Urlaubsvertretung

Meine Gastfamilie ist seit gestern verreist hat mir während ihrer Ferien nicht nur ihr großes Haus, sondern auch einen Supersommer sowie den Pool überlassen. So laß’ ich mir einen Samstag gefallen: Erst ein paar Besorgungen machen, dann mit der Süddeutschen und einem Wurschtbrot in den Garten, ab und zu zur Abkühlung in den Pool hüpfen und wenn die SZ ganz von Anfang bis Ende durch ist und bevor der Krimi für den Restnachmittag drankommt, das ganze Dicke-Damen-Programm im Wasser brav durchturnen. Zum Abendessen ein Wurschtbrot und dann bei Mondlicht frisch geduscht im Hemde bloggen. Hach!

Oder wie man in meinem Ex-Gastland sagen würde: “Zippity happity do da fine!”

This is not America

Zu meinem Luxuswohnarrangement gehört die Nutzung des Fahrzeugs meiner Gastgeberin und so bin ich heute früh zu einer hiesigen Filiale von Trader Joe’s aufgebrochen, um mich mit dem Nötigsten für die nächsten Tage einzudecken. Mei, denk ich mir, die vielen herzigen kleinen Autos hier auf der Straße (außer bei der Einfahrt zu Aldi, wo vor mir zwei Mercedes-Cabrios und ein Ferrari ihre Parkplätze einnehmen) und wo verdammt, ist denn die Ampel? Ah, richtig, gleich hier über mir und nicht auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung – puuh, daran muß ich mich erst einmal wieder gewöhnen. Und daran, daß ein parkendes Zivilfahrzeug an einer Waldböschung ein parkendes Zivilfahrzeug an einer Waldböschung ist und keine bösen Lauercops, die mir wegen einer Geschwindigkeitsübertretung an Leib und Leben wollen. Ich bin total verblüfft, wie schnell ich da bin; es mag daran liegen, daß ich die Entfernung mit 1,5 multipliziert hatte.

Sodele, jetzt brauch ich einen Einkaufswagen. Da sprech ich doch einfach den Herrn an, der seinen gerade zurückrollert, aber wir kommen nicht ins Geschäft: ich habe nur eine schnöde 1-Euro-Münze, er hingegen ein “Markerl”. Und so laufe ich brav mit zwei Schritten Abstand hinter ihm her, bis er seinen Chip in Händen hält und ich den Wagen gegen Geld auslösen kann. Dabei überlege ich, daß es den Job des Einkaufswageneinsammlers- und zusammenschiebers und -zurückbringers hierzulande nicht gibt; für 1 Euro macht der Kunde das selbst. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich dieses Modell in Amerika durchsetzen würde. Es fängt schon damit an, daß die wenigsten wissen, daß es 1-Dollar-Münzen gibt – und für einen Quarter würden sie sich die Mühe nicht machen. (Das kann ich belegen: Einkaufswägen werden eher gleich auf dem Parkplatz stehen gelassen (soll doch der nächste schauen, wo er bleibt) oder mit großen Kraftaufwand irgendwo verkeilt, auch wenn das Rückgabehäuschen nur ein paar Schritte entfernt ist.)

Man möchte es nicht glauben, aber ich genieße das Warenangebot chez Aldi: es gibt so verrückte Dinge wie Stückseife (einzeln und nicht im Multipack, wobei auf die sprachliche Verirrung noch gesondert einzugehen sein wird), eine Palette voller Gelierzucker (man erinnere sich an meine Verzweiflung, als ich noch Obstbaummieterin und in dem ganzen großen Amerika nicht ein Päckchen davon aufzutreiben war: https://flockblog.de/?p=9652), blaurautige Wiesnbettwäsche im Saisonangebot und Hefe kommt geradezu wild vor. Das glaubt mir in Amerika immer keiner. Dort liegt sie, wenn überhaupt im Warenangebot, hinter Schloß und Riegel und wird, wenn wirklich jemand so wagemutig ist, lebende Keime kaufen zu wollen, vom Filialleiter mit Plastikhandschuhen entnommen und sofort in einen Plastikbeutel eingeschweißt. Man braucht übrigens drei amerikanische, um auf einen Standardwürfel frischer deutscher Hefe zu kommen und bezahlt dafür ca. 20 Dollares (oder nimmt eben die wesentlich günstigere und keimfreie Trockenhefe). Dann gerate ich in einen Frischwurschtrausch. Bierschinken. Fleischwurscht. Fleischsalat. Lyoner. Gebackener Bierschinken. Paprikalyoner. Geflügelfleischwurscht. Leberwurst. In fein, grob und Pastete. Regensburger. Wiener.

