Die Herrschaften von Spiegel Online haben jüngst dem Thema “Endemieeuphorie” einen längeren Beitrag gewidmet. Ich darf für Eilige den Inhalt zusammenfassen: Wenn’s nicht schlimmer wird, wird’s besser.
Aba heid is koid
Freuen soll ich mich, sagt der Mann im Autoradio, denn heute sei Weltschneemanntag. Also echt jetzt? Wirklich freuen tut mich nur, dass er mit Trübsal in der Stimme davon spricht, dass man zum Schneemänner bauen an diesem heutigen Feiertag bis auf die Zugspitze fahren muss. Haben sie ihn endlich umgesetzt, die Wettermacher, meinen schon seit Urzeiten vorgebrachten und häufig wiederholten Vorschlag: die Schneefallgrenze für München, sie möge ab Garmisch beginnen.
Falls wer mehr wissen will, sei ihm dieses, vom Radiomann mehrfach angepriesene “Feature” empohlen: https://bit.ly/3fCVVPI. Die anderen sollen es halten wie ich und von erstrebenswerteren Temperaturen träumen.
Gestern im Fernsehen: Tatort Münster – Des Teufels langer Atem
So sieht es also aus, wenn Münster sich an einem Arthouse-Tatort versucht. Ich war dann schon froh, als er nach eineinhalb Stunden endlich aus war. Axel Prahl wurde viel großes Gefühl abverlangt und er hat auch sehr schön geliefert, ein großer Krimi ist es trotzdem nicht geworden.
Noch ungeklärt
Der berühmt-berüchtigte Volksmund kolportiert, dass jedes Kind einen Zahn koste. Seit mir heute einer von schon zwei Wackelzähnen herausgerissen wurde, vermute ich, dass das auch für tote Eltern zutrifft.
Nimmer ganz neu im Fernsehstream: “Y: The Last Man” – 1. Staffel
Ich habe die Comics von Brian K. Vaughan und Pia Guerra vor inzwischen über einem Jahrzehnt mit Begeisterung gelesen und wollte die Verfilmung auch mögen. Allein, das geht nicht. Die Serie kommt so uninspiriert und wie fast von sich selbst gelangweilt daher – es ist grauselig.
Wie ich lese, wurde eine zweite Staffel gar nicht erst in Auftrag gegeben. Recht so.
Was würde Marie Kondo sagen?
Meine Mutter hat mir in meinen Erwachsenenjahren immer nur dann was zum Anziehen geschenkt, wenn sie für sich einen groben Fehlkauf getan oder ein Sonderangebot, also ein echtes Superduperschnäppchen, aus der Triple-G-Reihe ergattert hatte. “Triple-G”, falls wer fragt, steht für groß, günstig und geschmacklos und nein, Stil und Farbpräferenzen der so Bedachten wurden als Kriterien nicht berücksichtigt.
Während ich jüngst meiner Zwischen-den-Jahren-Tradition der Kleiderschrankinspektion und -bereinigung nachging, habe ich diese Teile mit besonderer Freude aussortiert und dem Altkleidercontainer zugeführt.
Frage mich seitdem: Macht mich das nun zu einem schlechten Menschen?
Gelesen: Marc-Uwe Kling – “Das NEINhorn”
Kling gehört für mich mit seinem Känguruh zu den großen Absahnern des Buch- und Peripheriemarktes und geht mir ab und an gehörig auf den Senkel. Für dieses Kinderbuch jedoch schreibe ich ihm ein paar Punkte gut. Man möchte sich sofort ein Drei- bis Sechsjähriges ausleihen und mit dem Zwerg gemeinsam Spaß an der nicht allzu herausfordernden Geschichte, den allerliebsten Zeichnungen und vor allem dem doppelseitig nachfolgend angeschlossenen Zoo haben.
Die “WARUMmel”, mein Totemtier, ist ganz reizend treffend illustriert und ich habe seit der Lektüre die genervten Stimmen meiner Altvorderen im Ohr, die meinem Wissensdurst nach Stunden mit der Gegenfrage “Kannst du auch mal aufhören, zu fragen?” Einhalt zu gebieten versuchten.
Warum eigentlich?
Herzlichen Dank an Herrn E. aus M. für das Geschenk!
“Sauguad”
Ich solle, plärrt mich eine Tafel am Supermarkteingang an, doch die Frischetheke aufsuchen. Dort erwarte mich allerlei Gutes, “Bachu”, “Schirzl”, “Wammel”, “Kurtelt” sowie “Zurhan”.
Die meisten der hier angepriesenen Tierteile konnte ich ins Bayerische übersetzen. Ich bin dann auch nicht, wie gefordert, “Aus Liebe zum Schwein” bei der Fleischfachverkäuferin vorbeigegangen, sondern um das letzte Stück Code zu knacken. Was in aller Welt ist ein “Zurhan”?
Na?
Na?
