Alle Jahre wieder: Die Dreigroschenoper (Film, 1931)

Was anderen ihre drei Nüsse sind, sind mir die drei Groschen. Einmal im Jahr muss ich den Film gesehen haben und mich daran freuen, mit welch furchtbar manierierter Gestik, aber wunderschöner Stimme und mit Wiener Akzent Lotte Lenja als Seeräuber-Jenny ihr hoffnungsfrohes Lied vom Schiff mit acht Segeln und mit 50 Kanonen vorträgt.

Mir fällt auch jedes Mal wieder etwas neues auf. Dieses Mal, dass Mackie Messer (Rudolf Forster) Herrn Grundeis, dem Schurken aus Emil und die Detektive, wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

Nur noch in ausgewählten Kinos: Joker

In meinem Hunsrückhalbjahr sind mir einige Filme durch die Lappen gegangen. Mittelschlimm, denn im Gegensatz zu Konzerten und Theateraufführungen liegt es in der Natur des Films, konserviert und damit auch zu einem späteren Zeitpunkt nachholbar zu sein.

Hab mit dem Nachholen mit dem Joker angefangen und war, wie es mir von Kritiken allerorten versprochen worden war, erschlagen. Erschlagen vor Begeisterung. Joaquin Phoenix hat sich diese Figur so dermaßen zu eigen gemacht, Lee Strasberg wäre stolz auf seinen Meisterschüler gewesen. Man kann als Zuschauer gar nicht anders, als mit dem armen Arthur Fleck zu fühlen, einer fast schon ganz gescheiterten Existenz, die überall aneckt, auffällt und beschissen behandelt wird, geschlagen und getreten für nichts und wieder nichts. Man möchte so gerne, dass er sich einmal nicht gar so linkisch unnormal benähme, damit auch die anderen sehen, dass er doch eigentlich ein Getriebener ist und kein Schlechter. Allein, darin liegt die große Kunst des Films. Dieser Figur, die man aus allen Batman-Filmen nur als den Erzbösen kennt, eine Geschichte zu geben, sie zu vermenschlichen. Man nehme nur all die extrem berührenden Tanzszenen (Triple-Hach!). Oder eine meiner Lieblingsszenen, in der Arthur als Besucher eines Comedy-Clubs immer an Stellen in irres Gelächter ausbricht, die für andere nicht komisch sind, sich ihm aber partout nicht erschließen will, wenn und warum die anderen lachen. Man fühlt sogar mit ihm, wenn er tötet. Denn er wehrt sich ja nur. Und welche anderen Mittel es dafür geben könnte, wenn es welche gäbe, hat man ihn nie gelehrt.

Wiewohl man den Joker bis dato nur als die Nemesis des Batman kennt spielt die Familie Wayne in diesem Film nur eine untergeordnete Rolle. Wo doch, kommt sie nicht gut weg. Bruces Vater Thomas Wayne ist ein Kapitalist wie aus einem sozialistischen Kinderbuch, hat gar keine Freude am Plebs und will, zwecks Schaffung von Ordnung, seiner Ordnung wohlgemerkt, Bürgermeister von Gotham werden. Natürlich nur “zum Besten” der Stadt. Selbstverständlich kommt ihm dabei, wenn auch unabsichtlich, Arthur Fleck in die Quere und wird zum Auslöser einer Revolte. Eine Art Occupy mit Clowns; ganz großartige Szene.

Am allermeisten berührt hat mich Arthurs Ansprache kurz vor dem Showdown und blutigen Ende des Films. Er ist nicht einmal so vermessen, Gerechtigkeit zu fordern, “Decency”, sagt er, wäre doch schon ein Anfang. Also ein anständiger Umgang der Menschen miteinander. Sehr “zeitgeist”.

Joker ist ein wirklich großartiger Film geworden. Anschauen! Anschauen! Anschauen! Anschauen!

PS: Roberto de Niro vergleichsweise blass aussehen lassen – das muss man auch erst mal schaffen. Bravo Mr. Phoenix!

