechsel der Jahreszeiten deutlicher, als in regelmäßigen aber langen Abständen immer dieselbe Strecke zu fahren. Heute nämlich war eigentlich alles wie immer, wenn wir uns um 06:00 Uhr früh treffen, um in den Hunsrück zu reisen. Ich war vom viel zu frühen Aufstehen noch arg müd und maulfaul, mein Fahrer auch. Aber die Nacht war immer noch rabenschwarz und kohlendunkel und die Fahrt mußte schon über eine Dreiviertelstunde dauern, bis endlich am Wegrand die ersten Konturen in Hellerdunkelgrau vor Dunkeldunkelgrau zu erahnen waren. Bis sich dann endlich wirklich Feld, Wald, Wiesen und Windräder zeigten, waren wir schon eineinhalb Stunden unterwegs und standen bereits im ersten von vielen Regenstaus.

Das muss doch alles nicht sein. Eine schöne Durchschnittstemperatur von 30° C tagsüber mit vielen vielen hellen Sonnenstunden, und nachts zwischen zwei und vier ergiebige Landregenfälle, dazwischen immer mal ein Lüftchen – und ich wärs zufrieden und würde das Wetter nie mehr erwähnen. Na, Frau Wetterfee – haben wir einen Deal?

Nicht zu Ende gelesen: M. John Harrison – “The Sunken Land begins to rise again”

Wer immer den Goldsmiths Prize vergibt, hat ihn im Corona-Jahr 2020 auf dieses Buch geworfen. Man lese, so wurde mitgeteilt, ein Porträt des wässrigen post-Brexit Britanniens, gleichermaßen verstörend wie entlarvend. Ich habe, bis ca. zur Hälfte, nur die Geschichte einer sehr disfunktionalen Beziehung sowie irgendwie draufgepfropften viktorianischen Grusel gefunden und beides hat mich nicht interessiert. Aber wo die Kritik recht hat, hat sie recht: Das Wetter ist durchgehend mies.

Nicht lesen.

Fremdbild

Neulich hat mir ein ausländischer Herr von Deutschland vorgeschwärmt. Wie gut dieses mein Land doch organisiert sei. Und wie gut und gerecht die Gesetze und wie anständig und fair die Justiz. Wie zuverlässig und ehrlich die Menschen. Wie nicht korrupt die Politik und so weiter und so fort…

Ich war sehr hin- und hergerissen.

Sollte ich ihn jetzt mit Beispielen, gerade aus der jüngeren Vergangenheit, darüber belehren, dass er da mit einer sehr rosaroten Brille guckt? Dass wir alle sehr verblüfft waren, dass viele der Attribute, mit denen wir dieses unser Land früher beschrieben hätten, uns derzeit nicht mehr ganz so zutreffend scheinen? Oder den Schnabel halten und mich einfach freuen, dass auch dieses nicht mehr so supergut organisierte Deutschland mit seinen Finanzskandalen, seiner nicht vorhandenen Digitalisierung, Männern wie Scheuer und Laschet und Frauen wie Weidel, verpennter Klimapolitik und der vollkommenen Ignoranz der Politik gegenüber den Bedürfnissen nichtwählender Kinder und Jugendlicher immer noch viele Male besser ist, als das Herkunftsland meines Gesprächspartners?

Habe schließlich das Thema gewechselt und über die großartige Küche und Poesie seines Heimatlandes gesprochen. Schmeicheln lenkt ab.