Vorhin, im Supermarkt

Zum ersten Mal im Dezember-Lockdown Lebensmittel eingekauft. Was du heute kannst besorgen, habe ich mir gedacht, dafür mußt du dich am Samstag nicht drängeln, und extra spät, habe ich mir gedacht, wegen antizyklisch und Supermarkt nicht mehr voll. Haben sich alle anderen auch genauso überlegt, aber die Marktleitung hat viele Kassen besetzt und damit war das Shopping-Event auch bald ausgestanden.

Beim Verräumen meiner Einkäufe mit fasziniertem Ekel einen alten Mann im Eingangsbereich beobachtet, wie der mit tief gesenktem Haupt, in aller Seelenruhe und immer klammerem Hosenbein der zunehmend größer werdenden Pfütze um seinen rechten Fuß zuschaut, sich dann mit einem fast grazilen Schlenker von der Bescherung abwendet und sichtlich erleichtert und tiefenentspannt einen Einkaufswagen zieht.

Seitdem frage ich mich, ist das nun Segen oder Fluch, wenn man so alt wird, dass einen ein solches Malheur im Supermarkt noch nicht einmal mehr peripher tangiert?

Wahrscheinlich wie alles eine Frage der Perspektive.

Falsch ‘rum?

Nach Freßorgien im Familienkreis und Shoppingexzessen von Black Friday bis Cyber Monday ist in meiner Ex-Gastheimat traditionell der erste Dienstag nach Thanksgiving der sogenannte “Giving Tuesday”. Da gibt man. Ab. Denen, die’s nötig haben. Und spendet sich die Hände wund.

Aber mal ganz ehrlich: erst geben und dann mit dem, was noch übrig ist, den eigenen Konsum finanzieren: wäre das nicht noch netter?

Nächstes Jahr

Ich glaube, das Jahr 2021 wird sich nicht so recht für Neujahrsvorsätze eignen. Hingegen höre ich allerorten das neue Vorsatzmodell “Wenn ich erst geimpft bin, dann…”

Sehr gefreut habe ich mich neulich über das 2021-Freizeitmodell eines Bekannten: “Wenn ich erst geimpft bin, dann gehe ich jeden Tag zum Essen, ins Kino, ins Theater und in die Oper. Und danach hänge ich richtig schön in einer Bar ab.”

Weißt du was, Kollege: ich komme mit.

1. Dezember

… in Tateinheit mit 1. Schneegraupelschauer auf dem Weg ins Büro sowie zum 1. Mal (selbstverständlich winterbereift) im Slalom auf aalglatten Straßen unterwegs, um “schneeverwirrten”* (selbstverständlich sommerbereiften) PKW-Betreibern ihre rutschigen Bahnen freizugeben. Am Abend zum 1. Mal das vor dem Büro wartende Auto freigekehrt und -gekratzt und dasselbe Outdoor-Event nochmal retour.

Meteorologischer Winterbeginn ist heute außerdem.

Mir täts dann auch schon wieder reichen mit dem Winter, dem greisligen.

* Für diese ausgesprochen hübsche Wortschöpfung gilt mein Dank meiner lieben Kollegin G. aus dem noch schlimmer schneeverwehten Dörth.

Gestern Abend im Live-Stream aus der Unterfahrt – PAUL ZAUNER’S BLUE BRASS FEAT. DAVID MURRAY ‘Roots & Wings’

Zwischenzeitlich hatte ich mal den Spaß an der Streamerei verloren. Es fehlte einfach zuviel. Der Kellerclub, d’Leut, der Geruch nach Essen, das Warten, dass es endlich losgeht, die unbequemen Stühle, das gemeinsame Musikerlebnis. Alles. Bääähhh.

Gestern habe ich Innerer, den alten Sauhund, und sein Rumgejammer zum Schweigen gebracht und doch mal wieder um 20:00 Uhr eingeschaltet und bin mit einem so dermaßen schönen Konzert belohnt worden. Triple-HACH in Großbuchstaben.