Ich denke, ich habs: dort liegen sie, eingeschweißt zu kleinen blaßrosaHügeln aufgetürmt: Surhaxn.
Mein Karrierepfad fürs nächste Leben ist vorgezeichnet: Ich will Supermarktschilderschreiberin werden.
Heard it on the Radio
Auf dem frühmorgigen Weg zur Arbeit teilt der Moderator mit, man habe soeben die Gruppe Bri-a-da gehört. Irgendwas klingt da verkehrt, ich habe aber den ganzen Tag keine Minute Zeit, dem nachzugehen.
Jetzt schon, und finde dabei heraus, dass Chris und Male Scheitzeneder aus Wasserburg am Inn zu faul waren, sich einen wilden Namen für ihr Duo auszudenken und als das auftreten, was sie sind. Brüder. Briada, hoid.
Das kommt davon, wenn man beim Bayerischen Rundfunk Preußen ans Mikro läßt.
Gelesen: Jonathan Franzen – “Crossroads”
Die Taschenbuchausgabe erreichte mich, lang schon vorbestellt und heiß erwartet, kurz vor dem Jahreswechsel und seitdem habe ich, wenn ich nicht gerade durch Gespräche mit lebenden Menschen oder um Aufmerksamkeit heischende Katzen abgelenkt war, gelesen. Fast jeden Tag bin ich nach einem kurzen Abstecher im Bad morgens wieder ins nachtwarme Bett zurückgekrochen, die Hand mit dem dicken Buch über der Decke, alles andere gut eingepackt, und habe mich noch ein paar Stunden in Franzens Illinois der frühen Siebziger Jahre festgelesen.
Am Dreikönigsmorgen war ich durch und jetzt wäre es an der Zeit, eine Meinung zu haben. Genau. Damit tue ich mich aber schwer. Deshalb kommt die Rezension auch erst vergleichsweise spät.
“Crossroads” ist ein Franzen und damit sprachlich von allerhöchster Qualität. Wie man das vom Meister des amerikanischen Romans erwartet. Ja. Aber. Aber das Thema. Religion, Religiosität, Spiritualität, Frömmlerei, Sektierertum. Scheinheiligkeit. Und Glauben.
Um es mit den Worten des damaligen Kardinals Ratzinger in seiner Begründung für seine Ablehnung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils auszudrücken, die unter anderem besagen, dass die Messe in der Landessprache und nicht mehr auf Latein gefeiert wird: “Verständnis führt zu Analyse. Analyse führt zu Zweifel.”
Eben.
Wir lernen die Pfarrersfamilie Hildebrandt im Dezember 1971 kennen. Vater, Mutter, vier Kinder, kaltes Pfarrhaus, wenig Kohle, viel zu tun und – bis auf den jüngsten Sohn – jeder und jede auf seinen eigenen Wegen und Abwegen. Mutter Marion ist bei weitem die interessanteste Figur, am besten ausgearbeitet, mit einer komplizierten Biographie; Vater Russ ist zunächst ein gelangweilter Ehemann auf Abwegen und bekommt erst später in einer Rückblende mehr Kontur, wenn wir ihn dabei begleiten, wie er zwar seine Religion verliert, aber dafür zu glauben lernt. Der ältere Sohn Clem hat Älterer-Sohn-Probleme, zum ersten Mal weg von zu Hause an der Uni, zum ersten Mal wirklich konfrontiert mit Leben, Liebe, Sex und außerdem sterben immer noch täglich gleichaltrige junge Männer in Vietnam – ja, schon, dennoch, mich hat er ziemlich kalt gelassen. Seine Schwester Becky (eine Karen-Vorläuferin der Siebziger) erst recht: soll sie nun oder nicht? Küssen? Oder doch nicht? Darüber vergehen qualvoll viele Seiten. Dann passiert “es”. Der Kuß. Huiuiui! Dann lang nichts. Dann die Frage, wie und ob sie ihre Jungfräulichkeit “verschenken” soll. Auch wieder viele Seiten. Ich will ja gar nicht bezweifeln, dass es solche Geschöpfe gegeben hat (und immer noch gibt), aber sie nimmt so viel Raum ein in diesem Werk und sie interessiert mich einfach nicht. Zum Glück gibt es noch Perry, den Drittältesten. Ihm, dem hochbegabten und furchtbar gestörten Kind, gibt Franzen viel Raum – und läßt ihn dann, wie Thomas Mann seinen Hanno in den Buddenbrooks, elend abstürzen. Groß-ar-tig! Diese Figur? Ja. Uneingeschränkt ja. Der jüngste ist nur Staffage. Wie eigentlich fast alle Nebenfiguren. Stichwortgeber. Typen.
“Crossroads” soll der erste Band einer Trilogie sein. Dann schau ma moi.
Trotz allem, es ist immer besser, den jeweils neuen Franzen zu lesen, als ihn nicht zu lesen.