Vorhin beim Einkaufen

Man brauche, sagt die fast neunzigjährige seit vorletztem Jahr verwitwete Nachbarin, ja nach den langen Feiertagen auch mal wieder “was frisches” und packt Salat zu den Orangen im Wagen. Nebenher erkundigt sie sich nach meinem Wohlergehen. Nachdem wir das abgehandelt haben, frage ich sie. Weihnachten, sagt sie, sei schön gewesen. Der Heilige Abend “mit allen” bei ihr, der erste Feiertag beim einen Kind, der zweite beim anderen, immer habe man sie geholt und gebracht und insgesamt eine schöne Zeit miteinander gehabt. Heute Nachmittag werde sie mit einer Freundin ins Café gehen.

“Wissen Sie”, sagt sie, “ich habs gut. Ich bin nicht allein.” Da will ich erfreut zustimmen, irgendeine Floskel, die aussagen soll, dass das in ihrem Alter doch ziemlich großartig sei, weil geistig und körperlich fit und Menschen um sich und… aber sie ist noch nicht fertig. “Allein”, sagt sie, “bin ich nicht. Aber halt einsam.”

Autsch.

Früher war alles besser

Ich spreche von Zeiten, in denen Korrektoren in gedruckten Zeitungen Sprachwache gehalten und sowas verhindert haben:

„Die Ble-
chelse spricht“

Grauer Himmel und Sprachverhunzer am Werk. Tsss, tsss, tsss. Ich glaube, ich kaufe mir jetzt ein Meckerkissen und lege mich zum Weiterschimpfen mit verkreuzten Armen ins Fenster.

Noch in der Mediathek: Tatort München – “Das Verlangen”

Miss Batic und Miss Leitmayr versuchen im Residenztheater herauszufinden, warum eine junge Schauspielerin während einer Aufführung von Tschechows “Möwe” tot zusammengebrochen ist.

Der wohlwollende Zuschauer bekommt ein Kammerspiel, inklusive einer Führung durch den Bauch des Hauses und die Kammern und Kämmerchen all derer, die im Hintergrund dafür sorgen, dass eine Vorstellung läuft. Außerdem klassische Zitate, vom genannten Tschechow über Shakespeare (“Die ganze Welt ist Bühne”, weil origineller geht es nicht), theaterwissenschaftliche Analysen und, halloho Theater, Intrigen, Ränke, Kabalen. Dem weniger wohlwollenden Zuschauer ist langweilig.

Ich fand die Episode recht nett, wenn auch etwas hausbacken. Vor allem den Schluß, wo alle Beteiligten auf der Bühne versammelt werden, um der Entlarvung des Täters beizuwohnen. Aber darüber sehe ich nicht zuletzt deswegen großzügig hinweg, weil das Ensemble des Resi auch dabei war und das mag ich.

Kann man anschauen.

Aus dem Vokabelheft

Ich bin Boomer. Ich darf also statt “ROFL” auch in einer Textnachricht ausschreiben, dass ich vor Lachen am Boden liege.

Die Autorkorrektur ist noch jung und meint es gut und teilt der Empfängerin meiner Nachricht stattdessen mit, ich läge am “Bodensee”.

?

Buchstabiene*

“Santa” schreibt mir ein Mitglied der Verschwörungstheoretikerbranche, sei ein Anagramm für “Satan” – ich möge also, gerade zur Zeit, recht aufpassen. Mach ich, ich suche eh jeden Morgen eine Inspiration für mein Fünfbuchstabenstartwort für Wordle. Dankeschön.

Übrigens: ATLAS ist ein Anagramm für SALAT. Ist auch lustig.

* Der Titel ist geklaut. So heißt ein Wörterrätsel in der ZEIT. Ist aber hier so hübsch und passend, dass ich ihn als Hommage verstanden haben will.

Gelesen: Niels Schröder – “20. Juli 1944; Biographie eines Tages”

Vorrede: Mit dem Begriff “Graphic Novel” wird oft Schindluder getrieben.

