Im Theater: “The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets”

The Black Rider ist Musik mit Schauspiel (direkt Musiktheater möchte ichs nicht nennen) von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs, ganz frei nach dem Freischütz. Ich war diese Woche zur Wiederaufnahme ins Metropol-Theater in Freimann geladen*, zur Inszenierung des Metropol-Hausherrn Jochen Schölch mit einer sehr starken Besetzung. Pars pro toto seien genannt Christian Baumann, den ich, auch wenn der Rollenname “Oheim” lautet, hinfort “Mephisjokeles” zu nennen beliebe, Viola von der Burg, die klingt wie ein Waits-Imitator, der morgens mit drei, vier Fäßchen Single Malt gurgelt, um anschließend zum Frühstück eine leckere Cohiba auf Lunge zu rauchen und den Rest des Tages in ihrem Blues zu schwelgen und Andreas Thiele, der einfach alles kann und das besonders gut.

Diese Inszenierung war mein erster Schwarzer Reiter. Ich kann nicht beurteilen, was andere besser oder schlechter oder simpel anders machen, aber das, was ich da im Metropol gesehen habe, hat mich schwer beeindruckt und mir ganz ganz gut gefallen. Ich tät auch gerne sagen: gehet hin und schauet, allein, es scheint, als wären alle Vorstellungen für diese Saison bereits ausverkauft.

Was bin ich doch für ein Glückskind!

* Das sind die Momente, wo ich mich immer freue, daß ich schon ein halbes Jahrhundert alt bin. Die Karten waren nämlich ein nachträgliches Rundgeburtstagsgeschenk und Matthias hätte kein besseres finden können. Auf manche Dinge lohnt es sich einfach zu warten. Dankerscheen!

Same old, same old*

Im Gegensatz zu Kalifornien, wo der Gesamtmensch im One-Stop-Für-Alles-Beauty-Salon aufgehübscht wird, herrscht in München strengste Gewaltenteilung. Für Haareschön sind die Nachfahren der Osmanen zuständig, für Finger- und Zehennägel sowie Teint Tipis Girls (s. https://flockblog.de/?p=27547). Ich fühle mich wie an der US-Westküste: ein winziger kleiner fensterloser Laden (sowas nennt man dort “Hole-in-the-Wall-Place”) im Stachus-Untergeschoß, dekoriert mit Vasen voller künstlicher Orchideen, Winkekatze, einem kleinem Altar mit Opfer-Äpfeln und Räucherstäbchen, vielen kleinen Fläschchen mit bunten Lacken, Tuben, Spraydosen, Schälchen, Bäusche, Zeugs sowie feingliedrigen Dämchen, die malerisch auf Sitzgelegenheiten herumlümmeln und miteinander schnattern.

Zu so früher Stunde ist die Kundschaft noch rar gesät. Außer mir. Prompt hat Sechsminutenzufrühkommerin Linh die Machderfraudiefüße-Karte gezogen und schnibbelt, schrubbt und werkelt an meinen Zehen herum, während Trinh, Thom und Truc (neiiin, nicht “Tick, Trick und Track” denken. Nein!) dekorativ wie kleine Kätzchen gähnen, sich strecken und durcheinander maunzen. Linh beendet ihren Service nach knapp einer Viertelstunde (sehr gut!) mit ein paar kräftigen Schlägen gegen die Fußsohlen und drängt darauf, daß ich zügig zahle und den Laden verlasse.

Als ich mich beim Rausgehen umdrehe, lümmelt sie schon mit. Sehr kalifornisch.

* In Amerika sagt man, “Same old, same old” sei die für einen Asiaten typische Antwort auf die Frage “How are you? / How have you been?”. Die Metabotschaft ist, daß nix los war, es nix neues gibt und daß das gut ist.

