Nachdenkerei

Während ich so vor mich hin packe, muß ich manchmal schon recht sinnieren: arg viel Kleidung ist es nicht, a bisserl Bettdecken, -wäschen und Kissenzeugs und auch nur einige sehr wenige sehr ausgesuchte Möbel. Gut, ich hab einiges an Geschirr, Koch- und Backgerätschaften und ein paar schöne Gläser, die ich gerne weiter um mich hätte. Aber sonst? Sonst packe ich nur ein, was der gemeine Digital Native auf ein paar Terabyte-Festplatten mit sich führt: Bücher, CDs und DVDs. Vieles kreuzt den Atlantik nun zum zweiten Mal.

Und oft haben sie Widmungen oder sind liebevoll extra für mich compiliert oder mein Leben wäre einfach ärmer ohne sie. Hmmm. [Schulterzuck.] Ich glaube, ich bin einfach rettungslos altmodisch. Quasi ein Analoger Native.

Role Model*

Während ich mir die Zehennägel kürzen, schleifen und polieren lasse, sehe ich zu, wie die Friseurin der knapp Zehnjährigen im Stuhl gegenüber eine Königin-Elizabeth-Frisur schneidet und anschließend zementiert. Selber schuld, kleines Mädchen: was trägst du auch ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Queen in Training”?

* Die sinngemäß am nächsten kommende deutsche Übersetzung für “role model” wäre “Vorbild” und triffts nur unvollständig. Und ein Begriff wie “Rollenmodell” ist weder Fisch noch Fleisch noch akzeptables Deutsch, sondern SozPädSprech.

Spieglein, Spieglein

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, welche nachhaltige Wirkung der Puritanismus in Amerika hat, dann den, daß der kleine Spiegel in der Sonnenblende im Auto hier “Vanity Mirror” (Eitelkeitsspiegel) genannt wird. Seit gestern Carmen mit ihrer Schwester da war, um sich über den Bestand an nicht interkontinental reisenden Möbeln zum Zwecke lokaler Weiterverwendung zu informieren, habe ich gelernt, daß selbst ein Badezimmerspiegelschränkchen im Volksmund “The Vanity” heißt, wobei sich offensichtlich außer mir keiner Gedanken über die Herkunft dieser Bezeichnung macht.

Im britischen Englisch heißt dieses Möbel übrigens “Toilet Mirror”, was aber nicht von der Porzellanschüssel herrührt, sondern von William The Conquerer. (Nach dem normannischen Sieg im Jahre 1066 sprach man in noblen Kreisen nur noch Französisch und ersetzte stählende Kaltwasserwaschungen durch “Toilette machen”.)

Nachtvorstellung

In der Nacht von gestern auf heute leuchtete uns ein riesiger “Blue Moon”, das heißt, es gab innerhalb einer astrologischen Saison vier (statt sonst nur drei) Vollmönde (-monde? -monds?).

Ich bin schon sehr gespannt, wo ich den nächsten erleben werde.

Merksatz #9

Aus den Untiefen meines Closets (Wandschrank) tauchen Stücker vier Hosenanzüge auf, sommerliches Leinen bis zum wintertauglichen Modell mit Gehrock. Hmmmm. Klar, die Farben gefallen mir, ich hab sie ja selbst ausgesucht. Gemeiner ist, daß sie auch alle noch passen wie angegossen. Es ist bloß… wenn ich in den Spiegel sehe, schaut eine etwas beleibtere Merkel zurück. Ich kann sowas einfach nicht mehr tragen, ohne mich ganz schlimm verkleidet zu fühlen. Das wird die Cancer Research Society freuen: zu allem anderen gibt es am Dienstagfrüh auch einen Sack voll Business-Klamotten.

Merke: Wer über sieben Jahre in der Start-up-Welt werkelt, umgeben von – ich sach mal – wenig modeaffinen Software-Entwicklern, ist für formale Kleidung verloren.

Schwere Entscheidung

Frau hats ja nicht leicht, wenn sie sich an ihre Kleiderschränke macht. Soll ich jetzt zum Beispiel meine verwaschene Jogginghose mit nach Deutschland nehmen? Wenn ja, Koffer oder Karton? Karton bedeutet, daß ich sie frühestens wieder anziehen kann, wenn ich a) eine neue Wohnung, b) mein Container seine zweimonatige Reise heil überstanden und ich c) dann die richtige Kiste gefunden habe. Und warum mach ich mir wegen eines alten Fetzen Stoffs soviele Gedanken?

