Lichtscheu

Die einen diskutieren Singularity und machen Notizen in ihre dicken Klassen, ein bißchen weiter weg belästert eine Gruppe junger Frauen den gesamten Lehrkörper ihrer Anstalt. Andere besprechen ihre Gewissensnöte. Darf man für den “dringend nötigen” (nach d e m Jahr, ey) Scuba-Urlaub auf den Malediven “CO2 rausschmeißen” und nebenzu mit großem Genuß einen Monsterburger schlemmen, wenn man dazu die magische Formel “sonst essen wir ja kaum mehr Fleisch” spricht? Es scheint zu helfen. Wenn man noch das schlechte Gewissen zu “Eco-Conscience” anglisiert und den komplizierten Begriff häufiger zu Munde führt, ist alles wieder im Lot. Allen geht es sichtbar gut.

Es gibt auch gewiß Schlechteres, als mit weit getropften Pupillen und trotz Sonnenbrille sehr lichtempfindlichen Augen sein Abendmahl im schattigen Innenhof des Atzinger zu nehmen und dabei, soweit das halt gerade geht, Leit zum Schaug’n.

Ach Mönsch

Ein bisschen enttäuscht war ich schon, als mir der türkische Lebensmittelhändler eben Kamelhoden anbot und mir dann statt der erwarteten Proteine einen extrem zuckerhaltigen Kaugummi in die Hand drückte.

Andererseits: er hat nicht gelogen. Honi soit qui mal y pense.

1. Sieger

Im Wettbewerb “Wieviele Ressentiments lassen sich in einer Schlagzeile unterbringen” geht wieder einmal die BILD-Zeitung als ungeschlagener Sieger hervor.

Lass mal zählen: Greenpeace, quasi die Urahnen der Klimakleber. Pilot, hah! Wer sich so ein Hobby leisten kann, der muss doch mindestens Arzt sein. Eben. Hat auf unsere Kosten studiert und nun stört er das einfache Volk beim Fußballgucken (Allianz-Arena). Aber Rumjammern. Weichei.

Wie ich dem Artikel entnehme, touchiert Kai von S., der noch dazu adlige Gleitschirmflieger (sowie Flop-Flieger, Chaos-Pilot und Aktivist) bei seiner schiefgegangenen Aktion zwei (ganz bestimmt unbescholtene und fleißige) Arbeiter auf den Zuschauerrängen, einen Ukrainer (42) und einen TV-Techniker (36) aus Frankreich.

Wenn das BILD nicht zur letzten Bastion der sozialistischen Internationale macht, dann weiß ich aber auch nicht. Oh Mann.

Gelesen: Gabriele Tergit – “Vom Frühling und von der Einsamkeit, Reportagen aus den Gerichten”

Die Bücherverbrennung* der Nazis haben viele Autoren und ihr Werk nicht überlebt. Gabriele Tergit ist eine von ihnen. 1933 nach einer SA-Razzia gerade noch aus Deutschland entkommen, war sie eine der interessantesten Stimmen der Weimarer Republik, nicht zuletzt als Gerichtsreporterin.

Ich hatte sie, wie viele Menschen, vor ein paar Jahren “entdeckt”, als ihr Familienroman “Effingers” wieder neu aufgelegt worden war und war rückhaltlos begeistert (s. https://flockblog.de/?p=45397). Ihr Berlin-Roman “Käsebier erorbert den Kurfürstendamm” (s. https://flockblog.de/?p=45397) ist sehr im Augenblick verhaftet, der hat mich mehr als zeitgeschichtliches Dokument und weniger literarisch beeindruckt. Diese Gerichtsreportagen jedoch: huiuiui!

Ein eindrücklicheres Spiegelbild einer Gesellschaft kann es gar nicht geben, als die Beschreibung dessen, was ein Verstoß gegen deren Ordnung sein soll. Es ist grausig, wie sich die ersten Berichte über verhandelte Straßenschlägereien zwischen den Braunen und den Roten zu Beschreibungen von Schnellgerichten verändern. Wie Mundraub zum Landfriedensbruch umgemünzt wird, weil es keine Banden hungriger Kinder geben darf. Dass der unsägliche §218 schon damals Frauen auf die Küchentische von Engelmacherinnen getrieben hat.

