Einmal aussetzen

Wo andere eine Woche voller Samstag haben, stecke ich in der Endphase einer “fortnight”* voller Abschiedskaffees, -lunches, -dinners. Außer heute. Heute Abend habe ich abschiedsfrei. Das tut auch mal gut.

* Eine “fortnight” entspricht zwei Wochen. Das Wort kommt aus dem Alt-Englischen: fēowertyne niht und steht für “14 Nächte”.

Aus dem Vokabelheft

Frei nach Kurt Tucholsky: “In Amerika ist alles so groß, so groß – und in Deutschland ist alles so klein!” Was erklärt, warum man, wenn man hierzulande mit jemandem über Kreuz liegt, gleich ein ganzes Rind zerfetzt (“to have a beef with someone”), statt nur ein ganz kleines Huhn zu rupfen.

Für Ernst Jandl

Man sucht was ganz anderes und stößt auf Mops. Denkt sich, daß man eh keine Hechelköter mit platten Nasen mag, guckt aber trotzdem schnell auf die Website und dann gehts nicht um Hunde, sondern um Mütter. Christliche Mütter, die’s gerne ein bißchen umständlich haben. MOPS stands for Mothers of Preschoolers, and by preschoolers we mean kiddos from birth through kindergarten*. We know it’s a little confusing so let’s just stick with “MOPS.”

Und wer macht Mops? Die da. https://www.mops.org/bios. Aufnahmebedingung ins Management ist offensichtlich die Veröffentlichung mindestens eines christlichen Erbauungswerkes mit einem lustig gemeinten Titel, pars pro toto: “Beautiful Mess (a bible study for moms)”. Mon Dieu!

 

* Das ist das hiesige Äquivalent zur Vorschule, die Kinder sind bei Eintritt um die fünf Jahre alt.

Klischee, aber was will man machen?

Was für eine Art Mann fährt ein Auto mit dieser Beschriftung? Wie hat man sich den vorzustellen?

Alligator Racing  [JEB’s Alligator Racing: Breed em’ Big, Ride em’ Hard
sinngemäß: “Jebediah hat die größten Alligatoren und läßt sie von Jockeys mit Stahlärschen reiten.”]

 

Eigentlich genau wie den Typen, der da gerade Starbuck’s mit dem größten Kaffeebecher ever verläßt. Alligatorlederstiefel, Stetson, Hemd einen Knopf zu weit offen und aus der Hand baumelt locker ein knapp meterlanger Schlüsselanhänger, der beim Aufschließen auch kaum im Weg umgeht. Ich weiß, ich lehne mich gerade sehr weit aus dem Fenster, aber der findet wahrscheinlich auch diese alte Reklame für Gatorköder komisch.

kidgator

Aus dem Vokabelheft

Jagd ist hierzulande sehr viel mehr Volkssport als zum Beispiel in Deutschland und so ist es eigentlich wenig überraschend, daß Tiere totschießen auch in der Idiomatik zu finden ist. Heute hat Tante Sabine gleich zwei Beispiele mitgebracht, die zwar ähnlich, jedoch nicht austauschbar sind:

  1. “It is as shooting fish in a barrel” (Fische im Faß erschießen, also babykinderleicht. Nicht jedoch, wenn sich ein deutscher Tourist dazu schwere Gedanken macht: https://www.youtube.com/watch?v=bx6IViXDv0U)
  2. “This is like shooting a sitting duck.” (Eine Ente, die auf dem Wasser “sitzt” ist ein leichtes, meist ahnungsloses Opfer – im Gegensatz zum fliegenden Vogel, der mehr Fluchtmöglichkeiten hat.)

Halali!

Las Hermanas Hernandez strike again

“Was?” hatten Carmen und ihre Schwester Theresa gefragt, “was können wir im Gegenzug für dich tun, Sabine?” und angesichts der Ameisenleichenberge und sonstigem Dreck in den Ecken und den nunmehr möbelleeren Flächen hatte ich um Hilfe beim Putzen gebeten, wenn sie denn dafür Zeit und Lust hätten. Aber hallo! Erstens, gar keine Frage und zweitens, Superidee, und ob gleich Montagabend nach der Arbeit passen würde?

Ohne es zu ahnen, habe ich mir eine ganze “Maid Brigade” engagiert: Kurze Lagebesprechung, Arbeitsbereiche aufteilen und ran an den Dreck! Theresa nimmt die Garage, Carmen das Bad und ich das Gästezimmer und wir drei wirbeln los, daß es den Staub in dicken Wolken in den Nachthimmel treibt. Dann kommt Schwager Raoul, ob es vielleicht für ihn auch was zu tun gäbe? Klar, Raoul, die Terassenmöbel abwaschen, vielleicht? (Danach muß ich mich um Aufgaben für ihn nicht mehr kümmern; alle weiteren Anweisungen erhält er direkt von Theresa. Das macht sie großartig, so blitzeblank war meine Garage noch nie.) Als ich für Putzlumpennachschub in die Küche komme, finde ich dort Carmens Patenkind vor. Die meisten meiner Möbel wohnen inzwischen in Ericas Zimmer und es sei ihr ein Anliegen, sich erkenntlich zu zeigen und ob sie wohl auch was helfen könne? Aber sischer doch, Erica! Das Häuschen ist groß genug für eine zehnhändige Putzbrigade. Augenblicke später schrubbt sie den Kühlschrank in ein noch nie vorher gesehenes Blütenweiß und wachst anschließend die demnächst abreisenden Restmöbel.