Wunderkisten

Am Freitag war der Bremerhavener Zoll wohl doch meines Containers überdrüssig geworden und hatte ihn mit ungebrochenem Siegel zur Verladung auf den Zug und Fahrt nach München freigegeben. Und so traf es sich, daß ich meine Kartons, Kisten, Möbel gestern kurz traf, bevor sie in ihr Lager in Forstenried einzogen. 3. Stock, mit Lift und Aussicht aufs Industriegebiet – für meine Sachen ist mir nichts zu schade. Ich hatte mir ausbedungen, vor dem Verräumen noch in die Kleiderkartons zu schauen, um meine Hier-ist-es-aber-kalt-brrrhhh-Garderobe mit warmen Jacken, Schuhen, Pullovern zu ergänzen. Das wäre sicherlich auch eine leichte Übung geworden, hätten nicht die amerikanischen Einpacker jeden Karton, der auch nur entfernt Tuche, Stoffe, Textilien enthielt, mit “Linnen” (Bettwäsche) beschriftet. Wäre ich jemand, der gerne bei schneidendem Ostwind in einer zugigen nicht überdachten Einfahrt dick verpackte “Linnen”-Kisten, Kasten, Körbe aufritzte, um herauszufinden, was wirklich in ihnen verborgen ist, hätte ich bestimmt einen Heidenspaß gehabt. Mit zunehmend steiferen Fingern und großem Frust angesichts des Anblicks luftiger Kleider, T-Shirts, leichter Jäckchen und doch, ja, dem einen oder anderen Laken hielt er sich jedoch in Grenzen. Glücklicherweise bin ich zwischendrin doch noch fündig geworden und habe einen molligen Anorak mit Fleecefutter (das Modell “Fisherman’s Wharf” für den wagemutig leichtbekleideten San Francisco-Touristen), ein paar langärmelige Pullis und alle meine Rage-against-the-Klimaanlage-Strickjacken eingesackt. Im wahrsten Sinne des Wortes übrigens, denn ich war mit dem besten Transportmittel der Neuzeit, nämlich stabilen Gartenabraummülltüten angereist. Wo allerdings meine Schuhe und Stiefel abgeblieben sind, wissen die Götter bzw. ihr Bodenpersonal, die San Franziskaner Packer.

Die Münchener Umzugshelfer und ich haben gestern herausgefunden, daß ich laut Packliste außer einer Unzahl an Bettlaken- und bezügen offensichtlich ebenfalls über mehrere halbmannshohe und sauschwere Kisten voller Weingläser (ich kann mich bestenfalls an eine Gesamtzahl von 15 Gläsern (nicht Kartons!) erinnern) sowie angeblich wenigstens sieben Großkartons “pots and pans” (Töpfe und Pfannen) verfüge. Das Auspacken wird wie Weihnachten werden. Höchstwahrscheinlich wie Wichtelweihnachten mit Geschenken von zwangsverpflichteten Weihnachtshassern.

Es kann natürlich auch sein, daß mein nächster Karriereschritt die Eröffnung einer Frühstückspension ist.

Lesung: Jonathan Franzen

Die “Herkulessaalweihen” habe er mit seiner nunmehr dritten Lesung in München erhalten, lächelt Franzen die ca. knapp 1,300 Besucher seiner Lesung aus “Purity”/”Unschuld” an. Und unterhält sein Publikum mit ein paar Schnurren aus dem Leben eines Schriftstellers und Vogelbeobachters, ein paar liebevollen Kabbeleien mit der Frau Literaturprofessor aus Tübingen, die mit leicht schwäbelndem Zungenschlag den Abend moderiert sowie mit Vorlesen. Auszüge aus den beiden ersten Kapiteln auf Deutsch, wobei der sehr hübsche Versprecher von der “Alpentraum-Mutter” fällt, den sehr stimmigen Dialog zu Beginn des dritten Kapitels auf Englisch, in verteilten Rollen und breitem Texan Accent.

Jürgen und ich waren uns einig, daß Franzen zu seiner öffentlichen persona gefunden hat: leicht nerdig, a bissele schüchtern aber dabei liebenswert und unarrogant gescheit. So einem hört man gerne zu. Und so einer tut einem recht von Herzen leid, wenn man sieht, daß sich mindestens ein Drittel der Anwesenden zur “Signiere-mir-mein-Buch”-Schlange formt.

Da waren wir aber schon wieder auf dem Weg zum Odeonsplatz, vorbei an einem großen Polizeiaufgebot und den in den Hofgarten zurückdrängenden Pegidavögeln.

Bravo, Kalifornien

Neulich hat der kalifornische Gouverneur Jerry Brown Gesetz 1448 unterzeichnet, eingebracht von Assemblymember Patty Lopez zum Thema “Personal energy conservation: real property restrictions”. Was das heißt? Das bedeutet, daß jetzt jeder, selbst, wenn er in einem Appartmentblock, einer “Gated Community” oder dergleichen wohnt, seine Wäsche draußen, zum Beispiel auf dem Balkon, zum Trocknen aufhängen darf. Das war nämlich bisher vorboten, wg. nicht schön, unästhetisch und generell bäh und bot Vermietern einen legitimen Anlaß zur Aufkündigung eines Mietverhältnisses. Nun nicht mehr.