Noch in der Mediathek: Tatort Münster – Väterchen Frost

Ui schau, eine Weihnachtskrimischmonzette!

Das beschauliche Städtchen Münster im Advent. Weihnachtsmarkt. Weihnachtsdudellieder. Weihnachtsmänner. Weihnachtslichter. Selbst die Ketzerkäfige an der gotischen Kirche glitzern froh und weihnachtlich. Einen Glühwein? Aber hallo! “Glühwein!” donnert die Frau Staatsanwältin und Thiel und Börne schlürfen widerwillig das süße Schädelsprengergebräu. Ahaber: es ist eine scheinheilige Nacht. Wo Licht ist, ist auch Schatten und (wie wir spätestens seit der EAV wissen) das Böse immer und überall.

*** Ab jetzt Spoiler ***

Nadeshda, die liebreizende Kollegin, wird vom Weihnachtsmann (und Vater eines zu Unrecht einsitzenden Häftlings, aber das wissen wir jetzt noch nicht) entführt und statt sich in der Enttäuschung über das Scheitern ihrer Weihnachtspläne* zu suhlen, sind Thiel und Börne fast froh, was anderes zu tun zu haben (und sich ihre Einsamkeit nicht eingestehen zu müssen**) und ermitteln, wie von Väterchen Frost gefordert. Im Russenmafia- und Rockermilieu und bei zwielichtigen Schmuckhändlern, halt allem, was Münster herzugeben hat. Nach einer flotten Grabschändung, ein paar Rückenmarkspunktionen und anderen semilegalen Aktionen weisen sie mal schnell eine nicht nachweisbare Geheimdienstdroge nach sowie die Unschuld des Inhaftierten. Wie gut, dass Nadeshda und ihr Entführer sich im Versteck im Heimatmuseum hinter dem Elefantenhaus inzwischen über einer Flasche Wodka (sind wir nicht alle irgendwie Russen?) so nahe gekommen sind, dass ein lumpiges Stockholmsyndrom als Erklärung nicht mehr ausreicht. Im Showdown in der Mühle stellen unsere Helden den Mörder, einen südafrikanischen Burengeheimdienstdiamentenschmugglerschurken*** (schon allein das historische Impfbesteck im Monogramm-Etui weist ihn als ganz ganz Bösen aus). Dann ist alles gut. Entführer und Opfer so gut wie verlobt, Killer im Knast und Thiel und Börne auf dem Weg zum gemeinsamen Besäufnis.

Frohe Weihnachten!

* Verbindungsbrüder wollen wg. Erkältung nicht mit Börne zum Skilaufen ins Engadin kommen, Thiel-Sohn zieht Besuch bei Freundin in Australien statt Besuch bei Vater in Münster vor. Und die Frau Staatsanwältin nimmt dann doch lieber ein paar Akten zur Lektüre mit nach Hause, statt sich mit Prousts Suche nach der verlorenen Zeit zu quälen.

** An dieser Stelle vermißt man irgendwie das kollektive empathische laute Mitleids-Ooooaaaaahhh des Studiopublikums.

*** Allerliebste Idee: Jedes Mal, wenn er wen gemeuchelt hat, schenkt er der Dame seines Herzens einen jener scheußlichen Kosakennußknacker.

PS: Selbstverständlich gab es auch eine dialektisch-kritische Auseinandersetzung mit der Degradierung der Feier der Geburt des Erlösers zum Konsumevent. Die durfte Vaddern in einem Schimpfesatz aus dem Taxi rufen. Also, wenn bei diesem Tatort nicht an alles gedacht wurde, dann weiß ich aber auch nicht… Kann gar nicht verstehen, warum es beim Spon-Kritiker nur zu 2 von 10 Punkten gereicht hat. Wahrscheinlich war dem die Kalauerdichte zu gering.