Keine zwei Stunden später sind wir durch, soweit man bei einem Haus im Dreiviertelpackstadium durch sein kann. Als wir noch einmal einen gemeinsamen Rundgang machen, konstatiert Carmen sehr zufrieden, daß wir heute aber echt was geschafft hätten (“today, we made a dent in it”), ich sammle eine Waschmaschinenladung voll Putzlappen ein und Raoul nebenbei alle vollen Mülltüten – ich könne den Platz in den Tonnen doch sicher gebrauchen und das bisserl Zeug falle auf der Müllkippe seiner Firma gar nicht auf. Hätt’ ich auch nicht gedacht, daß ich auf meine alten Tage nochmal von einer hispanischen Großfamilie adopiert werde…

MUCHISSIMAS GRACISSIMAS!

Abschiedstour

Einmal noch den Anglern und Crabbern auf dem Steg in Pacifica in die Eimer gucken, einmal noch in Half Moon Bay viel frischen Fisch essen, einmal noch gemütlich den Highway One lang nach Santa Cruz gondeln, und dabei hier und da und dort an einem besonders schönen Strand aussteigen, Sand in die Schuhe kriegen und Wasser gucken. Und Pelikane. Einmal noch.

Kaum über die Berge ist wieder richtig ekliger nordkalifornischer Küstensommer: vernebelt, verhangen, kühl und ich sach noch zu Toni, wie sehr schade das ist und wieviel schöner der Tag mit Sonnenschein hätte geworden sein können, da reißen die Himmel auch schon auf, die Sonne schiebt die Wolken aus dem Weg und strahlt mit aller Macht. Auf den vollen Fischteller, auf Tonis Elfenbeinteint, auf Sand und Meer und Treibholz und Pelikane und mir geht so recht das Herz auf. Hach! Dann werde ich auf a mal ganz arg melancholisch. Wo’s doch das letzte Mal ist, heute, und wer weiß, für wie lang. Seufz. Mirselbstsehrleidtu. Das einzige, was gegen einen solchen Anfall von Weltschmerz hilft, ist ein Eis auf der Santa Cruz Wharf. Ich Blödmann nehme die kleine Portion für $4.50, das sind zwei tennisballgroße Kugeln in einem Plastikkübel, wie man sie in anderen Teilen der Welt als Übertopf für eine Zimmerpflanze mittlerer Größe kennt. Toni ist weise und ordert außerdem erst, nachdem meine Bestellung ausgeführt ist. Explizit nur einen Bollen Eis.

Wir löffeln. Um uns herum wird ein “Ein Sonntagnachmittag am Meer” gegeben. Drüben am Strand fliegen Bälle und Drachen, Wellen trecken träge an Barnackle-Krusten und manchmal trägt ein Wirbelwindchen süße Sonnenöldüfte in unsere Richtung, wird aber immer gleich von seinem wesentlich kräftigeren Cousin Bö abgelöst, der heimtückisch hinter dem Fischladen hervorbläst. Wir löffeln. Die Seelöwen singen gräßlich unmelodisch, aber dafür mit viel Herz ihr “Auink-Auink-Auink”, Möwen brüllen, als hätte Hitchcock zum Casting geladen, Pelikane segeln majestätisch (und ohne herumzulärmen) in Aufwinden, Kinder quengeln, weil sie Eis / Fischsemmel / Zuckerwatte / Würstchen / stahlblauen Haifischflossenlutscher haben wollen und dann erst recht, weil ihnen Eis / Fischsemmel / Zuckerwatte / Würstchen / stahlblauer Haifischflossenlutscher von Bös lausigem Zwilling aus der Hand und in den Dreck geweht wurden. Wir löffeln.

Die Sonne scheint, Winde wehen, Segler segeln, Kanuten kanuten, Fischer fischen, Burgerbrater braten Burger, das Leben ist schön, das Meer ist und das Eis ist auch schon fast alle. Hach!

Und weils gar so schön ist und Tonis Navigationsliesel für den Heimweg auch keine bessere Route einfällt, trödeln wir wieder auf dem One auch zurück nach Norden und kommen rechtzeitig kurz vor Sonnenuntergang in Pacifica an. Einmal noch.

