Berufswahl – einen hab ich noch

Befragt, ob sie denn das Geschäftsmodell unseres Unternehmens, eines Anlagenbauers zur Verwertung biogener Reststoffe, erklären könne, bekommen wir diese verblüffende – und nicht ganz falsche – Antwort: “Sie machen aus Müll kein Müll”.

Da hätten wir uns die teure Agentur auch sparen können.

Berufswahl – Teil 4 – jetzt langt’s dann

Sie sei ja eine hilfsbereite Person, läßt die junge Bewerberin (20) wissen. Ihr kleiner Bruder (17), zum Beispiel, brauche ihre Unterstützung recht oft. Und dann greife sie ihm eben “immer unter den Arm”.

Weil sie ja nun gar so altruistisch ist, hatte sie bei ihren Hobbies neben “Arbeiten” (ah, ja`?) auch “Probleme lösen” angegeben. Ich habe nachgefragt, was sie dabei tue und die ganze langatmige Schilderung ihrer “und dann hab ich gesagt, und dann hat er gesagt, und dann hat sie gesagt”-Teenie-Nöte spare ich mir und euch. Aber ihre Lösung, die solltet ihr kennen: sie habe die Adressen beider bei Google Maps eingegeben und dabei festgestellt, dass genau mittig Bad Ems liege. Dort habe sie sie zur Aussprache genötigt. Da schau her, das wußte ich auch noch nicht: Bad Ems, das Genf der Rheinpfalz. Nein, zusammen seien die Beiden nicht mehr. Aber an ihr liege das nicht.

Soweit zur Auswahl der glänzendsten Perlen aus dem ca. 40-minütigen Gespräch. Sie möge eine Karriere haben. Aber bitte nicht bei uns.

Wenn es Nacht ist in München

Nach dem Theater. Als wir gerade von der Maximilianstraße Richtung U-Bahn-Station einbiegen, werden wir Zeuginnen, wie ein muskulöser junger Mann in dunklem Anzug, mit fünf, sechs sehr großzügig dimensionierten vollgepackten orangefarbenen Papiertaschen über jedem Arm eine dürre lederhäutige Botox-Blondine unbestimmbaren Alters zu ihrer Luxuskarosse eskortiert. Sein sehr ähnlich aussehender Kollege steht derweil neben dem bestirnten Auto und läßt seinen Blick wachsam kreisen. Wa-ah?

Das ist aber noch nichts gegen die beiden Nobelhobel, die direkt vor einem Laden mitten in der Fußgängerzone parken. Im Fond jeweils eine, Hmmm? Dame?, in jedem Fall erkennbar weibliche Gestalt, auf dem Fahrersitz ein bulliger Typ in Schwarz und soeben zusteigend auf der Beifahrerseite sein Äquivalent. Keine Tüten sichtbar, wahrscheinlich schon verräumt. Dann werden röhrend die Motoren angelassen und im Türrahmen des hell erleuchteten Louis Vuitton Geschäfts steht eine anorexische Damenoberbekleidungsverkäuferin, ruft mehrfach lauthals “Tschühüß” in die Nacht, verzerrt das Gesicht zum breitest möglichen vielzahnigen Lachen und renkt sich beim angestrengt Winken fast den Arm aus. Ein bissele Fremdschämen möchte man sich schon bei dieser Anbiederei.

Darüber hinaus möchte ich mich beschweren. Seit wann sind eigentlich bei der Berufskleidung von Bodyguards keine Sonnenbrillen mehr verpflichtend vorgeschrieben?

Gestern in den Kammerspielen – “Effingers”

Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie man diese 900 Seiten lange Saga einer jüdischen Familie in Deutschland, die ich in den Sommerferien mit großem Genuß gelesen habe und die ich seither nicht müde werde, sehr sehr zu empfehlen (s. https://flockblog.de/?p=45397), wie man also diese 100 Jahre jüngerer Geschichte für die Bühne aufbereiten kann.

Man kann.

Großes Kompliment an Viola Hasselberg und Jan Bosse für ihre Bühnenfassung des Stoffes und an letzteren noch einmal gleich doppelt für die gelungene Inszenierung. Eine große Ensembleleistung eines Dutzends Schauspieler*innen, davon manche in Mehrfachrollen. Kurzweilig, zuweilen sehr berührend, gelegentlich ausgesprochen fröhlich und manchmal tragisch. Immer stimmig. Dass ich über drei Stunden lang durch FFP2 atmend still gesessen bin, habe ich nur gemerkt, weil es auf einmal halt sehr spät war.

Wer Zeit findet, sehe sich das Stück an. Solange es noch geht.

Berufswahl – Teil 3

Wo sie sich denn in unserem Unternehmen sehe, will ich von der Kandidatin wissen. “Ja, so als Lückenfüller,” kommt wie aus der Pistole geschossen die Antwort. Auf meinen fragenden Blick hin präzisiert sie: sie wolle “die Leere, die im Unternehmen ist, füllen.”

Habe von weiteren Nachfragen abgesehen.

Berufswahl – Teil 2

Sie finde, sagt die junge Frau, Marketing sehr ansprechend. Nein, antwortet sie auf meinen Einwurf, nein, sie wisse nicht genau, was das sei. Aber das “ing” hinten klinge so süß.

