Gelesen: Susanne Saygin – “Feinde”

Angefangen hat alles mit dieser Rezension in der Zeit: https://bit.ly/3DdpOAd. Obwohl ich dem Thriller- und Krimigenre schon vor einer Weile abgeschworen hatte, dachte ich mir, “das klingt doch gar nicht so übel”. Weil ich aber ein systematischer Mensch bin, entschied ich mich, mit Band 1 der einsilbigen Titel der Isa-und-Can-Reihe anzufangen und orderte diesen gebraucht. Mit dem Resultat, dass ein höchstens einmal gelesenes Buch ankam, in dem alle “bösen Wörter” durchgestrichen sind, außerdem Grammatik- sowie Rechtschreib- und andere Verlagsschlampigkeitsfehler angemarkert. Ist im Heyne-Verlag erschienen, war also zu erwarten – also das schlampige Lektorat, meine ich. Die Schimpfwörter sind von Frau Saygin, wg. Atmosphäre. Gegen Ende werden die Korrekturen weniger, es sieht aus, als hätte der Vorbesitzer angesichts der schieren Menge an Fluch und Fehlern die Freude am Rotstifteln verloren.

Worum gehts nun eigentlich? Zunächst die dramatis personae: Heldin Isa, Tochter aus gutem Hause, macht aber ihr eigenes Ding, klug und schön, mit tiefen Narben, kennt und hatte sie alle. Held Can, Sohn eines (türkischen, huiui!) Ärzteehepaares, spätberufener Polizist, die Sache mit den Frauen könnte besser laufen. Die Beiden leben schon seit immer in einer WG in Köln zusammen.

Dann Leichenfunde unter mysteriösen Umständen und im Laufe der Ermittlungen kommen Korruption, Karneval & Kölscher Klüngel, Menschenhandel & Fremdenhaß, globale und lokale Ausbeutung, Balkan, das Schicksal der Roma und internationale Verflechtungen ans Licht. Der Erzschurke ist ein Bauunternehmer, dem Gesetze, wofern nicht nützlich, so recht von Herzen gleichgültig sind und der sich für die Umsetzung seiner Ziele (im wesentlichen Profitsteigerung) rechtsradikaler Gruppierungen bedient. So weit, so nah am wirklichen Leben.

Frau Saygin hat für ihren Erstling mehr als fünf Jahre recherchiert. Diese Arbeit will ich in keiner Weise schmälern. Die Umsetzung in ein fiktionales Werk ist nicht ganz so gut geglückt, denn wir finden uns wieder in Klischeeistan. Blondinen gibts nur in Weizenblond, bei Alternativen riecht es nach Patchouli, Menschen in Angst tragen den Blick immer nach Innen gekehrt, der fotobegeisterte Jugendfreund hat es zu einem eigenen Ausstellungsraum im Moma gebracht, bei reichen Leute spazieren Pfaue auf dem wohlgepflegten Rasen des Landguts, Kommissar Zufall erweist sich zu oft als bester Kollege, Rechte tragen zuverlässig SS-Runen-Tätowierungen, Turnschuhe und Chinos und lassen sich dadurch auch in größeren Menschenmengen recht einfach als Verfolger herausfinden. Als wir Köln für die Welt verlassen, wird es nicht weniger holzschnittartig. Hmmm.

Das Buch ist nicht ganz schlecht, aber weit von richtig gut. Dennoch werde ich bei Gelegenheit auch “Clash” lesen. Und sei es auch nur, um herauszufinden, ob der Verlag inzwischen die Lektorenstelle besetzt hat und Frau Saygin sich freier geschrieben hat, denn Potential hat sie fraglos.

Gelesen: Milena Moser – “Das schöne Leben der Toten – Vom unbeschwerten Umgang mit dem Ende”

Eine gute Freundin hat mir das Buch geliehen und mir damit eine große Freude gemacht. Der Schweizer Kein & Aber-Verlag hat seiner heimischen Star-Autorin ein ausgesprochen liebevoll aufbereitetes Büchlein mit Lesebändchen und allem als Rahmen für ihre sehr persönliche Geschichte über den Día de los Muertos gestaltet und Frau Moser erzählt.

Von der völlig überraschenden Liebe zu einem Künstlerkollegen mexikanischer Herkunft und dem Clash of Cultures zwischen der stets frisch gewaschenen und gekämmten Schweiz und dem fröhlich-bunten Chaos Mexikos. Vom jeweiligen Umgang mit dem Tod. Wo die einen ihre Toten wegschaffen und an einem grauen und nebligen Tag im November Erika auf Gräber pflanzen, feiern die anderen an eben diesem Tag ihre “Muertitos”, mit großen Gelagen, Musik, Tanz und Blumen. “Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben” klingt dann nicht mehr wie eine Drohung, sondern wie eine Verheißung.

Moser hat sich den Blick von Außen bewahrt, dabei aber über ihren schamanisch geschulten todkranken Victor sehr viel über Geschichte, Geschichten, Traditionen und Gebräuche und herrliche Rezepte gelernt. Dieses neue, oft mit Staunen erworbene Wissen, gibt sie sehr unprätentiös und mit vollen Händen weiter.