Weil diese Hose das allerbesteste Schlampergammelmodell für kalte Lese- und mittelkalte Kruschteltage ist und außerdem bei allgemeinem Unwohlsein zu schnellen Heilerfolgen führt.

War doch gar nicht so schwer: Koffer it is.

Aus dem Vokabelheft

“Dann mußt du’s ihm halt durch die Blume sagen, through the flower, ya know”, rate ich meinem jungen Kollegen für den zukünftigen Umgang mit einem schwierigen Kunden. “Du willst also, daß ich lüge?” fragt er konsterniert zurück. “Nein,” bemühe ich mich um eine Erklärung. “Du sollst ihm schon sagen, daß er nervt. Aber halt nicht so direkt, sondern nett und freundlich.” “Ah”, glaubt er zu verstehen, “Du meinst, ich soll ihn auf die eher passiv-aggressive Tour angehen?” Nein, das meine ich natürlich erst recht nicht! Dammit, wie sag ichs diesem Kinde? Weil ja heutzutage kein Mensch mehr Unwissen ertragen kann (mich eingeschlossen), tippe ich schon wie wild auf meinem Smartphone herum: es muß doch im Amerikanischen ein vergleichbares Idiom geben? Gerade im Amerikanischen, sollte man meinen, dem Homeland of the Brave and the Süßholzrasplers*!

Um es kurz zu machen: gibt es nicht. Wer sich hierzulande verblümt ausdrücken will, der spricht durchs Karussell (“to say something in a roundabout way”) und ist damit schon beinahe in der Umlaufbahn des heißen Breis. An sich sollte es einen nicht überraschen, daß hier keiner durch Botanik** spricht: als der Begriff im 16. Jahrhundert (oder möglicherweise sogar noch früher) geprägt wurde, war man auf diesem Kontinent noch nicht in Idiomatik tätig.

 

* Was verblüffenderweise auch nicht nicht “to grind sweet wood” heißt, sondern “to sweet talk someone”.

** Die Symbolik der “Sprache der Blumen” hingegen zählt zum Allgemeinwissen und sollte beim Straußkauf unbedingt berücksichtigt werden. Rosen, rot – Ewische Liebe. Veilchen, blau = Treue über den Tod hinaus. Geranien, Farbe egal = Du bist doof. Lilien, weiß = Ich tu mal so, als würde ich dir glauben, daß du noch nie Sex hattest. Lilien, orange = Glühender Haß, auch als Morddrohung gültig, wenn gerade kein Pferdekopf zur Hand ist.

Protect Our West

Protect Our West 1Gestern red’ ich noch von Waldbränden und heute schon flehen mich markige Männer auf Holztapetenbillboards am Rande des Highways an, für sie Bier zu trinken. Nicht, weil sie Leberprobleme hätten oder auf Diät sind und selbst nicht könnten, sondern weil die Brauerei Miller für jede im Juli und August in Alaska, Arizona, California, Idaho, Nevada, Oregon und Washington (= “The West”) verkaufte 4 x Sixpack-Kiste Coors-Bier in Stubby Bottles* einen Quarter (25 Cents) an die Wildland Firefighter Foundation spendet.

 

Protect Our West 2

Alsdann: An die Flaschen, folks!
Trinkt was ihr könnt, damit andere besser löschen können.

* Mehr Kleingedrucktes hatten sie nicht, außer, daß nach einer Million Kisten Schluß ist mit der Spenderei. Dabei hätte man doch durchaus noch festlegen können, daß der Vierteldollar nur an die Feuerwehr geht, wenn der Bierkauf vor 06:00 Uhr früh stattfindet und der Verkäufer ein “M” für Marion als Mittelinital vorweisen kann. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie fühlt sich diese Großzügigkeit ein bißchen kleinlich an.

Brandneue Wortschöpfung

Es ist Sommer, damit heiß und trocken und “wild fire season”.

Es ist Sommer im dritten Dürrejahr in Kalifornien und heißer und trockener als je zuvor. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in den Verkehrsdurchsagen von Straßensperrungen die Rede ist, weil wieder irgendwo ein Seitenstreifen in Flammen steht (“spontaneous combustion”). Die Anzahl der Waldbrände ist jetzt schon mehr als doppelt so hoch wie letztes Jahr gegen Ende September. Als hätten die “fire fighters” nicht schon mehr als genug zu tun, werden ihre Einsätze aktuell noch schwerer gemacht. Von wem? Von sensationslüsternen Dronenbesitzern, die ihre kamerabewehrten Vögelchen in den feuerbrünstigen rauchumwölkten Himmel steuern, und dabei das Risiko in Kauf nehmen, mit den Rotoren eines Löschhubschraubers zu kollidieren und damit beide zum Absturz bringen. Es hat inzwischen mehrfach Fälle gegeben, in denen Löschflugzeuge wg. Überdronung am Boden bleiben mußten und Feuer erst später und nach wesentlich größeren Zerstörungen eingedämmt wurden.

