Head cold

Der gemeine Angelsachse bezeichnet eine Erkältung, deren Symptome sich am Kopf zeigen (Nase läuft, Hals schmerzt etc.) als “head cold”, wenn es aber tiefer geht, und Bronchien und/oder Lunge betroffen sind, spricht er von “chest cold”.

Jetzt, wo wir das geklärt haben, komme ich zu meinem eigentlichen Thema. Mir ist kalt. Überall. Ich mag keine Mützen und habe genug Haare auf dem Kopf (ja, auf den Zähnen auch, aber das ist schon wieder ein anderes Thema), als dass der warm bleibt und ich auch nie ein brauche. Eigentlich. Außer jetzt in den letzten Tagen, wo mir, wenn ich denn schon mal raus gehe, sehr ungern, wie ich betonen möchte, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren, die Kopfhaut friert. Gar kein schönes Gefühl, Mensch. Deswegen, jawoll, ist mein head cold.

Herrje, einen größeren Beschiss als den Begriff “Global Warming” gibt es wirklich nicht. Oder?

Gelesen: Agustín Ferrer Casas – „Mies – Mies van der Rohe. Ein visionärer Architekt“

Casas, selbst Architekt, zeichnet das Leben des “Weniger ist mehr”-Bauhaus-Giganten Mies van der Rohe in dieser Graphik Novel in den sehr klaren Linien des Meisters. Dafür verläßt er den engen Rahmen vorgegebener Panels (ein Hochhaus, zum Beispiel, bekommt eine ganze Doppelseite) und schafft es auf diese Weise, seiner Leserschaft den Architekturstil näher zu bringen.

Ob die biographischen Details alle genauso stimmen, sei dahingestellt. Ist aber auch nicht so wichtig. Die Zerissenheit eines Künstlers angesichts der Nazi-Diktatur (“Politik hat am Bauhaus nichts zu suchen.”) und der Erkenntnis, dass alles politisch ist, das Private wie ein Baustil, wird deutlich herausgearbeitet.

Lesenswert.

Gelesen: Mick Herron – “Bad Actors” (Band 8 der “Slow-Horses”-Serie)

  1. “Bad Actor” bezeichnet in der Geheimdienstfachsprache einen Protagonisten, der sich weder ans vorgeschriebene Protokoll noch an allgemeine Anstandsregeln hält, wenn es ihm nur einen Vorteil bringt.
  2. Herrons Slow Horses sind und bleiben eine sichere Bank für Menschen, die sich intelligent und voll Wortwitz sowie gelegentlichen Schlägen und Tritten gegen leicht identifizierbare unerträgliche Politiker unterhalten lassen wollen.

Damit wäre eigentlich alles gesagt, außer, dass Herron diesen Band unter das Leitmotiv “Theater” stellt, selbst offensichtlich große Freude dran hat und sie dem Leser macht.

Jetzt ist wirklich alles gesagt. Außer: Lesen! Lesen! Lesen!

Grad’ beim Bäck

Die Dame vor mir möchte zwei Kaiser sammeln und schon das finde ich herzallerliebst und als die Bäckersfrau mit spitzen Fingern das noch backofenheiße Brot verstaut und mir mit auf den Weg gibt, ich mechte un-be-dingt zu Hause gleich die Tiete lieften bin ich ganz kurz davor, mit dieser kalten Welt versöhnt zu sein.

Wie wohl wird mir erst sein, wenn ich es mit einer Tasse sehr heißen Tees und gut belegt mit Läbrrpaschtäte von meinem Metzgerfreund nebenan gegessen haben werde.

Ich habs schwer

Erstens: es schneit schon wieder. Sollte man gar nicht erwähnen müssen, weil es weiß Gott nicht mehr nötig gewesen wäre, weil: es hat ja schon geschneit diesen Winter.

Zweitens: Ich habe ein Problem. Man hat mir in den letzten drei Tagen drei Bücher geschenkt, auf die ich mich sämtlich schon seit längerem vorfreue. Sehr vorfreue. Und jetzt, wo die Ferien mit dem heutigen Tag vorbei sind, stehe ich vor einem ganz entsetzlichen Drei-Bücher-Konflikt. Welches soll ich heute anfangen und zwar in dem sicheren Wissen, dass sich die Lektüre, abgelenkt durch eine abhängige Beschäftigung, unbotmäßig ziehen wird?

Dabei wäre die Lösung so einfach. In einer schönen warmen Weltgegend meine Zeit gerecht zwischen Lesen und Schwimmen aufteilen, gelegentlich unterbrochen durch gute Mahlzeiten.