Bringt Licht in den westeuropäischen grauen November und liest sich weg wie nix,

Gestern in der Unterfahrt: Anika Nilles & Nevell

Was das Genre angeht, ist es schwer, die Band festzulegen – sie sind aber näher am Rock als am Jazz. Und ich bin entweder alt geworden (ja, doch) oder der Mann am Mischpult war nicht auf der Höhe seines Schaffens: es war vor allem laut, laut, laut. Trotz einer Besetzung mit sehr interessanten und sehr guten Musikern nahm mir der Lärm ein wenig vom Spaß.

Mein Begleiter war glücklich: er hätte ja, sagt er, im Stream weggeschaltet, aber live sei Noise doch etwas sehr schönes. Der ist aber auch über 20 Jahre jünger als ich und hart im Nehmen.

Rhetorik aus dem Ruder oder Da Maggus und da K-Fall

In der Welt unseres Ministerpräsidenten laufen Betten voll (Womit nur? Und möchte man es wirklich wissen?), neigen Ampeln zum Wegducken (Ist der Straßenverkehr noch sicher?), wechseln Pandemien den Besitzer (Wobei die genauen Besitzverhältnisse noch ungeklärt scheinen: gehören sie nun der Regierung oder der Ampel und wenn letzterer, ist das dieselbe Ampel, die sich wegduckt?), verbringen Schüler ab 12 Jahren ihre Freizeit in Clubs und Discos und steht uns allen der K-Fall ins Haus. Ich weiß ja nicht, wie es anderen geht: ich für meinen Teil musste erst mal nachschauen, was er meint, der Präse (weil, früher, also vor ein paar Wochen noch, stand das “K” immer für “Kanzler”). Seitdem frage ich mich, warum ihm Wörter wie “Ausgleichszahlungen” so leicht über die Lippen kommen, nicht aber das Wort “Katastrophe”.

Der Artikel nachfolgend im Ganzen:

„Dann werden wir in den nächsten Tagen den K-Fall ausrufen“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sorgt sich um die hohen Zahlen der Corona-Neuinfektionen. „Die Lage ist sehr, sehr ernst“, sagte Söder nach der Sitzung des bayerischen Kabinetts zu den Folgen der Corona-Pandemie. In Bayern liegt die Inzidenz derzeit bei 348, in vier Landkreisen sogar über 800. Infektionen gebe es in allen Alterskohorten, so Söder. Es gebe ein sehr hohes Infektionsgeschehen bei jungen Menschen, eine Inzidenz von 400 bei Kindern und Jugendlichen. Aber auch die über 60-Jährigen hätten eine Inzidenz von 140 und mehr.„Es gilt weitgehend 2G in Bayern“, sagte Markus Söder (CSU) nach der Sitzung in München. Er betonte, es drohe wegen der hohen Zahl an Intensivpatienten eine Konkurrenz zwischen Covid-Patienten und Menschen mit anderen Erkrankungen. Die Maskenpflicht an Bayerns Schulen wird auf unbestimmte Zeit verlängert. © Bereitgestellt von WELT „Es gilt weitgehend 2G in Bayern“, sagte Markus Söder (CSU) nach der Sitzung in München. Er betonte, es drohe wegen der hohen Zahl an Intensivpatienten eine Konkurrenz zwischen Covid-Patienten und Menschen mit anderen Erkrankungen. Die Maskenpflicht an Bayerns Schulen wird auf unbestimmte Zeit verlängert.

„Die Intensivbetten laufen voll“, sagte Söder. 90 Prozent der Corona-Patienten seien ungeimpft. Die Corona-Ampel in Bayern war am Montag wegen der vollen Intensivbetten auf Rot gesprungen. Das bedeutet, dass öffentliche Veranstaltungen wie Messen, aber auch Sport- und Freizeitangebote der 2G-Regel unterliegen und nur noch Geimpfte, Genesene und Kinder unter zwölf Jahren Zugang haben.

Nun müssten laut des Ministerpräsidenten die erreicht werden, die noch nicht geimpft sind. Das seien in Bayern noch mehr als vier Millionen Menschen. „Unser Ziel muss sein, diese Menschen noch zu begeistern.“ Seit der Ankündigung, auch in Clubs und Diskotheken 2G einzuführen, steige die Impfquote.

„Ich kann nur nachdrücklich der Ampel empfehlen, sich nicht wegzuducken“, sagte Söder. „Es war und ist die Pandemie der Regierenden.“ Jetzt sei es auch die Pandemie der Ampel, die müsse sich damit auseinandersetzen. Söder forderte eine Ministerpräsidentenkonferenz.

Zudem spricht Söder sich für eine Impfpflicht in bestimmten Berufen aus. Persönlich sei er der Meinung, dass dies sinnvoll sei, insbesondere in Alten- und Pflegeheimen. Zugleich forderte er, dass jeder Arbeitgeber das Recht haben sollte, den Impfstatus abzufragen.