Halt! Stop! Ich bin ein Einpersonenhaushalt. Selbst, wenn ich die nächsten drei Wochen nur von Wurstbroten lebe, ist das zuviel. Viel zu viel! Schön wieder zurücklegen. Brav. Ich habe nicht gewußt, wie sehr ich gute frische Wurst vermißt habe. Seit Toni auch noch Laugenbäcker ist, war die Breznsehnsucht zumindest zeitweise gestillt und Trader Joe’s Käseauswahl für werktags allemal gut genug. Nur Wurscht, Wurscht gabs halt einfach nirgends eine gescheite. Ob ich nicht doch noch…? Nein. Nicht.

Ich packe meine Wurst und die paar Resteinkäufe aufs Band und die Kassiererin schubst alles, was ich nicht selbst sofort von dem winzigen Auslauf nach dem Scanner nehme, blitzeschnell in meinen Einkaufswagen. Richtig, diese Hetze beim Einkäufe verräumen ist ja auch so Urdeutsch. Noch ein Beruf, den es hier nicht gibt. Einkäufeeinpacker. Schad eigentlich.

I’ve Been Travelling with the Railroad

Ich hätte ja gemeint, daß ich die Deutsche Bahn und vor allem ihr nichtfahrplankonformes Verhalten im Visaverlängerungschaossommer vor zwei Jahren hinreichend studiert und mittelstoisch ohne Wiederholungsbedarf durchgestanden hätte, die Deutsche Bahn ist offensichtlich nicht dieser Meinung – oder sie hält Umsteigezeiten von vier Minuten zwischen den Gleisen 2 und 18 am Nürnberger Hauptbahnhof für ein Unterhaltungsprogramm. Oder eines zur Förderung der Volksgesundheit.

Mit Verlaub, Deutsche Bahn, ich halt’s für Schwachsinn. Es ist löblich und begrüßenswert, daß ihr Gleisbauarbeiten betreibt, schließlich sollen eure Fahrgäste irgendwann in möglichst naher Zukunft pünktlich abfahren und ankommen. Aber wenn ihr schon wißt, daß ihr auf einem Streckenabschnitt Bauarbeiten durchführt und es deswegen zu “Verzögerungen im Betriebsablauf kommt”, warum verkauft ihr dann zuggebundene Fahrscheine mit Umsteigezeitvorgaben, die eigentlich nur ein halbwegs trainierter Leichtathlet meistern könnte, wenn der Zug pünktlich ankäme und der auch nicht, wenn de Zooch wegen der Rumbauerei Verspätung hat? Oder weiß bei euch keiner, wer wann wo baut? Oder sagts keinem weiter?

Und warum begründet ihr ein zwanzigminütiges Herumstehen auf offener Strecke ganz knapp vor dem Metropolenbahnhof Wicklesgreuth (mit “Militäranschlussgleis nach Katterbach“) mit der sinnfreien Ansage “wegen Verspätungen auf der Strecke erhält unser Zug eine Verspätung von hhrrrmmffzich Minuten“ und laßt das dann auch noch klingen, als sei “unser Zug“ damit gebenedeit unter den Zügen? Warum? Und was bedeutet eigentlich eine Dummformulierung wie “Verspätung erhalten“? Ich, du, er, sie, es ist verspätet, wir, ihr, sie haben keine Verspätung, sondern allenfalls was zu Weihnachten bekommen. Zefix!

Die Entfernung, die ich zur Hälfte in eurem Klapper-Interregio* zurückgelegen mußte, beträgt knapp 300 km. Von Haustür zu Haustür war ich etwas über fünf Stunden unterwegs (und das auch nur, weil mich meine liebe Gastgeberin mit dem Auto abgeholt hat; hätte ich den Schienenersatzverkehr in seiner ganzen Herrlichkeit nutzen müssen, wären es lässig sechs geworden). Wißt ihr, wie weit weg man in dieser Zeit mit einem Flugzeug gekommen wäre?

Und übrigens: daß ihr eine Probebahncard mit einer dreimonatigen Laufzeit anbietet ist wie Gleise reparieren: löblich und begrüßenswert. Es ist aber weder ersteres noch letzteres, daß ihr das Probeabo stillschweigend in ein Jahresabo umwandelt, wenn der Kunde nicht aktiv vor Ende der ersten Halbzeit kündigt. In den alten Tagen wurde vor solchen Methoden noch im Fernsehn gewarnt. Bei “Nepper, Schlepper, Bauernfänger”.

 

* Wobei man zu seiner Ehrenrettung sagen muß, das selbst ein „Ich-halte-an-jedem-Misthaufen-Interregio“ noch Klassen über dem CalTrain liegt.