Tergit schreibt sehr literarisch, das ist vielleicht gut, weil es extrem einprägsam ist. Die Herausgeberin Nicole Henneberg hat ebenfalls gute Arbeit geleistet und hilft den zeitfernen Nachgeborenen mit einem ausgezeichneten Glossar und einem klugen Nachwort. Trotzdem sind die Reportagen keine leichte Kost. Sollten aber gelesen werden. Also los.

Wer mehr aus dieser Ecke kennenlernen will, dem sei Peggy Parnass empfohlen (Peggy Parnass, “Prozesse”, erschienen bei Rasch und Röhring), die Gerichtschronistin der Siebziger, die Zeit, in der ich als Heranwachsende dabei war oder Pieke Biermann “Der Asphalt unter Berlin: Kriminalreportagen aus der Metropole”, Pendragon, 2008.)

* Wer mehr dazu wissen will, lese Jürgen Serkes gründlich und umfänglich recherchiertes Buch “Die verbrannten Dichter”.

Mein persönlicher Theatersommer… LSG Ergoldsbach, Niederbayern: “Die göttliche Komödie”, Uraufführung – Nachtkritik

Mei, war des scheee!

Götter, Gräber und Gel…, Ach Quatsch: Götter & Göttinnen, Halbgötter und -innen, Nymphen, Helden, Sterbliche, bunt durcheinander. Aber egal, wie hoch oben in der olympischen Hierarchie, es menschelt allerorten.

Ernst Baumanns wunderbarer Zeus, ein Meister (wenigstens) lüsterner Blicke kriegt einfach seine ungebrochene Lust auf andere Frauen nicht in Einklang mit den Treue-Ansprüchen seiner Göttergattin Hera (Antje Haschke). Dabei will er doch nur Ruhe und Frieden daheim sowie gleichzeitig alles, was an Nymphen (ganz herrlich Emma Grieger, Birgit Butz, Susanne Dachs (für sie noch eine extra lobende Erwähnung für den Frust als verfluchte(s) Echo) nicht bei drei auf dem Baum ist.

Hermes (Moritz Windstoßer, was für eine Stimme, was für eine Bühnenpräsenz), Götter- und Paketbote, darüber hinaus Einlader, Kuppler, Sterblichen-Beschaffer sowie ganz allgemein schlichtweg zuständig und bloß am Rennen, kommt gar nicht nach, um die Macken des Chefs und – natürlich – Papas, irgendwie auszubügeln. Er macht das großartig. Hut ab.

Nicht, dass seine samt und sonders Halbgeschwister Athene (Sandra Samborski), Artemis (Amelie Windstoßer), Persephone (Nicole Schulze), Aphrodite (Miriam Scheidl), Apollo (Michael Reisinger, ein Barde, eines Troubadix würdig) und Dionysos (Sylvia Ammer, ein großer Spaß) auch nur einen guten Faden am Leib hätten – es scheint vielmehr, als hätten sie alle ihre schlechten Eigenschaften von Big Daddy Zeus geerbt.

Worum es geht? Zeus hätte gerne mit einem der Nymphchen einen weiteren Bastard gezeugt, jedoch weissagt das Online-Orakel von Delphi, gleich nach der Werbung für griechischen Wein und Drei-Götter-Taft, dass Thetis’ Sohn seinem Erzeuger überlegen sein werde. Das ist es dem Göttervater nun doch nicht wert und drum schickt er Hermes aus, einen sterblichen Gatten (sehr hübsch in seiner Verwirrung David Dauksch) für sie zu finden.