Berufswahl – Teil 1

Die Lieblingsfächer der heutigen Bewerberin um eine Ausbildungsstelle sind: Sport, Musik, Mathe und Deutsch und ihre bisherige Schulkarriere gedenkt sie im nächsten Sommer so abzuschließen:

Nicht sicher, ob man noch mehr Fehler in dem einen Satz hätte unterbringen können. Mehr zum Vorstellungsgespräch in den nächsten Tagen…

Ganz neu im US-Fernsehen: “Mayor of Kingstown”

Nach bisher zwei Folgen weiß ich noch nicht genau, was ich davon halten soll: Die Serie spielt in einer kleinen Stadt in Michigan nach dem Sterben der alten Industrien, deren nunmehr einzige Einkommensquelle die sieben Mega-Gefängnisanlagen sind.

Man wird sofort mitten hinein geschmissen, keine lange Erklärung, keine behutsame Einführung, mitten rein in Gewalt, mehr Gewalt, ein ungerechtes Strafsystem, Korruption und viele Menschen, die trotzdem nur ihr eigenes kleines Leben so gut wie möglich leben wollen. Wir lernen die Familie McClusky kennen, die irgendwo dazwischen in ihren unterschiedlich Rollen (Bulle, Bürgermeister, Fixer (wie in “Reparierer”), Lehrerin) das System irgendwie am Laufen halten. Drogen, Gewalt, dicke Autos, Blut, Waffen, the most versatile word of the English language in Dauerschleife, Dealer, Cops, Gefangene, Wächter, Mörder und andere Kriminelle drin und draußen, Politiker dito. Wahnsinnig schnelle Schnitte, viel Krach.

Besetzt zum Finger abschlecken: Dianne Wiest als Knast-Lehrerin, bei der man sich wünscht, endlich wieder Geschichtsunterricht besuchen zu dürfen; Tobi Bamtefa als Ghetto-Drogen-Overlord; Kyle Chandler als der zwischen den Welten oszillierende Mayor; Taylor Handley als Mitglied der Police Force; Aidan Gillen als Syndikats-Kingpin, der vom Gefängnis aus alle Strippen zieht und – Tuschtrara – Jeremy Renner, als der mittlere der McClusky-Brüder, der eigentlich gerne gut wäre, doch die Verhältnisse, die sind nicht so.

In der zweiten Folge wird in Echtzeit eine Hinrichtung per Giftspritze gezeigt, mit allen dabei austretenden Körperflüssigkeiten in Nahaufnahme und einer Kamera, die der Mutter des Delinquenten und der Mutter des Opfers fast unter die Haut kriecht – viel intensiver geht es nicht.

Ich bin, wie gesagt, noch nicht sicher, was daraus wird. Aber solange Jeremy Renner wie um sein Leben spielt, werde ich mir noch ein paar Folgen ansehen.

Schon lange nicht mehr im Fernsehen: “The Town” (2012)

Diese Mini-Serie (3 Folgen à 50 Minuten) ist ein wahres Kleinod britischen Fernsehschaffens!

Kurz zum Inhalt: alles ist wie immer. Die Frau des Hauses bereitet das Haus zur Nacht vor, schließt die Haustür ab, kocht sich eine letzte Tasse Tee, löscht die Lichter, geht nach oben, entbietet ihrer Mutter und der Teenager-Tochter den Gruß zur Nacht und betritt das eheliche Schlafzimmer. Schnitt. Am nächsten Morgen sitzt die Tochter allein beim Frühstück und stürmt irgendwann das elterliche Schlafzimmer, weil Taxi Mama spät dran ist. Sie ist es, die die Eltern findet, steif und bleich in ihrem Bett, auf dem Nachttisch leere Schnapsflaschen und Tablettenpackungen.

Die finanzielle Situation der Familie war schon länger nicht mehr rosig, der Vater schon eine Weile arbeitslos. Selbstmordpakt. Ziemlich eindeutig. Oder? Oder nicht? Oder doch? Darum dreht sich alles in den nächsten 130 Minuten. Wahnsinnig spannend!

Buch und Regie sezieren Segen und Fluch der Kleinstadt, die Fehden, Geheimnisse, Macht und Ohnmacht, Verpflichtungen, Korruption, Verknüpfungen, alte Lieben, neue Leiden, neue Lieben, alte Leiden, Verstöße und Fehltritte, mit und ohne Sühne – es ist zum Niederknien gut! Die Besetzung liest sich wie das Who’s who britischen Fernsehschaffens und sie sind alle sehr sehr großartig. Ich hatte mir die DVD seinerzeit gekauft, weil Andrew Scott den Sohn der Familie spielt, lange schon in London und nun wegen des Tods der Eltern zurück in seiner Herkunftskleinstadt und unter dem moralischen Druck, entweder zu bleiben und sich hier wieder zurückeinzuleben oder seine Schwester und Großmutter dem jeweiligen generationsgerechten Versorgungs-“system” zu überantworten. Ich habe Scott in seiner Rolle als Moriarty in den Cumberbatch/Freeman-Sherlocks kennen- und sehr schätzen gelernt. In “The Town” übertrifft er sich selbst. Quadruple-Hach!

Ich weiß nicht, ob die Serie irgendwo gestreamt wird. Dann bediene man sich dort. Wer aber mag, kann sich bei mir die DVD ausleihen (das, liebe junge Menschen, ist ein physischer Datenträger für digitale Daten und ja, sowas gibt es noch) und dann an einem kalten Winterabend gemütlich die Füße hochlegen und sich an der Show erfreuen. Put the kettle on.