Aus dem Vokabelheft (deutsch)

Ich lerne zur Zeit fast täglich irgendeinen Begriff, der mir im Deutschen vor meinem Auszug in die Fremde noch nicht untergekommen war. So wie neulich: Traglufthalle. Was das ist? Eine Traglufthalle, auch Pneu genannt, ist eine über einer festen Bodenplatte (meist aus Beton oder Tartan) aufgeblasene elastische luftdichte Hülle und sieht ein bißchen aus wie eine Miniatur-Allianz-Arena.

Außerdem habe meinen Wortschatz um Flugrost erweitert (wer hätte gedacht, daß Rost Flügel hat?) und ich verdanke Margarete Bause die wunderhübsche Wortschöpfung Beweihräucherungs-Intoleranz. Das ist, was einen befällt, wenn man nicht an den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Großen Vorsitzenden Franz Josef Strauß teilzunehmen wünscht.

Eillieferung

Es gibt so Nachrichten, da weiß man gar nicht, ob man sich darüber nun freuen soll oder nicht. So wie vorhin, als mein Spediteur anrief und freudestrahlend verkündete, daß sie in all den Jahren, in denen er diesen Job macht, mit dem Shippen von Drüben nach Hüben noch nie so schnell gewesen seien wie dieses Mal und drum mein Container allerallerspätestens in der letzten Septemberwoche ankommen wird.

Jetzt müßte ich bloß noch wissen, wo meine neue Arbeitsstelle und meine neue Wohnung sein werden – dann freu ich mich sofort sowas von mit ihm.

Kunst und Kultur

Und was hast du am Samstag vor, Sabine?

Nun, das Dicke-Damen-Spratzeln fällt aus, denn erstens wäre die Anfahrt ein bißchen weit und zweitens treffe ich mich mit Freunden zum Frühstück. Weil Sommerferien sind und es den Herrschaften S-Bahn gefällt, ihre Schienen zu reparieren und zur Zeit Busse für den Schienenersatzverkehr zuständig sind (ist das nicht ein sehr herrliches sehr deutsches Wort?), komme ich ‘rum. Mit S-Bahn und Schienenersatzverkehrsbus und einer, zwei, drei U-Bahn-Linien, bis ich endlich am Harras aufschlage. Und bin doch nur 10 Minuten zu spät, Hut ab, werte Schienenersatzverkehrsplaner. (So ein schönes deutsches Wort.)

Am Harras frühstücken wir, drei Menschen und mit uns ca. 30 Wespen; als homo sapiens ist man dann doch fast dankbar, daß der Merkantilismus erfunden wurde und man einfach so gegen Geld zu essen bekommt. Als Wespe hat man’s da mit dem Wursterwerb schon schwerer: Riesenstück mühselig heraussäbel, stromlinienförmig einfalt, mit diesem Monstergewicht zwischen ein Beinpaar geklemmt schwer schwankend abheb, erst nach mehreren Fehlversuchen (verdammte Fenster!) in korrekte Flugbahn einschwenk und dann endlich heim zur Hungerbrut. Und sofort wieder zurück zu den Frühstückern, immer in der Panik, daß da jemand womöglich die Resterl abräumt.

Gut gefrühstückt, mit Abschiedsmarmelade beschenkt (das Café macht erst in ein paar Wochen unter neuer Leitung wieder auf) und die Wespen an den Nebentisch verwiesen habend, machen wir uns auf unsere getrennten Wege. Ich tauche ein in den “Summer in the City”, schaue mir in der Sendlinger Straße kauf- und kulturwütige Touristen an (“This church is made by the Asam brothers, honey!”) und finde schließlich im Hof des Stadtcafés ein schattiges Platzerl. Ein Windelkind juchzt sich durch die aufsteigenden Fontänen des Springbrunnens am Jakobsplatz, Studenten besprechen über Hollerschorle ihre un-mög-li-chen Professoren, Ausstudierte beim nächsten Spritz ihre nächsten wa-hn-sin-nig wichtigen Projekte, Touristen studieren mit angespanntem Gesichtsausdruck Stadtpläne, Reiseführer, Smartphones, Tabletts und justieren Selfie-Sticks – sie sind ja schließlich nicht zum Spaß hier. Dazwischen balancieren Kellner volle Getränketabletts (es gibt ihn noch, den Milchkaffee in den weißen Schalen), Kleinkinder sortieren Kippen und Kiesel unter den Tischen, jeder läßt leben und dann kommt Gabi, zum gemeinsam Sepp Werkmeister Ausstellung im Stadtmuseum anschauen (http://bit.ly/1V3TrYO).