Murray spielt Tenorsaxophon und Baßklarinette. Zauner bläst die Posaune und was die beiden unter der würdigen (den Begriff habe ich von einem aus der Kommentarspalte geklaut) Begleitung/Unterstützung von Wolfram Derschmidt am Bass und Dusan Novakov am Schlagwerk für Klänge gezaubert haben, das war eine Klasse für sich.

So ein schönes Konzert. So ein wunderschönes Konzert!

Schade, dass die Unterfahrt nur live und nicht Konserven streamt. Den Link hätte ich gerne weitergereicht.

Novemberreise

Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber, der Wind riß von den Bäumen das Laub… äh, halt. Nein. Ich wollte nicht einen Großen zitieren, sondern selbst ein paar Momentaufnahmen aus den 2 x 500 Kilometern Hunsrück und Zurück teilen.

Der späte November bringt es mit sich, dass man immer noch weiter von München wegfahren muss, bis es endlich Tag wird. Mit dem überraschenden Nebeneffekt, dass eine grundhäßliche Stadt wie Pforzheim in der Senke auf einmal einen ganz eigenen Charme entwickelt. Von oben hineinschrittgefahren, begleitet der müde Blick der Reisenden die noch über der Stadt stehende Nebeldecke bei ihrer Aufösung. Mir ist, als sollte ich einzelnen Sonnenstrahlen applaudieren, die, schon durchgedrungen, das eine oder andere Gebäude und (der mit dem besten Geschmack) einen schon fast entlaubten Stadtpark ins Rampenlicht heben. Dass Pforzheim schön sein kann, ist eine der überraschendsten Erkenntnisse dieser Novemberreise. Sie hätten es dorten aber mit dem Stau für die Bewunderer nicht übertreiben müssen.

Ich fahre bei und schaue um mich und denke so vor mich hin, dass die Leitungen zwischen den Hochspannungsmasten mit den schwarzen Plustervögeln darauf wie Notenlinien anmuten. Wahrscheinlich, denke ich weiter, klingt die Melodie wie eine Komposition aus dem Hause Hasselhoff, nur mit modifiziertem Text “Wir hau’n ab in den Süden…”. Wenn ich ein Vöglein wär, ich täte es ihnen sofort nach. Nämlich. (Ich bin um 04:00 Uhr nachts aufgestanden und habe jedes Recht, Schwachsinn durch mein Hirn wehen zu lassen.) Überhaupt: Vögel. Weise Tiere. Speziell Zugvögel. Später werde ich auf den Brachwiesen im Dörther Industriegebiet den kreischenden Sammelruf der Wildgänse ins Ohr gedemmelt bekommen, der die nahende Abflugzeit anzeigt. Von wegen dumme Gans!

Dann arbeiten wir drei Tage durch und am Ende des dritten Tages ist Heimfahrt angesagt. Später als geplant, wie immer, dafür im richtig dichten Tiefnebel.

Den zweiten Teil will ich also dem Nebel widmen. Und Bäumen. Der Nebel hatte sich schon den ganzen Nachmittag angeschlichen und uns, die wir harmlos auf einem letzten Sonneninselchen auf dem Hof rauchten, quasi umzingelt. Dazu denke mir meinen Stephen King. Später, auf der Fahrt, als er um Windräder wabert und noch später, als nur noch vereinzelte Bäume am Straßenrand erkennbar sind, meinen Eichendorff.

Biologen seis ins Stammbuch geschrieben: bei Bäumen unterscheidet man zwischen denen, die loslassen können und nur noch kahle Äste ins Nebelgewaber recken und Eichen. Die klammern und tragen ihr Blätterkleid in einen so sehr herrlichen grandiosen gold-gelb-erdig-sonnigen Farbton, dass ich aus dem gerne meine gesamte wolligwarme Wintergarderobe geschneidert bekäme.

Als ich dann endlich daheim bin (nachdem ich die Scheiben meines armen, treulich in der Kälte wartenden Autos freigekratzt habe), denke ich mir noch schnell meinen Hesse und dann gehe ich schlafen.

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.