Aufi muas i

Wir haben ja hier in der Wohnanstalt finkelfunkelniegelnagelneue Aufzüge bekommen, die den Auflagen hinsichtlich Barrierefreiheit genügen dürften und außerdem zu ihren Fahrgästen sprechen. Mit einer ganz entsetzlich sympathischen weiblichen Stimme (diese Modell “Plombenschmelzer”, wenn ihr wißt, was ich meine), die nun darüber informiert, in welchem Stockwerk wir uns befinden und in welche Richtung es geht, nach oben oder unten.

Besonders, wenn sie “Aufwärts” sagt, hat sie sowas jubelndes, positiv bestärkendes im Ton, dass ich mich jedes Mal, wenn ich das höre, dabei ertappe, dass ich die Mundwinkel nach oben verziehe. Doch nicht alles schlecht, in diesem unserem Lande…

Wiedergelesen: Paolo Bacigalupi – “Windup Girl”

Der Titel der deutschen Übersetzung ist “Biokrieg” – damit läßt sich der Inhalt leichter nachvollziehen. Es geht um eine Erde in einer Zeit nicht lang nach der heutigen: die fossilen Rohstoffe sind aufgebraucht, die Welt wieder in Nationalstaaten zersplittert, in denen jedem sein eigener Stamm der nächste ist und “Fremde” nicht eingelassen, vertrieben und getötet werden. Der prosperierendste Markt ist der mit Kalorien, also gentechnisch veränderten Lebensmitteln, deren Saatgut teuer, anfällig, aber dafür auch nur einjährig und in der nächsten Saison noch teurer ist und dessen Schädlinge im selben Labor entwickelt werden. Die Geschichte spielt in Thailand, in einem Bangkok, das sich, im Gegensatz zu vielen anderen Staaten in Asien, schon früh mit hohen Seewällen und Deichen gegen die steigenden Ozeane abgesichert hat und durch eine radikale Quarantänepolitik (niederbrennen und töten) die vielen mutierten Krankheitserreger, die Flora und Fauna (inkl. der Menschen) befielen, weitestgehend ausmerzen konnte.

Ich hatte das Buch das erste Mal kurz nach seinem Erscheinen im Jahre 2009 gelesen und jetzt beim Wiederlesen mit Grauen festgestellt, dass wir dieser Zukunft einfach nur näher gekommen sind.

Man sollte Bacigalupi unbedingt lesen! Lesen! Lesen!

Morgen, halb sechs, auf meinem Balkon

Die Guruh-Guruhs rücken an. Einzeln und in Kleingruppen. Wenn sie da sind, machen sie “guruh-guruh”. Einzeln und in Kleingruppen. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, stehe auf und gehe scheuchen. Einmal, zwei Mal, fünf Mal. Dann sind sie genervt und suchen sich einen anderen Balkon zum Krachmachen.

Wenn ich Glück habe, finde ich danach noch einmal in den Schlaf. Widrigenfalls bin ich den Resttag über genervt. Das mag ich nicht.

Darum werden nächste Woche Fähnchenketten und Windschläuche und Glitzervorhänge installiert. Vielleicht hilfts ja.

Nach den Ferien ist vor den Ferien

Als Rentnerin muss man seine Freizeit sorgfältig planen, nicht, dass einem da Termine durcheinander geraten. Deswegen informiere ich mich am besten schon jetzt, wohin die nächste Reise führen könnte, richtig?

Island vielleicht? Secret Escapes hätte da einen interessanten Vorschlag:

Oder doch dem Lauf eines großen europäischen Flusses bis nach Asien folgen?

Frage

Werden Augenlider mit den Jahren eigentlich durchlässiger? Ich frage, weil ich bis letztes Jahr wenig alberner fand als Schlafbrillen und inzwischen jeden Morgen zwischen Traum und Tag nach meinem nunmehr an der Lampe hängenden schwarzen Ungetüm taste, weil ich zwischen den lärmenden Guruh-guruhs und dem grellen Neuenmorgenlicht nur noch mit bedeckten Augen noch etwas Schlaf finde.