Er tritt im Kampf gegen die Corona-Pandemie dafür ein, dass wegen nachlassender Wirkung der Impfstoffe der Geimpften-Status nach neun Monaten verfällt. „Man sollte sich überlegen, ob nach neun Monaten fast automatisch ein Geimpften-Status nicht mehr gelten kann“, sagte Söder. Es müsse geprüft werden, ob der 2G-Status dann noch erhalten werden kann. Er forderte die Ständige Impfkommission (Stiko) auf, dazu eine Meinung zu entwickeln. In Nachbarländern wie Österreich werde nach dieser Praxis verfahren.

Söder kündigte an, dass in Bayern in Restaurants vermehrt Polizeikontrollen durchgeführt werden. Ab jetzt werde die Polizei direkte Geldstrafen bei Verstößen aussprechen. Minderjährige Schüler über zwölf Jahren, die in der Schule regelmäßig auf Corona getestet werden, können aber bis Ende des Jahres auch ungeimpft ihre sportlichen und musikalischen Hobbys fortführen.Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, bringt den K-Fall ins Gespräch © dpa/Peter Kneffel Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, bringt den K-Fall ins Gespräch

Impfcenter sollen wiederbelebt werden

Söder kündigte an, die Testzentren beizubehalten und die Impfcenter wieder hochzufahren. „Wir glauben, das Boosten jetzt der beste Schutz ist.“ Man werde für die Boosterimpfung alle über 60-Jährigen anschreiben. „Aber: Wer kommt, wird geimpft.“

Derzeit sei die Situation in den Krankenhäusern schwierig. „Sollte es noch schlimmer werden, und die Verlegungen in andere Krankenhäuser nicht mehr klappen, dann werden wir in den nächsten Tagen den K-Fall ausrufen“, sagte Söder. Statt kooperativem Management solle dann hierarchisch über Verlegungen entschieden werden.

Man werde sich dann anschauen, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen oder wo man noch strengere Regeln einführen müsse. Im Gastronomiebereich könnten vorübergehenden auch Schließungen veranlasst werden.

In den Schulen gelte bis auf weiteres Maskenpflicht. Bei den derzeitigen Inzidenzen, sei das Tragen einer Maske sinnvoll. „2G gilt auch für Schüler ab 12, wenn sie in Clubs, Diskotheken oder ähnliches wollen.“ An den Bund richtete Söders den Appell, dass dringend Ausgleichszahlungen im höheren Umfang für die Krankenhäuser gebraucht werden.

Gelesen: Becky Chambers – “A Psalm for the Wild Built”

Das ist mal ein richtig nettes Büchle. Genau richtig, um es an einem Novembersonntagvormittag gemütlich ins Bett gekuschelt wegzulesen.

Der Inhalt ist in zwei Sätzen erzählt: Treffen sich ein Mensch und ein Roboter. Erklärt der Roboter dem Menschen, was Menschlichkeit bedeutet. Aus.

Kein großer Wurf, keine atemberaubende Weltraumsaga, keine Schlachten. Einfach nur nett und will auch nicht mehr sein. Läßt sich aber trotzdem gut lesen, weil Chambers richtig gut schreiben kann und auch hier wieder den Ton trifft. Wie gesagt, bevor man an einem Novembersonntagvormittag ernsthaft der realen grauen Welt entgegentritt, allemal die bessere Wahl.

Aus dem Vokabelheft

Statt eines sperrigen “Mund-Nasen-Schutzes” vulgo “Maske” trägt der Niederländer ein “Mondkapje”. Ist wahrscheinlich auch nicht spaßiger, klingt aber so.

All Shades of Grey

Ich neige ja, was Kleidung angeht, ohnehin nicht zu leuchtenden Farben und aufregenden Mustern, aber wenn beim Wäsche sortieren eine ganze Maschine “Grau” rauskommt, von Unterhosen über Unterhemden über Socken und Hosen bis hin zu Strickjacken und Pullovern, dann ist der Winter jetzt wohl wirklich da.

Dabei würde ich, wenn es denn hülfe, als Gegenmaßnahme sogar irgendwas in Rosa und mit Glitter tragen. Von mir aus sogar mit Einhorn.

Es ist an der Zeit,

an der allerhöchsten Zeit sogar, endlich für diese Woche Feierabend zu machen. Auf den Straßen des Gräfelfinger Industriegebiets rotten sich schon Krähen und Katzen zusammen. In ihrer Zuständigkeit liegt es, die Überreste der Menschenbrotzeiten der vergangenen Tagen aus Blätterhaufen, Rinnsteinen und Gulliritzen zu bergen und diese ihrer eigentlichen Bestimmung zuzuführen, nämlich den Krähen- und Katzenmägen.

Will da nicht länger stören, ihr Tierschaften und bin schon weg…

Zeigt her eure Füßchen…

Außer mir hats in der Zoomkonferenz heute keiner gemerkt, dass der Kollege die Schwachstelle einer Maschine mit den Worten beschrieb: “Ihre Achillessehne ist der Motor”.

Dafür hatte ich den ganzen Tag meine Freude dran.