Ein Münchner in New York in den Sechziger Jahren. Seine Bilder zeigen weniger “Swinging Sixties” als eine Stadt, geprägt von Rassentrennung (ganz häufig ist der einzige Weiße auf einem Bild, das Schwarze in Harlem zeigt, ein uniformierter Vertreter der Ordnungsmacht) und einer überraschend hohen Anzahl alter Menschen auf den Straßen (ich frage mich, wo man die heutzutage wegsperrt). Die Frauen muten mit ihren haarsprayzementierten Frisuren an wie Drag Queens, der Coca Cola Schriftzug ist original verschnörkelt und die Dentalindustrie hat ihre große Zeit noch vor sich. Ganz tolle Fotos! Nebenher hat Werkmeister auch die Jazz-Größen dieser Zeit porträtiert und Miles und Charlie und Duke und Ella und Louis spielen zur Ausstellung auf. Paßt.

Und weil der Mensch auf einem Kulturbein nicht stehen kann, gemma weiter, ins Lustspielhaus, Gabis Inszenierung vom “Nackten Wahnsinn” anschauen. Dorten hinter der Münchner Freiheit hat sich München überhaupt nicht verändert. Gut, die Kneipen und der Drink der Saison heißen vielleicht anders, aber es sind immer noch die gleichen Typen mit den 24-Stunden-Sonnenbrillen unterwegs, die Straßencafés sind bumsvoll und irgendwo bricht immer irgendwer in den Gemeinplatz von der “Nördlichsten Stadt Italiens” aus; ois easy, ois bella, und weil mir gar so tolerant mir sind, aa ois leiwand.

Der Wahnsinn ist sehr schön geworden. Ich habe ganz arg viel lachen müssen und ich danke noch einmal recht herzlich für die Einladung. Es bleibt mir grad mal noch Zeit, alle sehr zu loben, aber leider kann ich danach nimmer lang bleiben, weil heimzus ist ja auch wieder Schienenersatzverkehr und der dauert qua Naturgesetz im Dunkeln immer etwas länger als tagsüber.

Stellenmarkt

Ich suche einen Job oder, wie’s auf neudeutsch-euphemistisch heißt, bin bereit, mich einer neuen Herausforderung zu stellen. Sollte ich vielleicht Geldwäschebeauftragter werden? Das mache mich, so die stellenausschreibende Bank, zum internen und externen Ansprechpartner für Geldwäsche und sonstige strafbare Handlungen. Das kann ich doch mit links, höret her: Menschen totschlagen? Böse, nicht tun. Des Nächsten Hab, Gut, Weib, Kind, Magd oder Knecht begehren oder ihm gar wegnehmen? Auch falsch. Geld waschen? Münzgeld in der Maschine bis maximal 60° C, Scheine nur ganz behutsam mit der Hand, sofort aufhängen und nicht zu heiß bügeln. Mir scheint, diese Stelle hab ich quasi sicher. Was wird denn sonst noch gesucht?

Ah, da, ein Director of Complaints Management. Kann ich, ich hör mir eh schon mein Leben lang die Beschwerden anderer Leute an. Ich bräuchte dafür nur ein commanding networker zu sein (kein Problem, muß nur noch rausfinden, was das ist), analytisch denken, strukturiert arbeiten, Übersicht über meine Projekte behalten und Englisch demonstrieren (who demonstrates excellent communication in fluent English). Hmmm, weiß nicht. Was gäbs denn außerdem?

Belohnungsexperte mit Sitz in München. Und was macht so jemand? Neu- und Weiterentwicklung von Gutschein- und Incentive-Produkten. Kann ich – und jeder, der jemals zum Muttertag ein Heftchen mit Gutscheinen für 2x Spülen, 3x Müll Rausbringen und 1x Ohne Widerspruch Instrument Üben verschenkt hat. Ich glaube, ich suche noch ein wenig weiter.

Im Landkreis Vorpommern-Greifswald rekrutieren sie per Zeitungsannonce jemanden, der sich für die Position des Beigeordneten der Landrätin zur Wahl (!) stellen möchte (Details: http://bit.ly/1Lqvmqy.) Ich möchte nicht.

Es reicht so langsam, für heute schließe ich die Stellensuche ab, hole mir ein Buch und genieße einen trägen Spätsommernachmittag auf dem Land, wo auf der Wiese gegenüber im Sonnenschein ein Schimmel wiehert, reife Äpfel vom Baum plumpsen, Vögel zwitschern, allerlei Insekten summen und brummen und die S-Bahn drüben am Bahnhof in Halbstundenabständen leicht unmelodisch quietschend bremst.