Ein Jahr noch. Ich fürchte, ich werde meinen Kolleginnen und Kollegen bald lästig werden, weil ich diesen Umstand ab sofort häufig zu erwähnen gedenke…

Samstag Nachmittag in der Alten Kongreßhalle: Michael Martin “Terra” in “Live Multvision”

Der Saal fasst gut 850 Menschen und war ausverkauft, was bei nassklammer Winterkleidung und sehr enger Bestuhlung ziemlich schnell für ein dichtmuffiges Raumklima sorgte. Zu Pandemiezeiten hätte man dergleichen ein Multi-Spreader-Event genannt und – gemessen an den Husten- und Schneuzbeiträgen des Publikums – wahrscheinlich auch heute noch sehr recht damit.

Ich hatte die Karte und die Begleitung einer lieben Freundin als Geburtstagsgeschenk bekommen und war sehr gespannt auf diesen großdimensionierten Dia-Vortrag auf einer ca. 20m breiten Leinwand, der nichts weniger zeigen sollte als die ganze Erde. Tat er. Eine Bilderflut ohnegleichen. Berge, Wüsten aus Sand und Eis, Tundra, Taiga, riesige Weiten, enge, vor Fruchtbarkeit strotzende Regenwälder ohne Himmel und Horizont, Flüsse wie Meere und immer noch mehr und noch weiter, höher, unwegsamer – und doch bewältigt.

Ich glaube, das Konzept geht auch deswegen so gut auf, weil Martin die ganze Zeit von den unglaublichen Strapazen erzählt (inklusive Durchfall, brüllenden Kopfschmerzen und Atemnot in dünner Bergluft, Extremwetterlagen) und seine Zuschauer ohne all den Ärger warm und trocken in den Genuß der Schon-vor-Sonnenaufgang-stundenlang-aufgestiegenen- und Mehr-als-zehn-Stunden-dickwarm-eingepackt-bei-minus-fünfzig-Grad-im-Schlitten-durch-die-Tundra-gejagt-Bilder kommen.

Meinen Bedarf hätten Bilder, ab und zu eine Geschichte dazu und die Chance, die Eindrücke auch wirken zu lassen, mehr als gedeckt. Dreieinhalb Stunden mit einer 20-minütigen Pause dazwischen und einem irrsinnig schlecht ausgesteuerten Klangbrei an untermalender Musik war für mich zu viel. Ich hoffe, dass dieser Effekt der Martinschen “Multivision”-Anlage zuzuschreiben ist und nicht der Technik der Kongreßhalle.

Trotzdem: noch einmal herzlichen Dank für die Einladung und die Eindrücke, kurz bevor ich ertaubt bin. Wir schauen uns bei Gelegenheit in aller Ruhe einmal die vielen Bildbände in deinem Fundus an, liebe Frau L. aus M.

Längst nicht mehr neu auf Netflix: “The Crown”

Ich habe ja bekanntermaßen eine äußerst unterdurchschnittliche Begabung für Hypes* und war an der Verfilmung der royalen Geschichte Britanniens, beginnend mit der Abdankung Eduards VIII., der Thronbesteigung seine Bruders “Bertie” als George VI (bei dem ich mich immer wundere, dass er nicht aussieht wie Colin Firth) und des Aufstiegs der jungen Elizabeth eher nicht interessiert.

Aber der Hype, der Hype… es war dann doch schwer, sich ihm zu entziehen, vor allem, weil Medien und Föjetong sich in Lobgesängen geradezu überschlugen (und die lese ich ja) und noch mehr, weil ich einige der Schauspielerinnen und Schauspieler äußerst schätze. Nun war ich neugierig und habe ich mich in diesen Weihnachtsferien daran gemacht, mir mein eigenes Urteil zu bilden. Bis morgen werde ich es zum Ende der zweiten von sechs Staffeln geschafft haben.

Ja, Hype, recht hast du. “The Crown” ist gut. Es fühlt sich manchmal zwar an wie die “Bunte” zu lesen (“guilty pleasure”, natürlich, und, “nur beim Friseur”, natürlich), ist aber ein raffiniert gemachtes Stück Fernsehen, mit eingeschlossenen Lektionen in Geschichte, Analyse der britischen Klassengesellschaft, und sehr guter Bildsprache. Auch wenn die hochästhetischen schon fast symmetriesüchtigen Aufnahmen mich irgendwann ein wenig ermüdeten. Wobei, das mag an der auf einen Sitz aufgenommenen Menge liegen. Der Cast ist großartig (Oscar! Oscar!), Claire Foy als junge Queen ein Gedicht, John Lithgow (ein Amerikaner) ein großartiger Churchill und eigentlich müßte ich sie alle namentlich nennen, denn keine und keiner ist fehl- oder schwach besetzt. Außerdem samt und sonders sehr gut im Treppensteigen.