Zur Hochzeit wird die böse Fee, im olympischen Kontext die Göttin der Zwietracht, Eris (schön diabolisch Sabine Nückel) nicht eingeladen, kriegt das aber mit und kommt doch. Mit einem ganz besonderen Geschenk. Ein goldener Apfel, “für die Schönste”. Natürlich schlagen sich die Göttertöchter gleich um den Titel. Also ruft Zeus den “Miss Olymp”-Wettbewerb aus, verdichtet das Teilnehmerinnenfeld auf Hera, Athena und Aphrodite und schickt Hermes los, wieder einen Sterblichen als Schiedrichter zu besorgen. Das ist der dümmliche Hirte, wenn auch Königssohn Paris (Roman Waas), dieser erweist sich als bestechlich (Macht? Nein. Weisheit? Erst recht nicht. Die schönste aller Frauen? Aber hallo!), Aphrodite bekommt das Obst und schon geht die ganze Geschichte mit dem Trojanischen Krieg los. Dieses Stück ist derweil aus und hat viel Spaß gemacht.

Großes Komplement dem Regisseur Robert Ammer, nicht zuletzt für die ausgesprochen gelungene Musikauswahl. Außerdem den Bühnenbauern für dieses wunderschön gelungene Bühnenbild, der Technik für den Zeus’schen Blitz und Sylvia Ammer für die sagenhaften Kostüme. Macht ihr nur so weiter.

Eine Woche im Hunsrück oder Nichts passiert, aber davon jede Menge

  • Montag. Abendessen beim neuen Griechen im Ort. Der Herr vom Nachbartisch auf die Frage des Wirtes, ob es denn wohl geschmeckt habe: “Es war sehr gut. Und so viel. Ich hätte beinahe gekotzt.”
  • Dienstag. Bei einem Lehrbuben naht das Ausbildungsende und die davor gesetzten Prüfungen. Und? Wie sieht’s aus? Wird er es schaffen? Der Ausbilder ist zuversichtlich. Wird er, wenn er sich jetzt “ordentlich auf den Hodenboden setzt”.
  • Mittwoch. Die Kollegin übt Kritik an einem Mitarbeiter, denn “der dreht bei Mäusesachen durch wie’n Elefant”.
  • Donnerstag. Bin von der Frage: “Was ist deine Lieblingsfarbe im Alphabet?” hoffnungslos überfordert und fahre wieder heim.

Ein Algorithmus, wo keiner mit muss

Warum mir dieser Film (“Wolves of War”) aufgrund meines bisherigen Sehverhaltens als sehenswert empfohlen wurde, wird ein Geheimnis des auswählenden Algorithmus bleiben.

Aber das untertitelte Szenenfoto, das fand ich schon lustig. Danke.

Gelesen: Madeline Miller – “Circe”

Circe? Ja, das ist die, die wir aus Homers Odyssee kennen. Die, die Männer in Schweine verwandelt.

Das tut Millers Circe auch, aber nur mit Männern, die es auch verdienen – quasi eine Me-Too-Geschichte aus der Antike mit angeschlossener Selbstjustiz. Nach 400 Seiten, gut geschrieben, phantasievoll und spannend habe ich gelernt, dass man es als Halbgöttin nicht leicht hat, in einer Welt, in der die “alten” Götter noch nicht ganz durch sind mit ihrem Kampf um die Vorherrschaft, Mischwesen aller Art Wasser, Luft und Land bevölkern und dann auch noch Sterbliche. Der Mensch an sich, das personifizierte Durcheinander.

Miller, eine gelernte Historikerin, läßt ihre Heldin alle vorstellbaren Qualen und Freuden durchleben, ganz im Sinne des Geheimen Rats aus Weimar*. Dabei mögen die Götter sie gar nicht. Aber ihre Autorin mag sie, und läßt daher auf ein gutes Ende hoffen. Mehr sag ich mal nicht, soll doch jeder und jede selber lesen.

Zu Miller und ihren Romanen demnächst mehr. Ich glaube, ich höre vorerst mit den Roman-Interpretationen antiker Nebenfiguren (meist Frauen, denn von den Männern wissen wir seit Homer genug) erst einmal wieder auf. Es besteht ein Risiko von Übersättigung.

* Johann Wolfgang von Goethe, 1777:

Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.