Manchmal, will es scheinen, beflügelt so eine lange Dürreperiode doch den gesunden Menschenverstand.

Sigmund F., übernehmen Sie

Man möcht eigentlich gar nicht ganz genau wissen, was in einem Unterbewußtsein vorgeht, das einen des Morgens mit der Ansage “Nächster Halt: Garnelenkäse” auf den Lippen erwachen läßt.

Es wechseln die Zeiten

Nebenan auf der Weide tragen die Pferde inzwischen doppellagige Decken, also habe ich heute auch meine Sommersachen aus meinem hiesigen Gästeschrank in einen Koffer verräumt und Platz für wärmere Bekleidung geschaffen, die ich in den vorbildlich beschrifteten Kartons aus meinem noch verspäteter als erwartet eintreffenden Container zu finden erwarte, dessen Inhalt demnächst in einer Self-Storage-Einrichtung in Forstenried ein vorläufiges Zuhause finden wird.

Wer glaubt, daß Einlagerplatzanmieten einfach ist, hat sowas noch nie gemacht. Ich mußte mich durch Pulks von Rentnerpaaren in Beige schlagen und zermartere mir bis heute den Kopf, was die wohl in diese Verschläge verräumen. Außerdem wird von Aspiranten verlangt, daß sie die Verbote des Einlagerns auswendig aufsagen können. Untersagt ist das Deponieren von:

  • Verderblichen Nahrungsmitteln oder sonstigen verderblichen Waren bzw. Lebewesen, egal welcher Art.
  • Leicht entflammbaren Materialien bzw. Stoffen, Waffen, Sprengstoffen oder anderen explosiven Stoffen, egal welcher Art.
  • Drogen, Suchtgiften, Chemikalien und radioaktiven Materialien, toxischen Abfallstoffen, Sondermüll, egal welcher Art.
  • Anderen gefährlichen Materialien, die durch Emissionen Dritte beeinträchtigen könnten.
  • Sie dürfen außerdem den Lagerraum nicht zu Wohn- oder Arbeitszwecken nutzen.

Wenn man diese Liste mindestens zwei Mal nacheinander fehlerfrei vorgetragen hat, wird man zum Lagerverwalter vorgelassen und füllt unter dessen Aufsicht mehrere Verträge und Fragebögen aus, überträgt die erst- und zweitgeborenen Kinder als Geiseln, erwirbt ein gruselfilmgroßes Schloß mit zwei Schlüsseln sowie der Ermahnung, daß bei Verlust derselben der allfällige Einsatz eines Bolzenschneiders gegen Gebühr nur von autorisiertem Personal durchgeführt werden darf (Bolzenschneid Yourself wird wahrscheinlich mit einer Prügelstrafe geahndet), bezahlt im Voraus für zwei Monate Mindestmietzeit (und zwar einen höheren Quadratmeterpreis als für ein Loft in Münchener Bestlage), schubst mindestens ein Rentnerehepaar aus dem Weg, um endlich aus der Lagerwelt wieder an die frische Luft zu kommen und schon hat man ein vorläufiges Heim für Kisten und Möbel angemietet.

Der Zoll in Bremerhaven beklagte “erhöhten Arbeitsaufwand” und hatte jetzt wirklich nicht die Kapazitäten, auch noch mein Zeugs wie vereinbart durchzuwinken und freizugeben. Wir hoffen nun auf Dienstag.

Totemtier

Die Frage “Bist du jetzt eher ein Wolf oder doch mehr ein Stern?” stellt man heutzutage nicht mehr so sehr in Esoterikerkreisen, sondern im Stellenmarkt der Süddeutschen Zeitung, wo diese beiden Anzeigen direkt nebeneinander auf Seite 70 der aktuellen Wochenendausgabe zu finden sind.

Ganz früher, als ich noch bei einem Alternativstadtteilblättchen geschrieben habe, hätte gewiß “Der Säzzer” dazu irgendeinen Kommentar an den Rand gepfriemelt, in der Jetztzeit blogge ich halt selbst drüber und halte es im übrigen mit einem früheren Kollegen und dessen Glaubenbekenntnis: “Nerds are my Spirit Animal.”

Wolf bei Wolf

stern bei arval