Ich freue mich noch mehr auf die nächsten beiden Staffeln, weil die Queen dann von der hochverehrten Olivia Colman und ihre rebellische Schwester Margaret von der ebenso hochgeschätzten Helena Bonham Carter gespielt wird/werden. Quasi meine “Noble Queen”, deren Lobpreisung ich früh im Englischunterricht gelernt habe – mich irritiert es noch heute, wenn jemand den King besingt.

Okay, Hype, du hast gewonnen. Wider Erwarten: Ich kann “The Crown” empfehlen.

* Ja, ja, ich weiß. Man könnte das auch als Angeben werten. “Sie ist halt mal eher Individualistin und findet ihre eigenen Schätze abseits der Masse und so…” – s. dazu: https://flockblog.de/?p=23983.

Stormy Weather

Kurz vor Weihnachten hat Zoltan hier noch so geblasen, dass jede Fahrt mit dem Aufzug einem kostenlosen Schüttel-joyride gleich kam. Ich habe nicht mitbekommen, wie der aktuelle Wind heißt, möchte mich aber dennoch beschweren. Denn ihnen allen ist eigen, dass sie so fürchterlich laut sind. Und ich würde gerne einmal wieder in Ruhe durchschlafen. Zefix!

Gelesen: Philippe Sands – “Die Rattenlinie – Ein Nazi auf der Flucht – Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit”

Vorrede: Ich hätte gerne von den Verantwortlichen des Fischer-Verlags gewußt, warum man den griffigen und leicht übersetzbaren englischen Titel des Buches (“The Ratline. Love, Lies and Justice on the Trail of a Nazi Fugitive”) zu einem derartigen Popanz aufblasen muss?

Vorrede 2: Danke für die Empfehlung an Frau S. aus H. Wobei, sie hatte mir ja eigentlich den Podcast ans Herz gelegt und wenn ich einmal sehr viel Zeit haben sollte (ab nächstes Jahr also), werde ich ganz sicher darauf zurückkommen. Es wird dich freuen zu hören, dass das Buch nun an unsere gemeinsame Freundin Frau R. weitergeht. So, wie es mit guten Büchern sein soll.

Nun aber.

Der Autor Philippe Sands, Anwalt und Professor für Internationales Recht, lernt bei den Recherchen zu seinem Buch über die Ermordung seiner aus Polen stammenden Familie (“Rückkehr nach Lemberg”) Horst Wächter kennen, Sohn Otto Wächters, zunächst Stellvertreter Hans Franks, dann Gouverneur von Krakau und Galizien. Hochgeschätzt im NS-Regime wegen seiner effektiven Maßnahmen zur “Endlösung der Judenfrage”. Nach dem Krieg als Massenmörder gesucht, durch Flucht entkommen und kurz vor seiner Ausreise nach Argentien über die “Rattenlinie” in einem römischen Krankenhaus verstorben. Die Sterbesakramente spendet ein vatikanischer Bischof.

Akribisch und geduldig rekonstruiert Sands die Geschichte Otto Wächters, überraschend offen unterstützt von Sohn Horst mit familiärem Archivmaterial. Horst will, selbst als unumstößliche Beweise für die Teilnahme des Vaters an Exekutionen verfügbar sind, an das Gute in seinem Vater glauben, an dessen Menschlichtkeit – daran, dass er als Mitglied (wohlgemerkt als oberster Chef) der Zivilverwaltung keine Schuld an den Maßnahmen der SS getragen habe (wiewohl selbst hochrangiger SS-Offizier). Ganz anderes als Niklas Frank, der mit seinem in Nürnberg zum Tode verurteilten und hingericheten Vater Hans Ende der Achtziger eine öffentliche “Abrechnung” austrägt.

Sands bleibt, was die individuelle Vergangenheitsbewältigung der Söhne angeht, neutral. Er berichtet von seiner Recherche, persönlichen Treffen, den Zeugnissen und Beweisen, die er mit der Unterstützung vieler aus allerlei Archiven und Quellen (fast 100 Seiten umfassen die Angaben allein dazu) zusammenträgt, die letztendlich keine Zweifel an der Schuld zulassen.

Nicht nur der Väter. Sondern auch, und gerade, der Mütter. Für mich war bei der Lektüre am erschreckendsten, dass Kurt Tucholskys Aussage “Eine Katze, die eine Maus tötet, ist grausam. Ein Wilder, der seinen Feind auffrißt, ist grausam. Aber das grausamste von allen Lebewesen ist eine patriotische Frau.” sich in der Figur von Horsts Mutter Charlotte solchermaßen manifestiert. (Peter Panter, Die Weltbühne, 26.04.1932, Nr. 17, S. 637).

Ich weiß noch nicht, wie der Podcast ist, aber die Lektüre des Buches kann ich nur empfehlen. Lesen! Lesen! Lesen!