Da Capo. Gestern Abend im Residenztheater: “Cabaret”

Das habe ich nun davon: ich hatte so sehr von der Inszenierung geschwärmt (s. https://flockblog.de/?p=53064), dass ich mit einer Freundin einfach ein zweites Mal reingegangen bin.

Gute Entscheidung.

Gestern konnte ich mich, weil der Reiz des ganz Neuen weg war, auf Details fokussieren und habe so vieles erst richtig gesehen, und vor allem Cathrin Störmers Fräulein Schneider als Interpretin von Chansons, die eines Kurt Weill würdig sind, erst wirklich zu schätzen verstanden. Kann darüber hinaus berichten, dass sich Vincent zur Linden nicht aus- sondern vielmehr nach und nach zum unformierten SA-Kerl umgezogen hat.

Wer Zeit hat, gehe hin. Man sieht die Vorstellung mit Gewinn.

Mann, Denic!

Da lasse ich meinen flockblog und mein e-mail-Konto eigens in Deutschland hosten und nutze eine .de-Domäne und nicht eine internationale und dann? Komme ich gestern vom Theater heim, will über die Vorstellung bloggen und der flockblog ist down und mein e-mail-Konto auch nicht zu erreichen.

Das Problem scheint behoben (obviously). Aber dass mir das nicht wieder vorkommt, Herrschaften!

Gestern Abend in der Therese-Giehse-Halle: “Anna, Mascha und Julia – (K)ein Stück von Tschechow”

Ich hatte diesen Besuch der Jahrgangsinszenierung der Otto Falckenberg Schule an eine Freundin verschenkt und gestern war nun der dritte Anlauf, weil bei den ersten beiden Malen VERDI streikte und weder Publikum noch Schauspieler mit Öffentlichen Verkehrsmitteln ins Theater gekommen wären. Die Dreizahl gilt als gutes Omen und dem war auch so: die U-Bahn fuhr, als wäre sie nie bestreikt worden. Wenn jetzt auch noch die Inszenierung gut gewesen wäre, hätte es ein perfekter Abend werden können. Steht im Programmheft: Lizzy Timmers (Regie) ist Performerin und Regisseurin und war bis 2024 künstlerische Co-Leiterin am Theaterhaus Jena. Durch ihre Arbeitsweise schafft sie es, die individuellen Interessen und Fähigkeiten aus den Spielenden hervorzuholen und sie zu einer humorvollen und ansteckenden szenischen Reise zu verbinden.

“Ansteckend”. Aha. Dann schauen wir mal. Die Bühne ist ein silbrige Scheibe, aber, wie die Darsteller mehrfach während des Stücks bedauernd anmerken, keine Drehbühne, darüber ein großer dicker Mond, der später in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden wird. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen der Symbolik, nämlich. Als Versatzstück gibt es noch einen Hocker, den man sich gelegentlich bei der Dame, die die Inszenierung auf der E-Gitarre begleitet, entleihen kann. Die junge Truppe hat sich vorgenommen, die Essenz des Werks Anton Tschechows zur Aufführung zu bringen, also der Stücke Kirschgarten, Möwe und Onkel Wanja sowie die Erzählung von der Dame mit dem Hündchen und dabei die Fragen zu klären: Was bedeutet es, zu schwach zu sein, um das Leben zu leben, von dem man träumt? Wie steht es um Abhängigkeiten, wie schafft man es loszugehen? Werde ich das richtige Leben gelebt haben? Ehrgeizig, aber schauen wir mal.