Zuviel

Ich denke von mir immer, ich sei eine bewußte Käuferin. Weniger, denke ich, ist mehr. Ich kaufe nicht viel, denn ich brauche nicht wirklich viel anzuziehen. Das hat mich nicht zuletzt die Hunsrück-Pendelei gelehrt. Die Kolleginnen dort in Dörth (konnte ich mir nicht verkneifen) müssen glauben, dass ich nur eine winzige Auswahl an Klamotten habe. Weil ich eigentlich immer dasselbe trage und fast schon verzweifle, wenn irgendwas nicht rechtzeitig trocken geworden ist. Warum, frage ich mich, sind meine Schränke dann so voll? Weil mein Einkaufsverhalten wohl schon einmal anders war und weil ich ganz offensichtlich gelernt habe, gezielt vorbeizugreifen. An all den viel zu vielen Kleidungsstücken, die nicht (mehr) recht zu mir passen, zu klein oder zu groß sind oder meinem Stil oder Farbgeschmack nicht (mehr) entsprechen oder überhaupt.

Darum habe ich mir vorgenommen, in den Ferien meinen Kleiderschrank gründlich zu inspizieren und mich von vielem zu trennen. Höchstens, so das Programm, für eine Stunde am Tag oder auch kürzer, wenn ich mich dabei ertappe, großzügig zu werden (“ist doch eigentlich ganz nett…”). Große blaue Säcke habe ich beschafft, die erste Stunde liegt hinter mir und ich habe gerade mal zwei Kommodenschubladen entrümpelt. Die sind jetzt wesentlich luftiger und wirken irgendwie… aufgeräumt. Im ersten Sack ist der Boden soweit bedeckt, dass er von alleine steht. Uiuiui!

Ich halte ja nix von Neujahrsvorsätzen. Aber geshoppt wird bei mir wirklich nur noch, wenn ich was brauche. Also eher nicht. Könnte ich die Menschheit nicht doch für mein Modell von dem einen selbstreinigenden, temperaturadaptierenden und von mir aus farbwechselnden (gerne auch in Mustern, von mir aus auch Rorschach) Kleidungsstück für alle begeistern? Was das Geld und Aufwand sparen würde. Ja, ich weiß, es triebe ganze Industrien sowie Anna Wintour in den Ruin. Aber trotzdem.

Alien

Aus dem Internet schreien mich seit Tagen Countdowns an: noch vier, drei, zwei Tage, um zu kaufen und – Bonusoption – rechtzeitig zu bekommen. Der Metzger unten ist so langsam im Älläbätsch-Modus: Gänse? Zu spät. Sind aus. Lammrücken? Was glaubst du denn? Alle weg. Supersaftschinken? Pah. Da hättest du früher kommen müssen. Entenbrüste? Nix mehr da. Enten? Noch vier, drei, zwei. Jeweils säuberlich durchgestrichen und durch die nächsttiefere Zahl ersetzt. Die Supermärkte überschlagen sich mit “dem Besten”, “Best Moments”, “Besonderen Momenten”, die man sich und den Liebsten gönnen solle und animieren zu Hamsterkäufen von Dickbündelgroßpackungen. Schließlich liegen die Feiertage dieses Jahr ausgesprochen arbeitnehmerfreundlich und die geschätzte Kundschaft wird ca. zweieinhalb Tage lang keine Chance haben, Nachschub zu besorgen. Oiwei!

Ja, ich weiß, ich war auch einmal ein Kind und habe aufgeregt auf’s Christkind gewartet, aber je erwachsener ich wurde, desto mehr habe ich mich von dieser Religion und damit auch von ihren Festen abgewandt. Mit zunehmendem Alter gönne ich mir den Luxus, mich inzwischen absolut zu verweigern. Mir graust mir vor diesem Konsum und dem süßlichen Wohlgefallen, das auf die Menschen kommen soll.

Daher zelebriere ich in diesen Tagen meinen persönlichen Countdown: nur noch wenige Tage, und dann gibt es die letzten Lebkuchen zum halben Preis.

Gelesen: David Schalko – “Weiße Nacht”

Das ist mal ein wunderliches kleines Buch. Sehr sehr seltsam.