Jetzt haben sie den “Droniots” den Kampf angesagt; entsprechende Gesetze sind schon in der Vorbereitung.

Da nimmt man Abflußfrei, das macht den Abfluß frei…

Lang, lang ists her, als der Kerl im Blaumann noch schmierig grinsend avisieren konnte, daß er gekommen sei, um hier ein Rohr zu verlegen – zwinker, zwinker – und man ganz genau wußte, was eigentlich gemeint war. Das muß ungefähr die Zeit gewesen sein, in der Hausfrauen ihrem Abflußreiniger zum Dank ein Jubelständchen brachten. Wir Frauen des dritten Millenniums sind unsere eigenen Klempner, das heißt, heutzutage wird nicht gesungen, sondern selbst gepümpelt und das an einem über 100 Fahrenheit heißen Tag (knapp 40°C). Mit der Situation angemessenen Flüchen und aus allen Poren (Poren, nicht Rohren, Manno!) schwitzend, weil das Dreckswasser in diesem Scheißspülbecken schon wieder nicht ablaufen will! Godverdommededom!! Nix, aber auch gar nix rührt sich in diesem Rohr! Noch nicht einmal ein mildes Babybäuerchen. Gar nix!

Dabei bin ich heute nicht als Klempnerin, sondern als Entrümpelungsfachkraft und Umzieherin angetreten. Und weil oben nix läuft, krieche ich aus lauter Frust tief in den Schrank unter der Spüle und finde im hintersten Eck eine seinerzeit unter viel Herzklopfen (was werden die am Zoll bloß sagen?) aus Deutschland importierte Flasche Rohrfrei. Während ich vorsichtig Granulat in den Abguß streue, formuliere ich im Geiste schon die These meiner Doktorarbeit in Ethnologie: “Risikoaffinität und Eigenverantwortung im deutschen und amerikanischen Kulturraum. Eine exemplarische Untersuchung mit Reinigungsmitteln” oder so ähnlich und erwäge, ob ich Procter und Gamble um ein Stipendium angehen sollte.

Deutsch: Kindersicherung an der Flasche knacken, selber 1 Eßlöffel Körndl abmessen, in den Abfluß geben, 1 Tasse Wasser nachgießen (nochmal selbst messen), Flasche wieder zuschrauben und für zukünftigen Gebrauch verstauen, einwirken lassen, kalt nachspülen. Effekt: das Mittel der Wahl ist giftig und wirkt, der Abfluß gibt ein paar sehr sehr herzhafte Rülpser von sich und das Wasser fließt wieder ab.

Amerikanisch: Flasche aufschrauben, irgendwie die innere Zusatzaluverschlußkappe aufstoßen (Messer, Gabel, Grillspieß), das Ding eindrücken oder abziehen, Flasche wegstellen und erst mal Hände waschen, weil es bei diesem Verschluß nie ohne Batzelei geht. Anschließend die ganze Bouteille “Liquid Plummer” in den Abfluß geben. Für hartnäckige Fälle wird empfohlen, sofort eine zweite Flasche nachzugießen, was sich meist ganz geschickt trifft, da man beim Kauf eines Flüssigklempners den zweiten zum halben Preis bekommt. Müllmenge: 2 Plastikflaschen, kein Wunder, daß die hier fracken wie der Teufel. Wie beim deutschen Produkt läßt man die Suppe eine halbe Stunde einwirken und spült anschließend mit richtig heißem Wasser nach. Effekt? Ja, recht besehen, keiner, funktionieren tut der Klempner aus der Flasche nur in einigen ganz wenigen Ausnahmefällen (Meine Quote: ein Mal in sieben Jahren.)

Was bleibt: ein Anruf bei den hilfreichen Spezialisten von “Miracle Plumbing” (s. https://flockblog.de/?p=25620) und wesentlich mehr Arbeitsplätze gesichert als mit einem lächerlichen Löffel deutschen Gifts, weil man hier selbst Erwachsene nicht mit wirksamen Mitteln hantieren läßt, es sei denn, sie täten es von Berufs wegen und sind gut versichert.

Und da ich mit mit diesen beschissenen Wasserleitungen nicht alleine bin, haben meine deutschen Kollegen beide bereits lebhaftes Interesse an der Restflasche Rohrfrei angemeldet.