Aus dem Vokabelheft

Ein Kollege launcht ein neues Stück Software und beschreibt die Auswirkungen:

“If everything goes to plan, none.
If it all goes pear shaped, dann bricht alles zusammen.”

“Pear shaped” bedeutet wörtlich birnenförmig und übertragen, daß sich der ganze Mist unten sammelt und oben nur ein zartes Spitzele herauslugt. Deutschen meiner Generation muß man das gar nicht erklären, die haben knapp 20 Jahre Birnenkanzler erlebt.

New World Banking

Weil ja nichts schwieriger ist, als Post ins Ausland nachzusenden, brauchte ich nach meinem Umzug eine amerikanische Zustelladresse für “falls noch was ist” und – wupps – ward Postmeister Toni geboren. Seitdem kommen in San Carlos laufend Schlußabrechnungen an, vom gräßlichsten aller Internetprovider (San Bruno Cable – und beschwert euch nicht, den Titel habt ihr euch verdient), vom Energie-mit-Schwankungen-Versorger PG&E (Maul halten, ihr habt das auch verdient und da bin ich noch nett!), von der City of San Bruno für Müllabfuhr und Abwasser, von Hinz für dies und Kunz für das – und aus vollkommen unerfindlichen Gründen will keiner mehr die Zahlung automatisch einziehen (d. h. meine Kreditkarte belasten). Irgendwie scheint in diesen Köpfen der Aberglaube zu herrschen, daß, wer ihren Versorgungsbereich freiwillig verläßt, fortan sein Dasein mit einem klapprigen Einkaufswagen in einer kreditkartenunwürdigen Obdachlosigkeit fristet und drum hätten sie jetzt gerne Schecks. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich remigriere schließlich zum ersten Mal in meinem Leben aus den USA.

Was tun? Mein Scheckheft, wenn ich es denn überhaupt aufgehoben haben sollte, schippert gerade in einem Karton mit seinen Kartonfreunden im Container über die Weltmeere. Die Herrschaften Versorger schert das nicht. Sie wollen ihre Kohle und haben, wahrscheinlich weil es das letzte Mal ist, zur Strafe die Zahlungsziele krass verkürzt. Was also tun? Toni auch noch zum Bankwart ernennen, zuständig für das Ausstellen und Versenden von Schecks? Ganz schlecht, da kommt dann ein Scheck von jemandem mit einem anderen Namen und das verwirrt, trotz Kunden- und Kontonummer. (Hatten wir schon, müssen wir nicht wieder haben.) Von der Bank ein Scheckheft schicken lassen? Schwer – ist doch wieder Ausland und viel zu kompliziert. Einfach ignorieren? Nah, das kann ich nicht.

Zum Glück ist Toni gerade noch rechtzeitg eingefallen, daß unsere Bank eine “payee”-Funktion hat, die man online anstoßen kann. Wenn man sich komplett durch dieses eher benutzerunfreundliche Menü arbeitet, schickt die Bank zur Belohnung anschließend Schecks an alle, die Schecks wollen.

Geht doch. Kaum eine Stunde später ist das Menü unter Flüchen navigiert, die Providerzahlungen eingegeben und alles wieder gut. (Es sei denn, die Schecks gingen in der Post verloren. Aber wer wird denn gleich so schwarz sehen.)

Brave new world. Ganz brave.

Aus dem Vokabelheft (deutsch)

Seit vorvorgestern kenne ich die neudeutsche Wortschöpfung “Nachverdichtung” und seitdem ist sie mir jeden Tag wenigstens einmal über den Weg gelaufen. Ich bin jetzt mal ganz egoistisch: baut ihr nur alle. Vorverdichtend, nachverdichtend, wie’s beliebt.

Vielleicht finde ich dann leichter eine Wohnung.

Dampfplauderer

Ich wurde heute gebeten, beim Übersetzen eines Stellenangebots aus dem Amerikanischen (genauer gesagt: amerikanischem Marketingsprech) ins Deutsche behilflich zu sein. War auch alles gar nicht sooo schwer, aber zu der Dumpfschwurbelformulierung “Come share the vision” wollte mir partout gar nichts einfallen (außer meiner Vision, daß da einer zum gemeinsamen Verzehr von LSD einlädt) und da dachte ich mir, frag ich doch einmal mal meinen Kumpel, den Internetz, der weiß ja sonst auch immer alles.

Dem ist aber auch nur Blödsinn eingefallen: http://sharethevision.ellenwhite.org/downloads/BegleitschreibenDE.pdf

Mann beißt Hund

Ach was, für so eine Schlagezeile ist sich selbst “BILD” inzwischen zu schade. Die gehen auch mit der Zeit und dem Bevölkerungswandel und machen heute die Münchner Lokalausgabe so auf:

Dieser Rentner legt Betrüger rein

Und dann darf Opa Schmaus mit dem Schmausb… – Tschulligung – dem Schnauzbart natürlich, erzählen, wie er Enkeltrickbetrügern trickreich Gruben gräbt. Qualifiziert isser nämlich, sagt er: „Ich stand vor Jahren schon mit Marianne Sägebrecht auf der Bühne!“

Aus dem Vokabelheft

Der andere Kandidat, schimpft der Parteifreund, sei ein “Rino”. Hätte man sich im Mutterland aller Abkürzungen denken können, daß damit der Kollege nicht als Nashorn geziehen wird, sondern als Etikettenschwindler. Ein “Republican in name only”, halt.