Als Rahmenhandlung werden der Dichter selbst (Luis Brunner, fad, fad und fad – der wäre, so wie sein Tschechow angelegt ist, selbst der durchschnittlichen Schwiegermutter zu langweilig) sowie seine sich für ihn, seine Karriere und seine Nachlaßverwaltung aufopfernde Schwester Mascha (Antonina Gruse) als quasi moderierende Erzähler etabliert und dann springen wir zu Onkel Wanja, der hier ohne Grund und ohne Erklärung eine Tante ist (Katharina Salzberger). In diesem, ich nenne es einmal in Ermangelung einer besseren Idee, Kapitel, besticht Anna Luster als immer nur zu kurz kommende und unerfüllt liebende Sonja. In einem kurzen Exkurs darf sie mit Stabpuppen spielen – leider reichen weder Zeit noch Beleuchtung, von den Figuren mehr zu erkennen als den Hulk und den Munch’schen Schreienden. Hätte eine hübsche Idee sein können, verläuft aber leider im Sande. Gegen Ende dieser Einheit kommt es zu einer Art Schlammcatchkampf zwischen Sonja und Mascha, bei dem der bemerkenswerte Satz fällt: “Ich bin dein Bison.” Darüber hinaus keine besonderen Vorkommnisse.

Nun sind wir bei der Möwe angekomme. In diesem Kapitel sollen, glaube ich, Sinn, Zweck und Bedeutung von Kunst verhandelt werden, weswegen die arme Samira Isa Benhane im feuerroten Overall einen eigenartigen Ausdruckstanz abhüpfen muß, zum zweiten Mal viel Trockeneisqualm auf die Bühne geblasen und schließlich die Möwe erschossen wird. Anschließend liegen Federn und Staniolpapierstreifchen (ja, damit sind Möwen traditionell gefüllt) auf der Bühne und es werden diese denkwürdigen Dialogzeilen aufgesagt: “Du bist meine Möwe!” – “Ich glaube, ich hab einen Vogel.” Dankenswerterweise trägt meine Begleiterin eine Armbanduhr. Hah, sieht gut aus, wir müßten schon weit über der Halbzeit sein. Pause gibt es keine.

Flugs zur Dame mit dem Hündchen, das, ich nehme an, weil es halt im Titel vorkommt, von einem der jungen Männer schnell vorgehechelt und eng an die Dame gepresst “gespielt” wird. Fürs Merkbuch habe ich aus dieser Sequenz folgenden tiefsinnigen Spruch notiert: “Wenn man nachts wach liegt, liegt es daran, dass man nicht schläft.”

Kirschgarten. Wir sind beim Kirschgarten angekommen, dem letzten Stück. Wieder habe ich meine helle Freude an Anna Lusters ruinierter aber rettungslos ignoranter Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Wie die ihre Figur auf dem Vulkan tanzen läßt… die kann was, die wollen wir uns merken! Als ihr Gegenspieler steht ihr Luca Lauris Leverenz (was ein Künstlername!) als neureicher Lopachin ebenbürtig gegenüber. Aber es geht auch hier nicht gut aus. Wie? Nein, dieses Mal kommt kein Vogel zu Schaden. Nur Bäume.

Dafür, dass die jungen Leute eigentlich am Ende ihrer Ausbildung stehen, ist bei einigen, vor allem bei den jungen Männern, doch noch viel Optimierungspotential. Arg viel, wie ich finde. Auch haben ihnen Regisseurin und Dramaturgin bei der Bearbeitung des Stücks keinen Gefallen getan. Man kann beim Publikum nicht die umfassende Kenntnis von Tschechows Œuvre voraussetzen, die diese Bühnenfassung verlangt. Menschen, die ins Theater gehen, um sich unterhalten zu lassen, haben ein Recht darauf, mehr an der Hand genommen zu werden, als es hier der Fall ist. Dafür lernt man doch die Schauspielerei – nicht erklären. Zeigen.

Aber immerhin habe ich gelernt, dass auf den Bühnen des Rußlands des ausgehenden Zarismus mehr Tee getrunken worden sein muß als in allen britischen Gesellschaftsdramen zusammen. Ist doch auch was.