Und nun zu Schröders “Biographie” des 20. Juli. Schon der Titel soll gescheit klingen, ist aber Schwachsinn. Eine Biographie ist, laut Duden, die “Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person” bzw. der “Lebenslauf, Lebensgeschichte eines Menschen”. Nix Tag. Weiter. Schröder bebildert geschichtliche Fakten und zwar nicht mit Fotos, sondern mit selbstgemaltem. Das ist hübsch, macht sein Werk jedoch nicht zu einer Graphic Novel, sondern zu einem vermeintlich leichter lesbaren Geschichtsbuch mit Bildern. Hmmm.

Er erlaubt sich darüber hinaus dichterische Freiheiten, wie zum Beispiel einen Einblick in die Gedanken des in Plötzensee eingesperrten SPD-Politikers Julius Leber, über dessen Haupt eine “Denkblase” wabert, in der zu lesen ist: “Hoffentlich gelingt es Stauffenberg bald, Hitler zu töten. Seit dem KZ bin ich zwar hart im Nehmen. Aber die Foltermethoden dieser Verbrecher werden zunehmend unangenehmer…”. Jetzt aber mal ehrlich: Folter mit dem Adjektiv “unangenehm” in Verbindung zu bringen ist bestenfalls ungeschickt – und dass es niemandem auffällt, nicht beim Korrekturlesen, nicht dem Lektorat, ist einfach nur armselig.

Der ganze Band umfaßt 133 Seiten, davon sind nur zwei kurze Abschnitte dem Genre Graphic Novel zuzuordnen, und das auch nur, wenn der Leserin gerade sehr wohlwollend zu Mute ist. Der erste ist die graphische Darstellung des Gedichts “Der Widerchrist” von Stefan George, der zweite die Hinrichtung der Wiederstandskämpfer im Bendlerblock. Endlich stimmt einmal das Zusammenspiel zwischen Bild und Text und macht daraus mehr als die Summe ihrer Teile.

Man verstehe mich nicht miß, die Intention hinter dem Buch war bestimmt gut. Schröders Zeichnungen sind gute Abbildungen von zeitgenössischen Fotografien, er hat sich mit der Recherche viel Mühe gegeben und einen umfangreichen Anhang mit Personenglossar und Literaturliste zusammengetragen. Wie gesagt: sehr gut gemeint. Aber gar nicht gut gemacht. Sollte die Zielgruppe noch im Schulalter sein, dürfte sie auf dieses als “Comic” schlecht getarnte Lehrbuch schon nicht mehr hereinfallen. Für Erwachsene ist es schlicht Etikettenschwindel.

Sehr bedauerlich, arg schad, die Idee war gut. Vielleicht kann jemand anderer mehr damit anfangen. Steht ab morgen im roten Bücherschrank bei der Feuerwehr.

Der Dienstags-Josh

Ich hatte mich ja schon mehrfach sehr lobend über Josh Johnsons Stand-up Comedy geäußert und freue mich an jedem zeitverschobenen Mittwochmorgen auf seine neueste Show. Dieses Mal hat er sich das Vanity Fair Interview mit Susie Wiles, der Stabschefin des Weißen Hauses vorgenommen und erheitert das ganze Internet mit seiner kritischen Bildanalyse.

Falls wer eine Dreiviertelstunde Zeit hat: Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Aus dem Vokabelheft

Neulich, bei der neuen Physiotherapeutin aus Sehr-Bayern werde ich, während ich mich aus meinen Winterkleiderschichten schäle, schon ermahnt, ich möge doch nicht so “herumzinseln”, sondern “amoi dahimachen”. Die Bedeutung der Begriffe liegt nahe, ich lasse mir aber, endlich auf der Liege angekommen bestätigen, dass ich nicht trödeln (“trietschln”) sollte, sondern mich ranhalten.

Gut. Haben wir das gelernt. Dann widmet sie sich der widerlich “verbackenen” Stelle in meiner rechten Wade, nicht ohne sich über meine trockene Haut zu beschweren. Die müsse sie erst einmal “ospeckeln”, bevor sie daran arbeiten könne. Andere hätten von “eincremen” gesprochen, aber das ist natürlich nur halb so hübsch.

Immer, wenn du denkst, du bist schon mehrsprachig…