Oh Hoimatland!

Ach, Deutschland, du Land, wo

  • man sich nicht fragen muß, ob es Brezen gibt, sondern nur, wer die wirklich guten bäckt
  • im Supermarkt flaschenweise Essigessenz zu haben ist und man beim Einkauf nicht gleich unter Generalverdacht wg. Vorbereitung eines Säureattentats gerät
  • Waschmaschinen anbieten, die Wäsche auch mal zu kochen, statt sie in den Temperaturbereichen Kalt, Kalt/Warm und Ein-bißchen-wärmer-als-handwarm lustlos zu quirlen
  • der Weinhändler stolz auf seine große Auswahl an deutschen, österreichischen, spanischen, italienischen und französischen Weinen verweist, jedoch Winzereiprodukten aus der “Neuen Welt” zunächst einmal doch eher abwartend gegenübersteht (in zwei-, dreihundert Jahren vielleicht)
  • es Quark, Quark und Quark gibt. Mit Früchten, mit ohne, fett und mager. Quark – im Gegensatz zu “What is that supposed to be… Quark?”
  • die Nachbarn ganz ganz selten mal erzählen “It’s been VERY hot here, and also had a 4.0 earthquake yeasterday!” (Zitat Carmen in ihrer gestrigen e-mail)
  • Putz- und Waschmittel nicht die halbe Welt kosten (ich habe bis heute nicht verstanden, warum dieses hochverdünnte US-Zeugs im Schnitt immer mindestens drei Mal teurer ist) und außerdem Abflußreiniger sowie frische Hefe (US-amerikanisch synonym für “Teufelszeug”) frei und ohne Kindersicherung zum Verkauf angeboten werden

Darüber hinaus hat irgendwer Jetlag gesteckt, daß ich wieder zuziehe; dieses Mal hat er den Spaß am “Sabine zwischen Traum und Tag wachzuhalten und ihr dafür nachmittags einen Dampfhammer auf den Kopf zu hauen” ganz schnell verloren. Guter Jetlag. Brav. Kriegst ein Zuckerl.

Mißverständnis?

Wer immer dafür zuständig gewesen sein mag, die schöne deutsche Sommerhitzewelle gleich nach meinem Eintreffen abzuschalten – fahalsch! Ich bins. Die, die bei über 30°C aufblüht. Ich hätte das auch gerne wieder!

Schon langer nimmer im Kino: “Side Effects”

Sehr hübscher Jeder-Bescheißt-Jeden-Film von Steven Soderbergh mit großem Staraufgebot und absolut regenabendcouchgeeignet. Seit vielen Jahren mein erster Film mit deutscher Synchronisation – daran muß ich mich erst wieder gewöhnen.

Außerdem daran, daß die korrekte Übersetzung von “bones” nicht etwa “Bohnen” ist, sondern korrekt “Knochen” lautet. Schon nett, wenn man den Synapsen beim Fehlschalten zuschauen kann…

The Circle of Life

Die letzten paar Wochen in Kalifornien waren geprägt von Letzten Malen. Zum letzten Mal Vollmond über der Bay, zum letzten Mal Pazifiksand in den Sandalen, zum letzten Mal dieses Drecksabflußrohr freipümpeln, zum letzten Mal mit der oder jenem eine Mahlzeit einnehmen. Vor allem diese Abschiedsessen gingen mir aufs Gemüt; bei sehr vielen Menschen drüben, die ich doch liebgewonnen hatte, ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir einander je wiedersehen, äußerst gering. (Ist ja nicht wie beim Weggehen aus Deutschland. Da gabs immerhin Heimaturlaube und ausgeklügelte “Ichtreffsiealle,irgendwie”-Terminpläne.)

Wo bleibt jetzt das Positive, Frau Flock?

Da. Kommt schon.

Viele viele Erste Male. Die erste laue Sommernacht, draußen, mit Freunden und Sternschnuppen. Der erste Regen nach einer Hitzewelle (war jetzt ned so dringend), den ich – dank Jetlag – vom ersten bis zum letzten Tropfen mitbekomme. Viele Menschen zum ersten Mal seit langem wiedersehen und dabei zu wissen, daß wir das bald und jederzeit wieder machen können und nicht ein Jahr warten müssen. Das erste Vorstellungsgespräch seit vielen Jahren, die erste Wohnungsbesichtigung, die ersten Behördengänge bei deutschen Ämtern. Wieder wo ankommen und wo niederlassen. Bonus: dieses Mal ist nicht alles neu und fremd.

Ja, dann: ad multos annos!