2009 in Österreich erschienen, dann 2019 von Kiepenheuer & Witsch* in Deutschland publiziert, soll es die Verführbarkeit des Menschen (an einem Einzelbeispiel) durch den Populismus (verkörpert durch Jörg Haider) zeigen. In Form einer, so der Klappentext, “poetischen Satire”.

Ja. Nein. Echt jetzt? Vielleicht muß man Österreicher sein, um die doppelten Böden wahrzunehmen. Ich fands ganz arg schlecht geschrieben. Sowie strunzlangweilig und habe beim Lesen mehrfach erwogen, das unerträgliche Geschwafel-Büchlein zuzuklappen und einfach in der U-Bahn auszusetzen. Ja aber, höre ich Menschen sagen. Schalko? Braunschlag? Aufschneider? (s. https://flockblog.de/?p=31424) Schwere Knochen? (s. https://flockblog.de/?p=37575) Der kann doch was. – Ja, gell, sollte man meinen? Hmmm.

In Weiße Nächte ist es vielmehr so, dass ein gewisser Thomas als Ich-Erzähler in den krudesten Metaphern seine Erweckungsgeschichte erzählt. Von der ersten Begegnung mit dem messianischen Heilsbringer, über die Initiationsriten zur Aufnahme in dessen, man möchte sagen, Kult, irgendwo zwischen Germanenmythen und Ayurveda und die ganz und gar grausige posthume Verklärungswelle, die nach dem Tod des tiefgebräunten Helden über das ganze Land schwappt.

Es hat mich extrem verblüfft zu erfahren, dass der echte Weggefährte Haiders nach dem Erscheinen des Buches mit seiner Klage Erfolg hatte und ein paar Seiten geschwärzt werden mussten. Man muss wahrscheinlich wirklich from Austria sein, um in diesem Wust an surrealen Bildern real existierende Menschen zu entdecken. Zweifel? Man lese im Forum der Jörg Haider Gesellschaft herum (da: http://www.joerg-haider-gesellschaft.at/forum.php). Da habt ihr den Beleg. Die spinnen, die Ösis. QED.

* KiWi hat im Jahr 2018 “Schwere Knochen”, Schalkos Opus Magnun, verlegt. Ich vermute, die haben die “Weiße Nacht” dieses Jahr aus reiner Profitgier nachgeschossen. An der schriftstellerischen Qualität kann es nicht gelegen haben.

Weihnachtsferien!

Kühlschrank voll, dass es zur Not auch bis nach den Feiertagen reicht. Hunsrückwäschestapel weggewaschen. Ich muß jetzt nichts mehr. Niente, nada, nitschewo!

Da besinne ich mich doch auf meinen Shakespeare und würze mein Leben mit Schlaf. Viel Schlaf. (Macbeth, 3. Aufzug, 4. Szene).

Chapurrear en español

Die maestras und maestros meines Online-Spanisch-Kurses sind sehr angetan. 426 Tage besuchte ich nun schon ihren Unterricht und hätte dabei 4578 Wörter gelernt. Der spanische Wortschatz liegt laut dem Diccionario de la Real Academia Española ca. im Bereich von 100.000 Wörtern.

Wird wohl noch einen pocito Momentito dauern, bis die Spanier merken, dass das, was ich da stammle, ihre schöne Sprache sein soll.

Aus meiner eigenen Translationsstube

Ich soll Unterlagen mit gesellschaftsrechtlichem Inhalten ins Angelsächsische übertragen und suche Unterstützung im Internet*. Sehe aber dann doch zügig davon ab und machs lieber selber, denn das Internet scheint mir zum Südstaaten-Redneck mutiert zu sein.

DE: …sowie alle mit genannten Gegenständen in Verbindung stehende Serviceleistungen.
EN: …and all items associated with them standing services.

* Versucht ihr mal, den Begriff “GbR” (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) in eine andere Sprache zu übertragen, in der das Konzept dieser Rechtsform vollkommen unbekannt ist. Jaha!