Pacifica - for the last time 2 Pacifica - for the last time 3

Randnotiz: Das “Stille Örtchen” ist offensichtlich Geschichte. Ich war während unseres Ausflugs drei Mal auf der Toilette und wurde drei Mal unfreiwillig Ohrenzeugin eines in der Nebenkabine geführten Telefonats. Wirklich, Welt! Was geht mich an, was Shelley, the slut, am Samstag nach der Party noch getrieben hat? Oder wie typisch es wieder ist, daß Fernando (“Nando” für seine Freunde) das Auto nicht wie ausgemacht in die Werkstatt gebracht hat und sie nun wegen einer Panne hier festhängen? Und will ich wissen, daß Nr. 3 ihre Mutter so sehr liebt, daß sie ihr das selbst beim Pinkeln mehrfach versichern muß?

Das ist ein Trend, der bitte hierbleiben und nicht über den Atlantik schwappen soll.

Bleibt alles in der Familie

Einsam und allein stand es in meiner Zweiteinfahrt herum, das einzige Kommödchen, das Carmens Schwester nicht ihrem Haushalt einverleiben wollte. Aber nur so lange, bis gestern das interessierte Auge von Sams Schwager darauf fiel. Ob das Schränkchen möglichweise zu haben sei? “Klar. All yours.” Keine drei Minuten später hatte er es “secured” und auf seinen Truck verladen.

Wanderkommode

Ich sollte in den Gebrauchtwarenhandel einsteigen. Im Weiterschenken bin ich schon sehr gut. (Die Sacksammlung ist für die Krebsforscher, die kommen übermorgen.)

The Big Second Avenue Rabblement*

Was hat es zu bedeuten, wenn Ich-geh-doch-nicht-mitten-in-der-Nacht-allein-aus-dem-Haus-Carmen und ihr Ältester kurz vor Mitternacht beim Drugstore oben am El Camino sämtliche verfügbaren Bestände an Wasserstoffperoxid, Dawn** und Baking Soda aufkaufen?

Da kommt man nicht so leicht drauf und deshalb verrate ich es lieber gleich: Ihre Hunde haben den Ausgang kurz vor den Spätnachrichten genutzt, um hinten im Garten mit einem Stinktier zu “spielen”. Die ganze Familie hat nach Anti-Stink gegoogelt und die oben genannte Rezeptur wurde als die erfolgreichste eruiert. Während Francisco in seinem Motorradregengewand das während des Herumtobens verstorbene Stinktier in einem selbstverständlich (!) in der Garage bereitliegenden Bodybag verstaute, kauften und mischten Carmen und die Buben Pulver und Tinkturen. Anschließend gemeinsames Hundebaden, gefolgt von jeder beteiligte Mensch duscht. Lange und gründlich. “What a mess!”

 

* Es ist schon faszinierend, im Amerikanischen gibt es einen ganzen Strauß an Vokabeln für den deutschen Begriff “Aufruhr”: uproar, commotion, riot, sedition, brouhaha, civil commotion, disturbance, fracas, furor, hurly-burly, insurgence, insurgency, insurrection, mutiny und eben auch rabblement, wie ich heute früh von einer sehr übermüdeten Carmen gelernt habe. Da sieht man mal, welchen Einfluß einmal Teekisten ins Hafenbecken schmeißen auf die Linguistik haben kann.

** Wo steht geschrieben, daß ein Geschirrspülmittel nicht “Morgenröte” heißen darf? Hmmm?

Typisch?

Gestern hatte Carmen ihrer Schwester die Möbel in meinem Haushalt präsentiert, die ich einer Schiffsreise für nicht würdig befunden hatte und heute rückte hermana mit Mann und einer von drei Töchtern an, um eine Kommode (heißen hier “Dresser”) und den Badezimmerschrank abzuholen. Sowie, nach kurzer Beratung mit dem Gatten, sämtliche anderen noch verbliebenen Schränke und Dresser. Für die Heilsarmee bleibt jetzt nur noch eine lächerliche Kommode übrig und meine eigens für nächsten Sonntag zum Schleppen für die Soldaten Gottes engagierten Helfer werden nicht mehr sehr viel zu tun haben. Außer Bilder abzuhängen und Nägel und Dübel aus Wänden zu zerren und die dabei so sicher wie das Amen in der Kirche entstehenden tiefen Löcher mit Spackle* zu verputzen. Auch recht. Hauptsache weiter, und wenn ich damit wem, den Carmen kennt, eine Freude machen kann: umso besser.

Carmen sah das offensichtlich ein bißchen anders: nachdem die Verwandtschaft mit meinen Möbeln, verteilt auf zwei Pick-ups, abgezogen war, kam sie noch einmal vorbei, um zu versichern, daß es sich bei der Habgierigkeit ihrer Schwester um eine individuelle Eigenschaft handle und nicht etwa um das Stereotyp, daß Mexikaner immer alles brauchen können.

Alles gut, Carmen. Nochmal: Hauptsache weiter, und wenn ich damit wem, den du kennst, eine Freude machen konnte: umso besser.

* Spackle ist das hiesige Äquivalent zu Moltofill.